Sonntag, 5. April 2015

Osterfeuer und Mond

Nein, es war übrigens nicht das Erste Mal. Mit Philipp schon, aber sonst nicht. Aufmerksame Blogleser wissen das auch. Und das nächste Mal wird sicherlich und hoffentlich nicht ganz so lange auf sich warten lassen. Philipp wollte mit zu Maries Eltern, Maries Eltern waren sehr locker drauf. Ihr Papa meinte zu mir: "Netter junger Kerl. Du hast Geschmack." - Und die Mama fand, ich hätte eine "gute Wahl getroffen".

Das Mittagessen war sehr lecker, anschließend haben wir uns gut unterhalten. Zum Abend machten die Eltern in einer Feuerschale ein kleines Osterfeuer. Einige befreundete Leute kamen, es wurde Gitarre gespielt und Musik gemacht, viel geredet, ins Feuer geguckt und im Dunkeln Händchen gehalten. Und Sterne gezählt. Um halb eins waren wir wieder zu Hause, hüpften noch einmal unter die Dusche, um den Brandgeruch aus den Haaren zu spülen. Wir waren allerdings so müde, dass wir direkt danach im Bett einschliefen.

Und von brennenden Osterfeuern träumten. Ich jedenfalls.

Leider ist für mich das Osterfest bereits vorbei. Morgen müssen Marie und ich zurückfahren an unseren Studienort, da wir am Dienstagmorgen ganz früh einiges abstauben müssen, was im neu beginnenden Semester nur die frühen Vögel bekommen. Wie zum Beispiel gute Praktikumsplätze.

Und es ist Vollmond.

Samstag, 4. April 2015

Eine besondere Nacht

Es ist alles irgendwie anders. Bei mir, bei ihm, bei uns. Mit uns. Ich wünsche mir eine liebevolle Partnerschaft, ich möchte Sex ... achso, sorry, zusammen mit dem Stichwort sollte ich davor warnen, dass dieser Beitrag vielleicht für den einen oder die andere zu viele Informationen enthalten könnte ... also Sex, möglichst sofort und so oft und so lange bis das Defizit der letzten Jahre ausgeglichen ist; aber gleichzeitig geht es mir wie vielen Frauen: Ich freue mich über jeden Tag, an dem mir Philipp zeigt, dass es ihm, obwohl er anfänglich gar nichts von mir wollte, zunächst um alles geht und nicht nur um das Eine. Ich fühle eine liebevolle Partnerschaft, aber ich vermisse gleichzeitig den Sex. Paradox und unlogisch irgendwie. Und anders. Anders, weil ich von vielen Freundinnen gehört habe, dass sie doch spätestens nach 48 Stunden im Bett gelandet sind. Weil das Eine ja dann doch nicht ausschließt, dass es nebenbei um Alles geht. Das Eine gehört ja schließlich zum "Alles". Kommt noch jemand mit?

Kompliziert mache ich es nicht. Ich denke und analysiere nur kompliziert. Und lache dabei schon über mich selbst. Er will gerne, ich will gerne. Aber wir haben keine Eile. Eigentlich doch, aber offiziell halt nicht. Vorgestern bekam ich nun endlich eine Nachricht von ihm. Sein Bett sei kaputt. Was? Auweia. Ich habe das für ein paar Minuten noch geglaubt und nachgefragt, dachte, es sei vielleicht der Rahmen gebrochen. "Das wird zurzeit nicht richtig warm", klärte er dann recht bald auf. Ich hätte ihn natürlich necken und ihm schnell ein paar Links zu wärmenden Unterbetten schicken können (Kamelflaum oder Torf werden ja empfohlen, wobei zweites nicht ganz so anschmiegsam sein soll), aber ich dachte mir so: In meinem ist noch viel Platz!

Er komme aber erst gegen halb elf zu mir, weil er vorher unbedingt noch einen Auftrag fertig stellen müsse. Muss ich vorher nochmal Staub wischen? Papierkorb leeren? Haare waschen? Duschen? Beine rasieren? Abführen? Okay, letztes lieber nicht, man soll ja nichts durcheinander bringen, und ich habe keinen Grund, anzunehmen, dass da irgendwas verrückt spielt. Solange er mich nicht anal ... ähm ... schönes Wetter draußen! Ob ich morgen zum Mittagessen mitkommen möchte zu Maries Eltern. Fragte Marie. Und abends ein kleines Osterfeuer im Garten mit ein paar Freunden der Eltern?

"Philipp schläft heute nacht bei mir", meinte ich. Also eher nicht. Marie war nicht enttäuscht, sondern eher noch aufgeregter als ich: "Echt? Erzähl!" - "Da gibt es nicht viel zu erzählen. Sein Bett ist kaputt, wird nicht mehr richtig warm." - "Aha. Könnt ihr nicht einfach sagen, dass ihr vögeln wollt?" - "Nein, wir brauchen neuerdings Ausreden." - "Frag ihn doch einfach, ob er auch Appetit auf leckeres Ostermenü hat. Und abends Osterfeuer." - "Das klingt gut, aber was sagt deine Mutter dazu? Ich kann doch nicht einfach meinen Freund mitschleppen." - "Wenn ich dich dazu einlade, dann schon. Meine Eltern freuen sich, wenn sie Philipp mal kennenlernen. Und ich auch." - "Ich weiß nicht, Ostern ist ein Familienfest." - "Eben drum."

Eben drum? Diese Familie ist sooo herzlich zu mir. Zumal zehn Minuten später eine SMS von Maries Mama kam: "An unserem Tisch sind immer Plätze frei für die Liebsten unserer Liebsten." - Wenn ich das so wiedergebe, könnte es sich glatt kitschig anhören. Oder altbacken. Wenn man nicht weiß, dass sie es so aufrichtig und großmütig meinen wie sie es schreiben. Ob Philipp das allerdings will, müsste ich erstmal klären. Zumindest müsste ich ihm die ganze Geschichte erzählen, damit er versteht, warum ich so eine enge Bindung zu den Eltern meiner Freundin und Mitbewohnerin habe.

Um halb elf kam er tatsächlich. Sah gut aus, war wohl von der Arbeit nochmal nach Hause gefahren, um seinen Lidstrich nachzuziehen und die Schuhe überzupolieren. Ich war um halb zehn extra für ihn in die Badewanne gehüpft und hatte mir einen flauschigen Schlafanzug angezogen. Und er? "Ich habe nur noch schnell unterwegs eine Zahnbürste eingekauft." - "Ich habe bei irgendeinem Wettkampf ein XXL-T-Shirt bekommen, das kannst du haben, falls du frierst." - "Ist dein Bett etwa auch kaputt?"

Gemeinsames Zähneputzen. Er fand meine elektrische Ultraschall-Zahnbürste toll. "Bürstet die oder sägt die? Vom Betriebsgeräusch her würde ich eher zweites vermuten." - Anschließend schmiss ich ihn aus dem Bad, denn ich wollte auf jeden Fall noch kathetern. Muss ich sonst nicht tun, aber wenn man ganz sicher sein will, dass überhaupt nichts mehr in der Blase ist, ist das kurzzeitige Einführen eines Einmalkatheters durch die Harnröhre die sicherste Methode. Blase leer, Katheter wieder raus, fertig. Herzklopfen.

Ich rollte in mein Zimmer. Er saß auf meinem Bett, am Fußende, und spielte mit seinem Handy herum stellte sein Handy auf lautlos. Ich rollte neben mein Bett, setzte ich rüber, Beine rein, Socken aus und auf den Rollstuhl geworfen. "Komm unter die Decke, mir wird kalt", sagte ich. Er gehorchte mir... Er legte sich auf den Rücken, zog die Decke halb über sich, ich hob mit den Händen eins meiner Beine über seine Beine hinweg, krabbelte dicht an ihn heran und legte mich anschließend auf seinen Bauch. Dieses Mal etwas höher. Er zog die Decke über uns. Ich merkte, wie er mir am Rücken hinunter strich und mit ausgestreckten Händen von hinten in meine Hose fasste und mir mit beiden Händen gleichzeitig über meinen Popo streichelte. "Den hatte ich schon vermisst", ließ er mich wissen. Und fragte dann: "Heute keine Protection?"

"Ich hoffe, dass es gutgeht", sagte ich und war innerlich angespannt, weil dieses Thema sofort wieder wichtig sein musste. Eine blöde Situation könnte wirklich viel kaputt machen, entsprechend unentspannt bin ich dabei einfach. Immernoch. Das wird sich wohl auch nie ändern. Er sagte: "Das wird gutgehen. So oder so." - "Reiß mir bitte nicht den Kopf ab, okay?" - "Also pass auf: Ich möchte mit dir mindestens dreißig Sachen im Bett ausprobieren in den nächsten Wochen. Mach dich also auf etwas gefasst." - "Das hört sich gut an." - "Ja. Und wann 'Anpinkeln' dran ist, bestimmst du. Ich lasse mich da überraschen. Jedenfalls wirst du mich damit nicht abschrecken. Es gibt Männer und Frauen, die bezahlen viel Geld dafür und gehen fremd, weil sie das in ihrer Beziehung nicht bekommen. Ich bekomme vielleicht diesen Luxus und muss dann nur noch herausfinden, ob das was für mich ist."

Das fand ich fast schon rührend. Er fügte noch hinzu: "Oder anders ausgedrückt: Ich bin mit einer Scheibe Brot völlig zufrieden. Ich bin glücklich, wenn wir jetzt die ganze Nacht so liegen und ich hin und wieder mal deinen geilen Arsch anfassen darf. Oder deinen süßen Busen. Und du auf meiner Brust einschläfst und mir was vorschnarchst. Und ich dich beschützen darf. Oder so. Wenn du mir aber statt des Brots ein saftiges Schnitzel anbietest, freue ich mich noch mehr. Und falls es vorweg, zwischendurch oder hinterher noch eine heiße Suppe gibt, nehmen wir die doch einfach mit. Oder nicht? Wir werden schon nicht davon sterben. Ausprobieren möchte ich es auf jeden Fall. Also berufe dich im Zweifel einfach darauf und sei mal ganz entspannt."

Es hat nicht lange gedauert, dann haben wir endlich geknutscht. Wir haben die Hosen ausgezogen und aus dem Bett geworfen, es war angenehm warm und flauschig unter der Bettdecke und wir waren eigentlich nur damit beschäftigt, uns auf der Seite liegend zu küssen und uns eng zu umarmen. Gegenseitige Berührungen von Körperteilen unterhalb des Bauchnabels waren allenfalls zufällig. Ohne Worte zu wechseln wurde es eine Art Spiel, einerseits immer mehr Hormone im eigenen Blutkreislauf zu spüren, andererseits bewusst keinen Schritt weiterzugehen und diese Anspannung ins Unbeherrschbare zu steigern. Natürlich merkte jeder die zunehmende Hochspannung des Anderen, aber ich wollte so lange wie möglich genießen und diesen emotionalen Rausch immer weiter steigern. Hin und wieder zog er die Bettdecke ein Stück weiter über uns. Insgesamt sprechen wir nicht von Minuten, sondern eher von Stunden.

Mund und Lippen waren mehr als gut durchblutet. Küssen kann er auf jeden Fall. Irgendwann war die Situation dar, in der ich merkte, dass ich die maximal mögliche Anzahl von Hormönchen und Hormonen in meinem Blut hatte. Ich hatte nicht das Bedürfnis nach einem Höhepunkt, sondern danach, möglichst lange zu genießen. Masturbation finde ich ja schon schön, nur das hier war etwas ganz anderes und so etwas hatte ich auch noch nie so intensiv erlebt. Erstmals kam mir der Gedanke in den Kopf: "Hoffentlich geht es ihm genauso." - Aber es war, sofern mir eine neutrale Bewertung überhaupt möglich war, mehr als offensichtlich, dass es ihm bestens ging.

Und letztlich kam dann auch die Bestätigung: "Das ist so heftig mit dir, ich kann mich nicht mehr lange beherrschen. Ist das okay, wenn ich in dir komme?" - Ich wollte irgendwas sagen, bekam aber nur ein "Bitte" aus mir heraus. Inzwischen liebe ich ihn für diese Fragen. Er drehte mich kraftvoll auf meinen Rücken, ich lag diagonal in meinem Bett, der Kopf halb draußen, ich spürte nicht genau, was er tat, aber ich spürte etwas Wunderschönes. Ein wohlig warmes, aber intensives und beinahe zu heftiges Zucken durchdrang mich. Ich kam mir vor als hätte mir jemand eine Droge intravenös gespritzt. Mir war alles egal. Ich hörte sein tiefes Atmen. Er nahm zum Glück keinerlei falsche Rücksicht auf mich. Ich versuchte, irgendwas mit meinen Händen zu greifen. Ich bekam eine Ecke der Bettdecke zwischen meine Finger und presste sie zusammen.

Dann war es ruhig. Wie nach einem Sturm. Philipp lag schlaff wie eine aufblasbare Luftmatratze mit undichtem Ventil auf mir drauf, ich fühlte die Hormone in meinem Kopf Party feiern und wunderte mich, wie intensiv ich das alles spüre, obwohl ich da unten eigentlich kaum etwas spüre. Ich fing plötzlich zu Weinen an. Aber aus emotionalem Glück, nicht aus Trauer, Enttäuschung oder Schmerz. Philipp fragte sofort: "Hey, was ist los?" - Ich sagte: "Nichts. Alles ist gut." - "Warum weinst du? Habe ich dir weh getan?" - "Nein, im Gegenteil. Es ist so schön. Das überwältigt mich gerade emotional. Ich bin gerührt. Lass mich einfach weinen, das ist gleich wieder vorbei."

Und tatsächlich hat sich meine Blase benommen. Zumindest ist sie zwischen den ganzen Flüssigkeiten, die solche Spielchen mit sich bringen, nicht unangenehm aus der Reihe getanzt. Ich weiß, dass es Menschen gibt, die mich jetzt für unhygienisch halten. Aber wir haben uns tatsächlich anschließend aneinander gekuschelt und sind eingeschlafen. So verschwitzt wie wir waren, ohne nochmal zu duschen und komplett nackt. Allerdings haben wir das vor dem Frühstück mit Marie nachgeholt. Und auch das Bett frisch bezogen. Und soll ich was verraten? Ich freue mich auf das nächste Mal.

Donnerstag, 2. April 2015

Bettelnde Kunden

Ich hasse es. Shopping. Ich weiß, dass es völlig untypisch ist. Für eine junge Frau. Aus einer Großstadt. Aber ich hasse es inzwischen so sehr, dass ich mich regelrecht davor drücke und fast jedes Mal einen Föhn kriege, der stärker bläst als alle fest installierten Haartrockner meines Lieblingsschwimmbades zusammen. Und wenn es ganz hart kommt, kann ich sogar vor lauter Verzweiflung mindestens doppelt so laut schreien als all diese Schwimmbadföhnis zusammen in allerhöchster Stufe lärmen.

Ich meine damit nicht jenes Shoppen, bei dem man ziellos und möglichst abseits der Haupt-Einkaufszeiten durch ein paar nette Läden bummelt. Mit dem Gedanken im Hinterkopf, dass demnächst mal wieder eine Jeans nachgekauft werden müsste. Oder mit dem plötzlichen Blick auf ein hübsches Oberteil, das gerade gut ins Budget passt.

Sondern ich meine jenes Shoppen, bei dem man gezielt verschiedene Dinge kaufen möchte. Ich kenne genügend Leute, die das bewusst nicht "shoppen" nennen. Eben weil "shoppen" entspannend und nett sein soll. Und mein letzter Mittwoch, den ich mir dafür freigehalten hatte, endlich mal alles das zu erledigen, was schon so lange liegen geblieben ist, war ganz sich nicht nett und schon gar nicht entspannend.

Für die Küche in unserer neuen Wohnung fehlt uns seit jeher eine Abschlussplatte. Diese war nicht lieferbar. Inzwischen wurden wir benachrichtigt, dass wir das Ding abholen können. Falls wir es nicht geliefert bekommen wollen. Ich entschied mich für das Abholen und konnte bei der Gelegenheit gleich in einem großen Möbelhaus nebenan auch noch für eine Freundin ohne Auto einen Minitisch herausholen, den sie unbedingt haben, aber nicht in der S-Bahn transportieren wollte.

Ich fasse mich kurz: Die Abschlussplatte war in der falschen Farbe. Draußen auf dem Paket war zwar die richtige Farbe vermerkt, drinnen war aber ganz was anderes. Zum Glück habe ich es vor Ort durch den Mitarbeiter öffnen lassen, denn der Karton hing schon halb in Fetzen. Beschädigt war sie zwar nicht, aber eben in der völlig falschen Farbe. Also nochmal warten.

Um den Tisch für die Freundin zu bekommen, rollte ich in ein SB-Lager und bat einen der herumlaufenden Mitarbeiter, ob er mir das Ding aus dem Regal holen könne. "Augenblick, ich habe gerade Kundschaft", sagte er und wurde nicht mehr gesehen. Ich sprach zwei Kunden an, die zufällig vorbei liefen, einer verstand mich nicht, der andere hatte es im Kreuz. Was nicht üblich ist, die meisten Menschen sind sehr hilfsbereit. Aber es war der Wurm drin und ich zog los, den Mitarbeiter zu suchen. Ich traf einen anderen, der mir dann erzählte, dass sein Kollege gerade zur Pause gegangen ist. Aber er wollte mir helfen. Auf dem Weg zum Regalplatz sagte er mir dann: "Normalerweise ist es nicht üblich, dass wir die Sachen aus dem Regal holen. Gerade älteren Leuten und Behinderten sagen wir immer, sie sollen sich eine Begleitperson mitbringen, wenn sie nicht alleine einkaufen können."

Ich dachte mir meinen Teil, während der Mann fortfuhr: "Wir sind eigentlich dazu da, um die Regale aufzufüllen. Hin und wieder kann ich das mal machen, aber wenn wir ständig helfen müssen, kommen wir ja nicht mehr zu unserer eigentlichen Arbeit." - Ohne ein Wort zu sagen, fuhr ich vor dem Mann her und lotste ihn zum Lagerplatz. "Einen von den weißen hätte ich gerne", sagte ich. Er drückte mir das Paket in die Hand. "Sonst noch was?", fragte er.

"Nein", sagte ich. "Und ich bitte noch vielmals um Entschuldigung, dass ich Sie als Kundin so sehr bei Ihrer Arbeit gestört habe." - "Ist schon in Ordnung", sagte er doch tatsächlich. Hopfen und Malz, wie konntet ihr nur verloren gehen?!

Dritter Punkt auf der Liste: Einen Bildschirm für meinen Computer. Der alte hatte nach Jahren endgültig seinen Geist aufgegeben und ich mag es nicht, Arbeiten für die Uni auf dem Laptop zu schreiben. Eigentlich hatte ich mir nach den letzten Erlebnissen geschworen, Elektronik-Kaufhäuser zu meiden, aber es gab ein auch im Internetversand nicht schlagbares Angebot. Die erste Filiale hatte die Dinger im Sortiment, allerdings zu einem anderen (teureren) Preis. Nach zwanzig Minuten hatte der Verkäufer Zeit für mich: "Entschuldigung, der ist für 149 Euro in der Zeitung, hier soll er 219 Euro kosten. Welcher Preis stimmt?" - "Immer der, der am Gerät steht." - "Wo haben Sie denn die Geräte aus dem Angebot?" - Er schnappte sich die Beilage, auf die ich mich bezog, und blätterte mit theatralischer Minik, tippte dann auf einen klein gedruckten Satz: "Angebote gültig nur in teilnehmenden Filialen."

"Und Sie nehmen jetzt nicht teil?", fragte ich. Ich bekam die schnippische Antwort: "Nein. Wie Sie am Preisetikett erkennen." - "Können Sie mir denn sagen, welche Filiale teilnimmt?" - "Unsere nicht." - "Ja. Das erkennt man ja bereits am Preisetikett. Schönen Tag noch."

Die nächste Filiale nahm zwar teil, hatte aber anscheinend den Artikel nicht vor Ort. Auf Nachfrage sagte die Verkäuferin: "Die Kunden wünschen eher andere Artikel." - "Das stimmt ja nicht ganz. Als Kundin wünsche ich genau diesen Artikel." - "Ja, aber Sie sind die Erste heute. Ich hätte da noch ein anderes Gerät, ist nur dreißig Euro teurer, hat aber..." - "Vielen Dank. Tschüss." - Und die übernächste Filiale? Nahm auch nicht teil. "Aber wir können das für Sie bestellen. Dann wäre es morgen hier. Kostet dann allerdings fünfzehn Euro mehr. Wegen der Bestellung." - Ich habe gar nicht weiter nachgefragt und bin ohne ein Wort nach draußen. Ende vom Lied: Socke hat die Schnauze voll. Viel Aufwand, Problem noch immer nicht gelöst.

Wieder zu Hause versuche ich es online. Der erste Händler hat das Gerät auf Lager. Als Liefertermin wird mir aber ein Datum in zehn Tagen genannt. Der zweite Händler - Bingo. Bestellt, bezahlt; mal sehen, ob das klappt mit der Lieferung in zwei bis drei Werktagen. Übrigens nun doch zum gleichen Preis.

Liefern ist ja sowieso besser. Oder? Vor vier Wochen habe ich in einem Online-Tonersupermarkt Druckerzubehör gekauft und bezahlt. Mit Online-Tracking: "Empfänger unter angegebener Anschrift nicht ermittelbar." - Häh? Ich rufe dort an, bekomme von der Hotline den Tipp, ein Namensschild an den Briefkasten zu kleben. Danke für das Gespräch. Am nächsten Tag: "Nicht angetroffen, benachrichtigt." - Es war aber die ganze Zeit jemand zu Hause. Und eine Benachrichtigung habe ich nicht erhalten. Einen Tag später dasselbe Problem. Erneuter Anruf bei der Hotline: Ich würde vom Subunternehmer einen Rückruf bekommen. Der natürlich nicht kommt. Ich nehme Kontakt mit dem Absender auf und bekomme die Antwort per Mail: "Sie können die Ware noch bis morgen, 15.30 Uhr, im Depot abholen, bevor sie zu uns zurückgeschickt wird." - Nur dass das Depot 34 Kilometer entfernt liegt und ich die Anlieferung bezahlt habe. Die nächste Mail: "Eine Erstattung des Kaufpreises ist nicht möglich. Aus Kulanz würden wir Ihnen eine Gutschrift abzüglich einer Bearbeitungsgebühr von pauschal 12,50 € in Ihr Kundenkonto buchen." - Lieber Anwalt, meine Rechtsschutzversicherung kennst du inzwischen, hol mir mal bitte mein Geld wieder. Danke.

Ein Einzelfall ist das nicht. Hätte ich gewusst, dass dieser Versandhändler mit diesem Paketdienst sendet, hätte ich dort gar nicht erst bestellt. Auf deren Internetseite war ein anderer Paketdienst angegeben, offenbar war diese Information aber veraltet. Denn jenes Unternehmen, das es drei Mal nicht geschafft hat, den Karton bei mir abzugeben (ich bezweifel ja sogar, dass der Fahrer überhaupt hier durch die Straße gefahren ist), hatte die letzten beiden Zustellungen von Marie schon versaut. Ein Karton stand draußen im Regen auf den Mülltonnen - Inhalt durchweicht und damit unbrauchbar. Ein Karton wurde vor der Haustür abgestellt, obwohl jemand zu Hause war. Auf dem Ablieferungsbeleg war irgendeine unleserliche Unterschrift, vermutlich vom Fahrer selbst. Und die dazugehörige Hotline? Nimmt die Beschwerden auf und leitet sie weiter. Vermutlich in den Papierkorb.

Vor einigen Wochen habe ich Sportbekleidung bestellt. Gleich für mehrere Leute. Nach einer Woche frage ich nach, wann ich eine Bestellbestätigung bekomme, wann die Ware kommt - immerhin wurde meine Kreditkarte bereits belastet. "Ja, das ist ja eine Auswahlbestellung, da liefern wir höchstens drei Artikel pro Kategorie. Sie müssten sich bitte enger entscheiden." - "Das ist eine Gruppenbestellung für mehrere Leute." - "Achso. Ja, aber wir haben die Artikel nicht vorrätig. Und wann sie kommen, kann ich auch nicht sagen." - "Da stand doch, dass die Artikel lagern!" - "Ja, das war vor einer Woche." - Also schriftlich den ganzen Kram widerrufen und, nachdem vier Wochen später die Gutschrift auf der Kreditkartenabrechnung fehlte, meine Bank gebeten, das Geld, immerhin fast fünfhundert Euro, zurückzuholen. Was dann auch innerhalb von vier Tagen geklappt hat. Ein Wald- und Wiesengeschäft oder ein dubioser Händler mit Briefkasten im Ausland? Nein, ein rennomiertes deutsches Sportkaufhaus mit rund 150 Mitarbeitern.

Marie wartet schon seit einer Woche auf ein Ersatzteil für ihren Rollstuhl. Zum Glück hat sie noch einen alten, den die Krankenkasse nicht zurück haben wollte, sonst wäre sie aufgeschmissen. Weil das Sanitätshaus vor Ostern keine Zeit mehr hat, kommt das Ersatzteil mit einem Paketdienst. Zum selbst montieren. Nein, nicht mit dem komischen Paketdienst. Aber der andere schafft es auch nicht, innerhalb einer Woche zu liefern, denn es wird gestreikt. Was ja passieren kann. Was aber nicht geht, ist, dass das Sanitätshaus innerhalb einer Woche keinen Reparaturtermin findet. Wäre Marie berufstätig und hätte sie nicht privat einen eigentlich zu verschrottenden Stuhl aufgehoben, würde sie jetzt über eine Woche krankgeschrieben. Weil das benötigte Hilfsmittel nicht zur Verfügung steht.

Und sonst? Sonst haben wir vor fünf Wochen einen Festnetzanschluss bestellt. Leider ist ein Schalttermin noch nicht in Aussicht. Der Grund: Es sind keine Rufnummern frei. Beim Portieren derselben sei der Telefongesellschaft aufgefallen, dass sie erst irgendwelche Rufnummern nachbestellen müssen. Und das dauert angeblich. Vermutlich ist das großer Unsinn, aber nachprüfen kann ich es nicht. Immerhin kam die für den Anschluss benötigte Hardware bereits - ohne Probleme am Tag nach der Bestellung. Mit jenem Lieferanten, der im Moment gerade streikt. Hin und wieder funktioniert dort also auch mal was. Bringt aber nichts, wenn der Rest nicht klappt.

Zusammengefasst komme ich mir manchmal vor, als wären Handel und Dienstleistung in manchen, offenbar einigen, Bereichen nicht mehr darauf ausgerichtet, ihre Kunden zufrieden zu stellen, sondern die Kunden müssen darum betteln, bedient zu werden. Umsatzausfälle sind kompensierbar, aufgrund von Monopolstellungen oder ausgereiztem Wettbewerb braucht man sich keine Mühe zu geben. Dafür werden über Ostern unter Garantie aber jede Menge Notfallpatienten zu Maries Mutter kommen, während wir alle uns ein paar Tage entspannen wollen. Mit eingewachsenen Zehennägeln, entzündeten Haarwurzeln oder seit Wochen bestehenden Rückenschmerzen. Das alles kann dann keinen Moment länger warten und darf nach Möglichkeit nichts kosten.

Jetzt fehlt mir eigentlich nur noch jemand, der mir erklärt, dass ich die einzige bin, die haufenweise solche Erfahrungen macht. Oder dass ich verbittert bin. Bin ich nicht. Aber tierisch genervt. Urlaubsreif. Und vor allem sonnenhungrig. Aber das ist noch ein ganz anderes Thema...

Dienstag, 31. März 2015

Prost!

Keinesfalls unbemerkt zählte mein Zähler heute den viermillionsten Seitenaufruf. 259 Tage nach dem der dritten Million. Somit wurde mein Blog in den letzten Monaten durchschnittlich 3.800 Mal pro Tag angeklickt. Es ist damit mal wieder Zeit, zu danken für das Interesse an mir, an meinem Geschreibsel, an meinem Onlinetagebuch: Danke!

Der Tag mit den bislang meisten Seitenaufrufen war der 29.09.14, an diesem Tag wurde meine Seite fast 19.000 Mal aufgerufen. Davor hatte ich eine Zeitlang nur offline geschrieben. Eine wahnsinnige Zahl. Finde ich.

Insgesamt gibt es rund 880 Beiträge und über 9.300 Kommentare.

Die häufigsten Suchworte, mit denen Leserinnen und Leser auf meine Seite gelenkt wurden, sind:
- Jule Stinkesocke (rund 12.000)
- Jules Blog (rund 2.000)
- Ohne Unterhose (rund 900)
- Amelo (rund 700)
- Contergan (rund 400)
- Berühmte Blogs (rund 170)
- Orgasmus in der Sauna (rund 110)
- Hosenboden stramm ziehen (rund 90)
- Wenn sie pupst (rund 60)
- Einbeinige Frauen haben oft ein Herz aus Gold (rund 50)

In Klammern dahinter sind die Anzahl derjenigen, die meine Seite über die entsprechende Suchanfrage gefunden haben. Als Zeitraum sind die letzten 259 Tage (die letzte Million) relevant. Ob jedoch alle gefunden haben, was sie suchten, wage ich zu bezweifeln.

Einige Besucherinnen oder Besucher haben über die verweisende Suchmaschine auch Fragen oder ganze Sätze formuliert...

- Macht man Witze über Behinderte?
Ja!

- Gibt es grippale Infekte auch 2015?
Ja!

- Wackelt ein Rollstuhlrad?
Besser nicht!

- Ich kenne Behindertenwitze mit Brechdurchfall.
Bitte behalte ihn für dich!

- Wurde schon eim Kind ein Rollstuhl amputiert?
Rollstuhl und Kind sind selten fest miteinander verwachsen.

- Hattest Orgasmus in der Sauna?
Etwas warm dafür dort, oder?

- Besetzt Schild für Klo wo?
An der Klotür?

- Sind Damenbinden und Leggings dasselbe?
Nein!

- Machst du auch Sport ohne Unterhose?
Ja.

- Hilft Regenmantel bei Inkontinenz?
Nur bedingt, würde ich sagen.

- Was kann bei Heliumsuizid schief gehen?
Alles.

- Ich habe einen Aufblas-Fetisch seit ich 14 bin.
Okay.

- Ich verleihe 50 Euro und hinterher hab ich 51.
Das nennt man 'Zinsen'.

- Wie kriege ich meinen Darm in Schwung?
Genug trinken, ausreichend Ballaststoffe essen, ...

- Kannst du Kaninchen schlachten?
Nein!

- Hat Helene Fischer einen Blindenhund?
Nicht, dass ich wüsste.

- Ich komme nicht aus der Tiefgarage.
Ist das Problem noch aktuell?

- Du bist eine knackige Erbse.
Sagt wer? Möhrchen?

- Mein Freund will mir ein Fieberthermometer in den Po schieben.
Hast du Fieber?

- Narkosefetisch kannst du helfen?
Nein.

- Freundin fragt, ob sie duschen soll.
Wenn sie schon fragt, dann: Ja.

- Stößt du an?
Mit Blick auf die 4. Million: Ja!

In diesem Sinne: Prost!!!

Samstag, 28. März 2015

Maut, maut

Nun kommt sie also. Die Maut für Pkws. Vorausgesetzt, dieses aufwändige System wird nicht noch von der EU kassiert. Was mir vor allem widerstrebt, ist die damit verbundene Erfassung und Nutzung von Daten. Ich schätze, es dauert nun nicht mehr lange, bis diese Datensätze auch offiziell für die Terrorbekämpfung und die Aufklärung schwerer Verbrechen genutzt werden dürfen.

Menschen mit Behinderung, die (sinngemäß) sich nur im Rollstuhl oder ähnlich eingeschränkt fortbewegen können, die blind sind oder in erheblichem Umfang ständig hilfebedürftig, sind in Deutschland von der Kraftfahrzeugsteuer befreit. Dieser Personenkreis könnte also theoretisch eine Flugzeugturbine als Antrieb verwenden - Steuern fallen nicht an.

Jener Personenkreis, der sich im Straßenverkehr nur eingeschränkt bewegen kann (hierzu zählen Menschen, die wegen gesundheitlicher Einschränkungen eine Gehstrecke von etwa zwei Kilometern nicht innerhalb von rund dreißig Minuten zurücklegen können) und entsprechend einen Ausweis für Menschen mit Behinderung hat, auf dem das eingetragen ist, zahlte bisher nur die halbe Kraftfahrzeugsteuer - oder konnte alternativ eine vergünstigte Jahreskarte für den öffentlichen Nahverkehr kaufen.

Da wurde ja im Rahmen der Mautdiskussionen versprochen, dass niemand schlechter gestellt wird als vorher, wenn die Maut kommt. Die Kraftfahrzeugsteuer soll entsprechend gesenkt werden. Nun zahlen Menschen mit Behinderung ja in einigen Fällen keine Kraftfahrzeugsteuer, so dass hier ein anderer Weg gefunden werden musste, um diejenigen nicht mit Einführung der Maut zu belasten.

Das Gesetz sieht nun vor, dass die Pkw-Maut nicht zu entrichten ist für Kraftfahrzeuge, die für schwerbehinderte Personen zugelassen sind, die entweder (sinngemäß) sich nur im Rollstuhl oder ähnlich eingeschränkt fortbewegen können, die blind sind oder in erheblichem Umfang ständig hilfebedürftig. Also jener Personenkreis, der nach wie vor von der Kraftfahrzeugsteuer befreit ist.

Das Gesetz sieht darüber hinaus vor, dass die Pkw-Maut auch nicht zu entrichten ist für Kraftfahrzeuge, die für Personen zugelassen sind, die sich im Straßenverkehr nur eingeschränkt bewegen können (also diese Zwei-Kilometer-Regel). Hier umfasst das Pkw-Maut-Gesetz also künftig einen wesentlich größeren Kreis.

Soweit ist das wohl erstmal ganz gut. Man hat die Menschen mit Behinderung zumindest schonmal nicht vergessen.

Welche Auswirkungen hat das aber für die Praxis? Einige, würde ich sagen.

1. Ich müsste für mein Auto jetzt jährlich 234 € Steuern zahlen (Diesel mit Euro 6). Die Pkw-Maut pro Jahr beträgt später pro Jahr 96 €, die Steuerentlastung 100 €. Künftig würde ich also 230 € zahlen und hätte 4 Euro gespart.

2. Da ich aber von der Kraftfahrzeugsteuer wegen meiner Behinderung befreit bin, zahle ich jährlich 0 € Steuern. Das kann man nicht ermäßigen, aber die Pkw-Maut fällt auch nicht an, somit zahle ich künftig auch 0 € und bin genauso dran wie vorher.

3. Gehörte ich nun zu denjenigen Leuten, die noch laufen können, aber nicht so weit und so schnell (erhebliche Einschränkung, Zwei-Kilometer-Regel) und hätte ich keine Jahreskarte für den öffentlichen Nahverkehr, zahlte ich jetzt die Hälfte von 234 € Steuern (also 117 €). Die Entlastung wegen der Pkw-Maut betrüge künftig 0 €, somit zahlte ich immernoch 117 € Steuern. Eine Pkw-Maut fiele nicht an, also bin ich später mit 117 € genauso dran wie heute.

4. Gehörte ich zu denjenigen Leuten mit der erheblichen Einschränkung (Zwei-Kilometer-Regel) und hätte eine Jahrskarte für den öffentlichen Nachverkehr, zahlte ich jetzt 234 € Steuern, würde künftig im Rahmen der Pkw-Maut nicht entlastet werden, müsste aber ebenfalls keine Maut zahlen. Würde also künftig auch 234 € zahlen und würde damit 4 € pro Jahr mehr zahlen als ein nicht behinderter Mensch (siehe 1.).

Auch wenn es nur vier Euro pro Jahr sind ... An einer anderen Stelle gibt es aus meiner Sicht aber noch eine Ungenauigkeit.

Nämlich: Im Kraftfahrzeugsteuergesetz heißt es, dass die Steuervergünstigung für behinderte Menschen nur für ein Fahrzeug zusteht. Die Nutzung dieses Fahrzeugs darf nicht gewerblich sein, andere Personen dürfen das Fahrzeug nicht nutzen, es sei denn, sie fahren mich durch die Gegend oder führen dadurch meinen Haushalt.

Aus diesem Grund ist es zum Beispiel auch nicht möglich, dass Marie alleine mit meinem Auto zum Training fährt. Auch wenn sie ebenfalls die Voraussetzungen für die Steuerbefreiung erfüllt. Auch wenn kein eigenes Auto auf sie zugelassen wäre. Wenn Marie und ich uns die Nutzung meines Autos teilen wollten, müssten wir beide auf die Steuerbefreiung verzichten, obwohl wir beide die Voraussetzungen für die Steuerbefreiung erfüllten.

In dem neuen Pkw-Mautgesetz steht davon ausdrücklich nichts. Dort heißt es nur, dass die Pkw-Maut nicht für Autos zu entrichten ist, die auf schwerbehinderte Personen mit den zusätzlich erwähnten Merkmalen zugelassen sind. Als Rollstuhlfahrerin könnte ich also theoretisch zwei Autos zulassen, könnte zwar nur für eins die Steuerbefreiung in Anspruch nehmen, aber für das andere die Steuerermäßigung ohne dass ich Maut zahlen müsste. Also Beispiel:

5. Ich müsste jetzt für das (erste) Auto 0 € zahlen und für das zweite 234 €. Ab Einführung der Maut würde sich die Steuer für das zweite Auto um 100 € ermäßigen, eine Maut fällt aber nicht an. Somit zahle ich künftig nur noch 134 €.

Das finde ich natürlich gut, nicht nur, weil es mal relativ einfach gelöst ist. Aber die Frage ist, wann die ersten Leute auf schlaue Ideen kommen. Ich sehe schon ein neues Geschäftsmodell. Alle meine Leserinnen und Leser, die ihr Auto auf meinen Namen zulassen möchten, sparen künftig rund 70 € pro Jahr. 30 € bekomme ich. Macht bei 10.000 Klicks am Tag ... huch, ist mir schwindelig.

Dienstag, 24. März 2015

Inklusion selbstgemacht

Menschen mit Behinderung sind in ihrer Berufswahl bisweilen erheblich eingeschränkt. Insbesondere bei körperlich schwer beeinträchtigten Menschen, die im Alltag persönliche Assistenz benötigen, lohnt sich ein Job meistens nicht, weil das Gehalt für die Assistenz draufgeht. Manchmal ist aber auch die technische Realisierung unmöglich oder zumindest unverhältnismäßig, manchmal stehen auch klare gesetzliche Regelungen dem Berufswunsch entgegen.

Von alledem, insbesondere von den klaren gesetzlichen Regeln, hat sich ein 38jähriger Rollstuhlfahrer aus Karlsruhe überhaupt nicht beeindrucken lassen. Der seit einem Arbeitsunfall vor etwa fünf Jahren querschnittgelähmte Mann war selbständig tätig, bevor er bei der Ausübung seiner Tätigkeit aus großer Höhe abgestürzt sein soll und sich schwer an der Wirbelsäule verletzte.

Statt sich in staatliche Umschulungsmaßnahmen zu begeben und sich anschließend auf Kosten der Steuerzahler den Arbeitsplatz barrierefrei einrichten zu lassen, nahm er die Sache selbst in die Hand und gab den Teil seiner Arbeit, den er aus technischen Gründen nicht selbst erledigen konnte, einfach an seinen fünf Jahre jüngeren Bruder ab. Das betraf in erster Linie jene auswärtigen Tätigkeiten, die ihm deshalb nicht mehr möglich waren, weil seine Kunden überlicherweise nicht in barrierefreien Wohnungen wohnten.

Der querschnittgelähmte Mann leistete aber die gesamte Vorarbeit und führte, während sein Bruder die nicht-barrierefreien Wohnungen aufsuchte, über einen Knopf im Ohr ständig Regie. Über das Headset des Bruders konnte der Rollstuhlfahrer so stets mithören und dem Bruder wichtige Informationen "ins Ohr flüstern". Diese Zusammarbeit funktionierte so gut, dass nicht nur beide prima von diesem Job leben konnten, sondern der assistierende Bruder für einzelne Aufträge sogar jedes Mal rund 3.000 Kilometer mit dem Flugzeug zurücklegte.

Seit etwa Mitte Februar mussten beide ihre Tätigkeit nun vorläufig aufgeben. Die Behörden hatten sich eingemischt, nachdem sich mehrere Menschen über ungewöhnliches Verhalten des Rollstuhlfahrers beschwert hatten. So ein Rollstuhl fällt eben auf. Tatsächlich fand man bei einer späteren Durchsuchung seiner barrierefreien Wohnung Wertgegenstände im fünfstelligen Eurobereich, die alle aus zusammen mit dem Bruder verübten Einbrüchen stammen sollen. Beide sitzen inzwischen in Untersuchungshaft. Merke: Inklusion ist nicht alles im Leben...

Sonntag, 22. März 2015

Gewichtig

"Sagt mal, ihr studiert doch Medizin, könnt ihr mich nicht mal eine wirksame Abnehmpille verschreiben?", war der zwar betont scherzhaft formulierte, wohl aber mit mindestens einem Funken Ernst gemeinte Versuch unseres knapp 40 Jahre alten Nachbarns, ein paar überflüssige Pfunde ohne großen Aufwand loszuwerden. Oder der, ein Gespräch über ein Thema zu beginnen, das ihn zunehmend belastet. Oder beides.

Tatsächlich schüttete er Marie und mir in einem anschließenden langen Gespräch sein Herz aus. Und ja, ich darf darüber schreiben, und ich finde es auch wichtig, darüber zu schreiben. Ich finde es so unglaublich, weil ich die Einstellung, die dahinter steht, für mich überhaupt nicht nachvollziehen kann. Ich sage bewusst, dass ich sie nicht nachvollziehen kann. Ich sage aber auch, dass ich sie ausdrücklich nicht verurteile. Jeder Mensch ist meiner Meinung nach für sich selbst verantwortlich. Aber so, wie es aussieht, konnten Marie und ich ihm bei dieser Verantwortung ein wenig unter die Arme greifen - und das gibt mir schon ein gutes Gefühl. Und die Überzeugung, dass alleinige Verantwortung nicht heißen muss, dass man sich zu allem auch selbst motivieren kann.

Dieser Mann ernährt sich seit 20 Jahren nahezu ausschließlich von Pizza, Pommes, Süßigkeiten und Cola. Das Frühstück fällt in der Regel aus, zum Mittag gibt es entweder eine Tiefkühlpizza oder Fleisch aus dem Supermarkt mit Pommes aus dem Backofen. Oder unterwegs eine Currywurst mit frittierten Pommes. Pro Woche gibt es im Durschnitt zwei Mal Fleisch, zwei Mal Pizza und drei Mal Currywurst. Dazu trinkt er ausschließlich Cola, pro Tag zwei bis drei Liter. Zum Abendessen holt er sich meistens Brötchen zum Aufbacken und belegt vier Stück davon (also acht Hälften) ausschließlich mit Salami. Abends, vor dem Einschlafen, isst er im Bett entweder eine Tüte Chips, eine Tüte Erdnussflips oder eine Tüte Popcorn. Zwischendurch, wenn der kleine Hunger kommt, gibt es Snickers, Schokolade oder irgendwelche Gummitiere. Pro Woche, so sagt er, kommt er auf zwei Tüten Chips, zwei Tüten Erdnussflips, drei Tüten Popcorn, zehn Tüten Gummibären oder Lakritzviecher und drei Fünferpacks Snickers oder Twix.

Sein Glück ist wohl, dass er als Kind eher untergewichtig war. Damit steigen Studien zufolge die Chancen auf eine nachhaltige Gewichtsreduktion. Sein Glück ist auch, dass er sich im Rahmen seiner Möglichkeiten stets aktiv bewegt hat und keinen Alkohol trinkt. Anlass für das Gespräch mit uns war wohl, dass er beim Wiegen festgestellt hat, dass sein BMI an der 30er-Grenze kratzte. Jene Grenze, die, wenn man dieses eher ungenaue und nicht alle Faktoren berücksichtigende Verfahren anwendet, für den Übergang vom Übergewicht zur Adipositas steht.

Sein letzter Versuch abzunehmen scheiterte kläglich. Er hatte lediglich die Cola durch Apfelsaft ersetzt, denn Apfelsaft sei ja gesund. Und wenn schon gesund, dann auch ohne Zusatzstoffe: 100% Frucht. Dass das bei Gewichtsreduktion hilft, ist ein oft gehörter Irrtum. Das Gegenteil ist der Fall. Denn unverdünnter Apfelsaft enthält mindestens genauso viel Zucker wie Cola, eher noch mehr.

Wir haben ihn in die Praxis von Maries Mutter geschleift und zumindest einmal Blut abgenommen und den Blutdruck gemessen. Die Cholesterinwerte waren besser als ich vermutet hatte, zumindest war verhältnismäßig viel "gutes" Cholesterin im Blut. Aber der Triglyceridwert war heftig. Maries Mutter sagte ihm klar ins Gesicht, dass sein Risiko, in den nächsten zehn Jahren einen Herzinfarkt oder einen Schlaganfall zu bekommen, bei über 35% liege. Ich glaube, das hat ihn aufgeweckt.

Zwei Wochen danach kam er auf uns zu und meinte, er trinke seitdem keine Cola mehr, nur noch Wasser. Er habe seitdem keine Süßigkeit und kein Knabberzeug mehr angerührt, in keinem Imbiss mehr gegessen und beschränke sich auf drei bis vier Hauptmahlzeiten. Eine Scheibe frisches Bio-Brot mit Putenfleisch, morgens Müsli mit Erdbeeren oder ungezuckerter Ananas - lediglich ausgewogenes Mittagessen sei noch nicht so sein Ding. In der Apotheke habe man ihm Brausetabletten gegeben, um Vitamin- und Mineralstoffmangel vorzubeugen.

Heute, vier Wochen nach dem Startschuss, ist sein BMI von ehemals 29,5 auf nun 27,7 gesunken. Inzwischen kaufen wir füreinander ein, bringen uns gegenseitig Erdbeeren, Ananas, Gurken, Tomaten, Brot und Fleisch mit und haben auch schon mehrmals zusammen gekocht. Während ich immernoch zunehmen muss, klappt es bei ihm mit dem Abnehmen nach wie vor. Er sagt: "Die ersten fünf Tage waren insbesondere wegen des Koffein-Entzugs eine Qual." - Aber inzwischen vermisse er nichts mehr von alledem, was vorher so verlockend war. In seinem Kühlschrank werden seit vier Wochen zwei Colaflaschen gekühlt. Im Schrank liegen mehrere seit Wochen ungeöffnete Snickers-Packungen, Chipstüten und ähnliches. Neulich habe eine Freundin ihm im Kino ein paar Gummibärchen in die Hand gedrückt: Nach fünf Stück war Schluss. Viel zu süß.

Insbesondere gehe es ihm körperlich inzwischen sehr viel besser. Aber alles das war einst gar nicht das Ziel. Er sagt, er habe sich einfach überlegt: "Jetzt ist der richtige Moment." - Und dann von einem Tag auf den anderen alles komplett umgestellt.

Ich kann mir nicht vorstellen, wie schwer das ist. Ich kann mir aber auch bereits nicht vorstellen, mich so zu ernähren, wie er es einst getan hat. Ich kann mir allerdings sehr wohl vorstellen, dass es enorm schwierig ist und ungeheure Selbstdisziplin und Stärke verlangt, wenn man eine solche Gewohnheit konsequent ändern möchte. Marie und ich sind uns einig: Wir wünschen ihm, dass er es durchhält und auch nach Erreichen seines Ziels auf einem für ihn guten Level bleibt.