Samstag, 22. September 2018

Räuber-Essen

"Ich kann nicht schwimmen lernen, ich bin behindert", sagte Helena vor etwas mehr als einem Jahr. Man hatte ihr ernsthaft eingeredet, dass ihre Cerebralparese, die verhältnismäßig leicht ausgeprägt ist, der Grund dafür sein sollte. Vor einem Monat hat sie ihr Seepferdchen-Abzeichen gemacht, also einen Sprung ins Wasser und anschließend 25 Meter schwimmen sowie einen Gegenstand aus schultertiefem Wasser heraufholen. In der letzten Woche hat sie ihren Jugendschwimmschein in Bronze gemacht, also das, was früher der "Freischwimmer" war. Ich gebe zu, wir haben fleißig geübt. Vermutlich wesentlich mehr als man mit anderen Kindern übt. Aber sie hat es souverän geschafft, und für sie gilt, was für viele Menschen mit Einschränkungen gilt: Wasser ist ihr Element.

Es ist für mich ein Lehrstück. Das ewige Kapitel "Glaube versetzt Berge". Solange sie geglaubt hat, dass sie es wegen ihrer Einschränkung nicht kann, konnte sie es auch nicht. Als sie bei Marie und bei mir gesehen hat, dass man auch mit einer Querschnittlähmung gut schwimmen kann, gab es zuerst keine Argumente mehr. Und später gab es den Glauben daran, dass es machbar sei. Einmal mehr gilt, dass wir nicht die Steine setzen dürfen, aus denen eine Barriere wird. Es ist kein Hexenwerk, an jemanden zu glauben und ein Kind ernst zu nehmen.

Ein Bereich, den wir gerade sehr aufwändig be-ackern, ist ihre kindliche Unbefangenheit. Ich weiß, es gibt verschiedene Theorien, nach denen man eine einmal erlangte Befangenheit nicht mehr ablegen kann. Eingeschränkt durch Verbote, konfrontiert mit nicht altersgemäßen Aufgaben, eingeschüchtert durch die Angst vor Strafen, vielleicht aber auch motiviert von der Aussicht, bei uns bleiben zu dürfen, benahm sich Helena anfangs auffällig "artig", immer auf der Hut, nichts falsch zu machen. Als ihr mal ein Glas herunterfiel, erwartete sie Schläge.

Ich teile die Theorie, einmal erlangte Befangenheit nicht wieder ablegen zu können, nicht. Und umso mehr haben Marie und ich uns kürzlich darüber gefreut, als Helena mit ihrer derzeit besten Freundin, jene Tochter einer Kollegin von Maries Mutter, die mit Helena zusammen zur Schule geht, sich bei uns zu Hause verabredet hat und, als Krönung des Treffens, ein gemeinsames Abendessen angezettelt hat: Die beiden haben sich in den Garten gesetzt, mitten auf den Rasen, zwischen ihnen lag die Platte eines zusammengeklappten Campingtisches, reichlich gedeckt. Die Mission dabei: Räuber-Essen. Messer und Gabel gab es nicht, Tischmanieren auch nicht. Keine eigenen Teller, es wurde mit den Händen aus Schüsseln gegessen, schmatzend, rülpsend, kleckernd und vor allem: Ausgelassen und albern. Die beiden sahen aus wie die Ferkel und ich bin sehr froh, dass sie sich nach draußen verzogen und alte Sachen (von mir) angezogen haben. Als sie wieder rein wollten, habe ich beide mit T-Shirt und kurzer Hose gleich erstmal unter die Gartendusche gestellt, das gab die nächste Gaudi.

Inzwischen ist Helena so weit, dass sie ihre Grenzen austestet. Was zwar anstrengender ist, aber mir und auch Marie eintausend Mal lieber als ein ängstliches Kind. Beispielsweise im Anschluss an das Räuberessen meinte sie, auch beim gemeinsamen Fernsehen ständig betont laut rülpsen zu müssen. Zwei, drei Mal habe ich sie angeguckt, das reichte aber nicht. Marie fragte: "Brauchst du Aufmerksamkeit? Möchtest du gekrault werden?" - Sie rülpste ein "Nein" zurück. Ich sagte: "Och Helena, das ist eklig." - Ihre Antwort: "Ja, tschuldigung, das sollte eigentlich hinten raus."

Lachen wäre jetzt vermutlich kontraproduktiv. Marie übernahm das Wort: "Wir sind hier nicht in der Eckkneipe. Geh bitte in dein Zimmer und lass uns hier in Ruhe Fernsehen. Und mach die Tür hinter dir zu, wir wollen das nicht hören." - Helena guckte mich an, ich sagte: "Tschüss."

Es dauerte keine fünf Minuten, dann kam sie wieder. Mit feuchten Augen, bis zur Zimmertür: "Kann ich mich bitte entschuldigen?" - "Sicher." - "Das war doof von mir. Ich weiß nicht, warum ich das gemacht habe. Ich hatte irgendwie so einen Lauf und fühlte mich gut und ... eigentlich möchte ich keinen Streit." - Marie antwortete: "Damit wir uns nicht falsch verstehen: Niemand verlangt von dir, dass du die Luft in deinem Magen behältst. Aber das kann man leise machen und die Hand vor den Mund halten. Und wenn das zwischendurch vielleicht einmal richtig laut sein muss, habe ich auch kein Problem damit. Aber in einer Tour und dann noch mit so einem ekligen Spruch dazu ..." - "Marie? Es sollte lustig sein und es ist einfach daneben gegangen. Okay?"

Abgehakt.

Montag, 17. September 2018

Kartensalat

Ich dachte, es verläuft mal eine Woche, in der keine schrägen Dinge passieren. Nee. Nicht möglich. Meine Bank hat mir mein Kreditkartendoppel gekündigt. Nicht, weil ich damit Unsinn angestellt hätte oder meine Liquidität dahin ist, sondern weil ein Doppel viel zu teuer sei und die Bank es künftig nicht mehr anbiete. Es gebe in Europa kaum noch Stellen, die nur eine der beiden im Doppel vorhandenen Karten akzeptieren. Die Visakarte, also jene, die ich bisher favorisiert habe, fällt für alle jene Kunden weg, die vorher ein Doppel hatten.

Die verbleibende Masterkarte wird, anders als versprochen, aber längst nicht überall akzeptiert. Ich bestelle zum Beispiel für meinen Rennrollstuhl bei einem amerikanischen Händler Handschuhe und Reifen. Der akzeptiert nur Visa. Und ein internationaler Sportbekleidungs-Vertrieb ebenfalls. Also muss ich neuerdings die Visakarte zusätzlich haben, zusätzlich bezahlen und vor allem: Neu bestellen. Und weil jetzt alle neu bestellen, dauert es schonmal acht Wochen, und was schicken sie mir zu? Eine zweite Masterkarte.

Und buchen die Gebühr gleich zwei Mal ab. Plus zwei Mal 5 Euro für eine PIN-Aktivierung. Ohne dass ich je einen PIN erhalten habe. Und sperren mit dem erneuten Visakarten-Antrag, für den ich extra persönlich zur Bankfiliale gehampelt bin, die alte Masterkarte. Und die neue. Nun habe ich gar keine funktionierende Kreditkarte mehr. Wie gut, dass ich weder automatisch verlängernde Por*o-Abos laufen habe noch mit einer der inzwischen drei gesperrten Karten ein Onlineticket bei der Bahn im Voraus gekauft habe.

Und mein Bankberater? Zuckt mit den Schultern. Spricht von Chaos beim Vertragspartner und höherer Gewalt. Vermutlich möchte er selbst auch am liebsten stirnrunzelnd mit dem Kopf schütteln und herummeckern, darf es aber nicht. Wie gut also, dass ich Kunde bin.

Samstag, 8. September 2018

Wochenende

Auch wenn ich Hamburg sehr vermisse, fühle ich mich an der Ostsee sehr wohl. Gerade jetzt, wo es nachts wieder etwas kühler wird, finde ich das Klima, den Wind und die leicht salzige Luft sehr angenehm. Derzeit pendel ich vier bis fünf Mal pro Woche in eine Großstadt, um dort zu arbeiten und mich in der Pädiatrie fortzubilden, und ehrlich gesagt freue ich mich, wenn ich Feierabend habe, auch sehr auf die Ruhe außerhalb einer hektischen Großstadt. Normalerweise kaufe ich nicht mal in der Stadt ein, einerseits, um die Geschäfte in meiner Nähe zu unterstützen, andererseits, weil es dort nicht so viele seltsame Leute gibt. Oder vielleicht sind sie auch auf ihre Weise seltsam, nur komme ich mit ihrer Weise besser zurecht.

Dass mir im Supermarkt einer im Vorbeigehen an die Ti..en fasst, kann wohl fast nur in der Großstadt passieren. In einem kleinen Ort gibt es immer jemanden, der jemanden kennt; das Risiko, erkannt zu werden, ist viel zu groß. Ja, es ist eine Sauerei und eine Erniedrigung, aber ich werde das verkraften. Auch wenn es ganz schön weh tat und schon der Gedanke daran widerlich ist. Schade, dass ich das nicht schnell genug realisiert habe und zu perplex war, um angemessen zu reagieren. Das ärgert mich am meisten. Der Typ ging, während ich in der Warteschlange an der Kasse stand, durch den Gang der geschlossenen Nachbarkasse (wo aber die Sperre nicht geschlossen war) und griff mir im Vorbeigehen von schräg oben an meine rechte Brust, drückte einmal kräftig zu, und verschwand zügigen Schrittes nach draußen. Weder die ältere Dame vor mir noch der Herr hinter mir haben scheinbar etwas mitbekommen. Leider tun solche Menschen so etwas ja nicht, weil sie mich toll finden. Oder meinen Körper. Nicht, dass das so eine Aktion rechtfertigen würde, aber diesen Gedanken fände ich um einen Hauch angenehmer als das Wissen, dass er mir lediglich seine Macht zeigen wollte.

Als ich wieder vor der Tür war, war er weg. Auf dem Weg zum Auto musste ich über die Straße, und während ich an einer Ampel wartete, blieb auf dem Fußweg gegenüber eine ältere Dame mit ihrem Gehwagen offenbar an einer Unebenheit hängen und stürzte vorwärts und mit dem Kopf voraus laut scheppernd über ihr mit Einkaufstüten vollständig behängtes Hilfsmittel. Aua. Positiv war, dass auf beiden Fahrstreifen sofort mehrere Autofahrer anhielten, ausstiegen und der Frau helfen wollten. Auch eine Radfahrerin hielt an, stieg vom Fahrrad ab und kümmerte sich. Mit vereinten Kräften versuchte man, die Frau wieder aufzurichten, was aber nicht gelang. Negativ war, dass man offenbar ohne zu überlegen handelte. Sinnvoller wäre es, die Frau erstmal auf dem Boden liegen zu lassen. Ihr Bewusstsein trübte nämlich in der nächsten halben Minute ganz offensichtlich und von Weitem erkennbar ein. Inzwischen wurde die Ampel grün, ich rollte auf die andere Seite. "Hallo, lassen Sie die Frau mal bitte auf dem Boden." - "Echt? Warum das denn?" - Ich sprach die Frau an: "Hören Sie mich?" - Inzwischen setzten sie die Frau wieder auf den Boden ab. Ich sagte: "Schauen Sie mal, sie ist gar nicht richtig ansprechbar. Ich rufe einen Krankenwagen."

Als ich mein Telefon rausgekramt hatte und den Notruf gewählt hatte, versuchte ich, ihren Puls zu tasten. Der war eindeutig vorhanden und sehr schnell. Ich nahm eine Alkoholfahne wahr. Der Disponent in der Leitstelle meldete sich mit der Frage, wo der Notfallort sei. Nachdem ich ihm diesen genannt hatte, fragte er, was für ein Notfall vorliege. "Eine etwa 75 Jahre alte Frau ist auf den Kopf gestürzt und hat kurz danach das Bewusstsein verloren. Puls und Atmung sind vorhanden. Man muss von einem schweren Schädelhirntrauma ausgehen. Schicken Sie bitte einen Notarzt her." - "Ist die Frau ansprechbar?" - "Nein, sie ist bewusstlos." - "Ist sie alkoholisiert?" - "Möglicherweise." - "Ich schicke Ihnen einen Rettungswagen." - "Schicken Sie bitte den Notarzt, es besteht der Verdacht auf ein schweres Schädelhirntrauma." - "Sind Sie vom Fach?"

Alter! Willst du das jetzt ausdiskutieren bis sie an ihrer Hirnblutung gestorben ist? Beim Sturz über einen Gehwagen und Aufprall mit dem Kopf voraus muss ich nicht fachkundig sein, um zu wissen, dass das eine Hirnverletzung hochwahrscheinlich macht. Wenn sie Pech hat, gleich mit Blutung, vielleicht hat sie sich auch noch die Halswirbelsäule verletzt, die Frau wird höllische Schmerzen haben, und dass sie kurz noch bei Bewusstsein war und jetzt nicht mehr, ist absolut kein gutes Zeichen. Aber bevor ich mich jetzt an der Diskussion auf Kosten von Zeit und Gesundheit der Frau beteilige, sagte ich nur: "Ja." - Und hätte in der Aufregung beinahe noch "Medizinstudentin" gesagt. - "Hilfe ist unterwegs."

Offenbar bringt mein Beruf den Nachteil mit sich, dass man nicht bis zum Eintreffen des Rettungsdienstes am Telefon betreut wird. Allerdings ging es sehr schnell. Und tatsächlich war der Notarzt ebenfalls sofort entsandt worden und traf knappe zwei Minuten nach dem Rettungswagen ein. Auch er vermutete ein schweres Schädelhirntrauma und verlor keine Zeit, die alte Dame ins Krankenhaus zu bringen. Leider habe ich kein gutes Gefühl, aber ich hoffe natürlich, dass es ihr bald wieder besser geht.

In meinem Job musste ich gestern bei einem sechsjährigen Jungen einen Tubus wechseln. Also ihm einen neuen Beatmungsschlauch in die Lunge legen. Das ist bei Kindern nochmal herausfordernder als bei Erwachsenen. Der Junge liegt seit einem Ertrinkungsunfall im künstlichen Koma. Zudem kam er an ein anderes Beatmungsgerät, da es mit dem bisherigen ein technisches Problem gab. Die nette Stationsärztin, die nicht loben, sondern immer nur tadeln kann, war dabei und schaute mir mit Argusaugen auf die Finger, ohne selbst aktiv zu werden. Die weibliche Pflegekraft und ich arbeiteten gut zusammen, sie macht den Job schon seit über 10 Jahren. Das macht sehr viel Spaß, wenn jemand so routiniert ist. Es klappte alles richtig und zügig. Der Tubus lag, doch als ich das Beatmungsgerät anschließen und einschalten wollte, passierte: Nichts. Es leuchtete alles munter vor sich hin, aber es gab keine Fehlermeldung und keine Beatmung.

Bei Kindern wird der Tubus in aller Regel ja nicht geblockt, so dass man noch vorsichtiger sein muss, wenn man von seinen Routine-Handgriffen abweicht. Befestigt war er auch noch nicht. Ich drückte nochmal auf das Beatmungsgerät. "Du kannst den Tubus kurz loslassen", hatte die Pflegekraft von sich aus das Problem erkannt und übernahm, bevor ich etwas sagte. Wichtig ist dennoch der Austausch untereinander: "Ich habe Probleme mit dem Beatmungsgerät. Es läuft nicht." - Ich versuchte erneut, die Beatmung zu starten, ohne Erfolg. "Es beatmet nicht."

Ich wendete mich wieder dem Patienten zu. Die Aufgaben sind klar verteilt, die technische Bereitstellung des Geräts ist keine ärztliche Aufgabe. Die Pflegekraft versuchte sich an der Maschine, während ich mir einen Beatmungsbeutel schnappte, das Beatmungsgerät wieder abkoppelte und erstmal per Beutel beatmete. "Hat es Sauerstoff?", fragte ich. Die Pflegekraft prüfte die Steckverbindung an der Wand. "Jetzt hör ich es", sagte sie plötzlich. "Nee, das bin ich mit dem Beutel", antwortete ich. Es wurde keine Störung angezeigt, aber es lief auch nichts. Ich riskierte einen Blick auf die Stationsärztin, sie verdrehte die Augen. Tolle Hilfe.

Die Pflegekraft checkte die Sauerstoffverbindung am Gerät. Bingo. Sie war nicht richtig eingesteckt. Nun bekam das Gerät Sauerstoff und funktionierte. Wir konnten Beatmungsbeutel und Beatmungsgerät umgestecken. In der Zwischenzeit hatte ich vier Mal manuell beatmet, der Fehler war also schnell gefunden und meine Vermutung war goldrichtig. Die Beatmung lief, alles war richtig eingestellt, trotz Schwierigkeiten haben wir es hinbekommen. Wie schon gesagt: Sie tadelt gerne, folglich hat sie nicht gelobt, dass wir die Situation gemeistert haben, sondern mich zu tadeln versucht, dass das Beatmungsgerät nicht richtig angeschlossen war. Einmal lasse ich sowas ja durchgehen, aber nun war es genug: "Das ist nicht mein Problem. Ich kann voraussetzen, dass das bereitstehende Equipment fehlerfrei funktioniert." - Sie guckte mich an wie ein Auto. Bis Montag sehe ich sie erstmal nicht mehr. Ja, ich will was lernen. Aber anpampen lassen muss ich mich dazu nicht. Ich schätze, wir werden noch unseren Spaß zusammen haben. Aber jetzt ist erstmal Wochenende.

Mittwoch, 5. September 2018

Fünf Tage

Meine ersten fünf Arbeitstage sind vorbei. Am Wochenende, an meinen ersten beiden Tagen, könnte man meinen, es war der Wurm drin. Selbst einfachste Dinge wie Telefonieren waren ein Problem. Ich musste ein freies Bett organisieren und habe alle in Frage kommenden Stationen angerufen. Nein, nirgendwo sei ein Bett frei. Also blieb der junge Mann zunächst auf einer Privatstation, wohin er erstmal von der Notaufnahme verlegt wurde. Zwei Stunden später höre ich, dass Betten frei waren. Angeblich hätte ich die Frage falsch gestellt: Ich hätte fragen sollen, ob sie einen Patienten unterbringen können und nicht, ob ein Bett frei ist, weil Betten nie frei seien.

Herrje. Kurz darauf höre ich mir bei einem achtjährigem Mädchen mit einer inzwischen abgeklungenen Herzmuskelentzündung Lunge und Herz an, da fängt eine Schwester bei der Bettnachbarin an, einen venösen Zugang zu legen, was sie überhaupt nicht sollte. Also es sollte ein neuer Zugang gelegt werden, aber das war eigentlich mein Job. Sie punktierte hinter mir die Oberarmarterie. Wer vom Fach ist, weiß, was das für eine Sauerei geben kann, und natürlich gab es diese Sauerei. Das Kind schrie wie am Spieß, zappelte rum, und die pflegende Kollegin war alleine nicht in der Lage, die Blutung zu stoppen und ich konnte mich erstmal nicht umdrehen, weil es so eng war und ich zwischen zwei Betten stand. Da bleib mal ruhig.

Wenn man dann noch davon absieht, dass zwei Kinder an dem Wochenende auf der Intensivstation gestorben sind, beide sehr jung, bei beiden war es aber schon lange absehbar, dann war es eigentlich beinahe wie Urlaub. Am Montag bin ich zwischen 6 und 14 Uhr nicht ein einziges Mal auf Klo, geschweige denn zum Essen gekommen. Zwei Mal habe ich mir zwischendrin auf dem Flur einen halben Liter Mineralwasser auf Ex reingekippt, um nicht zu dehydrieren, zwei Mal auch mein Hemd gewechselt. Bin bei einer Reanimation einer Fünfjährigen dabei gewesen, erstmal waren wir erfolgreich, heute morgen ist sie dann doch verstorben. Derzeit liegt noch ein junger Mann dort, ich glaube, er ist 11, der da wohl auch nicht mehr lebend herauskommen wird. Wir rechnen eigentlich täglich damit. Und drum herum sind ganz viele andere kleine oder große Dramen und jede Menge besorgte Angehörige.

Am Montag habe ich noch vor Ort geduscht, es gibt eine Personaldusche mit Klappsitz, und unter der Dusche bestimmt eine halbe Stunde lang geheult, um den psychischen Druck des Vormittags wieder loszuwerden. Der Tag war schon sehr extrem. Als ich am Dienstag wieder dort war, bekam ich von einer Stationsärztin zu hören, dass ich mich besser konzentrieren müsse. Angeblich seien meine Dokumente voller Fehler. Ich dachte schon, ich hätte Lücken drin gehabt oder Schrott geschrieben, aber es war einmal "Schluckrefex" statt "Schluckreflex", einmal "orientierend intertische Untersuchung" statt "orientierend internistische Untersuchung" und einmal "Schleimhäute bande" statt "Schleimhäute blande". Als wenn mir das jeden Tag passiert. Dass die 30 anderen Dokumente ohne Fehler waren und ich bei der Behandlung der Patientinnen und Patienten keinen Fehler gemacht habe, hat man natürlich nicht nochmal extra erwähnt.

Und Helena? Ist eine absolute Schmusebacke. Sehr kuschelbedürftig. Nach wie vor sehr brav. In ihrer Schule gibt es neben Schatten auch viel Licht. Bis auf eine eher unangenehme Lehrerin (die ja immer dazwischen ist) ist Helena sehr zufrieden. Da sie wegen ihrer Cerebralparese nicht so schnell schreibt wie andere Kinder, darf sie beispielsweise Tafelbilder mit dem Handy abfotografieren. Für Klassenarbeiten hat sie eine Zeitverlängerung bekommen. Vom Sport ist sie erstmal befreit worden, das gefällt mir überhaupt nicht, aber erstmal muss da auch geschaut werden, dass sie überhaupt adäquat mit Hilfsmitteln versorgt wird. Sie braucht aus meiner Sicht unbedingt Orthesen, um mehr Halt in den Fußgelenken zu bekommen. Aber da ist der Vormund gefragt, denn solange sie nur zu Besuch ist, können (und werden) wir da kaum was machen. Da gibt es erstmal noch viel wichtigere Baustellen.

Am Montag waren Marie und ich bei einem Kurs für angehende Pflegeeltern, es war schon witzig, wie oft dort betont wurde, dass ja auch lesbische Paare Pflegekinder bekommen können. Wir haben den Irrtum nicht befeuert. Wir haben einmal am Anfang gesagt, dass wir "nur" zusammen wohnen, fünf Minuten später waren wir aber schon wieder ein Paar. Der Referent war ziemlich hohl, von Erziehung mag er ja Ahnung haben, aber wenn mir einer erzählen will, dass das "Deutsche Mietergesetz" mir vorschreibt, dass Kinder unter 14 Jahren alleine keine Waschmaschine bedienen dürfen, frag ich mich, in welchem Film ich bin. Den Vogel abgeschossen hat dann: "Wenn ein Kind auf die Straße rennt, können Sie es mit körperlichem Einsatz davon abhalten. Aber wenn es bei einer Erkältung ständig den Rotz hochzieht und runterschluckt, bringt Ihr körperlicher Einsatz nichts." - Wir haben nicht gesagt, dass Hochziehen und Runterschlucken absolut empfehlenswert ist.

Helena hat Marie und mir am Wochenende jeweils einen Brief aufs Kopfkissen gelegt. Für einen Moment habe ich mich erschrocken, anschließend aber sehr gefreut. Sie schreibt vieles, was ich hier nicht aufschreibe. Zusammengefasst schreibt sie aber, dass es ihr sehr gut geht und sie sehr glücklich ist.

Samstag, 25. August 2018

Seepferd und Abtreibung

Nach täglichem Training hat Helena heute ihr Seepferdchen geschafft. Ja, sie ist eigentlich viel zu alt dafür, aber so sehr, wie sie sich darüber gefreut hat, war es enorm wichtig, dass sie das nachholt. Ein Sprung vom Beckenrand, eine Bahn in Brustlage schwimmen und einmal aus dem schultertiefen Wasser einen Gegenstand vom Boden hochholen. Eigentlich sollte sie erstmal nur springen, aber statt an den nächsten Beckenrand zu schwimmen, schwamm sie spontan einmal quer durch das Becken.

Unsere erste kleine Meinungsverschiedenheit haben wir auch hinter uns. Ich bekam vom Schulweg eine Kurznachricht von ihr, ob ich damit einverstanden wäre, wenn sie zum Mittagessen zu einer Freundin mitgeht. So spontan war ich damit nicht einverstanden. Ich kenne die Freundin nicht, ich kenne die Familie nicht, und bei uns war Mittagessen vorbereitet. Helena kam nach Hause, hat also auf das "Nein" gehört, was ich sehr wichtig und sehr positiv fand. Allerdings war die Haustür noch nicht ganz zu, da bekam ich die Frage gestellt: "Warum darf ich nicht bei meiner Freundin essen, wenn sie mich einlädt?"

"Das erkläre ich dir gerne. Nach dem Essen." - "Du hast gesagt, ein Kind darf Widerworte geben, wenn es sich unwohl fühlt. Ich fühle mich unwohl. Also: Ich möchte es jetzt wissen." - "Du wirst dich bis nach dem Essen gedulden müssen." - "Menno!", sagte sie und stampfte mit dem Fuß auf. Guckte mich eine Minute mit bösem Blick an, merkte dann, dass das nichts bringt und wechselte das Thema: Eine Mitschülerin habe sich über sie lustig gemacht. Es ging irgendwie um Vornamen, die Lehrerin sei auf die geniale Idee gekommen, dass jedes Kind auf Pappkarten unterschiedlicher Farben die Vornamen von Geschwistern, Eltern und Großeltern schreibt. Jede Farbe stand für eine Generation. Am Ende wurden alle Karten eingesammelt und nach Generationen sortiert aufgehängt. Helena hat keine einzige Karte beschriftet und als die Mitschülerin sie vor allen anderen Kindern nach dem Grund fragte, gesagt, dass sie nicht wisse, wie ihre Eltern heißen, weil sie ein Klappenkind sei. Was ich eine sehr starke Reaktion fand.

Als auch das erklärt war, habe eine Mitschülerin zu ihr gesagt: "Das war bestimmt wegen der Behinderung. Haben deine Eltern das vorher nicht gewusst? Sonst hätten sie doch eine Abtreibung machen können." - Wie einfühlsam! Damit hatte ich die nächste Stunde eine Zwölfjährige neben mir sitzen, die mit mir ausdiskutierte, warum man Menschen mit Behinderung (nicht) tötet. Und dass sie gerne lebt und nicht hätte abgetrieben werden wollen.

Helena sagte, sie habe zu der Mitschülerin nur noch "du Arsch" gesagt und das täte ihr auch nicht leid. Sie habe das sagen müssen, sonst wäre sie innerlich geplatzt. Ich habe inzwischen mit der Lehrerin telefoniert. Sie habe das nicht mitbekommen. Was ich merkwürdig finde. Aber anscheinend wird da viel im Hintergrund gequatscht, wenn sie solche Unterhaltungen mitten in der Stunde nicht mitbekommt. Ich bin ziemlich sauer, dass man, mit dem Wissen, so ein Kind in der Klasse zu haben, solche Aufgabe gibt und sie dann noch so wenig begleitet. Immerhin hat sie mir nun versichert, mit den Eltern der betroffenen Schülerin zu sprechen. Bleibt zu hoffen, dass die nicht auch der Meinung sind, es sei ein Fehler, ein behindertes Kind nicht abzutreiben...

Dienstag, 21. August 2018

Ein Glas und dies und das

Sie hat es geschnallt. Beim dritten Anlauf. Helena kann sich im Wasser vom Rücken auf den Bauch drehen und wieder zurück, kann ohne Hilfe auf dem Rücken schwimmen und gewinnt mehr und mehr Vertrauen in das nasse Element. Bisher war ich immer in greifbarer Nähe und sie mochte auch nicht, dass ich mich weiter als zwei Meter im Wasser von ihr entferne, aber sie macht große Fortschritte. Womit bereits jetzt widerlegt wäre, dass sie wegen ihrer Behinderung nicht schwimmen könne. Papperlapapp!

Ein für mich sehr krasses Erlebnis hatten wir Sonntag beim Abendessen. Ich habe eine Reispfanne (mit Paprika, Tomaten etc.) gekocht, Helena deckte den Tisch. Ich muss sie nicht darum bitten, sondern sie hilft von sich aus. Schiebt einen Teller über den Tisch und stößt beim Zurückziehen ihres Armes etwas ungeschickt mit dem Ellenbogen gegen ein Glas, das daraufhin umfällt, vom Tisch rollt und auf dem Fliesenboden in siebenundzwanzig Teile zerspringt. Es knallt recht eindrucksvoll und ich hätte verstanden, wenn sie sich erschrickt. Stattdessen springt sie fast rückwärts von mir weg, guckt mich mit einem ängstlichen Blick an und reißt ihre Arme schützend vor ihr Gesicht. Das Mädchen ist völlig traumatisiert. "Das war keine Absicht", sagt sie hektisch, kleinlaut.

Ich bin sehr glücklich darüber, dass sie sich von mir einfangen lässt. Wenn ich die Arme ausbreite, kommt sie zu mir auf den Schoß. "Lass dich trösten", habe ich ihr gesagt. "Du hast dich bestimmt erschrocken von dem lauten Knall. Das ist ein wirklich unangenehmes Geräusch." - "Es erinnert mich so sehr an meine Pflegeeltern. Wenn die gestritten haben, flogen auch immer alle möglichen Sachen durch die Küche. Und wenn ich was runtergeworfen habe, gab es meistens sofort eine Ohrfeige." - "Die bekommst du von mir nicht. Ich schlage dich nicht." - "Kannst du da so sicher sein?" - "Ja. Ganz entschieden. Wenn ich jemanden schlagen würde, würde ich mich selbst nicht mehr mögen." - "Ich kann ganz schön schlimm sein, Jule. Ich hoffe, dass ich das zu dir und zu Marie nie bin." - "Du wirst nicht geschlagen. Weder von Marie noch von mir."

Sie hatte ihren Kopf an meinen Hals gelegt und weinte bitterlich. Sie war überhaupt nicht zu beruhigen. Ich habe sie bestimmt zehn Minuten nur festgehalten und an mich gedrückt. In der Zwischenzeit wurde das Essen kalt. Zum Glück hatte sie noch kein Insulin gespritzt. Nach zehn Minuten sagte sie: "Es tut mir leid, dass ich so neben der Spur bin und du das alles aushalten musst." - "Das ist völlig okay, es ist mir wichtig, dass du mir von den Dingen erzählst, die dich belasten. Du kannst sie nur verarbeiten, wenn du darüber redest." - "Ich habe dir doch gar nichts erzählt." - "Deine Tränen erzählen mir ganz viel, Helena." - Es dauerte einen Moment, dann sagte sie: "Wenigstens lachst du nicht über mich, wenn ich weine." - "Nein. Ich nehme dich und deine Sorgen ernst."

Plötzlich fing sie zu erzählen an. Eine Kurzgeschichte reihte sich an die nächste. Die Inhalte waren verstörend. Es bleibt mir ein Rätsel, wie man ein Kind so behandeln kann wie es die Pflegeeltern offenbar getan haben. Wie man einem Kind, noch dazu einem, das man freiwillig aufgenommen hat, permanent vermitteln kann, dass es unerwünscht und nutzlos sei. Ich verstehe es nicht. Es will nicht in meinen Schädel hinein. Was für mich immer klarer wird: Zum Konzept für die nächsten Jahre wird auch die Frage nach einer Psychotherapie gehören müssen. Nein, ich weiß, wir entscheiden das nicht.

Am späteren Abend hat sie ein Bild gemalt. Vorne liegt ein Buch, davor sitzt eine Möwe am Strand, dahinter ist das Meer, blauer Himmel, Marie und ich schwimmen. Was auffällig ist: Kinder zeichnen oft aus der Vogelperspektive. Quasi den Blick von oben auf das Geschehen. Nicht maßstabsgetreu, eher oberflächlich. Helena zeichnet aus ihrer Perspektive und macht daraus ein detailgetreues Bild, in dem Marie und ich den perspektivischen Fluchtpunkt bilden. Wie ein Foto, das auf uns fokussiert ist. Mit zwölf Jahren. Sehr ausdrucksstark.

Ihre ersten beiden Schultage sind offenbar sehr gut verlaufen. Sie hat Anschluss gefunden bei der Tochter einer Kollegin, die mit ihr in denselben Jahrgang geht. Und sich wohl auch noch mit einem anderen Mädchen angefreundet, das ich noch nicht kenne. Das Nachmittagsangebot der Schule haben wir bislang nicht nicht in Anspruch genommen, wie schon erwähnt, täglich bis 21 Uhr, wobei nach 17 Uhr wohl "nur noch" betreute Freizeit-Angebote sind. Aber dennoch, ich finde es klasse.

Und heute morgen? Hat sie den Frühstückstisch gedeckt. In aller Frühe, bevor ich sie wecken konnte. Mit einem Geburtstags-Topfkuchen, den sie gestern noch mit Marie zusammen gebacken hat. Kerzen drauf, eine Blume auf dem Tisch, die beiden haben Brötchen geholt ... so werde ich gerne geweckt. Es war Helena sehr wichtig, sagte Marie. Und ich habe mich sehr gefreut.

Sonntag, 19. August 2018

Unterste Schublade

An Verbesserungen gewöhnt sich der Mensch sehr schnell. Auch Stinkesocken gewöhnen sich sehr schnell an Verbesserungen. Und nehmen sie irgendwann vielleicht sogar als selbstverständlich hin. Zum Beispiel, wenn man zum Autofahren nicht mehr mit einem Schlüssel hantieren muss. Als Rollstuhlfahrerin bin ich mit beiden Händen stets beschäftigt, da ist es eine enorme Erleichterung, wenn ich keinen Schlüssel in die Hand nehmen muss, um ins Auto einzusteigen. Auch wenn mein allererstes Auto nicht mal eine Funk-Fernbedienung hatte, sondern ich noch mit dem Schlüssel im Türschloss herumfummeln musste und mich irgendwann gewundert habe, dass mein Schlüssel auch beim Auto nebenan passt, möchte ich den technischen Fortschritt nicht missen.

Ich gewöhne mich auch daran, dass unsere Gesellschaft mehr und mehr verarbeitet, dass Menschen mit Behinderungen am Leben teilnehmen. Sehr viele im positiven Sinne. Sie nehmen es wahr, schauen vielleicht mal, fragen mitunter, sind unbeholfen ... alles kein Problem. Okay, wenn ich am selben Tag zum zwanzigsten Mal gefragt werde, ob ich Hilfe brauche, kann es nerven, aber immerhin fasst mich inzwischen fast niemand mehr einfach so an. Das war vor Jahren noch anders.

Manche Menschen haben aber bekanntlich große Probleme. Zu denen rechne ich auch einen jungen Mann, den ich gestern beim Einkaufen beobachtet habe. Normalerweise blende ich wegen der nach wie vor vorhandenen Gafferei sehr viel um mich herum aus. Manchmal bekomme ich in einer Fußgängerzone gar nicht mit, dass jemand an mir vorbeiläuft, den ich kenne. Wenn ich jemanden beobachte, hat das meistens einen sehr guten Grund. In diesem Fall war es ein sehr schlechter: Der Mann erlaubte sich einen Spaß damit, Einkaufswagen, die Menschen am Rand des Gangs geparkt hatten, ganz subtil in die Gangmitte zu ziehen, ebenso Rollcontainer und einen Pappkarton. Im ersten Moment dachte ich, er erlaubt sich einen Scherz auf Kosten eines Bekannten, der mit ihm einkauft und beim Suchen erstmal aufräumen muss.

Ein eher dämlicher Scherz, weil alle anderen Leute ja auch betroffen sind. Mein Lieblings-Scherz beim Einkaufen ist es, irgendwelche Waren, die man auf keinen Fall haben möchte, unbemerkt im gemeinsamen Einkaufswagen zu platzieren. Das funktioniert natürlich nur einmal im Jahr, aber es funktioniert. Kondome, weiße Schlüpfer in Größe 62, billigsten Schnaps in der Literflasche, eine Fünf-Kilo-Box Gummitiere, zwei Dosen Bier der Hausmarke, Inkontinenzhöschen, Fertiggerichte aus der Dose oder einen 12er Karton Scheuermilch. Zuletzt habe ich Maries Mama geprankt und, während sie an der Kühltheke war, vier Zweiliter-Pakete billigsten Wein in den Wagen gestellt. Und dann ganz leidenschaftlich nach den richtigen Tampons gesucht. In den ersten zehn Sekunden war sie sich nicht sicher, ob sie den richtigen Wagen erwischt hat, dann fragte sie ihren Mann: "Brauchst du günstiges Frostschutzmittel oder warum hast du diese Sterbehilfe hier reingestellt?" - Ohne eine Miene zu verziehen, nahm er die vier Packungen und stellte sie in den Wagen, der herrenlos direkt daneben stand, und sagte: "Der hat sich im Wagen geirrt."

Jetzt musste ich nur noch hoffen, dass dieser Mensch nicht vor uns an der Kasse steht und dann erstmal der Marktleiter mit dem Stornoschlüssel aus dem Lager gerufen werden musste. Die ältere Dame, zu der der Wagen gehörte, runzelte eine Zeitlang die Stirn, ich hätte zu gerne ihre Gedanken gelesen. Dann packte sie den Wein zurück in unseren Wagen. Ich konnte den Drang, lachen zu müssen, kaum noch unterdrücken. Die Dame ging weiter, Maries Mutter kam zurück und sah den Wein schon wieder in ihrem Wagen liegen. Sie murmelte etwas mit "volltrunken", bevor sie den Wein wieder in das Regal zurückstellte, wo ich ihn hergeholt hatte.

Die gestrige Aktion des jungen Mannes richtete sich scheinbar gegen eine junge Frau, die hinter ihm lief und einen weißen Taststock in der Hand hielt. Sie musste sich ständig neu orientieren und das ganze Gerümpel zur Seite schieben, das der Typ vor ihr in den Gang geräumt hatte. Ich wollte nur noch herausfinden, ob die beiden vielleicht zusammen gehörten. Eine Neckerei? Ein Test, eine Prüfung? Aber danach sah es nicht aus. Bevor ich mich einmischen konnte, und ich hätte mich eingemischt, sprach ihn ein Mitarbeiter an. Ich konnte nicht hören, was er sagte, er redete jedenfalls auf den Typen ein, während er die Unordnung in seinem Laden wieder beseitigte. Für mich sah es so aus, als hätte der Spinner das direkt auf die offensichtlich sehbehinderte junge Frau abgesehen. Würde ich ihn damit konfrontieren, würde er vermutlich behaupten, dass er das nicht gesehen hätte.

Unsere Wege trennten sich. An der Kasse stand die junge Frau mit dem weißen Taststock plötzlich wieder vor mir. Von dem blöden Typen, der die Einkaufswagen in den Weg geräumt hatte, war nichts mehr zu sehen, dafür sprach sie jetzt die Kassiererin an: "Hallo, ich sehe Sie oft im Bus." - Häh? Soll sie jetzt antworten: 'Fein, ich Sie nicht.' Oder vielleicht: 'Ich fahre lieber Bus, weil ich mein Auto immer überall gegen lenke.' - Nein, sie antwortete: "Oh ja, ich fahre oft mit dem Bus Nummer ..."

Die junge Frau packte ihren Einkauf in ihren Rucksack und wollte mit Karte zahlen. Das ging alles ohne Probleme, und wenn ich nicht vorher ihren weißen Stock gesehen hätte, hätte ich von hinten nicht bemerkt, dass sie eine Sehbehinderung hat. Als sie alles im Rucksack hatte, faltete sie ihren Stock wieder auseinander und ging davon. Ich guckte die Kassiererin an, die glotzte dieser jungen Frau gefühlt endlos hinterher, wie sie zielstrebig direkt auf die Ausgangstür zuging, dann aber stehen blieb und einer Frau mit Kinderwagen auswich, die ihr entgegen kam.

Ich war kurz davor, die Kassiererin zu bitten, weiterzuarbeiten, da drehte sie sich zu mir um und murmelte: "Die ist mir schon immer suspekt gewesen. Haben Sie das gesehen? Sie ist der Frau ausgewichen, bevor sie Kontakt hatten. Bei dem Krach hier kann sie das nicht gehört haben, sondern nur gesehen."

What. The. Ich musste mich echt zusammenreißen. Ich antwortete: "Es ist ja nicht gesagt, dass sie gar nichts mehr sieht." - "Und warum hat sie dann einen Blindenstock?" - "Ich vermute, ihre Sehfähigkeit reicht nicht aus, um den Weg und alle Hindernisse rechtzeitig und zuverlässig zu erkennen. Und sie möchte ihre Umwelt sensibilisieren, dass sie nicht alles sieht." - "Wenn Sie mich fragen, ist das eine Betrügerin." - Ich holte tief Luft. Lohnte es sich? Ja. Ich antwortete: "Ich frage Sie aber nicht, und was Sie da behaupten, ist ungezogen, verachtend und respektlos. Sie sollten sich schämen." - "Was wissen Sie denn? Sie glauben gar nicht, was wir hier tagtäglich alles erleben." - "Nee, glaube ich Ihnen auch nicht. Wenn Sie jetzt vielleicht mal voran kommen könnten?!"

So eine blöde Schrippe. Ich hatte keinen Bock, mich noch über sie zu beschweren, dort rumzupetzen und in der Zwischenzeit wird mein Einkauf warm. Angesichts der Tatsache, dass viele Menschen inzwischen aufgeschlossener gegenüber Menschen mit Einschränkungen geworden sind, schmerzt so ein Vorfall gleich wieder doppelt. Diese Vorverurteilung, diese unberechtigte Kritik von Menschen, die die Situation überhaupt nicht beurteilen können, kotzt mich an. Ich muss es wirklich so deutlich sagen: Es kotzt mich an.

Das sind die gleichen Menschen, die beim Rollstuhlfahrer behaupten, er würde zu Unrecht Sozialleistungen kassieren, denn er habe gerade seinen Fuß bewegt. Ich kann nicht oft genug erwähnen, wie viele Menschen mit Behinderung arbeiten (möchten) und wie viele Rollstuhlfahrer ich kenne, die laufen können. Einige sogar so gut, dass man auf den ersten Blick nicht vermuten würde, dass sie einen Rollstuhl zu Hause haben. Und morgen vielleicht mit dem unterwegs sind, weil sie ihr Tagespensum nicht anders schaffen. Es steht niemandem zu, die Entscheidung, wann jemand ein Hilfsmittel einsetzt und wann nicht, zu kritisieren. Schon gar nicht vor Dritten in Abwesenheit. Das war und ist wirklich unterste Schublade.