Samstag, 18. Juli 2015

Kein Reisebüro

Und wieder ein Semester überstanden. Na gut, noch nicht ganz. Aber dessen Vorlesungen. Ab Oktober folgt das achte, bis dahin muss ich noch zwei sehr umfangreiche Hausarbeiten fertigstellen und einen weiteren Monat Famulatur ableisten. Dieses Mal in einer psychosomatischen Rehaklinik der Deutschen Rentenversicherung. Patienten sind dort überwiegend Menschen mit Ess-Störungen, Burn-Outs, Neurosen, ... Ich bin sehr gespannt. Warum gerade das? Weil ich denke, dass mir der Kontakt zu psychosomatischen Krankheiten mehr Sicherheit gibt, wenn es darum geht, Patienten und ihre Symptome richtig zu verstehen. Nein, keine Angst, ich gehöre nicht zu den Menschen, die glauben, dass alle körperlichen Symptome, für die ich keine Ursache finde, psychischer Herkunft sein müssen. Aber genau diese Abgrenzung finde ich spannend. Ich möchte wirklich mehr darüber erfahren und diese Möglichkeit dazu nutzen.

Wo ich das nächste Semester studieren werde, ist noch nicht ganz sicher. Marie möchte zurück in den Norden, ich eigentlich auch. Aber ob wir beide hier oben was finden, stellt sich erst noch heraus. Vielleicht hängen wir auch noch ein letztes "Auslands-" Semester am aktuellen Studienort dran, es ist möglich.

Ich vermisse nach wie vor Hamburg. Und wie sehr ich Hamburg vermisse, wird mir immer wieder an den Kleinigkeiten deutlich, die ich in Hamburg erlebe. Wie heute in einem Bus: Eine Frau mittleren Alters steigt ein und sagt zum Fahrer: "Ich möchte gerne nach Eckernförde. Ich habe im Internet gelesen, dass ich die komplette Fahrkarte auch bei Ihnen buchen kann." - Leider verstehe ich nicht, was der Fahrer sagt. Ob er sagte, er würde es ausprobieren, oder ob er sagte, dass es nicht geht, aber sich eben auch keine Beschwerde einhandeln will und deshalb nochmal genau nachsieht...

Jedenfalls steht dieser Bus mit offenen Türen, laufendem Motor und Blinker rechts auf einer Hauptstraße und vorne beim Fahrer wird gelabert. Sie hätte auch eine Bahncard. Und sie wüsste, dass nach Eckernförde auch private Bahnen fahren, ob sie die auch über ihn buchen könne. Und ob sie mit Kreditkarte zahlen kann. Der Fahrer, zwei Stationen vor der Endstation, einem großen S-Bahnhof, an dem ich meine S-Bahn kriegen wollte, hat die Situation alles andere als im Griff. Die Frau diskutiert und labert, vierzig bis fünfzig Leute im Bus warten geduldig. Mehrere Minuten lang. Und dann passiert etwas, was an meinem aktuellen Studienort wohl niemals passieren würde. Da sind sie alle viel zu brav.

In der letzten Reihe brüllt ein Typ, 5-Millimeter-Kurzhaarschnitt, zwei Zentner schwer, orangefarbene Bauarbeiter-Latzhose, im typischen Hamburger Dialekt, tiefstes Barmbek, los: "Alder, watt isn datt fürn Zirkus da vorn?! Sind wir hier im Reisebüro oder watt?! Ich muss meine S-Bahn kriegen, du kannst doch wohl nen Fahrschein für Einsfuffzig bis zum Bahnhof lösen und frägst da den Kollegen, wie du nach Eckernförde kommst! Echtma, jetz! Du hältst hier den ganzen Betrieb auf, das muss man doch mal merken!" - Die Frau erwidert irgendwas, von wegen dass sie keine Busfahrkarte bräuchte, wenn sie gleich bis Eckernförde lösen würde. Da springt der Mann auf und trampelt nach vorne, holt im Gehen zwei Euro aus der Hosentasche, knallt sie vorne beim Fahrer auf den Kassentisch und sagt: "Ich krieg gleich Locken! Du kaufst dir jetzt nen Fahrschein bis zum Bahnhof und die fuffzig Cent Wechselgeld, die schenk ich dir, damit kannst du später den Typen an der Auskunft bestechen, damit er dir die billigste Verbindung raussucht. Und wenn das jetzt noch weiter Gelaber gibt, steigt hier jemand aus und geht zu Fuß, und ich versprech dir, ich bins nicht. Ich habe nämlich meine Fahrkarte vorm Losfahren gelöst. Kleiner Tipp: Solltest du nächstes Mal auch tun, erspart einem jede Menge Stress und böse Blicke!"

Dreht sich um, und während er zurück auf seinen Platz geht, applaudiert der halbe Bus. Kaum ist er auf seinem Sitzplatz angekommen, schließen sich die Türen und der Bus fährt ab. Ohne die Frau. Die hat sich entschieden, zu Fuß die beiden Stationen bis zum Bahnhof zu laufen. Über Lautsprecher kommt die Ansage: "Mein Herr, Ihre zwei Euro liegen hier abholbereit." - Daraufhin brüllt der Mann nach vorne: "Die hab ich längst abgeschrieben! Kauf dir davon auf den Schreck in der nächsten Pause n Brötchen oder ne Frikadelle oder beides oder gib sie von mir aus einem Flaschensammler, aber ich will jetze mal zügig zu meiner S-Bahn, mein Chef wartet nicht, also gib mal n büschen Gas! Mannometer!"

Sonntag, 12. Juli 2015

Wellen, Wellen, Wellen

An der Ostsee. Wo sollten wir sonst gerade sein? Das Wetter ist toll und wir haben es tatsächlich hinbekommen, uns mit Cathleen und Lisa mal wieder zu treffen, um gemeinsam ein Stündchen das "Open Water" zu kraulen. Trotz warmer Luft und relativ warmen Wasser im Schwimm-Neo, und das war auch gut so. Der Wind war kalt, kälter als das Wasser, er wehte anfangs mit Stärke 4, frischte während unserer Stunde auf 5, in Böen 6 bis 7, auf. Wir waren nicht die einzigen Schwimmer, aber es waren nur Schwimmer und keine Planschenden im Wasser. Gerade dort, wo das Wasser flach war, konnte man sich kaum halten. Es herrschte zudem eine wahnsinnige Unterströmung, so dass man nur an bestimmten Stellen wieder zurück an Land kam. Insbesondere bei senkrecht auf die Küste wehendem Wind darf man das Phänomen nicht unterschätzen und muss damit rechnen, dass man einige Meter weiter links oder weiter rechts weitere Versuche unternehmen muss, an Land zu gelangen. Das muss man natürlich vorher wissen, seine Kräfte gut einteilen. Vor allem darf man eins nicht tun: In Panik geraten, wenn es mehrmals nicht klappt, weil die Strömung zu stark ist.

Aber wir waren zu viert und hatten eine Freundin an Land gelassen, die uns beobachten sollte. Lisa, die nicht so viel Erfahrung hat, war anfangs etwas ängstlich und wich mir nicht von der Seite, aber mit der Zeit wurde sie sicherer und schwamm ihren Weg. Wir schwammen eine Strecke parallel zur Küste doppelt (also hin und zurück), und es waren etwa vier Kilometer. Das Erlebnis in den Wellen ist unbeschreiblich, wenngleich ich gefühlt mindestens zwei Liter Salzwasser geschluckt habe und am Ende, als ich endlich wieder Boden unter dem Po hatte, der Eindruck entstand, die Erde würde schaukeln. Insgesamt war das Schwimmen in den Wellen nicht wesentlich schwieriger als im ruhigen Wasser. Nur brechende Wellen sind schwierig, die anderen schaukeln einen ja nur ein wenig rauf und runter.


Meine Kondition war schonmal besser. Ich habe mich in den letzten Wochen zu wenig sportlich betätigt. Ich war jetzt nicht außer Atem oder am Ende völlig geschafft, aber ich merkte schon, dass ich schonmal besser in Form war. Einen Triathlon "aus dem Stand" würde ich mir im Moment nicht zutrauen. Oder? Na gut, vielleicht.

Lange gab es keine super-ekligen Dinge mehr bei mir. Ich bin darüber natürlich recht froh. Andererseits: Dass sie jemals ganz aufhören würden, davon träume ich realistischerweise nicht mehr. Meine Leserinnen und Leser mögen gewarnt sein: Es waren vermutlich tatsächlich um die zwei Liter Salzwasser, die ich in den Wellen getrunken habe. Na klar, ich versuche, das meiste Wasser, das beim Kraulen und Atmen in den Mund schwappt, sofort wieder auszuspucken. Meistens gelingt mir das auch, gerade bei so hohen Wellen ist es aber eine Herausforderung. Und manchmal kommt der Wasserschwall so plötzlich, dass man keine andere Wahl mehr hat, als das quasi reflexartig zu schlucken. Nicht, weil man das schlucken möchte, sondern weil die Alternative ist, das Zeug einzuatmen, also zu verschlucken - mit entsprechendem Hustenreiz. Und das wäre bei dem Wellengang eben auch kein Vergnügen.

Salzwasser gibt man ja auch vor Darmspiegelungen. Damit man dort überhaupt reingucken kann. Ich will es nicht spannender machen: Ich hatte zwischenzeitlich kurz Bauchweh, allerdings ging das schnell vorbei. Später wusste ich dann auch, warum. Im bewegten Wasser habe ich nichts davon gemerkt, aber als ich wieder zurück an Land war, wunderte ich mich schon, was für eine seltsam gefärbte Brühe aus meinen Hosenbeinen lief. Boa, igitt! Ich stecke anderen Leuten inzwischen zwar Endoskope in den Po, aber bei denen ist allenfalls Wasser und ein wenig Schleim im Darm. Sich im Neoprenanzug wie ein mariniertes Schnitzel zu fühlen, hat was ganz besonderes. Wie ich meine Querschnittlähmung liebe! Zum Glück haben es die anderen nicht sofort mitbekommen.

Während die anderen auf dem Po sitzend durch den Sand krabbelten, winkte ich unsere Fußgängerin zu mir heran. "Kannst du mir einen Gefallen tun und ohne großes Aufsehen mit mir nochmal ins Wasser gehen? Es gibt gute Gründe, warum ich meinen Neo im tiefen Wasser ausziehen sollte, und ich würde dich auf ewig lieben, wenn du mir dabei hilfst." - "Ach du Scheiße." - "Du hast es erfasst." - "Na klar. Rutsch doch schonmal in die Richtung, ich ziehe mir eben Schwimmsachen an."

Nein, ich habe nicht geheult. Herzklopfen hatte ich zuerst. Aber unsere Fußgängerin war lieb. Und unkompliziert. Zog mich ins brusttiefe Wasser und zog mir meinen Neo aus. Ich versuchte ihr zu erklären, dass da normalerweise nichts passiert, dafür sitzt das alles viel zu eng. "Aber wenn das von dem vielen Salzwasser von fest zu flüssig wird, kann das passieren." - "Ist ja nicht schlimm, das wäscht sich ja gut aus bei der Wasserbewegung." - "Ich finde mich gerade so widerlich." - "Das würde mir wohl genauso gehen an deiner Stelle, aber ich finde das, ehrlich gesagt, weniger eklig als Quallensuppe. Du machst dich jetzt komplett nackig, schaust mal, das alles draußen ist, machst dich da unten richtig sauber, wir drehen den Neo auf links und spülen den aus und dann merkt man davon nichts mehr. Vielleicht solltest du zu Hause deinen Neo mal mit ein wenig Waschpulver ein Stündchen in die Badewanne legen. Um ganz sicherzugehen." - Gesagt, getan. Es war ein schwieriges Manöver, weil ich eigentlich mehr Hände bräuchte als ich hatte. Und nicht stehen konnte, während die Wellen mich hin und herschubsten. Aber meine Begleitung hat mich die ganze Zeit festgehalten, teilweise so fest und eng, dass es mir richtig unangenehm war. Umso dankbarer war ich ihr, dass sie mir geholfen hat.

Und die anderen? Als wir wieder am Strand waren und bei den anderen ankamen, die sich am Auto bereits ausgezogen und abgetrocknet hatten, meinte Marie mit rausgestreckter Zunge: "Na, Stinki?" - Noch lustiger war Lisa drauf. Mit toternster Miene fragte sie mich: "Warum hast du das gemacht? Konntest du das nicht kontrollieren oder hast du falsch kalkuliert? Ich meine, das weiß man doch eigentlich, dass ... du weißt schon." - "Das war keine Absicht. Ich kann das ja nicht richtig kontrollieren und irgendwie hat sich mein Bauch wohl über das viele Salzwasser aufgeregt." - "Das ist ganz schön peinlich, oder? Also mir wäre das zumindest peinlich, wenn mir das passiert. Aber du brauchst keine Angst zu haben, ich lach dich nicht aus." - Gut zu wissen. Ich könnte sie immernoch regelmäßig knuddeln.

Mittwoch, 8. Juli 2015

Das siebte Gyrosbaguette

Sieben Jahre ist es her. Und vieles hat sich seitdem verändert. Vor allem im letzten, dem siebten Jahr. Man sagt ja immer, das siebte Jahr ist verflixt. Möglicherweise stimmt dieser Aberglaube, der sich sonst ja eher auf Partnerschaften und Ehen bezieht. Obwohl ich sagen muss, dass ich mit meinem Leben aktuell sehr zufrieden - und glücklich bin.

Ich war, zum ersten Mal, nicht dort, wo ich sonst regelmäßig anlässlich meines Jahrestages war. Ich habe mir dieses Jahr zwar auch ein Gyrosbaguette gekauft, aber nicht dort, wo ich es sonst kaufe. Doch, es gibt den griechischen Imbiss noch. Aber: Es gibt bekanntermaßen seit einiger Zeit auch Menschen, die mir nicht wohl gesonnen sind. Und denen werde ich natürlich nicht die Möglichkeit geben, mich dort abzupassen. Paranoid? Keineswegs. Inzwischen haben die einstigen Antreiber, die nach wie vor alles daran setzen, mich persönlich zu treffen und mir entsprechend auf den Wecker gehen, noch mehrere andere Menschen motiviert und angesteckt. Im Moment weiß ich zeitweise nicht, was schlimmer ist: Meine Mutter (die im Moment ruhig ist, aber damit nicht weniger gefährlich) oder dieser "Pester Cluster", wie ich ihn mal nennen will.

Jedenfalls ist es inzwischen so weit, dass mir davon abgeraten wurde, in diesem Jahr diesem Ritual zu folgen. Was schon bedrückend ist.

Der Anteil jener, die wohlwollendes Interesse an meinem Leben haben und meinen Blog lesen, um an diesem teilzuhaben, ist aber ungebrochen groß und meine Motivation, trotzdem weiter zu bloggen. Offline mache ich es sowieso, online leider nach wie vor verzögert, denn ich lasse alle Texte vor der Veröffentlichung gegenlesen und das dauert leider manchmal. Die letzten Einträge wurden nach ihrer Veröffentlichung binnen 24 Stunden aber über 25.000 Mal angeklickt. Der reine Wahnsinn.

Ich habe inzwischen zwar über 900 Textbeiträge geschrieben und selten um Worte verlegen (vor allem, wenn ich nicht schlagfertig und spontan reagieren muss), aber darüber bin ich nun echt sprachlos. Danke.

Dienstag, 7. Juli 2015

Hupen und Spastiliene

Mein Idiotenmagnet, der ja hin und wieder alle Kuriositäten magisch anzieht, ist ja nicht immer aktiv. Es gibt Phasen, in denen bin ich fast schon traurig, weil ich denke, ich könnte ihn verloren haben. Nach der Sache mit dem Schwanz-Milan wusste ich aber: Es gibt ihn noch.

Heute bin ich auf dem Weg zu einem Geldautomaten und werde prompt erinnert. Weniger von einem Schild, das sich wohl hauptsächlich an Vögel richten dürfte:


Sondern mehr von einem jungen Paar, das vor der Bank mit mir ins Gespräch kam. Neben uns war eine Bushaltestelle, ein Bus stand dort, und während die Leute aus- und einstiegen, fuhr ein Mercedes an uns vorbei und hupte einmal laut. Das Paar ging schräg vor mir und drehte sich erschrocken um, guckte mich an, sah meinen Rollstuhl und sprang zur Seite.

Ich hatte das Bedürfnis, das aufzuklären und sagte mit einem Grinsen im Gesicht: "Ich wars nicht!" - Was ja eigentlich klar sein sollte, denn handbetriebene Aktivstühle haben in der Regel keine Hupe. Und selbst Elektrorollstühle hupen nicht so laut wie ein Auto, sondern höchstens so laut wie ein Wäschetrockner, der seiner Umwelt mitteilen möchte, dass er "fertig hat". Im Allgemeinen würde ich eher mal vorsichtig fragen, ob mich jemand vorbeifahren lässt. Aber gerade im Elektrorollstuhl sitzende Menschen können ja manchmal auch nicht (laut) sprechen.

Die Frau antwortete: "Jetzt echt nicht?" - Der Mann guckte sie an und sagte: "Nein, das war der Mercer da, der blöde Hund. Hab mich voll erschrocken. Guck mal, die Hupen von dem Spasti sind doch viel kleiner." - Wie bitte? Die Frau guckte ihren Mann entsetzt an. Der fand sich besonders lustig und fragte mich: "Du weißt, dass das ein Spaß ist, ja? Sagt man bei Frauen eigentlich auch 'Spasti', oder sagt man da eher 'Spasti-liene'?"

Ausnahmsweise war ich mal halbwegs schlagfertig. "Nö, das ist wie bei 'Vollpfosten', da unterscheidet sich die feminine Form auch kaum von der maskulinen", sagte ich und rollte vorbei.

Am Nachmittag waren einige Kommilitoninnen und ich an einer Badestelle am Fluss. Wir waren eher spät dran, etliche andere Leute brachen bereits auf. Einer derer, die aufbrachen, sagte zu seinen Freunden: "Ey, guck mal, was will denn die Behinderte hier?" - Er hatte vermutlich nicht damit gerechnet, dass ich das mitbekommen würde, denn dunkelrot lief er an, als ich antwortete: "Die Behinderte zieht jetzt ihre Schuhe und ihre Hose aus und geht dann schwimmen."

Eine Kommilitonin fragte: "Kanntest du den?" - "Nein, wieso?" - "Weil du mit ihm geredet hattest." - "Ja, er hatte vorher gefragt, was die Behinderte hier will." - Völlig entsetzt meinte sie: "Nein! Das habe ich gar nicht mitbekommen. Aber das ist auch sein Glück. Ich weiß nicht, ob ich mich hätte zurückhalten können." - Eine Mutter mit einem etwa sechsjährigen Kind war auch gerade dabei, aufzubrechen, und sagte, als sie an uns vorbei kam: "Ungezogen, so etwas. Aber die waren schon die ganze Zeit so unmöglich, haben sich hier aufgeführt wie das reine Asi-Pack. Lassen Sie sich von solchen Leuten bloß den Tag nicht verderben! Ich bewundere Sie, dass Sie das alles so meistern und aus Ihrer Wohnung kommen. Ich weiß nicht, ob ich das könnte!"

Sonntag, 5. Juli 2015

Ein Fernglas und ein Milan

Das Wetter ist schön und so sind wir am Wochenende ... genau, an der Ostsee. Marie, ihre Mama, ihr Papa und ich wühlen im Garten. Immerhin ist es trocken, so dass ich mich nur wie ein kleines Schlamm-Monster fühle. Während die Frauen sich um Blumen und Beete kümmern (wo kommt so schnell so viel Unkraut her?), baut Maries Papa mit ein paar Freunden eine Holzterrasse. Es hat sich noch niemand in den Finger gesägt und es nimmt schon tolle Formen an. Wenn ich darüber nachdenke, dass vor drei Monaten im Bad nur ein paar Rohre aus der Wand guckten und der Fußboden aus Sand bestand, inzwischen sogar Bilder an den Wänden hängen und Blumen auf dem Tisch stehen, muss ich erkennen, dass sich viel verändert hat. Ich kenne das größte Chaos zwar nur von Fotos - dafür sieht es inzwischen aber richtig schön aus. Die Bild-Zeitung aus 2010, die noch auf dem Küchentisch lag, hängt inzwischen eingerahmt im Gästeklo an der Wand.

Aus der Luft wurde unser buntes Treiben im Garten ebenfalls beobachtet. Vermutlich eher beiläufig während der Nahrungssuche. Wir hätten es gar nicht mitbekommen, wenn nicht plötzlich zwei Männer auf dem Fahrrad, die den Sandweg, der an dem Haus vorbeiführt, als Abkürzung zwischen Kreisstraße und Waldweg genutzt hatten, eine Staubwolke hinter sich herziehend auf das Grundstück preschten, in den Garten liefen und riefen: "Haben Sie ein Fernglas? Haben Sie ein Fernglas?"

"Nein, wozu brauchen Sie das?", fragte Maries Vater. Einer der beiden, beide waren geschätzt um die 70 Jahre alt, antwortete: "Da oben, da oben!", und deutete in den Himmel. Maries Papa guckte nach oben und stellte nüchtern fest: "Da fliegt ein Vogel." - Der Mann antwortete: "Ja, aber ein ganz besonderer! Ich wüsste zu gerne, was für einer das ist, aber dafür brauche ich ein Fernglas!" - "Wir haben hier leider keins", sagte Maries Papa erneut.

"Ich tippe auf einen Schwarzmilan", sagte einer der Freunde von Maries Papa. Nun kam der Brüller: Der Mann, der unbedingt ein Fernglas haben wollte, um den Vogel zu bestimmen (!), antwortete: "Ah, Sie kennen sich aus? Ein Schwanz-Milan (!) also? Ich habe von Vögeln nicht so viel Ahnung, wissen Sie? Aber faszinieren tun sie mich immer wieder. Ich hätte gedacht, das ist vielleicht ein Habicht. Aber ein Schwanz-Milan, das könnte auch angehen!"

Vom Vögeln hat unser Hobby-Onaniethologe also keine Ahnung und versteht nur Schwanz. Ich musste mir auf die Lippe beißen, um nicht laut loszuprusten. Ich sah im Augenwinkel, wie Marie mich entsetzt anguckte. Bloß jetzt nicht hingucken. "Vielleicht ist es auch ein Kuckuck", alberte Maries Vater, ohne jedoch dabei eine Miene zu verziehen. Der Mann antwortete: "Nein, ein Kuckuck ist das nicht, die sind viel kleiner." - "Ich habe gehört, dass die manchmal auch die fremden Eier aus dem Nest werfen und dann die Gestalt anderer Vögel annehmen", fuhr Maries Papa bierernst fort und starrte dabei in den Himmel. Ich bewundere ihn immer wieder dafür, dass ihm solcher Schabernack so schnell einfällt und er dabei so ernst bleiben kann. Der alte Mann guckte ihn an, starrte dann auch wieder in den Himmel und sagte: "Stimmt. Jetzt, wo Sie das sagen, erinnere ich mich. Die Schule ist bei mir schon etwas länger her, wissen Sie?"

"Macht ja nichts", antwortete Maries Papa. Nahm seine Hände aus den Hüften und sagte: "Also, Fernglas haben wir keins, aber zwei Flaschen Bier kann ich Euch mitgeben. Eisgekühlt. Und ohne künstliches Aroma! Und dann würde ich gerne in meiner Argrarscheibe weiterwühlen, wir haben uns nämlich einen straffen Zeitplan gesetzt. Ich hoffe, Sie verstehen das", sagte er, holte ihnen zwei Flaschen Bier aus dem Kühlschrank und schob die Leute zu ihren Fahrrädern zurück. Als sie weg waren, murmelte er trocken: "Wird Zeit, dass hier ein Zaun hinkommt." - Maries Mutter lachte und sagte: "Jede Wette, die bringen auf dem Rückweg das Leergut zurück."

Maries Mutter sollte Recht behalten. Kurz vor Sonnenuntergang kamen sie zurück und gaben ihre Flaschen ab. Das nenne ich mal Menschenkenntnis. Immerhin haben die beiden Schwanz-Milan-Helden auf diesem Weg noch zwei Grillwürste im Brötchen auf die Hand bekommen, die sie dankbar annahmen. Und mir ist es gelungen, das Flattervieh zu fotografieren. Okay, eine Handyaufnahme aus gefühlten drei Kilometern Entfernung. Aber für professionelle Ornithologen sollte das doch ein Klacks sein! Oder?

Donnerstag, 2. Juli 2015

Haus an der Ostsee

Als eine der besten Altersvorsorgemöglichkeiten gilt ja bekanntlich Wohneigentum. Nun denke ich aktuell gerade nicht an meine eigene Altersvorsorge, aber Maries Eltern denken an ihre. Eigentlich zweitrangig, denn inzwischen müssen sie, wenn Marie nicht mehr zu Hause wohnt, zu viele Steuern zahlen, so dass es noch einen anderen Grund gab, sich mal umfassend beraten zu lassen. Um es kurz zu machen: Sie haben im April ein Ferienhaus gekauft, das sie noch bis zur Rente abbezahlen wollen. In Schleswig-Holstein, fünf Kilometer von der Ostseeküste entfernt. Dort hatte jemand in den 1970er-Jahren seine Landwirtschaft aufgegeben und seinen Bauernhof dem Erdboden gleich gemacht, anschließend (ohne vernünftige Baugenehmigung) ein Wohnhaus auf etwa 130 Quadratmeter Grundfläche plus großem Garten gebaut. Die Ackerflächen um das Haus herum hatte er verpachtet.

Nun war der Hausbesitzer 2010 verstorben, der erbende Sohn hat sich überhaupt nicht gekümmert, das Ding leerstehen lassen, irgendwann hat sich die Gemeinde eingemischt und eine Lösung verlangt. Über eine Arbeitskollegin von Maries Mutter, die in derselben Gegend, rund zwölf Kilometer entfernt, eine Ferienwohnung hat, drang die Info durch und kurzerhand einigte man sich auf einen eher symbolischen Kaufpreis, denn an dem Haus ist seit 1972 nichts mehr gemacht worden. Und mit "nichts" meine ich tatsächlich "nichts"; es gibt Menschen, die leben hinter blinden Scheiben im Wohnzimmer. Aber es handelt sich um einen massiven Rotklinkerbau, und laut Sachverständigen ist die Bausubstanz tadellos in Ordnung. Kein Schimmel, keine Feuchtigkeit, kein Ungeziefer. Inzwischen hat die Gemeinde dem ganzen Plan einschließlich der (damaligen) Bebauung mit einem Wohnhaus zugestimmt, und weil es eine kleine Gemeinde ist, auch ohne jede Auflage. In größeren Städten wären mitunter erstmal noch neue Erschließungskosten zuzüglich Straßenunterhaltung oder -neubau verlangt worden. Oder andere lustige Dinge.

Fakt ist, dass wirklich alles neu gemacht werden musste. Neues Dach, neue Fenster, neue Heizung, neue Abwasser-, Wasser- und Stromleitungen, neue Fußböden, neue Küche, neues Bad, neues Gästeklo, zwischen Ess- und Wohnzimmer wurde eine Wand rausgenommen, neuer Kamin, ein Durchbruch vom Wohnzimmer in den Garten - während der Kaufpreis mit rund 25.000 € (komplett mit Grundstück) eher symbolisch war, mussten relativ genau 100.000 € erstmal investiert werden, um das Haus zu sanieren. Bei erheblicher Eigenleistung von Maries Vater und einigen handwerklich begabten Freunden. Damit war aber noch kein Topf, kein Schrank und kein Sofa drin. Und der Garten war eine einzige Schlammwüste.

Wenn Maries Eltern so etwas in die Hand nehmen, machen sie es entweder ganz oder gar nicht. Um nicht privat endlos haften zu müssen, falls was nicht klappt, hat man auch hier Geld in eine Gesellschaft (keine Ahnung ob GmbH oder GbR, so genau wollte ich es nicht wissen) ausgelagert, den Rest des Geldes ge- und verliehen - und vermietet das Ding nun, solange man nicht selbst darin wohnt, an Leute, die dort Urlaub machen wollen. Ausschließlich an bekannte Leute, und die Liste derer, die für verhältnismäßig wenig Geld einen Wochen(end)urlaub an der Ostsee machen wollen, scheint ob eines großen Freundeskreises schon jetzt unendlich lang. Der Kalender ist bis Silvester bereits voll.

Über die Bekannte, die den Tipp mit dem Haus gab, haben Maries Eltern auch einen "Hausmeister" gefunden, einen älteren Herrn, der mit seiner Frau in die Gegend gezogen ist, um dort seinen Lebensabend zu genießen, und der gerne etwas zu tun hat. Er kümmert sich darum, dass alle das Haus so verlassen, wie sie es vorgefunden haben und schaut hin und wieder nach dem Rechten (oder dem Linken), wenn Maries Eltern für einige Wochen nicht dorthin kommen. "Ob wir hier in 20 Jahren wirklich leben wollen, wissen wir noch nicht, aber wenn nicht, verkaufen wir es halt wieder." - Tja. Bis dahin hat das alles einen sehr schönen Nebeneffekt: Das Erdgeschoss ist seit der Sanierung komplett barrierefrei. Und was gibt es Schöneres als ein paar Tage an der Ostsee? Man kann dort wunderbar mit dem Handbike fahren, auch kilometerweit auf befestigten Dünenwegen, sich am Strand sonnen, baden; es gibt obendrein auch noch etliche Badeseen und ansonsten sehr, sehr viel Natur. Nachts hört man dort die Flöhe husten. Wunderschöne Ruhe und ein herrlicher Kontrast zur lauten Großstadt.

Montag, 29. Juni 2015

Mücken

Wann kommt im Norden eigentlich der Sommer? Ich möchte mich gerne an den Strand legen. Nicht, weil ich noch mehr Bräune brauche. Sondern weil ich gerne vom Seewind gestreichelt werde, während mir die Sonne den Körper wärmt. Hin und wieder mal in die Ostsee zu hüpfen und mich von sanften Wellen hin und her schaukeln zu lassen, ist ganz nach meinem Geschmack. Aber nein, irgendwer hat was falsch verstanden, denn wir hatten zwar 30 Grad, aber 15 davon am Samstag und die anderen 15 am Sonntag. Maries Eltern waren kurz davor, ihre Sauna wieder einzuschalten.

Philipp und ich waren stattdessen an einem einsamen Waldsee. Wunderschön gelegen, rund herum Bäume, der Geruch von feuchtem Waldboden, relativ feste Wege und zwei oder drei Stellen, an denen man ohne großen Höhenunterschied ins Wasser kommt. Wo feuchter Waldboden ist, ist auch was anderes: Mücken. Ich habe mir jeden einzelnen Stich von Philipp behandeln lassen. Bei 45 hat er aufgehört zu zählen. Es gab eine einzelne Stelle auf dem Weg, wo sich die Plagegeister versammelt hatten. Ich würde mal behaupten: Hunderte sind über alles hergefallen, was sich irgendwie bewegt hat. Massenangriff der Killermücken. Dass es bei mir nur am halben Körper juckt, macht es nicht viel besser, denn auf der anderen Körperhälfte heilt es nur schwierig ab. Ich schätze, von einzelnen (am Fußgelenk, auf einem Zeh) werde ich noch zwei oder drei Monate was haben.

Aber das Schwimmen war genial. Nackt. Wir waren nicht die einzigen, die nackt geschwommen sind. Ein älterer Mann war auf der anderen Seite des etwa 1.000 Meter breiten Sees ebenfalls ohne Kleidung im Wasser. Aber wir waren die einzigen, die die Abgelegenheit genutzt haben, um ... boa, war das schön! Am Anfang habe ich immer noch ängstlich in die Gegend geguckt, ob uns jemand beobachtet oder jemand den Weg entlang kommt. Irgendwann habe ich aber nur noch dieses absolut schöne Gefühl genossen. Inzwischen weiß Philipp genau, was mir gefällt. Er ist zwar manchmal noch ein wenig unbeholfen, wenn meine Beine im Weg sind oder ich zu wenig Rumpfkontrolle habe, aber er übernimmt gerne Regie und ich spiele gerne mit. Es scheint, als hätte ich endlich mal Glück. Aktuell ist nichts kompliziert. Und ich habe das Gefühl, ihm genug, vielleicht sogar mehr als nur genug, bieten zu können.