Montag, 7. Juli 2014

Im Schlafanzug

Der Idiotenmagnet gehört inzwischen wohl zu mir wie ein Wahrzeichen zu einer Stadt. Vielleicht ändert sich das im Laufe der nächsten Jahre bis Jahrzehnte noch, wenn das Verständnis von "Behinderung" einen anderen Umgang mit beeinträchtigten Menschen erlaubt. Wünschenswert wäre es. Dann bliebe es mir vielleicht erspart, dass mich am Geldautomaten ein Mann um die 60 anspricht, ob ich nicht froh sei, in der heutigen Zeit zu leben, in der Behinderte auch ein Lebensrecht hätten.

Ein weiterer Magnet hat sich in den letzten Monaten herausgebildet. Ich nenne ihn mal den Blaulicht-Magneten. Vielleicht finden meine Leserinnen und Leser noch eine bessere Bezeichnung für das Phänomen, dass ich zur Zeit mindestens einmal pro Monat für jemanden einen Rettungswagen bestelle oder sogar noch umfangreicher Erste Hilfe leiste. Oder alternativ den Trachtenverein Blauweiß Hamburg (oder das Pendant meines derzeitigen Studienortes) anrufe, weil direkt vor mir jemand ein Auto aufbricht (wie letzte Woche Dienstag), jemanden auf offener Straße verprügelt (wie letzten Samstag) oder auf der Autobahn seinen kompletten Werkzeugkasten verteilt, der zusammen mit einem Winkelschleifer vom Anhänger rutscht, weil eine Klappe nicht geschlossen ist.

Man muss dazu erwähnen, dass ein guter Freund von mir mich diesbezüglich noch übertrifft. Sein Büro liegt an einer vierspurigen innerorts verlaufenden Bundesstraße. Ringsherum sind viele große Kaufhäuser, ein Einkaufszentrum, zwei große Krankenhäuser mit Maximalversorgung (also 24 Stunden Notaufnahme), eine große Polizeiwache, eine Feuerwache, eine lange Fußgängerzone, mehrere Supermärkte - kurzum: Jede Menge Leben. Wenn man dort einen Nachmittag über drei Stunden im Büro steht, fahren draußen mindestens zehn Fahrzeuge mit Sirene vorbei, mindestens einmal pro Tag kracht es auf irgendeiner der umliegenden Kreuzungen oder zahlreichen Fahrbahnverschwenkungen. Laut Statistik gab es auf dem einen Kilometer (800 Meter westlich und 200 Meter östlich) vor dem Büro im Jahr 2013 insgesamt 119 polizeilich aufgenommene Unfälle mit 234 beteiligten Personen. Nicht registriert sind natürlich Bagatell-Schäden, bei denen niemand die Polizei gerufen hat. Dieser Freund erzählt, dass er einmal pro Woche die Polizei oder den Rettungsdienst ruft, weil irgendwas los ist. Ob Fahrradfahrer, die über sich öffnende Autotüren stürzen oder Passanten mit Kreislaufproblemen - irgendwas ist immer. Die traurigen Highlights seien zwei Streithähne gewesen, die sich gegenseitig direkt vor seiner Tür mit Kraftstoff übergossen hätten. Erst ist der eine mit einem offenen Reservekanister auf den anderen zugelaufen und hat seine Kleidung damit bespritzt, dann hat ihm der andere das Ding aus der Hand genommen und ihm den Kraftstoff ins Gesicht geschüttet. Festnahmen auf offener Straße und wilde Verfolgungsjagden mit der Polizei seien an der Tagesordnung - seine Bürotür hat inzwischen einen Summer, den er nur noch betätigt, wenn er weiß, wer vor der Tür steht.

Ganz so schlimm ist es bei mir noch nicht. Dennoch endete meine Nacht heute um 5.05 Uhr, als es bei mir an der Tür Sturm klingelte. Eine Neunjährige aus dem Haus nebenan hat mich kürzlich bei einem Nachbarschaftsgrillen auf der Straße kennen gelernt und mich gefragt, ob ich noch zur Schule gehe. Ich habe ihr erzählt, dass ich studiere, was ich studiere, und meinte dann: "Das ist praktisch! Wenn du damit fertig bist, kann ich immer zu dir kommen, wenn ich mal krank bin, und muss nicht immer zu meinem Arzt, da muss man immer so weit mit dem Bus fahren und da wartet man immer so lange."

Dieses Mädel stand heute morgen im Schlafanzug vor meiner Tür: "Jule, Jule, bitte komm schnell, der Papa liegt in seinem Bett und schnauft ganz komisch. Er wacht nicht mehr auf, auch nicht wenn ich rufe!" - Ja, schon wieder. Gegen jede Statistik. Ich rollte mit nach drüben. Nach Herz oder Kreislauf sah es nicht aus, nach Atembeschwerden auch nicht, ich vermutete ein Stoffwechselproblem als Ursache für eine offensichtliche Bewusstlosigkeit. Der Rettungswagen kam, der Notarzt auch, ich kümmerte mich solange um das Mädchen. Das Mädchen durfte ins Krankenhaus mitfahren. Eingeliefert wurde er arztbegleitet mit Musik. Welches Problem er hatte, habe ich nicht erfahren, ich werde aber später mal fragen, was los war. Damit hat eine Woche gleich mal wieder dramatisch begonnen. Und damit gibt es gute Chancen, dass der Rest der Woche entspannter verläuft.

Sonntag, 6. Juli 2014

Ostsee bei 20 Grad


Na, wer wird neidisch? Ich auf jeden Fall, wenn ich an das schöne Wochenende zurückdenke. An der Ostsee. Ich brauche den Wind, das Wasser, die Wellen, die Weite - und den Frieden.

Marie war mit, Maries Eltern waren mit, vor Ort haben wir noch eine Freundin / Kollegin von Maries Mutter getroffen, die wiederum mit ihrer Tochter (in Maries und meinem Alter) am Strand war. Wir haben tolle Spiele gespielt (wie Wikinger-Schach, Strandboccia, Zoff im Zoo, Phase 10, Elfer raus, Uno), haben gegrillt, gezeltet, uns gesonnt, waren zusammengefasst mindestens vier Stunden im Meer, es war absolut herrlich.

Schade, dass es immer so schnell vorbei ist. Aber bestimmt gibt es noch das eine oder andere tolle Wochenende in diesem Sommer.

Freitag, 4. Juli 2014

Nicht ganz so einfach wie Eier legen

Eine Ausbildung in Erster Hilfe, drei Monate Pflegepraktikum, acht Praktika, drei Seminare, zwei Kurse, vierzehn Klausuren, 320 schriftliche Prüfungsfragen in 8 Stunden, 3 Stunden praktische Prüfung - wer das schafft, hat das erste Staatsexamen im Rahmen seines Medizinstudiums geschafft. Regeldauer: Zwei bis zweieinhalb Jahre.

Danach weitere 34 Kurse in 22 Haupt- und 12 Querschnittsbereichen, mit 34 prüfungsrelevante Klausuren, die mindestens mit "ausreichend" bestanden werden müssen, dazu ein viermonatiges Praktikum (Famulatur) im Krankenhaus (zwei bis drei Monate) und in einer Arztpraxis (ein bis zwei Monate), 320 schriftliche Prüfungsfragen und Fallstudien in 15 Stunden - wer das schafft, hat das zweite Staatsexamen im Rahmen seines Medizinstudiums geschafft. Regeldauer: Drei bis vier Jahre.

Anschließend jeweils ein Quartal Praktikum in der Chirurgie, in der Inneren Medizin und in der Allgemeinmedizin, danach eine weitere praktische Prüfung - wer das schafft, hat das dritte Staatsexamen im Rahmen seines Medizinstudiums geschafft. Regeldauer: Ein Jahr.

Wer das dritte Staatsexamen geschafft hat, darf eine Zulassung als Arzt beantragen und Menschen eigenverantwortlich behandeln.

Einen Doktortitel hat er damit noch nicht. Hierfür wäre eine separate wissenschaftliche Arbeit erforderlich, die mindestens ein weiteres Jahr dauert.

Als Vertragsarzt der Krankenkassen niederlassen darf er sich damit auch noch nicht, hierfür müsste er sich noch mindestens 5 Jahre in einem Fachbereich (zum Beispiel Allgemeinmedizin) weiterbilden.

Warum führe ich das aus? Ganz einfach: Ich möchte mir vor Augen halten, welcher Aufwand nötig ist, bevor jemand einen Menschen medizinisch behandeln darf. Ich bin der Meinung, dass dieser Aufwand absolut gerechtfertigt ist, denn ich möchte darauf vertrauen können, dass jemand, der mich behandelt, auf einem hohen Niveau agiert und weiß, was er da tut. Meine körperliche Unversehrtheit und mein Leben sind mir so wichtig, dass ich mich hierauf verlassen können möchte. Wobei ich natürlich weiß, dass es auch unter Ärzten den einen oder anderen gibt, dessen Behandlung ich trotz seiner Approbation ablehnen würde, aber das ist ein anderes Thema.

Worauf ich hinaus will: Ich würde es mir nicht zutrauen, auch nicht nach fünf Semestern Medizinstudium, einen Patienten zu behandeln. Ich glaube zu wissen, wie ein gesunder Körper funktioniert. Ich glaube, erkennen zu können, wenn irgendwo etwas ungewöhnlich ist. Ich könnte raten, was es ist, und in vielen Fällen wiederholt sich das und ich rate richtig. Aber: Anhand von Erläuterungen des Patienten gezielte Hinweise zu suchen, alle Krankheiten zu kennen, die für die Probleme des Patienten irgendeine Relevanz haben könnten, vernünftige Bilder und andere Untersuchungsergebnisse zu bekommen und richtig zu interpretieren - da würde ich zum jetzigen Zeitpunkt niemals auf die Idee kommen, dass ich das ganz alleine hinbekäme. Nicht nur aus ethischen Gründen.

Schon beim Legen einer Magensonde zur künstlichen Ernährung kann man jemanden umbringen. Davon abgesehen, dass es ziemlich widerlich ist, sowas durch die Nase geschoben zu bekommen, kann man im Bereich des Kehlkopfes und des Rachens durchaus einen Hirnnerv (den 10.) so reizen, dass es ernste Komplikationen gibt. Der Vagus (so heißt der 10. Hirnnerv) ist der größte Nerv des Parasympatikus, also des Teils des Nervensystems, der die unwillkürliche Steuerung unserer Körpervorgänge verantwortet, und ist damit auch für die Regulation der Herzfrequenz verantwortlich. Durch eine übermäßige Reizung des Vagus beim Einführen einer Sonde über die Nase durch den Rachenraum kann man also durchaus den Herzschlag so verlangsamen, dass der Patient bewusstlos wird. Ganz zu schweigen davon, dass auch die Gefahr besteht, die Sonde in die Lunge zu legen oder Gefäße zu verletzen, die dann plötzlich bluten. Kurzum: Magensonde legen ist nicht ganz so einfach wie Eier legen. Entsprechend sollte nicht jedes Huhn eine Magensonde legen. Und entsprechend möchte ich mich als Patient vorher davon überzeugen, dass mein Gegenüber das beherrscht. Weil er es gelernt hat, vielleicht im Rahmen einer Pflegeausbildung, vielleicht als Angehöriger eines schwer kranken Menschens. Vielleicht im Rahmen seiner ärztlichen Ausbildung.

Ich stelle mir nun nicht mal vor, dass ich mein minderjähriges Kind einem Arzt anvertraue, von dessen Fähigkeiten ich überzeugt bin. Es reicht mir schon, wenn ich mich dabei täusche. Ganz schlimm wird es aber meines Erachtens, wenn ein solcher Arzt tatsächlich an schwer erkrankten Kindern verschiedene Behandlungen vornimmt (wie das Legen einer Magensonde), ihnen Medikamente spritzt (wo es weniger um handwerkliches Geschick, sondern um Wissen über Dosierungen, Nebenwirkungen und Komplikationen geht) und sie betreut. Von einem Arzt, der mich verantwortlich im Zustand schwerster Krankheit betreut, erwarte ich, dass er in besonderem Maße mit der Behandlung schwer- oder gar sterbenskranker Menschen vertraut ist. Und noch einmal mehr Erwartungen habe ich an ihn, wenn der Patient mein Kind wäre.

In Hannover hat ein 31jähriger Professor Dr. Marcel Roenike seine Umwelt genarrt. Er habe mit Ach und Krach den Realschulabschluss geschafft, nun im fünfstelligen Bereich Spendengelder eingesammelt, über 30.000 € mit den Krankenkassen für die Behandlung kranker Kinder abgerechnet, einen gemeinnützigen Verein gegründet und als dessen Vorstand alles mögliche angestellt, um ein Kinderhospiz zu eröffnen. Inzwischen hat ihn das Landgericht Hannover zu zwei Jahren und acht Monaten Freiheitsstrafe verurteilt, das Urteil ist aber noch nicht rechtskräftig, da die Staatsanwaltschaft Rechtsmittel eingelegt hat. Der Gerichtspsychiater bescheinigte dem falschen Arzt eine narzisstische Persönlichkeitsstörung, entstanden durch eine von Gewalt geprägte Kindheit, in der der Mann keine Zuwendung und keine Förderung erfahren habe.

Ich frage mich in solchen Momenten, wo ich die Zeitung lese und meine Augen immer größer werden, warum solche Menschen in unserer Gesellschaft keinen angemessenen Platz finden. Wenn es jemand schafft, zehntausende Euro Spendengelder einzusammeln, ist er bestimmt in der Lage, sich für andere soziale Projekte einzusetzen. Allerdings müsste er sich darauf einlassen, dass er nicht der Chef ist. Denn jemand, der sich um soziale Belange anderer Menschen kümmert, muss als allererstes die anderen Menschen respektieren und anerkennen. Das tut niemand, der sich Vertrauen dadurch aufbaut, dass er mit falschen Approbationsurkunden darüber hinweg täuscht, genau zu wissen, was er gerade tut. Wie zum Beispiel Medikamente spritzen und Magensonden legen. Übrigens soll er seinen beiden Vorstandskollegen aus dem Hospizverein auch Magensonden gelegt haben ... ich hoffe, dass es dem Mann gelingt, eines Tages seine Fähigkeiten sinnvoll für die Gesellschaft einsetzen zu können.

Dienstag, 1. Juli 2014

Psychokram und hübsche Wolken

Jeder kennt sie, niemand erlebt sie gerne, aber es gibt sie immer wieder: Die Tage, die morgens schon verbraucht sind. So einer war heute. Bei mir.

Ich musste wegen meines Praktikumstages früh aufstehen, bin noch vor Mitternacht entsprechend früh ins Bett, als mich eine Kommilitonin anrief. Ich nenne sie mal Regina. Mein Handy war lautlos, da ich aber noch nicht schlief, sah ich es leuchten. Da war es etwa 22.20 Uhr. Irgendwie ahnte ich, es würde irgendetwas wichtiges sein. Und ich merkte schon bei den ersten beiden Sätzen, dass mit Regina irgendwas nicht stimmte. Sie bat mich um Hilfe. Sie sei in einer Klinik, rund 25 Kilometer von meiner Wohnung entfernt, nachdem ein Mann ... und weiter sprach sie nicht, sondern fing an zu heulen.

Ich muss dazu sagen: Ich kannte Regina kaum. Wir haben im Rahmen einer Gruppenarbeit vielleicht 10 oder 15 Stunden zusammen gearbeitet, wir haben uns mehrmals über persönliche Dinge unterhalten, wir sind einmal zusammen Essen gegangen, sie hat mir sehr viel von sich erzählt (umgekehrt eher weniger) und ich weiß von ihr, dass sie jede Menge Probleme hat, vor allem familiäre und finanzielle. Sie ist bereits Anfang 30, hat aber eben wegen dieser Problem noch lange keinen Studien-Abschluss.

Ob ich sie abholen könnte. Sie möchte einfach nicht alleine durch die Dunkelheit mit dem Bus. Bevor ich überhaupt reagieren konnte, flehte sie mich an. Ich sagte ihr: "Eine gute Stunde wird es aber dauern, bis ich da bin." - Das sei kein Problem.

Während ich mich anzog, ging mir alles mögliche durch den Kopf. Und ich weiß nicht warum, aber irgendwas sagte mir: 'Fahr da nicht alleine hin!' Mein Bauch vermutlich. Mein Kopf sagte: 'Fahr da gar nicht hin!' - Ich hätte mich am liebsten gedrückt. Aber wenn jemand Hilfe braucht... Ich rief eine andere Kommilitonin an und erreichte sie - bei ihrem Freund auf dem Sofa. Sie und ihr Freund sind frisch verliebt, haben zusammen gekocht. Ich erzählte ihr von dem Anruf und dass ich zu dieser Klinik fahren wollte. "Ich komme mit", sagte die Kommilitonin, sehr zur Verärgerung ihres Freundes, der sich wohl schon lange auf diesen gemeinsamen Abend mit ihr gefreut und ihn sich bestimmt anders vorgestellt hatte. Sie meinte, sie packt noch eine Jogginghose und ein Sweatshirt ein, man wisse ja nie. Ich wusste, dass die Kommilitonin und Regina etwa genauso eng miteinander bekannt sind wie Regina und ich.

Das Navi führte uns, niemand von uns sagte mehr als drei Sätze. Dann haben wir es nicht gleich gefunden, sind an der Einfahrt erst vorbei gefahren, mussten wenden. Und als wir endlich auf dem Parkplatz standen, hatte Regina eine derart schlechte Laune und einen derart vorwurfsvollen Ton aufgelegt, dass ich fast Angst bekam. Sie machte in erster Linie meine Beifahrerin, dann aber auch mich an, warum sich nun noch andere Leute in ihr Privatleben einmischen würden, und dass es doch toll sei, wenn man sich gemeinsam über sie lustig machen könne. Ich habe einmal versucht, mit Regina zu reden und ihr zu erklären, dass die zweite Person mitgekommen ist, weil wir uns Sorgen um sie machen. Nur deshalb sind wir hier - und nicht, um über sie zu lachen.

Regina meinte, sie wisse nicht, ob sie mir als Freundin überhaupt vertrauen könne. Normalerweise würde ich ihr den Stinkefinger zeigen und Adieu sagen, nur wenn sie wirklich gerade irgendein traumatisches Erlebnis gehabt hat, tickt ja nichts normal. Andererseits: Wenn sie so unnormal tickt, wohin sollte ich dann mit ihr? Sie nach Hause bringen? Und dort alleine lassen? Konnte ich das verantworten? Regina sagte: "Entweder, du fährst mich jetzt ohne ein Wort zu mir nach Hause, oder ich rufe mir ein Taxi."

Ich sagte: "Ich weiß nicht, ob das so eine gute Idee ist, wenn ich du alleine zu Hause bist." - Regina antwortete: "Also willst du mir nicht helfen, dann vergiss es einfach. Danke, dass du mich hier eine Stunde stehen lassen hast, ich hätte schon zu Hause sein können." - "Hättest du", murmelte ich. - Sie antwortete: "Dein letztes Wort? Du nimmst mich nicht mit?" - "Richtig. So würde ich dich nicht mitnehmen wollen." - "Dann noch einen schönen Abend, und unsere Freundschaft kannst du dir in die Haare schmieren." - "Okay, tschüss."

Ich rollte in die Klinik, hauptsächlich, um einmal die Toilette zu benuten. Die Klinik hatte keine Notaufnahme, nur eine Notdienstschwester, die mir auf dem Gang über den Weg lief und mich gleich fragte, wohin ich wollte. Ich fragte, ob ich einmal die Toilette benutzen könne und erzählte ihr, dass ich gekommen war, um Regina abzuholen. Nun würde sie aber wohl mit dem Taxi nach Hause fahren. Die Schwester sagte: "Das ist wohl auch das Beste." - Ich antwortete: "Ich mache mir Sorgen um sie! Müsste man sich nicht um sie kümmern?" - "Theoretisch schon, aber wenn sie sich nicht helfen lassen will, können wir niemanden zwingen." - "Naja, nach so einem Ereignis ... bräuchte sie da nicht vielleicht ein umfassendes Hilfsangebot?" - "Von welchem Ereignis sprechen Sie?" - "Sie hat mir am Telefon erzählt, ein Mann habe sie missbraucht." - "Aha. Dazu kann ich nichts sagen." - "Nein, müssen Sie auch nicht. Sie hat es mir erzählt." - "Sagen wir mal so: Bei solchen akuten Dingen würden wir niemanden einfach so gehen lassen." - "Wollen Sie damit sagen, das stimmt nicht, was sie erzählt?" - "Das haben Sie gesagt, nicht ich. Ich darf mit Ihnen nicht über die persönlichen Verhältnisse Ihrer Freundin sprechen."

Das ist jawohl eindeutig. Eigentlich. Ich frage mich noch, wem ich hier glauben soll. Bleibt nur zu hoffen, dass sich das noch aufklärt. Mit Verlaub, irgendwie habe ich das Gefühl, es sind gerade zu viele Psychos in meinem Leben. Vielleicht lag es aber auch einfach nur am Luftdruck. Der soll ja in der letzten Nacht außergewöhnlich stark gestiegen sein. Von um zwei bis um fünf habe ich dann mal geschlafen, beim Praktikum ging es ähnlich merkwürdig weiter. Heute morgen in der inneren Aufnahme wurden auch fast nur komische Leute angespült.

Gleich Nummer 2 sitzt um Zwanzig nach Acht auf der Liege, schaukelt mit den Beinen, ein Hosenbein aufgekrempelt, das andere nicht, hat Stöpsel im Ohr, die er erst rausnimmt, nachdem ich ihn anticke. Er sagt: "Ich brauche dringend diese Kautabletten, dass ich nicht so oft rülpsen muss, wenn ich Brause trinke." - "Ähm, was?" - "Ja, dringend!" - "Sie sind in einer Notaufnahme!" - "Ja, ist ein Notfall! Die Tabletten sind alle." - "Mein Kollege kümmert sich um Sie."

Nummer 3 hat Schmerzen in der Nierengegend. Pinkelt auf Aufforderung blutigen Urin in den Becher. Ich frage ihn nach Fieber und so weiter, und dann, ob ich ein Ultraschall von seinen Nieren machen kann. Er antwortet: "Ja und nein." - "Wie meinen Sie das?" - "Ich habe nur noch eine Niere." - Nachdem ich aus dem Bild nicht schlau werde, hole ich einen Arzt dazu. Der veranlasst eine Röntgenaufnahme. Gefunden wird: Eine Harnleiterschiene, also ein Schlauch, der mit einem Endoskop mal in den Harnleiter (zwischen Blase und Niere) eingebracht worden ist, vermutlich wegen Nierensteinen. Diese Harnleiterschiene ist an den Enden wie ein Schweineschwanz gedreht, damit sie nicht rausrutscht. Und laut Patient liegt sie schon seit mehreren Jahren - soll aber eigentlich nur maximal wenige Wochen liegen. Mahlzeit. Er sagt: "Die hat nie Probleme gemacht." - "Bis heute", meinte der Doc. Vermutlich ist das inzwischen alles eine Einheit.

Nummer 4 ist ein Ehepaar, er war mir schon aufgefallen, weil er seine Frau mit einer weinroten E-Klasse-Limousine bis direkt vor den Eingang gefahren und das Auto mit laufendem Motor und Auspuff in Richtung Eingang stehen gelassen hatte. Sie spricht mich sofort an: "Oh nein, Rollstuhl ist ja nichts. So jung, wie sie noch sind! Blase kaputt, Darm kaputt, funktioniert denn wenigstens noch der Sex?" - Wer mich so begrüßt, muss mit solcher Antwort rechnen: "Vorführen muss ich es jetzt aber nicht, nein?!"

Ein anderer, späterer Patient, er sprach nur gebrochen Deutsch, beschrieb sein Problem so: "Ich habe starke Regelschmerzen." - "Hier steht, Sie sind männlich?" - "Nee, im Kopf!" - "Sie meinen, Sie haben regelmäßig Kopfschmerzen?" - "Nee, nur heute." - "Also Kopfschmerzen." - "Nein Regelschmerzen. Stark. Hier oben." - Der Doc klärte auf: Könnte es eine Wetterfühligkeit sein? - "Ja, habe ich manchmal, dass Kopf schmerzt wenn Gewitter naht."

Und kurz vor der Frühstückspause war da dann noch das Kind, das zu viel pupst. Vor allem beim Frühstück, was Mama nicht so klasse findet. Und vor allem, wenn es am verlängerten Wochenende bei Papa war. Denn Papa brät gerne Bratkartoffeln mit Zwiebeln. Ich schreibe alles über diesen absoluten Notfall brav auf und frage: "Wann hat Ihre Tochter zuletzt abgeführt?" - "Lulu, hast du heute morgen bei Papa einen Stinker gemacht?" - Was sagt die kleine Lulu: "Nein zwei."

Um kurz vor Mittag kam noch einer, der glaubte, er habe MS. Er war ganz aufgeregt. Er hat irgendeine Apotheken-Zeitung gelesen und befunden, dass alle Symptome, die dort beschrieben waren, manchmal auch auf ihn zuträfen. Ob er denn aktuelle Beschwerden hätte, wollte ich wissen. Nö, im Moment nicht. Aber er habe alles das, was da steht, schon mal gehabt. Einschließlich zitternde Oberlider. Vor allem links, wo das Herz sitze. Da ich das nicht offiziell bewerten darf, schreibe ich auch das alles brav auf.

Und manchmal bin ich einfach nur froh, wenn ich mich danach wieder mit einfachen Dingen beschäftigen darf. Wie "auf den Bus warten" oder "Hübsche Wolken am Himmel zählen". Oder sowas.

Samstag, 28. Juni 2014

Gene und so

Warum es so lange nichts neues zu lesen gab von mir? Kann ich ganz einfach beantworten. Ich habe eine Zeitlang offline geschrieben (daher ist es nicht ganz richtig, dass es nichts neues gibt, es war nur noch nicht zu sehen), weil mir "online" auf den Wecker ging. Nicht wegen der vielen freundlichen Leserinnen und Leser, die gerne an meinem Leben teilnehmen. Sondern wegen eines einzelnen Spinners, der zu jedem meiner Postings Dutzende Kommentare verfasst hatte, die alle in eine Richtung gingen, die ich hier nicht lesen wollte. Leider von unterschiedlichen Rechnern. Und leider in eine ähnliche Richtung, die auch kürzlich gegenüber einem Lehrer mit Down-Syndrom eingeschlagen worden war.

Nach einem Bericht der FAZ und des Spiegels soll Thomas Hartung, Politiker der AfD, über einen Lehrer mit Down-Syndrom gesagt haben: "Wo soll das hinführen, wenn er als 'normal' gezeigt wird?" - Diese schriftliche Äußerung kostete ihm letztlich nicht nur seine Kandidatur bei der Landtagswahl in Sachsen, sondern auch seinen Lehrauftrag an der Uni Dresden, die sich öffentlich auf ihrer Internetseite von diesen Gedanken distanzierte. Richtig so, wie ich finde. Bravo.

Und bei mir? Naja, ein anderer Mensch, nicht Thomas Hartung, interessierte offensichtlich nicht wirklich meine Seite, sondern hatte Langeweile und spammte rum. Provozierte, nervte. Aber eben auf üble Art und Weise. Von defekten Genen, für die ich nichts könne, und anderem Unsinn war die Rede. Inzwischen steht ein maßgeblicher Urheber fest, der nicht damit gerechnet hatte, dass sein Provider nicht nur seinen Namen rausgibt, sondern inzwischen dem Kunden wohl auch fristlos gekündigt hat. Wegen offensichtlichen Missbrauchs des bereitgestellten Internetzugangs zu Straftaten. Und Frank rechnet zudem noch mit einem Strafbefehl über 20 bis 30 Tagessätze. Also bis zu ein Bruttomonatsgehalt für die Staatskasse. Nochmal bravo. Ich bin gespannt.

Montag, 23. Juni 2014

Erna

Das ...


... ist Erna. Erna ist eine Möwe. Sie lebt an der Ostsee und sie guckt so, weil sie mir gerade einen Keks klauen will. Zum Glück hat sie keine Angst vor Kameras. Zumindest nicht, wenn die Kamerafrau mit einem Keks winkt. Hübsch siehst du aus, Erna.

Sonntag, 22. Juni 2014

Toilettengang kein Menschenrecht

Ich warne vor: Das, was hier kommt, verdirbt möglicherweise den Appetit... Stell dir vor, du wachst nachts um halb vier auf, die Blase randvoll, du spürst starken Harndrang. Was machst du?

Naja, sicherlich nicht ins Bett. Unter normalen Umständen zumindest nicht. Meine Oma hat mir früher von Zeiten erzählt, in denen man einen Nachttopf neben dem Bett stehen hatte. Als die Toilette noch im Garten stand und man sonst durch den Schnee tigern müsste. Und irgendwann im Alter kommt meistens der Tag, an dem man wieder einen Topf im Zimmer stehen hat. In einem Toilettenstuhl oder ähnliches. Vielleicht zu Hause, vielleicht im Pflegeheim.

Wenn man nun sehr krank oder körperlich schwer eingeschränkt ist, aber seinen Blasenschließmuskel durchaus noch kontrollieren kann (ob nun durch aktives Anspannen oder durch Kompensation, durch die sich beispielsweise auch bei einer Querschnittlähmung eine relative Kontinenz erreichen lässt), vermittelt es durchaus eine hohe Lebensqualität, wenn man seine körperlichen Abwässer dort entsorgen kann, wo sie hingehören. Oder wohin man sie zumindest übergangsweise mit einiger Würde umfüllt.

In unserer Kultur pinkelt man überwiegend ins Klo. Es spricht sicherlich nichts dagegen, sich auch mal hinter einen Busch zu hocken oder, falls männlich, an einen Baum zu stellen. In Brasilien wird öffentlich empfohlen, beim Duschen zu strullern, um Wasser zu sparen. Und vielleicht gibt es noch die eine oder andere akzeptable Besonderheit - nur dann ist irgendwann Schluss mit dem, was man jedem zumuten kann.

Wenn ich mich entscheide, unterwegs in eine Pampers zu machen, weil das Bahnhofsklo zu widerlich ist, um es anzufassen (schließlich muss ich mich überall aufstützen), ist das ein Kompromiss, den ich bewusst eingehe. Kein schöner Kompromiss, aber einer, den ich nach gründlicher Abwägung freiwillig eingehe, um andere Freiheiten, die mir sonst mit meiner körperlichen Einschränkung nicht offen stehen, zu erreichen. Wenn ich nach einer Kneipennacht mit Pampers schlafe, weil mich meine volle Blase nicht weckt und ich mir auch nicht unbedingt zwei Mal einen Wecker stellen möchte, sondern durchschlafen kann, ist das auch meine persönliche Entscheidung. Und ja, ich kenne auch Menschen, die im Bett auf einer Zellstoffunterlage abführen, weil sie wegen ihrer Querschnittlähmung nur in seitlicher Liegeposition die Spannung aufbauen können, die der Enddarm braucht - sofern man nicht digital ausräumen will. Auch ein Kompromiss. Aber alles persönliche freie Entscheidungen.

Wenn man nun so stark körperlich eingeschränkt ist, dass man nachts nicht mehr alleine auf ein Klo, einen Topf oder einen Toilettenstuhl kommt, muss die Frage erlaubt sein, ob nachts ein Pflegedienst vorbei kommt, der die betroffene Person einmal zur Toilette bringt. Ein solcher Einsatz kostet in der Regel unter 10 €, denn dafür steht nicht jemand extra auf. Viele Menschen brauchen nachts Pflege, und sei es, dass sie umgelagert werden müssen, weil sie sich sonst wundliegen. Es gibt in jedem Pflegedienst Kräfte, die nachts unterwegs sind und von einem Patienten zum nächsten fahren. Einen Schlüssel haben, in die Wohnung kommen, denjenigen neu lagern oder ähnliches tun, und wieder wegfahren.

Eine heute 70jährige Britin aus London hat eine solche Leistung bei dem für sie zuständigen Sozialamt beantragt. Der Antrag wurde zunächst bewilligt, inzwischen aber wegen neuer Vorschriften abgelehnt. Es hieße, sie könne auch abends auf eine Zellstoffunterlage gelegt werden, und wenn sie dann nachts eine volle Blase verspürt, lässt sie es einfach laufen.

Ich will niemanden an den Pranger stellen, der das so macht. Wenn sich jemand dafür entscheidet, auf so eine Unterlage zu pinkeln und die anschließend zu entsorgen, ist das seine Sache. Ich kenne auch Leute, die sowas machen. Gerade wenn jemand sehr eingeschränkt ist, hängen manche Messlatten anders. Aber: Das muss bitte jeder selbst für sich entscheiden dürfen.

Die Frau aus London fand das entwürdigend und hat sich gegen die Entscheidung der Sozialbehörde, sie solle statt aufs Klo lieber auf eine Zellstoffunterlage pinkeln, gewehrt. Gestern hat das höchste Gericht, der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg, geurteilt, dass eine solche Behandlung nicht gegen die Menschenrechte verstoße. Staaten dürften Pflegebedürftigen auch gewisse Unannehmlichkeiten zumuten, um dem Steuerzahler oder der Solidargemeinschaft Geld zu sparen. Die Mittel für soziale Ausgaben seien notwendig begrenzt. Die Staaten hätten einen weiten Spielraum, wie sie diese Mittel einsetzen wollen. Zwar sei die Klägerin in ihrem Recht auf Privatleben betroffen, weil sie Inkontinenzunterlagen verwenden muss, obwohl sie gar nicht inkontinent ist. In Abwägung mit den wirtschaftlichen Interessen von Staat und Gesellschaft müsse sie ihre "sehr unglückliche Situation" aber hinnehmen. In einer demokratischen Gesellschaft seien derartige Eingriffe unvermeidbar.

Tja. Was kommt als nächstes? Rollstuhlfahrer pinkeln zu Hause in die Hosen, schließlich sieht es dort niemand?