Freitag, 10. November 2017

Gangster und Agenten

Es war mal wieder eine aufwühlende Zeit. Der Schichtdienst, in den man mich inzwischen mehr oder weniger vollständig eingebunden hat, ist eine ziemliche Herausforderung. Ich meine, einerseits bin ich ja froh, dass dieses Krankenhaus mich "normal" behandelt und mir vertraut. Und offenbar mit dem, was ich in meiner Schicht tue, einverstanden bis zufrieden ist. Vielleicht ist es auch einfach nur der Personalstruktur geschuldet, so dass man alles einsetzt, was irgendwie ein Stethoskop und ein Telefon richtig herum halten kann. Denn eigentlich soll man im PJ ... ach, lassen wir das.

Andererseits weiß ich schon jetzt, was ich später nicht machen möchte. Auch wenn es mir irgendwie Spaß macht. Aber in einer chirurgischen Aufnahme hat man zwangsläufig mit Menschen zu tun, mit denen man eigentlich nicht zu tun haben möchte - falls mal jemand fragt. Man lebt nicht nur gefährlich, sondern hat oft das Gefühl, sich schlafen zu legen wäre sinnvoller als zu arbeiten. Zum Beispiel, wenn jemand mit einem eingewachsenen Nagel nachts um halb drei von mir verlangt, die Blutung am kleinen Zeh zu stillen. Oder in einer herbstlich bedruckten Serviette fünf haselnussgroße stinkende Kotkügelchen mitbringt, um ein Abführmittel ausgehändigt zu bekommen.

Vor zwei Monaten hatte ich über einen Nachbarn geschrieben, der mit 71 Jahren nach hohem täglichen Alkoholkonsum in "mein" Krankenhaus eingeliefert wurde. Er hatte einen Entzug begonnen und ich war verhalten optimistisch, dass er anschließend auch versuchen wird, die psychische Abhängigkeit in den Griff zu bekommen.

Ich habe ihn in meiner Dienstzeit mit dem Segen meiner Chefin immer mal wieder besucht. Einmal pro Schicht. Einerseits, weil ich natürlich wissen wollte, was aus ihm wird. Andererseits, weil er keinen Besuch bekam. Von niemandem. Niemand aus der Familie interessierte sich für ihn. Keine Freunde, einfach niemand. Absolut traurig.

Gleich bei meinem ersten Besuch sprach mich der behandelnde Assistenzarzt an. Wollte weitere Informationen von mir, die ich aber gar nicht hatte. Wir lebten schließlich nur unter einem Dach, hatten sonst nichts miteinander zu tun. "Er hat nach dir gefragt. Und er hat gesagt, dass ich mit dir alles besprechen soll und du für ihn entscheiden sollst, was gut für ihn ist." - "Das möchte ich gar nicht. Er kann sich mit mir gerne beraten, sofern ich das als PJlerin überhaupt überblicke, aber ich werde nichts für ihn entscheiden."

Ich sprach ihn darauf an. Er relativierte: "Es ist so, dass hier alle paar Stunden jemand anderes für mich zuständig ist. Dann wieder der eine, dann wieder der andere. Je nach Schicht. Zu Ihnen habe ich Vertrauen. Können wir nicht miteinander sprechen, bevor ich wichtige Entscheidungen treffe?"

Also habe ich mich informiert. Mit den ersten Untersuchungen hatte man eine Anämie festgestellt, also einen Blutmangel. Dabei ist zu wenig Hämoglobin im Blut. Hämoglobin ist ein Protein, das den Sauerstoff transportiert. Hat man zu wenig davon, muss das Herz schneller schlagen, um den Sauerstofftransport im Blut aufrecht zu halten, und man ist ständig "außer Atem", schon bei geringer Belastung. Die Ursache könnte falsche Ernährung sein, so dass zu wenig Eisen aufgenommen wird. Ohne Eisen gibt es nicht genug rote Blutkörperchen, ohne neue rote Blutkörperchen gibt es kein neues Hämoglobin. Es kann aber auch ein Blutverlust ursächlich sein. Oder beides. Oder noch was anderes.

Nun hatte man bei ihm sowohl eine Mangel-Ernährung angenommen (er hatte sich ja fast nur noch von alkoholischen Getränken "ernährt"), zumal auch alle wichtigen Vitamine fehlten, was insbesondere bei verschiedenen B-Vitaminen auch höllische Nervenschmerzen machen kann, hatte aber auch Werte im Blut gemessen, die auf einen entzündlichen Vorgang im Körper hinwiesen. Und eine Entzündung kann auch mit Blutverlust einhergehen.

"Sie wollen, dass ich eine Magenspiegelung machen lasse", sagte er. "Würden Sie mir das zu- oder abraten?" - "Weder noch", sagte ich. Ich erklärte ihm, was da passiert, und welchen Sinn es hat. Am Ende stimmte er zu. Ich fragte meine Chefin, ob ich dabei sein dürfte. Ich durfte. Und ob es ihm recht wäre. Sehr recht. Und wie zu erwarten war, nach jahrelangem Alkoholmissbrauch, war die Magenschleimhaut überall entzündet, zwei blutende Geschwüre am Übergang zum Zwölffingerdarm zu sehen - könnte sein, dass daher die Entzündungszeichen im Blut kamen.

Nach der Narkose entwickelte er ein Delir, also eine Verwirrtheit. Er wusste teilweise nicht mehr, wo er war, wer er war, war unruhig, fahrig, redete dummes Zeug. Von nächtlichen Überfällen durch irgendwelche Gangster (vermutlich hatte jemand Fieber gemessen). Das ist nicht ungewöhnlich. Zwischenzeitlich, vor allem morgens, wurde er aber wieder klar. An einem Morgen sprach mich die Schwester an: "Ihr Vater hat nichts anzuziehen. Vielleicht schaffen Sie es ja trotz Ihrer Behinderung mal, drei Hemden oder so zu kaufen."

Was für eine blöde Schrippe! Nicht, weil sie annahm, er könnte mein Vater sein. Sondern für diese Bemerkung mit der Behinderung. Dennoch fuhr Socke nach Feierabend bei Clemens und August vorbei, um ein paar Schlübber und ein paar T-Shirts für ihn zu kaufen. Und Socken, weil er kalte Füße hatte. Socke veranlasste auch, dass der Friseur und die Fußpflege zu ihm kamen, da weder die langen Haare noch die langen Fußnägel wirklich schön aussahen. Das alles kostete mich mal eben 90 Euro.

Alkohol wollte er keinen. "Ich trinke nicht mehr", sagte er. Seit Tagen bekam er immer wieder Fieberschübe. In einer Blutkultur stellte man fest, dass sein Blut mit Alpha-Streptokokken besiedelt war. Man weiß, dass diese ebenfalls Hämoglobin abbauen. In diesem Fall vermutete ich, dass sie über die kariösen Zähne in die Blutbahn gekommen waren. Viele dieser Stämme greifen die Herzklappen an, teilweise so sehr, dass sie durch künstliche Herzklappen ersetzt werden müssen. Erstmal konnte ein Antibiotikum erreichen, dass der Befall massiv eingedämmt wurde. Solange die Baustellen im Mund jedoch nicht geschlossen werden, wäre der Erfolg aber wohl nur von kurzer Dauer.

"Können Sie mir einen Gefallen tun?", fragte er mich an einem Morgen, völlig klar. Ich antwortete: "Das kommt auf den Gefallen an." - "In meiner Wohnung liegt Geld. Mein Nachbar, der Herr ..., hat einen Wohnungsschlüssel. Ich möchte nicht, dass das Geld plötzlich weg ist. Ich möchte, dass Sie sich Ihr Geld für den Friseur und die Fußpflege und die Hemden rausnehmen und den Rest sicherstellen. Machen Sie das für mich? Ich wüsste nicht, wen ich sonst fragen sollte." - "Eigentlich nicht." - "Bitte." - "Ich überlege es mir."

Wollte ich mich da so einbringen? Und einbinden lassen? Andererseits war er nicht nur ein Patient, sondern auch ein Nachbar. Und ich war offenbar im Moment die einzige, die sich um ihn kümmerte. Ein wenig. Ich sprach mit meiner Chefin. Sie riet mir ab. Am Ende müsste ich es selbst entscheiden, verbieten könnte mir das niemand. Bei einem Patienten sehe sie Interessenkonflikte, da würde sie es verbieten, hier sei es zusätzlich ein Nachbar. Schwierige Situation. "Wenn du da rein gehst, nimm einen Zeugen mit. Und zieh dir Handschuhe an, wer weiß, was da alles lebt und wohnt."

In einer Schublade im Schlafzimmer sei ein Umschlag mit mehreren Scheinen. Ich sagte, ich würde mit einer Freundin dort hingehen, damit ich einen Zeugen habe. Er sagte: "Wenn Sie das Geld unterschlagen, ist es weg. Das ist mir aber viel lieber, als wenn der Nachbar es klaut. Aber ich weiß, dass Sie ein ehrlicher Mensch sind." - "Ich mache es nur unter einer Bedingung: Ich zähle es in der Wohnung und überweise es auf ihr Girokonto, bevor ich es an mich nehme. Ich möchte nicht mit Geld herumlaufen, das mir nicht gehört." - "Das ist eine gute Idee. In der Schublade liegt auch meine Bankkarte. Die lassen Sie bitte dort, aber da steht meine Kontonummer drauf. Wenn Sie das für mich machen würden, wäre ich Ihnen sehr dankbar."

Ich kam mir vor wie eine Verbrecherin, als ich mit seinem Schlüssel, den er gerade von der Feuerwehr bekommen hatte (nach der Türöffnungs-Aktion), seine Wohnungstür aufschloss. Jene Bekannte, die mit mir manchmal zusammen schwimmt, war dabei. Beißender Gestank kam aus der Wohnung. Ich blieb gleich hinter der Tür stehen, hielt meinen Ärmel vor den Mund. Meine Bekannte ging zum Fenster und machte erstmal Durchzug. Bekackte Klamotten lagen auf der Erde. Inzwischen eingetrocknet. Verschimmeltes Brot lag auf dem Küchentisch. Überall leere Flaschen, Dosen, Müll. Ich merkte, dass meine Hilfsbereitschaft zu weit ging. Ich bereute in diesem Moment, hier zu stehen. "Wo soll das sein?", fragte mich meine Bekannte. Im Schlafzimmer hatte jemand gegen die Wand gekotzt. "Stoß bloß nirgendwo gegen die Wand", sagte sie zu mir, obwohl ich noch immer hinter der Eingangstür stand. Sie kam mit einer Waffe in der Hand zurück. "Hände hoch", sagte sie.

"Bist du irre? Pack das weg. Wo hast du die her?", fragte ich erschrocken. Sie grinste: "Oberste Schublade. Scheint nur Gas zu sein." - "Weg damit! Bevor sich noch jemand verletzt. Hast du die Kohle?" - "Noch nicht. Warte, hier." - In Handschuhen zählt es sich schlecht. Zudem waren das alles neue Scheine. Nur grüne Hunderter. Sechsunddreißig Stück. Oder? Nach vier Mal zählen waren wir uns sicher. Die Bankkarte war auch da. Ich rief mein Onlinebanking auf. Und erinnerte mich, dass ich ja vom Handy keine Überweisungen vornehmen kann. Aus Sicherheitsgründen. "Lass das alles so liegen. Wir gehen in meine Wohnung, überweisen die Kohle, solange kann das hier noch lüften, und dann holen wir die anschließend."

Gesagt, getan. 3.600 € überwiesen, wieder in die Wohnung, alle Fenster zu, alle Heizungen abgestellt, das Geld im Umschlag zwischen meinen Rücken und die Rückenlehne (nicht, dass das im Treppenhaus oder im Aufzug noch jemand sieht), Tür auf und: "Na, was machen Sie da?" - Zwei uniformierte Menschen. Und zwei weitere kamen gerade die Treppe hochgelaufen. Wie sollte es auch anders sein? Mein Magnet ... ich hasse ihn. "Stellen Sie sich da mal bitte dort an die Wand", sagten sie zu meiner Freundin. Irgendein Ar... aus dem Haus musste dort angerufen haben. Sehr freundlich, man hätte auch einfach mal fragen können. Meine Freundin wurde abgetastet, mich ließ man in Ruhe. Super. So viel Geld in der Tasche, eine Kanone im Nachtschrank, wenn mich einer gefragt hätte, wie ich mir eine blöde Situation vorstelle, hätte ich sie nicht besser beschreiben können.

"Wohnen Sie hier?" - "Nein." - "Was machen Sie hier?" - "Der Mieter, der Herr ..., liegt im Krankenhaus. Ich besuche ihn regelmäßig. Er hat mich gebeten, einmal zu lüften und nach dem Rechten zu sehen." - "Aha. Mit Handschuhen, ja? Ist klar. Haben Sie mal einen Ausweis für mich?" - "Die Wohnung ist sehr schmutzig. Daher die Handschuhe." - Wie gut, dass ich das Geld nicht in mein Portmonee gesteckt hatte. Er fragte: "Stimmt die Adresse hier noch? Dann wohnen Sie hier ja doch." - "Ja, aber nicht in dieser Wohnung." - "In welchem Krankenhaus liegt der Herr ...?" - Ich sagte ihm das Krankenhaus mit Station und Zimmer. Er fragte: "Und Sie sollten was tun?" - "Einmal nach dem Rechten sehen."

Hinter der Nachbartür guckte einer durch den Türspion. Sollte ich winken? Der Polizist sagte: "Ich will ganz ehrlich sein: Für mich wirkt es so, als hätten Sie gewusst, dass Ihr Nachbar nicht kommt und sind mit dem Nachschlüssel, den er Ihnen gegeben hat, damit Sie Blumen gießen, in die Wohnung eingebrochen. Das mit den Handschuhen ist nahezu eindeutig. Meine Kollegin wird Sie daher jetzt beide durchsuchen. Wollen wir das auf der Wache machen oder gehen wir dazu in Ihre Wohnung?" - "Wir gehen in die Wohnung, und ich würde Sie bitten, dass Sie zunächst einmal von unserer Unschuld ausgehen und Kontakt zu dem Nachbarn aufnehmen." - "Wir werden hier vor Ort die Faktenlage festhalten und dann wird die Kripo entscheiden, ob Sie einem Haftrichter vorgeführt werden. Selbstverständlich fragen wir auch noch den Herrn ..., aber ich mache meinen Job auch nicht erst seit gestern."

"Sie sollten wirklich niemanden vorverurteilen." - Das Funkgerät fing an zu brabbeln. Jemand sagte: "Also wir haben hier nochmal mit den Nachbarn gesprochen. Der Anrufer gab uns noch einen weiteren Namen, Herrn ..., der hätte bis vor kurzem noch einen Schlüssel zur Wohnung gehabt, und er hält es für unwahrscheinlich, dass er die Studentin und ihre Freundin damit beauftragt hat, in die Wohnung zu gehen. Der lebte absolut zurückgezogen." - In dem Moment wurde mir klar: Der Nachbar hatte ja gar keinen Schlüssel mehr! Der konnte ja gar nicht an das Geld, weil die Feuerwehr nach der Türöffnung einen neuen Zylinder ins Schloss eingebaut hatte. Der ganze Zirkus war überflüssig! Und ich stecke hier in der Scheiße! Und wenn die da jetzt (abends!) vorbei gingen und ihn fragten, würde er sowieso nur dummes Zeug reden. Aus seinem Delir heraus, was immernoch gerade abends stark ausgeprägt war.

Ich sah mich schon im Knast. Spätestens, wenn man das ganze Geld bei mir findet. Zum Glück hatte ich das vorher überwiesen. Als hätte ich sowas geahnt. Ob mich das noch retten würde? Ein Handy klingelte. Einer der Beamten ging dran. "Also stimmt das doch? Dann haben wir die Personalien und machen hier erstmal nichts weiter? Okay." - So schnell, wie sie gekommen waren, waren sie auch wieder weg. Ohne von dem Geld erfahren zu haben. "Der Herr ... hat gerade meinen Kollegen gesagt, dass er Sie beauftragt hat, in die Wohnung zu gehen. Und der Bettnachbar hat es auch bestätigt. Es tut mir leid, die Fakten sprachen erstmal gegen Sie. Und wir erleben täglich das Gegenteil. Aber es hat sich zum Glück ja schnell geklärt. Auf Wiedersehen!"

Die Tür war gerade zu, da fährt mich meine Bekannte an: "Bist du noch ganz klar? In welche Situation bringst du mich hier? Ich könnte dir gerade echt ein paar knallen." - "Nun beruhige dich doch mal. Woher sollte ich wissen, dass so ein bescheuerter Nachbar gleich die Bullen ruft?" - "Eine Schnapsidee war das." - "Sollen wir den Nachbarn mal zur Rede stellen? Der hätte doch einfach nur mal klingeln brauchen." - "Nee. Am Ende ruft der nochmal die Bullen, wenn wir da klingeln. Wir hätten ja auch eine Waffe haben können, warum sollte er klingeln?"

Am nächsten Morgen erzähle ich die Story meiner Chefin. "Ich habe dir davon abgeraten. Gerade wenn Geld im Spiel ist. Dann behauptet er später, da lag noch ein zweiter Umschlag und jetzt ist der auch weg. Nicht einbinden lassen. Du willst dem helfen, das ist auch absolut süß. Aber du begibst dich dabei unnötig in Gefahr."

Ja, vielleicht bin ich zu naiv. Ich besuchte meinen Nachbarn. Im Zimmer stank es, obwohl zwei Fenster offen waren. Er saß auf der Bettkante, redete wirr. Ich sprach die Schwester an. "Ich kenne ihn nur so." - "Gestern abend war er doch noch klar." - "Ich kenne ihn nur so." - Danke für das Gespräch. Der Assistenzarzt sagte, das Delir sei stärker geworden. Er habe heute morgen auf seinem Bett gesessen und alles mit Kot beschmiert. Das ganze Laken war auch voller Blut. Wir wollen sehen, dass wir noch eine Darmspiegelung machen, um zu schauen, wo das ganze Blut herkommt.

Von dem Geschwür im Zwölffingerdarm konnte das Blut nicht kommen. Auch wenn es dort blutete, das vermischt sich ja mit dem Nahrungsbrei. Da musste noch etwas im Dickdarm sein. Gegen Mittag wurde er wieder klar. Der Assistenzarzt rief mich an. Ich sprach kurz mit meinem Nachbarn. Sagte ihm, dass wir das Geld sichergestellt hätten. "Da waren gestern Agenten an meinem Bett, die wollten wissen, ob sie in meiner Wohnung schlafen können." - Es hatte keinen Sinn.

Ich war auch bei der Dickdarmspiegelung dabei. Schon auf den ersten dreißig Zentimetern war ein großer blutender Tumor. So, wie der aussah, konnte er nicht gutartig sein. Aber man lässt ja trotzdem das Gewebe untersuchen. "Wir spiegeln nicht mehr weiter, wir müssen entscheiden, ob wir operieren wollen. Das kommt aber nicht mehr auf einen Tag an. Und er sollte zustimmen. Oder es muss ein Betreuer bestellt werden. Wir werden das jetzt über den Sozialen Dienst anregen."

In den nächsten Tagen wurde er gar nicht mehr klar. Fünf Tage später gab es plötzlich Probleme mit dem Blutdruck. Er bekam Kreislauf stabilisierende Medikamente. Man suchte einen Platz auf der Intensivstation für ihn. Man müsste ihn dafür in ein anderes Krankenhaus verlegen. Kurz bevor die Verlegung losgehen sollte, hörte sein Herz auf zu schlagen.

Irgendwie hat mich das alles sehr aufgewühlt. Ich lag über Stunden nachts wach und habe über alles mögliche nachgedacht. Ob ich nochmal jemandem so helfen werde. Vermutlich nicht. Zumindest nicht, wenn er auch Patient ist. Traurig war ich nicht. Eher froh, dass ihm das, was jetzt vielleicht noch alles gekommen wäre, erspart blieb.

Samstag, 21. Oktober 2017

Renate und Chantal

Ich habe wirklich sehr lange hin und her überlegt. Eigentlich kann man im Praktischen Jahr, in dem ich gerade stecke, nicht einfach fehlen. Man darf insgesamt 30 Tage (egal, aus welchen Gründen) abwesend sein. Blöd wäre natürlich, wenn ich bis zum April (dann ist das dritte Drittel vorbei) noch krank werde und deshalb längere Zeit flach liege. Allerdings muss ich bis Weihnachten insgesamt 10 freie Tage genommen haben, sonst verfallen sie.

In der letzten Woche hätte ich an drei Tagen arbeiten sollen - und habe mir diese drei Tage frei geben lassen. Um etwas für meinen Körper zu tun, was mir schon lange fehlte. Ich bin am Freitagabend in ein Trainingslager gefahren. Für eine Woche. Ein offener Workshop im Schwimmen, in Deutschland, mit völlig fremden Menschen. Eigentlich nicht für Menschen mit Behinderung konzipiert, aber eine Bekannte aus der Uni, mit der ich hin und wieder zusammen schwimme, hatte sich dort angemeldet und meinte, der Kurs würde nicht stattfinden, weil eine Anmeldung fehle. Die Mindest-Teilnehmerzahl von 25 sei um eine Person unterschritten.

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer waren alle aus einem Umkreis von 400 Kilometern angereist und im Alter zwischen 14 und 50 Jahren. Ich war allerdings die einzige Teilnehmerin mit einer körperlichen Beeinträchtigung. Und meine Bekannte aus der Uni hat im letzten Moment wegen einer Erkältung abgesagt, so dass ich als einzige Teilnehmerin niemanden vorher kannte.

Die Unterbringung war in einer Art Jugendherberge - in Sechserzimmern. Noch bevor die Zimmerverteilung geklärt werden konnte, fragte mich eine ältere Teilnehmerin, Renate, ob ich denn als Rollstuhlfahrerin überhaupt schwimmen könnte. Als ich das bejahte, legte sie den Kopf schief und meinte, ich würde mich doch selbst in Gefahr bringen oder mindestens den Betrieb aufhalten. "Behinderte sind doch irgendwie Scheiße. Ich hoffe, du schwimmst nicht in meiner Bahn."

Danke fürs Gespräch. Klasse, wenn Menschen quasi zur Begrüßung gleich solche Dinge raushauen. Inzwischen bin ich ja abgebrühter als noch vor Jahren. Früher war ich nicht so schlagfertig, wollte keinen Streit. Heute habe ich geantwortet: "Ja, das hoffe ich auch." - Sie wollte wissen, was das heißen sollte. Ich ignorierte sie erstmal demonstrativ. Der Rest der Leute war ganz okay. Und die vorurteilsbehaftete Renate bekam ein Einzelzimmer. Auf eigene Kosten, nachdem sie "den Schweiß junger Mädchen" nicht riechen wollte.

In meinem Zimmer schlief eine junge Frau namens Chantal. Ich weiß, dass sich nicht vom Namen auf den Charakter schließen lässt. Ich weiß als Blondine auch, dass die Wörter "blond" und "blöd" manchmal nur zufällig mit denselben Buchstaben beginnen. Fällt jemandem eine Erklärung ein, warum Chantal sich noch vor dem Betten beziehen darüber aufregt, dass es weder einen Fernseher auf dem Zimmer gibt noch der Handyempfang ausreicht, um "Jung, pleite, verzweifelt" streamen zu können? "Das ist voll krass, ich seh mich da ganz oft selba wieda", lässt Chantal ihre Umwelt wissen. Nachdem sie von mir wissen wollte, ob meine Behinderung nur die Beine betrifft, fragte sie in die Runde: "Welche Furzregel gibt es eigentlich im Zimmer? Ich bin für 'Licht aus, alles raus', wenn ihr wisst, was ich meine. Das heißt, dass man im Bett einen rausballern darf, ohne dass man sich schlafend stellen muss."

Eine andere Teilnehmerin, die mit dem Rücken zu Chantal stand und mich anschaute, verdrehte die Augen und fasste sich mit der Hand an die Stirn. Wir hatten wohl im selben Moment den selben Gedanken. Machte es Sinn, mit Chantal über im Schlaf abgehende Darmwinde zu diskutieren? Nein. Ich habe gelernt, es sollen vier bis zehn sein pro Nacht, mit viel Luft nach oben bei Menschen, die ihren Nahrungsbrei schlecht verdauen. Es wäre also unsinnig zu behaupten, dass irgendeine der sechs Personen nachts im Schlaf nicht pupst. Aber wenn das schon verhandelt wird, bietet sich ja auch eine Chance, mein nächtliches Frischluftbedürfnis durchzusetzen: "Ich wäre dafür, dass hier gar nicht gefurzt wird. Aber ich würde mich kompromissweise auch auf deinen Wunsch einlassen, wenn wir dafür das Fenster nachts gekippt lassen können." - Eins zu Null für mich.

Im Wasser war ich natürlich die Attraktion. Dass der Rollstuhl nicht mit ins Wasser kommt, war entweder allen klar oder es hat sich niemand zu fragen getraut; aber dass jemand ohne Beineinsatz 50 Meter in 50 Sekunden krault, hat einige schon fasziniert. Renate konnte es nicht zugeben, sondern musste weitere Gehässigkeiten rauslassen. Auch die Frage, ob ich Sex haben kann, fand ich zumindest in der Schwimmhalle unangemessen. Geschockt hat sie mich aber nicht.

Licht ins Dunkel kam für mich, als sie morgens beim gemeinsamen Frühstück erstmal ihre ganzen Pillen auspackte. Ganz ehrlich: Wenn ich Psychopharmaka einnehmen würde, dann würde ich mir eine Medikamentenbox holen und die Tabletten irgendwo im Off aus dem Blister in die Box umfüllen. Einfach, um Nachfragen jener Renates und Chantals zu vermeiden, die schon Menschen mit körperlicher Behinderung als potenziell durchgeknallt ansehen. Renate nahm alleine zum Frühstück vor allen Leuten demonstrativ 30 mg Aripripazol, 300 mg Venlafaxin und 2,5 mg Lorazepam ein - vermutlich litt sie also unter einer bipolaren affektiven Störung und unter starken Ängsten. Das rechtfertigte zwar nicht, so gehässig und distanzlos zu mir zu sein, aber vermutlich ließ es sich damit erklären. Ich habe mir nicht anmerken lassen, dass ich wusste, was sie da nimmt. Und vor allem: In welchen Mengen. Ich würde bei einer solchen Einnahme allenfalls noch als Zombie durch die Gegend rollen. Renate aber fuhr noch Auto.

Und sang. Nachts auf dem Innenhof. Laut. "Wenn ich zum Markt geh, dann kauf ich dir ein Hähnchen, und das soll dich jeden Morgen wecken." - Wirklich wahr. Es folgten Gespräche zwischen der Trainerin und Renate. Am vierten Tag saß sie heulend beim Frühstück, meinte, die Trainerin sei Schuld, dass sie sich nun eine "Angstdosis" reinziehen müsste. 10 mg Zopiclon, einen Flachmann auf Ex und ab ins Bett. Als sie wieder aufwachte, haben die Trainer sie nach Hause geschickt. Ich hatte ja schon Bedenken, ob sie überhaupt wieder aufwachen würde, aber ich glaube, ich bin da noch zu unerfahren.

Und Chantal? Pupste nachts zwar munter, konnte ihr Niveau aber noch steigern. "Weißt du, was ich hasse? Wenn die ganzen Pupsblasen sich im Badeanzug verfangen."

Ansonsten war es eine schöne Woche. Die vielen anderen Menschen waren interessant bis wundervoll. Oft auch interessiert. "Darf ich mal sehen, wie du Auto fährst?", war die häufigste Frage. So hatte ich immer zwei bis vier Leute, die mit mir mal kurz zum Einkaufen fuhren, denn nur von der Kantinenkost konnte niemand überleben. Es gab viel zu wenig zu trinken, und damit meine ich keine Alkoholika, die ich sowieso nicht trinke. Socke musste also regelmäßig Einkaufslisten anfertigen und für alle möglichen Leute Gummitiere, Schoki und Energydrinks holen. Ich will ja nicht behaupten, dass ich nie Süßkram esse, aber was einige Leute sich so täglich ins System schütten - pfui. Aber mit eigenem Auto (als einzige neben der abgereisten Renate) war ich natürlich eine feste Größe im Team.

Ich weiß jetzt jedenfalls, warum ich gerade noch ein wenig schneller geworden bin und freue mich, dass ich das gemacht habe. Auch, wenn das mit einer Woche Funkstille in meinem Blog einher ging. Und wenn ich es so schnell nicht noch einmal brauche.

Montag, 9. Oktober 2017

Jung und alt

Das aktuelle Drittel meines Praktischen Jahrs verbringe ich in der Chirurgie. Und gerade in der Notaufnahme eines großen Krankenhauses. Chirurgische und internistische Notaufnahmen sind dort getrennt, wenngleich sie im selben Gebäude, nur in unterschiedlichen Abschnitten liegen. Plötzlich kommt ein Anruf: Könnt ihr mal bitte eure Rollstuhlfahrerin rüberschicken? Ein zwölfjähriges Mädchen, Cerebralparese, geistig etwa auf dem Stand einer Sieben- bis Achtjährigen, klagte in der Schule plötzlich über Bauchweh und hat gespuckt. Schreit jetzt wie am Spieß und lässt nichts mit sich machen. Die Mama ist unterwegs, braucht aber noch mindestens eine Dreiviertelstunde.

Ist ja nicht das erste Mal und nicht die erste Geschichte dieser Art. Socke rollt hinüber, orientiert sich am Lärm. Und der ist ohrenbetäubend. Meine Güte, kann das Mädchen kreischen. Vielleicht sollte ich ihr auf die Schnelle noch ein T-Shirt drucken lassen: "Ich bin dein kleiner Tinnitus."

Pinker Rollstuhl, pinke Jeans, pinkes Top, lange, geflochtene blonde Haare, süßes Gesicht, vielleicht 140 Zentimeter groß und geschätzt 28 bis 30 Kilogramm schwer. Sieht überhaupt nicht krank aus. Guckt mich mit großen, strahlend blauen Augen an. Und sagt schlagartig keinen Pieps mehr. "Na, wer bist du denn?", frage ich sie. Sie guckt mich weiterhin mit großen Augen an. "Oder hast du keinen Namen?" - Ich drehe mich zu der anwesenden Ärztin. "Schreib mal auf: Süßes Mädchen ohne Namen." - "Ich heiße Emma und ich bin nicht süß. Nun spinn mal nicht rum! Jeder Mensch hat einen Namen!" - "Okay, dann schreib auf: Emma. Und wieso krähst du hier so laut? Das hört man ja einmal quer durch das ganze Gebäude!"

"Ich will keine Spritze!" - "Wer will dir Spritzen geben?" - "Weiß ich nicht. Warum sitzt du im Rollstuhl?" - "Weil ich nicht laufen kann. Und warum sitzt du im Rollstuhl?" - "Ich kann laufen! Willst du sehen?" - "Ja." - "Guck! So."

Emma lief wie ein Pinguin einmal quer von der einen Wand zur nächsten. Dann sagte sie: "Und jetzt will ich zu Mama." - "Mama kommt gleich. Sie fährt jetzt mit dem Auto hierher und holt dich ab. Aber das dauert noch einen kleinen Moment. So lange müssen wir noch warten. Aber das kriegen wir zusammen hin, oder? Wie alt bist du denn schon? Elf?" - "Nein, zwölf. Guck mal: Zehn Finger und nochmal zwei dazu." - "Hast du nur zehn Finger?" - Sie guckte auf ihre Hände und begann zu zählen. Oh nein, die war wirklich süß. Keine Widerrede. Sie sagte: "Ich hab nur zehn. Aber du hast doch auch nur zehn." - "Echt?" - Ich zählte: "Zehn neun acht sieben sechs - und fünf sind elf. Huch?" - "What?!" - "Elf. Nochmal. Zehn, neun, acht, sieben, sechs - und fünf sind elf. Komisch."

Ich nahm mir den Schallkopf vom Sonografiegerät, machte Glibber drauf, hob mein Hemd hoch und schmierte mir damit auf dem Bauch herum. "Huch, ist das kalt." - "Was machst du da?" - "Ich gucke gerade, ob man mein Frühstück noch sehen kann. Das ist nämlich ein Zauberstab, mit dem man sein Essen nochmal im Fernsehen sehen kann. Guck mal, da auf dem Fernseher. Siehst du?" - Sie nickte, obwohl da natürlich für sie nicht wirklich etwas zu erkennen war. "Huch, da ist ja mein Toastbrot von heute morgen. Und eine Kartoffel vom Mittagsessen. Erkennst du sie?" - Sie lachte. Ich machte weiter. "Das sind die Nudeln von gestern abend." - Nur nicht mein Herz schallen, ich glaube, das würde sie wohl erschrecken.

"Geht das bei mir auch?" - "Ich weiß nicht. Wollen wir das mal ausprobieren?" - Sie nickte eifrig. "Leg dich mal da hin, dann sieht man alles besser." - Die anwesende Kollegin schüttelte ungläubig ihren Kopf. Emma fuhr fort: "Warte ... so. Und du musst raten, was ich gegessen habe." - "Okay, ich rate ... Pommes frites. Nee. Moment. Sind das Fische?" - Sie lachte: "Irgendwo müssen noch zwei Bonbons sein." - "Moment, die finden wir auch noch."

Ja, ich möchte später mal in die Pädiatrie. Denke ich mir so, als die Mutter Emma abgeholt hatte. Vielleicht muss man wegen einmal spucken nicht gleich einen Rettungswagen rufen. Es war nämlich nichts los. Vermutlich hat sie sich einfach nur aufgeregt. Es gab nämlich eine neue Schulbegleitung bzw. Schulassistenz für Emma, und mit der hatte sie sich gleich gestritten.

Emma ist weg, ich will gerade wieder zurück in die Chirurgie, da wird in einem der im Eingang stehenden Rollstühle ein alter Mann hereingeschoben. Bläuliche Lippen, kalter Schweiß, aufgeregt. "Kann sich bitte mal jemand um meinen Urgroßvater kümmern? Der bekommt keine Luft", sagt ein junger Mann, vielleicht 20 Jahre alt. Den alten Mann, dessen Gesicht voller Altersflecken ist, dessen Ohren riesengroß sind, schätze ich auf deutlich über neunzig Jahre. Von seinem akuten Problem abgesehen, sieht er eigentlich noch recht fit aus. Gut gekleidet. Er spricht auf Plattdeutsch (was für die Gegend, in der ich mein Praktisches Jahr mache, eher ungewöhnlich ist) sowas wie: "Dass ich das alles noch erleben muss!"

Es juckt mir in den Fingern. Nach dem äußerst gut gelaufenen Einsatz bei Emma bin ich nahezu euphorisiert. Ich gucke die approbierte Kollegin an: "Darf ich?" - "Den alten Herrn?" - Ich nicke. Sie sagt: "Ja, mach, ich komme mit."

Die Schwester lässt er nicht an sich heran. Als hätte ich es geahnt. Er kann vor Luftnot kaum reden, aber sagt, wieder auf Plattdeutsch: "Lass mich in Ruhe! Ich will das alles nicht mehr." - Die Schwester versteht ihn nicht. "Sie müssen deutsch mit mir reden, sonst verstehe ich nicht, was Sie wollen." - "Scher dich zum Teufel", japst er, wieder auf Plattdeutsch. Und dann auf Hochdeutsch: "Weißt du, was das heißt? Leck mich am Ar***."

Ob mein Plattdeutsch, das ich von meiner Oma und für zwei Weihnachtsgedichte in der Grundschule gelernt habe, ausreichen wird? Um ihn zu verstehen, allemal. Aber sprechen? Eigentlich kann ich es nicht. Aber es geht besser als ich denke. "Na, mein Junge? Warum bist du so missmutig?", spreche ich ihn auf Plattdeutsch an. Plötzlich guckt er mich mit großen Augen an, greift nach meiner Hand. "Mein Mädchen! Es ist doch alles schei*e. Ich will nicht mehr. Ich kriege keine Luft, ich quäle mich, und meine Zeit ist abgelaufen. Ich bin neunundneunzig. Ich mag nicht mehr." - "Du kriegst keine Luft, sagst du. Nimmst du Medizin dagegen?" - "Ach was. Ich geh nie zum Arzt. Ich hab nie einen Arzt gebraucht. Alles, was von alleine gekommen ist, ist auch von alleine wieder gegangen. Aber mein Urenkel fährt mich ins Krankenhaus. Er meint es gut."

"Pass auf, mein Junge. Du stirbst nicht, sondern du quälst dich hier jetzt die nächsten Stunden, wenn wir nichts machen. Es war schon richtig von deinem Urenkel, dass er dich hierher gebracht hat. Darf ich wenigstens mal auf deine Lunge horchen, was da los ist?" - "Nee." - "Ich will dir helfen." - "Alle wollen mir helfen. Aber ich will nicht mehr." - "Ein Jahr vor Hundert gibst du auf? Das ist doch nicht dein Ernst. Dir gehts jetzt dreckig, das seh ich, aber gib mir doch wenigstens eine Chance." - "Was willst du tun?" - "Einmal deine Lunge abhorchen. Und ein EKG machen. Mehr nicht." - Er zog seinen Pullover und sein Hemd aus. Mit meiner Hilfe. "Tu, was du nicht lassen kannst." - "Du musst mithelfen. Komm, mal richtig ausatmen. Feste. Willst du selbst mal hören, was bei dir da los ist? Das pfeift wie ein Orkan bei dir da drinnen. Hast du mal mit Asthma zu tun gehabt?"

"Nein, so einen neumodischen Kram gab es bei uns nicht." - "Mal geraucht?" - "Im Krieg haben wir alle geraucht. Danach nicht mehr. Für Zigaretten gab es kein Geld." Die approbierte Kollegin kommt mit ihrem Stethoskop dazu. Der alte Mann sagt fast schon böse: "Du nicht. Sie hat gefragt. Sie hat Anstand." - "Du bist aber auch ein harter Brocken. Meinst du nicht, vier Ohren hören besser als zwei? Ich lerne nämlich noch. Von ihr." - Am Ende ließ er meine Kollegin doch ran. Dann sagte ich: "Du kriegst jetzt ne Nadel von mir gelegt. In die Vene. Und dann kriegst du einen Tropf. Und dann ist der Spuk gleich vorbei." - "Ich hab doch gesagt, ich will nicht mehr." - "Du kriegst von mir was, damit du gleich wieder richtig Luft bekommst. Du fühlst dich in zehn Minuten wieder wie neu geboren. Gib mir eine Chance." - "Das wäre jetzt schon die zweite Chance. Du lässt ja sowieso nicht locker."

Theophyllin wirkt sehr schnell. Nach fünf Minuten war er ganz ruhig, fast schon flauschig. Seine Gesichtsfarbe kehrte zurück. "Na, mein Junge, hab ich dir zu viel versprochen?" - "Darf ich dich mal drücken, mein Mädchen? Was hast du mit dem alten Mann gemacht?" - "Ich hab dir was gegen dein Asthma gegeben. Und das kannst du auch mit nach Hause kriegen. Und dein Hausarzt verschreibt dir das auch. Und dann gehst du nächste Woche wieder tanzen. Was hältst du davon?" - "Du bist aber ne Charmante. Darf ich fragen, wie das passiert ist, mit dem Rollstuhl?" - "Ich bin angefahren worden. Auf dem Weg zur Schule." - "Das tut mir sehr leid.", sagte er und bekam feuchte Augen.

"Darf ich dir einen Vorschlag machen?" - "Ja." - "Wir nehmen dich hier auf, du kriegst ein Einzelzimmer, damit du dir in deinem Alter hier bei uns nichts mehr einfängst, und dann gibst du uns drei Tage. Wir finden raus, woher das Asthma kommt und welches Zaubermittel du brauchst, damit du keine Beschwerden hast. Zu viel von dem Zeug hier ist nämlich auch nicht gut, dann wird dir übel." - "Woher kann das kommen?" - "Hast du ne Katze zu Hause? Oder vielleicht reagiert deine Lunge auf bestimmte Blumen. Oder auf Anstrengung. Das kann man aber deutlich verbessern. Hast du ja heute gesehen. Drei Tage brauchen wir, dann bist du wieder zu Hause." - "Jo. Mok wi." - "Und einen Herzinfarkt hattest du nicht. Dein Herz ist putzmunter. Sagt das EKG." - Er nahm noch einmal meine Hand und drückte sie. Ich sagte: "Und zum Hundertsten sagst du Bescheid, dann komm ich vorbei mit einem Geburtstagskuchen." - Jetzt lachte er.

Manche Menschen machen sich das Leben unnötig schwer. Ich verstehe ja, dass man sich nicht quälen will. Und nicht ins Krankenhaus will. Und nicht an Apparate angeschlossen vor sich hin vegetieren möchte. Würde ich auch nicht wollen. Aber das hier war kein Hexenwerk. Theophyllin ist natürlich nicht das Mittel der Wahl für die Dauerbehandlung. Und es behandelt auch keine Entzündung, die typischerweise vorliegen wird. Ich bin jedoch zuversichtlich, dass er das mit den üblichen Medikamenten und den üblichen Applikationsformen in den Griff bekommen wird. Besser als völlig unbehandelt wird es in jedem Fall werden.

Am Wochenende war ich endlich mal wieder in Hamburg. Marie besuchen. Kaum bin ich dort, regelt ein Mann ohne Hemd bei 12 Grad Außentemperatur auf einer viel befahrenen Kreuzung den Verkehr. Typisch Großstadt. Ich weiß, was ich vermisst habe. Und kaum habe ich den hinter mir gelassen, fahre ich fast eine alte Frau mit Rollator um, die in dunkler Kleidung auf einer sechsspurigen Straße wandert. Natürlich ohne Beleuchtung. Ich dachte mir: Bleib mal dahinter, bevor sie noch überfahren wird. Und schalte mal deine Dashcam ein...

Samstag, 7. Oktober 2017

Zweierlei Maß

Gerade noch hatte sie damit geprahlt, dass sie nie erwischt wird, wenn sie mit bis zu 200 km/h dort fährt, wo eigentlich nur 70 km/h erlaubt sind. Gerade noch habe ich mein Unverständnis darüber ausgedrückt, und gerade noch habe ich mir anhören müssen, was für ein kleinkarierter Mensch ich sei, wenn ich mich halbwegs an die Geschwindigkeitsbegrenzungen halte. Fahrverbote gebe es schließlich erst ab 40 km/h drüber, plus Tachoabweichung, plus Toleranz, dann könne man auch 120 fahren, wenn 70 ausgeschildert ist.

Sehr häufig fahre ich mit Tempomat und stelle dann drei bis fünf Kilometer pro Stunde mehr ein, um die Differenz des Tachos wieder auszugleichen. Letzte Woche habe ich erst beim Herausfahren aus der 30er-Zone gemerkt, dass ich bis eben in einer solchen gefahren bin. Allerdings waren die Straßen dort schon so gebaut, dass ich nie über 40 km/h gekommen bin. Zwanzig zu schnell außerorts oder auf einer Autobahn ist auch schon vorgekommen. Ich bin sogar schon mal mutwillig verkehrt herum durch eine Einbahnstraße gefahren. Sie war drei Meter lang und eine Schikane, um den Durchgangsverkehr durch ein Wohngebiet einzudämmen. Nachts um halb drei hatte ich keinen Bock, nochmal komplett zehn Minuten um den Pudding zu kurven und hätte mit meiner 10minütigen Fahrt über das Kopfsteinpflaster vermutlich die schlafenden Menschen mehr genervt als durch dieses Manöver. Aber, so wie die Kollegin, 130 mehr auf der Uhr? Würde mir im Traum nicht einfallen. Dafür ist mir mein Lappen viel zu heilig.

Die Quittung kam jetzt per Post. Meine Kollegin soll angeblich über 1.000 Euro zahlen, bekommt vier Punkte und muss drei Monate zu Fuß gehen. Ein Stoppschild hat sie wohl auch noch überfahren und auch zwischenzeitlich ein Handy am Ohr gehabt. Hinter ihr fuhr "leider" ein Videowagen. Und nun hat sie herumgeheult, wie ungerecht doch die Welt sei. Ist klar: Die Regeln gelten für alle anderen, und werde ich erwischt, sind alle anderen ungerecht zu mir. Und kleinkariert. Ich sag nur: Wer mit dem Feuer spielt, kommt darin um. Ich hoffe, das ist ihr eine Lehre, ansonsten dürften sie ihr den Lappen gerne ganz wegnehmen. Bevor sie andere mit ihrem riskanten Fahrstil in Gefahr bringt. Oder in den Rollstuhl. Nicht wahr?

Ein anderer Mensch, der es mit Regeln nicht so genau nimmt, gleichzeitig aber mit aller Vehemenz dafür kämpft, dass andere sich korrekt verhalten, ist mein derzeitiger Vermieter. Ich bin sehr froh, an meinem derzeitigen Studienort eine barrierefreie Wohnung bekommen zu haben, und es ist ja auch nur für eine begrenzte Zeit. Barrierefreie Wohnungen sind Mangelware. Ihr Neubau wird überall öffentlich und oft nicht unerheblich gefördert.

Das Haus, in dem meine Wohnung liegt, ist noch keine zehn Jahre alt. Der Vermieter (der das Haus auch gebaut hat) hat sich an einem barrierefreien Wohnhaus versucht, aber nicht, weil er Menschen mit körperlichen Beeinträchtigungen ein Dach über dem Kopf geben wollte, sondern in erster Linie, weil er öffentliche Zuschüsse abgreifen wollte. Dieser Eindruck drängt sich mir zumindest auf. Aus Gründen.

1. Regenrinnen zur Dachentwässerung müssen in fast allen deutschen Städten in das öffentliche Sielnetz eingespeist werden. Zumindest bei Neubauten. Was überhaupt nicht geht, ist, dass das Regenwasser vom Dach über ein Regenrohr direkt auf den öffentlichen Gehweg geleitet wird und dort alles unter Wasser setzt. Bei dem Haus, in dem ich am Studienort zur Miete wohne, verschwinden alle Regenfallrohre im Boden, bis auf eins: Das endet am oberen Ende der steinernen Rollstuhlrampe, etwa zwanzig Zentimeter über dem Boden. Schüttet es, ist es unmöglich, mit trockener Hose und trockenen Füßen daran vorbei zu kommen. Eine Zeitlang hatte jemand eine Tischplatte so gegen die Wand gelehnt, dass sie das Rohr verdeckt und entsprechend der Strahl an der Innenseite der Tischplatte herab läuft und nicht quer über die Rampe sprudelt. Dadurch war die Rampe natürlich nicht mehr in voller Breite nutzbar. Aber zumindest entstand nicht mehr der Eindruck, man sei auf einem Wasserspielplatz.

2. Die besagte Rampe, über die man in das Haus kommt, darf eine maximale Steigung von 6% haben. Das bedeutet: Will man 60 Zentimeter Höhenunterschied überwinden, muss sie zehn Meter lang sein. Vermessen habe ich diese Rampe nicht, aber ich würde mal tippen, dass es sich um einen Meter Höhenunterschied handelt und sie zwei Mal neun Meter lang ist, mit einem Zwischenpodest auf halber Höhe. Nun könnte man sich schon fragen, warum man den ebenerdigen Eingang einen Meter höher legt (das Haus hat noch einen zweiten Eingang, der sich auf Gehweghöhe befindet, allerdings führt der nur ins Treppenhaus, zum Aufzug muss man vier Stufen hoch). Der Hammer ist aber: Bei der Bauabnahme hat man wohl nur die Länge nachgerechnet, aber sich nicht dafür interessiert, ob die Steigung gleichmäßig ist. Auf den ersten zwei Metern ist nämlich überhaupt keine Steigung vorhanden, dort sammelt sich auch stets das Regenwasser, dahinter kommt wesentlich mehr Steigung als eigentlich zulässig. Ich tippe mal auf 10 oder 11 Prozent. Für mich kein Problem, solange ich keinen Einkauf auf dem Schoß habe. Kommentar des Eigentümers: "Die Rampe ist abgenommen."

3. Direkt vor der Aufzugstür im Erdgeschoss ist eine Schräge. Man muss also, um in den Aufzug zu kommen, einen Höhenunterschied von etwa 15 Zentimeter überwinden. Um den Aufzug zu rufen, muss man einmal kräftig Anschwung nehmen, auf den Knopf drücken, und rückwärts wieder zurück rollen. Um in die Kabine zu gelangen, braucht man ebenfalls Anschwung. Problem dabei: Der Aufzug hält oft bis zu fünf Zentimeter unterhalb der Geschoss-Ebene. Also mit Schwung die Schräge hoch, oben die Vorderräder anheben und dann langsam auf den Hinterrädern zirkelnd in die Kabine ablassen. Mit etwas Glück sackt die Kabine dabei noch ein bis zwei Zentimeter ab - und macht dann bei offenen Türen eine Ausgleichsbewegung, bis sie wieder bündig steht. Und das ist mit Einkauf oder Laptoptasche auf dem Schoß eine Herausforderung. Die Anlage hat aber gerade wieder neu TÜV bekommen. Und das einzige, was der bemängelt hat, ist, dass das Hydraulik-Öl in zehn Jahren noch nie getauscht wurde.

4. Was dazu führt, dass der Aufzug ungeheuer laut ist. Was Aufzüge, die nicht an Seilen hochgezogen werden, sondern mit Öldruck hochgepumpt werden, ohnehin sind. Hier ist es deshalb nochmal extra lustig, dass man das Aggregat direkt mit der Wand verschraubt hat. Ohne Schalldämpfung. Fährt der Aufzug aufwärts (und vielleicht sogar noch in die oberste Etage), habe ich im Schlafzimmer bei geschlossenen Türen eine dröhnende Geräuschkulisse von bis zu 55 Dezibel.

5. Fast hätte ich vergessen, dass sich die Rauchschutztüren in den Etagenfluren nicht automatisch öffnen und daher alle verkeilt sind. Ansonsten würde nämlich niemand mit einem Rollstuhl ohne fremde Hilfe hindurch kommen. Auch ich nicht. Und dann ist da noch das seitliche Gefälle in den Fluren. Bis zu 3,5 Prozent. Legt man also einen Tennisball an die linke Wand, rollt er zur rechten. Ich schätze mal, dass man die Wohnungen mit den barrierefreien Duschen nachträglich etwas höher gelegt hat, denn das seitliche Gefälle ist immer nur da, wo die barrierefreien Wohnungen sind. Die Decke ist allerdings gerade, so dass die Wand auf einer Seite 3,5 cm höher ist als auf der anderen. Das seitliche Gefälle nervt Rollstuhlfahrer überhaupt nicht - sie sehen es ja im Dunkeln sowieso nicht. Flurbeleuchtung ist nämlich nur sporadisch verfügbar. Gut beraten ist der, der ein Handy mit Taschenlampe hat.

Es gibt noch ein Dutzend ähnliche Kuriositäten in diesem Miezhaus. Ich hoffe, es reicht aus, um einen Eindruck zu bekommen. Das Land hat übrigens alle öffentlichen Fördergelder nach Besichtigung des Hauses durch einen Experten vor Ort anstandslos ausgezahlt. Ich bin mir allerdings nicht sicher, ob ein barrierefreies Wohnhaus oder ein "Water & Skate Park" beantragt wurde.

Muss ich jetzt noch erwähnen, dass alle Mieter, deren Schuhe im Hausflur stehen, eine schriftliche Abmahnung wegen Brandgefahr bekommen, mit der Androhung, beim nächsten Schuh fristlos gekündigt zu werden?

Dienstag, 26. September 2017

Da war noch was

Wer sehr emotionale Dinge gerade nicht so gut verträgt, sollte diesen Beitrag lieber nicht lesen.

Ich habe eigentlich ganz viele Dinge im Kopf, über die ich gerne etwas schreiben möchte. Über eine wunderbare Freundschaft (nicht: Partnerschaft) an meinem heimlichen Rückzugsort am Meer. Über eine wunderbare Partnerschaft. Über Maries Wunsch, nun doch auch in die Pädiatrie (Kinderheilkunde) gehen zu wollen, nachdem sie zunächst mit Innerer Medizin (wie ihre Mama) liebäugelte. Und vieles mehr. Aber stattdessen schreibe ich erneut über aktuelle Ereignisse aus meinem Praktischen Jahr. Die es im Moment wirklich in sich haben.

Gestern kam eine Kollegin zu mir und sagte: "Frau [Chefärztin, die die chirurgische Klinik leitet] möchte dich sprechen. Jetzt." - Jene Kollegin, die mich in der letzten Woche zurechtgewiesen hatte, weil ich die Polizei hinzu gezogen habe, steht daneben und sagt: "Man will dir bestimmt einen Orden verleihen." - Bevor ich irgendwas erwidern kann, kommt sie dicht an mich heran, ordnet meinen Hemdkragen (der vorher eigentlich ordentlich war) und sagt dabei leise: "Kannst du denn gar nichts richtig machen?" - Dann gibt sie mir einen Klaps gegen die Wange. Die Kollegin, die die Nachricht überbracht hat, schüttelt mit dem Kopf: "Nun lass doch mal gut sein." - Haifischbecken.

Ich klopfe an, rolle ins Vorzimmer hinein. Die Sekretärin fragt mich: "Sie werden erwartet?" - Ich nicke. Die Sekretärin macht eine Handbewegung in Richtung der Tür, hinter der ihre Chefin sitzt. Ich klopfe erneut, rolle hinein. "Frau Socke, ich grüße Sie. Bitte schließen Sie die Tür. Ich habe gerade von Ihrem nächtlichen Einsatz im Schockraum erfahren. Sie haben zwar anfangs etwas zögerlich gehandelt, aber trotzdem: Alle Achtung! Frau [Oberärztin] hat vorgeschlagen, das als besondere Leistung zu bewerten und entsprechend in Ihre Beurteilung einfließen zu lassen." - "Danke." - "Nach dem, was aber geschehen ist, muss ich Ihnen leider sagen, dass ich diesen Vorschlag nicht unterstützen werde."

Ich schluckte. Ich konnte mir vorstellen, was jetzt kam. Und es kam: "Sie dürfen nicht eigenmächtig entscheiden, die Polizei oder andere Behörden zu rufen. Sie hätten Ihre Kollegin dazuholen müssen." - "Ja." - "Und warum, um Himmels Willen, haben Sie das nicht getan?" - "Weil ich mich bedroht fühlte und Angst hatte. Vor diesem Mann, von dem sich mein Herz sicher war, dass er diese Frau verdroschen und gewürgt hatte. Der keine zwei Meter von mir entfernt stand und von mir verlangte, keine Fragen zu stellen, sondern die Frau 'wieder hübsch' zu machen. Ich hatte im Gefühl, dass er diese Frau beherrschte, und ich hatte Angst, ihn mit einer falschen Handlung dazu zu bringen, auch mich in seine Gewalt zu bringen. Die Frau hat aus Angst keinen Pieps gesagt. Er behauptete, sie könne die Sprache nicht, und dachte offenbar, ich hätte noch nie mit Menschen zu tun gehabt, die kein Deutsch können. Er strahlte eine Eiseskälte aus."

"Und dann haben Sie einfach so irgendwo angerufen?" - "Nein, ich bin raus, weil ich Material aus dem Nachbarraum holen wollte. In Wirklichkeit habe ich den Sicherheitsdienst gebeten, die Polizei zu rufen, weil der Mann latent aggressiv ist und ich den Verdacht habe, dass er die Frau misshandelt und in ihrer Freiheit einschränkt." - "Und dann kam der Sicherheitsmensch mit Ihnen?" - "Nein, er hat die diensthabende Ärztin ins Zimmer geschickt." - "Sie kam vor der Polizei in den Raum?" - "Ja. Eigentlich gleich, nachdem ich Bescheid gesagt hatte und wieder bei der Patientin war."

Die Chefärztin seufzte. Und fragte weiter: "Welche Abwägungen haben Sie denn unternommen, bevor Sie sich entschlossen haben, die Polizei rufen zu lassen?" - "Schweigepflicht gegen ärztliche Garantenpflichten. Ich habe es als Nothilfe gesehen, weil sie dazu nicht in der Lage war. Und ich fühlte mich bedroht." - "Ich möchte Ihr couragiertes Handeln nicht tadeln. Und werde daher dieses eine Mal ein Auge zudrücken. Aber nur dieses eine Mal. In allen Kliniken sind die Verantwortungen klar geregelt. Auch, wenn ich ebenfalls die Polizei hätte rufen lassen, das haben Sie nicht zu entscheiden. Ihre Aktion ist bis zum Direktor hochgegangen. Der hat sich Ihre Akte kommen lassen und den frischen Vermerk über Ihren nächtlichen Schockraum-Einsatz gelesen. Das hat Sie gerettet, Frau Socke. Der Direktor hat mich in der Mittagspause angesprochen, mir die Akte in die Hand gedrückt und Disziplinarmaßnahmen mir überlassen. Sie können froh sein, dass diese Angelegenheit für Sie keine schlimmeren Konsequenzen hat." - "Danke, Frau [Chefärztin]." - "Sie können jetzt an Ihren Arbeitsplatz zurück. Guten Tag!" - "Guten Tag, Frau [Chefärztin]."

Ich rollte zurück. Im Dienstzimmer angekommen, traf ich auf die Kollegin, die mir die Nachricht überbracht hat. Sie guckte mich an und sagte: "Hast du jetzt doch einen Anschiss gekriegt?" - Ich nickte vorsichtig, seufzte: "Sie macht Action wegen der Sache mit der Prostituierten." - "Soweit ich gehört habe, war der Typ völlig zugekokst und wurde auch schon gesucht." - "Und das sagt ihr mir erst jetzt?" - Die Oberärztin kam um die Ecke und sprach mich an: "Na? Kopf ab oder Konfetti?" - "Eher Kopf ab. Aber danke für den schriftlichen Beistand." - "Gerne geschehen", sagte sie und tätschelte mir über die Schulter. Die andere Ärztin warf schnippisch ihr Haar zurück und ging hämmernden Schrittes nach draußen.

Ich bin ja vielleicht noch etwas grün hinter den Ohren, aber könnte es vielleicht sein, dass die Chefärztin deshalb so genau wissen wollte, wann die diensthabende Kollegin mit im Raum war (also noch vor der Polizei), weil eben genau sie nichts gemacht hat? Sie wusste ja, dass die Kavallerie anrückt und hätte das ja auch noch steuern können. Ich will gar nicht von mir ablenken. Aber mir da so blöde am Kragen rumfummeln, obwohl sie offensichtlich selbst eine aufs Dach bekommen hat - solche Leute liebe ich. Nicht.

Keine zwei Minuten später kommt mit seinem Vater ein Junge, zwölf Jahre alt, durch die Tür. Krümmt sich vor Schmerzen. Hat mehrere blutende Wunden, auch im Gesicht, wird vom Aufnahmeraum gleich in einen Behandlungsraum umgeleitet. Eine Pflegekraft eilt voraus. Die Oberärztin weist ihn mir zu. Ich rolle hinterher.

Jeder Vater wäre wohl aufgeregt und würde nicht abwarten können, dass endlich jemand seinem Sohn hilft. Dieser Vater ist eingeschüchtert bis apathisch, antwortet nur auf Fragen. Ich habe keine dreißig Jahre Berufserfahrung, aber dass hier was nicht stimmt, habe ich im Urin. Ich stelle mich vor, gebe dem Jungen die Hand (was ich aus hygienischen Gründen nur in ganz besonderen Fällen mache), dem Vater erstmal nicht. Vor allem, um den Vater weiter zu verunsichern. Ich frage den Jungen: "Wie ist das passiert?" - Der Junge guckt zum Vater. Der Vater sagt: "In der Schule hat ihn ein Mitschüler mit einem Fahrradschloss geschlagen." - "In der Schule?" - "Ja, auf dem Schulhof." - "Und du weißt, wie der Junge heißt?" - Der Junge guckt wieder seinen Vater an. Er antwortet: "Leider nicht."

Leider nicht? Oder leider noch nicht? Wenn das mein Kind wäre, würde ich doch alles daran setzen, das sofort herauszufinden. Und das entsprechend auch kommunizieren. "Bist du hingefallen?" - Der Junge schüttelte den Kopf. - "Hast du was an den Kopf bekommen?" - Der Junge schaut den Vater an. Ich grätsche dazwischen: "Du musst doch wissen, ob du was an den Kopf bekommen hast." - Natürlich hatte er das, denn er blutete am linken Jochbogen. Ich bat die Pflegekraft, sich um zwei Schürfwunden zu kümmern, während ich zur Oberärztin wollte. Der Mann fragte mich ängstlich: "Wohin wollen Sie denn?" - Ich lächelte ihn an, ohne ein Wort zu sagen, und verschwand aus der Tür.

Die Oberärztin tippte im Dienstzimmer am Computer. Ich schloss die Tür hinter mir. Sie fragte: "Häusliche Gewalt?" - "Angeblich Schulhof. Da passt aber vieles nicht." - "Oh nein, Socke, nicht schon wieder." - "Ja doch, schauen Sie doch selbst." - "Ich komme gleich dazu. Einen Moment. Und niemanden anrufen, okay?" - "Haha."

Ich eröffne dem Vater gerade, dass wir eine Aufnahme vom Schädel brauchen, um auszuschließen, dass was gebrochen oder verletzt ist, als die Oberärztin reinkommt. Der Junge wird zum Röntgen geschoben, die Oberärztin fragt gleich den Vater: "Schulhof, ja?" - Der nickt. - "Und die Schule hat Sie angerufen?" - "Ja. Äh. Nein." - "Ja, was jetzt, wie sind Sie denn auf die Sache aufmerksam geworden?" - "Mein Sohn hat mir eine Nachricht geschrieben." - "Und Sie wohnen direkt neben der Schule?" - "Warum?" - "Weil das nicht passt, was Sie hier erzählen! Ihr Sohn blutet so stark, dass jede halbwegs verantwortungsvolle Lehrkraft einen Rettungswagen rufen würde. Und bei solcher Gewalt auch die Polizei. Macht sie aber nicht. Sondern lässt ihn blutend liegen und wartet auf den Vater. Finden Sie das logisch?" - "So war es ja nicht." - "Wie war es dann? Erklären Sie es mir!" - "Ich bin Ihnen gar keine Rechenschaft schuldig." - "Doch, das sind Sie. Weil, wenn Sie es nicht plausibel erklären können, und das können Sie nicht, dann muss ich das Jugendamt einschalten. Und das werde ich auch tun." - "Wozu? Ich bin der Vater." - "Um zu klären, was da vorgefallen ist. Und um die Rechte Ihres Kindes zu sichern. Setzen Sie sich bitte einen Moment in den Wartebereich. Wir rufen Sie wieder auf." - "Rufen Sie jetzt das Jugendamt an?" - "Schaun wir mal."

Einen Moment später kommt ein Anruf von der Rettungsleitstelle über das rote Telefon. "In etwa 6 Minuten: Polytrauma, weiblich, 28 Jahre alt, von Pkw angefahren, laufende Reanimation." - Die Oberärztin sagt zu mir: "Du kommst mit und assistierst mir." - "Ja." - Flexibilität ist heute wieder hoch im Kurs.

Einen Moment später stehen gefühlte 20 Leute im Schockraum und warten auf die schwerstverletzte Frau. Die Anspannung und das Adrenalin steigen von Minute zu Minute. Obwohl man cool bleiben soll. Meine Hände fangen zu schwitzen an in den Handschuhen. Die Tür geht auf. Mein Puls steigt nochmal. Zwei Feuerwehrleute schieben die Trage. Die Notärztin geht nebenher und hält in einer Hand einen mobilen EKG-Monitor, mit der anderen presst sie eine Infusion in die Frau. Eine Sanitäterin beatmet die Patientin mit einem Beatmungsbeutel. Ein weiterer Sanitäter kniet oben auf der rollenden Trage über der Patientin und führt eine Herzdruckmassage durch. Die Frau hat unter anderem eine lebensbedrohliche Beckenfraktur, die notfallmäßig mit einem Tuch komprimiert ist.

Zehn Sekunden später liegt die Frau vor uns auf dem Tisch. Die Notärztin berichtet, eine Autofahrerin sei von der Straße abgekommen und hätte sie als Radfahrerin auf dem Radweg eingefangen. Wie wir später erfahren, hat eine junge Fahrerin zuvor ein anderes Auto in der Nebenspur touchiert, sich dabei erschreckt und das Lenkrad verrissen, direkt in Richtung der Radfahrerin. Es wird vermutet, dass sie sich vom Smartphone hat ablenken lassen. Es stellt sich heraus, dass die Radfahrerin bei dem Unfall neben einer notfallmäßig mit einem Tuch komprimierten Beckenfraktur auch eine offene Kopf- sowie massive Hirnverletzungen erlitten hat. Schnell steht fest: Ihr ist nicht mehr zu helfen. Der Anblick ist grauenvoll.

Es ist nicht meine erste sterbende Patientin. Aber das, was danach kam, war für mich zum ersten Mal so extrem. Ich habe es schon einmal geschrieben: Nur weiterlesen, wenn man emotional gerade fest mit beiden Pobacken im Sessel sitzt.

Es kommt kurz danach ein Mann in den Wartebereich, der eine große Reisetasche trägt. Aus dem Reißverschluss der Tasche guckt eine große bunte Maus mit langem Schwanz. An der Hand hat er einen kleinen Jungen, vermutlich 5 bis 6 Jahre alt. Der Mann setzt sich erst hin, um 20 Sekunden später wieder aufzustehen. Dann kommt er zu mir an die Tür des Dienstzimmers, klopft. Stellt sich vor, er sei benachrichtigt worden, dass seine Frau mit dem Fahrrad gestürzt und hierher gebracht worden sei. Ob ich ihm sagen könnte, wo sie gerade sei. Falls sie über Nacht bleiben müsse, habe er ein paar Sachen zusammengepackt. Fast scherzhaft sagt er: "Damit sie nicht in euren karierten Nachthemden schlafen muss. Die hat sie schon bei seiner Geburt gehasst. Kaiserschnitt, wissen Sie?"

Jetzt bloß nichts anmerken lassen. "Meine Kollegin kümmert sich gleich um Sie. Nehmen Sie doch bitte noch einen Moment dort Platz." - "Ja. Wissen Sie denn, wie es meiner Frau geht?" - "Das ist die Patientin meiner Kollegin. Es tut mir leid, ich kann Ihnen dazu keine Auskunft geben. Sie müssen sich einen kleinen Moment gedulden, ich schicke die Kollegin sofort zu Ihnen." - "Ja, sicher."

Ich fasse es kurz: Dem Mann musste erklärt werden, dass seine Frau und damit auch die Mutter des Kindes gerade verstorben ist. Es musste geklärt werden, ob die Organe für eine Organspende entnommen werden dürfen. Eine Krisenfrau wurde gleich dazu geholt. Der Junge, so erzählte mir die Oberärztin später Rotz und Wasser heulend im Dienstzimmer, habe gefragt, wo Mama ist. Der Papa hat ihm gesagt, dass Mama jetzt beim lieben Gott ist. Und der Junge hat geantwortet: "Okay, dauert das lange? Wann kommt sie denn wieder?"

Da sind mir dann auch die Tränen übers Gesicht gekullert. Das Leben kann so ungerecht sein. Kurz danach klopft es an der Tür. Die Frau vom Kindernotdienst. Guckt erschrocken in unsere Gesichter. Da war ja noch was.

Sonntag, 24. September 2017

Risiko Rollstuhl

Das ewige Problem mit der Sicherheit ist noch immer nicht behoben. Ich hätte mir so sehr gewünscht, dass die seit Ewigkeiten allseits akzeptierte Ausrede, mit der Menschen mit Behinderung leider noch immer systematisch diskriminiert werden, endlich mal kritischer betrachtet wird. Seit Jahren macht mich diese Argumentation, Rollstuhlfahrerinnen und Rollstuhlfahrer (und andere Menschen mit Behinderung) stellten insbesondere bei Veranstaltungen ein Sicherheitsrisiko dar, regelmäßig aggressiv.

Es ist noch kein Monat her, da brach über einen Privatsender ein Shitstorm herein, als eine Frau in den Sozialen Medien behauptete, eine Platzanweiserin in einem Fernsehstudio habe zwei Menschen mit Down-Syndrom auf Plätze umgesetzt, die nicht im Erfassungswinkel der Kameras waren. Sie soll gesagt haben, dass man "sowas" nicht im Fernsehen sehen wolle.

Ich war nicht dabei. Ich weiß nicht, was vorgefallen ist. Ich bin noch nie umgesetzt worden, war aber auch noch nie in so einem Fernsehstudio. Der Privatsender gab später an, dass Sicherheitsgründe ("Unfallverhütung und Brandschutz") diese Umsetzung nötig gemacht hätten. Die beiden Menschen mit Behinderung seien nach dem Umsetzen näher am Notausgang gewesen, die ursprünglichen Plätze seien nur über eine steile Treppe erreichbar gewesen. Soll also heißen: Es purzeln alle die steile Treppe runter, weil zwei Frauen mit Down-Syndrom im Weg sind? Soll somit auch heißen: Das Sicherheitskonzept sieht vor, dass alle Gäste jung und dynamisch das Haus drei Stufen auf einmal nehmend verlassen, sobald irgendwo Rauch aufsteigt?

Ich kenne genügend Leute, die so verpeilt sind, dass sie sich nach außen öffnende Türen beim Reingehen vor den Kopf schlagen und mit Platzwunden in die Notaufnahme kommen. Und ich kenne einige Menschen mit Down-Syndrom, die sehr sportlich sind. Genauso wie es unterschiedlich fitte Menschen im Rollstuhl gibt. Aber im Evakuierungsfall könnten sie im Weg stehen.

Ja, tatsächlich, das könnten sie. Wenn die Veranstaltungsstätte so gebaut ist, dass es im Evakuierungsfall zum Gedränge kommt. Und mittendrin ein Rollstuhlfahrer ist, der sich nicht bewegt. Alle fallen über ihn drüber, werfen ihn mitsamt seines Stuhls um, was auch immer. Das wäre tatsächlich dramatisch. Genauso dramatisch wäre es, wenn Menschen totgequetscht oder totgetrampelt werden, ohne dass ein Rollstuhl im Raum war. Immer dann stellt sich die Frage: Waren die Rettungswege korrekt dimensioniert?

Wohl nicht. Und genau das ist auch der Grund, warum Menschen im Rollstuhl noch heute regelmäßig von öffentlichen Veranstaltungen ausgeschlossen werden. Vielleicht nicht überall, aber dennoch immer wieder. Und an Orten, an denen diese unverschämte Haltung bereits in der Vergangenheit öffentlich und vielleicht sogar politisch thematisiert worden ist, macht man es halt subtil mit Verweis auf den Brandschutz oder die allgemeine Sicherheit.

Ich kann nicht verstehen, dass man in den letzten Jahren ein Theater baut, in dem Menschen mit Behinderung im Evakuierungsfall ein Hindernis darstellen. Sorry, aber wer hat denn bei der Planung nicht damit gerechnet, dass Menschen im Rollstuhl oder beispielsweise mit Down-Syndrom auch Veranstaltungen besuchen wollen? Und warum nicht? Konnte da jemand vor lauter Dollarzeichen in den Augen nicht mehr geradeaus gucken?

Ich picke als weiteres Beispiel einen Musical-Besuch heraus. Nun bin ich kein Mensch, der gerne Musicals besucht, insbesondere nicht jene, die nur noch konsum- und kostenorientiert produziert werden. Ganz besonders krass finde ich jene, bei denen die Musik aus der Dose kommt (und nicht mehr von einem anwesenden Orchester). Früher, als ich noch zur Schule ging (und noch nicht rollte), haben mich zwei Musical-Aufführungen mal wirklich so fasziniert, dass ich mir davon auch eine CD gekauft habe. Danach bin ich noch zwei Mal eingeladen worden, und diese beiden Male war es grauenvoll. Also wer mich ärgern will, schenkt mit teure Musical-Karten.

Einmal war der einzige Rollstuhlplatz am Rand in der ersten Reihe (bei immerhin rund 2.000 Besucherplätzen, also 0,5 Promille). Der Blickwinkel auf die Bühne war so eingeschränkt, dass man nur etwa ein Drittel der ganzen Geschichte sehen konnte. Man saß ganz rechts und musste links an den Kulissen vorbei schauen. Umsetzen auf einen festen Platz war nicht buchbar.

Ein zweites Mal gab es vier Rollstuhlplätze bei rund 1.350 Besucherplätzen (rund 3 Promille), jedoch waren die ebenfalls ganz außen in der ersten Reihe angeordnet, so dass man fast nichts sah. Ich weiß, dass sich viele Menschen beschwert haben, auch bei Behörden, und ich habe in meinem damaligen jugendlichen Optimismus einen Brief an den Theaterbetreiber geschrieben und die Antwort bekommen, dass es ein Sicherheitsproblem gebe, das nicht zu ändern sei, weil das Haus zu alt wäre und auch unter Denkmalschutz stehe.

Nun, aktuell, wünscht sich eine Freundin schon viele Jahre einen Besuch in einem bestimmten Musical. Und der findet in einem Theater statt, das in den letzten fünf Jahren neu gebaut oder unter enormen Kostenaufwand komplett saniert und umgebaut worden ist.

Es gibt genau zwei Rollstuhlplätze (1 Promille), davon einer ganz links und einer ganz rechts im Saal, im ersten Block, in der teuersten Kategorie. Buchbar nur telefonisch gegen weiteres Entgelt. An diesen beiden Stellen ist ein Sitz herausnehmbar - so dass man sich am Rand im Rollstuhl sitzend hinstellen kann. Umsetzen auf einen bequemen, weichen Sitz in angenehmer Höhe ist weiterhin nicht möglich. Und wir dürfen auch nicht nebeneinander sitzen. Weil, wie gesagt, ein Platz rechts im Saal ist und einer links. Und diese Plätze sind auch im regulären Verkauf. Das heißt: Wenn jemand diesen Platz (mit Stuhl) buchen möchte, dann ist der Rollstuhlplatz (also die Option, dass man den Stuhl herausnimmt) natürlich belegt. Durch einen Fußgänger.

Warum das so ist? Das liege am Sicherheitskonzept. Immerhin könnten im Evakuierungsfall ja Menschen über die Rollstühle fallen. Falls meine Freundin und ich uns auf herkömmliche Plätze umsetzen wollen und die Rollstühle dann irgendwo am Rand stehen. Oder wenn wir woanders stehen - und nicht direkt am Eingang.

Bitte nicht falsch verstehen: Ich rede nicht davon, inmitten eines Blocks sitzen zu wollen. Aber warum kann man nicht beispielsweise in der letzten Reihe eines Blocks sechs bis acht mittige Sitze dreh- und herausnehmbar machen, so dass man sich von hinten einfach umsetzen kann? Der Rollstuhl bleibt dahinter stehen. Oder, wenn sich jemand nicht umsetzen kann, stellt er sich halt dorthin, wo man vorher einen Stuhl herausnimmt. Bei 2.000 Plätzen sollte das doch möglich sein, eigentlich sogar an mehreren Stellen in unterschiedlichen Preiskategorien. Und die einzigen, die im Evakuierungsfall hinter der letzten Sitzreihe entlang rollen, sind dann wohl die Rollstuhlfahrer.

Und es soll mir niemand sagen, dass die Nachfrage nicht da ist. Das Haus, von dem ich rede, ist regelmäßig mindestens einen Monat im Voraus komplett ausverkauft. Wenn nicht mehr Rollstuhlfahrer kommen, fühlen sich diese wohl verarscht. Oder rausgeekelt.

Naja, dann gehe ich mit meiner Freundin eben lecker essen. Und singe ihr vielleicht ein Liedchen vor. Vielleicht.

Freitag, 22. September 2017

Ständer und Heizung

Bekanntlich ist mit einem Nachtdienst ja nicht aller Nächte Morgen. Oder so ähnlich. Es ist gerade halb zwei Uhr nachts, ich darf alleine mit drei Pflegekräften und einem Sicherheitsmenschen die chirurgische Notaufnahme über Wasser halten, während alles, was nicht mehr studiert, entweder im OP steht oder schläft. Während ich mich schon um ein schreiendes Kind mit einem unreifen Eiterpickel, zwei betrunkene Frauen mit Schürfwunden, einen jungen Mann mit einem gebrochenen Unterarm, einen älteren Mann mit einem Splitter im Handteller und eine alte Dame mit einer verstauchten Hand gekümmert habe, kommt als nächstes ein Mann mit einem angeblichen Abszess im Genitalbereich.

Eine männliche Pflegekraft, die vor einiger Zeit aus Russland nach Deutschland kam, kommt ins Dienstzimmer, als ich mich gerade darum kümmere, dass der junge Mann mit dem gebrochenen Unterarm zum Röntgen kommt. "Kannst du bitte gucken in die Vier? Ein Mann sagt, er hat Abszess am Penis. In Wirklichkeit ich glaube, er hat aber nur Erektion. Ich glaube, er ist ein Strolch." - "Ein Strolch? Mit Ständer? Also ein Ständerstrolch?" - "Ja, sowas." - "Wie alt?" - "Einundzwanzig."

Einen Moment später rolle ich in die "Vier", schließe die Schiebetür hinter mir, stelle mich vor und frage ihn: "Was führt Sie hierher?" - "Ich habe einen Abszess am Penis." - "Mitten in der Nacht? Waren Sie damit schon bei Ihrem Hausarzt?" - "Nein. Denn bisher tat er nicht weh." - "Sie haben also Schmerzen." - "Ja. Ich habe eine Dauer-Erektion wegen dem Abszess. Es ist mir ein bißchen peinlich. Aber ich habe eben extra noch einmal für Sie geduscht." - "Darf ich mal sehen?"

Er macht seine Jeans auf, drunter trägt er einen schwarzen Baumwoll-Slip, aus dem oben was heraus guckt. "Setzen Sie sich dorthin bitte, und dann zeigen Sie mir mal den Abszess." - "Hier", sagt er. - "Ziehen Sie die Unterhose bitte mal runter und dann zeigen Sie mir das mal bitte so, dass ich das sehen kann."

Er nimmt grinsend seine Hoden in die Hand. "Hier. Alles voller Eiter. Können Sie das bitte absaugen?" - "Sind Sie schonmal damit aufgefallen?", frage ich, ohne eine Miene zu verziehen. Er guckt mich mit einem Rehblick an und sagt: "Bitte. Ich hab solchen Druck. Sie können doch bestimmt gut blasen." - "Eben sollte ich noch saugen. Sie werden sich jetzt wieder anziehen und schleunigst die Kurve kratzen. Oder muss ich erst die Bullen rufen?" - "Och menno, wir zwei hätten wirklich viel Spaß haben können. Sie sind echt etwas verklemmt. Aber irgendwie auch ne Süße." - "Tschüss."

Meine Chefin meint später, ich hätte die Polizei rufen müssen. Ich habe ihn für einen Spinner gehalten, der mal irgendeinen Kick brauchte. Zu viele Hormone. Die Daten von ihm haben wir ja, aber nachträglich will meine Chefin dann die Polizei doch nicht informieren.

Eine Stunde später kommt eine Frau, spärlich bekleidet, hinein und drückt sich ein Handtuch gegen die Stirn. Mit ihr kommt ein eher hagerer Mann mit dicker, auffälliger Halskette. Sie blutet links frontal an der Stirn aus einer Platzwunde. Sie sagt kein Wort, sondern der Mann redet für sie: "Mach sie wieder hübsch, okay?"

Als ich sie frage, wie das passiert ist, antwortet er: "Du sollst keine dummen Fragen stellen." - Ich frage nach: "Ich muss das aber später aufschreiben. Also?" - Er sagt: "Schreib auf, sie ist gegen einen Heizkörper gestolpert. Und jetzt mach endlich, bevor sie gleich kein Blut mehr im Körper hat."

"Ich habe doch sie gefragt, oder?" - "Ich will nur helfen. Sie versteht kein Deutsch."

Die Frau hat frische Würgespuren am Hals und diverse blaue Flecke an den Unterarmen. "Das muss ich nähen, sonst hört die Blutung nicht auf. Das sind aber die falschen Fäden." - Ich öffne drei Schubladen und schließe sie wieder. "Weißt du, ob wir drüben noch Fäden für das Gesicht haben? Die müssen ganz fein sein, diese hier sind zu grob. Da bleibt dann eine Narbe, und das wollen wir ja nicht." - Der Pfleger, der die Sachen schon richtig herausgesucht hatte, guckt mich natürlich völlig verdattert an. "Ich gucke selbst eben nach", füge ich hinzu, bevor er was sagen kann. Dann schließt er seinen Mund und schluckt.

Ich rolle nach draußen, schnurstraks zu dem Sicherheitsmenschen. "Können Sie bitte sofort die Polizei rufen? Ich habe eine Patientin, die offensichtlich körperlicher Gewalt ausgesetzt war und in Begleitung eines Typens ist, der sich sehr aggressiv benimmt."

Ich komme mit einigen Utensilien aus dem Nachbarraum wieder. Die Begleitperson wird hoffentlich nicht merken, dass es im Prinzip die gleichen sind, wie ich sie eben schon in der Hand hatte. Und die Pflegekraft wird hoffentlich auch nichts sagen.

Sie sagt nichts, sondern hat alles bereits hübsch mit Tüchern abgedeckt. Kurz darauf kommt meine Chefin rein. Frisch vom Sofa. "Na, Frau Kollegin, kommen Sie klar?", fragt sie mich. Ich nicke. Sie kommt näher und sagt: "Ich schau mal mit drauf." - "Gerne."

Der Mann sagt: "Bleibt da jetzt ein Faden drin?" - "Ja." - "Kann man das nicht kleben? So fürchten sich ihre Kinder ja, wenn sie nach Hause kommt." - "Das werden die Kinder schon verstehen."

Dann klopft jemand und öffnet im selben Moment die Tür. Zwei Polizisten, eine Polizistin, alle in Uniform. Der Begleiter sagt: "Das glaub ich jetzt wohl nicht." - "Sie kommen bitte erstmal mit auf den Flur", sagt der eine Polizist. Der Mann spricht etwas in einer fremden Sprache zu der Frau. Unser russischer Krankenpfleger übersetzt kurz darauf: "Du weißt, was sie hören wollen."

Später kommen noch diverse weitere Menschen in zivil, reden mit ihm, reden mit ihr, lassen sich die Unterarme zeigen, kontrollieren alle möglichen Papiere. Ich sehe das immer nur mal zwischen zwei Patienten. Dann muss sie mit der Streifenwagenbesatzung mit, er bekommt Handschellen angelegt und muss mit den nicht-uniformierten Menschen mit. Was genau los ist, erfahre ich nicht.

Und dann sagt meine Chefin, nicht die nette Oberärztin, sondern eine andere Kollegin, dass ich hier besser nicht die Polizei geholt hätte. Ich würde so riskieren, dass die Patientin nicht mehr wiederkommt. Sie will nämlich keinen Kontakt zur Polizei. Und entsprechend verliert sie einen als sicher geglaubten Ort, an dem ihre Verletzungen versorgt werden.

Ich weiß, dass es besser wäre, zu nicken, aber ich höre mich reden: "Das ist doch nicht Ihr Ernst?! Ich lasse mich doch hier von solchen Leuten nicht in deren kriminellen Sumpf ziehen! Die Frau war doch nicht freiwillig hier, das heißt, sie ist immer drauf angewiesen, dass ihr Zuhälter sie irgendwo hinbringt, nachdem er sie gegen die Heizung geschleudert hat. Somit kommt sie auch nicht freiwillig hierher. Oder wenn, dann weiß sie jetzt, dass sie hier Hilfe bekommt. Die Streifenpolizei wird doch zum selben Ergebnis gekommen sein wie ich, sonst hätten sie doch die Kripo nicht nachgeordert und ihn am Ende auch nicht mitgenommen."

"Sie wissen nicht mal, ob das ihr Zuhälter ist und ob er sie gegen die Heizung geworfen hat. Und sollte es so sein: Was machen Sie, wenn ihn nachher sein Rechtsanwalt wieder raus holt, er hierher kommt und seine Knarre auspackt?" - "Beten. Aber ich lasse mich trotzdem nicht einschüchtern von solchen Typen. Wenn unser Staat die Frauen nicht beschützen kann und solche Leute frei herumlaufen lässt, dann ist das schlimm. Aber ich möchte für die Frau alles getan haben, was in meiner Macht steht und ich halte es für meine Pflicht, die zuständigen Stellen zu informieren. Und ich glaube daran, dass die auch Wege finden, um der Frau zu helfen." - "Das ist auch Ihre Pflicht. Aber dennoch bringt es nichts, außer dass Sie sich in Gefahr begeben. Sich und andere Leute, für die Sie Verantwortung haben."

Es hat keinen Zweck. Vielleicht brauche ich erstmal dreißig Dienstjahre, um so gleichgültig oder so erfahren und weise zu werden. Oder ich muss erst einmal erschossen werden. Wer schreibt dann meinen Blog weiter?