Samstag, 12. April 2014

Fremde Luft

Es gibt im Leben Situationen, in denen werden wichtige Entscheidungen getroffen, ohne dass Betroffene nach ihren Wünschen gefragt werden. Mein Unfall vor knapp sechs Jahren war so eine wichtige Entscheidung, zu der ich vorher keine Wünsche äußern konnte. Ich habe diese Entscheidung inzwischen akzeptiert und mache mir keine Gedanken mehr darüber, ob und wie ich sie rückgängig machen möchte und könnte.

Ich lege heute sehr großen Wert darauf, mein Leben selbst zu gestalten. Autonomie ist mir sehr, sehr wichtig.

Es wäre sicherlich falsch, anzunehmen, dass ich mit stärkerer Selbstbestimmung meinen Unfall verhindert hätte. Autonomie kann nicht vor Unfall, Unglück, Krankheit oder anderen Dingen, die sich niemand wünscht, schützen. Ferner lassen sich auch mit einem noch so selbst bestimmten Leben keine bereits bestehenden (körperlichen) Einschränkungen ausgleichen. Dem Irrglauben, dass das funktionieren könnte, sitzen gerade einige Sportkolleginnen und Sportkollegen auf, die Autonomie mit Unzuverlässigkeit, Egoismus und Illoyalität verwechseln und sich damit gerade zunehmend selbst isolieren.

Meine Mutter fühlt sich derzeit von ihren Nachbarn bedroht. Menschen in der Wohnung nebenan bestrahlen sie mit Mikrowellen, vergewaltigen sie permanent. Niemand hilft ihr, niemand beschützt sie. Dabei sind die Spuren, wie beispielsweise ein Sonnenbrand im Gesicht, offensichtlich. Dass der vermutlich eher von einem strahlenden Himmelskörper als von einer strahlenden Mikrowelle der Nachbarn ausgelöst wurde, beweist einmal mehr, dass derzeit alle gegen sie sind. Auch die eigene Tochter, denn die hält sich nach wie vor auf Distanz.

Sie unternimmt alles mögliche, um mit mir in Kontakt zu kommen. Das Sperren meiner Kreditkarten hat zwar nervige Folgen, aber die Bank hat sich entschuldigt, mir ein neues Kartendoppel per Kurier nach Hause geschickt und mich zum Essen eingeladen. Damit ist das (soweit es die Bank betrifft) für mich auch erledigt. Ich kann diese Entschuldigung annehmen. Nachdem ich mit meiner Mutter darüber aber nicht ins Gespräch kommen möchte, weder für eine Erklärung, für eine Aussprache, noch für eine Entschuldigung, triggert sie immer weiter.

Seit Tagen sitzt sie fast permanent vor meiner Haustür. Teilweise legt sie sich sogar quer vor unsere Hauseingangstür. Es ist einfach nur schrecklich und ich fühle mich total hilflos. Sie hat kein Geld, sie ist wegen ihres psychischen Gesundheitszustandes angeblich nicht haftfähig, eine Aufnahme in eine psychiatrische Klinik lehnt sie ab und zwangsweise geht das nur bei akuter Eigen- oder Fremdgefährdung. Dafür reicht aber nicht aus, ein bißchen vor einer Haustür rumzuliegen - zumindest reicht es nicht für länger als eine Nacht. Am Morgen, nachdem der sozialpsychiatrische Dienst sie hat einweisen lassen, war sie wieder da. Offiziell entlassen. Auch die Betreuerin kann oder möchte nicht viel machen. Jeder Mensch habe einen Anspruch auf Freiheit, auch der psychisch kranke. Sie war lange Zeit in der Psychiatrie, man habe alles für sie getan, was getan werden könne. Nur weil sie nervt, könne man sie nicht wegsperren.

Vielleicht muss ich lernen, die Autonomie, die ich für mich einfordere, auch meiner Mutter zuzugestehen.

Sofie hat lange mit ihr gesprochen, ohne an ihrem Verhalten irgendwas beeinflussen zu können. Sofie sagt, meine Mutter sei schwer krank und gehöre eigentlich in eine Klinik. Maries Mutter hat sie auch vor meiner Haustür besucht, ihr hat sie nach drei Minuten in die Hand gebissen und sie an den Haaren gezogen. Da Maries Mutter Kampfsport macht, war das -zum Glück- ein ungleicher und daher sehr kurzer Kampf. Meine Mutter erzählte anschließend der Polizei, sie hätte eine Graffitti-Sprayerin in die Flucht geschlagen, die ihr den Ehemann ausspannen (!) und außerdem die Mauersteine, auf denen sie gerade sitzt, mit giftigen Substanzen auflösen wollte. Die Polizei hat sie nach Hause gefahren, nach zwei Stunden saß sie mit einer Thermoskanne auf der Bank gegenüber.

Sie ist auch bereits mehrmals auf dem Unigelände aufgetaucht, nur hat sie dort bisher noch kein Theater gemacht. Außer dass sie eine Mitarbeiterin in der Verwaltung permanent anruft und ihr auf den Keks geht. Ich habe noch immer keinen Praktikumsplatz. Ich weiß auch nicht, wo ich mich bewerben soll, denn sie wird mich auch dort finden und dann möglicherweise da auf Station oder in der Ambulanz oder wo auch immer man mich einsetzen wird, auftauchen. Das geht nicht. Auch beim Sport brauche ich mich im Moment nicht blicken lassen, denn auch dort taucht sie auf. Ich bin mir manchmal, ehrlich gesagt, nicht sicher, ob sie diesen Unsinn, Nachbarn würden sie bestrahlen, wirklich glaubt, oder ob das nur vorgespielt ist, um nicht bestraft werden zu können. Ich bin kein Psychiater, aber ich finde es auffallend, welchen Stuss sie einerseits erzählt; andererseits überzeugt sie Menschen davon, Kreditkarten zu sperren und findet sich überall in Hamburg zurecht und kann sich genau merken, wann sie mich wo treffen könnte. Lange genug war sie ja in der Klinik, um sich abzugucken, wie andere Leute mit anderen Krankheiten so drauf sind...

Maries Mutter setzt sich derzeit mit meinem Einverständnis oder vielmehr auf meine Bitte dafür ein, dass ich die Uni wechseln kann. Alle, die im Moment berechtigterweise in meiner Nähe sind, finden die Idee recht gut, für zwei oder drei Semester etwas weiter weg zu studieren. Ob das klappen kann, klärt sich am Montag. Und Marie, lieb wie sie ist, sagt: "Wenn das klappen sollte, komme ich zum nächsten Semester nach. Dann bist du da nicht ganz alleine und jede Medizinstudentin sollte auch mal für ein paar Semester fremde Luft schnuppern."

Mittwoch, 9. April 2014

Tanken und anderer Wahnsinn

Da steht man an der Tankstelle, hat knapp 60 Liter Diesel frisch gezapft, möchte bezahlen, gibt dem Verkäufer durch den Nachtschalter die Karte - und wird nach drinnen gebeten. "Das ist ein wenig blöde mit dem Rollstuhl, kommen Sie doch bitte rein."

Das war ja noch nie da. Bevor ich diskutiere, rolle ich zur Tür. Er kommt von innen zur Tür, öffnet sie, lässt mich rein. Die Tür schließt sich hinter mir, ein deutliches vernehmbares "Klack" lässt mich realisieren, dass ich ohne seine Hilfe hier nicht wieder raus komme. Der Verkaufsraum ist recht groß, bis auf den Nachtschalter spärlich beleuchtet. Irgendwie wird mir gerade etwas mulmig. "Ich würde Sie bitten, mit mir hier kurz auf die Polizei zu warten." - "Was?!" - "Ja, erkläre ich Ihnen gleich."

"Nee, das erklären Sie mir jetzt. Sie halten mich nicht ohne Grund fest." - "Bleiben Sie mal ganz ruhig. Ich rufe jetzt die Polizei und dann sehen wir weiter." - "Warum wollen Sie die Polizei rufen? Was habe ich falsch gemacht?" - "Die Karte, die Sie mir eben gegeben haben, ist gestohlen und zum Einzug vorgesehen. Ich habe keine Wahl und muss die Polizei rufen." - "Das ist meine Karte. Hier ist mein Personalausweis, vergleichen Sie das."

Immerhin lässt er mit sich verhandeln. Er nimmt meinen Ausweis. - "Haben Sie die Karte als gestohlen gemeldet?" - "Nein." - "Das ist mir alles nicht geheuer, woher soll ich wissen, dass Sie nicht die Karte als gestohlen gemeldet haben, um später behaupten zu können, Sie hätten damit nicht bezahlt?" - "Weil ich das nicht nötig habe?! Ich tanke hier regelmäßig, meine Bilder sind auf der Videoüberwachung, ich fahre im Rollstuhl, bin also auffällig und leicht wiedererkennbar. Da drehe ich doch nicht so ein Ding." - "Haben Sie genug Geld dabei, um das bar zu bezahlen?" - "Ich muss schauen, vielleicht. Ja, habe ich." - "Noch verdächtiger. Warum zahlen Sie dann mit Karte?" - "Das ist doch meine freie Entscheidung." - "Es ist merkwürdig." - "Wie Sie meinen." - "Ich rufe jetzt die Polizei. Dann sehen wir weiter. Wenn Sie nichts angestellt haben, haben Sie ja auch nichts zu befürchten."


Super. Irgendwann werde ich Mitglied in dem Verein. Keine drei Minuten später fährt ein Streifenwagen auf das Tankstellengelände. Zum Glück ohne Lalülala. Ich bin erstaunlich ruhig und denke: 'Hier steht die Verbrecherin, kommen Sie ruhig näher. Am besten nehmen Sie mich heute Nacht mit in die Zelle, weil die Bank erst morgen früh erklären kann, warum sie meine Karte sperrt.'

Sozialfälle sind bei der Polizei Frauensache. "Mach du das mal", sagt der männliche Polizist zu seiner Kollegin vor der Glastür. Deutlich hörbar. Der Verkäufer öffnet die Tür, die beiden treten ein. Der Mann bleibt an der Tür stehen, die Frau fragt, was denn los sei. Der Mitarbeiter holt meine Karte und den Bon. Auf dem steht: "Karte gestohlen, sofort einziehen." - Er sei verpflichtet, dann die Polizei zu rufen, das stehe in seinen Dienstanweisungen. Die Polizistin fragt mich: "Darf ich dann erstmal Ihren Ausweis sehen?"

"Den hat er schon", antworte ich und deute auf den Verkäufer. Sie guckt sich das alles an und sagt: "So, der Name stimmt ja überein, warum zahlen Sie mit einer als gestohlen gemeldeten Kreditkarte? Bevor Sie was sagen: Da steht ja nun möglicherweise eine Straftat im Raum, denn wenn Sie die Karte als gestohlen gemeldet haben und hinterher damit bezahlen, könnten Sie in der Absicht gehandelt haben, die Kreditkartengesellschaft zu betrügen. Sie müssen sich vor der Polizei also zu der Sache nicht äußern, wenn Sie das nicht möchten." - "Ich habe die Karte nicht als gestohlen gemeldet." - "Das ist alles, was Sie dazu zu sagen haben?"

Ich zucke mit den Schultern und nicke. Die Polizistin sagt: "Das überzeugt mich nicht. Wissen Sie, wie viele Leute sowas machen und sich dabei sehr schlau vorkommen?" - "Nein, das weiß ich nicht. Ich habe sowas nicht gemacht, komme auch nicht auf solche Ideen und komme mir auch gerade ziemlich blöd vor. Ich denke, dass sich das bei einem Gespräch mit der Bank aufklären wird." - "Mein Kollege prüft gerade mal ab, ob Sie schon öfter mit solcher Sache aufgefallen sind." - "Dann hätte ich bestimmt noch eine auf meinen Namen ausgestellte Kreditkarte." - "Sie geben es also zu?" - "Was gebe ich zu?" - "Dass Sie es heute zum ersten Mal gemacht haben?" - "Verdrehen Sie mir bitte nicht das Wort im Mund." - "Werden Sie bitte nicht frech. Was machen Sie beruflich?" - "Ich bin Studentin." - "Studentin? Also knapp bei Kasse, oder? Und dann für 80 Euro tanken, das ist schon viel Geld." - "Sie fragen mir etwas zu einseitig. Sie belasten mich. Dass die Bank eventuell einen Fehler gemacht haben könnte, ziehen Sie gar nicht in Betracht." - "Es gibt sowas wie eine kriminalistische Erfahrung. Die Wahrscheinlichkeit sagt mir, dass es unwahrscheinlich ist, dass die Bank sich irrt. Und Sie verhalten sich einfach verdächtig. Ist das Ihre Geldbörse da auf dem Schoß? Darf ich mal bitte?"

Bevor ich was sagen kann, greift die Polizistin zu und durchsucht mein Portmonee. In Ordnung finde ich das nicht, aber finden wird sie auch nichts. "Ah, noch mehr Kreditkarten. Wollen wir mal ausprobieren, ob die auch gesperrt sind?" - "Nö", antworte ich. Ich glaube auch nicht, dass ich das muss. Ich weiß auch nicht, was daran nun verdächtig oder unverdächtig sein soll, das ist ein Kartendoppel meiner Hausbank und zu einem Kartendoppel gehören, wie der Name schon sagt, immer zwei Karten. Nachdem die Abfrage über Funk nichts gebracht hat und in meinem Portmonee weder Rauschgift noch andere verbotene Dinge sind, fragt die Polizistin, ob ich damit einverstanden bin, dass sie die anderen Karten sicherstellt. Ich sage, dass ich nicht damit einverstanden bin. "Sie wissen aber, was passiert, wenn Sie heute Nacht noch woanders mit einer weiteren als gestohlen gemeldeten Karte zahlen, ja?" - Den blöden Spruch, dass ja nun der Tank voll ist, spare ich mir natürlich. Ich darf nach einer umfangreichen Belehrung nach Hause.

Frank meinte zu Hause gleich: "Das darf doch nicht wahr sein. Dich kann man nirgendwo alleine hin lassen." - "Na vielen Dank." - "War die Karte abgelaufen am 31.03.?" - "Nein, die war noch über drei Jahre gültig." - "Und wer hat die jetzt?" - "Die Polizei."

Am nächsten Morgen rief ich nicht an, sondern fuhr gleich persönlich zu meiner Bank. Auf die Ausrede war ich nun wirklich gespannt. Wenn die Nummer vielleicht abgefischt worden war und man die Karte sperrt - aber dann gleich als gestohlen "zur Fahndung" ausschreiben? Man bräuchte mich ja einfach nur anrufen. Die Filiale wurde geöffnet, ich rollte rein. Am Empfang bat ich darum, mit meiner Beraterin sprechen zu dürfen. Die sei heute nicht im Hause. Ich erzählte kurz, in Hörweite stand eine Frau mit einem Becher Tee in der Hand, es war die Chefin der Filiale, sie bat mich in ihr Büro.

Sie sagte, sie habe gestern einen Anruf bekommen, dass mir meine Handtasche mit allen Karten, Handy, Schlüssel geraubt worden sein soll. "Eine aufgeregte Frau war am Telefon. Sie war von der Zentrale durchgestellt worden. Sie konnte mir Geburtstag, Geburtsort und die aktuelle Anschrift nennen. Ich habe nach dem Gespräch auf dem Handy zurückgerufen unter der bei uns gespeicherten Nummer, dort ging niemand dran. Ja, es kam mir komisch vor, weil ich auch nach dem ungefähren Kontostand gefragt habe, einfach zur Plausibilitätskontrolle, und diejenige so aufgeregt war, dass sie gar keine Antwort wusste. Sie wusste auch keine Karten- oder Kontonummer. Sie könne sich Zahlen schlecht merken. Aber es war eine aufgeregte Frau, sie wollte keine Auskünfte, sie wollte nur verhindert wissen, dass die Leute, die die Handtasche gestohlen hätten, jetzt mit den Karten zahlen könnten. Da habe ich abgewogen und mich entschieden, die Karten sicherheitshalber zu sperren. Wäre der Anruf echt gewesen und ich hätte nicht gehandelt, wäre es auch verkehrt gewesen. Ich musste mich entscheiden und habe mich nun offenbar falsch entschieden - will Sie jemand ärgern? Wer macht sowas? Haben Sie eine Idee?"

Ja, die hatte ich. Die Idee. Dass das jemand war, der mich über meinen Blog kennt, hielt ich für eher unwahrscheinlich. Aber über meine Mutter musste ich mir mal wieder Gedanken machen. Ich war kaum aus der Bank raus, da rief mich eine Mitarbeiterin meines Sportvereins an. Man habe gestern einen Anruf bekommen, bei dem eine Frau sich als Mitarbeiterin eines Sportverbandes ausgab und meinen Namen im Zusammenhang mit einer falschen Adresse nannte. "Wir konnten Frau ... unter dieser Anschrift nicht erreichen, die Post ist wieder zurück gekommen." - Selbstverständlich habe man keine "aktuelle" Anschrift rausgegeben, sondern um eine Anfrage per Mail gebeten. Nicht zuletzt, weil ein entsprechender Hinweis im System hinterlegt sei.

Keine Frage, bei irgendeinem solcher Anrufe muss sie meine Anschrift herausbekommen haben, denn die Bankberaterin sagte ja, dass sie die korrekte Anschrift in dem Gespräch genannt hat. Und es wundert damit auch niemanden mehr, dass sie ab 14 Uhr bei mir vor der Tür stand. Nicht reingelassen wurde, draußen Terror machte. Sofie rollte nach unten, versuchte, mit ihr zu reden. Nichts zu machen. Es gibt noch immer einen Gerichtsbeschluss, der ihr die Kontaktaufnahme verbietet. Frank rief die Polizei, die Polizei brachte sie nach Hause, zwei Stunden später stand sie wieder unten und machte Terror. Fünf fettige Pizzen hatte ich auch an der Haustür. Vermutlich kommen als nächtes ein paar Katalogartikel. Marie hat mir bereits angeboten, ein paar Tage bei ihr zu schlafen. Bisher war das noch nicht nötig. Aber man weiß ja nicht, was hier noch so alles passiert. Nein, es wird nie langweilig. Und es passiert noch was, das ist so sicher wie der Gestank meiner Socke.

Samstag, 5. April 2014

Leben in Hamburg

Nein, es sind nicht meine Stinkesocken, die eine Seite des aktuellen Magazins der Aktion Mensch (erscheint quartalsweise) schmücken. Mit diesem Grauschleier würde ich mich nicht fotografieren lassen. Auch nicht meine Socken. Und schon gar nicht für ein öffentliches Magazin. Aber der Kompromiss musste sein, denn meine Fratze sollte da erst recht nicht zu sehen sein. Dann spricht mich nämlich künftig wirklich jeder in Hamburg an. Und meine Socken wollten sie nicht...

Nun, es hat ein wenig gedauert mit der Veröffentlichung. Ein halbes Jahr, um genau zu sein. Und leider war viel zu wenig Platz, so dass etliches weggefallen ist. Aber jetzt ist er endlich da: Stinkesockes offizieller Hamburg-Touri-Führer. Yeah! Fünf Tipps für einen Tag in Hamburg. Mit Rolli...

Achso, und Sportlerinnen stehen früh auf, nä?!

Bis ich ein gedrucktes Exemplar in den Händen halte, kann ich nur auf die Online-Version des Artikels verlinken. Aber die kann man sich sogar vorlesen lassen. Klickst du hier!

Durch die Tür

Ich brauche für die zwei Wochen nach Ostern einen Praktikumsplatz in einer Klinik. Während die meisten Kommilitonen schon alles unter Dach und Fach haben, bin ich noch immer auf der Suche. Bei uns auf dem Gelände ist nichts mehr frei, aber es gibt genügend so genannte "akademische Lehrkrankenhäuser" in Hamburg, die ebenfalls für so ein Praktikum zugelassen sind.

Nun kam ich gestern mittag im Personalbüro eines solchen akademischen Lehrkrankenhauses an. Mit Termin, nach einer entsprechenden Bewerbung. Ich wurde von einer Sekretärin in ein leeres Büro geführt, ein Mitarbeiter wolle sich gleich mit mir unterhalten.

Nach etwa 10 Minuten kam dieser rein. Geschätzt um die 40 Jahre, Polohemd, Wildlederschuhe. Sein erster Kommentar, noch vor einer Begrüßung: "Wie ist denn der Rollstuhl hier reingekommen?"

Ich überlegte nicht lange. Vorstellungsgespräche sollen Bewerber mitunter provozieren. Falls die Frage ernst gemeint war, war ich ohnehin im falschen Film. Also antwortete ich frech: "Durch die Tür!"

Der Mitarbeiter schien das tatsächlich ernst gemeint zu haben. Er stammelte: "Durch ... die ... achso, ja. Durch die Tür?"

Ich holte weiter aus. Nickend: "Durch die Tür." Und kopfschüttelnd: "Nicht durchs Fenster. Auch nicht durch den Schornstein."

Seine Antwort: "Ähm. Ja. Ich weiß gar nicht ... also." - "Ja?" - "Was ist denn..."

Das konnte nicht ernst gemeint sein. Ich lief zur Höchstform auf: "Was ist eine Tür? Also, eine Tür ist ein optimalerweise vom Tischler aus Holz gefertigtes Objekt, das temporär diejenigen Löcher verschließt, die die Maurer in den Wänden lassen. In erster Linie zwecks Zugangskontrolle."

Er stammelte weiter: "Zugangskontrolle. Ja natürlich. Ich ... ähm ... bin nur gerade etwas perplex, denn in Ihrer Bewerbung stand nicht ... also das mit dem Rollstuhl! Ich meine, das hat man ja nicht alle Tage, dass man mit sowas konfrontiert wird. Also dass ... die meisten Rollstühle sind ja alt."

Verwendete er tatsächlich die Wörter "sowas" und "Rollstuhl" für den Menschen, der ihn benutzte?! Das Gespräch war sowieso gelaufen. Ich sagte dümmlich: "Meiner ist noch gar nicht soooo alt jetzt. Ich finde, er sieht auch noch ganz passabel aus, oder?"

Er musterte mich, dann sagte er: "So meine ich das nicht. Ich meine, dass es ja eher unüblich ist, dass jemand in jungen Jahren im Rollstuhl fährt. Es sei denn, er ist krank, aber dann hat man ihn auf Station."

Oder im Heim, dachte ich mir leise. Hauptsache, 'man hat ihn'. Ich antwortete: "Naja, ob jemand im Rollstuhl durch die Gegend fährt, hängt ja primär von seiner Gehfähigkeit ab."

Er hatte sich halbwegs wieder gefangen und sagte: "Ich sehe, Sie werden mal eine gute Ärztin. Sie wollen bei uns Praktikum machen, ja?"

Ich antwortete: "Nein."

Nun war es endgültig vorbei. "Nein? Aber das hatten Sie mir doch geschrieben!? Oder verwechsel ich Sie jetzt? Weswegen sind Sie heute hier? Helfen Sie mir bitte auf die Sprünge!"

Ich drehte mich bereits in Richtung des mit einer beweglichen Holzplatte verschlossenen Lochs in der Wand und sagte: "Ich hab es mir gerade anders überlegt. Mir gefällt der Umgang Ihres Hauses mit behinderten Menschen nicht. Ich glaube, dass das, was ich im Praktikum hier lernen würde, nicht gut für mich ist. Ich versuche es daher woanders und wünsche Ihnen noch einen schönen Tag."

"Oh warten Sie, ich öffne Ihnen die Tür!" - Jetzt wusste er ja, was eine Tür ist. Und wie ein Rollstuhl ins Haus kommt. Oder es verlässt. Schade, dass der Weg zu weit war, um die Geschichte lustig zu finden. Und schade, dass ich mich manchmal nicht mehr zurückhalten kann. Wahrscheinlich war mein Verhalten nicht klug. Hätte ich die Klappe gehalten, hätte ich vermutlich den Praktikumsplatz bekommen. Aber andererseits geht es mir so sehr viel besser. Eine neue Chance ergibt sich am Dienstag. Zwei Eisen habe ich noch im Feuer.

Freitag, 4. April 2014

Nochmal Wüste

Es gibt zur Zeit bei mir nur zwei Themen, und trotzdem wird es nicht langweilig. Mir zumindest nicht.

Gerade kam ich völlig dehydriert zurück aus der deutschen Servicewüste, da muss ich schon wieder hinein. Oder vielleicht war ich auch nie wirklich draußen?

Erwarte ich eigentlich zu viel, wenn ich erwarte, dass ein Autohaus mich bezüglich meiner Bestellung eines Neuwagens auf dem Stand der Dinge hält? Ende Januar sollte das Auto fertig umgebaut bei denen auf dem Hof stehen, inzwischen haben wir April und das Ding ist noch nicht mal in der werkseigenen so genannten "After-Sales-Werkstatt", in der der behindertengerechte Umbau des Fahrzeuges vorgenommen wird. Beziehungsweise ich wusste erstmal nicht, ob es da vielleicht schon steht, denn mein Autohaus redet im Moment nicht mehr mit mir. Ja, krasse Worte. So empfinde ich es aber.

Am letzten Freitag, also vor einer Woche, wollte man sich wieder bei mir melden und mir einen aktuellen Stand durchgeben. Das habe ich meinem Verkäufer abgerungen. Also dass er mich anruft und nicht ich es bin, die den ganzen Tag vergeblich versucht, ihn mal ans Telefon zu bekommen. Irgendwie war klar, dass dabei nichts rauskommt, und nach einer Woche des Wartens war ich es denn mal wieder, die zum Hörer gegriffen hat. "Ja, der Kollege ist krank und leider kann niemand anderes in die Unterlagen schauen."

Leute, für wie blöd haltet ihr mich eigentlich? Was macht ihr denn, wenn einer Eurer Verkäufer vom Blitz getroffen wird? Ich komme mir vor wie in der Eiszeit, wo alle Ehen geschieden sind, sobald das Standesamt schmilzt! Klar, ich bin eine Kundin mit Sonderwünschen. Die auch noch so viel Rabatt vom Hersteller versprochen bekommt, dass das Autohaus an mir kaum noch was verdient. Aber was kann ich denn dafür? Und sonst gebt mir wenigstens meine Bestellnummer, damit ich selbst dort anrufen und nachfragen kann. "Das sind interne Daten, die nicht ohne Grund geheim gehalten werden. Schließlich wünschen wir keine Sonderabsprachen des Kunden mit dem Werk, für die wir am Ende haften müssen."

Als ich Frank das erzählte, tippte er sich an die Stirn. Frank ist ohnehin schon genervt, denn er ärgert sich derzeit mit demselben Autohaus herum. Wegen Sofies Touran, den ich hin und wieder mitnutzen kann. Zum Glück. Besagter Touran war wegen eines Garantiemangels in der Werkstatt. Der Beifahrersitz ließ sich nicht mehr umklappen, das Verladen des Rollstuhls war damit erheblich erschwert. Das Problem war ein ausgehakter Seilzug, der aber schon zum vierten Mal ausgehakt war. Mit entsprechender Welle hatte man sich schlussendlich bereit erklärt, das komplette Sitzgestell auszutauschen. Frank hatte darum gebeten, dass das dann vor Ort ist, damit das Auto nicht endlos in der Werkstatt steht.

Ende vom Lied: Das Auto stand vier Tage in der Werkstatt, weil man nach Ausbau des Beifahrersitzes festgestellt hatte, dass das Ersatzteil ja doch noch gar nicht da ist. Und das war dann zwar am nächsten Mittag in Hamburg, jedoch brauchte es noch drei weitere Tage, bis alles wieder zusammengebaut war. Und dabei hat man dann auch noch zwei tiefe Schrammen ins Armaturenbrett gemacht. Sofies Glück war es, dass sie die sofort gesehen hatte, bevor sie das erste Mal wieder ins Auto stieg. Ihr kam es komisch vor, dass der Kundendienst-Mitarbeiter ihr nur am Tisch den Schlüssel aushändigte. Nach dem Motto: "Und tschüss." - Eigentlich begleitet man den Kunden ja einmal zum Auto und zeigt, was man getan hat und dass alles wieder funktioniert.

"Das kommt von Ihrem Rollstuhl, den Sie dorthin immer verladen." - "Ich war ja gar nicht wieder im Auto. Außerdem verlade ich den Stuhl von links nach rechts. Die Schrammen sind aber in einem Bereich, an den der Rollstuhl nur dann kommen könnte, wenn man ihn durch die offene Beifahrertür einlädt. Und dann wäre da auch nichts derart Scharfkantiges. Zudem hängen da noch frische Späne dran." - Und während Sofie auf Frank wartete, wollte man ihr noch erklären, dass das alles nicht am defekten Sitzgestell lag, sondern daran, dass jemand das Sitzgestell gefettet hatte. Was nicht vorgesehen sei. Somit wäre das eigentlich keine Gewährleistung, aber man sei ja kulant. Als wenn irgendwer von uns auch nur ansatzweise wüsste, wo er was fetten könnte, ohne dass das sich an den Polstern abreibt oder ähnliches. Das wird die Werkstatt selbst bei einer der vorherigen Werkstattbesuche gemacht haben.

Lange Rede, kurzer Sinn: Ich habe Frank zwei Mal belächelt, als er mir ein Schreiben aufgesetzt hat, mit dem ich dem Autohaus schriftlich eine Nachfrist für die Bestellung gesetzt habe. Jurist halt. Inzwischen könnte ich ihn knutschen. Er nahm die Stinkesocke an die Hand und rollte mit ihr zu einem anderen Autohaus, das uns Maries Vater empfohlen hatte. Ein kleiner Familienbetrieb. Nicht 30, sondern nur vier Neuwagen im Verkaufsraum. Wir hatten einen Termin beim Junior-Chef. Und der hatte Zeit! In Wirklichkeit bestimmt nicht, aber er hat sich die Zeit genommen, die wir brauchten. Und er hatte ein ernsthaftes Interesse. "Ich hatte zwar erst einen Kunden, der einen Umbau ab Werk hatte, der ältere Herr hatte rechts eine Prothese und hat mit links Gas gegeben, also wurde das Gaspedal im Fußraum verlegt. Aber die Telefonnummern habe ich genauso wie der Mitbewerber, und ich rufe da jetzt mal den Leiter dieser Werkstatt an."

Sprach es aus und hatte innerhalb von fünf Minuten auch ohne die Auftragsnummer alle nötigen Infos. Das Auto wird in der kommenden Woche gebaut und ist danach etwa zwei Wochen in dieser After-Sales-Werkstatt. Das ist bereits disponiert, der Termin steht. Anschließend dauert es noch etwa eine Woche, bis das Auto nach Hamburg überführt ist. Und, was ich nie für möglich gehalten hätte, er griff gleich noch einmal zum Telefonhörer, rief den Chef des Autohauses an, mit dem ich die beiden Lieferverträge habe. "Die sitzen hier bei mir. Eure Kundin und ihr Anwalt. Sie stornieren die Bestellung, Fax geht heute abend raus, zwei Nachfristen sind verstrichen. Ich will mich da nicht einmischen, aber ich biete Euch an, dass ich die Kundin übernehme. Ihr seid sie los und mit ihr den ganzen Ärger, der sonst jetzt losgeht. Was wollt ihr mit einem umgebauten Vorführfahrzeug? Ich werde ihr klar machen, dass ich sie nur übernehme, wenn sie auf alle rechtlichen Schritte gegen Euch verzichtet."

Zehn Minuten später rief er zurück. Sie gehen darauf ein. Die Bestellung wird storniert und anschließend beim Werk so umgestellt, dass ein anderes Autohaus diese Bestellung bekommt. Darum will sich der Junior-Chef am Montag kümmern. Und die Bestellung von dem Bus kommen auch mit in die neuen Hände. Jetzt kann ich nur hoffen, dass der neue Weg besser ist und endlich mal alles klappt.

Donnerstag, 3. April 2014

Ein Heli und ein Freund

Nachdem ich ja bekanntlich eher ein Anhänger dramatischer Krankengeschichten bin, eigener wie auch fremder, wundert es niemanden, wenn ich gleich drei Tage nach dem letzten Drama noch einmal nachlegen kann. Oder? Ja, ich weiß, so oft können solche Dinge nicht passieren. Aber: Trotzdem. Wer es nicht lesen will, scrollt einfach weiter.

Ich fasse mich dieses Mal mal kürzer. Ich bin mit meinem Handbike (jenes zum Vorspannen vor den Alltagsrollstuhl, also nicht mein Rennbike) zu einem Freund unterwegs. Wir wollen uns auf einen Kaffee oder eine heiße Schokolade treffen, endlich mal wieder. Mich überholt ein Rettungswagen mit Lalülala, was in Hamburg nun eher nicht so selten ist, vor allem dann nicht, wenn man gerade an einer Feuerwehrwache, in der das Ding stationiert ist, vorbei gekommen ist. Und während ich weiterfahre, höre ich über mir ein sehr plötzlich sehr laut werdendes Dröhnen. Und noch während ich kurz nach oben blicke, um zu schauen, woher der Lärm kommt, drängt sich mir ein roter Hubschrauber ins Blickfeld, der offenbar gerade landen will. Nicht direkt auf meinem Schoß, aber irgendwo in unmittelbarer Nähe.

Ich muss unter einer Eisenbahnbrücke hindurchfahren und an einer Ampel warten, und als ich auf der anderen Seite wieder freien Blick habe, ist der Hubschrauber weg. Also tatsächlich irgendwo gelandet. Und während ich um die nächste Kurve fahre, höre ich für einen Moment noch das Herunterfahren der Turbinen, das immer mal wieder von dem Straßenlärm übertönt wird. Ich bin ja kein Fan von neugierigen Gaffern, aber die Frage, wo dieser Hubschrauber geblieben ist, ließ mir nun irgendwie doch keine Ruhe. Immerhin landet er ja selten direkt neben dem Verletzten und soooo oft bekommt man so ein Spektakel ja nun nicht geboten. Ich hielt auf einer Straßenbrücke und versuchte, auf einer etwas weiter entfernten Wiese etwas mit dem bloßen Auge zu entdecken. Nö, nix. "Na gut, dann eben nicht", dachte ich mir. Und plötzlich kommen aus einem Einkaufscenter, keine 20 Meter entfernt, zwei Jungs in roter Hose und schwarzer Jacke mit allem möglichen Equipment in den Händen, gehen schnellen Schrittes zu einer Treppe, die genau zu der Straßenebene führt, auf der ich warte.

Wieso kamen die aus dem Einkaufscenter? Ich guckte genauer und sah den Heli: Oberstes Deck, Center-Parkhaus. Es hätte unter Garantie ein sensationelles Foto werden können, wenn ich dorthin fahre und mich im Rolli daneben fotografieren lasse, während das Ding ausgerechnet die vier Behindertenparkplätze auf der obersten Ebene blockiert. Oder so. Nein, keine Angst, solche Fotos wird es von mir nicht geben. "Tschuldigung", wurde ich von dem Sanitäter angesprochen, "wissen Sie, wo hier [ein Schnellimbiss einer Mega-Franchise-Kette] ist?" - "Hier über die Ampel, da vorne um die Hausecke, auf die andere Straßenseite, rechts am Parkhaus vorbei ... ach warten Sie, ich komme eben mit. Bevor Sie sich erst verlaufen."

"Das ist super nett von Ihnen." - Nein, ich habe nicht erzählt, dass ich mit genau dem Heli schonmal geflogen bin. Schließlich interessiert mich ja auch nicht, wer schonmal beinahe, kurzfristig oder sonstwie in einem Rollstuhl gesessen hat. Die beiden haben gerade andere Sorgen. "Mit dem Ding sind Sie ja richtig fix, ich komme gar nicht hinterher", sagte der Notarzt. Ich fuhr gerade mal 8 km/h. Wenn der wüsste, dass man mit dem Ding locker auf 30, bergab auf 40 km/h kommt... - "Da hinten links ist es. Da steht auch schon ein Rettungswagen vor der Tür." - "Alles klar, vielen, vielen Dank."

Ich drehe um und fahre zurück. Schon wieder Lalülala. Dieses Mal von vorne. Die Polizei. Hält direkt neben mir mit eingeschaltetem Blaulicht in zweiter Reihe gegen die Fahrtrichtung. Und wartet anscheinend auf die beiden, die aus dem Einkaufscenter kommen sollen. Um sie 300 Meter zum Einsatzort zu fahren? Ja, Jungs, schnell aber trotzdem zu spät. Das Fenster ist offen. "Warten Sie auf die Heli-Besatzung?" - "Ja?" - "Die habe ich gerade zu [Schnellimbiss einer Mega-Franchise-Kette] gebracht." - "Ja, der Kollege bekommt das gerade schon über Funk. Vielen Dank!"

Nein, nicht spannend? Dann sollte ich vielleicht erwähnen, dass ich beinahe mit Bus und Bahn gefahren wäre. Dann wäre die Patientin oder der Patient vermutlich in dem Moment umgekippt, in dem ich da vorbei gefahren wäre. Auf meinen Schoß. Wetten?!

Okay. Und der Freund? Dem geht es nicht gut. Er sah nicht gut aus und kämpft derzeit mit einer nach Jahren zerbrochenen Beziehung und damit verbunden einer Isolierung, da die Exfreundin jede Menge Müll über ihn erzählt. Ich habe ihm zugehört, sogar bei ihm geschlafen. Im selben Bett. Nein, wir hatten keinen Sex. Und auch sonst nichts. Er hat sich an mich rangekuschelt. Ich habe ihn in den Arm genommen. Ob ich seinen Schmerz damit nun kurzfristig besser oder mittelfristig schlimmer gemacht habe, darüber möchte ich nicht nachdenken. Er sagte, es tat gut, mal wieder ernst genommen zu werden. Ich möchte mir gar nicht vorstellen, was man als frischer Ex so alles durchmacht. Ich hoffe, meine nächste Beziehung endet nicht so. Noch hat sie nichtmal begonnen, noch gibt es nicht mal einen passenden Typen dazu. Aber irgendwo da draußen in der weiten Welt gibt es ihn. Ich spüre es!

Montag, 31. März 2014

Ein Tag beim Arzt

Ein letzter freier Tag, bevor die Uni wieder los geht. Leider dauert es noch, bis ich verbindlich weiß, ob ich den schriftlichen Teil bestanden habe. Das wird zentral ausgewertet und man lässt sich Zeit... Allerdings kenne ich ja meine Antworten und habe sie bereits vergleichen können, und danach sieht es sehr gut aus. Zwei Fragen, bei denen ich überhaupt nicht wusste, was ich ankreuzen sollte, und geraten habe, werden wohl rausgenommen, weil die Aufgabenstellung falsch war. Bei der einen waren in einer Zeichnung Dinge gemalt, die es an der Stelle gar nicht gibt. Also ungefähr so wie: "Kann der Mensch bei Schnupfen auch durch die zweite Nase einatmen?"

Es ging zwar um das Knie und nicht um die Nase, aber das hier zu erklären, würde Absätze füllen. Von daher erzähle ich lieber etwas spannenderes: Marie und ich durften am letzten Freitag erneut bei Maries Mutter in der Praxis helfen, da dort zur Zeit fast alle Mitarbeiterinnen krank sind. Eine hat ihre Erkältung fast überstanden und arbeitet bereits wieder, aber eine Person alleine schafft das nicht. Hinzu kommt, dass zwei Praxen in dem Stadtteil zur Zeit wegen Krankheit oder Urlaub geschlossen sind. Ab 8.00 Uhr ist die Praxis geöffnet, ab 9.00 Uhr ist Sprechzeit - und um 8.00 Uhr standen und saßen bereits über 20 Leute vor der Tür. Marie rief mich um 8.15 Uhr an, ob ich zum Helfen kommen könne - ihre Mama und sie drehen jetzt schon am Rad.

Als ich um kurz vor 9 Uhr dort auftauchte, standen die Leute bis draußen. Die Mitarbeiterin an der Anmeldung meinte schon zu allen, die nichts wirklich dringendes hatten: "Kommen Sie bitte gegen 14 Uhr wieder." - Unser erster Job: Alles, was irgendwie mit Labor zu tun hatte. Einige kamen zur Kontrolle des Blutdrucks, einige zur Kontrolle des Blutzuckers, bei anderen sollte Blut abgenommen werden. Einige sollten vor Ort in einen Becher pinkeln, damit der Urin mit einem Teststreifen kontrolliert werden konnte. Alles unspektakuläre Dinge, die aber unheimlich zeitaufwändig sind, gerade wenn die Patientinnen und Patienten nicht mehr so gut zu Fuß sind und Minuten brauchen, bis sie vom Wartezimmer ins Labor gegangen sind. Alle streckten bereitwillig ihre Arme aus oder hielten mir oder Marie ihr Ohr hin, das war echt toll. Jedes Mal, wenn Maries Mutter hin und her rannte, steckte sie einmal kurz den Kopf um die Ecke.

Einen älteren Herren, der von uns Blut abgenommen bekam, traf sie draußen auf dem Gang. Das kurze Gespräch bekamen wir mit, auf plattdeutsch. Er ist schon in den hohen Achtzigern, mit weißem Oberhemd, Jacket, Krawatte, polierten Schuhen, und spricht Maries Mutter zwar immer mit "Frau Doktor" an, duzt sie dabei aber. Sie duzt dann natürlich auch. Er sagte zu ihr: "Da hast du dir aber zwei Perlen an Bord geholt. Deine Kleine ist ja schon so erwachsen, ich weiß noch genau, wie sie mit der Schultüte in der Hand in der Zeitung war. Wann steigt sie fest bei dir mit ein?" - "Das dauert noch zehn, zwölf Jahre." - "Was? Bis dahin lieg ich schon unter der Erde." - "Ach Quatsch, bei unser guten Pflege wirst du 100 Jahre alt." - "Wenn ich die beiden Hübschen sehe, fühl ich mich gleich 10 Jahre jünger. Muss nur aufpassen, dass mein Herz nicht aus dem Takt kommt." - "Das lass mal deine Frau nicht hören." - "Die ist sowieso böse mit mir. Hab letzten Freitag beim Stammtisch ein bißchen zu tief ins Glas geschaut." - "Bring ihr doch mal paar Blümchen mit nach Hause." - "Davon haben wir doch den ganzen Garten voll." - "Stammtisch ist auch jeden Monat. Lass dir mal einen Tipp geben von einer Frau." - "Meinst du wirklich?" - "Hilft immer, wenn sie von Herzen kommen. Oder du führst sie am Wochenende mal zum Essen aus. Soll schönes Wetter werden, da kann man vielleicht schon draußen sitzen." - "Aber..." - "Aber verzeiht dir nicht. Nun gib dir mal einen Ruck und schenk ihr ein wenig von deinem Herzen. Glück ist die beste Medizin und nach paar Tagen Streit ist doch auch mal wieder gut auf deine alten Tage. Nutzt die Zeit, die ihr zusammen habt, für schöne Dinge."

Marie und ich guckten uns an. Marie nickte kurz und machte eine Miene a la "wo sie recht hat, hat sie recht", bevor der nächste Patient zum Blutabnehmen rein kam. Als wir den Laborstau abgearbeitet hatten, bat uns Maries Mutter, uns in einem der beiden Sprechzimmer zu zweit breit zu machen und alle Patientinnen und Patienten anzunehmen, die mit Erkältungskrankheiten im Wartezimmer saßen. Wir sollten dann die Anamnese abfragen, also seit wann welche Auffälligkeiten und Symptome da sind, was schon gemacht wurde, nach Fieber und Allergien (Penicillin?) fragen, Blutdruck messen und dann in Hals und Ohren schauen sowie die Lunge abhören und die Lymphknoten im Kopf- und Halsbereich abtasten. Maries Mutter behandelte in der Zwischenzeit im anderen Sprechzimmer einen weiteren Patienten, kam aber bei jedem unserer Patienten später dazu und ließ sich von uns kurz beschreiben, was wir festgestellt hatten und hörte selbst auch nochmal die Lunge ab. Da Maries Mutter nicht darauf warten musste, was der Patient erzählte, bis er sich ausgezogen hatte etc., ging das natürlich wesentlich schneller. Und, bevor das wieder jemand fragt, natürlich wurden die Patienten von der Mitarbeiterin darauf hingewiesen, dass wir nur Studentinnen sind. "Sie können, wenn Sie wollen, jetzt zu unseren Praktikantinnen rein, die nehmen heute alle Erkältungen an, tippen schonmal alles in den Computer und hören Sie schonmal ab, die Frau Doktor kommt dann später dazu. Sie können aber auch warten, bis Sie direkt bei Frau Doktor dran sind. Das dauert dann aber etwas, da sind noch Leute vor Ihnen. Wollen Sie warten?"

Alle, die gefragt wurden, wollten zu uns. Wir haben uns mit Mundschutz und immer neuen Handschuhen hoffentlich alle Erreger vom Hals gehalten. Die Arbeitsweise klappte recht gut. Einige Leute erzählen ja endlos: "Vor zwei Wochen hab ich dreimal hinter einander geniest, aber ich dachte, das wäre Heuschnupfen, dann zitterte plötzlich mein Augenlid, aber das hat wohl damit nichts zu tun. Vorletzte Woche bin ich noch joggen gewesen, da taten mir meine Beine schon so weh, das war bestimmt ein Vorbote. Dann hab ich mir Holunderblütentee gekocht und ein wenig von dem Akazienhonig reingerührt, aber dann hat es mich plötzlich erwischt. Und dann bin ich mal früh ins Bett und dachte, hoffentlich ist es dann vorbei, aber nächsten Morgen bin ich mit Halsweh aufgewacht." Und so weiter. Immer, wenn wir am richtigen Zeitpunkt angekommen waren, gaben wir Maries Mutter einen kurzen Pieps über das Computernetzwerk und kurz danach, wenn sie mit ihrem Patienten fertig war, kam sie zu uns rein. Wir sollten immer schon sagen, was wir machen würden, und eigentlich war das recht überschaubar. Maries Mutter meinte, dass wir ihr eine sehr große Hilfe seien. Unser Problem ist nur, dass wir kaum Erfahrungen mit Krankheiten haben, also erstmal nur wissen, wie ein gesunder Körper funktioniert und bisher natürlich kaum Kontakt zu kranken Menschen hatten.

Dennoch war eine Patientin dazwischen, in den Siebzigern, konnte ohne Hilfsmittel gehen, wenn auch etwas verlangsamt, bei der merkte ich sofort, dass sie nicht nur eine Erkältung hatte. Sie meinte, sie habe seit Beginn der Erkältung sehr große Schwierigkeiten, Luft zu holen, sie habe bestimmt eine Bronchitis. Laut Kartei war sie seit Jahren nicht beim Arzt gewesen, wohl immer gesund. Sie sah irgendwie schon so komisch aus, blass und irgendwie wirkte ihr Gesicht leicht geschwollen. Sie meinte, es gehe ihr seit drei, vier Tagen sehr schlecht, sie schlafe im Sitzen, weil sie im Liegen ständig husten müsse, scheiß Reizhusten, meinte sie. Sie habe Kräuterbonbons dagegen gelutscht. Als ich ihre Lunge abhörte, hörte man irgendwie ... nichts. Ob sie mal husten könnte, fragte ich sie. Sie verneinte das. Marie hatte schon ihre Mama angepiepst, die in dem Moment reinkam. Marie erzählte ihrer Mutter kurz, was die Patientin beschrieben hatte. Nahm ihr Stethoskop, drückte es ihr auf den Rücken, ich drückte meins daneben, wesentlich weiter unten, als ich zuletzt versucht hatte, was zu hören. Man hörte nichts. Maries Mutter sagte laut: "Mal richtig tief ein- und ausatmen, Frau [...]. Nicht nur so auf Sparflamme."

Holla, die Waldfee. Was für ein Lärm. Das gluckerte und brodelte in ihrer Lunge, dann hustete sie etwas und hatte den ganzen Mund voll Sekret. "Nicht runterschlucken, Frau [...], spucken Sie das mal hier in die Schale." - Sie fing an zu würgen. Maries Mutter: "Das hört sich nicht gut an, Frau [...], gar nicht gut. Da kann ich hier auch nichts für Sie tun. Ich mache Ihnen eine Einweisung fertig für das Krankenhaus." - Sie wollte diskutieren. - "Nein, das nützt jetzt alles nichts, Sie müssen ins Krankenhaus. Sie haben die ganze Lunge voller Wasser. Wenn wir da jetzt nichts machen, ersticken Sie bald. Das muss jetzt erstmal untersucht werden und wahrscheinlich müssen Sie danach Tabletten nehmen, wenn Sie wieder zu Hause sind." - Sie wollte diskutieren, ob sie sofort ins Krankenhaus müsse oder vielleicht Montag hinfahren könnte. - "Sie müssen da jetzt hin, sofort, bis Montag überleben Sie das nicht. Ich rufe Ihren Mann an, Frau [...], machen Sie sich keine Sorgen. Das findet sich alles und vielleicht sind Sie nächste Woche schon wieder zu Hause. Bleiben Sie mal hier sitzen, ich komme gleich wieder."

Zeigte auf mich und sagte nur: "Mitkommen." - Ich rollte mit Maries Mutter nach draußen. Sie ging ans Telefon und wählte die 112. "77jährige Patientin, weiblich, mit fulminantem Lungenödem, noch ansprechbar", sagte sie dem Disponenten und reichte das Telefon an ihre Mitarbeiterin weiter. Bei "noch ansprechbar" schwante mir Böses. Und wie ja jeder weiß, ziehe ich solche Dinge magisch an. Maries Mutter legte mir einen Notfallkoffer auf den Schoß und schleppte ein mobiles Sauerstoffgerät sowie ein tragbares EKG-Gerät ab. Sie legte der Patientin einen Zugang in die Handvene, klebte das EKG auf. Sie bekam Sauerstoff unter die Nase und kam auf eine Sättigung von 94%.

Kurz danach war der Rettungdienst vor Ort. Die beiden Sanitäter waren anfangs noch recht lustig drauf. Die Frau setzte sich auf die Trage, wurde hochgehoben. "Oberkörper bleibt immer oben", sagte Maries Mutter zu den beiden. Kaum war sie auf der Trage, wurde sie von einer Sekunde auf die nächste bewusstlos, der Puls ging zunächst auf 45, dann auf < 24 runter - mit entsprechend begleitetem Lärm durch die angeschlossenen Geräte, anders als bei unserem Praktikum auf der gastroenterologischen Station. Schaum lief ihr aus dem Mund. "Intubieren, absaugen, und falls mal jemand Zeit für eine Herzdruckmassage hätte", sah man Maries Mutter das "P" in den Augen stehen. Marie und ich guckten uns an. Dass das von einer Sekunde auf die nächste so umkippen kann, hätten wir nicht vermutet. Wir hielten uns im Hintergrund. Ich kürze es ab: Es gelang Maries Mutter, massenweise Sekret aus der Lunge abzusaugen. Nach 3 x 30 Herzdruckmassagen und entsprechenden Medikamenten über die Vene schlug das Herz sofort wieder regelmäßig mit einem Puls von etwa 70. Als sie nach fast 20 Minuten soweit stabil und versorgt war, dass sie abtransportiert werden konnte, traf auch endlich mal der Notarzt ein.

Das Sprechzimmer sah aus wie ein Saustall von dem ganzen Verpackungsmüll und Zellstoff und so weiter. Maries Mutter sah aus wie aus dem Wasser gezogen. Schweiß lief ihr in Strömen durch das Gesicht, ihr Hemd war zwischen den Brüsten und unter den Armen großzügig durchtränkt. Sie setzte sich auf einen Stuhl, ihre Hände zitterten. Marie nahm sie in den Arm. "Hast du gut gemacht, Mami. Ich bin so stolz auf dich." - "Was für eine Scheiße. Mensch, war das nun nötig? Hätte sie nicht mal einen Tag eher kommen können? Warum warten die immer alle bis zur letzten Sekunde?"

Als wir ins Wartezimmer kamen, war dort Totenstille. Mindestens zwei Dutzend Augen guckten uns fragend an. Maries Mutter sagte laut: "Sie wird es überleben."

Allgemeines seufzen. Was allerdings jetzt noch kommt, zieht einem die Schuhe aus. Maries Mutter hatte kurz geduscht und sich frische Sachen angezogen, bevor die nächste Patientin aufgerufen wurde. Wir sollten an der Anmeldung helfen. Plötzlich kam Maries Mutter raus, stapfte ins Wartezimmer, ging einen etwa 25jährigen Mann an. "Haben Sie hier gerade erzählt, dass es ein Fehler der beiden Praktikantinnen gewesen wäre, der dazu geführt hat, dass die Frau mit dem Notarzt weggebracht werden musste?" - Marie und ich guckten uns mal wieder an und glaubten, unseren Ohren nicht zu trauen. - "Haben Sie oder haben Sie nicht?" - Der Mann stammelte: "Ich habe gesagt, dass es so aussieht, als wenn." - "Raus. Sofort." - "War ja klar, dass Sie sie in Schutz nehmen. Dürfen Sie mich überhaupt ablehnen?" - "Raus! Sie sind wohl schief gewickelt. Und kaum als Notfall hier reingekommen. Lassen Sie sich hier nicht wieder blicken." - Erneut starrten alle möglichen Leute erschrocken durch den Raum. Als er draußen war, sagte Maries Mutter: "Die Patientin war seit Tagen in einem lebensbedrohlichen Zustand. Meine Leute haben das sofort erkannt und mich gerufen. Dadurch konnte der Patientin geholfen werden. Sie hat hier, bevor sie umgekippt ist, keinerlei Medikamente bekommen. Damit liegt auch kein Behandlungsfehler vor, wie der Wichtigtuer hier behaupten wollte." - Sagenhaft. Aber wie schon gesagt und bereits bekannt, ich ziehe sowas an.