Montag, 18. August 2014

Das Wir gewinnt

Schade, schade. Das Wir gewinnt. Leider, so erscheint es mir, in letzter Zeit in erster Linie an Oberflächlichkeit.

Die Aktion Mensch, einst "Aktion Sorgenkind", ist nach wie vor Deutschlands größte Soziallotterie. Sie unterstützt pro Jahr rund 10.000 Projekte finanziell und setzt einen besonderen Schwerpunkt in die Aufklärungsarbeit. Die fand ich auch lange Zeit sehr gut. Zum Beispiel die Zeitschrift "Menschen das Magazin" habe ich immer gerne durchgeblättert. Nicht in erster Linie, um mich fortzubilden, sondern um ein paar interessante Dinge von oder über andere Menschen mit Behinderungen zu lesen und zu erfahren. Ich habe selbst mehrmals Gastbeiträge für das Magazin geschrieben, zuletzt im Heft 2/2014 über eine Doppelseite.

Dass es dabei zu mehreren recht unglücklichen Abstimmungsfehlern kam, kann passieren und wäre nie zur Sprache gekommen. Hätte mich nicht vor vier Wochen dieselbe Agentur angeschrieben, sie sei auf mich als Bloggerin im Internet aufmerksam geworden. Man fände meinen Blog toll und wollte wissen, ob ich etwas für "Menschen das Magazin" schreiben könnte. Man stellte sich vor, erklärte, wer die Aktion Mensch ist, wenn ich Fragen hätte, könnte ich gerne anrufen ...

Vielen Dank für das Gespräch. So schafft man sich mit Sicherheit keine Freunde. Ist es zuviel verlangt, wenn ich von einer professionellen Organisation erwarte, dass sie eine Kontaktliste pflegt? Gerade, wenn man mehrmals miteinander zu tun hat? Was wohl mein langjähriger Zahnarzt von mir denken würde, wenn ich ihn morgen mal anrufe und ihn frage, ob er auch Patienten im Rollstuhl behandelt. Man habe die Kommunikation in die Hände einer externen Agentur gegeben, hieß es. Ich möchte nichts speziell gegen die Agentur sagen, aber den Unterschied zwischen Auftrag und Herzblut kennt wohl jeder. Manchmal ist es eine Frage der Identität.

Ich habe im Vorfeld der Fußball-Weltmeisterschaft einen Blog-Eintrag meiner gehörlosen Namensvetterin mit einigem Erstaunen, aber auch reichlich Entsetzen zur Kenntnis genommen. Julia Probst griff dabei eine Pressemitteilung der Aktion Mensch auf, in der zumindest grob unsauber gearbeitet wurde. So wurde beispielsweise behauptet, Schüler einer Schule hätten bestimmte Fußball-Gebärden zusammen mit einer Gebärdensprach-Dolmetscherin erdacht. Seltsamerweise distanziert sich die betreffende Gebärdensprach-Dolmetscherin Laura M. Schwengber auf ihrer Webseite davon nachdrücklich. Ich möchte nicht so weit gehen wie meine Namensvetterin Julia, die eine bewusste Fehlinformation durch die Aktion Mensch in den Raum stellt. Dafür kenne ich die Einzelheiten nicht gut genug. Laura jedenfalls führt aus, die Aktion Mensch hätte falsche Texte aus einer Schülerzeitung ungefiltert in eine eigene Pressemitteilung übernommen.

Das spricht, aus meiner Sicht, zumindest für eine oberflächliche Arbeitsweise. Es scheint hier mehr darum zu gehen, etwas als "gute Tat" zu verkaufen, als nachhaltig etwas Gutes zu tun. Ich sage bewusst nicht, dass die Aktion Mensch nichts Gutes tut. Und ein Fehler kann, darf und soll überall passieren, wo viel gearbeitet wird. Schade nur, dass der Fehler offenbar nicht korrigiert wird. Es entsteht mehr und mehr der Eindruck, in letzter Zeit habe sich ein gewisser Schlendrian vor allem in die Öffentlichkeitsarbeit der Aktion Mensch eingeschlichen. Und das würde ich bestimmt nicht an einem einzelnen Beispiel festmachen.

Sondern eine weitere Sache ärgert mich gerade maßlos. Als ich in der letzten Woche eine Einladung meines Sportverbandes aufschlug, wäre ich beinahe aus dem Stuhl gefallen. Ich habe mit offenem Mund vor der Einladung gesessen und gedacht: "Das schlägt dem Fass den Boden aus." - Jener Sportverband hat im April eine bundesweite Image-Kampagne gestartet, die von der Aktion Mensch unterstützt wird. Die Kampagne finde unter dem Motto "Gemeinsam was ins Rollen bringen" statt. Der "Kick-Off" sei Mitte September. Und die Kampagnenziele seien (neben sportlicher Präsentation und Motivation) das Aufzeigen der Bedürfnisse von Rollstuhlnutzern und das Sorgen für deren Akzeptanz in der Gesellschaft.

Ich verpüre das dringende Bedürfnis, mich zu übergeben. Auf solche Spitzfindigkeiten wie die Frage, ob "kicken" für jemanden, der im Rollstuhl sitzt, so passend gewählt ist, möchte ich gar nicht erst eingehen. Viel spannender finde ich, wieso ein Zusammenschluss von Menschen, die im Rollstuhl Sport treiben, erstmal eine Image-Kampagne benötigt, um seine eigenen Bedürfnisse aufzeigen zu können. Und wieso das Ziel einer eigenen Image-Kampagne sein kann, für "deren" Akzeptanz in der Gesellschaft zu sorgen. Reden da etwa die Rollstuhlsportler in der dritten Person von sich selbst? Oder hat hier auch jemand ein Problem damit, zwischen Auftrag und Herzblut zu unterscheiden? "Das Wir gewinnt", oder? Wir sind die Rollstuhlnutzer, unsere Akzeptanz ... ähm ... warte mal ... Akzeptanz? In der Gesellschaft? Muss für die gesorgt werden? Soll für die überhaupt gesorgt werden? Im Rahmen einer Kampagne? Und wer, welches übergeordnete Wesen, bitte sorgt für die Akzeptanz? Akzeptieren wir uns nicht alle? Bin ich, weil ich einen Rollstuhl benutze, etwa kein Teil der Gesellschaft? Gehöre ich im Jahr 2014 noch nicht dazu?

Inklusive Gesellschaft funktioniert, wenn wir sie leben. Inklusive Gesellschaft funktioniert nicht, wenn wir sie wollen. Gleichberechtigung endet dort, wo jemand die Puppen tanzen lässt. Und jemand, der in gesellschaftliche Strukturen eingreift, um in sie die "Inklusion" hinein zu operieren, lässt die Puppen tanzen. Wir brauchen mit der Hilfe aller eine Welt, in der alle Puppen frei und unabhängig aus eigenem Antrieb tanzen können. In der niemand an ihren Fäden zieht, sondern in der ihnen jemand die Hände reicht. Und in der wir uns gegenseitig zuhören und keine Angst vor Vielfalt haben. Denn dann, liebe Aktion Mensch, gewinnt tatsächlich das Wir.

Sonntag, 17. August 2014

Ohne Unterhose im Kettenkarussell

Ich gehöre zu den Menschen, die ihr Handy nachts lautlos stellen. Wenn ich gefragt werde, warum, erzähle ich immer die Geschichte aus einem Trainingslager, als ich mit einer anderen jungen Frau aus Niedersachsen in einem Zimmer schlief. Beziehungsweise: Sie schlief, alle anderen waren wach. Weil alle anderen im Gegensatz zu ihr nicht daran gewöhnt waren, dass ein technisches Gerät nachts in einer Tour irgendwelche Geräusche von sich gibt. So ein leises, diskretes "Plopp" oder "Klack" kann ich auch noch überhören, aber spätestens, wenn das Ding ganze Melodien pfeift oder irgendwelche Alltagsgeräusche immitiert, bin ich hellwach. Besagtes Handy der Niedersachsin konnte Autohupe, rülpsendes Kind, Rasierapparat, Steinzeittelefon und mit den Stimmen prominenter Comedians schwachsinnige Dialoge rufen. Nachdem diverse Schlafhungrige wegen eines Whatsapp-Dialogfeuers zunehmend den Eindruck bekamen, ein Hochzeitskonvoi hätte sich in unserem Schlafzimmer zum Probehupen versammelt, und sämtliches Gerede nichts brachte, weil die Niedersachsin trotz inzwischen wieder tagheller Beleuchtung bereits tief und fest schlummerte, krabbelte Cathleen wieder aus ihrem Bett, schnappte sich das Ding und sperrte es, nachdem sich wegen einer Tastensperre nichts einstellen ließ, kurzerhand in ein Handtuch und eine Mülltüte gewickelt im Kosmetikeimer im Bad ein. Dann war Ruhe - und uns blieb auch die Kuhherde erspart, die für nächsten Morgen als Weckton eingestellt war. Nicht nur Männer können verspielt sein. Über chronisch defizitäre persönliche Aufmerksamkeit möchte ich wegen eines einzigen muhenden Handys noch nicht nachdenken ...

Okay. Ich gehöre also zu den Menschen, die ihr Handy nachts lautlos stellen. Und damit habe ich erst relativ spät mitbekommen, dass mir mein Angehimmelter mit dem knackigen Po geantwortet hat. Und so, wie ich es nicht erwartet hätte: "Bin zufällig gerade zum Trainieren in Hamburg. Vielleicht trainieren wir zusammen? Melde dich bei mir!"

So schnell war ich noch nie so wach. Die SMS war vor zwei Stunden abgesendet worden. Eigentlich war ich mit Marie und Cathleen verabredet, tatsächlich zum Handbiken. Also zum Trainieren. Möglicherweise würden noch weitere Leute dazu kommen. Vielleicht hatte er sich auch bereits zuvor verabredet und mehrere Kollegen dabei? Keine gute Ausgangslage für ein Stelldichein, und Speed-Dating konnte irgendwie nicht in meinem Interesse sein.

Marie meinte: "Wenn er alleine ist, kannst du ihm ja eine andere Strecke vorschlagen. Dann trainiere ich mit Cathleen und den anderen ohne dich. Und falls er mit mehreren Leuten hier ist, muss sich das irgendwie ergeben. Oder du lädst ihn hinterher noch irgendwohin ein."

Ziemlich schnell klärte sich, dass er alleine trainiert. Das kleine Männchen in meinem Kopf ermahnte mich: "Jule, er wird nicht deinetwegen alleine hierher gekommen sein, er hatte das sowieso vor und deine SMS kam genau im richtigen Moment. Also nutze die Chance, aber interpretiere nicht zuviel hinein." - Marie sagte: "Dann wünsche ich euch viel Spaß!" - Ich fragte: "Und das ist jetzt okay für dich, dass ich unsere Verabredung zum Training so spontan absage?" - "Ich hätte dich zwar gerne dabei gehabt, aber dein Rendezvous geht eindeutig vor. Hast du Kondome dabei?" - "Ähm, was?" - "Soll ich meine Mutter fragen, ob sie welche hat? Ich habe im Moment keine hier." - "Das fehlte noch." - "Wieso?" - "Ich frag deine Mutter doch nicht nach Kondomen!" - "Nein, ich frag sie." - "'Hast du mal Kondome für Jule?' Wie peinlich ist das denn bitte?" - "Gar nicht. Ich bezweifel aber, dass sie welche hat." - "Ich kaufe welche. Ich glaube aber nicht mal, dass ich heute welche brauche." - "Sicher ist sicher. Kauf welche. Und werd bloß nicht rot dabei." - "Deine Sorgen möchte ich haben!"

In einer Stunde wollten wir uns treffen. War ich aufgeregt! So aufgeregt wie schon lange nicht mehr. Mein Gesicht glühte. Nochmal rasieren? Ja, und bloß nicht schneiden. Klamotten packen. Was ziehe ich zum Training an? Wieso ist das so kalt? Wieso brauche ich lange Kleidung, wo ich so schön sonnengebräunt bin? Soll ich wirklich noch Kondome kaufen? Besser ist das. Gibt es die im Supermarkt um die Ecke?

Tatsächlich gab es die dort. In allen möglichen Farben und Geschmacksrichtungen. Kiwi-Banane? Bah, pfui. Ich entschied mich für ein geschmacks- und farbneutrales niedersächsisches Markenprodukt mit fast einhundertjähriger Tradition - haltbar waren sie auch noch ein paar Jahre. Dann konnte ja nichts schief gehen, selbst falls der Akt mal etwas länger dauert. Der Laden war leer, ich war die Einzige an der Kasse. Die Kassiererin musterte mich. Ich nahm schonmal mein Portmonee in die Hand. Die Kassiererin musterte mich weiter. Würde ich nicht im Rollstuhl sitzen, könnte man denken, ich hätte vier Eiterpickel und mindestens einen Popel im Gesicht. Die Kassiererin, eine Frau, geschätzt auf Mitte bis Ende Fünfzig, starrte mich weiter an. Ich dachte mir: "Frollein, gibt es hier jetzt irgendein Problem? Siehst du zum ersten Mal in deinem Leben eine Packung Kondome? Habt ihr die Dinger neu im Sortiment? Oder übersteigt es deinen Horizont, dass Behinderte ficken und dabei keine Kinder zeugen und auch keine Krankheiten übertragen wollen? Zieh die Packung über den Scanner, nimm mein Geld, und dann ist gut."

Vielleicht sollte ich ihr auch nur ein einfaches "Ist was!?" vor den Kopf knallen. Ach nee, das klischeebehaftete Denken findet ja wieder nur in meinem Kopf statt. Ich entschied mich, gar nichts zu sagen, nahm einen 10-Euro-Schein und legte ihn neben der Kondompackung auf den Kassentisch. Müsste ich noch erwähnen, dass ich die Packung jetzt gerne kaufen möchte? Sie musterte die Packung, guckte mich erneut an. "Haben Sie gefunden, wonach Sie suchen?", fragte sie mich. Grinste sie? Tatsächlich, sie grinste. Ich antwortete: "Ja, vielen Dank. Was macht das bitte?" - "Sieben neunundsiebzig." - "Zehn Euro habe ich Ihnen dort schon hingelegt." - "Ja, bitte immer erst geben, wenn der Kassiervorgang abgeschlossen ist, das könnte sonst ins Laufband geraten oder ein Windzug weht es weg." - "Ja, gewiss." - "Und zwei einundzwanzig zurück. Und den Bon dazu. Brauchen Sie eine Tüte?"

Hatte ich jetzt gerade nicht schon genug Tüten gekauft? Immerhin fragte sie nicht, ob sie mir die Kondome hinten rein stecken soll. In den Rucksack natürlich. Ich schüttelte den Kopf und nahm den Rucksack von meiner Rückenlehne, um die Packung dort zu verstauen. Sie sagte: "Dann wünsche ich Ihnen noch einen schönen Tag und ganz viel Spaß, bei was auch immer Sie noch vorhaben." - "Danke." - "Das Wetter lädt ja quasi so richtig zu einem Schmusenachmittag auf der Couch ein. Ich wünschte, ich wäre nochmal so jung wie Sie." - Oh. Mein. Gott. Ich lächelte einmal freundlich in ihre Richtung. Das hätte ich besser gelassen. "Darf ich Sie mal was fragen?", wollte sie wissen.

Was nun wohl kommt. Warum kann ich nicht mal eine Packung Kondome kaufen, ohne in Gespräche verwickelt zu werden? Will sie jetzt wissen, ob ich lieber oben oder lieber unten liege? Oder ob es trotz Behinderung mit dem Sex noch klappt? Oder ob ich richtig feucht werde? Oder ob mein Partner auch im Rollstuhl sitzt? Bevor ich zu Ende denken und mir passende Antworten zurechtlegen konnte, fragte sie leise über den Kassentisch: "Ich habe immer gedacht, wenn man im Rollstuhl sitzt, kann man keine Kinder mehr bekommen."

Ach daher wehte der Wind. Deshalb das lange Anstarren und Überlegen, bevor sie die Packung über den Scanner gezogen hat. Wollte ich mit einer wildfremden Frau dieses Gespräch führen? Hatte sie eine Suchmaschine zu Hause, die ihr die Frage beantworten könnte? Wenn ich jetzt behaupte, ich hätte es eilig, was auch stimmte, würde das so aussehen, als sei ich verlegen. Das ging gar nicht. Also machte ich sie diskret darauf aufmerksam, dass sie sich gerade komplett daneben benahm, und sagte mit leiser Stimme: "Ach Sie meinen wegen der Kondome? Die sind gar nicht für mich. Die muss ich meiner Zimmernachbarin im Pflegeheim mitbringen. Die ist schon weit über 90 und nicht mehr so gut zu Fuß. Schönen Tag noch. Ein hübsches Halstuch haben Sie da!"

Nichts wie raus. Nicht mehr umdrehen. Draußen konnte ich mir ein breites Grinsen nicht verkneifen. Und nun direkt zu meinem Angehimmelten mit dem Knackpo. Er wartete schon auf mich, obwohl ich zwei Minuten vor dem verabredeten Termin am verabredeten Ort eintraf. Umgezogen war er auch schon. Ich hielt am Straßenrand, ließ das Fenster runter. Er kam zum Fenster. Ich sagte: "Guten Tag, der Herr!" - "Guten Tag, junge Dame! Schönes Auto haben Sie da. Neu? Geklaut?" - "Geklaut. Aber bitte nicht petzen. Du bist ja schon umgezogen." - "Ja, in zwei Minuten ist Trainingsbeginn, etwas mehr Disziplin bitte, ja?" - "Wie lange bist du denn schon hier?" - "Zehn Minuten ungefähr." - "Dann beeil ich mich und dann können wir gleich los." - "Keinen Stress." - "Kannst du schonmal mein Bike hinten rausholen? Dann kann ich so nach hinten krabbeln und mich dort eben umziehen. Das geht im Liegen einfacher." - "Klar, ist hinten offen?" - Ich drückte auf den Knopf für die Zentralverriegelung. "Jetzt ja."

Während er mein Rennbike aus dem Kofferraum holte, krabbelte ich nach hinten auf die Ladefläche. "Ich mach dann hier erstmal wieder zu, dann kannst du dich in Ruhe umziehen", sagte er, warf die Klappe ins Schloss. Ich konnte ihn genau beobachten, aber durch die schwarz getönten hinteren Scheiben sollte er mich eigentlich nicht erkennen können. Das war mir erstmal ganz recht, denn es gab da so zwei Dinge, die er nicht unbedingt sehen sollte, bevor wir unser erstes Date hatten. Erstens fahre ich natürlich nicht ohne Pampers Auto. Auch wenn die noch völlig trocken war und er einen medizinischen Beruf hat (oder bald hat), würde es dafür mit Sicherheit einen besser geeigneten Moment geben. Zum Trainieren musste sie auf jeden Fall ab, sonst scheuert man sich wund. Und dann wäre es vielleicht ganz gut, nach dem Frühstück nochmal zu pinkeln? Ein Einmalkatheter mit Beutel empfinde ich als die hygienischste Lösung. Zellstoffunterlage drunter, da ich im Auto keine Hände waschen konnte, sterile Handschuhe an, Spiegel in die richtige Position. Guckt jemand außer mir? Nö. Mein Angehimmelter war fasziniert von meinem Rennbike. Also Katheter durch die Harnröhre, vierhundert Milliliter plätschern in den Beutel, rausziehen, fertig. Dank Ventil bleiben die da auch drin. Den ganzen Müll in eine undurchsichtige Tüte hinter den Beifahrersitz, Einteiler an, Heckklappe auf: "Na, überlegst du, auf Handbiken umzusteigen?" - "Cooles Teil. Habe ich noch nie so eingehend begucken können. Ich bin wirklich gespannt." - "Kannst du das Gefährt mal bis hierher schieben, dass ich mich rübersetzen kann, ohne dafür erst meinen Alltagsstuhl ausladen zu müssen? Und machst du mir mal bitte den Reißverschluss am Rücken zu?"

Er guckte mich an. Und konnte sich den Kommentar natürlich nicht verkneifen: "Fesch!" - "Ja, ich dachte mir, kurze Hose wird zu kalt. Ich strampel ja nicht mit den Beinen." - "Ist das ein Stück?" - "Ja, sonst rutscht die Hose während der Fahrt und Bauarbeiterdekoltee bei Frauen finde ich nun alles andere als sexy. Schon gar nicht, wenn ich das nicht merke. Weil kein Gefühl da. Du verstehst?" - "Ich verstehe. Wo kann man sowas kaufen?" - "Keine Ahnung, wir haben die alle mal über einen Sponsor bekommen. Du kannst halt nichts gebrauchen, was in die Räder oder in die Kette gerät und beim Triathlon fährst du ja auch noch Rennrolli, und dann muss es an den Armen auch eng anliegen. Ich zieh aber gleich noch ein Shirt drüber, dass ich nicht ganz so wie eine Pellwurst aussehe." - "Du siehst nicht wie eine Pellwurst aus. Das ist halt sehr körperbetont und dein Körper ist ja nun alles andere als unansehnlich." - Lechz. Mehr Komplimente. Alle zu mir, bitte. Ich sagte: "Bevor du auf den nächsten Kilometern nun mehrmals vom Weg abkommst und ich dich retten musst, verhülle ich das lieber noch etwas." - "Das ist fies von dir, schließlich verhülle ich meinen Popo auch nicht."

Er streckte mir die Zunge raus. "Deinen Popo sehe ich aber nur, wenn ich hinter dir her fahre. Ich werde aber vor dir herfahren, weil ich schneller bin als du." - "Jaja." - "'Jaja heißt 'leck mich am Arsch' und soweit sind wir noch nicht." - "Noch nicht? Was hast du denn noch so vor?" - "Schaun wir mal. Erstmal Radfahren. Können wir endlich los?" - "Du kommst doch nicht in die Hufe. Ich bin schon seit zehn Minuten abfahrtsbereit."

Wir mussten um ein paar Kurven, rund zehn Minuten, gut zum Aufwärmen. Dann waren wir an der Trainingsstrecke angekommen: Ein Damm, für Autos gesperrt, gut asphaltiert, verläuft kilometerweit zwischen Wiesen und Feldern, teilweise durch Wälder. Relativ windgeschützt. Hin und wieder kreuzt er Straßen, auf denen Autos kommen, so dass man eventuell stoppen muss. Ansonsten: Freie Fahrt. Ich drehte auf. Grundgeschwindigkeit 30 km/h. Warf oben vom kleinsten auf das mittlere der drei Kettenblätter um. Das größte kann ich nur bei Bergabfahrten ab 45 km/h richtig gebrauchen. Ich fragte: "Wenn ich jetzt mit meiner Freundin trainieren würde, würden wir uns pro Kilometer um 2 km/h steigern, bis wir bei 40 sind. Und dann drei, vier Sprints mit jeweils 40 bis 45 über einen Kilometer, dann einen Kilometer Erholung bei 30 km/h. Wäre das auch was für dich oder hast du einen anderen Vorschlag?" - "Alter Schwede. Ich weiß nicht warum, aber ich hätte nicht damit gerechnet, dass wir heute überhaupt über 30 kommen. Ich habe mit 20 bis 25 gerechnet und bergab bis 35. Sorry. Nein, das machen wir. Dann gib mal Gas."

Auf den ersten drei Kilometern kamen uns vier Autos verbotenerweise entgegen. Ich musste wegen meiner Breite jedes Mal fast bis zum Stillstand anhalten. Aber dann klappte alles. Ich kann nun nicht behaupten, dass mein Angehimmelter außer Atem kam, aber ins Schwitzen kam er schon. Ein Handbike ist leider wesentlich träger als ein Mountainbike. Soll heißen: Um aus dem Stillstand wieder auf 30 zu kommen, tritt er fünf Mal kräftig in die Pedale, während ich acht Gänge mühsam ausfahren muss. Das eine dauert zehn Sekunden, das andere zwei Minuten. Es war sehr lustig. Er fand die Strecke toll, ich schwitzte trotz eher kühler Luft wie bei einem Saunabesuch. Und während ich mich ziemlich verausgabt habe, schien er zwar gut gefordert, aber noch lange nicht müde zu sein. Etliche Male durfte ich seinen knackigen Po von hinten sehen, vor allem dann, wenn wir nicht zu zweit nebeneinander fahren konnten. Nach 24 Kilometern waren wir wieder an den Autos angekommen. Es begann gerade zu tröpfeln. Eine gute Stunde waren wir unterwegs.

"Und nun? Eine Runde schwimmen im See? Abkühlen? Statt Dusche?", fragte ich. Er antwortete: "Ich habe keine Badesachen dabei." - "Was für Badesachen? Gleich so rein! Ein Handtuch habe ich für dich." - "Ähm. Ja. Klar. Okay. Dann mal los. Wie kommst du da rein?" - "Entweder trägst du mich oder ich hole meinen Alltagsstuhl aus dem Auto." - "Bekomme ich dich getragen?" - "Ich wiege mehr als ein Zentner. Aber nur knapp mehr. Wobei man mit so einer Angabe ja aufpassen muss. Ich meine 'Pfund' als Basiseinheit, nicht Kilogramm." - "Fünfzig Kilo krieg ich wohl auf den Arm." - "Dann ohne Rolli." Ich klammerte mich um seinen Hals, er trug mich vor seinem Bauch. Etwas geschwitzt hatte er aber auch. Zum Glück. Er trödelte an der Wasserkante herum. "Guck mal, eine Ringelnatter. Oder?" - "Wo?" - "Da. Oder was ist das?" - Ich konnte die aus dieser Position kaum erkennen. Aber es schien eine solche zu sein, die sich am Rande des Sees durch den Sand ringelte. Er ging langsam bis zu den Knien rein. "Soll ich dich mal fallenlassen?", grinste er.

"Wehe", funkelte ich ihn an. Das wurde sowieso noch lustig, denn der Baggersee hatte unterwasser stellenweise richtig steile Uferabbrüche. Dass er schwimmen kann, wusste ich, von daher machte ich mich darauf gefasst, irgendwann mit ihm abzurutschen. Ich spürte das kalte Wasser gerade an meinem Rücken, als er ins Leere trat. Boa, war das arschkalt geworden. Vor zwei Wochen hatte der See noch 26 Grad. Mein ganzer Körper zog sich zusammen, meine Beine spackten wild in der Gegend rum. Ich schwamm zwei, drei Züge, um ihn nicht aus Versehen zu treten. Ich wusste, die Spastik würde gleich wieder vorbei sein. Hauptsache, mein Darm lässt sich davon nicht anstecken. Kacken wäre jetzt nicht ganz so sexy. Wir schwammen um die Wette, spritzten uns nass, tauchten uns gegenseitig unter, dann wurde es relativ schnell kalt. Er trug mich wieder zum Auto. "Setz mich erstmal auf die Erde. Handtücher liegen da lose an der Seite."

Er setzte mich auf ein Handtuch auf die Ladekante, ich zog mich nackt aus, wickelte mich in ein Handtuch ein, rubbelte mit einem anderen meine Haare trocken. Und guckte. Ja, die Chance lasse ich mir doch nicht entgehen. Natürlich glotzte ich nicht. Aber sehen konnte ich trotzdem alles, was ich sehen wollte. "Lecker. Jetzt gleich? Hier im Auto?", dachte ich mir. "Könnte sofort losgehen", dachte ich weiter und spürte mein Herz schneller schlagen. Sah man mir das an? Meinen Augen vielleicht? Sabberte ich schon? Er zog sich an. Hatte vorhin die inzwischen nasse Radhose unter seiner Jeans gehabt und ... die Unterhose vergessen. Und war im Begriff, ohne eine solche in seine Jeans zu steigen. "Das ist mir gerade ein bißchen peinlich", meinte er. Ich antwortete: "Ich finde das gerade ziemlich scharf." - "Was, keine Short drunter?" - Ich nickte. Er sagte: "Ich dachte, das ist eher so ein heimlicher Männertraum. Die Frau, die nichts drunter hat." - "Träumst du davon?" - "Och, reizvoll finde ich das schon." - Ehrlich ist er schonmal. Und dann: "Du meinst, dann kommt mein Knackpo besser zur Geltung?" - "Och, vorne sitzt es gerade auch nicht schlecht", rutschte es mir halb unbeabsichtigt raus. Eigentlich müsste er spätestens jetzt mal was gemerkt haben.

Er lachte. "Du bist ja eine. Sitzst nackt auf der Ladekante und baggerst, was das Zeug hält. Ist dir nicht kalt? Willst du dir nichts anziehen?" - Sollte ich jetzt nochmal plump andeuten, dass ich dachte, er würde mich wärmen? Nein. Das wäre nicht gut. Ich entschied mich für: "Doch, doch, es ist gerade so spannend anzuschauen." - "Hast du keinen Freund?", fragte er mich. Ich antwortete: "Sagen wir mal so: Ich bin gerade intensiv auf der Suche." - So. Noch deutlicher ging es kaum. Fand ich. Es war aber noch nicht deutlich genug. Entweder wollte er nicht oder er war schwer von Begriff. Oder sehr zurückhaltend. Oder überrascht. Jetzt hieß es abwarten. Er zog sich weiter an. Ich zog mich auch an. Er guckte mir zu. So halb unauffällig. Aber er hatte Interesse. In BH und Top fragte ich ihn: "Hast du noch ein wenig Zeit?" - "Klar." - "Wollen wir aufs Volksfest?" - "Aufs Volksfest?" - "Nicht?" - "Ich war seit mindestens zehn Jahren nicht mehr auf dem Volksfest!" - "Dann wird es doch mal wieder Zeit, oder?" - "Könnte man so sehen. Ja. Warum nicht!"

"Okay. Und das ist mir jetzt etwas peinlich. Aber ich werde mich jetzt für das Volksfest untenrum lieber gut einpacken. Gelähmte Blasen flippen im Karussell gerne mal aus." - "Okay?!" - "Ja, nicht besonders sexy, ich weiß. Aber besser als nasse Hosen." - "Du, kein Problem. Ich bin nur überrascht. Ich habe gelernt, dass man das mit Medikamenten, Botox und chirurgischen Lösungen vollständig in den Griff bekommen kann." - "Bei uns war es noch nicht dran im Studium, aber gerade bei inkompletten oder nicht ganz kompletten Querschnitten ist das nicht so einfach. Mich machen die Medikamente so knülle, dass ich nicht mehr Auto fahren kann, doppelt sehe und all so Zeugs. Oder ich müsste davon weniger nehmen, dann bringen sie aber nichts. Und Botox kommt mir nicht ohne große Not in den Körper. Genauso wenig will ich chirurgisches Geschnibbel." - "Ja, du, deine Sache. Ich finde es nur interessant, weil man im Studium was ganz anderes vermittelt bekommt." - "Bei einigen klappt das halt sehr gut, bei anderen weniger gut und bei einigen überhaupt nicht. Ich habe das eigentlich recht gut im Griff, da passiert eigentlich nur selten was. Aber wenn sowas im Auto oder unterwegs passiert, ist die Sauerei halt enorm groß. Das vermeide ich gerne." - "Du musst dich vor mir nicht rechtfertigen. Ich bin nur gerade etwas durcheinander. Ich habe Windeln bisher immer mit Kindern und dementen alten Menschen in Verbindung gebracht. Es war für mich bis eben ein Zeichen von absoluter Hilflosigkeit und Schwäche. Allerdings sind das zwei Eigenschaften, die so gar nicht zu dir passen. Ich muss da erstmal neu sortieren. 'Umparken', wie man neuerdings sagt." - "Ich hoffe, du sortierst jetzt nicht meine Eigenschaften neu." - "Quatsch. Ich finde diese Diskrepanz zwischen der Realität und meinen Gedanken nur gerade sehr ... sehr ... faszinierend irgendwie."

Merke: Er findet mich faszinierend. Irgendwie. Irgendwie ist das schonmal ein Anfang. Auf dem Volksfest hat er gelernt, dass mein normales Rollitempo sein Laufschritt ist. Was natürlich nicht heißt, dass er nur gerannt ist. Sondern dass ich für ihn langsam fahre. Und dass eine Querschnittlähmung kein Grund ist, nicht in der Frisbee mitzufahren. Okay, Kettenkarussell musste auch sein, weil man sich da während der Fahrt so schön anfassen kann, und im Dancer sowie der Riesenkrake kann man sich wunderbar an den starken Mann anlehnen, gerade wenn man keine Rumpfkontrolle hat und ganz schön durchgewirbelt wird. Er hat mich überall rein- und wieder rausgetragen. Drei Mal habe ich ihm mit meinem Dankeschön einen Kuss auf die Wange gegeben, als er mich wieder in den Rolli setzte. Und am Ende einmal zum Abschied. Die Kondome habe ich nicht gebraucht. Aber wir wollen uns bald wieder treffen. Ich bin gespannt. Und heiß auf ihn. Immernoch. Und irgendwie auch verknallt. Und hach ja, das ist ein schönes Gefühl. Ein sehr schönes.

Dass er meinen Blog liest, muss ich übrigens eher nicht befürchten. Er ist ein Gegner von kommerzieller Standortbestimmung, mobilem Internet und ähnlichem. Hat kein Smartphone, sondern noch ein Tastenhandy mit Prepaidkarte aus dem Supermarkt. Dass ich blogge, weiß er. Was ich dort blogge, auch. Darüber haben wir schon früher mal gesprochen. Er fand es spannend, meinte aber, es sei nichts für ihn. "Ich lese sowas nicht. Mir reicht, wenn ich auf der Arbeit die halbe Zeit vor der Flimmerkiste sitzen muss. Und mich mit den Tücken drahtloser Röntgenbild-Übertragung rumärgern muss." - "Darf ich in meinem Online-Blog auch über unseren heutigen Tag schreiben? Über unser Training, über das Volksfest, über dich?" - "Solange da nicht mein Name steht oder irgendwelche Fotos auftauchen, kannst du von mir aus auch schreiben, dass ich ohne Unterhose im Kettenkarussell gesessen habe." - Okay. Hab ich jetzt. Geschrieben.

Freitag, 15. August 2014

Knackiger Po

Wem das Thema "Sexualität" nicht liegt, der liest besser nicht weiter. Ich werde nicht pornografisch. Ich versuche es zumindest bestmöglich. Es geht um Sexualität. Um meine. Aktuell. Ich bin untervögelt. Nein, das wäre nicht meine Wortwahl, mit der ich öffentlich über mich schreiben würde. Wenn es nicht so schlimm wäre. Wenn ich nicht so leiden würde...

Einst dachte ich noch, Liebe und Sexualität gehören irgendwie zusammen. Also Sexualität gebe es nur, wenn da Liebe ist. Oder wenn Geld fließt. Dass es Liebe auch ohne Sexualität geben kann, wusste ich. Aber andersrum? Okay, das wusste ich auch, das war aber nichts für mich. Dachte ich.

Ich bin mal frisch in mich gerollt. Ich bitte auch für diesen Ausdruck um Entschuldigung, er ist eine Anspielung auf einen kürzlich erhaltenen Kommentar, mit mir stimme etwas nicht, wenn ich als Rollstuhlfahrerin von "ins Bett gehen" spreche. Und da wollte ich nur schlafen. Heute will ich immerhin Sex! Das wird noch lustig.

Also, ich bin in mich gerollt. Und habe dort eine Überlegung gefestigt, die schon seit einiger Zeit in meinem Kopf kreist. Ausgangspunkt war die Frage, wieviele Ehen heute noch 50 Jahre halten. Damit möchte ich jetzt nicht denjenigen die Sterne vom Himmel holen, die sich gerade mehr oder weniger frisch die ewige Treue geschworen haben. Davor habe ich großen Respekt. Ewige Treue wäre auch etwas für mich, wenn dieses Feuer füreinander immer weiter brennen würde. Wenn ich also am Tag meiner goldenen Hochzeit aufwache und feststelle, noch immer neben dem richtigen Mann zu liegen. Und nicht neben einem Tyrann, der mir trotzigen Hexe im Zuge eines inzwischen fünfzig Jahre alten Versprechens schon lange die Souveränität genommen hat.

Ich weiß, ich polarisiere gerade. Aber das eher, weil ich erkenne, dass das, wovon ich heimlich träume, nicht in greifbare Nähe kommt. Vielleicht haben mir auch die Umstände bei dem Mädchen vor 14 Tagen ein paar merkwürdige Gedanken in den Kopf gesetzt. Das weiß ich nicht. Ich weiß aber inzwischen, dass ich künftig etwas egoistischer und weniger konservativ sein möchte. Und nicht auf den Typen warten möchte, der mir ewige Treue schwört. Wenn ich ihn treffe, wird er schon noch früh genug seine Chance auf die goldene Hochzeit bekommen.

An meinem jetzigen Studienort studiert ein junger Mann. Er ist älter als ich. Wird in zwei Monaten 29. Ist mit seinem Medizinstudium relativ fertig. Ist sehr sportlich, rennradelt fast täglich. Kommt eigentlich aus Schleswig-Holstein und will dorthin auch wieder zurück, sobald er seine Abschlussprüfung in der Tasche hat. Ist Single. Ich denke ständig an ihn. Ich träume von ihm. Ich will ihn. Am liebsten jetzt sofort. Er will auch was von mir. Glaube ich. Weiß ich. Er macht ständig so eindeutige Andeutungen. Er interessiert sich für mich. Für meinen Sport. Für mein Studium, für alles. Ich traue mich nicht, weil ein kleines Männchen in meinem Kopf sagt, dass ich etwas sehe, was ich sehen möchte. Dass die eindeutigen Andeutungen nur für mich eindeutig sind. Weil er mir schmeicheln will. In Wirklichkeit ...

Ich schreibe nicht weiter. In ein paar Wochen ist er weg. Dann müssten wir uns nicht mehr begegnen. Ich kann nichts verlieren. Das hat mir dieses kleine Männchen in meinem Kopf, das mich ständig zu neutraler Betrachtung ermahnt, auch gesagt. Und mich ihm eine SMS schreiben lassen.

Ob ich ihn wirklich will, weiß ich noch nicht. Ich kenne ihn noch zu wenig, um über so etwas wie eine Beziehung nachzudenken. Aber ich will mit ihm ins Bett. Und ich hoffe, er auch mit mir. Und wer weiß ... vielleicht wird am Ende doch mehr draus.

Ich habe ihm geschrieben, dass ich ihn vermisse. Und seinen knackigen Popo. Ja, ich habe mehrmals kontrolliert, ob mein T9 (oder wie auch immer das jetzt heißt) die beiden "n" beim knacken drin gelassen hat. Hat es. Solche SMS würde ich sonst nie verschicken. Und das weiß er. Hoffentlich. Bisher hat er noch nicht geantwortet.

Und Marie? Sie sagt: "Ich drücke dir die Daumen. Sollte er noch einen netten Bruder haben, ich suche auch noch..."

Dienstag, 12. August 2014

Häuslebauer

Ich hatte es bereits vor einigen Monaten angedeutet, inzwischen sind wir eindeutig über die Planungsphase hinaus gekommen. Die toten Bäume sind weg, das Erdgeschoss steht, das erste Stockwerk ist auch bereits erkennbar. Zum Februar 2015 soll das Wohnhaus bezugsfertig sein. Vier barrierefreie Wohnungen für eine oder zwei Personen (jeweils 60 m²) sind öffentlich gefördert und beginnen mit einer Kaltmiete von 342 €, zwei weitere ebenfalls barrierefreie Wohnungen im Erdgeschoss sind etwas größer und nicht öffentlich gefördert. Ich erzähle zur Zeit bewusst nur wenig, da ich nach wie vor Stress mit meiner Mutter befürchte. Dass sie heraus bekommt, wo das Objekt steht, ist mir nicht sehr recht. Möglichkeiten gäbe es genug, aber ich will es ihr nicht unnötig leicht machen.

Für mich ist dieses "Projekt" einerseits die Möglichkeit, eine eigene Wohnung zu bekommen. Andererseits muss ich mir dringend etwas überlegen, wenn ich nicht jedes Jahr zunehmend mehr Steuern zahlen als Zinsen einnehmen möchte. Zum Glück unterliegen Unfall-Entschädigungen und Unfall-Renten nur beschränkt der Steuerpflicht. Dennoch muss ich mich entscheiden, ob ich jährlich eine größere Summe an den Staat zahlen möchte - oder ob ich mich anderweitig für das Gemeinwohl engagiere und vom Finanzamt verschont bleibe. Und da ich mich entscheiden kann, entscheide ich mich lieber, selbst Dinge in die Hand zu nehmen. Nein, fetten Gewinn macht man im sozialen Wohnungsbau nicht. Ein paar Euro bleiben hoffentlich am Ende hängen, aber dafür ist der Aufwand auch nicht gerade gering.

Auf jeden Fall freue ich mich schon sehr. Eigentlich. Denn ob ich schon in 2015 nach Hamburg zurück kommen kann, muss sich zeigen. Seufz.

Und wo ich gerade von barrierefreien Wohnungen schreibe, muss ich an ein Gespräch zurückdenken, das ich vor einigen Wochen hatte. Mit einem Freund, der in einer solchen barrierefreien Sozialwohnung wohnt. Und dort abgezockt wird. Mit einem ganz billigen Trick. Nach dem Gesetz ist es verboten (und mit einem Bußgeld belegt), für öffentlich geförderte Sozialwohnungen mehr Miete zu verlangen als von der Behörde genehmigt. Soll heißen: Genehmigt die Behörde pro Quadratmeter eine Kaltmiete von 5,50 € und nimmt der Vermieter 5,60 €, kostet das richtig viel Geld. Nicht nur der Gewinn wird abgeschöpft, sondern man wird noch richtig drauflegen müssen. Das erklärte mir kürzlich auch der Mitarbeiter der Stelle, die uns den Investitionskredit für unser Bauprojekt gibt.

Was aber möglich ist: Man baut 30 Wohnungen zu 54 m² und hätte gegenüber den dort einziehenden Mietern mit Einkommen im Bereich des Sozialhilfe-Niveaus einen Anspruch auf 297 € Kaltmiete, sofern man dem Beispiel von 5,50 € genehmigter Kaltmiete pro Quadratmeter folgt. Unter besonderen Umständen darf die im Mietvertrag vereinbarte Wohnungsgröße aber bis zu 10% größer sein als die tatsächliche, hat der Bundesgerichtshof entschieden. Das heißt: Ich schreibe einfach 60 m² in den Mietvertrag rein und fordere 330 € Kaltmiete pro Monat. Sind pro Wohnung 33 Euro mehr, bei 30 Wohnungen in einer Wohnanlage ist es ein Tausender pro Monat mehr. Nicht legal, aber es gibt angeblich keine gesetzliche Handhabe. Dieser besagte gute Freund von mir, der in einer solchen Wohnung wohnt, hat ausgerechnet, bis zum Ende des Förderzeitraums rund 2.500 € zu viel Miete zu zahlen - viel Geld für jemanden, der von einer Rente lebt, die 10 € über dem Grundsicherungs-Niveau liegt.

Es ist nicht etwa so, dass die Wohnung durch bauliche Abweichungen etwas kleiner ist als in den Zeichnungen steht. Sondern im Förderbescheid steht (und hier wurden die Angaben des Eigentümers übernommen) die Zahl 54 drin, mit dem Hinweis, dass diese Zahl in den Mietvertrag zu übernehmen ist, und im Mietvertrag steht 60. Die für die Förderung zuständige Behörde schreibt auf eine Anzeige dieses Freundes sinngemäß, es sei nicht ihr Bier, was er mit dem Vermieter vereinbart hätte. Sie kümmere sich nur um die Rechtsbeziehung vom der Behörde zum Eigentümer und nicht um die vom Mieter zum Eigentümer.

Was ihm bliebe wäre der Auszug. Aber wohin dann? Er hat kein Geld, selbst zu bauen. Und eine neue barrierefreie Sozialwohnung bekäme er nicht, hierfür bräuchte er eine Berechtigung, die nicht mehr erteilt wird, wenn man bereits einmal eine barrierefreie Sozialwohnung hatte (und dort ausgezogen oder rausgeflogen ist). Nahezu ausschließlich medizinische Gründe berechtigen mittellose Rollstuhlfahrer in Hamburg zum Umzug. Sofern sie bereits eine öffentlich geförderte Sozialwohnung bewohnen. Nochmal seufz.

Montag, 11. August 2014

Auto II ist endlich da

Lange genug hat es jawohl gedauert. Endlich ist es da, mein Auto. Das größere von den beiden. Das, mit dem ich endlich wieder selbständig meinen Sport machen kann. Also auch an Wettkämpfen teilnehmen. Ohne dabei jemanden fragen zu müssen, ob er mein Equipment zum Wettkampfort transportiert. Und ich kann bei Bedarf sowohl in Hamburg als auch an meinem aktuellen Studienort trainieren. Und ich kann außerhalb meiner vier Wände übernachten, ohne Zelte aufbauen oder Unterkünfte buchen zu müssen. Hinter die 2. Sitzreihe passt locker eine 140 x 200 cm große Matratze. In der Breite muss ich sie zwischen den Rädern etwas quetschen (pro Seite fehlen ungefähr 6 cm), aber dafür rollt auch niemand seitlich runter. Nach oben kann ich normal auf der Matratze sitzen und muss die Arme nach oben ausstrecken, um ans Dach zu kommen.

Bisher bin ich sehr zufrieden, Motor und Getriebe erlauben ein sehr entspanntes Fahren. Außer von den Maßen unterscheidet sich das Handling nicht wesentlich vom Golf. Lediglich etwas träger ist die Obstkiste. Und schluckt mehr als das Doppelte: Während der Golf selbst im Stadtverkehr mit Klimaanlage nicht auf 4 Liter Diesel kommt, säuft der Große mindestens acht. Beschleunigen und überholen ist vernünftig möglich, auf 160 km/h schafft es der Motor mühelos, danach nimmt die Kraft spürbar ab. Laut Papiere soll er auf 191 km/h Spitzengeschwindigkeit kommen, das habe ich aber bisher nicht ausgetestet und das muss als Reisegeschwindigkeit auch nicht unbedingt sein.

Nun will ich mir mal wünschen, dass ich mit diesem Auto länger Freude habe. Der Golf geht jetzt erstmal wieder in die Werkstatt: Eine Lüftungsdüse knackt und knistert ständig, die Heckklappe klappert während der Fahrt und muss ständig mit übermäßigem Schwung zugeworfen werden, damit sie richtig einrastet, und seit wenigen Kilometern macht die Servolenkung Theater: Wenn das Lenkrad genau gerade steht und das Fahrzeug mit laufendem Motor auf dem Parkplatz steht, bewegt sich das Lenkrad im Sekundentakt wie von Geisterhand um ein bis zwei Zentimeter hin und her. Dreht sich also abwechselnd jeweils ein bis zwei Zentimeter nach links und nach rechts. Fortlaufend. Stellt man jetzt den Motor ab, geht das Spielchen noch etwa 10 Sekunden weiter, dabei gibt es dann allerdings noch irgendein dumpfes Geräusch dazu, das sich anhört, als wenn von unten jemand gegen ein Metallteil klopft. Die Werkstatt weiß bereits, was es ist. Außerdem wird das komplette Handbediengerät ausgetauscht, da es trotz drei Reparaturen noch immer im Leerlauf oder bei eingeschaltetem Tempomat (also in Nullstellung) vor sich hin vibriert und dabei laut scheppert. Es wird also nie langweilig.

Donnerstag, 7. August 2014

Cyano und andere Chaoten

Nachdem es am Morgen in Hamburg endlich mal wieder etwas abgekühlt war (ich habe nichts gegen den Sommer, aber für ein paar Stunden durchlüften tut mal ganz gut), demonstrierte zum Nachmittag die Sonne wieder ihre ganze Kraft und ließ das Thermometer auf 27 Grad steigen. Marie und ich entschieden uns, die Gunst des Wetters zu nutzen und vor dem Abendessen noch eine Stunde im See zu schwimmen. Eine Freundin von Marie, die gerade zwei Bücher zurück gebracht hatte, wollte spontan auch mit. Und auch Maries Mutter fragte, ob wir was dagegen hätten, wenn sie sich anschließt. "Wir wollen aber eine Stunde trainieren", meinte Marie. - "Kein Problem, ich trainiere zwar keine Stunde, aber ich kann mich ja einen Moment in die Sonne setzen und lesen."

Gesagt, getan. Wir bogen in die Zufahrtsstraße zum See ein. Auf ihr sind rund 20 Parkplätze am Straßenrand, die aber, weil die Leute ja nicht so gerne weit laufen, immer schnell belegt sind. Daneben ist noch eine Wiese, auf die locker 200 Autos passen, nur ist das mit den Rollstühlen etwas umständlich, denn das Gras ist nicht gemäht und der Boden äußerst uneben und mit tiefen Schlaglöchern durchsetzt. Maries Mutter versuchte also, auf der Zufahrtsstraße eine Lücke zu bekommen, und tatsächlich war eine frei. Langsam ranfahren, rechts blinken, bis auf Spiegelhöhe an das davor stehende Auto dicht heranfahren, Rückwärtsgang rein ... und zack: Das nächste Auto war vorwärts in die freie Lücke geschossen und stand mehr schlecht als recht schräg drin.

Maries Mutter murmelte: "Oh, wirklich sehr freundlich." - Und so rücksichtsvoll. Maries Mutter fuhr weiter und wie es der Zufall so will, fuhr ganz am Ende der Reihe gerade jemand weg. Der Parkplatz war noch wesentlich günstiger gelegen, denn nun waren wir direkt auf Höhe des Zugangswegs zur Badestelle. Maries Mutter und Maries Freundin luden die beiden Rollstühle aus dem Kofferraum und schoben sie zu unseren Türen. Während wir unsere Rucksäcke aus dem Kofferraum holten, war die rücksichtsvolle Frau mit ihren zwei Kindern auf dem Weg zum See und musste, um dorthin zu gelangen, direkt an uns vorbei. Maries Freundin stand etwas abseits von uns neben einer großen Hecke, fummelte gebannt an ihrem Handy herum und pupste nonchalant. Marie grinste mich an und stupste sich selbst gegen ihre scheinbar juckende Nase. Maries Mutter sammelte gerade noch etwas aus ihrer Türablage, so dass sie das nicht mitbekam.

Dafür bekam es aber das eine Kind der rücksichtsvollen Mutter mit. Das alles wäre nicht der Rede oder gar eines Beitrags wert, wäre es nicht so skurril: "Mama, die Frau hat gepupst!" - Maries Freundin lächelte verlegen, die Mutter antwortete, während sie langsam vorbei ging und ihren Sohn an der Hand hielt: "Die Frau weiß das nicht besser, die ist behindert." - Jetzt reichte es aber gleich, auch wenn es vermutlich gar keinen Sinn hatte, darauf etwas zu erwidern. Bevor ich Luft holen konnte, sagte der Junge: "Nein, Mama, das war die andere, nicht die Behinderte!" - "Dann ist die Frau ziemlich ungezogen!"

Maries Mutter hatte das scheinbar nur halb mitbekommen, kam zum Kofferraum und fragte: "Wer ist ungezogen?" - "Du! Weil du sie dorthinten ausgebremst hast, nur, damit du hier den schöneren Parkplatz bekommst." - "Die tickt wohl nicht ganz richtig." - "Nein, es geht um [Maries Freundin]. Sie hat gefurzt und der Junge hat es gehört und gleich an Mama gepetzt. Und die meinte erst, die Behinderten wüssten das nicht besser, und als sich rausgestellt hatte, dass das nicht die Behinderten waren, meinte die Mama, [Maries Freundin] sei ziemlich ungezogen." - Maries Freundin sagte: "Ich wollte das nicht im Auto machen und bin extra ein Stück zur Seite gegangen. Warum ist denn das jetzt so ein Drama?"

"Das ist überhaupt kein Drama", sagte Maries Mutter. "Vermutlich hat die Frau nur ein gestörtes Verhältnis zu ihrem Körper und erzieht das ihren Kindern auch gleich an."

Während die merkwürdige Frau mit ihren Kindern weit nach hinten über die Badewiese ging, blieben wir eher weiter vorne. Wir wollten so bald wie möglich ins Wasser, denn wir wollten ja auch noch ein paar Kilometer schwimmen. Während wir auf dem Po sitzend uns in Richtung Wasser über den Strand bewegten, kam -wie könnte es anders sein, und wer mich genauer kennt, weiß inzwischen, dass ich skurrile Personen immer mehrmals treffe- der Junge angelaufen, sprang neben uns mit seinen Füßen in dem flachen Wasser auf und ab, kniff sich in seine Wiener Wurst, holte selbige aus der Badehose und strullerte direkt neben uns im hohen Bogen in den See. "Na legger", kommentierte Marie. - "Tu nicht so, als wenn du das nicht machst", konterte ich. "Seit deinem letzten Fragebogen im Internet weiß ich über das Gegenteil genauestens Bescheid."

"Ich stell mich aber nicht vor allen Leuten hin dabei", antwortete sie. Ich erwiderte: "Stimmt, du kannst ja nicht stehen!" - "Genau." - Maries Freundin sagte: "Worüber redet ihr? Ich komme gerade nicht mit." - Im selben Moment kam die Mutter angewetzt, brüllte ihr inzwischen wieder hüpfendes Kind an: "Hörst du schwer, ich hab dir gesagt, du gehst nicht ohne Schwimmflügel ins Wasser!" - Das Kind hüpfte nicht mehr, sondern zog den Kopf ein. Sie sah uns und fauchte weiter: "Und dann kommst du weg hier von den Behinderten, die brauchen Platz und wollen nicht von dir gestört werden." - Einige Sekunden später, als die beiden außer Hörweite waren, sagte Marie: "Am besten wäre, wenn die ungezogene [Maries Freundin] der Mutter gesteckt hätte, dass ihr braver Sohnemann gerade einen Viertelliter hochkonzentriertes renales Filtrat im Badesee verklappt und somit maßgeblich zur Vermehrung von Cyanobakterien beigesteuert hat." - "Sowas macht mein Sohn nicht, der weiß nicht mal, wer dieser Cyano ist", blödelte ich. - "So wirds sein, genau."

Als wir von unserer Schwimmstrecke wieder zurück waren und inzwischen auch noch mit einigen zufällig anwesenden Triathleten ins Gespräch gekommen waren, kam ein Mann auf uns zu. Wir saßen auf einer Decke auf dem Rasen, unsere Rollstühle standen etwa drei Meter von uns entfernt. Der Mann fragte: "Entschuldigung, darf ich Sie mal was fragen? Gehören die Rollstühle Ihnen?" - "Ja, warum?" - "Die standen hier die ganze Zeit." - "Ja, wir waren im See schwimmen." - "Achso, und ich hatte mich schon gewundert, wer mit dem Rollstuhl zum See fährt und dann hier stundenlang spazieren geht! Wie dumm von mir! Schönen Tag noch!" - Marie und ich guckten uns an. Vermutlich ist das Naheliegendste nur für uns naheliegend.

Maries Mutter, die uns gerade ein Eis von einem nahe gelegenen Imbiss geholt hatte, hatte den letzten Satz mitbekommen und schüttelte nur den Kopf. Ich sagte: "Beschwer dich nicht zu laut. Bei unserem Glück kippt gleich noch jemand um, springt kopfüber ins flache Wasser oder ein Rennradfahrer zerlegt sich oben an der Kreuzung." - Eine Stunde später, wir sind auf dem Rückweg, bremst vor uns ein Autofahrer scharf. Vor ihm war ein Rennradfahrer gestürzt. Der Grund war nicht erkennbar. Er war auch nicht wirklich schnell und außer ein paar blutenden Schürfwunden und kaputten Klamotten schien ihm nichts passiert zu sein. Zum Glück.

Ganz anders erging es etwa zeitgleich einem seiner Kollegen in der Nähe unserer Trainingsstrecke, wie heute in der Zeitung stand. Wir waren zum Glück nicht live dabei. Schon vor rund zwei Jahren war dort jemand tödlich verunglückt, als ein Lkw-Fahrer zum Überholen mitten in eine Gruppe Radler hineinlenkte und später mit einer Bewährungsstrafe von 10 Monaten davon kam. Gestern nun fühlte sich fast an derselben Stelle ein etwa 30jähriger Renault-Fahrer von zwei nebeneinander fahrenden Rennradlern so provoziert, dass er nicht nur laut hupend überholte, sondern auch noch direkt vor ihnen einscherte und eine Vollbremsung hinlegte. Einer knallte direkt in den Kofferraum, der andere schaffte es gerade noch, rechts dran vorbei zu ziehen, wurde dann aber unsanft vom Rad geholt, weil der Beifahrer blitzschnell seine Tür aufstieß. Ein Radler wurde schwer verletzt ins Krankenhaus gebracht und dort stationär aufgenommen, der andere kam mit leichteren Verletzungen davon. Die Polizei konnte die beiden Chaoten schnappen, beide waren erheblich alkoholisiert. Marie, als sie die Zeitungsmeldung sah: "Ich weiß, warum wir nicht im fließenden Verkehr, sondern nur auf abgesperrten Strecken trainieren. Stell dir mal vor, die beiden sehen ein Rennbike, fühlen sich noch mehr belästigt, und fahren dann so ein Manöver. Ein Rennbike hat einen deutlich längeren Bremsweg als ein Fahrrad. Und der Kopf wäre auf Höhe der Stoßstange. Hurra."

Mittwoch, 6. August 2014

Im freien Fall

Kein Anruf, auch kein Sturmklingeln an der Tür. Der Hund spitzt die Ohren, rennt aufgeregt zur Terrassentür, weiß nicht genau, ob er was gehört hat oder nicht. Guckt Marie ratlos an. Sie löst ihren Blick vom Fernseher, fragt: "Na, hörst du wieder die Regenwürmer husten?" - Der Hund legt den Kopf schief. Maries Mutter blickt von ihrer Zeitschrift hoch und kommentiert: "Regenwürmer? Die schmecken nicht. Gib mir lieber die Gulaschreste aus dem Kühlschrank. Ich weiß genau, dass da noch welche sind."

Der Hund bellt. Also doch was gehört? Bestimmt irgendein Tier, das sich in den Garten verirrt hat. Der Hund setzt sich vor die Tür, kläfft. Steht auf, rennt zur vorderen Tür, bellt dort, kommt wieder zurück, setzt sich wieder vor die Terrassentür. "Wollen wir mal gucken, ob ein Rehkitz in den Pool gefallen ist?", fragt Marie den Hund mit alberner Stimme und öffnet die Terrassentür. Der Hund fetzt nach draußen, keine drei Sekunden später ist der Eindringling gestellt. Der Hund bellt aufgeregt. Marie runzelt die Stirn, setzt sich vom Sofa in ihren Stuhl und rollt nach draußen. Einen Moment später ruft Marie: "Mama, kommst du mal?"

Mama legt ihre Zeitschrift aufgeblättert und mit dem Rücken nach oben auf das Sofa, steht mit knackenden Fußgelenken auf, tappst barfuß über den Holzfußboden nach draußen. Der Hund ist inzwischen still. Kurz danach kommt Maries Mutter wieder nach drinnen, hat ein weinendes Mädchen im Arm. Ich kenne sie, sie war vor einiger Zeit mal in der Praxis. Sie ist 14 Jahre alt. Maries Mutter schickt Marie und mich weg. Das Mädchen sagt: "Nein, sie können bleiben", bricht richtig heftig in Tränen aus und bringt kaum ein Wort über die bebenden Lippen. Maries Mutter schubst sie sanft auf das Sofa, holt eine Packung Papiertaschentücher. Der Hund setzt sich beim Mädchen auf die Füße und leckt ihr die Hände. Das Mädchen fängt an, den Hund zu kraulen.

Maries Mutter legt die Packung Taschentücher auf den Tisch, setzt sich neben sie. "Hast du was ausgefressen?", fragt sie. Das Mädchen schüttelt den Kopf. Maries Mutter fragt weiter: "Was ist denn passiert?" - "Meine Mutter", sagt das Mädchen in kaum verständlicher Sprache und schluchzt heftig. Mein Adrenalinspiegel steigt. Was ist mir ihrer Mutter? Hat sie geschlagen, ist abgehauen, ist im Krankenhaus, gestern gestorben, hatte einen Unfall, wird vermisst, hat den Papa betrogen, ist nicht die leibliche Mutter oder hat ihr am Ende nur das Handy weggenommen?

Maries Mutter muss nachfragen: "Was ist mit deiner Mutter?" - Das Mädchen sammelt sich und sagt erstaunlich klar: "Sie liegt zu Hause auf dem Sofa und ist randvoll mit Tabletten. Es gibt einen Abschiedsbrief, den hat der Papa aber eingesackt. Ich weiß nicht, was drinsteht. Ich weiß auch nicht, was ich machen soll." - Maries Mutter fragt: "Wo ist die Mama denn jetzt?" - "Na, zu Hause auf dem Sofa, hab ich doch gesagt!" - "Und der Papa?" - "Steht in der Küche und besäuft sich." - "Hat er die Mama so dort liegen sehen und weiß er, dass sie Tabletten genommen hat?" - "Ja. Er hat ja den Abschiedsbrief irgendwo versteckt." - "Und was sagt er dazu?" - "Die spinnt." - "Und die Mama, was sagt die?" - "Die sagt nichts. Sie schläft tief und fest, aber sie atmet noch. Aber sie wacht nicht auf, auch nicht, wenn ich laut rufe." - "Hast du sie mal kräftig gerüttelt?" - "Nein, das habe ich mich nicht getraut. Ich habe Angst." - "Weißt du, was für Tabletten sie genommen hat und wieviele?" - "Nein, da liegen ganz viele auf dem Tisch, alle möglichen, die Blister sind alle leer. Ich würde mal sagen vielleicht so 20 oder 30, können aber auch 50 sein. Und eine Flasche Rotwein hat sie dazu getrunken, da ist nur noch ein letzter Rest im Glas mit Tablettenresten drin." - "Und dein Papa will nicht vielleicht mal einen Krankenwagen rufen?" - "Nö, er meint, die Mama will ihn nur provozieren und das Spiel spielt er nicht mit. Ich hab ihn gefragt, was passiert, wenn sie jetzt wirklich stirbt und er hat gesagt, die stirbt nicht. Und dann habe ich gefragt, was, wenn doch, und dann hat er geantwortet, dann ist das eben so." - "Dann ist das eben so?" - "Hat er gesagt, ja."

Maries Mutter zieht sich Schuhe an. Nimmt sich ihr Handy und den Schlüssel vom Küchentisch. "Was machen Sie jetzt?" - "Nach deiner Mama sehen. Ich flitze da eben rüber, du bleibst hier bei Marie und Jule. Okay?" - "Ich will das nicht, wenn mein Vater erfährt, dass ich hier gepetzt habe, bekomme ich richtig Ärger." - "Darauf kann ich jetzt keine Rücksicht nehmen, erstmal müssen wir feststellen, was mit deiner Mutter los ist. Das Leben deiner Mutter ist wichtiger als dass dein Papa vielleicht austickt, das siehst du auch so, oder?" - "Ja, aber wie wollen Sie das denn machen?" - "Erstmal schaue ich jetzt nach deiner Mutter, dann komme ich zurück und dann sehen wir weiter, okay?" - "Okay."

Das Mädchen wohnt keinen Kilometer von der Praxis entfernt. Während Maries Mutter unterwegs ist, erzählt uns das Mädchen alles mögliche. Unter anderem von sieben Monaten stationärem Aufenthalt in der Kinder- und Jugendpsychiatrie. Und von einem Vater, der sein Kind körperlich schwer misshandelt, es zum Beispiel mit einem Kleiderbügel verdrischt, bis Blut fließt. Marie fragt: "Weiß meine Mama das?" - "Nein." - "Du solltest ihr das erzählen." - "Und dann? Dann komme ich in irgendeine Einrichtung und habe mit anderen Jugendlichen zu tun, die mich abziehen, schlagen oder mit Drogen anfixen." - "Das muss ja nicht gleich sein." - "Deine Mutter muss das dem Jugendamt melden. Genauso wie meine Lehrer. Das habe ich im Internet gelesen. Deswegen sage ich das keinen Leuten, die irgendeine Funktion haben." - "Und du möchtest, dass ich das jetzt für mich behalte?" - "Mach, was du willst, ich werde sowieso sagen, dass das alles nicht stimmt und ich das nur gesagt habe, weil ich Aufmerksamkeit und Mitleid wollte." - "Genau, Mädel, das glaube ich dir auch. Hältst du mich für blöd? Du liest im Internet nach, wer welchen Meldepflichten nachkommen muss, um dich darauf vorzubereiten, falls du mal mit der Tochter deiner Hausärztin auf dem Sofa sitzt, während meine Mutter deine Mutter ..."

Sirenengeheul ist in einiger Entfernung zu hören. Ich sage: "Musst du wissen. Dein Leben. Wenn du das noch vier Jahre so aushältst, musst du das machen. Du merkst aber, dass die Situation immer schlimmer und unbeherrschbarer wird, oder? Du bist hierher gelaufen, weil du nicht mehr wusstest, was du tun sollst. Du hast ein halbes Jahr Psychiatrie-Erfahrung mit 14. Meinst du, die Probleme werden weniger, bis du 18 bist?" - "Weißt du, wie es ist, wenn man seine eigene Mutter randvoll mit Tabletten auf dem Sofa findet?" - "Nein. Aber ich weiß, wie es ist, wenn man mit 16 nach einem Vierteljahr aus dem Koma aufwacht und die Eltern nichts mehr mit einem zu tun haben wollen. Und wie es ist, wenn der Vater ausrastet und einen mit besoffenem Kopf zusammenschlägt."

"Bist du ausgezogen?", fragt mich das Mädchen. Ich antworte: "Ja. Alleine hätte ich es sicher nicht geschafft, aber ich habe mir Hilfe gesucht, Hilfe bekommen und es war der richtige Schritt. Ich bin mir sicher, dass Maries Mutter dir helfen würde, die richten Menschen zu finden, die dir helfen können. Ich habe damals für kurze Zeit einen Vormund gehabt, der aufgepasst hat, ob ich alleine klar komme. Vielleicht gehst du nochmal in die Klinik und versuchst von dort aus, eine betreute WG zu finden? Vielleicht wäre es eine Alternative." - "Ich weiß es nicht. Ich habe auch viele schöne Jahre mit meinen Eltern gehabt. Dass die beiden sich nicht mehr verstehen und dass das alles so aus dem Leim geraten ist, ist ja erst seit drei oder vier Jahren. Aber vielleicht muss ich aufhören, mir einzubilden, dass das wieder so wird wie früher." - Marie sagt: "Wenn deine Mama Abschiedsbriefe schreibt, scheint sie sehr zu leiden. Vielleicht kannst du dich mit ihr solidarisieren und gemeinsam etwas neues anfangen, in einer neuen Wohnung oder so. Und deinen Papa einfach besuchen, wann immer du das willst."

Der Hund seufzt. Als hätte er die Worte verstanden. Das Mädchen lacht. "Du bist eine Rübe", sagt sie zu ihm und streicht ihm über den Kopf. Marie sagt: "Der müsste mal eine Runde gassi gehen. Machen wir das zu dritt?" - Marie legt ihrer Mutter einen Zettel hin: Sind zu dritt mit dem Hund raus, habe mein Handy dabei. Als wir wieder zurückkommen, erzählt uns Maries Mutter, dass die Mutter ins Krankenhaus mitgenommen wurde. Die Mutter hatte eine für einen Suizid eher halbherzige Menge an Tabletten in einem Glas Rotwein aufgelöst, den Schlonz aber nicht getrunken. Sie war nicht bewusstlos, sondern habe nur so getan als ob. Das Mädchen sagt: "Dann hat mein Vater ja doch Recht gehabt." - "Deine Eltern haben sich beide unmöglich verhalten. Ich musste die Polizei hinzurufen, damit ich überhaupt in die Wohnung komme. Ich muss in der nächsten Stunde dem Kinder- und Jugendnotdienst erklären, wo du heute nacht bleibst. Nach Hause kannst du im Moment nicht zurück."

"Warum?", fragt das Mädchen. Maries Mutter antwortet: "Weil das in der Situation niemand verantworten kann. Dein Vater ist betrunken, deine Mutter ist psychisch nicht belastbar. Du hast mir doch mal erzählt, dass du in der Klinik gut zurecht gekommen bist und dort noch ambulante Therapie einmal pro Woche machst. Wäre es eine Lösung, wenn du dorthin für ein paar Tage gehst und dort den heutigen Abend noch einmal aufarbeitest?" - "Das wäre eine sehr gute Lösung. Vielleicht kann meine Mutter für sich auch eine Therapie anfangen und wir können zu zweit was aufbauen, was wir zu dritt nicht hinkriegen." - Maries Mutter schluckt. Sie sagt: "Ich rufe in der Jugendpsychiatrie für dich an und schreibe dir eine Einweisung. Und einen Transportschein bekommst du auch von mir. Und jemanden, der dich direkt dorthin fährt, rufe ich dir auch. Okay?" - "Okay."

Eine halbe Stunde lang krault das Mädchen den Hund. Dann fährt ein Krankenwagen auf den Parkplatz vor dem Haus. Ein VW-Bus mit Hochdach einer Hamburger Rettungsorganisation. Ein in weiß gekleideter Sanitäter kommt rein, bekommt die ganzen Papiere in die Hand. Bevor das Mädchen mitgeht, fällt sie Maries Mutter um den Hals und gibt ihr einen Kuss auf die Wange. In der Tür dreht sie sich nochmal um und sagt: "Danke euch dreien." - "Melde dich mal", sagt Maries Mutter.

Als sie raus sind, fragt Marie: "Warum ein Krankenwagen?" - "Damit sie da auch ankommt. Die fahren eine halbe Stunde, das ist eine halbe Stunde, um sich anders zu entscheiden, ohne dass jemand nachfragt. Und ich habe keinen Bock, dass sie noch auf dumme Ideen kommt." - "Meinst du, sie tut sich was an?" - "Nein, sie steigt in den nächsten Bus und sucht ihre Mutter. Und fährt irgendwann völlig erschöpft zum Vater, weil sie einfach nur in ihr Bett will." - "Das heftigste weißt du ja noch gar nicht. Sie hat erzählt, dass ihr Vater sie mit dem Kleiderbügel blutig schlägt. Dass sie aber mit dir nicht drüber reden kann, weil du das dem Jugendamt melden musst. Das hätte sie im Internet gelesen." - "Damit hat sie ja auch nicht ganz Unrecht. Immerhin hat sie heute drüber geredet. Damit wird sich dann endlich mal was bewegen." - "Hättest du das gedacht, dass sie geschlagen wird?" - "Ja. Ich habe es gewusst. Also ich hatte es im Gefühl. Richtig gewusst habe ich es nicht. Ich habe aber in meinem Brief an die Klinik damals sogar extra auf meine Vermutung hingewiesen." - "Schon heftig, oder?" - "Der Vater hatte als größte Sorge, dass die Nachbarn was mitkriegen. Darüber habe ich ihn auch eingefangen: Ich lasse nicht locker, und wenn Sie jetzt noch viel Theater machen, wird der Auflauf an Polizei und Rettungskräften da draußen immer größer. Und irgendwann fährt er mit auf die Wache." - "Musste er mit?" - "Nein. Die haben einfach keinen Mut, etwas Neues zu probieren. Und halten sich an alten Zöpfen fest und realisieren nicht, dass sie schon längst im freien Fall sind."