Montag, 22. Dezember 2014

Vier Mann, vier Ecken

Wenn jemand eine Reise tut, so kann er was erzählen. Das wusste schon Matthias Claudius, und der fuhr mit Sicherheit nicht im ICE. Ich dachte mir, im Laufe der Jahre würden sich die Dinge so langsam verändern, vielleicht sogar verbessern. Aber ich bin wohl zu ungeduldig.

Spontaner ist sie geworden, die Deutsche Bahn. Während ich früher oft die Auskunft erhielt, Rollstuhlfahrer dürften nicht mitfahren, wenn sie nicht mindestens 48 Stunden vor Abfahrt angemeldet seien, hat man inzwischen sogar ausnahmsweise die Möglichkeit, die örtlichen Mitarbeiter großer Bahnhöfe spontan anzurufen, um sie um Einstiegshilfe zu bitten. Ganz ohne telefonische Voranmeldung zu reisen, ist aber nach wie vor nicht empfehlenswert: Es ist noch gar nicht so lange her, als mir eine Mitarbeiterin der Deutschen Bahn sagte, ich müsse auf dem Bahnsteig stehen bleiben, weil ich nicht vorgemeldet sei. Sie nehme nur Reisende im Rollstuhl mit, wenn diese angemeldet wären. Vier junge Männer, die kurzfristig von ihren Sitzen aufsprangen und getreu dem Motto "Vier Mann, vier Ecken" die Stinkesocke über die Schwelle trugen, ließen die Dame mit der roten Mütze recht schattig darstehen.

Was aber auch passieren kann, und da erinnere ich mich an meine letzte Reise, dass ich mich ordnungsgemäß angemeldet habe, aber niemand am vereinbarten Treffpunkt erscheint. Nun muss man dazu sagen, dass sich als Treffpunkt nur selten "vor der Zugtür" vereinbaren lässt. Oft erwartet der Servicedienst der Deutschen Bahn, der Rollstuhlfahrer oder die Rollstuhlfahrerin möge sich zwanzig Minuten vor Abfahrt des Zuges an einem Service Point einfinden. Um ihm oder ihr dann dort zu sagen: "Sind Sie Frau Stinkesocke? Alles klar, dann treffen wir uns in zwanzig Minuten vor der Tür zu Wagen neun! Fahren Sie schonmal vor!" - In diesem Fall stand ich am Service Point, allerdings alleine. Nach zehn Minuten entschied ich mich, doch zum Zug zu fahren und die Aufsicht auf dem Bahnsteig anzusprechen. Kreisch: "Das müssen Sie anmelden!" - "Hab ich, ich komme gerade vom Service Point, da waren wir vor zehn Minuten verabredet, aber Ihr Kollege ist nicht erschienen!" - "Warum kommen Sie denn erst jetzt? Wie soll ich in den verbleibenden zehn Minuten einen Kollegen finden, der die Rampe bedienen kann?"

Schlurfenden Ganges kam der Herr für die Rampe dann doch noch rechtzeitig. Er habe mich am Service Point gesucht, ich sei nicht dort gewesen. Ich setzte mein freundlichstes Lächeln auf. Übrigens kam der Zug zwanzig Minuten verspätet, da er verzögert bereit gestellt worden war. Und in umgekehrter Wagenreihenfolge. Was natürlich immer besonders lustig ist, da die mehrere Meter breite, fahrbare Rampe am halben Zug entlang durch die Ströme sich neu orientierender Reisender hindurch geschoben werden muss. Aber immerhin blieb das Gleis dasselbe, so dass mir hektische Wechsel auf andere Bahnsteige erspart blieben.

Im Zug ging das Chaos weiter: "Müssen Sie in den nächsten Stunden auf die Toilette? Denn die einzige Behindertentoilette ist gesperrt. Wir könnten Sie an der nächsten Station raussetzen, Sie warten dort eine Stunde auf den nächsten Zug - oder Sie müssen ein paar Stunden anhalten." - "Kann man da denn nur nicht spülen oder ist der Raum unbenutzbar?" - Ich wollte der Zugbegleiterin jetzt nicht erklären, wie Einmalkatheter mit Beutel funktionieren (grundsätzlich sollte jeder, der sich bei voller Blase kurzzeitig einen Katheter zur Blasenentleerung durch die Harnröhre schieben kann, entsprechendes Equipment bei jeder Bahnfahrt notfallmäßig im Rucksack haben), bekam aber dennoch gleich die passende Antwort: "Wenn Sie es genau wissen wollen: Jemand hat seine Wurst gleichmäßig über die Brille verteilt. Und ich mache das nicht weg." - Das war doch mal eine Ansage. Und das ausgerechnet auf dem Behindertenklo. "Das muss irgendein Behinderter gewesen sein", befand ich, ohne dabei eine Miene zu verziehen. Eine Rollstuhlfahrerin, die es sich bereits auf dem anderen der beiden vorgesehenen Plätze gemütlich gemacht hatte, konnte sich ein breites Grinsen nicht verkneifen. "Das habe ich mir auch schon gedacht", meinte sie. Die Zugbegleiterin schüttelte verstört den Kopf und schritt davon.

Am Ende bekam ich die Präsidenten-Suite zum Kathetern. Die Zugbegleiterin räumte ihr Büro, ich durfte mich auf ihren Stuhl setzen, Rollstuhl raus, Tür zu, Hose runter, Beine breit, Schlauch rein, Schlauch raus, Hose hoch - fertig. Jetzt nur auf ein intaktes Rücklaufventil hoffen und den Beutel draußen im Restmüll entsorgen. Und hoffen, dass er unter dem Gewicht des übrigen Mülls nicht platzt.

Die Verspätung baute sich auf insgesamt vierzig Minuten auf, da wir aufgrund der ersten Verspätung uns nun hinter einem langsam fahrenden Güterzug befanden. Gerade hatten wir den überholt, da musste jemand vom Rettungsdienst aus dem Zug geholt werden, wofür der Zug noch einmal außerplanmäßig an einem Wald- und Wiesenbahnsteig hielt. Einige Reisende nutzten diesen Aufenthalt als Rauchpause, sehr zum Ärgernis der Zugbegleiterin, denn die musste erstmal von Wagen 1 zu Wagen 11 laufen, um die Leute wieder in den Zug zu scheuchen. Das "Bitte steigen Sie ein, wir wollen weiterfahren!" über die Lautsprecheranlage reichte nicht.

Und muss ich noch erwähnen, dass an meinem Zielbahnhof die bestellte Ausstiegshilfe nicht bereit stand? Worauf der Zug beinahe mit mir weiter gefahren wäre, allerdings ist die Stinkesocke ja inzwischen so routiniert und dreist zugleich, dass sie sich mit ihrem Stuhl so in die offene Tür stellt, dass diese nicht mehr ohne Besuch der Zugbegleiterin zufällt. Man lernt eben dazu. "Vier Mann, vier Ecken" half auch hier. Was wäre ich bloß ohne die vielen starken und hilfsbereiten Männer, die regelmäßig Zug fahren?

Dienstag, 16. Dezember 2014

Amt und Sexualität

Ich bin kein Sex-Nerd. Ich habe noch nie in meinem Leben eine Prostituierte aufgesucht, auch keinen Callboy gecallt. Ich hatte eher unfreiwillig und zuletzt zum Glück eher wenig mit Menschen zu tun, für die Behinderung ein Fetisch ist. Ich bekleide kein öffentliches Amt. Aber eins habe ich mit einem städtischen Behindertenbeauftragten aus Rheinland-Pfalz dann doch noch gemeinsam: Ich schreibe öffentlich über (meine) Sexualität. Nicht allzu häufig, sondern eher hin und wieder, aber bei Bedarf auch ausführlich und im Detail.

Warum ich das tue, ist schnell beantwortet: Ich glaube, dass es Menschen interessiert. Und das erkenne ich nicht zuletzt an der viel zu häufig gestellten Frage von Freunden, Bekannten und Fremden, ob ich trotz oder mit meiner körperlichen Einschränkung ein halbwegs befriedigendes Sexualleben hätte. Ja, richtig gelesen, solche Fragen werden mir teilweise im Aufzug zwischen U-Bahn-Tunnel und Straßenebene von wildfremden Menschen gestellt. Und das nicht selten.

Kurzum: Es gibt Menschen, denen juckt niemals das Fell, wenn ihr Arm gerade über Wochen eingegipst ist. Aber wehe, wenn es doch mal juckt. Eine Kollegin hat mir erzählt: Lineale, Stifte und Schals bleiben regelmäßig in Gipsverbänden hängen. Manchen Menschen ist das peinlich, anderen weniger. Und genauso gibt es Menschen, die kaum sexuelle Bedürfnisse haben. Aber eben eine deutliche Mehrheit, die den Reproduktionstrieb regelmäßig befriedigt. Und sei es alleine. Manchen Menschen ist das peinlich, anderen weniger.

Fakt ist doch wohl, dass jeder Mensch entscheiden kann, ob er einen Beitrag über Sexualität lesen möchte. Zumindest ist das in meinem Blog so. Soll heißen: In diesem Beitrag geht es auch um Sexualität, wer es nicht lesen will, scrollt weiter zum Nächsten. Beitrag. Wenn ich über Sexualität schreibe, entsteht das, wie bereits erwähnt, meistens aus der Motivation heraus, andere Menschen an meinen Wünschen, Bedürfnissen, Gedanken und an meinem in meiner Situation erworbenen Kenntnis- und Erfahrungsschatz teilhaben zu lassen. Mit dem Wissen, dass Sexualität, und insbesondere jene von Menschen mit Beeinträchtigungen, über lange Zeit tabuisiert wurde. In der Hoffnung und dem Ziel, Ängste zu nehmen und Offenheit zu produzieren. Und in dem Glauben, dass Offenheit uns allen gut tut.

Ich kenne inzwischen viele Menschen mit Behinderungen, einige auch sehr eng, und mit vielen habe ich auch bereits über Sexualität gesprochen. Wenn mich jemand um einen zusammenfassenden Vergleich bittet, würde ich in den Raum stellen, dass die Sexualität von Menschen mit und ohne körperliche Beeinträchtigung sich jeweils nicht unterscheidet. Manchmal gibt es die eine oder andere Herausforderung bei der technischen Umsetzung. Und Menschen mit Behinderung habe ich häufig wesentlich offener und ehrlicher erlebt, was aber daran liegen kann, dass ich selbst sofort als Mensch mit Behinderung erkennbar bin und sich damit eine Berührungsangst reduziert.

Ich habe mir gerade vorgestellt, wie es wohl wäre, wenn mir aufgrund dieser meiner Einstellung zu und diesem meinem Umgang mit Sexualität nun Türen aktiv verschlossen werden würden. Wenn ich beispielsweise meinen späteren Beruf, ein öffentliches Amt nicht (mehr) ausüben dürfte. Oder wenn ich deshalb nicht mehr bloggen dürfte. Ich glaube, ich wäre schon sehr enttäuscht von unserer Gesellschaft. Weil ich eigentlich von ihr ein anderes Bild habe.

Dem eingangs erwähnten Behindertenbeauftragten einer rheinland-pfälzischen Stadt mit immerhin über 100.000 Einwohnern scheint es, Medienberichten zufolge, gerade so zu ergehen. Seine Wiederwahl wurde einfach von der Tagesordnung genommen, nachdem eine Partei zuvor noch "Beratungsbedarf" habe. Der jetzige Amtsinhaber habe diese Information erst während der entsprechenden Veranstaltung erhalten - und beraten werde nur in seiner Abwesenheit. Zum Beispiel sei sein Stellvertreter auf inoffiziellem Weg um eine Kandidatur gebeten worden. Dabei wurde der zu offene Umgang des Amtsinhabers mit dem Thema "Behinderung und Sexualität" als Grund für dieses Ansinnen genannt. Weil das nichts brachte, sollen nun die Behindertenverbände der Stadt angeschrieben werden, um andere Personen für das Amt vorzuschlagen.

Ich muss erwähnen, dass ich mit keiner der beiden "Parteien" (nicht im politischen Sinn) gesprochen habe, sondern meine Informationen ausschließlich aus verschiedenen Presseartikeln und Veröffentlichungen auf Webseiten von Politikern zusammengetragen habe. Kopfschüttelnd. Was mich maßlos stört, ist der undurchsichtige Weg, auf dem Leute in ein Amt kommen (oder aus einem Amt gedrängt werden), die, laut offizieller Webseite der Stadt, die Interessen der behinderten Einwohner der Stadt vertreten. Damit meine ich weniger, dass diese Person nicht direkt von allen betoffenen Bürgerinnen und Bürgern gewählt wird. Sondern vielmehr, dass offenbar die Ausübung eines Amtes selbst nur solange von gewählten Regierungsvertretern ertragen wird, wie sie in ihrem Sinne erfolgt.

Die Berichterstattung erweckt den Eindruck, als gebe es keine offizielle Möglichkeit, den sexuell aktiven Behindertenbeauftragten aus dem Amt zu heben. Wenn das so ist, dann bleibt wohl nur eins: Einfach weiterscrollen, wenn er wieder über Themen schreibt, die man selbst noch nicht ertragen kann. Oder einfach nicht lesen möchte. Das mache ich übrigens bei vielen parteipolitischen Texten auch so.

Sonntag, 14. Dezember 2014

Eine besondere Party

Unter einer "ruhigen Adventszeit" stelle ich mir eigentlich etwas anderes vor. Nämlich, dass es nicht in meinem Tagebuch sehr ruhig ist, weil ich vor lauter Terminen kaum noch zum Schreiben komme. Die Uni stresst mich zurzeit wirklich. Es vergeht aktuell kein Tag, an dem nicht irgendeine wichtige Arbeit abgeliefert, vorgetragen oder geschrieben wird. Alles ist sehr lernintensiv und vieles auch sehr tiefgründig. Bisher ist noch alles irgendwie gut gelaufen, aber ich sehne mir wirklich das Weihnachtsfest herbei, um mal wieder etwas durchschnaufen zu können.

Zoey musste so lange zum Glück nicht warten. Wir haben in der Nacht zu gestern unsere erste Übernachtung hinbekommen, hauptsächlich mit dem Ziel, dass sie lernen sollte, wie man alleine abführt. Ja lecker, aber nötig. Ihr Problem: Wegen ihrer Querschnittlähmung kann sie es bislang nicht alleine, bisher hat die Mutter den Enddarm im Liegen ausgeräumt, während Zoey fern gesehen hat. Das kann natürlich nicht ewig so weitergehen und vor allem muss das eigentlich nicht sein. Dass jemand manuell nachhelfen muss, sollte eher die Ausnahme sein. Sie hatte mir einen sehr langen Brief geschrieben, in dem es über mehrere Seiten darum ging, wie sehr sie diese Situation belastet, zumal die Sache an sich natürlich auch für ihre Mutter nicht angenehm ist, wobei diese aber, nach Zoeys Empfinden, zudem noch sehr dominant auftrete und sich kaum in die Situation der Tochter hinein versetzen könne. Mir persönlich wäre es insbesondere während der Pubertät schon zu viel, dass bei der Aktion überhaupt noch jemand anderes im Raum anwesend ist.

Was mir auffiel, war, dass Zoey in Anwesenheit ihrer Mutter meistens nur oberflächlich zuhörte und mit den Gedanken oft woanders zu sein schien. Das war, als wir uns unterhielten, überhaupt nicht der Fall. Im Gegenteil, es wirkte, als könne sie überhaupt nicht genügend Input bekommen. Ich vermute, dass sie einfach durch die ständige Übernahme ihrer Angelegenheiten durch die Mutter unterfordert war.

Sie sollte in meinem Bett schlafen, ich ging so lange zu Marie. Um 5.30 Uhr war der ausgemachte Termin, wobei mich wunderte, dass der zu Hause wohl selten eingehalten wurde. Und für einen gelähmten Darm ist es Gift, die Abführzeiten ständig zu wechseln. Wichtig war, dass sie bis 5.30 Uhr im Bett blieb und erst dann aufstand. Dann zum Klo, pinkeln, einen großen Becher warmen Tee trinken, wieder hinlegen, Zellstoff drunter, einige Stücke Küchenkrepp abreißen und bereit legen, Handschuhe an.

"Willkommen zur Kackparty", freute sich Zoey und wirkte irgendwie gar nicht distanziert sondern fröhlich. Ich bat sie, sich auf die linke Seite zu legen, aus anatomischen Gründen, und erfuhr, dass die Mutter das zu Hause immer machte, indem Zoey auf der rechten Seite lag. "Andersrum geht das nicht, das Bett steht an der Wand." - Das ist ungefähr so hinderlich, als würde man einem Kind zum Sprechenlernen eine Kartoffel in den Mund stecken. Das linke Bein anzuwinkeln macht auch Sinn. Ich führte ihre Hände, sowohl die linke als auch die rechte nacheinander in die richtigen Positionen. "Nicht wehtun", war der einzige Moment, in dem ich neu um Vertrauen werben musste. "Zoey, du wirst das gleich alles selbst machen, ich lege deine Hände nur an die richtigen Stellen."

Zunächst musste der Enddarm so weit ausgeräumt werden, dass Platz für ein Mikro-Klistier war. Das klappte auf Anhieb, wenngleich Zoey sehr zögerlich und übervorsichtig war, fast schon zittrig. Marie saß vor Zoeys Kopf in ihrem Rollstuhl. Auf Zoeys ausdrücklichen Wunsch sollte sie mit dabei sein, als seelische Unterstützung. Sie guckte sich die Kliestierverpackung an und sagte: "Da solltest du, wenn alles funktioniert, mal probieren, ob nicht ein weniger heftiges es auch tut."

Sie machte auf Anhieb alles richtig. Nun galt es abzuwarten, bis die Wirkung vorbei war. "Ich merke das immer an meinem Herzschlag. Sobald der wieder ruhiger wird, kann es losgehen." - Nach zwanzig Minuten ging das schon von alleine los. Zoeys Kommentar: "Scheiß die Wand an, wieso explodiert das denn fast? Das ist ja geil. Macht meine Mutter da immer nur die Hälfte rein oder was?" - Ich antwortete, konnte mich vor Lachen kaum senkrecht halten: "Erstens der heiße Tee, zweitens liegst du auf der linken Seite. Und drittens kannst du froh sein, dass hier keine Wand ist. Das hätte durchaus Potential gehabt. Du solltest also wirklich sehen, dass du das nicht mehr im Liegen, sondern auf dem Klo machst, und dann demnächst auch mal ein schwächeres Mittel nehmen. Vielleicht reicht ein pflanzliches. Aber erstmal musst du jetzt lernen, wie du deinen Enddarm leer bekommst, wenn es auf dem Klo nicht funktionieren sollte. Erstmal wartest du, was von alleine passiert. Und zum Schluss machst du das weiter, was du vorhin schon angefangen hast. Bis nichts mehr kommt."

"Das ist ja easy", befand Zoey. Und fügte hinzu: "Und mit einem Handschuh auch nicht eklig. Hätte ich das gewusst, hätte ich meine Mutter schon vor drei Jahren raus geschickt. Und wieso pinkel ich jetzt?" - "Das ist ein Reflex, der bei einigen Leuten auftritt, wenn der Enddarm leer ist. Deswegen legst du ja genügend Zellstoff drunter. Du kannst das also künftig alleine. Wichtig ist nur, dass du das regelmäßig spätestens jeden zweiten Tag, am besten zur gleichen Zeit, machst, und dass du nichts anderes als deinen Zeigefinger dort reinsteckst. Da kann man nämlich ganz viel verletzen. Und dann würde ich es künftig auf dem Klo probieren. Höchstwahrscheinlich wirst du nach ein paar Wochen ohne Zurhilfename deiner Finger auskommen."

Nun bin ich mal gespannt. Mittags sagte Marie: "Stell dir mal vor, Zoey ist zwölf, kommt nach Hause und erzählt ihrer Mama ganz stolz: 'Muddi, ich kann jetzt alleine kacken!'" - Bei der Gelegenheit musste ich an eine Kollegin vom Sport denken, die mir erzählt hat, dass ihre Mutter sie früher immer bat, sie solle unterwegs 'ich möchte singen' sagen, um ihr Bedürfnis alltagstauglich zu umschreiben. Was eines Tages in der S-Bahn dazu geführt habe, dass eine ältere Frau geantwortet hat: "Das ist aber schön, singst du uns was vor?"

Donnerstag, 4. Dezember 2014

Ein roter Fleck

Das war doch mal ein überwiegend lustiger Praktikumstag! Endlich hatte ich mal richtig viel Spaß bei meiner praktischen Arbeit, die ich in diesem Semester einmal wöchentlich in der Chirurgie ableisten muss und die mir die nötigen Erfahrungen vermitteln soll. Der Hauptgrund dafür war wohl eine Ärztin, an deren Fersen ich mich heften sollte. Ich kann kaum beschreiben, warum sie mir so sehr gefiel. Es war vermutlich ihre direkte und unvoreingenommene Art, vielleicht aber auch ihr deutlich wahrnehmbarer Gefallen an ihrer Arbeit. Sie bat mir gleich das "Du" an, was erfahrungsgemäß nicht selten, aber auch nicht selbstverständlich ist, und während ich sonst oft das Gefühl hatte, ich oder zumindest mein Rollstuhl stört eher als dass wir willkommen sind, kam es mir hier so vor, als könnte sie es nicht abwarten, mit mir zusammen den ersten Patienten aufzurufen. Um sich dann völlig entspannt an die Wand zu lehnen und zu sagen: "So, Jule, dein Job. Auf gehts!"

Von großartigen Notfällen blieb ich am heutigen Tag weitestgehend verschont. Saisonal häufiger vorkommende Verletzungen, nämlich solche, die in irgendeinem Zusammenhang mit Nadelbäumen stehen, waren aber wieder dabei. Eine junge Frau war beim Schmücken ihrer zimmerhohen Tanne vom Drehstuhl gefallen, auf dem sie nicht saß, sondern stand, mit der Folge einer distalen Radiusfraktur links. Auf Deutsch: Sie hat sich den Unterarm, genauer gesagt die Speiche, in der Nähe des Handgelenks durchgebrochen. Oder kurz: Zitter, wackel, polter, bumms, knack, autsch. Zum Glück waren die Knochenteile nicht gegeneinander verschoben, so dass ein einfacher Gips ausreichte. Ganz anders hatte ein älterer Mann mit seinem Weihnachtsbaum zu kämpfen, als er sich mit einer Axt ins Schienbein hackte. Allerdings bekam ich den nicht selbst zu sehen, sondern seine Geschichte in einer Pause brühwarm erzählt.

Brühwarm bis brühheiß war es auch bei einer anderen Patientin zugegangen. "Für euch liegt in der Vier eine 18jährige Rollstuhlfahrerin mit Verbrennungstrauma. 'Verbrennungstrauma' sagt die Mutter. Am linken Oberschenkel ist eine erbsengroße rötliche nicht nässende Hautverfärbung. Die Patientin selbst sieht es sehr entspannt, die Mutter tigert daneben auf und ab und ist außer sich." - Meine auch nach Stunden noch immer völlig von diesem Tag begeisterte Anleiterin rieb sich die Hände, grinste mich an und sagte: "Au ja, geil. Jule, das wird dein Durchbruch."

Wir kamen durch die Tür und noch bevor wir einen Namen sagen konnten, kam die Mutter auf uns zugestürmt: "Meine Tochter hat sich verletzt. Ausgerechnet im gelähmten Bereich. Sie wissen bestimmt, dass das bei Querschnittlähmungen sehr gefährlich sein kann. Ich bin mit ihr sofort ins Krankenhaus gefahren. Sofort! Leider hat sie dafür noch immer nicht den nötigen Blick, sie sieht das immer zu locker. Sie hat schon drei Mal fast ein halbes Jahr mit einer Druckstelle im Krankenhaus gelegen und eigentlich soll sie jetzt im Frühjahr Abitur machen. Sowas kommt auch immer kurz vor Weihnachten."

Ich ließ die Mutter stehen, rollte zu der Patientin, die, unten nur mit einer Unterhose bekleidet, auf der Liege lag, gab ihr die Hand. Zeigte auf die rötlich verfärbte Stelle am Bein und sagte: "Na? Der Fleck hier? Was hast du da gemacht?" - "Beim Sex in der Dusche gegen das heiße Rohr gekommen. Also das an der Wand.", sagte sie und grinste schelmisch. Jetzt bloß nicht meine Anleiterin angucken, sonst weiß ich nicht, ob ich noch ernst bleiben kann. Die Mutter fauchte lautstark dazwischen: "Ich habe dir gesagt, du sollst diesen Mist nicht erzählen!" - Ich drehte mich um: "Okay. Die Verletzung ist da, wir können sie nicht mehr rückgängig machen. Es ist niemandem geholfen, wenn Sie jetzt so aufdrehen. Also versuchen Sie mal bitte, sich ein wenig zu entspannen, damit wir in Ruhe und mit Bedacht eine Lösung finden, die Ihrer Tochter hilft. Am Besten wäre es vermutlich, wenn Sie sich mal für einen Moment draußen in den Wartebereich setzen."

Hatte ich das wirklich gerade gesagt? In Erwartung eines Donnerwetters zog ich schon mal vorsorglich den Kopf ein. Aber im Gegenteil: Die Mutter guckte mich halb böse, halb genervt an und ging zur Tür. Mit dem Griff in der Hand blieb sie einen Moment stehen, drehte sich zu mir und maulte: "Sie hat noch nicht mal einen Freund. Geschweige denn Sex in der Dusche." - Dann schob sie die Tür auf, schob sie hinter sich wieder zu und stampfte davon. Ich wandte mich wieder der Patientin zu. Für den Bruchteil einer Sekunde kreuzte sich mein Blick dabei mit dem meiner Anleiterin. Das reichte, um alle nötigen Gedanken auszutauschen. Ich fragte: "So, jetzt mal Klartext. Was hat das mit der Stelle auf sich?" - Sie antwortete: "Nix, keine Ahnung. Irgendwo gestoßen, irgendwo hängen geblieben, irgendeine Falte in der Hose gehabt, die zu lange auf dieselbe Stelle gedrückt hat, was weiß ich. Das tut aber nicht mal weh, ich würde das merken. Das ist einfach etwas gerötet und morgen wieder weg. Meine Mutter hat das zufällig gesehen und darauf bestanden, sofort mit mir ins Krankenhaus zu fahren."

Ich wollte sie beinahe fragen, ob sie noch einen Bruder hat, der Jörn heißt. Aber den Witz hätte außer mir niemand verstanden. Also ließ ich meine Anleiterin auch noch einmal mit einem Auflichtmikroskop auf die Stelle schauen, die sagte nur: "So, Feierabend, Hose zu, ab nach Hause. Klären Sie das mit Ihrer Mutter oder sollen wir ein Pflaster drüber machen?" - Sie sagte: "Bloß kein Pflaster, nicht, dass sich daraus noch eine Druckstelle entwickelt." - Ich seufzte und sagte: "Ich schreibe kurz einen Zweizeiler für den Hausarzt, vielleicht redest du kurz mit der Mutter draußen?" - Meine Anleiterin antwortete: "Nee, ich schreibe, du redest mit der Mutter."

Ich rollte mit der Patientin aus dem Untersuchungsraum, die Mutter bestand zunächst darauf, dass ein Dermatologe hinzu gerufen wird, stürmte dann noch einmal zu meiner Anleiterin hinein und wurde erneut laut. Die sagte aber nur: "Jetzt ist es genug. Freuen Sie sich, dass die Verletzung Ihrer Tochter nicht schwerwiegender ist und kommen Sie mal wieder runter." - Als die beiden draußen waren, sagte ich leise: "Was sie wohl macht, wenn ihre Tochter mal wirklich was hat." - "Das will ich mir lieber nicht vorstellen."

Mittwoch, 3. Dezember 2014

Nicht der Richtige

Er ist nicht der Richtige. Das muss ich leider so zusammenfassen und der Kennenlernphase ein Ende setzen. Wenn es jemand über zwei Monate nicht über sein Herz bringt, sich klar zu positionieren, ist das zwar ein gangbarer Weg, aber keiner, den ich mitgehen möchte. Es ist gar nicht so sehr das Verhältnis zu seiner Mutter, das ausschlaggebend war, sondern der dahinter stehende Ansatz, Entscheidungen aus dem Weg zu gehen. Klar, es kann mitunter sehr reizvoll sein, einen eher zurückhaltenden bis devoten Partner zu haben. Was mich aber nervt, ist, wenn die Unterwürfigkeit so weit geht, dass die eigene Meinung selbst bei den wichtigsten Entscheidungen nicht mehr erkennbar wird.

Ich kann ja verstehen, dass jemand mit seiner Mutter nicht über alles reden möchte. Auch dann, wenn man (noch) bei seiner Mutter wohnt. Aber ich erwarte von jedem Menschen, der älter als 14 ist, dass er sich einen Umgang aneignet, mit dem sowohl Mutter als auch Sohn leben können. Wenn ein Sohn seine Autonomie völlig aufgibt, um jedem Problem vor seiner Entstehung bereits aus dem Weg gegangen zu sein, ist es für die außerfamiliäre Umwelt einfach zu schwierig, einen adäquaten Zugang zu diesem Mutter-Sohn-System zu bekommen.

Seine abschließende Reaktion, es sei nicht so schlimm, er könne damit leben, wenn wir hin und wieder mal gemeinsam ein Schnitzel essen würden, mag einen großen Schmerz überspielt haben, mag aber auch von der auf mich befremdlich wirkenden Gleichgültigkeit durchsetzt sein. Ich hätte mir eben schon etwas vorstellen können, nur hat es leider - mal wieder - nicht gepasst. Schwierig das.

Donnerstag, 27. November 2014

Dublin und Zoey

Zoey. So nenne ich sie mal. Zoey bedeutet "Leben" und der Name ist Programm. Und falls jemand fragt: Das Ypsilon habe ich drangehängt, damit nicht jemand "Zö" liest. Ich musste mir neulich nämlich im Zug über eine Stunde lang mit anhören, wie eine ältere Frau, geschätzt auf etwa 70 Jahre, mit ihrer Freundin per Handy telefonierte. In einem Großraumwagen, in dem eigentlich das Telefonieren verboten ist. Und da die ältere Dame nicht mehr so recht hörte, gelang mir wiederum das Weghören nicht. Sie sprach ausführlichst über einen Roman, den sie gerade las. Dieser spielte in Dublin, der Hauptstadt von Irland.

Man kann vielleicht darüber diskutieren, ob man Städtenamen in der jeweiligen Landessprache aussprechen muss. Als sie allerdings Überlegungen anstellte, dass die Deutschen mit den Iren gemeinsam hätten, dass ihre Hauptstädte auf "lin" enden, wobei es bei einem Vergleich der Einwohnerzahlen eher "Dublinchen" heißen müsste, wagte ich einen zweifelnden Blick durch die Sitzreihen nach hinten. Marie murmelte leise: "Weißt du denn, wie die dort hergestellte irische Schokolade heißt?" - Ich guckte sie mit halb fragenden, halb genervten Blick an und überlegte einen Moment. Dann sagte sie: "Kleiner Tipp: Es ist die kleine Schwester der wahrscheinlich längsten Praline der Welt: Duplinchen." - Auweia.

Zoey ist zwölf. Sie ist vor fünf Jahren beim Spielen auf dem Spielplatz verunglückt. Sie hatte sich an eine Seilbahn gehängt und bekam von einem Freund zum Ende des Seils so viel Anschwung, dass sie sich nicht mehr halten konnte, losließ und im hohen Bogen gegen einen Pfeiler krachte. Seitdem hat sie einen inkompletten Querschnitt im unteren Brustwirbelbereich, etwa in Höhe des Bauchnabels.

Ich wurde auf Zoey im Schwimmbad aufmerksam. Das ist inzwischen mehrere Wochen her. Ich kraulte meine Bahnen und sah irgendwann aus dem Augenwinkel eine Frau mit einem Kind auf dem Arm neben meinem Rollstuhl stehen. Das passiert hin und wieder mal, aber meistens sind Leute, die sich neugierig das leere Teil am Beckenrand ansehen, nach spätestens meiner übernächsten Bahn wieder verschwunden. In diesem Fall hielt ich mich acht Bahnen später am Beckenrand fest, überlegte einen Moment, wieso jemand ein zwölfjähriges Kind auf dem Arm trug, und fragte dann: "Na? Steht der im Weg?"

"Nein, nein, keineswegs. Wir schauen nur völlig begeistert zu, wie Sie das ohne den Einsatz Ihrer Beine alles hinkriegen. Ich habe zu meiner Tochter gerade gesagt: 'Ich würde vermutlich untergehen!'" - "Naja, zum Kraulschwimmen braucht man die Beine ja nicht unbedingt. Es ist zwar vorteilhaft, sie einsetzen zu können, aber mit ein wenig Übung klappt es auch ohne."

Ich erfuhr, dass Zoey auch im Rollstuhl sitzt. Mich wunderte aber, dass die Mutter sie trug und die ganze Zeit auf dem Arm hielt. Das Mädchen sagte keinen Ton. Sie trug einen zu klein geratenen pinkfarbenen Inkontinenz-Badeanzug mit eingenähtem Rüschen-Kleidchen, und aus meiner Perspektive sah ich am Beinabschluss Teile einer Schwimmwindel unter dem Ding hervorscheinen. Zoey hatte ihren Kopf an die Schulter der Mutter gelegt und beobachtete mich, ohne ein Wort zu sagen. Ihre Haare waren zu einem Zopf aufwändig zusammengeflochten. Zwei pinke Haarspangen hielten weitere Haare aus dem Gesicht. Sie wirkte müde. Für einen Moment lang überlegte ich, ob sie möglicherweise auch kognitive Einschränkungen haben könnte.

Hatte sie aber nicht. Inzwischen, mehrere Wochen später, kann Zoey schwimmen. Zumindest schafft sie eine Bahn ohne Hilfe. Manchmal dreht sie sich noch auf den Rücken, wenn es ihr unterwegs zu anstrengend wird, aber manchmal schafft sie auch eine Bahn Brustschwimmen in einem Stück. Wir haben immer mal wieder zusammen geübt und Zoey ist sehr ehrgeizig.

Und sehr anhänglich. Wie ich die Mutter verstanden habe, hat sie sehr wenig Kontakt zu anderen Menschen im Rollstuhl. Warum das so ist, weiß ich noch nicht. Aber es bringt mit sich, dass sie alles selbst ausprobieren und herausfinden muss. Wie komme ich vom Boden in den Rolli? Wie bleibt mein Sitzkissen im Schwimmbad trocken? Wie ziehe ich mir im Sitzen selbst die Hose über den Po?

Die Mutter sagte in dieser Woche zu mir, dass ihre Tochter in den letzten Wochen in einigen Bereichen um Jahre erwachsener geworden sei, so käme es der Mutter vor. Einerseits eine erschreckende Entwicklung, meint die Mutter, andererseits eine längst überfällige. Mit zwölf Jahren sollte ein Kind sich alleine an- und ausziehen. Wenn es das kann. Und Zoey kann es. Inzwischen.

Auch den scheußlich-pinken Kleidchen-Badeanzug haben wir inzwischen ersetzt gegen etwas sportliches Schwarzes. Funktioniert genauso gut und sieht nicht so behindert aus wie das andere Ding. Wie einfach es doch ist, die Mama zu überstimmen, sobald es jemanden gibt, der ins gleiche Horn stößt...

Wir haben uns verabredet, dass Zoey in den nächsten Wochen ein oder zwei, vielleicht auch drei Nächte bei Marie und mir schlafen wird. Es mag sehr befremdlich wirken, aber es gibt eine Sache, die möchte Zoey auch alleine können: Abführen. Wie wir das mit der nötigen Diskretion und Wahrung ihrer Intimsphäre hinbekommen, müssen wir noch überlegen. Aber Zoey wünscht sich nichts sehnlicher, als mit zwölf Jahren endlich ohne die Hilfe der Mutter auszukommen. Ich bin mir sicher, dass sie es schaffen wird. Denn einen Anfang hat sie bereits gemacht: Mir einen langen Brief geschrieben, in dem es einzig und allein um diesen Wunsch geht.

Sonntag, 23. November 2014

Diesel, Bratwurst und Muskelschwund

Was für eine dicke Suppe! Bis kurz vor Hannover war das Wetter noch schön, von dort an wurde die Sicht immer schlechter. Als Marie und ich am Freitag in Hamburg aus dem Zug stiegen, kam man sich vor wie in einer Waschküche. Stellenweise konnte man keine 50 Meter weit gucken. Und so schauten wir beispielsweise an der Tankstelle auch zwei Mal hin: Diesel für 1,17 € pro Liter? Tatsächlich.

Das Riesenrad auf dem Winterdom, dem Volksfest in Hamburg, drehte leer seine Runden. Was wohl daran lag, dass man von unten noch die ersten fünf Gondeln erkennen konnte, darüber aber alles in der grauen Suppe verschwand. Irgendwie unheimlich. Es war voll, aber es waren erstaunlich wenige Leute im Rollstuhl unterwegs. Cathleen, Marie und ich waren (von zwei älteren Damen in ihren Alu-Shoppern abgesehen) die einzigen. Auf hohe oder schnelle Karussells hatten wir kaum Lust, denn es war kalt und nass. "Lass uns eine Runde im Autoscooter drehen", meinte Cathleen. Doch daraus wurde nichts: "Es ist zu voll. Kommen Sie mit Ihren Rollstühlen einen anderen Tag wieder." - Danke für die Gastfreundschaft. Das hatten wir so auch noch nicht erlebt.

Die Bratwurst vom Schwenkgrill schmeckte dafür aber umso besser. Wenn man vom Preis absah: 3,80 € fand ich reichlich happig. Aber dafür gab es den Senf gratis dazu. Und wir hatten ja immerhin schon günstig getankt. Vom freitäglichen Höhenfeuerwerk war natürlich auch absolut nichts zu sehen. Kurz vor Mitternacht waren wir wieder bei Marie zu Hause. Auf dem Küchentisch lag ein Zettel: "Wir saunieren im Garten. Bitte stört uns nicht. Danke und gute Nacht!"

Ich tippte auf den Zettel und kommentierte: "Vögel im Nebel?" - Marie antwortete: "Will ich gar nicht wissen. Sollen sie machen. Wenigstens warnen sie vor." - Ich grinste. Marie schüttelte den Kopf.

Gestern abend durfte ich einen Arbeitskollegen von Maries Vater (und seine Frau) kennenlernen, die bei Maries Eltern zu Abendessen eingeladen waren. Es gab Fondue, Marie und ich waren auch eingeladen und durften unsere Gabeln in den heißen Topf halten. Es war lecker und die Gäste waren sehr nett.

Nach einem kurzen Besuch bei unserem Haus, das noch steht und immer besser aussieht, sind wir nun wieder auf der Rückreise. Morgen früh muss ich über 45 Minuten lang die Ergebnisse einer recht umfangreichen Hausarbeit vorstellen. Ich bin nicht wenig aufgeregt. Ich durfte mich zusammen mit drei Kommilitoninnen und Kommilitonen mit Muskelschwund, wie es im Volksmund heißt, befassen. Ich bin mit meinen 45 Minuten als erste dran und stelle das Thema vor. Um den Umfang der Arbeit kurz anzureißen: Es gibt rund 800 Erkrankungen, die mit einem Abbau der Muskelmasse einhergehen können. Diese lassen sich in 23 Gruppen untergliedern. Mein Job ist es morgen, die 23 Gruppen vorzustellen und abzugrenzen. Also im Durchschnitt zwei Minuten pro Gruppe, und das alles so aufbereitet, dass niemand der Zuhörer etwas durcheinander bekommmt und nach der 22. Gruppe noch alle folgen können. Hurra. Aber ich freue mich - es ist ein sehr interessantes Thema!