Sonntag, 20. April 2014

Weit weg

Mein Blog hat mir schon mehrmals sehr geholfen. Und er hilft mir aktuell wieder. Aufzuschreiben, zu sortieren. Viele Leserinnen und Leser schreiben mir, per Mail, per Kommentar zurück. Ich lese alle Mails, ich lese alle Kommentare, auch dann, wenn ich keine Antwort schreibe, auch dann, wenn ich einzelne Kommentare nicht veröffentliche, beispielsweise, weil in dem Kommentar über meinen neuen Studienort spekuliert wird.

Einige Leserinnen und Leser haben sich, selbst wenn sie es nicht an mich formuliert haben, gefragt, warum ich zwar insgesamt oberflächlich, punktuell aber dennoch sehr konkret über diejenigen Dinge schreibe, von denen ich gerade nicht möchte, dass sie bekannt werden. Wie beispielsweise über meinen neuen Studienort. Über meine neue Wohnung. Einzelheiten, dass die Wohnung in einer Sackgasse liegt, dass die Stadt an einem Fluss liegt, dass sie südlich von Hamburg ist, dass zum Personal eine Psychologin im Rollstuhl gehört, lassen doch sehr viele Rückschlüsse zu.

Richtig. Genau das tun sie. Ich versuche, zu erklären, dass ich mir sehr genau überlegt habe, warum ich was aufschreibe - und warum ich was nicht aufschreibe. Ich weiß allerdings nicht, ob mir diese Darstellung gelingt. Längst ist mein Blog nicht mehr nur ein einfaches Tagebuch, auch wenn ich meinen Blog in erster Linie für mich selbst schreibe. Längst muss ich auf mich aufpassen, nicht nur wegen meiner Mutter. Aber derzeit hauptsächlich ihretwegen.

Für meine Mutter wurde wegen ihres Hilfebedarfs, der sich aus ihrer psychischen Erkrankung ergibt, eine rechtliche Betreuung bestellt. Eine rechtliche Betreuung ist nicht mehr, wie früher, ein Vormund; jemand, der einen rechtlichen Betreuer hat, ist nicht automatisch geschäftsunfähig. Es ist vielmehr so, dass der Betreuer ein gesetzlicher Vertreter ist und diejenigen Geschäfte erledigen soll (und darf), die der Betreute nicht alleine erledigen kann. Wichtig ist aber: Diejenigen Geschäfte, die der Betreute sehr wohl alleine erledigen kann, darf (und soll) der Betreute (in der Regel) selbst erledigen. So benötigt ein Betreuter in aller Regel nicht das Einverständnis seines Betreuers, wenn er Dinge tun oder lassen möchte; auch dann nicht, wenn diese Dinge eigentlich in den Aufgabenbereich des Betreuers fallen. Natürlich sollten die beiden sich idealerweise einig sein und abstimmen. Aber rein rechtlich ist der Betreute eben nicht entmündigt. Ich weiß, es gibt in Ausnahmefällen Einwilligungs-Vorbehalte und Einschränkungen; ich versuche aber gerade, auf ein eher kompliziertes Thema hinzulenken und beschränke mich daher auf allgemeine und wichtige Grundsätze.

Zweiter Grundsatz: Ein Betreuer ist immer nur für einen ganz begrenzten Aufgabenkreis zuständig. Also beispielsweise für die Vermögenssorge. Das bedeutet, dass er beispielsweise für den Bereich der Gesundheitsfürsorge den Betreuten nicht rechtlich vertreten darf. Möchte der Betreute also sich ein Piercing stechen lassen oder eine Zahn-OP durchführen, braucht er weder über das eine noch über das andere überhaupt mit seinem Betreuer reden. Es ist sogar rechtlich unzulässig, dass der Betreuer dann den Aufklärungszettel für die Zahn-OP unterschreibt. Das kann nur der Betreute selbst. Wenn der Betreute allerdings nicht begreift, was das Schreiben mit den ganzen Zahlen, das ihm von der Abrechnungsstelle des Zahnarztes zugeschickt wurde, bedeutet, kann er das an seinen Betreuer weiterleiten und dieser kann dann vom Konto des Betreuten die Rechnung der Zahn-OP bezahlen, ohne dass der Betreute gegenüber der Bank diese Zahlung legitimieren muss. Der Betreuer darf (und soll) den Betreuten dann vertreten.

Soviel zur Theorie. Für meine Mutter wurde, nachdem es ihr zuletzt sehr schlecht ging, eine Betreuung angeordnet. Die Betreuerin, eine Rechtsanwältin, sollte sich sowohl um die Gesundheitsfürsorge als um die Aufenthaltsbestimmung kümmern. Eingeschlossen war eindeutig die Möglichkeit der Anordnung einer zwangsweisen Unterbringung in einer psychiatrischen Klinik durch die Betreuerin. Das ist natürlich nur möglich, wenn entsprechende Gefahren für meine Mutter oder für andere (durch meine Mutter) bestehen; jede einzelne solcher Entscheidungen muss sofort dem Betreuungsgericht mitgeteilt werden und wird auch immer von dort überprüft. Die Möglichkeit, dass die Betreuerin die Einweisung anordnen kann, setzt die Hürde, die allgemein besteht, bevor jemand gegen seinen Willen in die Psychiatrie gesteckt wird, erheblich herab. Nicht in dem Sinne, dass andere (weichere) Maßstäbe gelten; wohl aber in dem Sinne, dass es jemanden gibt, der ständig für eine solche Entscheidung zuständig ist und diese Entscheidung im Bedarfsfall auch sofort treffen muss. Insbesondere eine Berufsbetreuerin (die eine Rechtsanwältin nun mal ist, im Gegensatz zu einer freien Betreuerin, wie sie beispielsweise eine Familienangehörige wäre) muss sich für alles, was sie tut, aber auch für alles, was sie nicht tut, regelmäßig und anlassbezogen vor dem Gericht schriftlich rechtfertigen. Es herrscht die Auffassung, dass die Betreuerin mindestens alle 7 bis 14 Tage sich einen aktuellen Eindruck verschaffen muss, im Bedarfsfall auch öfter.

Zu den Aufgaben eines Betreuers gehört auch, regelmäßig dem Betreuungsgericht mitzuteilen, ob aus seiner Sicht die Betreuungsbedürftigkeit noch besteht. Es sind ja genügend Möglichkeiten denkbar, in denen jemand im Laufe der Zeit gesund wird oder ausreichend Erfahrungen sammelt, um sich irgendwann (wieder) selbst zu vertreten. Das Gericht muss zudem von sich aus alle spätestens sieben Jahre überprüfen, ob die Betreuung noch korrekt ist; also ob sie umfangreich genug oder zu umfangreich oder vielleicht sogar überflüssig ist.

Bei meiner Mutter war es nun wohl so, dass die Rechtsanwältin, die für die Betreuung zuständig war (die Betonung liegt auf 'war'), alles unternommen hat, um den Bereich der Aufenthaltsbestimmung wieder aufheben zu lassen. Sie hat das Gericht mit ihrer Ansicht gefüttert, meine Mutter käme in diesem Punkt alleine zurecht. Wie sie zu dieser Ansicht gelangt ist, kann ich nicht sagen, denn ich kenne den Inhalt der Akte nicht. Ich darf diese Akte auch nicht kennen. Es ist das gute Recht der Betreuerin, zu dieser Ansicht zu gelangen und diese Ansicht auch dem Betreuungsgericht mitzuteilen. Eventuell müsste man sich Sorgen darüber machen, falls die Betreuerin zu einer Ansicht kommt, die mit der Realität kaum etwas zu tun hat. Eventuelle Sorgen darüber, dass die Betreuerin die Bedürfnisse ihrer Betreuten nicht richtig wahrnehmen könnte, beispielsweise. Anhand dieser Formulierungen merkt bereits jede Leserin und jeder Leser, dass hier noch ein Jurist nachgeschliffen hat.

Nicht von der Hand zu weisen sind mehrere über einfache Stellungnahmen hinausgehende Anregungen der Betreuerin, die Betreuung für den Bereich der Aufenthaltsbestimmung bei meiner Mutter wieder aufzuheben. Konkret wurden auch Gutachten mit eingereicht, die außerhalb des Betreuungsverfahrens in Auftrag gegeben wurden und beweisen sollten, dass meine Mutter die Angelegenheiten der Aufenthaltsbestimmung alleine regeln kann. Meine Mutter hat sich kooperativ gezeigt und selbst diese Aufhebung forciert. Ich möchte nicht unterstellen, dass die Betreuerin sich damit, dass sie diesem Wunsch folgt, Arbeit vom Hals halten wollte. Aber, so die Beschwerde der Rechtsanwältin, die mich vertritt (übrigens eine, die auch vom Weißen Ring vermittelt wird und dieselbe, die mich auch bereits einmal vor zwei Jahren gegen einen Fetischisten vertreten hat, der extrem zu weit ging, nun aber Ruhe gibt), es sei nicht Aufgabe der Betreuerin gewesen, die Betreute im Betreuungsverfahren parteilich zu unterstützen. Sie hätte vielmehr die Bestellung eines Verfahrenspflegers anregen müssen. Dieser Auffassung hat das Betreuungsgericht in einer schriftlichen Stellungnahme bereits zugestimmt.

Also auf Deutsch: Die Betreuerin hat sich (auf Wunsch meiner Mutter) dafür stark gemacht, dass die Aufenthaltsbestimmung nicht mehr zu ihrem Aufgabenbereich gehört. Auch wenn meine Mutter sie darum anfleht: Vor diesen Karren hätte sie sich nicht spannen lassen dürfen, sondern lediglich neutral dem Gericht ihre Einschätzung oder die Einschätzung der Betreuten zu dem Thema mitteilen dürfen. Daraufhin hätte das Gericht unabhängig den Umfang der Betreuung überprüfen und entscheiden müssen. Gegen diese Entscheidung hätte sich meine Mutter wehren können; wenn sie dabei Hilfe braucht, hätte mit dieser Hilfe aber eine unabhängige Person betraut werden müssen. Das ist so aber nicht passiert.

Okay, was soll das? Warum reite ich auf diesen Vorschriften herum? Ganz einfach: Das Gericht hat (und das hat meine Anwältin gerügt) dieser Verkleinerung des Aufgabenbereichs der Betreuerin meiner Mutter zugestimmt. Aufgrund vorliegender Gutachten, eigenem Eindruck und ähnlichem. Solche Verfahren werden im 10-Minuten-Takt entschieden, von daher will ich dem Richter selbst in dieser Sache nicht mal einen großartigen Vorwurf machen. Rechtlich ist das höchstwahrscheinlich nicht mal zu beanstanden, denn es gibt keine gesetzliche Pflicht für den Betreuer, sich im Betreuungsverfahren neutral zu verhalten. Aber eben als Ergebnis dieser einseitigen Interessenverfolgung und vermutlich nicht ausgewogenen Entscheidung fehlt nun jemand, der den Gesundheitszustand meiner Mutter regelmäßig grob überwacht. Und das wiederum gehörte zu den Empfehlungen der Klinik, in der meine Mutter über Monate stationär behandelt wurde.

Derjenige (oder diejenige) fehlt nun insofern, als dass (und nun wird es spannend) zum Aufgabenbereich der Betreuerin zwar nach wie vor der Bereich der "Gesundheitsfürsorge" gehört - aber damit eindeutig nicht mehr die Möglichkeit, sie zwangsweise einweisen zu lassen, denn, so sagte meine Anwältin und Frank hat die Geschichte bereits als "dickes Osterei" bestätigt, für eine Einweisung ist ausdrücklich auch die Vertretung im Bereich der Aufenthaltsbestimmung nötig. Die die Betreuerin ja nun nicht mehr hatte. Somit kann die Betreuerin meine Mutter nicht mehr zwangsweise in die Psychiatrie schicken und somit muss sie auch, da es nicht mehr zu ihrem Aufgabengebiet gehört, diese konkrete Frage nicht mehr berücksichtigen und über die psychische Gesundheit meiner Mutter nicht mehr Rechenschaft ablegen. Es wäre sogar ein Eingriff in die Grundrechte meiner Mutter, wenn die Betreuerin hier überwachend tätig werden würde, ohne dass das Betreuungsgericht ihr diesen Aufgabenbereich zuspricht. Und damit hat es meine Mutter geschafft, aus der regelmäßigen "Kontrolle" herauszukommen.

Klar ist: Auch wenn die Betreuung so weitergeführt worden würde, hätte die Betreuerin meine Mutter nicht deshalb einweisen können, weil sie mich stalkt. Das gibt ihr Amt nicht her. Darum geht es mir auch nicht. Aber: Die Betreuerin hätte den Gesundheitszustand regelmäßig überwachen müssen, um einer drohenden Verschlechterung, in der es zu gefährlichem Verhalten kommt, zum Beispiel, indem sie jenseits von Gut und Böse sich mit anderen Leuten körperlich anlegt oder im fünften Stock nachts auf Feuerleitern turnt, notfalls zwangsweise entgegen wirken zu können. Da sie selbst nicht in der Lage ist, die psychische Gesundheit meiner Mutter abschließend und genau zu beurteilen, hätte meine Mutter regelmäßig zur ambulanten Kontrolle zum Psychiater gemusst. Der hätte dann kurz berichtet, ob sie ihre Medikamente nimmt, ob sie am Rad dreht, ... - nur da war sie wohl länger nicht. Und wäre sie da gewesen, um dann den Kreis endlich zu schließen, bräuchte ich vermutlich mir keine Sorgen darüber zu machen, wo ich künftig studiere und wie ich künftig heißen soll.

Das Problem ist ja nach wie vor nicht, dass sie an meinem Leben teilnehmen möchte. Sie kann jederzeit meinen Blog lesen, sie könnte über ihre Betreuerin mit mir in Kontakt treten, wenn das denn alles nicht nur darauf abzielen würde, mich davon zu überzeugen, dass ich falsch mit meiner Behinderung umgehe. Sie kann teilnehmen; sie will es aber nicht. Im Moment will sie durch destruktives Verhalten Aufmerksamkeit. Die bekommt sie jetzt, wunderbarerweise auch noch über das Familienfest "Ostern" - allerdings für einen teuren Preis.

Und, auch um auf die eingangs gestellte Frage zurück zu kommen, warum ich meinen neuen Studienort nicht geheimer halte, eins möchte ich mit aller Deutlichkeit zum Ausdruck bringen: Meine Mutter kommt nicht von selbst auf die Idee, so geschickt in ihrem Betreuungsverfahren zu manövrieren. Ich habe anderthalb Jahrzehnte mit ihr zusammengewohnt, ich habe sie danach erlebt. Bei allem Respekt: So clever ist sie nicht. Das überblickt sie nicht. Das hat ihr jemand gesteckt. Sicher nicht in der Absicht, mich zu schädigen. Aber von sich aus ist sie nicht auf diese Idee gekommen. Das ist nicht nur meine Überzeugung, sondern auch die Einschätzung mehrerer anderer Menschen aus meinem Umfeld.

Dass sie manipuliert, den Leuten was vorspielt, falsche Anrufe macht, geschickt fragt: Das traue ich ihr alles zu. Aber dass sie sich an einen PC setzt, eine Suchmaschine bemüht und einen juristischen Plan ausheckt, wie sie sich der ärztlichen Kontrolle entziehen kann, das packt sie nicht. Und auch wenn Menschen, die eine psychische Erkrankung haben, möglicherweise mit Fähigkeiten beeindrucken, die man im ersten Moment nicht erwartet hat, so hat meine Mutter trotzdem kein abgeschlossenes Jurastudium und auch keine plötzlich erhöhte Intelligenz. Bei allem Respekt, so clever, dass sie das alleine ausheckt, ist sie einfach nicht.

Und damit bin ich der festen Überzeugung: Wenn sie herausbekommen möchte, wo ich künftig studiere, dann bekommt sie das problemlos raus. Auch dann, wenn ich meinen Namen ändere, auch dann, wenn ich eine Auskunftssperre beim Einwohnermeldeamt habe, auch dann, wenn sämtliche Organisationen, die irgendwie mit mir zu tun haben, nur die Adresse meines Hamburger Wohnsitzes kennen. Oder die Adresse von Marie. Oder die einer Anwaltskanzlei oder eines Scan-Dienstes, wo vielleicht künftig meine Post bearbeitet wird. Und sei es, indem sie in Hamburg beim Schwimmtraining auftaucht und dort Leute bedroht oder in der Tasche meiner Trainerin wühlt, wo sie vielleicht irgendwelche Angaben über mich findet.

Ich weiß nicht, ob eine Namensänderung der richtige Schritt ist. Die Abdeckung des Namens in Melderegistern und an der Uni ist es auf jeden Fall. Nirgendwo öffentlich den Namen der Stadt und ähnliche genaue Angaben zu machen, auch. Konkret auf die Geheimhaltung meiner persönlichen Daten zu bestehen, auf das Stalking hinzuweisen - genau richtig. Meine Leute zu Wachsamkeit und zu sehr überlegtem Handeln aufzurufen, ja. Aber dass sie beispielsweise herausbekommen hat, welches meine Bank ist, wird eher ein Zufall sein, der eben auf genau diesen laschen Umgang mit persönlichen Daten zurückzuführen ist. Sie hat vermutlich einfach bei den fünf größten Kreditinstituten in Hamburg angerufen und die mit Namen, Geburtsdatum und Adresse konfrontiert. Und dann gesagt, dass ich dort ein Konto hätte. Bei einem kam eben nicht die Antwort "Ich finde Sie hier gar nicht", sondern "Ich stell Sie mal zur Filiale durch." Bums.

Wie gesagt, ich werde es nicht auf die leichte Schulter nehmen. Aber meine Strategie wäre im Moment: Andere Wohnung, weg aus Hamburg, Adresse nicht nennen und in öffentlichen Verzeichnissen (einschließlich Meldeamt) sperren - und dann einen Einfluss nehmen auf das Betreuungsverfahren und durchsetzen, dass der Bereich "Aufenthaltsbestimmung" bei meiner Mutter wieder von einem Betreuer unterstützt wird. Zumindest so weit, dass jemand auf meine Mutter aufpasst, damit sie ihre Medikamente nimmt und regelmäßig Hilfe bekommt. Und sei es nur, dass jemand einmal pro Woche feststellt, dass es ihr gut geht. Das wäre mir natürlich am liebsten. Mit dem Bereich "Aufenthaltsbestimmung" wäre auch verbunden, dass das Betreuungsgericht zustimmen muss, wenn meine Mutter ihren Wohnsitz verändern will. Also beispielsweise auf die Idee käme, in meine Nähe zu ziehen. Und dass man sie eben, sobald sie sich wieder nähern sollte, nicht mal eben um den Block fährt und in 10 Minuten ist sie wieder da, sondern nach Hause bringt. Weit weg.

Samstag, 19. April 2014

Ordnen über Ostern

Die Reaktionen, die Resonanz, die Anteilnahme in den letzten Tagen war vielfältig und überwältigend. Ich bin insgesamt sehr aufgefühlt. Nein, es geht mir nicht gut. Darüber wird sich aber niemand wundern.

Fakt ist, dass ich seit fast einer Woche nicht mehr in meinem eigenen Bett geschlafen habe. Ich habe drei Versuche gestartet, drei Mal haben mich Maries Eltern wieder aus der Wohnung geholt. Mit Maries Mutter durch die Tiefgarage, während Maries Vater meine Mutter von mir fern gehalten hat. Sie sitzt und liegt seit einer Woche fast durchgehend vor unserer Haustür. Sie ist für Stunden immer mal weg, manchmal wird es wohl langweilig, ein anderes Mal trägt die Polizei sie weg. Nach ein paar Stunden ist sie regelmäßig wieder da.

Tagsüber taucht sie ständig in der Physiotherapiepraxis auf. Inzwischen ist unten zwar die Tür zu, so dass man klingeln muss, aber spätestens wenn jemand rausgeht, ist sie wieder drin. Vom Treppenhaus klettert sie über die außen am Haus angebrachte Feuertreppe in ein anderes Stockwerk und hampelt oben vor den Fenstern rum. Selbst abends ist es für sie eine Leichtigkeit, ins Haus zu kommen. Sobald jemand mit dem Auto aus der Tiefgarage fährt, sprintet sie durch das offene Rolltor. Da der Weg durch das Haus einer der beiden Fluchtwege ist, kann man da auch nichts abschließen. Sie kommt zu Fuß zwar nur bis ins Erdgeschoss (um weiter nach oben zu kommen, muss man durch eine Tür, die man von außen nicht öffnen kann, oder mit dem Aufzug fahren, den man drinnen allerdings auch nur mit Schlüssel bedienen kann), aber sie setzt sich dann zum Beispiel unten in den Aufzug und wartet über Stunden, bis oben jemand diesen ruft. Zack ist sie im Wohnbereich.

Inzwischen wissen zwar alle Mitbewohner, was hier los ist, aber was soll jemand im Elektrorollstuhl, der gerade genug Kraft hat, den Joystick zu bedienen, ausrichten, wenn sie sich an ihm vorbei drängelt? Da gibt es ja nicht mal die Möglichkeit, ihr über die Füße zu fahren, so schnell ist ja niemand. Fakt ist, dass meine Mutter durch ihr unberechenbares Verhalten bei meinen Mitbewohnerinnen und Mitbewohnern jede Menge Ängste schürt. "Irgendwann steckt sie noch das Haus an", muss ich mir schon anhören. Ich habe zwar meine Mutter nicht beauftragt, diesen Zirkus zu veranstalten; andererseits fühle ich mich aber meinen Mitbewohnerinnen und Mitbewohnern gegenüber verantwortlich. Sie sollen in Ruhe leben können und nicht etwa jemanden im 5. Stock vor dem Fenster stehen haben, wenn sie morgens die Rolläden hochfahren.

In einigen Kommentaren oder Mails habe ich gelesen, dass es gut wäre, sie zwangsweise in die Psychiatrie zu stecken, alternativ in den Knast. Auch könne ich vielleicht auf die bei psychischen Erkrankungen meistens erhöhte Suizidalität hoffen. Sie jedes Mal verprügeln zu lassen, war ein anderer Vorschlag. Einiges habe ich gar nicht veröffentlicht. Meine Mutter ist und bleibt ein Mensch. Ich sage bewusst nicht, dass sie meine Mutter ist. Aber sie ist ein Mensch. Ein kranker Mensch. Nach der gesetzlichen Lage kann man sie nicht so einfach zwangsweise einweisen, dafür müssen ganz andere Dinge passieren. Sie ist auch nicht haftfähig. Es gibt nach wie vor einen Gerichtsbeschluss, dass sie Abstand zu halten und die Kontaktaufnahme zu unterlassen hat, aber Geld ist wohl nicht zu holen und haftfähig ist sie eben nicht. Somit läuft das weitestgehend ins Leere; lediglich darf sie die Polizei nach Hause bringen. Selbst ein so genannter "Verbringungsgewahrsam" käme nicht in Betracht. Dabei hat man früher so genannte Störer weit weg gefahren, damit sie wenigstens eine Zeitlang brauchten, um wieder zurück zu kommen.

Ein sporadischer Kontakt zu meiner Mutter kommt nicht in Frage. Warum nicht, habe ich bereits oft genug ausgeführt. Auch wenn das der eine Leser oder die andere Leserin nicht nachvollziehen kann: Ich möchte es nicht. Und es muss mein Recht sein und mein Recht bleiben, zu bestimmen, mit wem ich mich treffen möchte und mit wem nicht. Meine Entscheidung, jemanden nicht sehen zu wollen, kann nicht höher gewertet werden, als die Entscheidung eines anderen, mit mir Kontakt haben zu wollen.

Ich bin kein Fan davon, absatzweise darüber zu berichten, was alles nicht geht. Ich möchte mich mit Möglichkeiten beschäftigen, nicht mit Unmöglichkeiten. Das geht vielleicht dem einen oder anderen zu schnell, vielleicht bin ich wegen der vielen Herausforderungen, die meine Behinderung mit sich bringt, auch in gewisser Weise prädisponiert für schnelle Entscheidungen. Fakt ist, dass ich in den letzten fünf Tagen mehr Unterstützung bekommen habe als ich mir je hätte erträumen können.

Damit meine ich nicht nur die vielen Kommentare und Mails, in denen mir meine Leserinnen und Leser zuhauf angeboten haben: "Komm an meine Uni, hier ist es überwiegend barrierefrei, ich würde mich darum kümmern, dass du die richtigen Kontakte bekommst und dich hier vor Ort unterstützen." - Vielen, vielen Dank! Ich bin wirklich gerührt. Dennoch habe ich die meisten davon nicht veröffentlicht, denn ich möchte im Internet keine Diskussion über meinen künftigen Studienort beginnen. Aus guten Gründen. Ich habe auch aus genau diesen Gründen auf keine einzige dieser Mails geantwortet, waren sie auch noch so nett. Woher soll ich wissen, ob das nicht eine Mail von meiner Mutter ist, die das hier mitliest und vielleicht aus einem Internet-Cafè mit mir schreibt? Und auf diesem Weg dann die Antwort bekommt: "Lieber Otto, danke für dein Angebot, aber ich habe mich bereits für die Uni in Harvestehude entschieden." - Oder: "Lieber Peter, das ist ja fein, dann sehen wir uns demnächst, ich liebäugel nämlich mit einem Studienplatz an deiner Uni." - Liest sich paranoid. Und genauso komme ich mir derzeit vor.

Mein derzeitiger Plan ist, für zwei bis vier Semester aus Hamburg wegzugehen und anderswo in Deutschland zu studieren. Ich werde meinen Platz in meiner heiß geliebten WG aufgeben. Das ist sehr schmerzhaft, aber es ermöglicht eben mir einen kompletten Neuanfang und meinen Leuten die Rückkehr zu einem ruhigen Alltag. Ich werde für ein bis zwei Jahre in einer anderen Stadt in Deutschland wohnen und dort quasi zwei bis vier "Auswärtssemester" sammeln. Es ist absolut nicht unüblich und wird sogar empfohlen, auch mal in eine andere Uni reinzuschnuppern. Anschließend werde ich wieder nach Hamburg zurück kommen. Das möchte ich auf jeden Fall, denn Hamburg ist meine Heimat und Hamburg bleibt meine Stadt. Ich kann nicht ohne. "Anschließend" ist dann, wenn das Haus, das ich tatsächlich (nicht alleine) bauen (lassen) möchte, fertig ist und ich dort in eine Wohnung einziehen kann. Bis Ende Mai soll alles so weit eingetütet sein, dass es los gehen kann. Davon und darüber schreibe ich ein anderes Mal mehr. Jedenfalls gibt es hierzu recht gute Neuigkeiten.

Zum Glück sind andere Menschen in meinem Umfeld zur Zeit mindestens genauso paranoid wie ich und unterstützen mich mit ihren Möglichkeiten. Maries Mutter hat am letzten Sonntag mit jenem Professor telefoniert, der mir vor ziemlich genau drei Jahren meinen Studienplatz eröffnet hat. Sie hat ihn bei einer Veranstaltung erreicht und er hat ihr spontan zugesagt, sich am Dienstag mit mir an einer Uni zu treffen, an der ich gerne studieren möchte. Damit hätte ich natürlich niemals gerechnet, ich hatte gehofft, er würde dort anrufen. Aber so war es natürlich noch besser. Er wollte dort zusammen mit mir mit dem Präsidenten der Uni zu reden, um einen Wechsel innerhalb eines Semsters, der normalerweise nicht möglich ist, unbürokratisch anzuschieben. Ich weiß nicht, ob er sowieso dort in der Gegend war; ich möchte nicht wissen, welchen Umweg er für mich in Kauf genommen hat, denn damit würde es mir vermutlich schlecht gehen.

Es ist im Vergleich zur Hamburger eine verhältnismäßig kleine Universität. Ich wartete vor einem Verwaltungsgebäude in strahlendem Sonnenschein. Plötzlich tauchte er auf, ich habe keine Ahnung, woher er gekommen war. Er gab mir die Hand, sagte nur kurz, dass er von Maries Mutter gehört habe, was bei mir zu Hause los sei. Es sei meine private Angelegenheit und er mische sich dort nicht ein. Aber wenn er mir helfen könne, dann solle ich ihn anrufen. Er gab mir seine Visitenkarte. Ich will nicht zu viel über ihn sagen, aber ich wusste nicht, wie mir geschah. Der Mann ist enorm bekannt und ein weltweit geschätzter und gefragter Experte in seinem Fachgebiet. Ich übertreibe nicht und würde zu gerne auf seine Webseite verlinken, nur kann ich das gerade nicht tun, aus guten Gründen. Entsprechend war auch die Begrüßung beim Präsidenten der Universität. Ich saß in einem kleinen, hübsch eingerichteten Büro mit meinen schweißnassen Händen und einem 200er-Puls, während mein Professor sagte: "Vielen Dank, dass Sie einen Moment Zeit für mich gefunden haben." - Als Antwort kam wörtlich: "Es ist mir eine Ehre, Professor."

Mein Professor sagte, es sei ihm ein bedeutendes persönliches Anliegen, dass ich mein Studium ungestört fortsetzen könne. Er erklärte, dass ich im Zusammenhang mit meinem Unfall heute massiv belästigt und verfolgt werden würde. Diese Lage sei durch die psychische Erkrankung einer Frau derart eskaliert, dass er keinen anderen Ausweg sehe, als mitten im Semester den Studienplatz zu wechseln und an eine Universität zu gehen, in der sich das Präsidium darum kümmert, dass ich in Ruhe studieren könne. Der Präsident guckte mich relativ betroffen bis geschockt an, sagte erstmal gar nichts, schluckte ein paar Mal und meinte dann: "So einen Fall hatten wir hier noch nie. Ich muss zu meiner Schande gestehen, dass ich gar nicht weiß, wie wir so etwas angehen können. Aber ich möchte auf jeden Fall helfen."

Danach ging alles relativ schnell. Mein Professor verabschiedete sich, ließ mich draußen alleine zurück. Ich schaute mir einige Bilder an, die im Eingangsbereich ausgestellt waren. Nach einiger Zeit kam eine Frau im Rollstuhl auf mich zugerollt. Geschätzt 30 Jahre alt, kräftiger Oberkörper, auffallend strahlend blaue Augen, dunkles, langes, krauses Haar zu einem Zopf gebunden, ungeschminkt, Brille, Batik-T-Shirt. Die Beine erschienen für die Gesamtkörpergröße ein wenig zu kurz, ich tippte auf eine angeborene Querschnittlähmung. Sie gab mir die Hand, stellte sich vor. Eine Psychologin, sie möchte sich um mich kümmern. Sie schleppte mich in ihr Zimmer ab. Bat mir, völlig ungewöhnlich, sofort das "Du" an. Das mache sie bei Leuten im Rollstuhl immer so. "Willst du ne Cola? Oder ein Wasser? Guck dir das an, ich hab einen eigenen Kühlschrank in meiner Zehn-Quadratmeter-Betonzelle. Hart erkämpfter Behindertenbonus."

Sie wollte hören, was mit mir los sei. Es war absolut faszinierend: Die Chemie stimmte von der ersten Sekunde. Und sie war derart einfühlsam, natürlich und aufrichtig, dass ich ihr sofort meine komplette Geschichte erzählt habe. Das alles war insbesondere deshalb so geradlinig, weil sie ungewöhnlich offen und damit - aus psychologischer Sicht - vermutlich völlig unprofessionell war. Aber es war eben keine Psychotherapie. Und ich glaube, es war professionelle Unprofessionalität. Sätze wie: "Boa, krass, ich würde durchdrehen!" oder "Lesen musste ich schon viel darüber, aber so live und in Farbe weiß ich gar nicht, was ich dazu sagen soll." oder "Was für eine verfi**te Scheiße, tschuldigung" würde meine Krankenhauspsychologin aus Hamburg nie in den Mund nehmen.

Und dann kam von ihr: "Also, du gibst mir bitte drei Stunden, dann sehen wir uns wieder und dann mache ich dir ein Angebot. Du machst in der Zwischenzeit bitte nichts außer dich irgendwo in ein Cafè setzen und Eis essen. Oder du legst dich auf eine Wiese an [einem Fluss] und lässt dir die Sonne auf den Bauch scheinen. In drei Stunden sehen wir uns wieder." - "Ich hatte sonst gedacht, ich gucke mal, ob es irgendeine Chance gibt, kurzfristig eine Wohnung zu bekommen." - "Mach bitte nichts. Guck dir die Stadt an, setz dich irgendwo hin, unternimm bitte nichts. Ich setze jetzt alle Hebel in Bewegung und dann möchte ich freie Schussbahn haben." - "Irgendwie habe ich gerade ein wenig Angst." - "Ich erwähne weder deinen Namen noch deine Geschichte. Ich erkundige mich nur und organisiere ein wenig. Vertrau mir."

Es fiel mir sehr schwer, ich kannte diese Frau noch nicht mal zwei Stunden. Nach drei Stunden sahen wir uns wieder. Und ich bekam, womit ich im Traum nicht gerechnet hätte, eine Lösung auf dem Tablett präsentiert. "Also: Du kannst hier ab morgen dein Studium fortsetzen. Ich habe grünes Licht von 'ganz oben' und 'ganz oben' hat grünes Licht vom Land. Das kommt alles noch schriftlich, aber telefonisch ist das geklärt und offiziell bestätigt. Ich hatte Kontakt zum Landeskriminalamt, und die empfehlen dir, deinen Nachnamen ändern zu lassen. Du kannst einen Antrag stellen und fügst das Gerichtsurteil mit dem Näherungsverbot bei und holst dir mehrere Zeugenaussagen dazu, wie oft dagegen verstoßen wurde. Von Angehörigen, von der örtlichen Polizei. Dem wird aller Voraussicht nach entsprochen. Das entscheidet das örtliche Standesamt. Deine neue Adresse wird beim Landeskriminalamt in einer Opferschutz-Akte hinterlegt. Im öffentlichen Melderegister steht nur der Hinweis auf die Akte. Gleichzeitig beauftragst du eine dir nahestehende Person, dir deine Post weiterzuleiten. Das heißt: Du gibst als Anschrift offiziell deren Wohnanschrift an und dort scannt dir das jemand oder leitet das im Briefumschlag weiter. Zum Beispiel die Mutter deiner Freundin [Marie], von der du mir erzählt hast. An deine Hausklingel kommen nur deine Initialen. Hier bei uns in der Uni wird deine Akte im Präsidium geführt, die Chefsekretärin ist die einzige Ansprechpartnerin für dich, an allen anderen Stellen gibt es deinen Namen nicht. Weder deinen alten noch deinen neuen. Und auch auf irgendwelchen Listen taucht er nicht auf. Im Einzelfall müssen wir dann schauen, wie sich das genau realisieren lässt, aber das wird funktionieren. Was sagst du dazu?"

Ich antwortete nur mit einem Wort: "Namensänderung?"

Sie sagte: "Ja. Würde ich machen. Ist der effektivste Weg, wenn nicht sogar der einzige, einen Schnitt in dein Leben zu bekommen und Verfolger abzuschütteln. Ich will nicht sagen, dass wir das von dir erwarten, aber fast ist es so: Wir wollen hier natürlich auch keinen solchen Aufwand betreiben und ab nächste Woche eine psychisch kranke Frau auf dem Unigelände haben, die alle terrorisiert. Und dann ziehst du wieder um."

Ich antwortete; "Wieder umziehen? Erstmal muss ich überhaupt eine Wohnung finden." - Sie grinste mich an: "Die findest du. Wir haben gleich noch ein paar Besichtigungstermine. Wenn du möchtest. Können wir auch auf morgen früh verschieben, aber am besten wäre es jetzt gleich." - "Häh?" - "Nix häh. Ich arbeite doch nicht hier ohne Kontakt zu den örtlichen Vermietern zu haben und zu wissen, wo barrierefreier Wohnraum existiert. Es gibt drei Neubauprojekte, in allen gibt es noch jeweils eine barrierefreie Wohnung, die sofort bezogen werden kann." - Ich stand da mit offenem Mund. - "Mund zu, Herz wird kalt", sagte sie. "Wir sind hier nicht in Hamburg, wo man drei Jahre auf eine völlig überteurte Wohnung wartet. Ich habe drei zur Auswahl. Ich muss gestehen, ganz so einfach war es nicht, ich musste mächtig Alarm machen. Aber wir haben einen Makler in der Familie und bei dem hatte ich noch einen Gefallen offen. Ich habe ihm gesagt, er soll mal zeigen, dass er ein Fachmann ist." - "Bist du wahnsinnig?", fragte ich sie. - "Ein bißchen. Du musst sie ja nicht nehmen. Aber angucken schadet nicht. Und wenn du im halben Jahr was besseres findest, ziehst du wieder aus. Aber erstmal ..."

Ich habe mir nur die erste Wohnung angeguckt: Drei Zimmer, Etage 2 von 2, sechs Parteien in diesem Hauseingang, Aufzug, Tiefgaragenstellplatz, Kellerraum, Niedrigenergie-Haus mit Zentralheizung, überall Parkett, im Bad Fliesen mit Fußbodenheizung, Badewanne, ebenerdige Dusche, Einbauküche, großer Südbalkon mit Holzplanken und herrlichem Panorama, überall Rolläden und Fliegengitter vor den Fenstern, zehn Minuten zu Fuß in die Innenstadt, zwanzig zu Fuß zur Uni, zehn Minuten mit dem Auto zur Autobahn. Öffentlicher Nahverkehr direkt vor der Tür. Verkehrsberuhigte Sackgasse, knapp 9 Euro kalt pro Quadratmeter, dazu kommen 2,35 Euro für Neben- und Heizkosten. Erstbezug.

Dann kam vom Makler: "Ziehen Sie alleine ein?" - "Meine Freundin überlegt, auch hier zu studieren ab nächstem Semester. Sie sitzt auch im Rollstuhl und würde dann gerne mit einziehen." - "Die Eigentümerin möchte keine Studenten-WGs. Grundsätzlich nicht. Ich rufe sie aber an und frage, ob sie eine Ausnahme macht."

Sie war ablehnend, ich hörte aber, wie er im Nebenzimmer ins Handy laberte, ich erfülle absolut nicht das Klischee. Dreißig Minuten später stand sie mit uns vor der Wohnung. War recht hektisch, musterte mich, fragte, welches Fach ich studiere, fragte, was Marie studierte, und sagte: "Ja. Könnten wir so machen. Sie wirken auf mich nicht wie eine Chaotin, die mir hier alles zerlegt und für Beschwerden unter den ganzen Nachbarn sorgt, weil hier eine Party nach der anderen gefeiert wird. Ich habe aber auch kein Problem, eine Rollstuhlfahrerin rauszuklagen, wenn das nicht funktioniert, wir haben in der Familie selbst jemanden mit einer Behinderung. Ich habe da also keine Berührungsängste."

Eine Woche wollte er mir die Wohnung reservieren. Ich war gerade zurück in Hamburg, und bevor ich mich versah, saßen am Donnerstag Marie mit ihren Eltern und ich im Zug und donnerten in Richtung Süden, um die Wohnung erneut zu sehen. Der Makler hatte noch einmal Zeit, selbst die Eigentümerin kam noch einmal vorbei, um nun auch noch Marie zu mustern. Marie war absolut begeistert, Maries Mutter fand sie super, Maries Papa meinte: Zuschlagen. Maries Eltern luden uns zum Essen ein, Maries Papa meinte, ich sollte noch in Hamburg den Antrag auf Namensänderung stellen und mich mit erstem Wohnsitz bei ihm zu Hause melden und diese Adresse vom Landeskriminalamt abdecken lassen. Alternativ könnte Marie auch die Wohnung auf ihren Namen anmieten, er würde insoweit für sie finanziell bürgen, dann tauche ich nicht in irgendwelchen Dokumenten auf.

Am Donnerstagabend sind Maries Eltern mit Marie wieder nach Hamburg zurück gefahren. Ich schlafe über das Osterwochenende bei Freunden außerhalb Hamburgs. Am Dienstagmorgen treffen Marie, Maries Papa und ich uns höchstwahrscheinlich noch einmal mit dem Makler. Bis dahin müssen wir entscheiden, was wir tun. Anschließend fahre ich zurück nach Hamburg - vermutlich, um mit dem Umzug zu beginnen. Aber noch ist nichts unterschrieben. Ich bin noch immer völlig aufgewühlt und muss erstmal alles ordnen.

Samstag, 12. April 2014

Fremde Luft

Es gibt im Leben Situationen, in denen werden wichtige Entscheidungen getroffen, ohne dass Betroffene nach ihren Wünschen gefragt werden. Mein Unfall vor knapp sechs Jahren war so eine wichtige Entscheidung, zu der ich vorher keine Wünsche äußern konnte. Ich habe diese Entscheidung inzwischen akzeptiert und mache mir keine Gedanken mehr darüber, ob und wie ich sie rückgängig machen möchte und könnte.

Ich lege heute sehr großen Wert darauf, mein Leben selbst zu gestalten. Autonomie ist mir sehr, sehr wichtig.

Es wäre sicherlich falsch, anzunehmen, dass ich mit stärkerer Selbstbestimmung meinen Unfall verhindert hätte. Autonomie kann nicht vor Unfall, Unglück, Krankheit oder anderen Dingen, die sich niemand wünscht, schützen. Ferner lassen sich auch mit einem noch so selbst bestimmten Leben keine bereits bestehenden (körperlichen) Einschränkungen ausgleichen. Dem Irrglauben, dass das funktionieren könnte, sitzen gerade einige Sportkolleginnen und Sportkollegen auf, die Autonomie mit Unzuverlässigkeit, Egoismus und Illoyalität verwechseln und sich damit gerade zunehmend selbst isolieren.

Meine Mutter fühlt sich derzeit von ihren Nachbarn bedroht. Menschen in der Wohnung nebenan bestrahlen sie mit Mikrowellen, vergewaltigen sie permanent. Niemand hilft ihr, niemand beschützt sie. Dabei sind die Spuren, wie beispielsweise ein Sonnenbrand im Gesicht, offensichtlich. Dass der vermutlich eher von einem strahlenden Himmelskörper als von einer strahlenden Mikrowelle der Nachbarn ausgelöst wurde, beweist einmal mehr, dass derzeit alle gegen sie sind. Auch die eigene Tochter, denn die hält sich nach wie vor auf Distanz.

Sie unternimmt alles mögliche, um mit mir in Kontakt zu kommen. Das Sperren meiner Kreditkarten hat zwar nervige Folgen, aber die Bank hat sich entschuldigt, mir ein neues Kartendoppel per Kurier nach Hause geschickt und mich zum Essen eingeladen. Damit ist das (soweit es die Bank betrifft) für mich auch erledigt. Ich kann diese Entschuldigung annehmen. Nachdem ich mit meiner Mutter darüber aber nicht ins Gespräch kommen möchte, weder für eine Erklärung, für eine Aussprache, noch für eine Entschuldigung, triggert sie immer weiter.

Seit Tagen sitzt sie fast permanent vor meiner Haustür. Teilweise legt sie sich sogar quer vor unsere Hauseingangstür. Es ist einfach nur schrecklich und ich fühle mich total hilflos. Sie hat kein Geld, sie ist wegen ihres psychischen Gesundheitszustandes angeblich nicht haftfähig, eine Aufnahme in eine psychiatrische Klinik lehnt sie ab und zwangsweise geht das nur bei akuter Eigen- oder Fremdgefährdung. Dafür reicht aber nicht aus, ein bißchen vor einer Haustür rumzuliegen - zumindest reicht es nicht für länger als eine Nacht. Am Morgen, nachdem der sozialpsychiatrische Dienst sie hat einweisen lassen, war sie wieder da. Offiziell entlassen. Auch die Betreuerin kann oder möchte nicht viel machen. Jeder Mensch habe einen Anspruch auf Freiheit, auch der psychisch kranke. Sie war lange Zeit in der Psychiatrie, man habe alles für sie getan, was getan werden könne. Nur weil sie nervt, könne man sie nicht wegsperren.

Vielleicht muss ich lernen, die Autonomie, die ich für mich einfordere, auch meiner Mutter zuzugestehen.

Sofie hat lange mit ihr gesprochen, ohne an ihrem Verhalten irgendwas beeinflussen zu können. Sofie sagt, meine Mutter sei schwer krank und gehöre eigentlich in eine Klinik. Maries Mutter hat sie auch vor meiner Haustür besucht, ihr hat sie nach drei Minuten in die Hand gebissen und sie an den Haaren gezogen. Da Maries Mutter Kampfsport macht, war das -zum Glück- ein ungleicher und daher sehr kurzer Kampf. Meine Mutter erzählte anschließend der Polizei, sie hätte eine Graffitti-Sprayerin in die Flucht geschlagen, die ihr den Ehemann ausspannen (!) und außerdem die Mauersteine, auf denen sie gerade sitzt, mit giftigen Substanzen auflösen wollte. Die Polizei hat sie nach Hause gefahren, nach zwei Stunden saß sie mit einer Thermoskanne auf der Bank gegenüber.

Sie ist auch bereits mehrmals auf dem Unigelände aufgetaucht, nur hat sie dort bisher noch kein Theater gemacht. Außer dass sie eine Mitarbeiterin in der Verwaltung permanent anruft und ihr auf den Keks geht. Ich habe noch immer keinen Praktikumsplatz. Ich weiß auch nicht, wo ich mich bewerben soll, denn sie wird mich auch dort finden und dann möglicherweise da auf Station oder in der Ambulanz oder wo auch immer man mich einsetzen wird, auftauchen. Das geht nicht. Auch beim Sport brauche ich mich im Moment nicht blicken lassen, denn auch dort taucht sie auf. Ich bin mir manchmal, ehrlich gesagt, nicht sicher, ob sie diesen Unsinn, Nachbarn würden sie bestrahlen, wirklich glaubt, oder ob das nur vorgespielt ist, um nicht bestraft werden zu können. Ich bin kein Psychiater, aber ich finde es auffallend, welchen Stuss sie einerseits erzählt; andererseits überzeugt sie Menschen davon, Kreditkarten zu sperren und findet sich überall in Hamburg zurecht und kann sich genau merken, wann sie mich wo treffen könnte. Lange genug war sie ja in der Klinik, um sich abzugucken, wie andere Leute mit anderen Krankheiten so drauf sind...

Maries Mutter setzt sich derzeit mit meinem Einverständnis oder vielmehr auf meine Bitte dafür ein, dass ich die Uni wechseln kann. Alle, die im Moment berechtigterweise in meiner Nähe sind, finden die Idee recht gut, für zwei oder drei Semester etwas weiter weg zu studieren. Ob das klappen kann, klärt sich am Montag. Und Marie, lieb wie sie ist, sagt: "Wenn das klappen sollte, komme ich zum nächsten Semester nach. Dann bist du da nicht ganz alleine und jede Medizinstudentin sollte auch mal für ein paar Semester fremde Luft schnuppern."

Mittwoch, 9. April 2014

Tanken und anderer Wahnsinn

Da steht man an der Tankstelle, hat knapp 60 Liter Diesel frisch gezapft, möchte bezahlen, gibt dem Verkäufer durch den Nachtschalter die Karte - und wird nach drinnen gebeten. "Das ist ein wenig blöde mit dem Rollstuhl, kommen Sie doch bitte rein."

Das war ja noch nie da. Bevor ich diskutiere, rolle ich zur Tür. Er kommt von innen zur Tür, öffnet sie, lässt mich rein. Die Tür schließt sich hinter mir, ein deutliches vernehmbares "Klack" lässt mich realisieren, dass ich ohne seine Hilfe hier nicht wieder raus komme. Der Verkaufsraum ist recht groß, bis auf den Nachtschalter spärlich beleuchtet. Irgendwie wird mir gerade etwas mulmig. "Ich würde Sie bitten, mit mir hier kurz auf die Polizei zu warten." - "Was?!" - "Ja, erkläre ich Ihnen gleich."

"Nee, das erklären Sie mir jetzt. Sie halten mich nicht ohne Grund fest." - "Bleiben Sie mal ganz ruhig. Ich rufe jetzt die Polizei und dann sehen wir weiter." - "Warum wollen Sie die Polizei rufen? Was habe ich falsch gemacht?" - "Die Karte, die Sie mir eben gegeben haben, ist gestohlen und zum Einzug vorgesehen. Ich habe keine Wahl und muss die Polizei rufen." - "Das ist meine Karte. Hier ist mein Personalausweis, vergleichen Sie das."

Immerhin lässt er mit sich verhandeln. Er nimmt meinen Ausweis. - "Haben Sie die Karte als gestohlen gemeldet?" - "Nein." - "Das ist mir alles nicht geheuer, woher soll ich wissen, dass Sie nicht die Karte als gestohlen gemeldet haben, um später behaupten zu können, Sie hätten damit nicht bezahlt?" - "Weil ich das nicht nötig habe?! Ich tanke hier regelmäßig, meine Bilder sind auf der Videoüberwachung, ich fahre im Rollstuhl, bin also auffällig und leicht wiedererkennbar. Da drehe ich doch nicht so ein Ding." - "Haben Sie genug Geld dabei, um das bar zu bezahlen?" - "Ich muss schauen, vielleicht. Ja, habe ich." - "Noch verdächtiger. Warum zahlen Sie dann mit Karte?" - "Das ist doch meine freie Entscheidung." - "Es ist merkwürdig." - "Wie Sie meinen." - "Ich rufe jetzt die Polizei. Dann sehen wir weiter. Wenn Sie nichts angestellt haben, haben Sie ja auch nichts zu befürchten."


Super. Irgendwann werde ich Mitglied in dem Verein. Keine drei Minuten später fährt ein Streifenwagen auf das Tankstellengelände. Zum Glück ohne Lalülala. Ich bin erstaunlich ruhig und denke: 'Hier steht die Verbrecherin, kommen Sie ruhig näher. Am besten nehmen Sie mich heute Nacht mit in die Zelle, weil die Bank erst morgen früh erklären kann, warum sie meine Karte sperrt.'

Sozialfälle sind bei der Polizei Frauensache. "Mach du das mal", sagt der männliche Polizist zu seiner Kollegin vor der Glastür. Deutlich hörbar. Der Verkäufer öffnet die Tür, die beiden treten ein. Der Mann bleibt an der Tür stehen, die Frau fragt, was denn los sei. Der Mitarbeiter holt meine Karte und den Bon. Auf dem steht: "Karte gestohlen, sofort einziehen." - Er sei verpflichtet, dann die Polizei zu rufen, das stehe in seinen Dienstanweisungen. Die Polizistin fragt mich: "Darf ich dann erstmal Ihren Ausweis sehen?"

"Den hat er schon", antworte ich und deute auf den Verkäufer. Sie guckt sich das alles an und sagt: "So, der Name stimmt ja überein, warum zahlen Sie mit einer als gestohlen gemeldeten Kreditkarte? Bevor Sie was sagen: Da steht ja nun möglicherweise eine Straftat im Raum, denn wenn Sie die Karte als gestohlen gemeldet haben und hinterher damit bezahlen, könnten Sie in der Absicht gehandelt haben, die Kreditkartengesellschaft zu betrügen. Sie müssen sich vor der Polizei also zu der Sache nicht äußern, wenn Sie das nicht möchten." - "Ich habe die Karte nicht als gestohlen gemeldet." - "Das ist alles, was Sie dazu zu sagen haben?"

Ich zucke mit den Schultern und nicke. Die Polizistin sagt: "Das überzeugt mich nicht. Wissen Sie, wie viele Leute sowas machen und sich dabei sehr schlau vorkommen?" - "Nein, das weiß ich nicht. Ich habe sowas nicht gemacht, komme auch nicht auf solche Ideen und komme mir auch gerade ziemlich blöd vor. Ich denke, dass sich das bei einem Gespräch mit der Bank aufklären wird." - "Mein Kollege prüft gerade mal ab, ob Sie schon öfter mit solcher Sache aufgefallen sind." - "Dann hätte ich bestimmt noch eine auf meinen Namen ausgestellte Kreditkarte." - "Sie geben es also zu?" - "Was gebe ich zu?" - "Dass Sie es heute zum ersten Mal gemacht haben?" - "Verdrehen Sie mir bitte nicht das Wort im Mund." - "Werden Sie bitte nicht frech. Was machen Sie beruflich?" - "Ich bin Studentin." - "Studentin? Also knapp bei Kasse, oder? Und dann für 80 Euro tanken, das ist schon viel Geld." - "Sie fragen mir etwas zu einseitig. Sie belasten mich. Dass die Bank eventuell einen Fehler gemacht haben könnte, ziehen Sie gar nicht in Betracht." - "Es gibt sowas wie eine kriminalistische Erfahrung. Die Wahrscheinlichkeit sagt mir, dass es unwahrscheinlich ist, dass die Bank sich irrt. Und Sie verhalten sich einfach verdächtig. Ist das Ihre Geldbörse da auf dem Schoß? Darf ich mal bitte?"

Bevor ich was sagen kann, greift die Polizistin zu und durchsucht mein Portmonee. In Ordnung finde ich das nicht, aber finden wird sie auch nichts. "Ah, noch mehr Kreditkarten. Wollen wir mal ausprobieren, ob die auch gesperrt sind?" - "Nö", antworte ich. Ich glaube auch nicht, dass ich das muss. Ich weiß auch nicht, was daran nun verdächtig oder unverdächtig sein soll, das ist ein Kartendoppel meiner Hausbank und zu einem Kartendoppel gehören, wie der Name schon sagt, immer zwei Karten. Nachdem die Abfrage über Funk nichts gebracht hat und in meinem Portmonee weder Rauschgift noch andere verbotene Dinge sind, fragt die Polizistin, ob ich damit einverstanden bin, dass sie die anderen Karten sicherstellt. Ich sage, dass ich nicht damit einverstanden bin. "Sie wissen aber, was passiert, wenn Sie heute Nacht noch woanders mit einer weiteren als gestohlen gemeldeten Karte zahlen, ja?" - Den blöden Spruch, dass ja nun der Tank voll ist, spare ich mir natürlich. Ich darf nach einer umfangreichen Belehrung nach Hause.

Frank meinte zu Hause gleich: "Das darf doch nicht wahr sein. Dich kann man nirgendwo alleine hin lassen." - "Na vielen Dank." - "War die Karte abgelaufen am 31.03.?" - "Nein, die war noch über drei Jahre gültig." - "Und wer hat die jetzt?" - "Die Polizei."

Am nächsten Morgen rief ich nicht an, sondern fuhr gleich persönlich zu meiner Bank. Auf die Ausrede war ich nun wirklich gespannt. Wenn die Nummer vielleicht abgefischt worden war und man die Karte sperrt - aber dann gleich als gestohlen "zur Fahndung" ausschreiben? Man bräuchte mich ja einfach nur anrufen. Die Filiale wurde geöffnet, ich rollte rein. Am Empfang bat ich darum, mit meiner Beraterin sprechen zu dürfen. Die sei heute nicht im Hause. Ich erzählte kurz, in Hörweite stand eine Frau mit einem Becher Tee in der Hand, es war die Chefin der Filiale, sie bat mich in ihr Büro.

Sie sagte, sie habe gestern einen Anruf bekommen, dass mir meine Handtasche mit allen Karten, Handy, Schlüssel geraubt worden sein soll. "Eine aufgeregte Frau war am Telefon. Sie war von der Zentrale durchgestellt worden. Sie konnte mir Geburtstag, Geburtsort und die aktuelle Anschrift nennen. Ich habe nach dem Gespräch auf dem Handy zurückgerufen unter der bei uns gespeicherten Nummer, dort ging niemand dran. Ja, es kam mir komisch vor, weil ich auch nach dem ungefähren Kontostand gefragt habe, einfach zur Plausibilitätskontrolle, und diejenige so aufgeregt war, dass sie gar keine Antwort wusste. Sie wusste auch keine Karten- oder Kontonummer. Sie könne sich Zahlen schlecht merken. Aber es war eine aufgeregte Frau, sie wollte keine Auskünfte, sie wollte nur verhindert wissen, dass die Leute, die die Handtasche gestohlen hätten, jetzt mit den Karten zahlen könnten. Da habe ich abgewogen und mich entschieden, die Karten sicherheitshalber zu sperren. Wäre der Anruf echt gewesen und ich hätte nicht gehandelt, wäre es auch verkehrt gewesen. Ich musste mich entscheiden und habe mich nun offenbar falsch entschieden - will Sie jemand ärgern? Wer macht sowas? Haben Sie eine Idee?"

Ja, die hatte ich. Die Idee. Dass das jemand war, der mich über meinen Blog kennt, hielt ich für eher unwahrscheinlich. Aber über meine Mutter musste ich mir mal wieder Gedanken machen. Ich war kaum aus der Bank raus, da rief mich eine Mitarbeiterin meines Sportvereins an. Man habe gestern einen Anruf bekommen, bei dem eine Frau sich als Mitarbeiterin eines Sportverbandes ausgab und meinen Namen im Zusammenhang mit einer falschen Adresse nannte. "Wir konnten Frau ... unter dieser Anschrift nicht erreichen, die Post ist wieder zurück gekommen." - Selbstverständlich habe man keine "aktuelle" Anschrift rausgegeben, sondern um eine Anfrage per Mail gebeten. Nicht zuletzt, weil ein entsprechender Hinweis im System hinterlegt sei.

Keine Frage, bei irgendeinem solcher Anrufe muss sie meine Anschrift herausbekommen haben, denn die Bankberaterin sagte ja, dass sie die korrekte Anschrift in dem Gespräch genannt hat. Und es wundert damit auch niemanden mehr, dass sie ab 14 Uhr bei mir vor der Tür stand. Nicht reingelassen wurde, draußen Terror machte. Sofie rollte nach unten, versuchte, mit ihr zu reden. Nichts zu machen. Es gibt noch immer einen Gerichtsbeschluss, der ihr die Kontaktaufnahme verbietet. Frank rief die Polizei, die Polizei brachte sie nach Hause, zwei Stunden später stand sie wieder unten und machte Terror. Fünf fettige Pizzen hatte ich auch an der Haustür. Vermutlich kommen als nächtes ein paar Katalogartikel. Marie hat mir bereits angeboten, ein paar Tage bei ihr zu schlafen. Bisher war das noch nicht nötig. Aber man weiß ja nicht, was hier noch so alles passiert. Nein, es wird nie langweilig. Und es passiert noch was, das ist so sicher wie der Gestank meiner Socke.

Samstag, 5. April 2014

Leben in Hamburg

Nein, es sind nicht meine Stinkesocken, die eine Seite des aktuellen Magazins der Aktion Mensch (erscheint quartalsweise) schmücken. Mit diesem Grauschleier würde ich mich nicht fotografieren lassen. Auch nicht meine Socken. Und schon gar nicht für ein öffentliches Magazin. Aber der Kompromiss musste sein, denn meine Fratze sollte da erst recht nicht zu sehen sein. Dann spricht mich nämlich künftig wirklich jeder in Hamburg an. Und meine Socken wollten sie nicht...

Nun, es hat ein wenig gedauert mit der Veröffentlichung. Ein halbes Jahr, um genau zu sein. Und leider war viel zu wenig Platz, so dass etliches weggefallen ist. Aber jetzt ist er endlich da: Stinkesockes offizieller Hamburg-Touri-Führer. Yeah! Fünf Tipps für einen Tag in Hamburg. Mit Rolli...

Achso, und Sportlerinnen stehen früh auf, nä?!

Bis ich ein gedrucktes Exemplar in den Händen halte, kann ich nur auf die Online-Version des Artikels verlinken. Aber die kann man sich sogar vorlesen lassen. Klickst du hier!

Durch die Tür

Ich brauche für die zwei Wochen nach Ostern einen Praktikumsplatz in einer Klinik. Während die meisten Kommilitonen schon alles unter Dach und Fach haben, bin ich noch immer auf der Suche. Bei uns auf dem Gelände ist nichts mehr frei, aber es gibt genügend so genannte "akademische Lehrkrankenhäuser" in Hamburg, die ebenfalls für so ein Praktikum zugelassen sind.

Nun kam ich gestern mittag im Personalbüro eines solchen akademischen Lehrkrankenhauses an. Mit Termin, nach einer entsprechenden Bewerbung. Ich wurde von einer Sekretärin in ein leeres Büro geführt, ein Mitarbeiter wolle sich gleich mit mir unterhalten.

Nach etwa 10 Minuten kam dieser rein. Geschätzt um die 40 Jahre, Polohemd, Wildlederschuhe. Sein erster Kommentar, noch vor einer Begrüßung: "Wie ist denn der Rollstuhl hier reingekommen?"

Ich überlegte nicht lange. Vorstellungsgespräche sollen Bewerber mitunter provozieren. Falls die Frage ernst gemeint war, war ich ohnehin im falschen Film. Also antwortete ich frech: "Durch die Tür!"

Der Mitarbeiter schien das tatsächlich ernst gemeint zu haben. Er stammelte: "Durch ... die ... achso, ja. Durch die Tür?"

Ich holte weiter aus. Nickend: "Durch die Tür." Und kopfschüttelnd: "Nicht durchs Fenster. Auch nicht durch den Schornstein."

Seine Antwort: "Ähm. Ja. Ich weiß gar nicht ... also." - "Ja?" - "Was ist denn..."

Das konnte nicht ernst gemeint sein. Ich lief zur Höchstform auf: "Was ist eine Tür? Also, eine Tür ist ein optimalerweise vom Tischler aus Holz gefertigtes Objekt, das temporär diejenigen Löcher verschließt, die die Maurer in den Wänden lassen. In erster Linie zwecks Zugangskontrolle."

Er stammelte weiter: "Zugangskontrolle. Ja natürlich. Ich ... ähm ... bin nur gerade etwas perplex, denn in Ihrer Bewerbung stand nicht ... also das mit dem Rollstuhl! Ich meine, das hat man ja nicht alle Tage, dass man mit sowas konfrontiert wird. Also dass ... die meisten Rollstühle sind ja alt."

Verwendete er tatsächlich die Wörter "sowas" und "Rollstuhl" für den Menschen, der ihn benutzte?! Das Gespräch war sowieso gelaufen. Ich sagte dümmlich: "Meiner ist noch gar nicht soooo alt jetzt. Ich finde, er sieht auch noch ganz passabel aus, oder?"

Er musterte mich, dann sagte er: "So meine ich das nicht. Ich meine, dass es ja eher unüblich ist, dass jemand in jungen Jahren im Rollstuhl fährt. Es sei denn, er ist krank, aber dann hat man ihn auf Station."

Oder im Heim, dachte ich mir leise. Hauptsache, 'man hat ihn'. Ich antwortete: "Naja, ob jemand im Rollstuhl durch die Gegend fährt, hängt ja primär von seiner Gehfähigkeit ab."

Er hatte sich halbwegs wieder gefangen und sagte: "Ich sehe, Sie werden mal eine gute Ärztin. Sie wollen bei uns Praktikum machen, ja?"

Ich antwortete: "Nein."

Nun war es endgültig vorbei. "Nein? Aber das hatten Sie mir doch geschrieben!? Oder verwechsel ich Sie jetzt? Weswegen sind Sie heute hier? Helfen Sie mir bitte auf die Sprünge!"

Ich drehte mich bereits in Richtung des mit einer beweglichen Holzplatte verschlossenen Lochs in der Wand und sagte: "Ich hab es mir gerade anders überlegt. Mir gefällt der Umgang Ihres Hauses mit behinderten Menschen nicht. Ich glaube, dass das, was ich im Praktikum hier lernen würde, nicht gut für mich ist. Ich versuche es daher woanders und wünsche Ihnen noch einen schönen Tag."

"Oh warten Sie, ich öffne Ihnen die Tür!" - Jetzt wusste er ja, was eine Tür ist. Und wie ein Rollstuhl ins Haus kommt. Oder es verlässt. Schade, dass der Weg zu weit war, um die Geschichte lustig zu finden. Und schade, dass ich mich manchmal nicht mehr zurückhalten kann. Wahrscheinlich war mein Verhalten nicht klug. Hätte ich die Klappe gehalten, hätte ich vermutlich den Praktikumsplatz bekommen. Aber andererseits geht es mir so sehr viel besser. Eine neue Chance ergibt sich am Dienstag. Zwei Eisen habe ich noch im Feuer.

Freitag, 4. April 2014

Nochmal Wüste

Es gibt zur Zeit bei mir nur zwei Themen, und trotzdem wird es nicht langweilig. Mir zumindest nicht.

Gerade kam ich völlig dehydriert zurück aus der deutschen Servicewüste, da muss ich schon wieder hinein. Oder vielleicht war ich auch nie wirklich draußen?

Erwarte ich eigentlich zu viel, wenn ich erwarte, dass ein Autohaus mich bezüglich meiner Bestellung eines Neuwagens auf dem Stand der Dinge hält? Ende Januar sollte das Auto fertig umgebaut bei denen auf dem Hof stehen, inzwischen haben wir April und das Ding ist noch nicht mal in der werkseigenen so genannten "After-Sales-Werkstatt", in der der behindertengerechte Umbau des Fahrzeuges vorgenommen wird. Beziehungsweise ich wusste erstmal nicht, ob es da vielleicht schon steht, denn mein Autohaus redet im Moment nicht mehr mit mir. Ja, krasse Worte. So empfinde ich es aber.

Am letzten Freitag, also vor einer Woche, wollte man sich wieder bei mir melden und mir einen aktuellen Stand durchgeben. Das habe ich meinem Verkäufer abgerungen. Also dass er mich anruft und nicht ich es bin, die den ganzen Tag vergeblich versucht, ihn mal ans Telefon zu bekommen. Irgendwie war klar, dass dabei nichts rauskommt, und nach einer Woche des Wartens war ich es denn mal wieder, die zum Hörer gegriffen hat. "Ja, der Kollege ist krank und leider kann niemand anderes in die Unterlagen schauen."

Leute, für wie blöd haltet ihr mich eigentlich? Was macht ihr denn, wenn einer Eurer Verkäufer vom Blitz getroffen wird? Ich komme mir vor wie in der Eiszeit, wo alle Ehen geschieden sind, sobald das Standesamt schmilzt! Klar, ich bin eine Kundin mit Sonderwünschen. Die auch noch so viel Rabatt vom Hersteller versprochen bekommt, dass das Autohaus an mir kaum noch was verdient. Aber was kann ich denn dafür? Und sonst gebt mir wenigstens meine Bestellnummer, damit ich selbst dort anrufen und nachfragen kann. "Das sind interne Daten, die nicht ohne Grund geheim gehalten werden. Schließlich wünschen wir keine Sonderabsprachen des Kunden mit dem Werk, für die wir am Ende haften müssen."

Als ich Frank das erzählte, tippte er sich an die Stirn. Frank ist ohnehin schon genervt, denn er ärgert sich derzeit mit demselben Autohaus herum. Wegen Sofies Touran, den ich hin und wieder mitnutzen kann. Zum Glück. Besagter Touran war wegen eines Garantiemangels in der Werkstatt. Der Beifahrersitz ließ sich nicht mehr umklappen, das Verladen des Rollstuhls war damit erheblich erschwert. Das Problem war ein ausgehakter Seilzug, der aber schon zum vierten Mal ausgehakt war. Mit entsprechender Welle hatte man sich schlussendlich bereit erklärt, das komplette Sitzgestell auszutauschen. Frank hatte darum gebeten, dass das dann vor Ort ist, damit das Auto nicht endlos in der Werkstatt steht.

Ende vom Lied: Das Auto stand vier Tage in der Werkstatt, weil man nach Ausbau des Beifahrersitzes festgestellt hatte, dass das Ersatzteil ja doch noch gar nicht da ist. Und das war dann zwar am nächsten Mittag in Hamburg, jedoch brauchte es noch drei weitere Tage, bis alles wieder zusammengebaut war. Und dabei hat man dann auch noch zwei tiefe Schrammen ins Armaturenbrett gemacht. Sofies Glück war es, dass sie die sofort gesehen hatte, bevor sie das erste Mal wieder ins Auto stieg. Ihr kam es komisch vor, dass der Kundendienst-Mitarbeiter ihr nur am Tisch den Schlüssel aushändigte. Nach dem Motto: "Und tschüss." - Eigentlich begleitet man den Kunden ja einmal zum Auto und zeigt, was man getan hat und dass alles wieder funktioniert.

"Das kommt von Ihrem Rollstuhl, den Sie dorthin immer verladen." - "Ich war ja gar nicht wieder im Auto. Außerdem verlade ich den Stuhl von links nach rechts. Die Schrammen sind aber in einem Bereich, an den der Rollstuhl nur dann kommen könnte, wenn man ihn durch die offene Beifahrertür einlädt. Und dann wäre da auch nichts derart Scharfkantiges. Zudem hängen da noch frische Späne dran." - Und während Sofie auf Frank wartete, wollte man ihr noch erklären, dass das alles nicht am defekten Sitzgestell lag, sondern daran, dass jemand das Sitzgestell gefettet hatte. Was nicht vorgesehen sei. Somit wäre das eigentlich keine Gewährleistung, aber man sei ja kulant. Als wenn irgendwer von uns auch nur ansatzweise wüsste, wo er was fetten könnte, ohne dass das sich an den Polstern abreibt oder ähnliches. Das wird die Werkstatt selbst bei einer der vorherigen Werkstattbesuche gemacht haben.

Lange Rede, kurzer Sinn: Ich habe Frank zwei Mal belächelt, als er mir ein Schreiben aufgesetzt hat, mit dem ich dem Autohaus schriftlich eine Nachfrist für die Bestellung gesetzt habe. Jurist halt. Inzwischen könnte ich ihn knutschen. Er nahm die Stinkesocke an die Hand und rollte mit ihr zu einem anderen Autohaus, das uns Maries Vater empfohlen hatte. Ein kleiner Familienbetrieb. Nicht 30, sondern nur vier Neuwagen im Verkaufsraum. Wir hatten einen Termin beim Junior-Chef. Und der hatte Zeit! In Wirklichkeit bestimmt nicht, aber er hat sich die Zeit genommen, die wir brauchten. Und er hatte ein ernsthaftes Interesse. "Ich hatte zwar erst einen Kunden, der einen Umbau ab Werk hatte, der ältere Herr hatte rechts eine Prothese und hat mit links Gas gegeben, also wurde das Gaspedal im Fußraum verlegt. Aber die Telefonnummern habe ich genauso wie der Mitbewerber, und ich rufe da jetzt mal den Leiter dieser Werkstatt an."

Sprach es aus und hatte innerhalb von fünf Minuten auch ohne die Auftragsnummer alle nötigen Infos. Das Auto wird in der kommenden Woche gebaut und ist danach etwa zwei Wochen in dieser After-Sales-Werkstatt. Das ist bereits disponiert, der Termin steht. Anschließend dauert es noch etwa eine Woche, bis das Auto nach Hamburg überführt ist. Und, was ich nie für möglich gehalten hätte, er griff gleich noch einmal zum Telefonhörer, rief den Chef des Autohauses an, mit dem ich die beiden Lieferverträge habe. "Die sitzen hier bei mir. Eure Kundin und ihr Anwalt. Sie stornieren die Bestellung, Fax geht heute abend raus, zwei Nachfristen sind verstrichen. Ich will mich da nicht einmischen, aber ich biete Euch an, dass ich die Kundin übernehme. Ihr seid sie los und mit ihr den ganzen Ärger, der sonst jetzt losgeht. Was wollt ihr mit einem umgebauten Vorführfahrzeug? Ich werde ihr klar machen, dass ich sie nur übernehme, wenn sie auf alle rechtlichen Schritte gegen Euch verzichtet."

Zehn Minuten später rief er zurück. Sie gehen darauf ein. Die Bestellung wird storniert und anschließend beim Werk so umgestellt, dass ein anderes Autohaus diese Bestellung bekommt. Darum will sich der Junior-Chef am Montag kümmern. Und die Bestellung von dem Bus kommen auch mit in die neuen Hände. Jetzt kann ich nur hoffen, dass der neue Weg besser ist und endlich mal alles klappt.