Montag, 21. August 2017

Darum

Ob wir eines Tages noch erfahren, warum sie nicht mehr schreibt?

Tja, wie soll ich es nun erklären? Ich habe im Knast gesessen. Sitzen weil ... stehen kann ich ja bekanntlich nicht. Und immer nur liegen? Uncool. Dreiundzwanzig lange Monate kein Internet!

Man verhaftete mich wegen meines Blogs. Einige Beiträge waren einfach zu schlecht, stilistisch und inhaltlich flach.

Okay. Ganz so war es nicht. Ich durfte mir neulich im Rahmen meines Studiums eine Justizvollzugsanstalt von innen ansehen. Es gab in der dortigen "Röchel-Abteilung", wie man den Trakt für die älteren und kranken Gefangenen nannte, sogar rollator- und rollstuhlgerechte Zellen. Ich kam allerdings noch am selben Tag wieder raus.

Meine mediale Enthaltsamkeit hatte zuweilen einen anderen Grund, der aber mindestens genauso verstört: Ich hatte einst politische Ansichten und für mich fragwürdige Einsätze öffentlicher Mittel durch einen in Deutschland ansässigen Konzern kritisch hinterfragt. Nicht öffentlich, sondern per Mail. Gezielt und direkt. Zunächst antwortete man mir gar nicht, auf nochmalige Nachfrage teilte mir die Kommunikations-Abteilung mit, dass man dazu nicht schriftlich Stellung nehmen wollte. Aus meiner Sicht war das Thema allerdings zu banal, um es öffentlich zu machen. Aber es hatte mich eben persönlich gestört.

Kurz darauf bekam ich per E-Mail ein Jobangebot von eben dieser Firma. Statt zu bloggen, solle ich doch künftig jenes Unternehmen in den sozialen Netzwerken sympathisch machen. Als authentische Figur, die sogar mit einer Behinderung fröhlich und sympathisch im Leben stehe.

Zunächst habe ich das für einen Witz gehalten, Sekunden später gelächelt, am Ende habe ich das Angebot natürlich mit zwei nüchternen Sätzen abgelehnt. Ohne Gründe zu nennen. Und auch eine weitere persönliche Einladung konnte mich nicht umstimmen. Die fand ich fast schon lächerlich. Und selbst wenn ich gerade einen Job gesucht hätte - ich möchte authentisch bleiben. Meine eigene Meinung vertreten. Und nicht etwa eine vorgegebene, die gerade bestmöglich in ein -vielleicht sogar verlogenes- Konzern-Image passt. Das wäre niemals mein Ding.

Ausgerechnet ein junges Küken, das aber bisher weder etwas im Leben geleistet hatte, noch im Geringsten ahnte, wie die Welt funktionierte, dabei scheinbar beiläufig Millionen Klicks und hunderte Abonnements einstrich, hatte vermutlich -ohne es zu wissen- den Finger in irgendeine tiefe Wunde gelegt. Eigentlich eignet sich mein Blog nicht für einen dramatischen Krimi, aber plötzlich war ich ungefragt mittendrin.

Es gab wohl eine große Angst, ich könnte meine Fragen in meinem Blog öffentlich machen. Oder dessen unglückliche Reaktion auf meine Frage. Hinzu kam anscheinend einiger Neid auf eine stinkende Socke, die mit ihrer Party in einem Monat mehr Aufmerksamkeit erzeugte als jener Konzern mit seiner Party. Dazu Missgunst und nicht zuletzt ein wenig Frust darüber, dass der -wie auch immer geartete- Plan mit dem lustigen Job nicht aufgegangen war.

Scheinbar ohne große Mühen fand der bislang Verantwortliche vier Freunde aus seinem engeren Netzwerk, alle um die 40 Jahre alt, die für und mit ihm das mit mir und meinem Blog offenbar verbundene Risiko neutralisieren wollten. Entweder sie redet mit uns - oder künftig mit keinem mehr. Bemühte ich meinen küchenpsychologischen Kaffeesatz, würde ich sie alle in die Profilneurotiker-Schublade packen. Mit den inzwischen über meinen Anwalt erlangten Erkenntnissen kann ich feststellen, dass es ihnen so richtig Spaß gemacht hat.

Die Fünf legten allerlei Fleiß an den Tag. Recherchierten über mich, was das Zeug hielt. Alle Recherchen endeten dabei aber stets bei jenen Menschen, die mir zuvor meine psychotische Mutter und einen kleinen Haufen in meine Querschnittlähmung verliebter Irrer aus meinem unmittelbaren Radius herausgefiltert hatten. Also bei Maries Eltern. Bei einer ambulanten Kinder- und Jugendhilfe-Einrichtung, die mich bis zu meiner Volljährigkeit begleitet hatte. Sogar bei meiner Psychologin. Und natürlich bei meinen Freundinnen und Freunden. Wie ich später aus einer Akte erfuhr, standen eines Abends sogar Männer auf dem Parkplatz meiner früheren (ambulanten!) Kinder- und Jugendhilfe-Einrichtung und suchten mich, glaubten, ich würde dort wohnen. Es gab verschiedenste Anfragen an alle möglichen Stellen, sogar an Behörden.

Kurzum: So sehr sie sich auch anstrengten, sie kamen nicht an mich persönlich heran. Ich meine: Wozu auch? Wo gibt es das, dass eine Privatperson oder ein Angestellter eines Unternehmens einen Anspruch durchsetzen könnte, mich persönlich zu treffen? Und was dann? Will man mich zum Reden und Diskutieren zwingen? Mich verprügeln? Oder was hatte man vor? Ich muss gestehen, ich hatte schon immer Angst vor solchen Menschen, Angst vor ihren Fantasien und vor ihrer Besessenheit.

Plan B: Meine Freunde wurden unter Druck gesetzt. Zwei Freunde ganz besonders. Die würden schon quatschen. Also wurde denen erstmal ernsthaft unterstellt, mit mir zusammen meinen Blog ausgeheckt zu haben, um sich gemeinsam mit mir zu bereichern. Es gab ja mal einen Bloggerverein, der sollte nun angeblich die Plattform für die systematische Veruntreuung von Spendengeldern sein. Über meinen Blog würden die Spender akquiriert. Die bisherigen Recherchen der fleißigen Fünf hätten angeblich genügend Anhaltspunkte ergeben, um zumindest einen Anfangsverdacht für einen solchen Spendenbetrug in den Raum stellen zu können. Außerdem sei mein Blog ja p*rn*grafisch.

Ich bekam eine Mail, ob ich unter diesen Umständen nicht doch noch einmal über alles persönlich sprechen wollte. Ein befreundeter Anwalt telefonierte daraufhin für mich. Nachdem ich jeden persönlichen Kontakt (selbstverständlich) weiterhin ablehnte, teilte man meinem Anwalt mündlich mit, man würde nun Anzeige erstatten. Über Einsichtnahme in die Verfahrensakte käme man früher oder später doch an meine Daten und an meine Adresse.

Tatsächlich interessierte sich kurz darauf die Staatsanwaltschaft. Aber nicht etwa für mich, sondern erstmal für die privaten Kontounterlagen desjenigen, der in dem Bloggerverein die Finanzen abwickelte. Und gegen den legten zwei der fleißigen Fünf schriftlich auch noch ein paar andere "beiläufige Informationen" nach, die man angeblich vom Hörensagen kannte: Mein Bekannter hätte auch im Job Gelder veruntreut, zudem Kinder angefasst und Drogen genommen! Wow. Alles war so formuliert, dass der Verfasser jederzeit sagen konnte: "Ich weiß nicht, ob es stimmt. Aber man munkelt."

Der kam nun natürlich sofort auf mich zu und bat mich, als Zeugin zur Verfügung zu stehen. Einerseits wollte ich ihn natürlich nicht hängen lassen, andererseits konnte ich aber nichts aussagen, was sich nicht auch anderweitig aus Dokumenten oder aus den Aussagen anderer Menschen herleiten ließe. Nur mit dem Unterschied, dass mit meiner Zeugenaussage auch meine persönlichen Daten in den Akten auftauchen würden. Es war eine absolut beschissene Situation, denn ich wusste nicht mehr, wem ich überhaupt noch vertrauen kann. Würden wirklich alle meine Freunde einem solchem Druck standhalten, oder würden mir irgendwann doch zwei bis fünf Typen gegenüber stehen, vor deren Fantasien man inzwischen sogar Todesangst haben musste? Die Vorstellung, dass die über meine Freunde doch an meine Adresse kämen, mir vielleicht dort auflauern, löste in mir Panik aus. Was hatten diese Menschen vor? Was lief da?

Ich habe mich mit Marie gestritten, weil ich ihr auch nicht vertrauen konnte. Ihr Vater ist Polizist - könnte er mich beschützen oder müsste er irgendwann irgendwas gegen mich unternehmen, was er nicht mehr kontrollieren kann? Wer könnte wissen, was die fleißigen Fünf so alles über mich in die Welt setzen? Ich habe mich mit anderen Freunden gestritten, weil ich ihnen nicht vertrauen konnte. Schließlich habe ich den Kontakt zu allen anderen Menschen völlig auf Eis gelegt. Und erstmal aufgehört, zu bloggen. Um zu vermeiden, dass es aktuelle Informationen über mich geben könnte. Vielleicht würde man mich sogar orten? Das alles ging so weit, dass ich mich von meinem Freund getrennt habe, mein Studium unterbrochen hatte, aus meiner Wohnung ausgezogen bin, meine Immobilie verkauft, in Panik sogar Deutschland zeitweilig verlassen hatte. Dorthin, wo mich keiner kennt. Wo freundliche Menschen sind. Und wo es warm ist.

Um mit Marie zu telefonieren, habe mich mir ein Handy geliehen, bin im Dunkeln an einen abgelegenen großen See gefahren, wo man Personen, die mir zu nahe kämen, schon von weitem sehen konnte. Es kam natürlich niemand. Es vergingen Wochen, in denen ich keinen klaren Gedanken fassen konnte. In denen ich nicht wusste, wo hinein ich geraten war, welche Sorgen berechtigt waren, und was Paranoia war. In denen ich kaum etwas essen konnte. Marie war die einzige, die immer wieder Kontakt zu mir suchte. Mein Herz wusste, dass sie sich Sorgen um mich machte. Mein Kopf hatte aber keinen Plan, wie es weiter gehen könnte.

Die Wende nahm es, als ich eines abends mit ihr telefonierte und sie das Telefon an ihre Mutter weitergab. Maries Mutter weinte. Sie fragte mich immer wieder, was genau ich getan hätte. Wie sie mir helfen könnte. Und ob ich nicht selbst merken würde, dass ich mich genau so verhalte wie jemand, dem man Schreckliches angetan hätte. Im Studium hatte ich das alles mal gehört und gelesen. Wie sich viele Frauen verhalten, nachdem sie beispielweise vergewaltigt wurden. Aber zu reflektieren und zu erkennen, in welchen Denkmustern ich mich gefangen hatte, das bedurfte eben genau eines solchen Anstoßes von außen. "Auch wenn du nicht mein leibliches Kind bist, bist du für mich wie eine Tochter. Ich würde niemals etwas tun, was du nicht willst. Und ich würde dich niemals in eine Falle locken. Wenn ich der Meinung wäre, du solltest dich irgendwo melden, dann würde ich versuchen, dich davon zu überzeugen. Aber ich würde dich niemals ausliefern. Darauf hast du mein Ehrenwort."

Meinen nächsten Termin hatte ich bei einem Rechtsanwalt. Eine völlig kuriose Situation. Ich bekam seine Handynummer von Maries Mutter. Maries Papa hatte sie besorgt. Ich gab seinen Namen in eine Suchmaschine ein und erfuhr, dass der Mann schon deutlich über 60 Jahre alt war. Und dass er einige Menschen vertreten hatte, die jeder kennt. "Lassen Sie uns nicht so viel am Telefon reden, das mache ich nach einigen schlechten Erfahrungen grundsätzlich nicht", sagte er mir. Wir verabredeten ein Treffen vor einem Gerichtsgebäude. Er würde sich zu mir ins Auto setzen. Seine Kanzlei sei nicht barrierefrei. War das wirklich keine Falle?

Er verspätete sich um fast 90 Minuten. Hörte mir dann aber fast eine Stunde zu. Stellte Fragen. Ging zwei Mal los, um uns einen Becher Kaffee zu besorgen. Kam tatsächlich alleine und mit Kaffee wieder. Regen trommelte auf die Scheiben. Ich kam mir vor wie in einem Krimi. Er brauchte einige Zeit, um zu verstehen, was hier lief. Und etliche Anläufe: "Was ich aber noch immer nicht begriffen habe..." - Am Ende sagte er: "Darüber muss ich erstmal schlafen. Und nachdenken." - "Das heißt aber, Sie wollen mir helfen?" - "Ja. Die Sache hat mein Interesse geweckt. Und bevor Sie fragen, was es kostet: Sie werden es sich leisten können. Es wird nicht billig, aber Sie wollen ja auch einen guten Job von mir."

Erstmals nach Wochen telefonierte ich mit jenem Freund, dem man diesen Unsinn mit den Drogen unterstellt hatte. Er freute sich, von mir zu hören. Er hatte zwar bereits einen Anwalt, der ihn gut verteidigte, ich konnte ihn aber überzeugen, zusätzlich auch noch einen Kollegen, der in derselben Kanzlei meines Anwalts arbeitete, in Anspruch zu nehmen. Auf meine Kosten.

Neun Monate später stellte die Staatsanwaltschaft fest, dass ein Betrug anhand der ganzen eingeholten Unterlagen und Auskünfte nicht beweisbar sei. Die Geschäfte des Bloggervereins waren also korrekt geführt worden. Die Ermittlungen gegen den Freund wurden abgeschlossen. Nachdem es bei dem Projekt ja in erster Linie um ideelle Zwecke ging, wurden über die Jahre zusammengerechnet keine 300 € bewegt. Vielmehr hatte der Finanzbeauftragte früher schon aus seinem privatem Vermögen Geld hinzugesteuert, um anfallende Gebühren zahlen zu können. Und ich hatte in meinem Blog niemals jemanden um Geld für mich gebeten. Am Ende stellte auch das Finanzamt nach eigener gründlicher Prüfung schriftlich fest, dass alles in Ordnung war.

Plan B hatte also auch nicht funktioniert. Nicht zuletzt, weil sich Behörden ungern instrumentalisieren lassen. Außer Spesen nichts gewesen. Heute arbeiten drei der fleißigen Fünf allerdings mehr oder weniger unfreiwillig woanders. Die anderen beiden haben andere Entfaltungsmöglichkeiten gefunden.

Mich erinnert die Sache ein wenig an eine Geschichte um Helene Fischer. Nach verschiedenen Medienberichten wollte ein österreichischer "Fan" mit Behinderung ihr ein Geschenk persönlich überreichen, wozu es aber nicht gekommen ist. Er hatte sich ortsgünstig positioniert und behauptete später, sie habe ihn im Vorbeigehen ausgelacht und beschimpft. Sie bestritt das. Er setzte ebenfalls alle Hebel in Bewegung, um sie vor Gericht zu bekommen und dort zu treffen. Am Ende ohne Erfolg.

Ich glaube nicht, dass alle fleißigen Fünf künftig ihre Füße still halten werden. Sie werden andere Wege finden, um mir zumindest das Leben schwer zu machen. Die teilweise Anonymität des Internets macht eben doch einiges möglich. Man darf gespannt sein, welche neuen Erkenntnisse schon bald über mich berichtet werden und wer künftig belästigt wird. Ich glaube, meine Grenzen werden niemals akzeptiert werden. Auch wenn ich noch so oft sage, dass ich über meine Erlebnisse, Gedanken, Meinungen und Ansichten schreibe, ohne dabei als Person in der Öffentlichkeit stehen zu wollen. Und ohne von zweifelhaften Personen verfolgt werden zu wollen. Ich möchte nicht den Atem desjenigen spüren, der aus meinem Blog fast alles über mich weiß.

Wenn jemand tolle Fotos macht, kann man heute nicht mehr die Fotos genießen, ohne den Fotografen dazu zu kennen. Man braucht die Story über das Genie hinter dem Okular, die Orte seiner Lieblingsmotive und am besten noch ein paar Geheimtipps für schönes Knipsen. So zerstört man die Einzigartigkeit, die Kunst, die Seele. Leider begreifen das zu viele nicht.

Inzwischen habe ich mich mit Marie wieder vertragen. Wir wohnen nicht mehr zusammen. Aber wir haben uns gerade gestern gesehen. Und vorgestern. Und zusammen in einem Bett geschlafen. Rücken an Rücken. Wir sind, wie Jugendliche es formulieren würden, nach wie vor allerbeste Freunde.

Ich studiere noch. Um genau zu sein: Ich habe zwar meine Dissertation sausen lassen, dafür aber trotz der mehrwöchigen Auszeit (überwiegend in den Semesterferien) nichts wirklich verpasst, alle Scheine bekommen, und habe inzwischen auch das 2. Examen durch. Aktuell bin ich im Praktischen Jahr, bin nach einem Drittel Pädiatrie nun in der Chirurgie, bevor es am Ende nochmal kurz in die Innere Medizin geht. Wenn alles gut geht, bin ich im nächsten Sommer so weit fertig, so dass ich mich um meine Facharztausbildung kümmern kann. Wie anhand meiner Wahl für das erste Drittel meines Praktischen Jahres schon zu vermuten ist, wird es später in Richtung Kinderheilkunde oder Kinder- und Jugendpsychiatrie gehen.

Auch Marie studiert noch, derzeit allerdings an einem anderen Ort als ich. Ich wohne aktuell gar nicht mehr in Hamburg und weiß nicht, ob es mich später einmal in meine Lieblingsstadt zurück ziehen wird. Derzeit bewohne ich eine kleine Mietwohnung in einem 30-Parteien-Haus in der Nähe meines aktuellen Studienortes. Und ich habe tatsächlich eine weitere kleine Wohnung gefunden, ebenfalls zur Miete, als Rückzugsraum in unmittelbarer Nähe zu meiner geliebten Ostsee und rund eine Autostunde von meinem geliebten Hamburg entfernt. Ein Schnäppchen, einst als "gemütliches Nest" inseriert, mit separatem, ebenerdigen Eingang, keine 200 € kalt im Monat von privat.

Im August letzten Jahres habe ich einen neuen Kerl kennengelernt, im September mit ihm und Marie erstmals einen Nachmittag zusammen verbracht, ihn danach auch hin und wieder alleine getroffen. Eigentlich war uns beiden schon von Anfang an klar, was wir voneinander wollten, es hat aber noch bis Mitte März dieses Jahres gedauert, bis wir zum ersten Mal miteinander im Bett waren. Es ist, wie überall, nicht alles optimal, aber es ist sehr schön. Sehr körperlich. Sehr lieb. Oft sehr verspielt. Manchmal sehr versaut. Und vor allem sehr intensiv. Ich genieße, ohne dabei an Morgen zu denken. Was bekanntlich gefährlich sein kann, aber vielleicht nicht immer gefährlich werden muss.

Das neunte Gyrosbaguette hat geschmeckt. Nicht außergewöhnlich. Aber normal. Und zu meinem 25. Geburtstag haben mir tatsächlich mehr als 25 Menschen gratuliert. Einige von ihnen haben erst heute erfahren, warum ich in den letzten zwei Jahren nichts mehr schrieb.

Sonntag, 27. September 2015

Rollstuhlfahrer essen draußen

Im Jahr 2015 dürfen öffentliche Einrichtungen nur noch barrierefrei gebaut werden. Oder zumindest nach einer entsprechenden Vorschrift, die weitestgehende Zugänglichkeit für Menschen mit Beeinträchtigungen sicherstellt. Wesentliche Bestimmungen gelten zum Beispiel für die Gastronomie. So wäre es in der Regel unzulässig, eine bereits barrierefreie Gaststätte nun so umzubauen, dass künftig eine Stufe vor dem Eingang ist und im Rollstuhl fahrende Menschen ab sofort draußen bleiben müssen. Eigentlich.

Im Hamburger Hauptbahnhof gibt es eine Fressmeile mit verschiedenen gastronomischen Einzelbetrieben. Viel fettiges Junkfood, aber als Kompromiss gibt es durchaus die eine oder andere essbare Kleinigkeit. Insbesondere dann, wenn selbst zu kochen oder langes Suchen nicht in Frage kommen. Hin und wieder, vielleicht vier Mal im Jahr, kommt es vor, dass ich mir, meistens zusammen mit anderen Leuten, mit denen ich gerade unterwegs bin, von Sub Wayne zeigen lasse, wo das Brötchen die Körner hat, und ein frisches Sandwich esse. Na gut, ein halbes.

Mit Erstaunen musste ich in der letzten Woche feststellen, dass sämtliche Stühle und Tische dort nun auf einem Podest stehen, auf das ich als Rollstuhlfahrerin nicht mehr komme. Ich kann mich dort also nicht mehr an einen Tisch setzen, sondern muss meine Speise und mein Getränk mitnehmen und draußen essen. Kann das sein? Warum ist das so?

"Entschuldigung, wo können wir uns denn hinsetzen?", fragte ich die Bedienung hinter der Theke. Vier Mitarbeiter guckten sich gegenseitig ratlos an. Früher war mal wieder alles besser: Da konnte man einfach ein paar Stühle zur Seite schieben und sich an einen der Tische setzen, heute geht das nicht mehr. Die Nachbartische sind auch alle für die dortigen Kunden reserviert und der Notausgang muss frei bleiben. Sonst hätten wir uns zu viert mit jeweils einem Tablett auf dem Schoß einfach mal eine Zeitlang dorthin gestellt. Aber vier Rollstühle im Notausgang? Das geht nun wirklich nicht.

"Ist doch schönes Wetter heute", befand die Dame an der Kasse. Marie schwoll der Kamm. Bevor sie etwas sagen konnte, mischte sich ein Kunde, Mitte Dreißig, ein: "Ähm, haben Sie nicht irgendwo einen Klapptisch, den Sie für die Fälle irgendwo hinstellen können?" - "Nein. Es gibt so viele Sitzgelegenheiten draußen, ich sehe das Problem nicht." - "Und wenn es regnet?", fragte der Mann. Die Antwort kam prompt: "Es regnet aber nicht. Hören Sie, das haben unsere Chefs von oben so angeordnet, ich kann es nicht ändern und ich will das auch nicht diskutieren", sprach sie und wandte sich wieder ihrer Kasse zu.

"Wollen Sie was bestellen?", fragte mich ein anderer Mitarbeiter. Ich antwortete: "Nö. Was meinen Sie, wie ich als Rollstuhlfahrerin mit Essen und Getränk in der Hand nach draußen komme? Und dann setze mich auf den Bahnhofsvorplatz zwischen Taxistand und Pissoir?" - Er zuckte erneut mit den Schultern und sagte: "Ich weiß es nicht."

Aber ich weiß es: Nein! Tschüss!

Freitag, 25. September 2015

Distanz macht einsam

Ich amüsiere mich gerade über eine Kommilitonin. Sie gehört zu jenen Menschen, die nur schwer andere Meinungen akzeptieren können. Und die leider auch ständig andere Meinungen haben. Nämlich im Zweifel die des Gegenüber. Soll heißen: Sie redet ihren "Freunden" nach dem Mund oder trifft sich nur mit jenen, die absolut ihrer Meinung sind.

Wir haben uns anfangs mal ganz gut verstanden. Bis die Diskussion auf das Thema "Tatoos" kam. Ich bin absolut dagegen, meinen Körper bemalen zu lassen. Weder dezent noch als Litfaßsäule. Ich akzeptiere es aber, wenn andere Menschen mit ihrem Körper etwas anderes machen. Jene Kommilitonin sah das anfangs so wie ich.

Inzwischen hat sie sich aber überzeugen lassen, dass Tatoos doch toll sind. Was ich auch in Ordnung finde. Man kann Meinungen ja auch mal ändern. Weil man vielleicht Argumente findet, die man vorher nicht betrachtet hat. Oder ihnen plötzlich ein anderes Gewicht beimisst. Oder, oder, oder.

Ich habe kein Problem damit, wenn Menschen andere Meinungen haben als ich. Im Gegenteil. Ich diskutiere gerne. Ich finde es spannend, Argumente auszutauschen. Ich lasse mich auch gerne mal überzeugen. Und ich finde Menschen interessant, die ein anderes Profil haben als ich. Bei manchen Meinungsverschiedenheiten sehe ich das Bild einer dicken Wildsau vor mir, die sich genüsslich an einer Eiche schubbert. Manchmal fühle ich mich als Eiche, manchmal auch als Wildsau. Wichtig finde ich nur immer, dass es fair und sachlich bleibt.

Was ich nicht leiden kann, ist, wenn man dann zunächst so tut, als wäre man nie anderer Meinung gewesen. Und dann, nach dem Motto "Angriff ist die beste Verteidigung", andere Menschen, in diesem Fall mich, blöde anmacht, warum ich so bieder sei. Untätowierte Haut sei doch wohl absolut langweilig.

Ich weiß nicht, warum ich mich dafür überhaupt rechtfertige. Vielleicht, weil jene Kommilitonin inzwischen durch die Gegend zieht und überall Unsinn über mich erzählt. Schlichtweg Lügengeschichten. Da sitzen einfach ein paar Leute zusammen und schaukeln sich gegenseitig hoch. Beim Tatoo-Thema beginnt es, dann werden andere Anekdoten hinzugefügt, von denen ein Viertel ausgeschmückt und drei Viertel ausgedacht sind. Manchen hätte ich es zugetraut, andere hätte ich für intelligenter gehalten. Und zum Glück bin ich nicht so schlecht vernetzt, dass ich das nicht mitbekomme. Vielleicht hatte sie gehofft, mir nach dem Wechsel meiner Uni nie mehr über den Weg zu laufen?

Es gibt wirklich Menschen, die glauben, ihre Persönlichkeit reife durch Abgrenzung. Das ist ein Irrtum.

Ich möchte mein Leben mal mit einem Aquarium vergleichen. Es sind viele tolle und bunte Fische drin. Es macht durchaus Sinn, Regeln zu haben und gemeinsam deren Einhaltung zu überwachen. Aber wenn ich beginne, die Fische rauszuholen, die mir nicht 100%ig gefallen, wird mein Leben nicht reicher. Sondern ärmer. Bis ich den letzten Fisch entfernt habe, weil mir seine rote Flosse zuwider war. Und alleine im Wasser meine Bahnen ziehe. Im ersten Moment ist es vielleicht schön, ein ganzes, großes Becken für sich alleine zu haben. Aber dann?

Distanz macht einsam.

Mittwoch, 23. September 2015

Ich sehe dich

Endlich, nach langer Zeit, bin ich heute mal wieder dazu gekommen, in Ruhe zu trainieren und bin fast vier Kilometer geschwommen. Hatte mit der Ausdauerleistung keine Probleme, habe auf meine Technik achten können, habe von Philipp regelmäßig Feedback bekommen und war herrlich ausgepowert am Ende. Draußen regnete es, der Vollmond stand am Himmel, es war ungewöhnlich warm - beste Gelegenheit, um dem Außen-Whirlpool noch einen Besuch abzustatten. "Dein Rollstuhl bleibt drinnen, ich trage dich raus", meinte er. "Sonst wird der nass."

Zack, nahm er mich auf den Arm. Jetzt nur nicht hinfallen auf den nassen Fliesen. Die schwere Glastür nach draußen war das größte Hindernis. Er konnte sich natürlich nicht nehmen lassen, anzudeuten, dass er mich in den Whirlpool werfen würde. Tat er natürlich nicht, aber für einen Moment habe ich mich tatsächlich erschrocken. Obwohl ich diese Spielchen eigentlich kenne. Zum Glück neige ich nicht dazu, laut zu kreischen. Wir waren alleine, auch in dem regulären Außenschwimmbecken war niemand mehr. Es war schon sehr spät und die wenigen Besucher, die um diese Zeit noch in der Anlage waren, saunten offenbar. Auf Sauna hätte ich ja auch mal wieder Lust gehabt, aber dafür hatten wir keine Karte gelöst. Und zu spät war es auch.

Der Pool war angenehm warm. Der Regen war nicht stark genug, um die Dampfschwaden niederzuschlagen. So konnte man nicht sofort alles sehen, das fand ich gut. Geblubbert wurde allerdings gerade nicht, ich hoffte, dass das lediglich an dem Zyklus lag und nicht an einer generellen Abschaltung. Philipp ließ mich gar nicht erst los, sondern fiel gleich knutschend über mich her. Ich umklammerte ihn. "Fliegen wir raus, wenn du deinen Badeanzug ausziehst?", fragte er. Ob das ernst gemeint war oder ob er mich damit nur verrückt machen wollte, wusste ich nicht. Ich wusste aber die Antwort: Ich zog meine Träger über die Schultern und den Stoff bis unter die Brust hinunter.

Philipp drückte mich eng an sich heran. Würde er mir jetzt das Ding komplett ausziehen, ich glaube, ich hätte es zugelassen. Als Ausrede hätte ich dann dem Bademeister gesagt, dass ich gedacht hätte, es wäre heute textilfreies Baden (was sonst an einem anderen Wochentag abends ist). Aber ziemlich bald begann das Geblubber wieder. Ich mag gar nicht schreiben, wie das geendet ist. Ausgezogen hat er mich nicht, aber das war auch nicht unbedingt nötig. Meine Sorge, dass er mich hinterher nicht mehr aus dem Becken tragen könnte, bestätigte sich nicht.

Als wir an dem Glashaus vorbei kamen, in dem die Bademeisterin, geschätzt 20 Jahre alt, saß, fiel mein Blick beiläufig auf dort angebrachte Kontrollmonitore. Einer davon hatte den Whirlpool in Großaufnahme. Mir wurde für zwei Sekunden richtig schwindelig. Ich guckte sie an, sie grinste verschmitzt, kam aus ihrer Kabine. "Soll ich dir die Tür aufhalten?", fragte sie und hielt mir eine Durchgangstür zu den Umkleiden auf. Jede Wette, sie hatte alles genau beobachtet. Sollte ich irgendwas sagen? Ich guckte ihr erneut ins Gesicht. Sie guckte mir in die Augen und grinste erneut. Nein, besser nichts sagen. Mein Gesicht war vermutlich dunkelrot. Und Philipp? Der merkte nichts. Männer.

Montag, 21. September 2015

Sina II

Wir hatten uns mit Maries Mutter eine Stunde vor der regulären Sprechzeit verabredet, damit sie Sina kennenlernen kann und genug Zeit für sie haben würde. Während Maries Mutter sich mit ihr in ein Sprechzimmer zurückzog, bekamen Marie und ich ein zweites Frühstück - zusammen mit Maries Papa, der heute später zum Dienst musste. Einerseits tat es mir ja leid, dass wir nun ihr gemeinsames Frühstück störten, andererseits hatte Maries Mutter ausdrücklich darum gebeten, mit Sina eine Stunde eher zu kommen. Und so, wie es aussah, waren die beiden auch schon so gut wie fertig. Mit dem Frühstücken. Sina bekam einen Becher Tee angeboten, Maries Mama nahm ihren Kaffeebecher mit in die Praxis, Marie und ich bekamen noch ein leckeres Brötchen und Maries Papa war für eine knappe Stunde Hahn im Korb.

Ein (halbes) Fenster war offen (gekippt), und draußen kamen die ersten Patienten. Eine junge Frau wurde von ihrem Freund auf einem knatternden Kult-Motorrad in die Sprechstunde gebracht. Gäbe es einen Drive-In, wäre er sicherlich direkt bis in die Praxis gefahren. Man hatte das Gefühl, er wollte der ganzen Straße mitteilen, was für ein tolles, blitzendes und poliertes Motorrad er fuhr. Jede Wette, dass die Lärmvorschriften nicht eingehalten wurden. Man verstand in der Küche sein eigenes Wort nicht mehr und hatte das Gefühl, der Tisch würde wackeln. Als der Motor endlich verstummt war, sagte Maries Vater (und Andi Feldmann hätte die Stimmlage von Meister Röhrich nicht besser hinbekommen): "Sach ma, tut das Not, dass das Moped sooo laut is?"

Bis vor einigen Jahren hätte ich damit so gar nichts anfangen können. Aber Maries Eltern haben großen Wert auf die kulturelle Teilhabe ihrer Tochter gelegt - und nicht zuletzt durch den uneingeschränkten Zugang zu Papas DVD-Sammlung entscheidende Pflöcke eingeschlagen. Und das färbt eben manchmal ein wenig ab. Zumindest die erste Folge mit dem legendären Oberligaspiel im Kieler Zwietrachtstadion kann Marie inzwischen fehlerfrei mitsprechen. Marie krümmte sich vor Lachen. Irgendwann tickte ich sie an: "Luft holen nicht vergessen!" - "Der Auspuff ist abgefallen", stammelte sie mit Lachtränen in den Augen. Wer diese absolut banale Szene nicht kennt, hält uns vermutlich für reichlich bescheuert.

Kurz darauf bat uns Maries Mama, auch in die Praxis zu kommen. Sina saß wie ein Häufchen Elend in ihrem Rollstuhl, eine Spenderbox Taschentücher auf ihrem Schoß. "Es gibt im Leben Situationen, da kommt man aus einem Karussell nicht mehr ohne Hilfe raus. Alles ist zum Kotzen, alles dreht sich im Kreis und man hat keinerlei Kraft mehr, daran etwas zu ändern. Es bringt nichts, wenn wir sie mal eben aus diesem Karussell rausschubsen, sondern es muss jetzt auch was gegen Schwindel, Übelkeit, Einsamkeit, Kraftlosigkeit, gegen den Kater am Morgen danach und gegen alles, was einen da sonst noch so beherrscht, unternommen werden. Wir haben uns gemeinsam dazu entschieden, dass Sina in eine psychiatrische Klinik geht, noch heute und direkt von hier. Wir haben auch bereits mit einem Kollegen telefoniert, der sie aufnehmen wird. Ich mache jetzt noch die Einweisung fertig, den Transportschein - und dann wird das schon wieder." - Sina nickte. Tränen kullerten über ihre Wangen. Ich nahm sie in den Arm. Sie wirkte teilnahmslos. "Wir kommen dich besuchen", versprach ich ihr.

Maries Mutter drückte ihr den ganzen Papierkram in die Hand, der aus dem Drucker gekommen war. "Warum bin ich ein Notfall?", fragte sie. Maries Mutter antwortete: "Das ist meine Einschätzung, Sina. Aufnahme sofort. Ich möchte Sie keine Nacht mehr alleine lassen. Und auch keinen halben Tag mehr." - "Ich habe Ihnen doch versprochen, dass ich mir nichts antue." - "Darum geht es nicht. Sie leiden. Und genauso wie ich jemanden mit akuter Blinddarmentzündung nicht noch eine Nacht nach Hause ins Bett schicke, fahren Sie jetzt auch direkt in die Klinik."

Während Maries Mutter noch etwas in den PC hackte, fragte Sina: "Wie soll ich das denn mit meinen Klamotten machen? Ich muss doch was zum Anziehen haben." - "Kann Ihr Freund Ihnen nichts bringen?" - "Ich möchte niemanden in meine Schränke gucken lassen." - "Haben Sie keine gute Freundin, der Sie Ihre Geheimnisse anvertrauen können?" - Sina schüttelte den Kopf, guckte mich dann aus dem Augenwinkel an, und als sie merkte, dass ich sie ebenfalls anguckte, lächelte sie verlegen. - "Ich kann dir Sachen rausholen, kein Problem. Mich interessieren deine Joints und dein Vibrator auch nicht." - "Kannst du mir versprechen, dass du nur Klamotten rausholst und nicht alles durchwühlst?" - "Sina! Jetzt spinn mal nicht rum. Solange mir keine scharfen Handgranaten entgegen purzeln, behalte ich das für mich, was ich da sehe. Ich gucke auch weder in deine Tagebücher noch in deine Fotoalben." - "Die sind eh verschlossen. Darum geht es nicht." - "Du misst dem viel zu viel Bedeutung zu. Was würdest du denn über mich denken, wenn du das, was ich nicht sehen soll, bei mir im Schrank finden würdest?" - "Dann würde ich denken: Jule ist ein kleines Schwein." - "Ein kleines oder ein großes?" - "Nein, nur ein kleines", lachte Sina, wischte sich die Tränen weg und drückte mir ihren Wohnungsschlüssel in die Hand.

Sonntag, 20. September 2015

Sina

Sina fiel beim Fensterputzen aus dem zweiten Stock und ist seitdem querschnittgelähmt. Ich hatte seit ihrem Unfall vor zwei Jahren mehrmals Kontakt zu ihr. Immer mal wieder für ein paar Stunden. Kennengelernt habe ich sie beim Warten auf eine Kontrolluntersuchung. Wir saßen zusammen im Wartezimmer, kamen ins Gespräch, tauschten Nummern aus, trafen uns zum Quatschen. Immer für ein bis zwei Stunden, mehr nicht. In den letzten neun Monaten vielleicht insgesamt drei Mal.

Gestern abend klingelte gegen halb neun mein Handy. Ich guckte drauf und sah ihre Nummer. Eigentlich hatte ich nach mehreren Kilometern Schwimmtraining gar keinen Bock mehr, jetzt noch lange zu telefonieren, aber wir könnten uns ja kurz für einen anderen Tag verabreden. Als ich mich meldete, war auf der anderen Seite eine eher emotionslos wirkende Stimme, die mir ohne lange Umschweife erzählte, dass ich in ihrer Liste von Leuten stehe, die sie im Notfall anrufen könnte.

Ich fragte direkt zurück: "Bist du in Not?" - "Ja", antwortete eine verschnupft, vermutlich verheult klingende Stimme seufzend. - Ich fragte: "Kannst du frei sprechen?" - "Jaja, ich bin alleine zu Hause. Mir geht es nicht gut. Ich überlege schon wieder, ob ich mich umbringen soll. Ich werde es nicht tun, weil ich leben möchte, aber ich denke schon wieder darüber nach, wie es sein würde, wenn alles vorbei ist. Das ist für mich ein Zeichen, dass ich dringend Hilfe brauche, bevor diese Gedanken in den nächsten Tagen siegen. Ich werde am Montag in die Klinik gehen und mich aufnehmen lassen. Ich weiß, wir kennen uns eigentlich kaum, aber wir hatten immer so schöne Gespräche miteinander. Ich will nicht lange um den heißen Brei reden: Meinst du, du könntest heute nacht zu mir kommen und bei mir schlafen? Das würde mir sehr helfen."

Uff. Nee. Ja. Ach du Scheiße. Das klang wie abgelesen. Ich antwortete: "Ich brauche eine Stunde, bis ich bei dir bin." - "Ich kann warten, wenn ich weiß, dass du kommst." - "Ich komme. Aber nur bis morgen früh, danach muss ich wieder weg." - "Das hilft mir schon. Für die nächste Nacht finde ich auch noch jemanden. Ich sollte nicht alleine sein, die Nächte sind am schlimmsten."

Kurz vor zwölf stand ich vor einem heruntergekommenen Mietshaus. Sie bewohnt eine Einzimmerwohnung im Erdgeschoss. Es gibt ein vielleicht zwölf Quadratmeter großes Zimmer mit Kochniesche, dazu ein Bad - und ein etwa ein Meter breites und fünfzig Zentimeter hohes Fenster direkt unter der Decke. Vor dem Fenster stand ein Baum und eine Straßenlaterne. Hier würde ich auch depressiv werden. Ich wage sogar zu bezweifeln, dass dieses Loch (ohne vernünftiges Fenster) überhaupt zum Wohnen zugelassen ist. Beklemmend fand ich es. Und kalt.

Wir standen für zwei Stunden im Raum, guckten uns an, sie schüttete mir ihr Herz aus. Ihr langjähriger Freund hatte anlässlich ihres Unfalls mit ihr Schluss gemacht, jetzt hatte sie eine Beziehung, in der er vögeln und sie umarmt werden wollte. Sie hat sich das Vögeln gefallen lassen, weil es mit Umarmung und körperlicher Nähe zu tun hat. Sie sei ihren Freundinnen zu traurig, es würden sich nur oberflächliche Gespräche ergeben, ihr Rollstuhl sei kaputt und werde seit Monaten nicht repariert, sie käme nicht alleine aus dem Haus, der Pflegedienst zocke sie ab, bei ihrem Studium fühle sie sich ausgebrannt.

Heute morgen meinte sie zu mir, sie hätte die erste Nacht seit Wochen mal wieder mehr als zwei Stunden am Stück geschlafen. Und ich habe sie davon überzeugen können, mitzukommen. Zu mir und Marie für eine weitere Nacht. Ich habe meine Verabredung dann doch noch kurzfristig abgesagt. Morgen früh holt sich Sina von Maries Mutter eine Einweisung, falls es bis dahin keine bessere Idee gibt. Dann hat sie zumindest eins: Eine vernünftige Hausärztin, die ihr helfen kann, wieder auf einen guten Weg zu kommen. Ich glaube, Sina ist einfach nur überfordert und alleine. Und sie käme zurecht, wenn sie jemanden hätte, der ihr hin und wieder mal die Hand reicht. Und mit dem sie reden könnte. Im Moment schnibbelt sie mit Marie ein Mittagessen für uns zusammen. Ich drücke ihr die Daumen, dass sie aus ihrem Loch schnell wieder rauskommt. Sowohl aus dem seelischen als auch aus der komischen Wohnung.

Mittwoch, 16. September 2015

Plätschern, rieseln, pullern

Oft kommt es ja nicht vor, dass man mich morgens in einem Supermarkt antrifft. Aber heute bin ich um eine Lebenserfahrung reicher geworden. Nämlich dass morgens grundsätzlich nur schwerhörige Omas und Opas einkaufen.

Nicht etwa, dass mir ein paar Gehwagen im Weg gestanden hätten. Und niemand auf meine Bitte reagiert hätte, sie beiseite zu schieben. Keineswegs. Im Gegenteil, der Laden war so gut wie leer. Es wurden an etlichen Stellen die Regale aufgefüllt, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wuselten hin und her.

Normalerweise, wenn ich einkaufe, plätschtert im Hintergrund irgendeine Musik. Manchmal rieselt sie auch, manchmal pullert sie - ich habe da schon die vielfältigsten Umschreibungen gehört. Meistens sind es mehr oder weniger aktuelle Charts, manchmal könnte man denken, die lassen einfach ein Radio laufen. Hin und wieder wird diese Musik unterbrochen und die neuesten Angebote (ab sofort: Australischer Spargel), irgendwelche Werbe-Aktionen (nur hier, nur heute) oder Lebenstipps (Wenn der PC raucht, sollten Sie ihn reinigen) sowie die Toilettengewohnheiten von Frau Müller (Frau Müller bitte Siebenhundert) und der Ort des nächsten zerbrochenen Gurkenglases (Einhundert bitte zu den Sauerkonserven) werden durchgesagt.

Heute war alles anders: Zuerst war es seltsam still, dann, plötzlich, wie aus dem Nichts, brandete Volksmusik auf. Muss i denn zum Städtele hinaus, heut kommt der Hans zu mir, die Katja hat ja Wodka im Blut. In einer Lautstärke, dass eine normale Unterhaltung nicht mehr möglich gewesen wäre. Man hätte schreien und zum Telefonieren nach draußen gehen müssen. In den ersten Sekunden habe ich das noch für irgendeine dämliche Werbung gehalten und erschrocken dreingeblickt, nach einigen Minuten war es nur noch lästig.

Es veranlasste mich regelrecht, auf dem direkten Weg zur Kasse zu rollen und den Laden zu verlassen. Es nervte tierisch. Und während ich da in der Schlange wartete, wurde es noch einmal lauter: Es muhte keine Kuh. Sondern ein Typ blökte ins Mikro: "Muh! Muh! Muuuhuuu!" - Man sollte irgendeine Milchpackung suchen, in der ein Gewinn versteckt ist. Und kurz nachdem lautstark mit Jahrmarktgekreische und Karusselltröten auf das Münchener Oktoberfest hingewiesen wurde, muhte es erneut. Der Mann vor mir versuchte, Kontakt mit der Kassiererin aufzunehmen und musste brüllen: "Sag mal, seid ihr nicht ganz dicht? Was ist das für ein Lärm hier? Wollt ihr eure Kunden verscheuchen, oder was soll das?"

"Das ist Werbung, die wird aus der Zentrale eingespielt. Morgens ist das immer etwas lauter, weil viele alte Menschen hier sind. Wir können das nicht regulieren und heute ist das besonders laut. Mein Chef hat da aber in der Zentrale schon aufs Band gesprochen, dass das zu laut ist.", brüllte sie zurück. "Macht zwölf achtzig." - Ich war froh, als ich wieder draußen war.