Sonntag, 27. September 2015

Rollstuhlfahrer essen draußen

Im Jahr 2015 dürfen öffentliche Einrichtungen nur noch barrierefrei gebaut werden. Oder zumindest nach einer entsprechenden Vorschrift, die weitestgehende Zugänglichkeit für Menschen mit Beeinträchtigungen sicherstellt. Wesentliche Bestimmungen gelten zum Beispiel für die Gastronomie. So wäre es in der Regel unzulässig, eine bereits barrierefreie Gaststätte nun so umzubauen, dass künftig eine Stufe vor dem Eingang ist und im Rollstuhl fahrende Menschen ab sofort draußen bleiben müssen. Eigentlich.

Im Hamburger Hauptbahnhof gibt es eine Fressmeile mit verschiedenen gastronomischen Einzelbetrieben. Viel fettiges Junkfood, aber als Kompromiss gibt es durchaus die eine oder andere essbare Kleinigkeit. Insbesondere dann, wenn selbst zu kochen oder langes Suchen nicht in Frage kommen. Hin und wieder, vielleicht vier Mal im Jahr, kommt es vor, dass ich mir, meistens zusammen mit anderen Leuten, mit denen ich gerade unterwegs bin, von Sub Wayne zeigen lasse, wo das Brötchen die Körner hat, und ein frisches Sandwich esse. Na gut, ein halbes.

Mit Erstaunen musste ich in der letzten Woche feststellen, dass sämtliche Stühle und Tische dort nun auf einem Podest stehen, auf das ich als Rollstuhlfahrerin nicht mehr komme. Ich kann mich dort also nicht mehr an einen Tisch setzen, sondern muss meine Speise und mein Getränk mitnehmen und draußen essen. Kann das sein? Warum ist das so?

"Entschuldigung, wo können wir uns denn hinsetzen?", fragte ich die Bedienung hinter der Theke. Vier Mitarbeiter guckten sich gegenseitig ratlos an. Früher war mal wieder alles besser: Da konnte man einfach ein paar Stühle zur Seite schieben und sich an einen der Tische setzen, heute geht das nicht mehr. Die Nachbartische sind auch alle für die dortigen Kunden reserviert und der Notausgang muss frei bleiben. Sonst hätten wir uns zu viert mit jeweils einem Tablett auf dem Schoß einfach mal eine Zeitlang dorthin gestellt. Aber vier Rollstühle im Notausgang? Das geht nun wirklich nicht.

"Ist doch schönes Wetter heute", befand die Dame an der Kasse. Marie schwoll der Kamm. Bevor sie etwas sagen konnte, mischte sich ein Kunde, Mitte Dreißig, ein: "Ähm, haben Sie nicht irgendwo einen Klapptisch, den Sie für die Fälle irgendwo hinstellen können?" - "Nein. Es gibt so viele Sitzgelegenheiten draußen, ich sehe das Problem nicht." - "Und wenn es regnet?", fragte der Mann. Die Antwort kam prompt: "Es regnet aber nicht. Hören Sie, das haben unsere Chefs von oben so angeordnet, ich kann es nicht ändern und ich will das auch nicht diskutieren", sprach sie und wandte sich wieder ihrer Kasse zu.

"Wollen Sie was bestellen?", fragte mich ein anderer Mitarbeiter. Ich antwortete: "Nö. Was meinen Sie, wie ich als Rollstuhlfahrerin mit Essen und Getränk in der Hand nach draußen komme? Und dann setze mich auf den Bahnhofsvorplatz zwischen Taxistand und Pissoir?" - Er zuckte erneut mit den Schultern und sagte: "Ich weiß es nicht."

Aber ich weiß es: Nein! Tschüss!

Freitag, 25. September 2015

Distanz macht einsam

Ich amüsiere mich gerade über eine Kommilitonin. Sie gehört zu jenen Menschen, die nur schwer andere Meinungen akzeptieren können. Und die leider auch ständig andere Meinungen haben. Nämlich im Zweifel die des Gegenüber. Soll heißen: Sie redet ihren "Freunden" nach dem Mund oder trifft sich nur mit jenen, die absolut ihrer Meinung sind.

Wir haben uns anfangs mal ganz gut verstanden. Bis die Diskussion auf das Thema "Tatoos" kam. Ich bin absolut dagegen, meinen Körper bemalen zu lassen. Weder dezent noch als Litfaßsäule. Ich akzeptiere es aber, wenn andere Menschen mit ihrem Körper etwas anderes machen. Jene Kommilitonin sah das anfangs so wie ich.

Inzwischen hat sie sich aber überzeugen lassen, dass Tatoos doch toll sind. Was ich auch in Ordnung finde. Man kann Meinungen ja auch mal ändern. Weil man vielleicht Argumente findet, die man vorher nicht betrachtet hat. Oder ihnen plötzlich ein anderes Gewicht beimisst. Oder, oder, oder.

Ich habe kein Problem damit, wenn Menschen andere Meinungen haben als ich. Im Gegenteil. Ich diskutiere gerne. Ich finde es spannend, Argumente auszutauschen. Ich lasse mich auch gerne mal überzeugen. Und ich finde Menschen interessant, die ein anderes Profil haben als ich. Bei manchen Meinungsverschiedenheiten sehe ich das Bild einer dicken Wildsau vor mir, die sich genüsslich an einer Eiche schubbert. Manchmal fühle ich mich als Eiche, manchmal auch als Wildsau. Wichtig finde ich nur immer, dass es fair und sachlich bleibt.

Was ich nicht leiden kann, ist, wenn man dann zunächst so tut, als wäre man nie anderer Meinung gewesen. Und dann, nach dem Motto "Angriff ist die beste Verteidigung", andere Menschen, in diesem Fall mich, blöde anmacht, warum ich so bieder sei. Untätowierte Haut sei doch wohl absolut langweilig.

Ich weiß nicht, warum ich mich dafür überhaupt rechtfertige. Vielleicht, weil jene Kommilitonin inzwischen durch die Gegend zieht und überall Unsinn über mich erzählt. Schlichtweg Lügengeschichten. Da sitzen einfach ein paar Leute zusammen und schaukeln sich gegenseitig hoch. Beim Tatoo-Thema beginnt es, dann werden andere Anekdoten hinzugefügt, von denen ein Viertel ausgeschmückt und drei Viertel ausgedacht sind. Manchen hätte ich es zugetraut, andere hätte ich für intelligenter gehalten. Und zum Glück bin ich nicht so schlecht vernetzt, dass ich das nicht mitbekomme. Vielleicht hatte sie gehofft, mir nach dem Wechsel meiner Uni nie mehr über den Weg zu laufen?

Es gibt wirklich Menschen, die glauben, ihre Persönlichkeit reife durch Abgrenzung. Das ist ein Irrtum.

Ich möchte mein Leben mal mit einem Aquarium vergleichen. Es sind viele tolle und bunte Fische drin. Es macht durchaus Sinn, Regeln zu haben und gemeinsam deren Einhaltung zu überwachen. Aber wenn ich beginne, die Fische rauszuholen, die mir nicht 100%ig gefallen, wird mein Leben nicht reicher. Sondern ärmer. Bis ich den letzten Fisch entfernt habe, weil mir seine rote Flosse zuwider war. Und alleine im Wasser meine Bahnen ziehe. Im ersten Moment ist es vielleicht schön, ein ganzes, großes Becken für sich alleine zu haben. Aber dann?

Distanz macht einsam.

Mittwoch, 23. September 2015

Ich sehe dich

Endlich, nach langer Zeit, bin ich heute mal wieder dazu gekommen, in Ruhe zu trainieren und bin fast vier Kilometer geschwommen. Hatte mit der Ausdauerleistung keine Probleme, habe auf meine Technik achten können, habe von Philipp regelmäßig Feedback bekommen und war herrlich ausgepowert am Ende. Draußen regnete es, der Vollmond stand am Himmel, es war ungewöhnlich warm - beste Gelegenheit, um dem Außen-Whirlpool noch einen Besuch abzustatten. "Dein Rollstuhl bleibt drinnen, ich trage dich raus", meinte er. "Sonst wird der nass."

Zack, nahm er mich auf den Arm. Jetzt nur nicht hinfallen auf den nassen Fliesen. Die schwere Glastür nach draußen war das größte Hindernis. Er konnte sich natürlich nicht nehmen lassen, anzudeuten, dass er mich in den Whirlpool werfen würde. Tat er natürlich nicht, aber für einen Moment habe ich mich tatsächlich erschrocken. Obwohl ich diese Spielchen eigentlich kenne. Zum Glück neige ich nicht dazu, laut zu kreischen. Wir waren alleine, auch in dem regulären Außenschwimmbecken war niemand mehr. Es war schon sehr spät und die wenigen Besucher, die um diese Zeit noch in der Anlage waren, saunten offenbar. Auf Sauna hätte ich ja auch mal wieder Lust gehabt, aber dafür hatten wir keine Karte gelöst. Und zu spät war es auch.

Der Pool war angenehm warm. Der Regen war nicht stark genug, um die Dampfschwaden niederzuschlagen. So konnte man nicht sofort alles sehen, das fand ich gut. Geblubbert wurde allerdings gerade nicht, ich hoffte, dass das lediglich an dem Zyklus lag und nicht an einer generellen Abschaltung. Philipp ließ mich gar nicht erst los, sondern fiel gleich knutschend über mich her. Ich umklammerte ihn. "Fliegen wir raus, wenn du deinen Badeanzug ausziehst?", fragte er. Ob das ernst gemeint war oder ob er mich damit nur verrückt machen wollte, wusste ich nicht. Ich wusste aber die Antwort: Ich zog meine Träger über die Schultern und den Stoff bis unter die Brust hinunter.

Philipp drückte mich eng an sich heran. Würde er mir jetzt das Ding komplett ausziehen, ich glaube, ich hätte es zugelassen. Als Ausrede hätte ich dann dem Bademeister gesagt, dass ich gedacht hätte, es wäre heute textilfreies Baden (was sonst an einem anderen Wochentag abends ist). Aber ziemlich bald begann das Geblubber wieder. Ich mag gar nicht schreiben, wie das geendet ist. Ausgezogen hat er mich nicht, aber das war auch nicht unbedingt nötig. Meine Sorge, dass er mich hinterher nicht mehr aus dem Becken tragen könnte, bestätigte sich nicht.

Als wir an dem Glashaus vorbei kamen, in dem die Bademeisterin, geschätzt 20 Jahre alt, saß, fiel mein Blick beiläufig auf dort angebrachte Kontrollmonitore. Einer davon hatte den Whirlpool in Großaufnahme. Mir wurde für zwei Sekunden richtig schwindelig. Ich guckte sie an, sie grinste verschmitzt, kam aus ihrer Kabine. "Soll ich dir die Tür aufhalten?", fragte sie und hielt mir eine Durchgangstür zu den Umkleiden auf. Jede Wette, sie hatte alles genau beobachtet. Sollte ich irgendwas sagen? Ich guckte ihr erneut ins Gesicht. Sie guckte mir in die Augen und grinste erneut. Nein, besser nichts sagen. Mein Gesicht war vermutlich dunkelrot. Und Philipp? Der merkte nichts. Männer.

Montag, 21. September 2015

Sina II

Wir hatten uns mit Maries Mutter eine Stunde vor der regulären Sprechzeit verabredet, damit sie Sina kennenlernen kann und genug Zeit für sie haben würde. Während Maries Mutter sich mit ihr in ein Sprechzimmer zurückzog, bekamen Marie und ich ein zweites Frühstück - zusammen mit Maries Papa, der heute später zum Dienst musste. Einerseits tat es mir ja leid, dass wir nun ihr gemeinsames Frühstück störten, andererseits hatte Maries Mutter ausdrücklich darum gebeten, mit Sina eine Stunde eher zu kommen. Und so, wie es aussah, waren die beiden auch schon so gut wie fertig. Mit dem Frühstücken. Sina bekam einen Becher Tee angeboten, Maries Mama nahm ihren Kaffeebecher mit in die Praxis, Marie und ich bekamen noch ein leckeres Brötchen und Maries Papa war für eine knappe Stunde Hahn im Korb.

Ein (halbes) Fenster war offen (gekippt), und draußen kamen die ersten Patienten. Eine junge Frau wurde von ihrem Freund auf einem knatternden Kult-Motorrad in die Sprechstunde gebracht. Gäbe es einen Drive-In, wäre er sicherlich direkt bis in die Praxis gefahren. Man hatte das Gefühl, er wollte der ganzen Straße mitteilen, was für ein tolles, blitzendes und poliertes Motorrad er fuhr. Jede Wette, dass die Lärmvorschriften nicht eingehalten wurden. Man verstand in der Küche sein eigenes Wort nicht mehr und hatte das Gefühl, der Tisch würde wackeln. Als der Motor endlich verstummt war, sagte Maries Vater (und Andi Feldmann hätte die Stimmlage von Meister Röhrich nicht besser hinbekommen): "Sach ma, tut das Not, dass das Moped sooo laut is?"

Bis vor einigen Jahren hätte ich damit so gar nichts anfangen können. Aber Maries Eltern haben großen Wert auf die kulturelle Teilhabe ihrer Tochter gelegt - und nicht zuletzt durch den uneingeschränkten Zugang zu Papas DVD-Sammlung entscheidende Pflöcke eingeschlagen. Und das färbt eben manchmal ein wenig ab. Zumindest die erste Folge mit dem legendären Oberligaspiel im Kieler Zwietrachtstadion kann Marie inzwischen fehlerfrei mitsprechen. Marie krümmte sich vor Lachen. Irgendwann tickte ich sie an: "Luft holen nicht vergessen!" - "Der Auspuff ist abgefallen", stammelte sie mit Lachtränen in den Augen. Wer diese absolut banale Szene nicht kennt, hält uns vermutlich für reichlich bescheuert.

Kurz darauf bat uns Maries Mama, auch in die Praxis zu kommen. Sina saß wie ein Häufchen Elend in ihrem Rollstuhl, eine Spenderbox Taschentücher auf ihrem Schoß. "Es gibt im Leben Situationen, da kommt man aus einem Karussell nicht mehr ohne Hilfe raus. Alles ist zum Kotzen, alles dreht sich im Kreis und man hat keinerlei Kraft mehr, daran etwas zu ändern. Es bringt nichts, wenn wir sie mal eben aus diesem Karussell rausschubsen, sondern es muss jetzt auch was gegen Schwindel, Übelkeit, Einsamkeit, Kraftlosigkeit, gegen den Kater am Morgen danach und gegen alles, was einen da sonst noch so beherrscht, unternommen werden. Wir haben uns gemeinsam dazu entschieden, dass Sina in eine psychiatrische Klinik geht, noch heute und direkt von hier. Wir haben auch bereits mit einem Kollegen telefoniert, der sie aufnehmen wird. Ich mache jetzt noch die Einweisung fertig, den Transportschein - und dann wird das schon wieder." - Sina nickte. Tränen kullerten über ihre Wangen. Ich nahm sie in den Arm. Sie wirkte teilnahmslos. "Wir kommen dich besuchen", versprach ich ihr.

Maries Mutter drückte ihr den ganzen Papierkram in die Hand, der aus dem Drucker gekommen war. "Warum bin ich ein Notfall?", fragte sie. Maries Mutter antwortete: "Das ist meine Einschätzung, Sina. Aufnahme sofort. Ich möchte Sie keine Nacht mehr alleine lassen. Und auch keinen halben Tag mehr." - "Ich habe Ihnen doch versprochen, dass ich mir nichts antue." - "Darum geht es nicht. Sie leiden. Und genauso wie ich jemanden mit akuter Blinddarmentzündung nicht noch eine Nacht nach Hause ins Bett schicke, fahren Sie jetzt auch direkt in die Klinik."

Während Maries Mutter noch etwas in den PC hackte, fragte Sina: "Wie soll ich das denn mit meinen Klamotten machen? Ich muss doch was zum Anziehen haben." - "Kann Ihr Freund Ihnen nichts bringen?" - "Ich möchte niemanden in meine Schränke gucken lassen." - "Haben Sie keine gute Freundin, der Sie Ihre Geheimnisse anvertrauen können?" - Sina schüttelte den Kopf, guckte mich dann aus dem Augenwinkel an, und als sie merkte, dass ich sie ebenfalls anguckte, lächelte sie verlegen. - "Ich kann dir Sachen rausholen, kein Problem. Mich interessieren deine Joints und dein Vibrator auch nicht." - "Kannst du mir versprechen, dass du nur Klamotten rausholst und nicht alles durchwühlst?" - "Sina! Jetzt spinn mal nicht rum. Solange mir keine scharfen Handgranaten entgegen purzeln, behalte ich das für mich, was ich da sehe. Ich gucke auch weder in deine Tagebücher noch in deine Fotoalben." - "Die sind eh verschlossen. Darum geht es nicht." - "Du misst dem viel zu viel Bedeutung zu. Was würdest du denn über mich denken, wenn du das, was ich nicht sehen soll, bei mir im Schrank finden würdest?" - "Dann würde ich denken: Jule ist ein kleines Schwein." - "Ein kleines oder ein großes?" - "Nein, nur ein kleines", lachte Sina, wischte sich die Tränen weg und drückte mir ihren Wohnungsschlüssel in die Hand.

Sonntag, 20. September 2015

Sina

Sina fiel beim Fensterputzen aus dem zweiten Stock und ist seitdem querschnittgelähmt. Ich hatte seit ihrem Unfall vor zwei Jahren mehrmals Kontakt zu ihr. Immer mal wieder für ein paar Stunden. Kennengelernt habe ich sie beim Warten auf eine Kontrolluntersuchung. Wir saßen zusammen im Wartezimmer, kamen ins Gespräch, tauschten Nummern aus, trafen uns zum Quatschen. Immer für ein bis zwei Stunden, mehr nicht. In den letzten neun Monaten vielleicht insgesamt drei Mal.

Gestern abend klingelte gegen halb neun mein Handy. Ich guckte drauf und sah ihre Nummer. Eigentlich hatte ich nach mehreren Kilometern Schwimmtraining gar keinen Bock mehr, jetzt noch lange zu telefonieren, aber wir könnten uns ja kurz für einen anderen Tag verabreden. Als ich mich meldete, war auf der anderen Seite eine eher emotionslos wirkende Stimme, die mir ohne lange Umschweife erzählte, dass ich in ihrer Liste von Leuten stehe, die sie im Notfall anrufen könnte.

Ich fragte direkt zurück: "Bist du in Not?" - "Ja", antwortete eine verschnupft, vermutlich verheult klingende Stimme seufzend. - Ich fragte: "Kannst du frei sprechen?" - "Jaja, ich bin alleine zu Hause. Mir geht es nicht gut. Ich überlege schon wieder, ob ich mich umbringen soll. Ich werde es nicht tun, weil ich leben möchte, aber ich denke schon wieder darüber nach, wie es sein würde, wenn alles vorbei ist. Das ist für mich ein Zeichen, dass ich dringend Hilfe brauche, bevor diese Gedanken in den nächsten Tagen siegen. Ich werde am Montag in die Klinik gehen und mich aufnehmen lassen. Ich weiß, wir kennen uns eigentlich kaum, aber wir hatten immer so schöne Gespräche miteinander. Ich will nicht lange um den heißen Brei reden: Meinst du, du könntest heute nacht zu mir kommen und bei mir schlafen? Das würde mir sehr helfen."

Uff. Nee. Ja. Ach du Scheiße. Das klang wie abgelesen. Ich antwortete: "Ich brauche eine Stunde, bis ich bei dir bin." - "Ich kann warten, wenn ich weiß, dass du kommst." - "Ich komme. Aber nur bis morgen früh, danach muss ich wieder weg." - "Das hilft mir schon. Für die nächste Nacht finde ich auch noch jemanden. Ich sollte nicht alleine sein, die Nächte sind am schlimmsten."

Kurz vor zwölf stand ich vor einem heruntergekommenen Mietshaus. Sie bewohnt eine Einzimmerwohnung im Erdgeschoss. Es gibt ein vielleicht zwölf Quadratmeter großes Zimmer mit Kochniesche, dazu ein Bad - und ein etwa ein Meter breites und fünfzig Zentimeter hohes Fenster direkt unter der Decke. Vor dem Fenster stand ein Baum und eine Straßenlaterne. Hier würde ich auch depressiv werden. Ich wage sogar zu bezweifeln, dass dieses Loch (ohne vernünftiges Fenster) überhaupt zum Wohnen zugelassen ist. Beklemmend fand ich es. Und kalt.

Wir standen für zwei Stunden im Raum, guckten uns an, sie schüttete mir ihr Herz aus. Ihr langjähriger Freund hatte anlässlich ihres Unfalls mit ihr Schluss gemacht, jetzt hatte sie eine Beziehung, in der er vögeln und sie umarmt werden wollte. Sie hat sich das Vögeln gefallen lassen, weil es mit Umarmung und körperlicher Nähe zu tun hat. Sie sei ihren Freundinnen zu traurig, es würden sich nur oberflächliche Gespräche ergeben, ihr Rollstuhl sei kaputt und werde seit Monaten nicht repariert, sie käme nicht alleine aus dem Haus, der Pflegedienst zocke sie ab, bei ihrem Studium fühle sie sich ausgebrannt.

Heute morgen meinte sie zu mir, sie hätte die erste Nacht seit Wochen mal wieder mehr als zwei Stunden am Stück geschlafen. Und ich habe sie davon überzeugen können, mitzukommen. Zu mir und Marie für eine weitere Nacht. Ich habe meine Verabredung dann doch noch kurzfristig abgesagt. Morgen früh holt sich Sina von Maries Mutter eine Einweisung, falls es bis dahin keine bessere Idee gibt. Dann hat sie zumindest eins: Eine vernünftige Hausärztin, die ihr helfen kann, wieder auf einen guten Weg zu kommen. Ich glaube, Sina ist einfach nur überfordert und alleine. Und sie käme zurecht, wenn sie jemanden hätte, der ihr hin und wieder mal die Hand reicht. Und mit dem sie reden könnte. Im Moment schnibbelt sie mit Marie ein Mittagessen für uns zusammen. Ich drücke ihr die Daumen, dass sie aus ihrem Loch schnell wieder rauskommt. Sowohl aus dem seelischen als auch aus der komischen Wohnung.

Mittwoch, 16. September 2015

Plätschern, rieseln, pullern

Oft kommt es ja nicht vor, dass man mich morgens in einem Supermarkt antrifft. Aber heute bin ich um eine Lebenserfahrung reicher geworden. Nämlich dass morgens grundsätzlich nur schwerhörige Omas und Opas einkaufen.

Nicht etwa, dass mir ein paar Gehwagen im Weg gestanden hätten. Und niemand auf meine Bitte reagiert hätte, sie beiseite zu schieben. Keineswegs. Im Gegenteil, der Laden war so gut wie leer. Es wurden an etlichen Stellen die Regale aufgefüllt, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wuselten hin und her.

Normalerweise, wenn ich einkaufe, plätschtert im Hintergrund irgendeine Musik. Manchmal rieselt sie auch, manchmal pullert sie - ich habe da schon die vielfältigsten Umschreibungen gehört. Meistens sind es mehr oder weniger aktuelle Charts, manchmal könnte man denken, die lassen einfach ein Radio laufen. Hin und wieder wird diese Musik unterbrochen und die neuesten Angebote (ab sofort: Australischer Spargel), irgendwelche Werbe-Aktionen (nur hier, nur heute) oder Lebenstipps (Wenn der PC raucht, sollten Sie ihn reinigen) sowie die Toilettengewohnheiten von Frau Müller (Frau Müller bitte Siebenhundert) und der Ort des nächsten zerbrochenen Gurkenglases (Einhundert bitte zu den Sauerkonserven) werden durchgesagt.

Heute war alles anders: Zuerst war es seltsam still, dann, plötzlich, wie aus dem Nichts, brandete Volksmusik auf. Muss i denn zum Städtele hinaus, heut kommt der Hans zu mir, die Katja hat ja Wodka im Blut. In einer Lautstärke, dass eine normale Unterhaltung nicht mehr möglich gewesen wäre. Man hätte schreien und zum Telefonieren nach draußen gehen müssen. In den ersten Sekunden habe ich das noch für irgendeine dämliche Werbung gehalten und erschrocken dreingeblickt, nach einigen Minuten war es nur noch lästig.

Es veranlasste mich regelrecht, auf dem direkten Weg zur Kasse zu rollen und den Laden zu verlassen. Es nervte tierisch. Und während ich da in der Schlange wartete, wurde es noch einmal lauter: Es muhte keine Kuh. Sondern ein Typ blökte ins Mikro: "Muh! Muh! Muuuhuuu!" - Man sollte irgendeine Milchpackung suchen, in der ein Gewinn versteckt ist. Und kurz nachdem lautstark mit Jahrmarktgekreische und Karusselltröten auf das Münchener Oktoberfest hingewiesen wurde, muhte es erneut. Der Mann vor mir versuchte, Kontakt mit der Kassiererin aufzunehmen und musste brüllen: "Sag mal, seid ihr nicht ganz dicht? Was ist das für ein Lärm hier? Wollt ihr eure Kunden verscheuchen, oder was soll das?"

"Das ist Werbung, die wird aus der Zentrale eingespielt. Morgens ist das immer etwas lauter, weil viele alte Menschen hier sind. Wir können das nicht regulieren und heute ist das besonders laut. Mein Chef hat da aber in der Zentrale schon aufs Band gesprochen, dass das zu laut ist.", brüllte sie zurück. "Macht zwölf achtzig." - Ich war froh, als ich wieder draußen war.

Sonntag, 13. September 2015

Mecha-Nick

Kennt jemand Nick? Also den Tech-Nick? "Bei Technik-Fragen Tech-Nick fragen", sollte allen Werbegeschädigten doch ein Begriff sein. Davon abgesehen, dass ich den Tech-Nick Antoine Monot in einer Episoden-Hauptrolle im letzten ARD-Tatort ganz gut fand (die Episode selbst war mir ein wenig zu brutal und es gab mal wieder zu viele Leichen), schien der Besitzer einer Gaststätte in Hamburg jedenfalls zumindest in seinen Werbenamen verliebt gewesen zu sein, als er die Klotür beklebte.

Zum Glück hat er nicht Micha-Nick geschrieben. Während Marie und ich vor der Tür warteten, überlegten wir, wen wir wohl erhalten würden, wenn wir den Schalter benutzen. Wer wohl Mechanick sein könnte. Und vor allem, was er tut, wenn man den Schalter drückt. Kommt er nur? Darf man ihn mitnehmen? Singt er was vor? Oder ist er für Schweinkram zu haben? Vielleicht sollte ich nicht zu viel darüber nachdenken.