Sonntag, 8. Juli 2018

Liebend getan

Vielleicht hat der Eine oder die Andere gedacht, dass ich heute ein Gyrosbaguette essen würde. Und lag damit richtig. Allerdings nicht dort, wo sich die Crew, die mich vor zehn Jahren von der Straße gekratzt hat, am Tag meines Unfalls ihr Gyrosbaguette geholt hat. Denn den griechischen Imbiss gibt es nicht mehr. Und auch "meine" Notärztin, die mich vor zehn Jahren im Heli begleitete und vermutet hatte, dass ich meine Verletzungen nicht überleben werde, gibt es leider nicht mehr. Sie ist, wie ich gestern erfuhr, im September letzten Jahres verstorben.

Warum, wieso, weshalb, weiß ich nicht. So alt, dass man damit rechnen müsste, war sie noch nicht. Sie hat mich in meinen gesundheitlich schwersten Minuten begleitet und korrekt behandelt. Ohne sie wäre ich vermutlich tot. Und trotzdem kannte ich sie nicht wirklich. Ich habe sie, einerseits aus einer Schüchternheit heraus, andererseits aus großem Interesse mal gefragt, warum sie Ärztin geworden ist. Sie hat geantwortet: "Aus Liebe." - Sie war eine "Institution" für mich, keine Bekannte oder Freundin. Die Nachricht schockt mich, auch noch am heutigen "Tag danach", extrem. Ich habe mit vielem gerechnet, dass sie mal versetzt werden könnte, inzwischen vielleicht gekündigt hat, woanders arbeitet - aber nicht mit ihrem Tod. Das berührt mich gerade sehr, und das nimmt mich emotional auch gerade sehr mit. Ich habe bereits einige Tränen vergossen. Es kam, zugegebenermaßen, höchst unerwartet.

Zehn Jahre ist der Unfall jetzt her. Zehn Jahre Querschnittlähmung. Sie sind vergangen wie im Flug. Ich hatte überwiegend eine schöne Zeit, wenngleich ich gerade in den letzten drei Jahren einige Erfahrungen gemacht habe, von denen ich noch nicht vollständig verstanden habe, wofür sie gut sein werden. Ich merke aber, dass mich diese Erfahrungen sehr viel gelassener, vorausschauender, kritischer und vor allem selbstbewusster gemacht haben. Und dass ich sehr viel über Menschen gelernt habe. Viele Eigenschaften, die mir bis dahin fremd waren, und die ich an mir sofort ändern würde, sind offenbar sehr verbreitet.

Ich bin früher eher still gewesen. Nicht schüchtern, aber ich mochte es nicht, wenn mich Menschen ansprachen. Wenn mich jemand nach dem Weg fragte, konnte ich darauf reagieren, die Uhrzeit bekam ich auch immer zusammen. Aber mit dummen Sprüchen bin ich früher eher selten konfrontiert worden. Das hat sich, seit ich im Rollstuhl fahre, enorm geändert. Eigentlich täglich sprechen mich in der Öffentlichkeit Menschen an. Gerade heute im Supermarkt wollte ebenfalls eine wildfremde Frau von mir wissen, ob ich eine Querschnittlähmung hätte. Zwischen dem Erdbeerregal und der Salatbar. Und sie erzählte mir, ohne dass ich es wissen wollte und während ich mein Gemüse zusammensuchte, dass sie mit einem sehr berühmten Ernährungsprogramm zwanzig Kilo abgenommen hat und dass sie es nicht mag, wenn Menschen mit ihren Handys laut im Supermarkt telefonieren.

Auch bin ich früher kein großes sportliches Licht gewesen. Heute habe ich eine gewisse Trainingsdisziplin, den Ehrgeiz, etwas schaffen zu wollen, und ich habe auch eine vergleichbar gute Kondition. Oft, wenn ich im Schwimmbad meine Bahnen ziehe, und ja, es können auch mal 100 Stück oder sogar noch mehr in einer Trainingszeit sein, sind Menschen davon fasziniert. Und dann denke ich oft: Leute, wenn ihr zehn Jahre das Schwimmen ohne Beine trainiert, würdet ihr das mindestens genauso gut können. Andererseits ist diese Bewunderung, die diese Menschen dann äußern, auch eine gewisse Motivation für mich. Offenbar trauen sie es sich dann doch nicht zu, sich am Schopf zu packen und sich einfach verbessern zu wollen.

Ich hatte früher, und auch dieses Thema wird oft angesprochen, auch von wildfremden Menschen, die dann aber meistens keine Antwort von mir bekommen, keinen Sex. Vor meinem Unfall habe ich mich nicht einmal selbst befriedigt. Klar, Busen hatte ich schon, Regel auch schon lange, aber sexuelle Bedürfnisse? Die waren einfach nie so ausgeprägt, dass ich sie gezielt befriedigen wollte oder sogar musste. Nach meinem Unfall war ich sehr neugierig, was geht und was ich empfinde. Und vielleicht ist das sogar sehr gut gewesen, weil ich so etwas dazubekommen habe, anstatt dass mir etwas weggenommen wurde.

An anderer Stelle wurde mir sehr viel weggenommen. Meine früheren Freunde, meine Eltern. Aber auch hier habe ich etwas dazu gewonnen: Marie mit ihrer Familie, einzelne Menschen, die ich im Blog nicht (mehr) erwähne, und auf die ich mich verlassen kann.

Ich weiß nicht, wie ich den Kreis schließen soll. Ich könnte jetzt noch ganz viel schreiben, um am Ende dieses Beitrags noch einmal zu meiner Heli-Ärztin zu kommen. Ich habe ihre Traueranzeige im Internet gesucht und gefunden. Ihre Urne wurde weit weg von Hamburg begraben, vermutlich an ihrem Geburtsort. Ihre beiden Eltern haben die Anzeige aufgegeben. Sie trägt einen Trauerspruch von Horatius Bonar (schottischer Geistlicher aus dem 19. Jahrhundert): "Nimmer vergeht, was Du liebend getan."

Freitag, 6. Juli 2018

Super klasse

Es war mal wieder so ein Erlebnis, das nur einer Stinkesocke passieren kann. Es ist inzwischen schon so, dass meine Leute mich regelmäßig fragen: "Wieso passieren dir ständig Dinge, die anderen Menschen einmal im Leben passieren?" - Ich weiß, ein Faktor ist mein beim Unfall erworbener Idiotenmagnet. Aber da muss mindestens noch ein zweiter Faktor sein. Ich bin noch nicht ganz dahinter gekommen.

Zu meinem Job gehören auch Nachtdienste. Im Studium konnte ich mich einigermaßen davor drücken, das ist nun vorbei. Nun ist es zum Glück so, dass nachts nur ein einziger Bereitschafts-Arzt für die Klinik vorgesehen ist. Das heißt: Nur, wenn es mal einen Notfall gibt, muss man ran, ansonsten kann man schlafen. Man darf sogar nach Hause, wenn man die Klinik innerhalb von zehn Minuten erreicht. Sofern es sich um einen psychiatrischen Notfall handelt und man kein Psychiater ist, muss man die diensthabende Oberärztin oder den Oberarzt zu Hause aus dem Bett klingeln.

Ich wurde umfangreich ins Bild gesetzt vor meinem ersten Nachtdienst. Ein wenig Bammel hatte ich ja schon, zum allerersten Mal ganz alleine für etwas verantwortlich zu sein, ohne jemanden fragen zu können. Aber was sollte schon großartig passieren bei 60 schlafenden Kindern und Jugendlichen? Die beiden pflegerischen Nachtwachen sagten: "Gehen Sie schlafen. Wenn was ist, rufen wir Sie an. Meistens ist es die Frage, ob wir was gegen Durchfall oder Erbrechen geben dürfen. Das kommt alle paar Wochen mal vor. Richtige Notfälle gibt es hier eigentlich nicht."

Also machte ich mich auf den Weg nach Hause, legte das Notdienst-Handy neben mein Bett und schlief schon bald ein. Allerdings habe ich mich nicht umgezogen, sondern meine Arbeitsklamotten angelassen und mir nur eine Wolldecke übergeworfen. Falls es doch mal schnell gehen muss. Meine Wohnung ist mit dem Auto genau 2,8 km von der Klinik entfernt, tagsüber würde man es mit dem Auto in 6 bis 7 Minuten schaffen, nachts natürlich etwas schneller. Mit Ein- und Ausladen des Rollstuhls also unter zehn Minuten. Check.

Und, wie sollte es anders sein, es ist 3 Uhr und 9 Minuten in der Nacht, als das Telefon bimmelt. Die Pflegekraft meldet mir ein zwölfjähriges Mädchen mit akutem Asthma-Anfall, der trotz des bereits zwei Mal innerhalb von drei Minuten inhalierten Spray nicht weg geht. Patientin ist ansprechbar, aber ängstlich und zittrig. Gesicht ist blass, aber nicht blau. Pfeifendes Atemgeräusch. Asthma ist bereits bekannt.

Atemlos in der Nacht. Das hat gerade noch gefehlt. Also Socke raus aus dem Bett, rein in den Rollstuhl, raus aus der Wohnung, scheiße ist das kalt. Auto ist zum Glück nicht zugeparkt oder geklaut, die Scheiben sind außen nass von der Luftfeuchtigkeit. Die Zentralverriegelung blinkt, Licht geht an. Niemand ist unterwegs, die Straßenlaternen leuchten. Wann bin ich zuletzt um diese Zeit durch die Gegend gefahren? Rein ins Auto, Rollstuhl verladen, Tür zu, Auto an, Scheiben wischen, Sitzheizung an (bibber), Abfahrt. Ich muss durch meine Wohnstraße und anschließend darf man nur links abbiegen und muss durch das ganze Wohngebiet, um auf die Hauptstraße zu kommen. Diese Regelung hat man geschaffen, damit die Wohnstraße bei überfüllter Hauptstraße nicht als Schleichweg genommen wird. Aber nachts um kurz nach drei Uhr? Leck mich.

Rechts abbiegen, die gesperrten fünf Meter vorsichtig vortasten, natürlich sind dort keine Vorfahrt-Schilder, weil man da ja eigentlich nicht so herum durchfahren darf, also lass ich die zwei Autos durch, die um diese Zeit hier herumfahren. Ein Lieferwagen, ein Taxi. Das nächste Auto ist weit genug entfernt. Also los. Ich bin auf der Hauptstraße, habe mindestens zwei Minuten gespart. Nun an der zum Glück abgeschalteten Ampel rechts in eine Seitenstraße abbiegen. Einen langgezogenen Berg hoch. Schneller als 50 kann man hier nicht fahren, dafür ist die Straße zu eng. Oben müsste ich links und gleich wieder rechts, dann weiter geradeaus. Und nach einer weiteren Kreuzung wäre da schon die Klinik. Aber bis zum "links und gleich wieder rechts" komme ich nicht. Hinter mir kommt jemand, der es scheinbar noch eiliger hat. Es ist das Auto, was eben noch in weiter Entfernung war. Und bevor ich ein zweites Mal in den Rückspiegel schaue, blinkt mich dessen Fahrer drei, vier Mal per Lichthupe an. Hatte er es noch eiliger als ich? Ich gucke in den Rückspiegel, und wie könnte es anders sein? Dort spiegelt sich in roten Lettern: "STOP Polizei."

War klar. Einmal bin ich in so einer Situation. Einmal biege ich falsch herum ab. Ein einziges Mal. Und zack, haben sie mich am Haken. Wie oft sehe ich Leute, die bei Rot über Ampeln donnern oder mich mit 100 überholen, obwohl nur 50 erlaubt sind? Da passiert gefühlt nie was. Aber bei mir wieder. Ich hatte mir vorher keine Gedanken gemacht, ob es schlau ist, was zu sagen. Aber ich denke mir: Es gibt keine bessere Ausrede.

Die beiden Herren kommen mit Taschenlampen links und rechts an mein Auto. Ich öffne das Fenster. "Guten Morgen, eine Verkehrskontrolle. Bitte stellen Sie den Motor ab und schalten Sie die Innenbeleuchtung an." - Ich denke mir so: Mach erstmal das, was er sagt. Bevor das eskaliert. "Ich hätte gerne von Ihnen Fahrzeugschein, Führerschein und Pesonalausweis, bitte." - "Nee, das ist jetzt wirklich schlecht, ich bin unterwegs zu einem medizinischen Notfall. Kann ich später zu Ihnen auf die Wache kommen?" - "Wer hat einen medizinischen Notfall? Sie?" - "Ich habe Rufbereitschaft in der ...-Klinik und dort liegt ein Kind mit akuter Atemnot." - "Jetzt aktuell?" - "Ja." - "Und in welcher Funktion sind Sie dort?" - Ich nenne ihm meine Funktion. Er fragt: "Ist das lebensbedrohlich?" - "Das kann schon lebensbedrohlich werden, ja." - "Dann begleiten wir Sie und machen alles weitere dort. Sie fahren vorweg. Sollten Sie versuchen zu flitzen, bekommen Sie ein ernsthaftes Problem."

Ich fahre weiter. Verfahre mich in der Aufregung fast noch. Direkt vor die Klinik. Chefarztparkplatz ist frei und die Chefärztin kommt sowieso jetzt nicht. Zack, Auto aus, Tür auf, Rollstuhl ausladen, umsetzen, Auto zu, abschließen, Rollstuhlrampe hoch. Tür ist zu. Passt mein Schlüssel auch an der Eingangstür? Das hatte ich noch nie ausprobiert. Er passt. Die beiden Polizisten fragen, ob sie kurz mit rein kommen dürfen. Ich lasse sie mit rein. In einem Behandlungszimmer am Ende des Ganges brennt Licht und die Tür steht offen. Das fällt sofort auf, weil sonst nur die Nachtbeleuchtung im Flur brennt. Die beiden Polizisten kommen hinter mir her. "Sie sind ganz schön flott unterwegs", meint der eine. Klar, ist ja auch ein Notfall, denke ich mir grinsend.

Ich komme um die Ecke. Das Mädchen sitzt angelehnt auf einer Untersuchungsbank, ist mit einer Wolldecke halb zugedeckt, hat bereits ein Pulsoxymeter am Finger, Sauerstoff unter der Nase und einen Venenzugang gelegt bekommen. Ihre Lippen sind leicht bläulich, Sauerstoffsättigung 82%, Puls 135. Das pfeifende Atemgeräusch beim Ausatmen höre ich schon an der Zimmertür. Kalter Schweiß auf der Stirn. Ich frage das Mädchen, wann das los gegangen ist. Um sechs Wörter zu sprechen, muss sie drei Mal atmen. Sie fängt zu husten an. Ich kann ein Atemgeräusch in der Lunge hören. Das Asthmaspray war unter Aufsicht der Pflegekraft zwei Mal korrekt inhaliert worden.

Bekomme ich die Richtlinien im Kopf abgerufen? Milligramm wie Körpergewicht. Oder? Doch, nicht nervös werden. Ich entscheide mich für 40 mg Prednisolon als einmalige Dosis. Salbutamol hat keine Wirkung gezeigt, also keine weiteren Experimente, sondern Theophyllin intravenös als Bolus über 20 Minuten. Die Infusion hängt dran. Ich möchte das Kind gerne in eine Akutklinik verlegen lassen und klingel meine Oberärztin aus dem Bett. "Nee, wenn das besser wird, bleibt sie bei uns am Pulsoxymeter. Sie ist psychisch nicht stabil genug, um sie in ein fremdes Krankenhaus zu verlegen. Und die Eltern sind da keine Hilfe."

Okay. Nicht meine Entscheidung, nicht meine Verantwortung. Ich dokumentiere das, beruhige das Mädchen, spreche mit ihr, dass es gleich besser wird. Fünf Minuten später kommt ihre Gesichtsfarbe wieder, der Sauerstoffwert steigt und steigt und steigt und erreicht innerhalb von zehn Minuten die magische 90%-Marke. Nach fünfzehn Minuten wackelt der Wert zwischen 95 und 96 Prozent hin und her. Schluss mit Theophyllin. Das EKG malt wunderhübsche Kurven. Das Atemgeräusch ist deutlich besser, das Mädchen hustet jede Menge Schleim ab. Tränen kullern über ihr Gesicht.

Wo sind eigentlich die Polizisten? Weg! Haben sich leise aus dem Staub gemacht. Wollten wohl nur gucken, ob das eine doofe Ausrede war. Ich schreibe und dokumentiere. Das Mädchen weint. Hat in die Hose gepinkelt. Sieht insgesamt erleichtert aus. "Darf ich Sie mal in den Arm nehmen?", fragt sie mich. Ich streiche ihr über die Wange, sie drückt meine Hand mit ihren beiden Händen an sich.

Nach einer Stunde darf sie wieder in ihr Bett. Sie soll das Pulsoxymeter dran lassen. Meine Nacht ist vorbei. Als ich 20 Minuten später nach ihr schaue, schläft sie. Sauerstoffsättigung 97%. Als wäre nichts gewesen. Der Rest der Nacht verläuft ohne weitere Probleme. Heute morgen kommt die Oberärztin zu mir ins Stationszimmer und sagt: "Sehen Sie, ging auch ohne Verlegung. Und fahren Sie Ihr Auto vom Chefarztparkplatz, bevor es Ärger gibt."

Und das Mädchen? Wurde heute im Rahmen einer Konsiluntersuchung einem Lungenfacharzt in der Kinderklinik vorgestellt. Kam zurück: Therapie weiter wie bisher. Kein Wort über die letzte Nacht, außer eine Kenntnisnahme. Okay?! Ich werde mich daran gewöhnen müssen, dass ich kein Feedback bekomme. Und dass das heißt: Alles richtig gemacht. Ansonsten würde wohl jemand meckern.

Kurz vor Feierabend spricht mich eine Dreizehnjährige auf dem Flur an: "Haben Sie ... heute nacht behandelt?" - "Erzählt sie das?" - "Ja. Sie hat mir erzählt, dass sie ganz schwer Atemnot hatte, und froh war, als endlich ein Arzt gerufen wurde. Und dann kamen Sie um die Ecke, und sie dachte, Sie können das bestimmt noch nicht richtig, weil Sie noch ganz neu und sehr jung sind. Aber dann konnten Sie ihr sehr gut helfen und jetzt findet Sie sie super klasse."

Freitag, 29. Juni 2018

Neugierige Katze

Ich habe ja immer mal individuelle Fragen beantwortet, meistens bei Fragerunden. Manchmal auch in Fragespielen mit anderen Bloggern. Damit niemand mehr darauf warten muss und auch niemand mehr seine individuellen Fragen unter den letzten Post als Kommentar schreiben muss (das passt nämlich meistens nicht zum Post), findet man mich jetzt auch bei der neugierigen Katze. Allerdings möchte ich gleich erwähnen, dass ich Fragen, die ich nicht beantworten möchte, auch konsequent aussortieren werde. Öffentliche Fragen nach meiner Adresse, meinem Arbeitsplatz oder meiner Handynummer gehören beispielsweise dazu. Medizinische Fachberatung gibt es auch nicht. Aus Gründen.

Noch Fragen? Dann los: Neugierige Katze.

Donnerstag, 28. Juni 2018

Buttermilch und Zigarette

Ich weiß inzwischen, was ich nicht machen darf: Nichtsahnend in den Tag hinein rollen. Nein, nichtsahnend ist nie gut. Ich muss immer auf der Hut sein, immer vorbereitet sein. Das weiß ich inzwischen. "Willst du dich besaufen?", fragt mich der Mensch, der hinter mir an der Supermarktkasse wartet und die drei Flaschen Mineralwasser kommentieren möchte, die ich auf das Laufband gelegt hab. Ohne mich umzudrehen, antworte ich: "Es wird ein Exzess."

Der Mensch vor mir, der sich umgedreht hat, schmunzelt und dreht sich wieder zurück. Der Mensch hinter mir hat einen Becher Buttermilch auf das Laufband gestellt und trippelt mit seinem Gipsfuß auf den Fliesen herum. "Danach kann ich immer besonders gut kacken!", lässt er mich wissen, als er auf seine Buttermilch deutet. "Ich weiß nicht, ob ich das unbedingt wissen möchte", antworte ich, wieder ohne mich umzudrehen. Der Mensch wiederholt: "Nee, nach der Buttermilch meine ich. Da geht das besonders gut." - "Ich möchte das nicht wissen!", wiederhole ich ebenfalls.

Es sei doch ein menschliches Thema, brabbelt er weiter. Ich ignoriere ihn komplett. Er schimpft ein wenig mit sich und mit mir, dann bin ich dran, bezahle meine drei Flaschen Wasser und rolle hinaus, ohne mich noch einmal zu dem Verstopften umzudrehen.

In der Klinik angekommen rolle ich in mein Zimmer. Man möchte, dass ich eine weiße Jeans und ein weißes Polo- oder Sweatshirt trage. Gestellt wird das nicht, dafür gibt es aber eine Bekleidungspauschale und eine Firma, die das einheitlich liefert. Waschen muss ich das selbst. Für Untersuchungen gibt es noch einen weißen Kittel, den das Haus stellt und der zentral gereinigt wird, der passt mir im Rollstuhl aber nicht. Bislang hatte ich immer Hosen und Hemden über die Klinik bekommen. Es gab immer einen Schrank oder ein Regal, wo man sich was in seiner Größe wegnehmen und abends oder bei Bedarf in den Wäschewagen werfen konnte. Das war natürlich deutlich hygienischer. Andererseits ist Jeans wesentlich modischer als gemangelte dunkelblaue oder dunkelgrüne Baumwollhosen.

Achso, und wir sollen bitte keine dunklen Strings tragen, Tätowierungen verdecken und Piercings entfernen. Wie gut, dass ich in meiner Langweiligkeit weder Strings noch Tatoos noch Piercings trage. Ich war gerade umgezogen, als meine Chefin gegen die Tür wummerte und zu mir hinein wollte. Sie war sichtlich sauer. Und jetzt trage ich dafür ja die volle Verantwortung. Sie drehte gleich auf und begann mit dem Satz: "Wir müssen über etwas sprechen, was mit Sicherheit einen Verweis nach sich zieht, sollte sich für Ihr Verhalten kein guter Grund finden. Was das in der Probezeit bedeutet, können Sie sich ja ausmalen. Ich komme gleich zur Sache: Gestern abend ist eine Mutter mit einem bewusstlosen Kind in unsere Klinik gekommen. Die Mutter spricht kaum Deutsch und hat uns hier für ein Akutkrankenhaus mit Notaufnahme gehalten. Sie war völlig aufgebracht und schon auf dem Parkplatz völlig verzweifelt. Sie standen an der Grundstücksgrenze mit einer Zigarette in der Hand und haben sich mit einem Mann unterhalten, und Sie haben diese Mutter gesehen, ihr sogar noch hinterher geguckt, ohne etwas zu unternehmen. Dafür habe ich einen Zeugen. Sie haben seelenruhig zugesehen, während vor Ihnen diese Mutter nach Hilfe bettelt. Was haben Sie dazu zu sagen?"

"Nichts." - "Das ist Ihr gutes Recht, aber ..." - Ich unterbrach sie: "Nichts, weil Sie mich verwechseln." - "Man hat Sie eindeutig gesehen. Es gibt einen Zeugen." - "Dann irrt sich dieser Zeuge. Ich bin seit 26 Jahren Nichtraucherin und ich habe niemals mit einer Zigarette in der Hand an irgendeiner Grundstücksgrenze gestanden. Niemals. Und ich kenne auch diese Geschichte mit dem bewusstlosen Kind nicht, sondern höre sie zum ersten Mal." - "Sie wurden eindeutig gesehen." - "Dann holen Sie doch bitte den Zeugen her oder wir gehen da jetzt gemeinsam hin. Ich bin gespannt, wie er da wieder rauskommen will. Das ist nämlich eine Sauerei, so etwas einfach in die Welt zu setzen. Ich wäre die Erste, die sich um so eine Sache kümmern würde, wenn da eine Mutter mit einem bewusstlosen Kind angelaufen kommt."

"Ehrlich gesagt konnte ich es mir gleich nicht vorstellen." - "Ich hätte mir gewünscht, dass Sie mich erstmal fragen." - "Das ist durchaus berechtigt. Sie müssen mich aber auch verstehen. Der Vorwurf ist ungeheuerlich." - Der Zeuge war ein pflegender Mitarbeiter einer anderen Station, der sich, als er mich sah, doch nicht mehr sicher war, ob ich es war. "Haben Sie auch einen pinkfarbenen Rollstuhl?"

Na klar. Mit Glitzerstaub. Und heute ist schwarz dran. Morgen weiß. Und so habe ich für jeden Tag der Woche einen anderen Stuhl in unterschiedlichen Farben. Alle von der Krankenkasse. Und feiertags aus Gold. Aus ästhetischen Gründen. Mit passender Brille und passendem BH. Ich habe kein Wort mehr gesagt, sondern bin nur noch raus und in mein Zimmer. Zehn Minuten später kam meine Chefin angedackelt, um sich zu entschuldigen. Wenigstens das.

Dienstag, 26. Juni 2018

Sieben Jahre

Fast sieben Jahre ist es her, als ich das Foto aufgenommen habe, das im Hintergrund meines Blogs zu sehen ist. Es ist spontan entstanden bei einer Fahrt mit dem Handbike an der Elbe in Hamburg, fast am östlichsten Zipfel der Stadt. Damals fand ich es einfach nur schön.


Am letzten Wochenende bin ich zusammen mit Marie wieder zu dieser Stelle gefahren. Der kleine Anbau, an dem vor sieben Jahren noch eine Lampe hing, ist inzwischen verputzt und weiß gestrichen. Die Bäume sind etwas größer geworden, ansonsten ist wohl alles beim Alten.


Bevor sich da nun eine Pilgerstätte entwickelt, sei noch einmal deutlich gesagt: Ich kenne den Eigentümer nicht. Ich bin mit offenen Augen durch die Welt geradelt und habe spontan meine Handykamera gezückt.


So auch am letzten Freitag beim Training mit dem Bike an der Ostsee. Hübsch, oder?

Samstag, 23. Juni 2018

Erster Job

Ich erwähnte ja bereits, dass sich gerade in den letzten Wochen vieles verändert hat. Studium ist fertig, gleichwohl habe ich noch keine Lern-Unterlagen verbrannt. Gerade habe ich auch nicht die Absicht, das zu tun. Obwohl ich mal aufräumen und zumindest überflüssigen Mist aussortieren müsste. Dinge, die man sich nicht mehr anschaut. Kritzeleien. Aber vielleicht sind die in ein paar Jahren doch nochmal interessant. Ich entwickle mich gerade ein wenig in Richtung Messie. Aber richtigen Müll sammle ich noch nicht. Zumindest nicht mehr, als in meine Mülleimer passt.

Mülleimer habe ich inzwischen zwei. Einen zu Hause, unweit der Ostseeküste, wo, seit ich dort wohne, nur noch schönes Wetter ist, und einen in einer Mietwohnung, die ich seit Anfang des Monats mehr oder weniger zugeteilt bekommen habe. Wir hatten im Bewerbungsgespräch auf meinen neuen Job einmal angesprochen, dass ich wohl nicht täglich pendeln kann, und umso erstaunter war ich, dass man mir ohne weiteren Dialog eine stufenlos zugängliche Einzimmerwohnung unweit der Klinik, in der ich meine Facharzt-Ausbildung beginne, besorgt hat. Überhaupt hatte ich den Eindruck, sie wollen dringend (neues) Personal.

Eine junge Frau aus der Personalabteilung, mindestens fünf Jahre jünger als ich, hatte das alles arrangiert und war überhaupt nicht zu bändigen. Ich hatte das Gefühl, ich hätte eine persönliche Assistentin an meiner Seite. Nicht aufdringlich. Ich musste mich um nichts kümmern. Ich konnte die Wohnung gleich am ersten Tag besichtigen und hab sie auch sofort genommen, zum Schlafen ist sie optimal. Preislich kann man auch nicht meckern. Kurz nach dem Krieg gebaut, aber gerade renoviert und technisch auf dem neuesten Stand. Und ich teile mir den Hauseingang lediglich mit einer alten Dame, ich nenne sie mal Frau Schmidt, die sich vorgestellt hat, bevor ich es tun konnte: "Ich bin Oma Schmidt, und wenn Sie mal nichts im Haus haben, dann schellen Sie hier, die Zutaten für einen Pfannkuchen kann ich Ihnen immer ausborgen." - Das ist doch mal ein Wort.

Die Klinik hat, was selten vorkommt, auch für das Personal barrierefreie Sanitäreinrichtungen. Es gibt Kliniken, da wird erwartet, dass Personal im Rollstuhl die Patienten-Toiletten benutzt. Manchmal ist zumindest eine Besucher-Toilette für Rollstuhlfahrer geeignet. Wie ich inzwischen weiß, gibt es an der Klinik noch eine Erzieherin im Rollstuhl, die ich aber noch nicht kennengelernt habe. Insgesamt, so sagte man mir, erfülle man die gesetzlich vorgegebene Quote schwerbehinderter Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

"Das ist Ihr Zimmer", führte mich die eifrige Personalreferentin am ersten Tag in einen recht kahlen Raum mit einem komfortablen Schreibtisch einschließlich PC. Eigenes Zimmer? Hatte ich nicht erwartet. Und ist auch keineswegs üblich, wie ich von meinen ehemaligen Kommilitonen weiß. "Brauchen Sie einen höhenverstellbaren Tisch?" - Ich schüttelte den Kopf. - "Brauchen Sie einen Schreibtischstuhl?" - "Umsetzen von Zeit zu Zeit wäre nicht schlecht." - "Lass ich Ihnen bringen. Falls Sie Bilder an die Wand hängen wollen, darum kümmert sich ausschließlich die Haustechnik. Sagen Sie mir Bescheid."

Ein eintüriger Kleiderschrank mit Spiegel, ein Tisch, halbrund, an einer Wand stehend und mit Platz für zwei Personen, zwei Stühle, ein Holzregal und ein Kleiderständer stehen außerdem drin. "Das ist Ihr Schlüssel. Den müssen Sie immer am Körper tragen. Wenn Sie ihn verlieren, wird das richtig teuer, denn dann muss die komplette Schließanlage getauscht werden." - Oha. Jede Menge Papierkram. Als sehr kompliziert stellte sich die im Arbeitsvertrag vereinbarte "aufschiebende Wirkung" der Tatsache heraus, dass ich zwar meine Abschlussprüfung bestanden hatte, die zuständige Behörde aber noch keine Approbation erteilt hatte. Ich durfte zunächst nicht anders arbeiten als zuvor im Praktischen Jahr. Sollte das aber eigentlich.

Und als das dann endlich geklärt war, ergab sich die nächste Verwaltungshürde: Die Approbation wird in dem Bundesland erteilt, in dem man sein drittes Staatsexamen gemacht hat. Anschließend wurde die Akte erstmal in das Bundesland geschickt, in dem ich meinen ersten Wohnsitz habe. Und von dort ging es dann zu der zuständigen Stelle in dem Bundesland, in dem die Klinik ihren Verwaltungssitz hat. Und die stellen dann einen Ausweis aus, eine Chipkarte, die benötigt wird, um sich in der Klinik eine weitere Chipkarte zu besorgen, die wiederum benötigt wird, um sich am Computer oder an anderen technischen Geräten anzumelden. Hoch lebe der Vorgang!

Problem dabei: Der Ausweis braucht mindestens vier Wochen, bis er produziert und zugeschickt ist. Also habe ich zwar inzwischen eine Approbation, aber keinen Ausweis. Somit auch keine persönliche Chipkarte in der Klinik, sondern eine, die ich jeden Morgen freischalten lassen und jeden Abend wieder abgeben muss. Trotzdem hat meine Karte nicht die Berechtigungen, die ich bräuchte, so dass ich immer eine (ebenfalls) approbierte Kollegin dazurufen muss, um zu arbeiten.

Ganz simples Beispiel: Ein Junge auf "meiner" Station hat Heuschnupfen und reagiert allergisch auf Frühblüher. Er bekommt ein Medikament, morgens eine Tablette, die das ganze Augentränen, Hatschi und Co. relativ gut abgemildert hatte. Ein wenig Hatschi bleibt aber dennoch. Inzwischen ist die Frühblüher-Saison eindeutig zu Ende und auch sein weniges Hatschi ist, wie er selbst sagt, vorbei. Also Tablette absetzen. Kann ich nicht alleine, weil ich keine passende Chipkarte habe. Ich kann das alles vor-erfassen, aber für den finalen Klick muss eine approbierte Kollegin dazu kommen.

Ansonsten ist aber alles prima. Meine direkte Vorgesetzte ist sehr nett, den Chefarzt habe ich bisher nur kurz gesehen, aber alle finden ihn klasse, und das Pflege- und Erzieherpersonal ist sehr unkompliziert, überwiegend jung und lustig drauf. Die Patienten auf "meiner" Station sind zwölf, halb Jungs, halb Mädels, sind sehr unterschiedlich und haben teilweise wirklich erschütternde Probleme, die sie mit sich herumtragen. Ganz viele mit Missbrauchs-Erlebnissen, einige mit schwerer Depression, ADHS ist ein großes Thema, Angsterkrankungen, Krisensituationen. Was ich in den ersten Wochen mitbekommen habe, kämpfen ganz viele einfach nur um ihren Platz in der Gesellschaft, fühlen sich alleine gelassen, nicht ernst genommen. Viele von ihnen sind sehr reflektiert und wissen sehr genau, was mit ihnen los ist, brauchen aber Hilfe, Dinge zu ändern. Ich bin bei mehreren Elterngesprächen im Hintergrund dabei gewesen und habe mehrere Male gedacht: Wo bin ich hier gelandet? Was für Menschen gibt es auf diesem Planeten?

Die derzeit krasseste Geschichte, und bitte, wer heftige Dinge nicht gut erträgt, scrollt einen Absatz weiter, ist für mich die einer Elfjährigen, die vom Vater regelmäßig sexuell missbraucht wurde. Die Mutter wusste davon, wollte aber das äußere Bild einer heilen Familie nicht zerstören. "Was hätte ich denn machen sollen?", fragt sie in Einzelgesprächen immer wieder und findet es "übertrieben", dass ihr Göttergatte derzeit in Untersuchungshaft sitzt. Es sieht so aus, als hätte er nicht nur seine eigene Tochter missbraucht. Und als sei er nicht der Einzige, der sich über seine Tochter ... mir wird schon wieder übel. Kohle ist dabei wohl auch noch geflossen. Die Ergotherapeutin erzählt in einer Teamsitzung, sie habe ihre erste Stunde mit dem Mädchen mit der Frage begonnen, was sie bei ihr mal ausprobieren möchte und was sie sich wünscht. Daraufhin hat das Mädchen zehn Minuten lang die Wand angeschaut, immer wieder geschluckt, immer wieder Luft geholt und schließlich leise gesagt: "Ich wünsche mir, dass mich mal jemand in den Arm nimmt, weil er mich okay findet."

Ansonsten lerne ich fleißig dazu, werde wohl von allen sehr gut akzeptiert, ich habe noch keinen einzigen dummen Spruch über meine Behinderung gehört, und die Stadt, in der die Klinik ist, ist sehr hübsch. Wenn auch mit sehr viel rollstuhl-untauglichem Kopfsteinpflaster. Auch wenn meine Liebe zu Hamburg und meiner Ostsee unteilbar ist, muss ein kleines Kompliment dennoch sein.

Dienstag, 19. Juni 2018

Stex 3

Es ist ein Update fällig. Ich weiß. Wenn ich denn mal Zeit hätte. Ich würde so gerne schreiben. Ich hätte so viel, worüber ich schreiben könnte. Es hat sich so viel verändert in den letzten Wochen und es ist so viel geschehen, dass ich eigentlich täglich bloggen könnte. Wie gesagt, wenn ich mehr Zeit hätte.

Zuerst wäre da mein drittes Stex. Stex, nicht Sex, du Ferkel. Also Staatsexamen, Prüfung. Die ganze Aufregung, die ich befürchtet hatte, blieb aus. Ich habe in der Nacht davor geschlafen wie ein Baby, habe mir am Abend davor nichts mehr angeguckt, nichts mehr nachgeblättert, bin beim Einschlafen nicht nochmal irgendwas im Kopf durchgegangen und musste auch nicht noch fünf Mal Licht anmachen, um irgendwas doch nochmal genauer nachzulesen. Nix. Und dann habe ich an dem Morgen noch ganz ruhig gefrühstückt, sogar online noch in einer Tageszeitung geblättert, bevor ich mich mit optimalem Zeitpuffer auf den Weg gemacht habe.

Und bevor ich richtig nachdenken und emotional aufdrehen konnte, war ich schon dran. Ich musste eine von mir geschriebene Epikrise (also quasi einen Arztbrief) vorlegen zu einer Patientin, die eigentlich an dem Tag entlassen werden sollte, allerdings war sie schon am Vortag nach Hause geschickt worden, von daher sammelte man den Zettel ein und kommentierte es erstmal nicht weiter. Ich bekam eine neue Patientenakte in Papierform in die Hand gedrückt. "Schauen Sie sich das genau an. Die Dame möchte heute gerne nach Hause entlassen werden und weiß bereits, dass Sie heute Ihre Prüfung mit ihr machen. Sie gucken sich die Akte vorher in Ruhe an. Alle Nachschlagewerke, die Sie hier im Raum finden, dürfen Sie benutzen, allerdings dürfen Sie nichts außer der Akte zur Patientin mitnehmen und Sie kommen auch nicht hierhin zurück. Also wenn Sie noch was nachschlagen müssen, dann jetzt. Wir warten vor dem Patientenzimmer, wenn Sie so weit sind, kommen Sie dorthin und nehmen uns mit hinein. Sie müssen uns nicht vorstellen, die Dame kennt uns aus dem Vorgespräch. Und Ihr Handy würde ich gerne für die nächsten zwei Stunden an mich nehmen, wenn Sie einverstanden sind. Ist das lautlos?"

Ich blätterte die Akte durch. 69 Jahre, weiblich, schlank, körperlich fit, ist zur Kontrolle ihres implantierten Herzschrittmachers vom Hausarzt in die stationäre Behandlung eingewiesen worden. Ihr war mehrmals schwindelig, dann hat man Blutdruck gemessen, der war zu niedrig und der Puls zu schnell. Bei der Kontrolle des Herzschrittmachers gab es am Gerät allerdings keine Auffälligkeiten und er soll auch richtig eingestellt sein. Es handelt sich um ein bedarfsweise ansprechendes Gerät, das in den letzten Monaten nicht ausgelöst hat. Damit war eigentlich alles gesagt: Wenn die Spezialisten sagen, es liegt nicht am Schrittmacher, dann werde ich mich in einer Prüfung nicht darüber hinwegsetzen müssen.

Sondern bei der Dame ist was anderes los. Ich blätterte weiter. Laborwerte ... ach herrje. Prüfungsakte ohne die sonst üblichen Hinweise des Labors. Ein viel zu niedriger Hämoglobinwert und ein Mangel an roten Blutkörperchen fielen mir sofort auf. Alle anderen Werte, sofern sie auch nur spärlich erhoben wurden, waren eigentlich normal. Ich blätterte weiter. Ein großes EKG war schon drin. Sah auf den ersten Blick auch normal aus. Dosierungsplan für Medikamente: Nix. Was ja auch selten vorkommt, wenn man mit fast 70 Jahren in einem Krankenhaus weilt. Sollte ich jetzt noch irgendwas nachschlagen? Oder mich ganz lässig ins Gespräch begeben? Es musste schon richtig blöd laufen, wenn ich nach meinen bisherigen Leistungen jetzt durchfallen wollte.

Drei Herren, mein jetziger Prof, und ich. "Ich wäre dann soweit." - "Sind Sie aufgeregt? Dafür gibt es keinen Grund. Ich will, dass Sie bestehen. Geben Sie sich Mühe, aber haben Sie keine Angst. Das ist nicht nötig. Wir wollen nur schauen, wie Sie arbeiten. Dass Sie das können, wissen wir schon. Wenn Sie etwas nicht wissen, dann fragen Sie mich. Das ist völlig in Ordnung. Machen Sie nicht den Fehler, dass Sie versuchen, etwas auf einer Lücke aufzubauen. Da wird alles nur noch schlimmer. Meistens fällt der Groschen bei der Frage und danach läuft es wieder wie am Schnürchen. Einen Hänger darf jeder mal haben. Alles klar?"

Jetzt war ich aufgeregt. Anklopfen, eintreten. Grüßen, ansprechen, Hände desinfizieren. Die Bettnachbarin bitten, das Zimmer zu verlassen. Mich vorstellen. Fragen, wie die Dame sich heute fühlt. Und sie antwortete: "Bis auf das Frühstück ist alles gut." - "Bis auf das Frühstück", wiederholte ich grinsend. War das abgesprochen? Ich riskierte einen Blick zu meinem Prof. Dessen Blick ging nichtssagend ins Leere. Die Dame fuhr fort: "Ich möchte nach Hause. Zwei Nächte hier müssten ja eigentlich reichen. Haben Sie meine Hertha wieder richtig eingestellt?" - "Sie meinen Ihren Schrittmacher?" - "Ja, ich nenne das Ding immer Hertha, alles andere klingt mir zu ernst. Wissen Sie, wie ich den bekommen habe?" - Und dann erzählte sie. Und erzählte. Und hörte nicht mehr auf. Sie überschlug sich fast beim Reden. Dann klingelte ihr Handy in der Schublade und vibrierte dabei. Sie holte das Ding raus, sagte: "Meine Tochter! Moment!"

Es kam nicht der Satz: "Ich ruf gleich zurück", was ich außer Wegdrücken noch akzeptiert hätte. Sondern sie fing an zu labern. War das abgestimmt? Wollten die mich testen? Oder war das live? Highlive? So oder so, ich musste ran: "Entschuldigung, können wir das jetzt bitte auf später verschieben?" - "Du, ich muss Schluss machen, hier ist gerade Visite. Hab dich lieb! Kussi!"

Und dann war ich wieder dran: "Tschuldigung, aber meine Tochter ruft so selten an. Aber klar. Wo waren wir stehen geblieben?" - Mein Blick fiel in die geöffnete Schublade. Dort war eine Packung Tabletten drin. Wieso hatte sie Tabletten im Nachtschrank? Im Medikamentenplan stand nix. Unvollständige Prüfungsakte? Passt nicht. Und mehr als den Tagesbedarf gibt es eigentlich sowieso nicht. Ich fragte: "Entschuldigung, was sind das für Tabletten in der Schublade?" - "Die? Och nichts. Muss Sie nicht interessieren", sagte sie und schob die Schublade zu. Ich guckte meinen Prof an. Der kam drei Schritte auf mich zu und machte ein ernstes Gesicht. Ich guckte ihn länger an. Er guckte aus dem Fenster. Okay. Meine Patientin. "Ich möchte die jetzt aber schon mal sehen." - Sie schüttelte den Kopf. "Wissen Sie, Frau ..., Sie sind hier, weil wir Ihnen helfen sollen, dann müssen wir auch wissen, was Sie einnehmen. Sie können nicht einfach eine eigene Apotheke in Ihrer Schublade haben." - Damit hatte ich sie am Haken: "Apotheke, nun übertreiben Sie. Das sind harmlose Lithium-Tabletten." - Der Prüfer seufzte leise. Ich fragte: "Und die nehmen Sie wofür?" - "Mein Psychiater sagt, ich sei bipolar. Ich bin aber nicht polar. Ich bin vielleicht binär. Also vom Geschlecht. Aber das ist eine andere Sache, gegen die es keine Medikamente gibt."

Sie redete und redete. Irgendwann fuhr ich ihr über den Mund. "Sie können heute noch nicht nach Hause." - "Nicht?" - "Nein. Mit ihrem Schrittmacher ist und war alles in Ordnung. Wir haben die Ursache für Ihren niedrigen Blutdruck noch nicht gefunden." - "Nach zwei Tagen noch nicht gefunden?" - "Nein, wir erfahren ja sukzessive Neuigkeiten. Ich schlage vor, dass wir bei Ihnen Lithium und Eisen mal bestimmen und auch mal die Schilddrüse untersuchen. Und ich würde Sie bitten, eine Stuhlprobe abzugeben." - "Wofür das denn?" - "Ich möchte gerne routinemäßig prüfen, ob Sie irgendwo Blut verlieren."

Der Prüfer sagte: "Das reicht, Frau Socke. Vielen Dank. Wir machen gleich noch eine Nachbesprechung. Auf Wiedersehen, Frau ..." - Wie sich später herausstellte: Die Schilddrüsen-Narbe hatte ich richtig gedeutet, dazu gab es aber eine Geschichte, die nur ich noch nicht kannte. Das mit dem Lithium in der Schublade war so nicht geplant, deswegen wurde der ganze Kram dann auch abgebrochen. Logisch, dass bei mir wieder so ein Scheiß passiert. Eisen und Eisenspeicher bestimmen war richtig, Blutverlust im Darm routinemäßig war auch gut, eingerissene Mundwinkel hatte ich auch richtig gesehen und eingeordnet, eigentlich wollte man noch auf Wasseransammlungen in den Beinen hinaus, ich hätte die Lunge abhören sollen, aber nach der Lithium-Geschichte lief denen das aus dem Ruder, man hat es abgebrochen und ich könnte behaupten: Ich hätte es alles noch gesehen und gemacht.

Etwa eine halbe Stunde war vergangen. "Kommen wir zum 2. Punkt." Man sprach mich tatsächlich auf die Dame an, die kürzlich keine Anaphylaxie, sondern nur einen entgleisten Diabetes hatte. "Erzählen Sie mir alles, was Sie über Anaphylaxie wissen." - Er ließ mich labern. Über die schwere allergische Reaktion, die von einer auffälligen Hautreaktion bis zum Kreislaufstillstand reichen kann und nach den aktuellen Definitionen neben der deutlich sichtbaren allergischen Reaktion immer eine zweite Komponente hat (ABCD): Atmung, Blutdruck, Chronik (konkrete allergische Vorgeschichte) oder Darm. Er ließ sich erklären, wie man reagiert. Und vor allem wie schnell. Ich erzählte ihm über die Gabe von Adrenalin (alle 5 bis 10 Minuten eine halbe Ampulle in den Muskel, bei Kindern unter 12 die Hälfte, bei Kindern unter 6 ein Viertel). Schnelle Infusion von ganz viel Flüssigkeit (mindestens ein Liter bei Erwachsenen). Serumtryptase bestimmen. Auf Reanimation vorbereitet sein. Bei stabilem Kreislauf Histaminrezeptoren blocken, Kortisongabe über die Vene in Betracht ziehen.

Er wollte wissen, welche beiden Medikamente in welcher Dosierung die Histaminrezeptoren blocken. Wie hoch ich welches Kortison geben würde. Ob ich bei einer Reanimation das Adrenalin noch erhöhen würde. Ich hatte einen Lauf. Ohne nachzudenken plapperte ich die Antworten heraus. Leitete korrekt her, warum der Kreislauf zusammenbricht. Und in der Folge, warum man spätestens bei der Reanimation beim anaphylaktischen Schock die Beine hochlegt. Warum man dann Adrenalin über die Vene und nicht mehr über den Muskel gibt. Und musste zu guter Letzt noch rund 20 Minuten erklären, was alles auch wie ein allergischer Schock aussehen kann, aber keiner ist (und wie ich das differenziere).

Anschließend hatten wir noch die Hüftdysplasie (also eine Fehlbildung der Hüftpfanne) beim Kleinkind, welche Fehlbildungen häufig vorkommen und wie sie therapiert werden, danach wollte der Prüfer von mir ein persönliches Gespräch über sein Kind, bei dem in einem Provokationstest Asthma festgestellt wurde, und zuallerletzt wollten sie mich noch fünf Minuten mit einer Art Scherzfrage auf den Arm nehmen. "Whewellit und Weddellit. Tauchen anders als Wum und Wendelin niemals zusammen auf. Wo findet man sie und was hatte derjenige, bei dem man sie findet, auf jeden Fall zu wenig?"

Ja. Kleines Rätsel, das ich so weitergebe. Nach Wum und Wendelin waren zwei Stunden rum. Ich war nicht schweißgebadet. Sondern irgendwie mittendrin. Die Einzelheiten könnte ich im Protokoll nachlesen, vorab bekam ich gleich zu hören: Die Sache mit dem Lithium war blöd, aber nicht durch mich verschuldet. Die Anaphylaxie war perfekt, Hüftgelenk und Asthma beim Kind waren auch okay und Wum und Wendelin konnte ich auch richtig einordnen. Am Ende bekam ich ein "sehr gut" und war mal richtig baff, denn damit hatte ich nicht gerechnet. Selbstverständlich dauerte es nicht lange, bis ein Ex-Kommilitone, der gerade so eben bestanden hatte, das Wort "Behindertenbonus" in den Mund nehmen musste. Nee, ich habe nicht darauf reagiert. War mir einfach zu blöd.