Samstag, 24. Januar 2015

Nordlicht bleibt Nordlicht

Alle Abnahmen sind auf Anhieb über die Bühne gegangen. Gestern bekamen wir die letzten lang ersehnten Dokumente. Das Wohnhaus im Hamburger Landgebiet, in dem Marie und ich zum Februar eine Wohnung beziehen und ab Sommer dann hoffentlich auch dauerhaft wohnen werden, ist fertig. Damit konnten heute bereits die Schlüssel der fünf vermieteten Wohnungen übergeben werden. Das war ein tolles Erlebnis, diese strahlenden und glücklichen Menschen zu erleben. Offizieller Mietbeginn ist Sonntag in einer Woche, aber da das Haus abgenommen und damit bezugsfertig ist, gibt es keinen Grund, die Leute nun eine Woche lang auszusperren. So haben sie alle genügend Zeit für den Umzug.

In den letzten Wochen gab es noch ein paar nervige Momente, weil in den Bädern nicht nach Bauzeichnung sondern nach Fantasie gebaut wurde. Insbesondere fand man, dass die Wand, in der der Spülkasten der Toilette versteckt ist, auch aus Rigips sein könne und nicht gemauert werden müsse. Es war aber eindeutig eine gemauerte Wand gezeichnet, um die ganzen Haltegriffe und Installationen, die möglicherweise im Zusammenhang mit Liftern etc. in Wänden und Decken verankert werden müssen, auch befestigen zu können. Es ist schlicht unbegreiflich, wie jemand ohne Rücksprache einfach von solchen Plänen abweicht. Aber egal, das Thema ist erledigt.

An der Heizanlage musste auch noch einmal nachgebessert werden, weil etwas mit dem Anschluss der Abgasanlage nicht stimmte. Aber auch das ist behoben. Der Schornsteinfeger fand alles gut. Und der Rest war Kleinkram. Mehrere Fliesen mussten noch korrigiert werden, ein Wasserhahn war nicht richtig angeschlossen, eine Wasseruhr wurde nicht abgenommen und musste ausgetauscht werden, eine Automatiktür öffnete sporadisch immer nur zur Hälfte und auf dem Dach guckte irgendeine Folie an einer Stelle raus, wo sie nicht rausgucken durfte. In einer Einbauküche fehlte noch eine Schranktür, eine Fensterscheibe ist zerkratzt und ... ich glaube, das war es schon.

Marie und ich werden uns nun nach und nach unsere beiden Zimmer herrichten. Ich bin sehr froh, hier oben im Norden wieder ein eigenes Zimmer zu haben, wenngleich es mir an meinem Studienort im Süden momentan auch sehr gefällt. Aber ein Nordlicht ist und bleibt eben ein Nordlicht. Das sieht Marie zum Glück ganz genau so.

Dienstag, 20. Januar 2015

Famulatur und Suizid

Das Wintersemester neigt sich dem Ende zu. Noch bis zum Ende des Monats raucht mein Kopf, dann kann ich das Tempo für rund zehn Wochen ein wenig drosseln. Insgesamt bin ich gut im Rennen. Im nächsten und übernächsten Monat werde ich vier Wochen lang in einer Kinderarztpraxis den ersten Teil meiner Famulatur ableisten. Ich freue mich schon riesig, obwohl es sicherlich ein hartes Stück Brot wird, das ich da zu kauen habe. Die erste Erkältung seit vielen Monaten habe ich schon fest eingeplant. Und täglich morgens ganz früh mein warmes, kuscheliges Bett verlassen zu müssen, um abends völlig erschöpft wieder in selbiges zu purzeln, klingt wahrhaftig nicht nach Semesterferien.

Bis Ende 2016 werde ich auch noch zwei Monate lang in einem Krankenhaus oder einer Reha-Einrichtung ein weiteres Vollzeit-Praktikum machen müssen und für einen weiteren Monat dann noch in einer Hausarztpraxis. Somit sind die nächsten Semesterferien schon gut belegt. Wenn alles gut läuft, bin ich im Sommer 2018 mit dem Studium fertig. Es kann aber auch gut sein, dass sich das Ende noch um ein oder zwei Semester nach hinten verschiebt.

Mehrmals wurde ich bereits gefragt, auch und besonders in Kommentaren zu einzelnen Postings, ob ich schon Pläne für die Zeit danach habe. Mehrmals wurde sogar sehr konkret das Stichwort "Kinderärztin" in den Raum geworfen. Und mit Blick auf meine Wahl bei der anstehenden Famulatur sehe ich die Frage erneut auf mich zukommen, so dass ich schon einmal vorgreife: Ich weiß es noch nicht. Ich möchte mir das absolut offen halten. Eine Weiterbildung zur Kinderärztin wird im Anschluss an das Studium weitere mindestens fünf Jahre in Anspruch nehmen. Das heißt: Vor 2023 wäre ich damit auf keinen Fall fertig. Und das ist noch sooo lange hin, dann wäre ich bereits über 30. Nein, daran mag ich jetzt noch nicht denken.

Zuallererst denke ich über die nächsten Wochen nach. Ob es Eltern geben wird, die mich fragen wollen, ob ein Mensch im Rollstuhl unbedingt in einer Praxis für Kinder- und Jugendmedizin arbeiten sollte? Immerhin könnten die Kinder ja von meinem Anblick traumatisiert werden. Die Kinder selbst sind in aller Regel sehr neugierig und interessiert. Marie meinte schon, ich solle bei ganz doofen Eltern einfach die Kinder fragen, ob sie nicht auch so einen tollen Rollstuhl haben wollen. Ich weiß, wir sind fies.

Und ich lerne ja immer dazu. Mein heutiger Praktikumstag auf der Chirurgie (wir müssen einen Tag pro Woche praktisch ran) war mal wieder bombastisch. Patient eins und zwei waren derart schlecht gelaunt, dass ich froh war, nur zugucken zu müssen. Beim dritten Patienten im privaten Einzelzimmer durfte ich selbst ran und sollte mich um eine Wunddrainage kümmern. Der Mann um die 60 war relativ entspannt, ließ alles mit sich machen, musste mich dann aber beiläufig fragen, ob ich hin und wieder Suizidgedanken hätte. Und damit waren wir schlagartig und ohne besondere Einleitung schon wieder auf jener Ebene, die ich nicht leiden kann und die mich inzwischen auch wirklich seit einigen Wochen zunehmend nervt.

Ich glaube nicht, dass er mich verletzen oder beleidigen wollte. Es war, wie wohl fast immer, einfach nur unbedacht. Aber es ist mal wieder so, dass damit jemand ungefragt in meinen persönlichen Bereich eindringt. Und es ist zusätzlich so, dass meine Kommilitoninnen so etwas nicht gefragt werden. Soll heißen: Es liegt mal wieder ganz klar an meiner offensichtlichen körperlichen Beeinträchtigung. Und es wird assoziiert: Ich habe kein lebenswertes Leben. Oder mein Lebenswert ist zumindest deutlich herabgesetzt. Diese beschissenen Vorurteile gehen mir inzwischen so derbe auf den Keks, dass ich ernsthaft hoffe, dass das irgendwann mal weniger wird und sich bessert mit der Zeit.

Ich lerne ja aber dazu und habe freundlich geantwortet: "Ihre Frage ist ziemlich unverschämt und die Antwort lautet: Kein Kommentar."

Und das war genau die falsche Antwort. Er grinste und sagte: "'Kein Kommentar' heißt 'Ja'." - "Nein, das heißt es nicht." - "Wie lange ist der Unfall her? Es war doch ein Unfall, oder? Ich gebe Ihnen mal einen guten Rat: So ein Medizinstudium eignet sich nur begrenzt dazu, die eigenen Probleme zu lösen. Als angehende Ärztin werden Sie täglich mit Patienten zu tun haben, die schwere Schicksalschläge zu verkraften haben. Da müssen Sie mit sich selbst im Reinen sein. Und das sind Sie nicht, sonst könnten Sie normal über alles reden."

So ein ...! Was redet der mir ein? Ich habe keine Suizidgedanken. Ich hatte auch nie welche, zumindest keine konkreten und schon gar nicht seit meiner Entlassung aus der stationären Rehabilitation. Sicherlich habe ich mir in der Phase nach dem Unfall Gedanken darüber gemacht, wie ein Leben mit Querschnittlähmung aussieht und auf viele Fragen keine Antworten gewusst. Sicherlich war ich in diesem Zusammenhang so verzweifelt, dass mir als einzig sicherer Ausweg aus der Situation das Ende des eigenen Lebens einfiel und ich mir Gedanken darüber gemacht habe, dass mir dabei niemand helfen, geschweige denn diese Aktion für mich umsetzen wird. Also müsste ich es selbst tun. Aber so unerträglich, dass diese Aktion nicht noch ein wenig Zeit hatte, war es nie, auch wenn ich das Gefühl, alles um mich herum würde mich innerlich zerreißen, furchtbar fand. Und so konkret, dass ich mir einen konkreten Plan ausgearbeitet habe, wurde es zum Glück nie.

Aber was geht ihn das bitte an? Ich schluckte die Kröte im Hals herunter und holte Luft, doch meine Anleiterin, die hinter mir stand, zog das Gespräch an sich: "Die Beurteilung, ob meine Kollegin für ihr Studium und für ihren späteren Beruf persönlich geeignet ist, steht Ihnen nicht zu. Und Sie haben hier auch keine Ratschläge zu erteilen. Ihre Frage war völlig unangemessen, und wenn Sie von mir einen Rat wollen, dann sollten Sie sich bei ihr entschuldigen."

Ich war zum Glück fertig. Er sagte: "Ich weiß, warum sich so wenig Patienten darauf einlassen, Ihren Nachwuchs einzuarbeiten. Ich bestehe künftig auf die gebuchte und bezahlte Chefarztbehandlung. Richten Sie das Ihren Kollegen aus und schicken Sie mir Ihren Chef rein!"

Es dauerte keine halbe Stunde, da ließ mich der Chefarzt zu sich rufen und in einem fünfminütigen Gespräch wissen, dass er keine Auseinandersetzungen mit Patienten wünsche, schon gar nicht mit Privatpatienten. Es sei nicht seine Aufgabe, zwischen den Fronten zu vermitteln. Ich habe ihn dann gebeten, mir als Studentin zu helfen und mir einen Rat zu geben, wie ich künftig mit Fragen nach meiner Suizidalität umgehen soll. Er antwortete: "Dazu darf es gar nicht kommen. Sie haben den Hut auf und Sie dürfen dem Patienten gar nicht den Raum für solche Fragen lassen. Überlegen Sie sich vorher, was Sie in dem Zimmer wollen, und dann arbeiten Sie das konsequent ab, und wenn eine Situation kommt, die ein Patient meint mit sinnlosen und intimen Fragen überbrücken zu müssen, arbeiten Sie nicht souverän und vor allem nicht stringent genug."

Ich schluckte. Und antwortete: "Das verletzt mich gerade sehr." - Seine Reaktion: "Dann habe ich ja den richtigen Nerv getroffen. Sie haben ohne Frage das Zeug zu diesem Beruf, sonst hätten Sie es nicht so weit gebracht. Aber inzwischen müssen Sie so weit gekommen sein, dass Sie Regie führen und nicht der Patient. Sie dürfen nicht lange überlegen, nicht lange rumsülzen, sondern Sie machen Ihren Job. Und so lange Patienten Job und Privatleben vermischen und Sie solches Zeug fragen, ist denen Ihre Rolle nicht klar. Sie lassen die Leute zu nah an sich heran. Also treten Sie mal etwas forscher auf, fragen Sie den Patienten nach seinem Befinden und lassen Sie ihn erzählen und berichten, unterbrechen Sie ihn drei Mal mit der Ansage, dass Sie ihm gerade nochmal weh tun müssen, und sobald Ihre Fragen beantwortet sind, rollen Sie weiter zum nächsten Auftrag! Wenn er dann noch was will, wird er sich schon bemerkbar machen. Und wenn dann solche intimen Fragen kommen, dann sagen Sie einfach, Sie seien auf der Arbeit und nicht in der Kneipe. Es bringt nämlich nichts, auf die Einsicht von Menschen zu hoffen, die meinen, solche Fragen stellen zu müssen. Wenn die bis hierher nicht kapiert haben, dass sich sowas nicht gehört und den Respekt vor Ihnen nicht haben, dann erlangen Sie den nötigen Respekt gewiss nicht durch eine entsprechende Belehrung oder durch drei verdrückte Tränen."

Ich schluckte noch einmal. Er fuhr fort: "Ich sehe in Ihren Augen die nächste Frage, die Sie schon gar nicht mehr stellen wollen. Und die Antwort lautet: Doch, Sie sind für die Patienten da. Sie sollen sich Zeit nehmen, Sie sollen auch mit Ihnen reden. Aber Sie erreichen eben nichts bei jenen, die gar nicht reden wollen. Und jemand, der Sie fragt, ob Sie suizidal sind, der will nicht reden. Menschen, die reden wollen, sind still oder reden erstmal über sich. Die öffnen Ihnen ihr Herz. Und mit denen dürfen Sie sich, wenn Sie die Zeit dafür haben, von mir aus auch eine Stunde lang zum Quatschen in die Kantine setzen. Die anderen ändern Sie nicht. Also bleibt Ihnen nichts anderes, als sich selbst anzupassen. Ich habe davon gehört, wie der kleine Junge im Rollstuhl auf Sie abgefahren ist. In Ihnen steckt ein wunderbares Potential. Aber das eignet sich eben nicht für jeden Menschen", sagte er, ging zur Tür und schmiss mich mit einem Händedruck raus.

Ich schluckte ein drittes Mal und konnte mir ein "Danke" nicht verkneifen. Was total komisch wirken muss in Anbetracht der gehörigen Abfuhr. Aber irgendwie hatte er mir einen Spiegel vorgehalten, in den ich noch nie geblickt habe. Vielleicht hilft mir das weiter. Bestimmt sogar. Ich fragte mich, warum ich das bis heute nie so wahrgenommen habe, bin aufs Klo und habe erstmal geheult.

Sonntag, 18. Januar 2015

Flirter und Dickmacher

Gibt es Männer, die mit sexy Frauen in Kontakt kommen wollen und sie deshalb scheinbar unbeabsichtigt anrempeln? Indem sie beim Laufen verträumt auf ihr Handy gucken, betont abwesend rückwärts oder seitwärts gehen, verlorenes Gleichgewicht oder die versehentlich unangemessene Geschwindigkeit vor unübersichtlichen Ecken vortäuschen? Ja, die gibt es.

Gibt es Frauen, die mit knackigen Männern in Kontakt kommen wollen und sich ähnlich anstellen, dabei aber noch auf weitere Tricks aus der Kiste, wie zu hohe Absätze, Orientierungslosigkeit, ... ach, ich muss aufpassen. Beides hat, wenn es nicht zu plump ist, einen gewissen Charme. Flirten gehört dazu.

Würden alle die Menschen, die mich in letzter Zeit unbeholfen angerempelt haben, charmant mit mir flirten wollen - wie cool wäre das bitte? Wie gerne würde ich das Spielchen mitspielen und genauso unbeholfen den knackigen Muskelmann so umfallen lassen, dass er sich plötzlich in meinen Armen wiederfindet!

Aber nein ... es rempeln immer nur die Doofen. Und die Doofen wollen nicht flirten, sondern nur ins Gespräch kommen. Ja, sorry, ich weiß, ich nörgel schon wieder rum. Allerdings sagt meine Psychologin immer, ich soll nicht alles runterschlucken. Und für alle Leserinnen und Leser, die jetzt abbrechen wollen, sei gesagt: Es wird gleich besser! Also liest du weida!

Jedoch erst nochmal zu den Doofen. Besonders lustig wird es, wenn ich das Ansinnen frühzeitig erkenne. Ein kurzer Blickkontakt, auffällig betontes Weggucken - und dann sich auffallend langsam und im Handy lesend auf Kollisionskurs begeben. Selbst dann, wenn ich inzwischen mehrere Kurskorrekturen gemacht habe, ändern diese Leute ihren Kurs immer wieder so, dass wir wieder zusammen rasseln würden - zufällig immer in die Richtung, in die ich auch korrigiert habe. Und zufällig immer nach einem kurzen Hochgucken. Und irgendwann bleibe ich stehen, spreche ein bis zwei Meter vor dem Crash denjenigen an und erlebe dann meistens, dass diejenigen trotzdem bis zur Kollision weiter laufen, um dann zu sagen: "Oh, oh, Entschuldigung, haben Sie sich verletzt? Das ist mir ja unangenehm, meine Mutter (Vater, Nachbar, Freund) saß auch mal im Rollstuhl und da habe ich immer geschimpft, wenn Leute keinen Platz gemacht haben, und heute bin ich selbst unaufmerksam. Ich hoffe, Sie können mir verzeihen."

Ein Seufzen. Und ein müdes Lächeln.

Richtig lachen musste ich aber vor einigen Tagen beim Einkaufen. Ich hatte für eine Party drei Flaschen Cola, Chips, Erdnüsse, Gummibärchen und noch irgendwas anderes ekelhaft Ungesundes auf dem Schoß. In einem langen Gang begegnete mir eine Frau mit einer offensichtlichen Beeinträchtigung. Sie gehörte zu einer Wohngruppe, die direkt vor mir mit einem Bus, auf dem groß das Logo einer hiesigen Wohneinrichtung für geistig behinderte Menschen klebte, angekommen war, geschlossen in den Supermarkt einfiel und sich dann aufteilte. Diese Frau, etwa Mitte 40, musterte meinen ungesunden und kaloriereichen Einkauf und prustete laut ein "Boa! Oha! So viele Dickmacher!" aus sich heraus. Um dann zwei Sekunden später über sich selbst zu lachen mit den Worten: "Naja, warum auch nicht?!"

She made my day. Immernoch breit grinsend erreichte ich die Kasse. Als ich dran war, sah mich die Kundin, die vor mir gerade ihren Einkauf in ihren Hackenporsche räumte. Sie strich mir plötzlich über den Oberarm und sagte: "Schön, dass Sie sich trotz Allem freuen können." - Darauf hatte ich nun gerade noch gewartet.

Samstag, 17. Januar 2015

Behindert und schwanger

... und wo ich schonmal in Fahrt bin: In fast die gleiche Kerbe wie "Biester und Hexen" schlägt mein heutiger Beitrag. Auch auf die Gefahr hin, dass ich gleich erneut lesen muss, ich würde zunehmend verbittern. Völlig fassungslos habe ich gerade einen Artikel im Spiegel gelesen, der auf der Facebookseite von Spiegel online hunderte Male kommentiert wurde. Eigentlich ging es in dem Artikel darum, dass es für Menschen mit Beeinträchtigungen in Deutschland sehr schwer sei, einen spezialisierten Gynäkologen zu finden. Ich kann diese Einschätzung nicht teilen, weil ich mich durch meine Frauenarzt-Praxis gut betreut sehe; ich muss allerdings auch gleich ergänzen und damit auch relativieren, dass ich kein Maßstab bin, da viele Menschen weitaus stärker ausgeprägte körperliche Einschränkungen haben als ich. Von daher möchte ich die Aussage des Artikels überhaupt nicht in Frage stellen.

Was mich aber (nicht verbittert sondern) wütend macht, ist die Vielzahl jener Kommentare, in denen es plötzlich nicht mehr um die schlechte gynäkologische Versorgungssituation von Frauen mit Behinderung in Deutschland geht. Etliche Leserinnen und Leser haben den Artikel zum Anlass genommen, eine widerwärtige Diskussion über die Rechte von Menschen mit Behinderungen loszutreten. Und damit meine ich nicht die übliche Anzahl jener Trolle, die überall durch destruktive Provokationen ihre Aufmerksamkeit erhalten wollen; Kommentare, wonach man sich am Ort eines ehemaligen Konzentrationslagers ja zumindest mit Behinderten auskenne, natürlich ironisch gemeint, oder nicht-ironische Aussagen, es sei falsch, wenn Behinderte überhaupt Kinder bekämen, kann man, genauso wie die Frage, wer denn bitte eine Behinderte ficke, natürlich nicht ernst nehmen.

Aber ob und unter welchen Umständen es Menschen mit Behinderungen erlaubt sein soll, eigene Kinder zu bekommen und welche Rolle Kinder mit Behinderung in der Gesellschaft spielen, waren Fragestellungen, zu denen viele differenzierte Meinungen und noch viel mehr Unsinn tatsächlich geschrieben wurden. Ich sage ausdrücklich, dass es unterschiedliche Meinungen geben muss und dass ich die richtigen Lösungen auf viele Fragen und Probleme unserer Gesellschaft ebenso wenig weiß. Ich habe aber mit Erschrecken festgestellt, dass eine Vielzahl jener Kommentatoren, die ernsthaft glauben, diese Lösungen zu kennen, auf mich den Eindruck erweckten, von Tuten und Blasen überhaupt keine Ahnung zu haben. Um nicht unterstellen zu müssen, sie seien mitten in den dreißiger Jahren eingeschlafen und eben gerade wieder aufgewacht. Das passte aber vom Alter nicht, denn die Mehrzahl jener derart ekelerregend Kommentierenden war nicht weit über 80 sondern gerade über 20.

Kann es wirklich sein, dass mir jemand ernsthaft meinen Wunsch absprechen würde, ein Kind zu bekommen? Weil ich querschnittgelähmt bin? Ist das wirklich diskussionswürdig?

Vielleicht ist es vermessen, in Zeiten, in denen wir mit Sorge auf unseren Umgang mit Flüchtlingen schauen müssen und in denen sich Nachbarn aus derselben Stadt, vielleicht sogar aus derselben Straße, mit großem Aufwand zu Terroristen ausbilden lassen, dafür zu werben, sich mit Themen wie Nächstenliebe, Vielfältigkeit, Dazugehörigkeit und vor allem Gleichwertigkeit mal intensiv zu befassen. Vielleicht aber auch gerade nicht.

Auf jeden Fall lohnt es sich aber, für das nötige Selbstbewusstsein zu werben, das man braucht, um auf jene Fragen, mit denen man sich noch nicht ausreichend beschäftigt hat, keine Antwort zu äußern. Das mache ich an dieser Stelle mal, denn ich habe den Eindruck gewonnen, es ist mit Blick auf diesen Artikel bitter nötig.

Freitag, 16. Januar 2015

Biester und Hexen

Sie bleibt spannend, die Diskussion darüber, ob ich mit jedem Patienten (Kunden) über meine Behinderung sprechen muss. Ob es unfreundlich ist, das abzulehnen. Ob ich verbiestert oder gar eine alte Hexe bin, wenn ich ein an meinem Arbeitsplatz von einem Patienten (Kunden) begonnenes Gespräch über die Amputation meiner Beine unwirsch im Keim ersticke. Wenn ich sogar angefasst reagiere auf diesen aus meiner Sicht nach wie vor unsäglichen und unerträglichen Vorstoß.

Gleich einreihen in diese Diskussion möchte ich die Frage, ob von mir ständige Höflichkeit erwartet wird. Ob ich wirklich auf Augenhöhe kommunizieren darf. Ob ich Fragen zurückweisen darf, auch wenn sie nett gemeint oder aus reinem Interesse gestellt sind. Ob es mit meiner allgemeinen Offenheit unter einen Hut zu bringen ist, wenn ich nach Gutdünken Fragen meinem persönlichen Gegenüber einfach nicht beantworte.

Ich glaube, und damit beziehe ich mich auf etliche Leserinnen- und Lesermeinungen zu meinem letzten Beitrag, erneut hervorheben zu müssen, dass ich die allgemein gehaltene Frage, warum sich ein querschnittgelähmter Mensch in aller Regel nicht seine Beine amputieren lässt, durchaus beantworten würde. Inzwischen haben das andere Leserinnen und Leser in ihren öffentlichen Kommentaren bereits getan, so dass mir das nicht mehr nötig erscheint. Eine solche allgemeine Frage würde allerdings einen allgemeinen Rahmen voraussetzen.

Ein allgemeiner Rahmen kann ein Gespräch, meinetwegen auch eine öffentliche Diskussion oder eine persönliche Frage sein. Auch für ein Referat oder eine schriftliche Arbeit würde ich mich durchaus gerne mit dieser Fragestellung auseinander setzen. Dieser allgemeine Rahmen wäre aus meiner Sicht zum Beispiel dann gegeben, wenn der Fragesteller, hier der Splitter-Patient, dieses Gespräch auch mit einem approbierten Kollegen, der nicht im Rollstuhl sitzt, begonnen hätte. Jede Wette: Hätte er nicht.

Vielleicht, weil er den approbierten Kollegen nicht ausreichend im Thema gesehen hätte. Dann stell ich mir halt vor, dass an seinem Kittel auch "Unfallchirurg" oder "Facharzt für Neurologie" oder sonstwas einschlägiges steht. Womit ich nicht sagen will, dass alle diejenigen, an dessen Brust nicht so etwas angeheftet ist, inkompetent sind. Sondern ich suche nach einem Reiz, dieses Gespräch zu beginnen. Meinetwegen kam auch gerade ein Rollstuhlfahrer vor ihm aus dem Behandlungszimmer.

Fakt ist doch erstmal, dass es sich um eine Notfall-Aufnahme handelt. Man mag dahingestellt lassen, ob man mit einem Holzsplitter im Fuß in die Notaufnahme geht. Vielleicht konnte er sich nicht anders helfen, mag ja sein. Aber gerade wenn die Hütte voll ist, im Wartebereich Dutzende Leute sitzen, dann laber ich nicht noch unnötig rum, sondern beschränke meine Ansprüche auf das Wesentliche. Ich ruf doch auch nicht die Feuerwehr, weil nebenan seit drei Stunden eine Katze im Baum sitzt und kläglich miaut, und frage bei der Gelegenheit gleich mal nach, ob einer der starken Männer, die gerade nicht im Baum hängen, mit einer kleinen Leiter und etwas Wasser eben bei mir auf den Schränken Staub wischen könnte. Ich empfinde es als eine moderne Art der Unfreundlichkeit, zu sehen, dass mit mir noch fünf andere Kunden warten, und trotzdem den einzigen Verkäufer mit sinnlosen Fragen stundenlang an mich zu binden, nur um den vier anderen Wartenden zu zeigen, wer hier King ist.

Selbst wenn ich diese Notaufnahmen-Situation völlig ausblende und mir vorstelle, dass mich alternativ beim Warten auf die S-Bahn jemand anspricht, ändert es nichts daran, dass wir uns nicht auf Augenhöhe befinden. Wir sind nicht miteinander bekannt, nicht befreundet, wir haben keinen über das Nötigste hinausgehenden Kontakt, und dann stellt mir jemand so persönliche Fragen und erwartet eine freundliche und liebevolle Reaktion?

Ich empfinde es einfach als eine egoistische Taktlosigkeit, mehrere Leserinnen und Leser haben sogar das Wort "Übergriffigkeit" benutzt, die Gebundenheit meiner Mitmenschen für eigene Belange auszunutzen. Nichts anderes mache ich, wenn ich den Polizisten, der gerade einen Unfall mit Verletzten aufnimmt, danach frage, ob man da vorne parken darf. Oder wenn ich der Kassiererin im Supermarkt oder dem Zimmermädchen im Hotel erkläre, wie sehr ich auf dicke Möpse stehe. Oder die Schauspielerin beim Sonnenbad am Strand für ein Autogramm wecke.

Ich kenne genügend Juristen, Bankangestellte und Ärzte, die regelmäßig auf Partys mit beliebigen Rechtsfragen, Anlagetipps oder Krankengeschichten überhäuft werden. Ich kenne sogar eine Ärztin, die manchem Redseligen auf Feiern einfach die Frage nach dem beruflichen Werdegang mit "Mutter" beantwortet. Das fällt mir in der Notaufnahme natürlich besonders schwer - und das liegt nicht alleine daran, dass ich keine Kinder habe.

"Du sprichst doch auch wildfremde Leute an, wenn du Hilfe brauchst", habe ich mir kürzlich in einer ähnlichen Diskussion anhören müssen. Ist das tatsächlich ein Persilschein, mit dem ich kritiklos jede Ansprache und Frage, und sei sie noch so intim, erdulden muss? Resultiert daraus tatsächlich meine Verpflichtung, zu allen Menschen freundlich zu sein?

Auf Augenhöhe habe ich bisher jede Frage beantwortet. In meinem Blog habe ich bisher nahezu jede Frage beantwortet, denn hier sehe ich mich in einer völlig anderen Rolle. Aber in der Öffentlichkeit mal eben aufgrund meiner sichtbaren Behinderung dazu befragt zu werden, ob der Sex klappt, ob ich meine Beine amputieren lasse, ob ich Windeln tragen muss - das ist schlicht unangemessen. Oder fragt ihr die Frau mit dem Kinderwagen im Bus auch, in welcher Stellung der Sprößling gezeugt wurde, ob die Narbe des Kaiserschnitts schon gut verheilt ist oder ob es beim Niesen noch tröpfelt?

Aber, und das muss ich dann natürlich auch erneut hervorheben, gegen die grundsätzliche Diskussion über das Thema habe ich überhaupt nichts einzuwenden. Wenn sich jemand, aus welchen persönlichen Gründen auch immer, dafür entscheidet, bei einer Querschnittlähmung seine Beine amputieren zu lassen, akzeptiere ich das. Ich würde zwar meine Bedenken anmelden, wenn ich gefragt werde, aber die letzte Entscheidung über seinen Körper trifft wohl der betroffene Mensch. Und ich lasse mich auch gerne (und vermutlich auch leicht) davon überzeugen, dass beispielsweise starke Schmerzen ein guter Grund sein können. Menschen sind verschieden; die Gründe und die persönliche Gewichtung von Argumenten ebenso. Das nennt man Vielfalt. Glaube ich. Vor demjenigen, der seine Hand durch eine Prothese ersetzt, lüfte ich sogar ein wenig meine Wollmütze, denn ich glaube nicht, dass ich mich das trauen würde.

Ich würde, selbst wenn ich weiß, dass er darüber bloggt, niemals auf die Idee kommen, ihn bei meinem Besuch auf dem Finanzamt anzusprechen, dass er ja nicht mehr länger in der miefigen Amtsstube sitzen müsste, wenn er sich entscheiden könnte, seine gelähmte Hand durch eine mikroprozessorgesteuerte Handprothese zu ersetzen. Ich denke nämlich, dass es seine Gründe hat, warum er sich entweder mit dem Thema noch nicht befasst hat, oder warum er sich trotz Befassens dagegen entschieden hat. Ich denke nicht, dass er nur auf meine Idee, mein Wissen oder meine Motivation gewartet hat. Und ich glaube, nur weil ich beide Hände frei bewegen kann und nicht gerne in einer Behörde arbeiten würde, kann ich mich noch lange nicht in seine Situation hineinversetzen. Das weitestgehend zu versuchen, würde ich aber von mir erwarten, bevor ich schlaue Ratschläge verteile. Und das kann ich nur dadurch, dass ich den Menschen, genauer gesagt: seine Perönlichkeit, näher kennenlerne. Die fachlichen Informationen hole ich mir im Zweifel aus dem Internet. Oder ich frage Menschen, die sich bereit erklärt haben, mit mir über dieses Thema (oder solche Themen) zu sprechen. Oder zu schreiben.

Dienstag, 13. Januar 2015

Opfer-Kastanie und Splitter-Patient

"Liegt ein Mann in der Notaufnahme." - So könnte ein Witz beginnen. Aber wer erzählt ihn mir?

Wie langweilig wäre doch mein Studentenleben ohne den wöchentlichen praktischen Tag. Im Moment in der Chirurgie und heute nochmal aushilfsweise in der Notaufnahme. Fachkräfte werden eben gebraucht... Aktuell dabei: Schülerpraktikant Nick. Soziales Pflichtpraktikum. Nick ist 14 und dauernd auf Sendung. Genauer gesagt: Er muss alles kommentieren und brabbelt dafür in jeden Satz, selbst dann, wenn er gar nicht für ihn bestimmt ist.

"In der Vier liegt ein Mann um die 60 mit einem Splitter im linken Fuß. Jule, das können Sie alleine." - Nick: "Splitter im Fuß? Hat er da DSL drauf?" - "Nein, hat er nicht, es ist ein Holzsplitter. Und falls Tetanus nicht mehr aktuell ist, ..." - Nick: "Täter-Nuss? Gibt es denn auch eine Opfer-Kastanie?"

Seufz. Zur Opfer-Kastanie machte er sich irgendwie gerade selbst. Während ich mich um die Käsefüße aus der Vier kümmerte, durfte Nicknack den Wäschewagen ausräumen. Er dürfte natürlich auch zugucken und helfen, das setzt aber voraus, dass er sich altersgemäß benimmt. Vor diese Wahl wurde er gestellt, er hat sich indirekt für den Wäschewagen entschieden.

Die Frage, wo denn der Schuh drückt, verkniff ich mir und stellte fest, dass des Mannes Problem auch einfacher hätte behoben sein können, wäre zu Hause jemand gewesen, der ihm den Splitter aus der Fußsohle zieht. Das Ding war etwa drei Millimeter lang, vermutlich Fichtenholz, steckte fast parallel in den oberen Hautschichten und hätte mit einer einfachen Haushaltspinzette gezogen werden können. Zum Glück war die letzte Fußpflege noch nicht allzu lange her.

Das alles wäre nicht erwähnenswert gewesen, hätte der Herr mich nicht kurz vor Abschluss mit einer Frage konfrontiert, die mich zu der Annahme verleitete, ich würde zu langsam arbeiten. War beim Splitter entfernen wirklich so viel Zeit vergangen, dass man auf solche Gedanken kommen musste? Er fragte mich: "Wenn ich Sie so sehe, mit dem Rollstuhl, oder wenn ich andere Leute im Rollstuhl sehe, die ihre toten Beine als unnützen Ballast mit sich herum schleppen, dann frage ich mich immer: Warum lassen Sie sich die nicht einfach amputieren? Zumal Sie hier im Haus doch die besten Möglichkeiten hätten!"

Ein kleiner Teufel hielt vor meinem inneren Auge ein Plakat hoch, auf dem geschrieben stand: "Aus dem gleichen Grund, aus dem du dein Gehirn auch nicht entfernen lässt, du Arsch." - Ein kleiner Engel nahm dem Teufel das Plakat aus der Hand und drehte es um. Der Teufel stemmte seine Hände in die Hüften. Der Engel guckte autoritär. Einen Moment lang gefiel mir der Teufel und ich war drauf und dran, das Plakat laut vorzulesen. Eine eventuelle Beschwerde würde ich dann entweder mit seinen akkustischen Halluzinationen oder meinen vokalen Tics erklären. Am Ende gewann der Engel, der Teufel rauchte aus den Ohren und die Traumblase zerplatzte.

Ich sagte: "Nur weil jemand die Muskeln in den Beinen nicht oder nur eingeschränkt bewegen kann, zersägt man ja nicht gleich seinen ganzen Körper." - Er holte nochmal Luft, da wir aber ohnehin fertig waren, fuhr ich ihm kopfschüttelnd in die Parade: "Also die Leute haben manchmal Ideen, das ist schier unglaublich."

Bereits zur Tür gerollt und den Griff in der Hand, drehte ich mich nochmal um: "Die Schwester kommt gleich nochmal und hilft Ihnen beim Anziehen." - "Nicht nötig, so gelenkig bin ich noch." - Eine Verabschiedung sparte ich mir.

Zurück im Dienstzimmer sagte ich zu meiner freundlichen Anleiterin: "Er wollte, dass ich mir meine toten Beine amputieren lasse." - "Wat is los?!" - "Der kommt bestimmt gleich nochmal hierher und will sich erklären. Hast du schnell noch was anderes für mich?" - "In der Drei einen perianalen Abszess. Kannst schonmal vorfahren, ich komme gleich." - "Du, meinetwegen auch das." - "Braucht der denn jetzt noch was?" - Einer ihrer Kollegen, der im Hintergrund am PC tippte, murmelte: "Eine Benimmschule wäre wohl angemessen. Sorry." - Ich sagte: "Der ist versorgt und kann nach Hause."

Perianaler Abszess ist natürlich auch fein. Die arme Frau, Mitte 30, hatte mein volles Mitgefühl. Der Gestank hielt sich zwar in Grenzen, eklig ist das aber dennoch. Ziemlich. Aber nicht eklig genug, um direkt danach im Dienstzimmer ein Stück Butterkuchen zu essen, das eine Schwester anlässlich ihres Geburtstages in die Runde warf. Einmal kurz singen, bevor die erste wieder an die Front musste. Und dann fragte meine Anleiterin nochmal so, dass alle es mitbekamen: "Was wollte der Typ mit dem Splitter jetzt von dir? Du solltest dir deine Beine amputieren?"

Ich gab den Schwank noch einmal in der Runde zum Besten. Der zufällig anwesenden Physiotherapeutin fiel fast der Kuchen aus dem Mund. Sie brauchte einen Moment, bis sie sich wieder gesammelt hatte, dann nuschelte sie gereizt-genervt: "Auffe Fresse?!" - Zu meinem großen Glück fand sich niemand, der ihr widersprach oder gar ähnliche Ansichten hatte wie der Splitter-Patient. Ob der Engel einen weiteren Kampf gewonnen hätte - ich bin mir da nicht sicher.

Samstag, 10. Januar 2015

Vollmond oder Orkan

Es war der erste große Orkan in diesem Jahr. Einer von jenen, die jedes Jahr im Januar über Hamburg hinweg fegen. Mit Sturmflut. Nicht wirklich bedrohlich, es wurden zwar einige Fluttore geschlossen, aber die Deiche hatten noch locker vier Meter Luft nach oben. Fester im Griff hatten Hamburg umgestürzte Bäume, die auf Gleise oder Oberleitungen fielen. Am gestrigen späten Nachmittag kam der gesamte Fern- und U-Bahnverkehr zum Erliegen, im Hauptbahnhof stapelten sich die Reisenden, nichts ging mehr. Zu unserem großen Glück waren wir rechtzeitig vorher angekommen und konnten uns gerade noch so aus dem Staub machen, bevor das wirkliche Chaos losging.

Einen Magneten für die Auswirkungen gefährlicher Wetterlagen habe ich also nach wie vor nicht irgendwo eingenäht. Wohl aber den für komische Leute. Und so wundert es nicht, dass mal wieder etwas Kurioses passierte, als Marie und ich auf den beiden Rollstuhlplätzen saßen, im Wagen 9 des ICE. Die Plätze sind am Ende eines Großraumwagens, wobei man zwischen den Plätzen und der begrenzenden Wand einfach eine Zweier-Sitzreihe ausgespart hat. Marie und ich setzten uns also auf diese beiden Sitzplätze, hatten unsere leeren Rollstühle vor uns stehen - und wenn wir es sehr bequem wollten, legten wir unsere Füße auf die Sitzfläche des Rollstuhls. An der gegenüberliegenden Abteilwand sind noch zwei Notsitze angebracht. Mit Stoff bezogene Klappsitze mit recht kurzer Sitzfläche, die im Notfall für Begleitpersonal oder wen auch immer herunter geklappt werden können und sofort bei Verlassen automatisch wieder hochklappen.

An einen dieser hochgeklappten Sitze hatte sich ein Mann gelehnt, geschätzt 45, schlanke Figur, kurze Haare. Sein Popo war am oberen Ende der hochgeklappten Sitzfläche, die Beine hatte er lässig überkreuzt und ein wenig entlastet. Er trug einen dunkelblauen Nadelstreifenanzug, ein weißes Oberhemd und eine merkwürdig gemusterte Krawatte, hatte schwarze, auffällig spitze, glatt polierte Lederschuhe und einen großen Wecker am Handgelenk. Auffällig war neben seinen spitzen Schuhen auch seine Körpergröße, die zwei Meter dürfte er überschritten haben, und ein verhältnismäßig kleiner Kopf. Dieser Mann starrte mich aus der Entfernung von etwa drei Metern an. Er hatte in dieser Ecke an diesem Sitz eigentlich überhaupt nichts verloren. Da geht auch niemand hin, der auf dem langen Weg von der zweiten in die erste Klasse einen Moment verschnaufen möchte. Auch einen Feuerlöscher sucht man in der Ecke vergebens. Kurzum: Er stand dort, um zu starren.

Ich kann nicht sagen, wie lange er dort schon stand. Ich hatte geschlafen. Marie eigentlich auch. Aber plötzlich hörte ich ihre Stimme: "Und was kann ich für Sie tun?" - Solche Sätze sagte sie nur, wenn irgendwas im Busch ist, von daher musste ich nur noch die Augen öffnen und entdeckte diesen Mann. Ohne ein Wort guckte ich Marie an. Ohne ein Wort guckte Marie mich an. Dann guckte ich wieder zu diesem Mann. Er starrte noch immer. Unheimlich. Was für ein Freak war das? Wieso starrte er so?

Ich starrte eine Zeitlang zurück. Manchmal bringt das was. In diesem Fall nicht. Ich fragte: "Möchten Sie was von uns?" - Er antwortete nicht, sondern starrte nur. Ich fragte noch einmal: "Oder sind wir gerade unfreiwillig Teil eines psychologischen Experiments?" - Wieder keine Antwort. Da wir im Übergang zur ersten Klasse saßen, lief ständig Zugpersonal vorbei, das Bestellungen am Platz aufnahm und Essen, Getränke sowie leere Teller durch die Gegend trug. Nach einiger Zeit krallte sich Marie eine Frau, die vorhin unsere Fahrkarten kontrolliert hatte und eigentlich in Windeseile vorbei zischen wollte. "Tschuldigung, würden Sie uns bitte einmal helfen, es geht um den Herren hier, der hat sich vor einiger Zeit vor unseren Sitzplätzen aufgestellt und starrt uns seitdem an. Ich finde das sehr unangenehm und ich wüsste gerne, was er von uns will. Mit uns redet er aber nicht."

Die Bahnmitarbeiterin antwortete: "Kleinen Moment, ich komme gleich zu Ihnen, ja? Eins nach dem anderen." - Und weg war sie. Um schon nach etwa zwanzig Sekunden wieder aufzutauchen, mit ihrem Kollegen im Schlepptau. "Der Herr hier", sagte sie. Der Kollege sagte: "Guten Tag, Ihre Fahrkarte hätte ich gerne mal gesehen, bitte." - Keine Reaktion, der Typ starrte mich weiter an. Der Bahnmitarbeiter tippte ihm an die Schulter und fragte: "Hallo?" - Jetzt bewegte er sich, griff in Zeitlupe, ohne den Blick von mir zu wenden, in seine Jackettasche und holte etwas heraus, reichte es dem Bahnmitarbeiter. Dann, wenige Sekunden später, kniff er die Augen halb zusammen und dann endlich guckte er den Bahnmitarbeiter an. Argh! Psycho!!!

"So, ich habe gehört, Sie belästigen die Frauen hier. Stimmt das?" - Ich merkte, wie das Germurmel in den Sitzreihen hinter mir schlagartig verstummte. Der Mann antwortete: "Wer sagt denn sowas?" - Ah, eine Stimme hatte er auch. Der Bahnmitarbeiter: "Ich habe Sie was gefragt. Und zwar, damit ich von Ihnen eine Antwort bekomme und keine Gegenfrage, klar? Also: Belästigen Sie die Frauen hier?" - "Nein!" - "Na, dann können Sie jetzt ja weitergehen. Sie haben in dem Wagen hier nichts mehr verloren. Haben Sie das verstanden?" - "Kann ich meine Fahrkarte wiederhaben?" - "Wenn Sie jetzt gehen, ja. Da durch die Tür."

Er stiefelte nach draußen. Der Bahnmitarbeiter ging bis zum Gang, guckte ihm einen Moment lang hinter her, drehte sich wieder zu uns und sagte: "Das liegt an dem Sturm heute. Manche Menschen können mit den Luftdruckschwankungen nicht gut umgehen. Vollmond oder Orkan, egal, und alle drehen durch." - "Der war voll unheimlich!", sagte Marie. Der Bahnmitarbeiter antwortete: "Ja, ich weiß ja jetzt, wie er aussieht. Wenn der hier nochmal über den Flur läuft, komm ich gleich hinterher gehüpft."

Gehüpft? Vor meinem inneren Auge stellte ich mir unfreiwillig diesen Bahnmitarbeiter im Spiderman-Kostüm vor, wie er von Fenster zu Fenster durch den Gang sprang. Zum Lachen war mir aber gerade nicht zumute. Ein paar Minuten später schrieb Marie ihrem Papa eine SMS: "Kannst du uns vom Bahnhof abholen? Hier ist ein ganz komischer Mann im Zug, der uns belästigt. Hat Jule minutenlang angestarrt und musste vom Zugchef verscheucht werden." - Es dauerte keine Minute, da klingelte ihr Handy. Ob er jetzt weg ist, wollte er wissen, und wann unser Zug ankommt. Ein wenig neidisch bin ich ja schon. So einen Papa hätte ich auch gerne. Oder wenigstens einen großen Bruder. Manchmal. Aber wenn Marie so eine Bitte versendet, dann ist auch was los. Marie würde sich eher drei Stunden lang über einen Kilometer frischen Schnee quälen als jemanden zu belästigen, der sie zehn Minuten schiebt.

Das Manöver war am Ende überflüssig, weil der Freak im Zug sitzen blieb als wir ausstiegen. Aber das wussten wir natürlich vorher nicht - ebensogut hätte er auch aussteigen und bis nach Hause hinter uns herlaufen können. Wobei wir dann wohl weniger direkt nach Hause, sondern vielmehr direkt zur Sicherheitswache im Bahnhof gerollt wären. Ich hoffe nur, er sitzt nicht noch einmal mit uns im Zug. Bei meinem Glück treffen wir uns noch einmal wieder.

Eigentlich haben wir das auch schon. Heute in den frühen Morgenstunden habe ich von ihm geträumt. Er starrte wieder. Minutenlang. Ich bin vor ihm weggelaufen (!), er rannte hinter mir her und am Ende standen wir zusammen in einem Aufzug. Dann wollte er die Hand auf meine Schulter legen, ich wollte schreien, und in dem Moment, als seine Hand mich berührt hätte, zuckte ich zusammen und wachte auf. Marie lag neben mir und murmelte: "Was träumst du denn schon wieder?" - "Von dem Freak im Zug. Der war mit mir im Aufzug." - Schlaftrunken zog mich ihr Arm an sie heran. "Der Typ ist weg", meinte sie. Eine halbe Stunde lang lag ich bestimmt wach im Bett. Am Ende bin ich dann aber doch nochmal eingeschlafen.