Samstag, 20. Juni 2015

Poststreik

Eine Packstation ist für mich als Rollstuhlnutzerin nur bedingt geeignet. Ich könnte zwar zu jeder Zeit mein Paket abholen, müsste dabei aber darauf hoffen, dass es nicht in einem Fach liegt, an das ich nicht heran komme. Üblicherweise lasse ich alles, was per Versand kommt, an die Praxisanschrift von Maries Mutter senden, dort ist im Zweifel auch dann jemand, wenn Marie und ich gerade in der Uni sind.

Nun streikt ja bekanntlich gerade die Post. Und DHL. Der Postbote kommt zur Praxis seit inzwischen über zwei Wochen nicht mehr, Laborwerte, Entlassungsberichte und ähnliches müssen in nervtötenden Telefonaten einzeln per Fax nachgefordert werden, nahezu keine einzige Rechnung wird zur Zeit mehr bezahlt, vermutlich weil die Privatpatienten sie gar nicht bekommen haben. Dagegen ist mein Problem, dass ich gerne meine bestellte Ware hätte, eher nebensächlich.

Immerhin hatte mir der Versender die Tracking-Nummer geschickt. Als ich im Onlineportal nachgucke, wo nach fünf Tagen meine Sendung wohl festklemmt, lese ich: "Die Sendung konnte nicht zugestellt werden. Der Empfänger wurde benachrichtigt. Die Sendung kann in der Filiale [...] abgeholt werden." - Dazu Tag und Uhrzeit, zu der Maries Mutter definitiv Sprechstunde hatte. Na super.

Eine Benachrichtigungskarte hat Maries Mutter nicht. Die Angestellten haben auch nichts angenommen. Also mache ich mich mit meinem Handbike und der Sendungsnummer auf einem Blatt Papier auf den Weg zur Postfiliale. Nach zehn Minuten bin ich an der Reihe. "Mit der Sendungsnummer aus dem Internet kann ich nichts anfangen", werde ich freundlich begrüßt.

"Ihnen auch einen guten Tag", denke ich mir. Ich antworte: "Die Benachrichtigungskarte haben wir leider nicht bekommen." - "Das kann am Streik liegen. Ich brauche die Adresse."

Ich nenne der Mitarbeiterin die Adresse der Praxis. "Und den Ausweis bitte", sagt sie. Den habe ich schon in der Hand und lege ihr den auf die Theke. "Da steht aber eine ganz andere Adresse, dann können wir das nicht aushändigen." - "Das ist eine abweichende Lieferanschrift." - "Was ist das für eine Anschrift?" - "Eine Arztpraxis." - "Haben Sie eine schriftliche Vollmacht dabei, dass Sie im Namen der Arztpraxis Pakete abholen dürfen?" - "Nein." - "Dann darf ich Ihnen das nicht aushändigen." - "Mein Name steht aber auf dem Paket." - "Moment, ich schaue nach."

Nach einiger Zeit kommt die Mitarbeiterin wieder zu mir zurück und sagt: "Da steht tatsächlich Ihr Name drauf. Dann darf ich Ihnen das auch aushändigen. Unterschreiben Sie bitte hier." - Am Ende habe ich mein Paket. Beim Dialog ließe sich sicherlich noch eine Menge verbessern. Stichwort: Negative Grundhaltung. Das ist mir, als jemand, die täglich mit sehr viel "geht nicht" konfrontiert wird, besonders aufgefallen. Mich nervt es, wenn Menschen immer erstmal sagen, dass etwas nicht geht, statt vorher die Sache zu prüfen. Ich musste ihr also drei Mal widersprechen, um am Ende meine bezahlte Ware zu bekommen. Ich finde, das müsste nicht sein.

Freitag, 19. Juni 2015

Keine Sonderrechte

Kaum rolle ich durch einen Supermarkt, ist ein neuer Beitrag fällig. Ich soll Maries Mutter eine kleine Flasche Rum für einen Kuchen herausholen. Während sie mit Marie nebenan durch einen Bioladen turnt, flitze ich durch einen Discounter, stehe inzwischen in der schier endlosen Schlange vor der Kasse. In der anderen Reihe steht in viel zu kurzen Jogginghosen eine Frau mit unvorteilhafter Frisur, knetet in ihren Händen eine Tüte Gummibären.

Um den Hals trägt sie ein Schlüsselband einer nahe gelegenen Einrichtung für geistig behinderte Menschen. Sie wippt auf und ab, fängt an, die Wartezeit zu überbrücken, indem sie sich selbst ein Liedchen vorsingt. Der englische Text ist nicht zu verstehen, aber die Melodie kommt mir bekannt vor. Dann endlich kommt ein junger Mann, der eine zweite Kasse öffnen will. In atemberaubender Lautstärke freut sich diese Frau, diesen Mitarbeiter zu sehen: "Guten Tag, machst du eine zweite Kasse auf?", brüllt sie quer durch den Laden. Und mit "Brüllen" ist wirklich "Brüllen" gemeint. Würde man das Piepen der Scanner vielleicht mit einer Lautstärke von 2 bewerten und das Kreischen jener Alarmanlage, die losgeht, wenn jemand unerlaubt den Notausgang öffnet, mit 10, dann brüllt Madam mit etwa Neundreiviertel. Umstehende Leute gehen erschrocken ein bis zwei Schritte zur Seite, fast alle drehen sich um und starren sie an. Die Frau wird nicht etwa rot, sie interessiert die Aufmerksamkeit scheinbar gar nicht, sondern sie singt einfach ihr Liedchen weiter. Schaut tief durch die Folie ihrer Gummibärchen-Tüte und sagt laut: "Na Klausi, pass auf, du bist gleich weg." - Ihre Selbstsicherheit möchte ich haben.

Endlich bin ich am Transportband angekommen, lege meine Rumflasche auf selbiges und warte. Hinter mir knutschen zwei Frauen, geschätzt um die 40 Jahre alt. Eine nimmt einen Lolly aus dem Regal, drückt auf einen Knopf und bringt selbigen damit zum Leuchten. Sie hält mir das Ding vor das Gesicht und grinst verschmitzt. "Na, Interesse?" - "Meinst du, ich finde meinen Mund besser, wenn mein Essen im Dunkeln leuchtet?"

Ihre Freundin sagt: "Die Lampe dadrin wird benötigt, falls auf Toilette mal kein Licht ist." - Die andere der beiden Frauen antwortet, während sie das Ding wieder ins Regal packt: "Auja, lass uns was zu Naschen mit zum Kacken nehmen, dann ist es nicht so langweilig." - Das wiederum hört die bis eben noch singende Frau an der Nachbarkasse und klärt lautstark auf: "Auf Klo wird nicht gegessen, das ist voll igelhaft." - Ein junger Mann steht vor mir und versucht krampfhaft, sein Lachen zu unterdrücken. Ob ich ihm einfach mal den Lolly anbieten sollte?

Endlich bin ich dran. "Ihren Ausweis bitte", verlangt die Kassiererin. Mir fällt alles aus dem Gesicht. Das ist jetzt nicht ihr Ernst. "Habe ich gerade nicht dabei. Ich bin aber schon 22." - Sie räumt demonstrativ meine Rumflasche neben ihren Drucker und sagt: "Und tschüss." - Bevor ich was erwidern kann, scannt die Frau die Artikel der beiden Frauen hinter mir. Wirklich zu freundlich.

"Moment mal bitte, hier ist mein Autoschlüssel", sage ich und halte ihr mein Schlüsselbund hin. Sie erwidert: "Begleitetes Fahren gibt es schon mit 17, trotzdem darfst du mit 17 noch keinen Alkohol kaufen. Auf Wiedersehen!"

Ich fühle mich ja geschmeichelt, dass mich jemand fast sechs Jahre jünger schätzt, und klar, die Kassiererin trägt die Verantwortung, aber warum muss das ausgerechnet dann sein, wenn ich mein Portmonee nicht dabei habe? Wie 17 sehe ich nun wirklich nicht mehr aus. Es hilft nichts. Ich rolle zurück zum Parkplatz, treffe Maries Mutter und bitte sie, mich zu begleiten. Sie verdreht die Augen, geht mit mir zur Kasse, wo die Rumflasche noch immer steht. Als der nächste Kunde fertig ist, spreche ich die Kassiererin an: "Entschuldigung, könnte ich jetzt vielleicht kurz meine Flasche haben?" - "Stellen Sie sich bitte hinten an, ja?" - "Echt mal", ergänzt die Kundin, die gerade dran ist. Wirft Maries Mutter einen bitterbösen Blick zu und sagt: "Nur weil sie im Rollstuhl sitzt, hat sie keine Sonderrechte. Und jetzt gehen Sie zur Seite und halten Sie den Betrieb nicht auf."

Ich gucke Maries Mutter an. Maries Mutter guckt mich an. Schüttelt mit dem Kopf und geht raus. Ich rolle schweigend hinterher.

Mittwoch, 17. Juni 2015

Nicht gedopt

Ich ziehe nach Feierabend meine Bahnen durch das Schwimmbecken. Wegen des bislang dürftigen norddeutschen Sommers im Hallenbad. Mit mir teilt sich eine Frau die Bahn. Es ist öffentliche Schwimmzeit, wenig los, die Frau hält relativ genau eine Bahnlänge Abstand zu mir, schwimmt in ungefähr gleicher Geschwindigkeit. Plötzlich ist sie direkt hinter mir, muss also auf halber Strecke gewendet haben. Ich hatte nicht damit gerechnet, erschrecke mich sogar ein wenig.

Wie könnte es anders sein? Sie spricht mich an. Und tut dabei sehr geheimnisvoll. "Hey, nimmst du Medikamente?", möchte sie von mir wissen. Ich mustere sie einmal, schätze sie etwa drei bis vier Jahre jünger als mich ein, beschließe dann, sie zu ignorieren und schwimme meine nächste Bahn. Mein Magnet, der hin und wieder alle lustigen und weniger lustigen Menschen anzieht und sie mit mir reden lässt, scheint mal wieder in Bestform zu sein. Sie schwimmt in einigem Abstand hinter mir her, wendet kurz hinter mir, und nach weiteren fünfzig Metern spricht sie mich erneut an: "Sag doch mal bitte, es ist wichtig." - "Warum willst du das wissen?", frage ich zurück.

Sie antwortet mit einer Gegenfrage: "Kannst du für mich pinkeln? Bitte!" - Wat is los?! Es ist abends, ich habe bereits abgeschaltet, will nur noch entspannen. Ich schwimme eine weitere Bahn hin und zurück. Sie hält so vor mir an, dass ich um sie herum schwimmen müsste, zieht ihre Schwimmbrille hoch, weint. "Bitte!", fleht sie mich an. Erst jetzt begreife ich langsam, was sie will. Ich schaue mich unauffällig um und sehe eine Frau mittleren Alters, die, mit Jeans und Polohemd bekleidet, auf einer Liege am Beckenrand Platz genommen hat und uns halbherzig beobachtet, während sie mit einem Smartphone herumspielt.

"Hast du was genommen?", frage ich sie. Sie antwortet: "Sonst nie. Ich schwöre. Aber auf der Party am letzten Wochenende ging ein Joint rum. Ich habe einmal gezogen. Scheiße. Aber nur einmal. Das ist alles. Ehrenwort."

Ich verstehe sie nun doch nicht so ganz. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein einmaliges Ziehen an einem Joint nach vier Tagen im Urin noch nachweisbar sein soll, geht gegen Null. Außerdem ist der Konsum von THC nur im Wettkampf verboten, im Training nicht. Ich bin mir nicht mal sicher, ob bei verdachtsunabhängigen NADA-Trainingskontrollen überhaupt auf THC geprüft wird. Ob man als Leistungssportlerin so etwas konsumieren soll, steht auf einem anderen Blatt. Hier geht es im Moment ja nur darum, ob sie gegen Dopingregeln verstoßen hat und ob das nachweisbar wäre. Schätze ich.

Ich verzichte darauf, ihr den Rat zu geben, in Absprache mit der Kontrolleurin jetzt möglichst viel zu trinken. Die Chance, dass sich ein gerade noch messbarer Rest jetzt noch ausschwemmen lässt, steigt wohl von Stunde zu Stunde. Es könnte dann zwar sein, dass ihr Urin dadurch so dünn wird, dass die spätere Probe verworfen werden muss, aber die nochmalige Kontrolle in einigen Tagen würde ihr Problem doch gänzlich aufgelöst haben. Folglich würde ich ja der Kontrolleurin erzählen, jetzt noch nicht pinkeln zu können. Was zur Folge hätte, dass sie mir so lange Wasserflaschen an den Beckenrand stellt, bis genügend Urin in der Blase ist. Und ich sie damit quasi vorher noch eine Zeitlang unbeobachtet spülen könnte.

Aber sowohl aus ethischen als auch aus sportlichen Gründen sage ich nur: "Ich bekomme Medikamente für meine Blase, die man anmelden muss. Ich kann dir da nicht helfen." - Sie antwortet: "Doch, bitte. Sie testen nur auf Cannabis. Ich mache gerade einen Entzug. Ich kann nicht so lange labern, sonst fällt es auf. Kannst du nicht einfach einen Becher im Rolliklo stehen lassen?" - Ach daher weht der Wind. Doch keine Dopingkontrolle. Und wieso fragte sie mich, ob ich Medikamente nehme? Um mit mir ins Gespräch zu kommen? "Ich kann dir da nicht helfen, tut mir leid."

Ja, das mag einigermaßen spießig klingen. Aber warum sollte ich da irgendwas verdrehen? Ich würde ihr damit kaum einen Gefallen tun. Außer vielleicht für einen kurzen Moment.

Dienstag, 16. Juni 2015

Neun Gänge

Nach wie vor knarzt nichts. Der Motor schnurrt, ist im Gegensatz zu meinem vorherigen Fahrzeug kaum zu hören und mit Blick auf die Größe des Fahrzeugs und das Drehmoment erstaunlich wenig durstig. Bisher bereue ich den Kauf meines neuen Autos noch nicht. Ich will zwar nicht sagen, dass das noch kommen wird, aber wundern würde es mich nach meinen letzten Erlebnissen nicht. Allerdings könnte ich ja vielleicht auch mal Glück haben.

Bei dem ganzen Schnickschnack, den derjenige, der sich das Auto mal ausgesucht hat, bevor er aus persönlichen Gründen vom Kauf zurückgetreten ist, geordert hat, würde es mich nicht wundern, wenn schon demnächst irgendwas verrückt spielt. Die Light-Version vom Kollisionsassistenten hatte ja bereits mein letztes Auto. Genützt hat es mir bekanntlich nichts, und ob der jetzige den letzten Crash, bei dem ein anderer Fahrer falsch abgebogen und mir in die Seite gekracht ist, verhindert hätte, wage ich auch zu bezweifeln. Aber eine nervige Verschlimmbesserung habe ich schon festgestellt: Das aktuelle Auto reagiert auch auf Fußgänger, die schnell an einen Überweg laufen und dort schlagartig stehen bleiben. Gerade in der Großstadt gibt es immer wieder Leute, die man auf die Ampel zujoggen sieht, bei denen man aber anhand ihrer Aufmerksamkeit und ihrer Blicke auf das Verkehrsgeschehen ahnt, dass sie stehen bleiben werden. Der aktuelle Kollisionsassistent erkennt ihre Blicke freilich nicht und leitet munter eine Vollbremsung ein, was im fließenden Verkehr nicht unbedingt nützlich ist. Nein, es ist niemand aufgefahren, aber der Typ, der hinter mir auch voll in die Eisen gehen musste, hat mich an der nächsten Ampel sehr böse durch sein Seitenfenster angefunkelt.

Was positiv ist: Das Neun-Stufen-Getriebe erscheint wesentlich besser für höhere Geschwindigkeiten geeignet als das mir bekannte Sechs-Stufen-Getriebe. Gerade bei Geschwindigkeiten über 70 kommt tatsächlich noch was, was die Drehzahl des Motors und damit die Gesamtlautstärke beim Fahren nochmal deutlich reduziert. Während in meinem bisherigen Fahrzeug ab etwa 65 km/h der sechste Gang gewählt wurde (je nach Beschleunigungswunsch mitunter auch erst bei 160 km/h) und dann der Drehzahlbereich von etwa 1.300 bis 4.200 Umdrehungen pro Minute ausgereizt wurde, schaltet die jetzige Neun-Stufen-Automatik erst bei ungefähr 130 km/h in den letzten Gang - was zur Folge hat, dass man bei 130 km/h mit etwa 1.300 Motorumdrehungen mitschwimmt.

Gibt man Vollgas, schaltet er bei etwa 210 km/h vom achten in den neunten Gang. Schneller als 215 km/h (Tacho) bin ich bislang nicht gefahren, weil die Autobahn nicht ausreichend frei war. Laut Fahrzeugschein soll er 222 schaffen, also Tacho etwa 230 km/h. Was nicht sein müsste. Die Automatikschaltung reagiert um ein Vielfaches zügiger als die Vierstufen-Automatik, die man von den etwas älteren Autos kennt, aber gefühlt nicht schneller als das DSG-Getriebe, das ich von dem vorherigen Fahrzeug kannte. Was anders ist, ist das Überspringen von einzelnen Gängen: Wenn man beispielweise bei 130 km/h im neunten Gang plötzlich Vollgas gibt, springt er mitunter bis in den 5. Gang zurück. Beim DSG-Getriebe wurde zwar auch vom 6. in den 4. zurückgeschaltet, aber nicht ohne im 5. auch einmal kurz einzukuppeln.

Was auf jeden Fall toll ist, ist die 360-Grad-Ansicht beim Rückwärtsfahren. Eine Rückfahrkamera ist gerade bei viel Gepäck oder aus anderen Gründen eingeschränkter Sicht ja schon sinnvoll, aber hier wird quasi aus der Heckkamera, einer Frontkamera und zwei Kameras in den Seitenspiegeln ein Bild "von oben auf das Auto" berechnet, so dass man nicht nur sieht, gegen welchen Poller man gerade rückwärts lenkt, sondern auch, welches Verkehrsschild gleich vom vorderen Kotflügel touchiert wird, weil man beim Ausparken die Räder voll eingeschlagen hat. Klar, man könnte auch aus dem Fenster gucken und nein, ich gehöre nicht zu denjenigen, denen sowas passiert ist, aber diese konzentrierte Info auf dem Bildschirm ist schon geil.

Nicht ganz so geil finde ich persönlich die Ambiente-Beleuchtung. Da haben sie bunte LEDs hinter allen möglichen Ecken und Falzen versteckt, die in drei wunderhübschen Farben leuchten und Wohnzimmeratmo aufkommen lassen. Kobaltblau mag im Sommer dazu führen, dass man die Klimaanlage trotz Abendhitze drosseln kann, orange hat den gegenläufigen Effekt im Winter - und weiß hilft unmittelbar bei der Feststellung, ob man alleine im Auto sitzt. Also bevor sich jemand mit mir streiten will: Es sieht spannend aus und ist auch sehr gelungen, aber aus meiner Sicht ist das überflüssiger Spielkram. Ich beschwere mich aber nicht, denn man kann das zum Glück auch komplett abstellen.

Montag, 15. Juni 2015

Wesentlich seriöser

Ein gutes Vierteljahr nachdem ich zum ersten Mal über unseren Nachbarn erzählt habe, der mit unserer Hilfe abnimmt, möchte ich updaten: Sein BMI ist von ehemals 30 inzwischen auf 25,8 abgesunken - und damit erstmals seit (wie er sagt) über 10 Jahren wieder im Idealbereich. Zwar am oberen Ende des Idealbereichs, aber eindeutig unter dem Grenzwert. Ganz großes Kino, wie ich finde. Und insbesondere Maries Mutter war begeistert, als bei einer aktuellen Blutuntersuchung herauskam, dass alle untersuchten Werte im Normbereich sind. Keiner im Grenzbereich, sogar die Triglyceride waren deutlich weniger geworden. Oder, um es in Zahlen auszudrücken: Von ehemals rund 700 auf 133 mg/dl.

Inzwischen sieht man ihm die Veränderung auch eindeutig an, insbesondere Leute, die ihn lange nicht gesehen haben, hätten ihm gesagt, die schlankere Figur stehe ihm wesentlich besser. "Du wirkst wesentlich seriöser", soll ein Freund zu ihm gesagt haben, der ihn jetzt nach einem halben Jahr wiedergesehen und die Veränderung sofort bemerkt hat.

Jetzt heißt es nur noch: Daumen drücken, dass er es schafft, dass strenge Diätprogramm so zurück zu fahren, dass er nicht mehr im gleichen Tempo abnimmt, dennoch nicht wieder zunimmt. Das ist eine weitere Herausforderung, bei der Marie und ich ihn gerne unterstützen. Ganz wichtig ist nach wie vor die richtige Trinkmenge. Wir bleiben dran...

Sonntag, 14. Juni 2015

Vater und Sohn

Ich mag keine pathetischen Beiträge. Noch weniger, wenn es dabei um den Tod geht. Aber manchmal schreibt das Leben Geschichten, die einfach nicht sachlich erzählt werden können. Schon gar nicht, wenn sie mich seit Tagen beschäftigen.

Ein noch gar nicht so alter Mann, in den mittleren Vierzigern, geschieden, zwei erwachsene Kinder, kommt mit Handy am Ohr in Anzug, Krawatte und mit polierten Schuhen in die Notaufnahme, weil ihn unerträgliche Leibschmerzen plagen. Das war vor rund zwei Wochen, ich war nicht dabei, bekam es nur erzählt. Quasi noch während des Ultraschalls versuchte er, am Handy Meetings zu verlegen. Verantwortung habe er, für viele Menschen. Auf einen Harnleiterstein wurde zunächst getippt, doch ziemlich schnell stellte sich heraus, dass es der Darm war, der ihm Probleme machte.

Man vermutete ziemlich rasch Darmkrebs als Ursache des Übels und wollte ihn für den übernächsten Morgen zu einer Operation einbestellen. Er versuchte, den Termin noch um eine Woche zu verschieben, fügte sich unter dem Eindruck seines angeschlagenen Gesundheitszustandes aber doch. Ich war am nächsten Tag bei der Aufnahmeuntersuchung und dem OP-Vorgespräch dabei, lernte ihn da erstmals kennen. Während zunächst der Internist, dann der Chirurg das Gespräch mit ihm führte, saß ich im Hintergrund. Er flirtete mit mir, beschäftigte sich mehr mit mir als mit seinem Gesprächspartner. Ihn schien sein Gesundheitszustand überhaupt nicht zu interessieren. Das ganze Spektakel wirkte auf mich eher befremdlich. Am Ende sprach er mich noch auf dem Flur an, ob ich bald fertig werden würde mit meinem Studium, wieviel Zeit ich noch aufzubringen hätte und ob ich nicht nur aus technischen Gründen eine andere Perspektive auf die Patienten hätte. Er könne sich vorstellen, dass ein Mensch mit Behinderung die Welt ganz anders sehe als ein gesunder Mensch.

Bei der Operation stellte sich heraus, dass da nichts mehr zu retten ist. Bauch auf, einmal reingeguckt, Bauch sofort wieder zu. Ich war nicht selbst dabei. Sachliche Einzelheiten erspare ich mir. "Keine vier Wochen mehr", lautete die Prognose des Kollegen. Ich hatte mit dem Mann danach nicht mehr zu tun, er wurde auf eigenen Wunsch entlassen.

Am letzten Dienstag wurde er erneut aufgenommen, dieses Mal mit Kreislaufproblemen. Das bekam ich nicht mit, allerdings sprach mich plötzlich meine Professorin an, dieser Patient hätte nach mir verlangt. "Er würde sich gerne von Ihnen verabschieden", sagte sie. Und fragte: "Kennen Sie ihn näher?" - Ich schüttelte den Kopf. Sie antwortete: "Dann würde ich Ihnen davon abraten. Das klingt nach einer emotionalen Kiste und einem Fall für die Seelsorgerin." - "Wenn es aber sein Wunsch ist?", fragte ich. Sie überließ die Entscheidung mir.

Ich klopfte an die Tür seines Einzelzimmers. Er bat mich herein. Er war nicht wiederzuerkennen. Eingefallen, blass, krank. Totkrank. War an Geräte angeschlossen, hatte einen Sauerstoffschlauch unter der Nase und war so klapprig, dass er nicht mal seine Tasse halten konnte. "Sie wollten mich sprechen?", fragte ich. Er bat mich, neben seinem Bett Platz zu nehmen. Ob ich einen Moment Zeit für ihn hätte, wollte er wissen. Ich zuckte mit den Schultern. Er begann, mir lauter krauses Zeug zu erzählen. Von korrupten Managern und Regierungsbeamten, die alle schwul seien. Er wollte wissen, ob ich eine Lesbe sei. Ich verneinte das. "Aber die Professorin ist eine Lesbe. Oder?" - "Ich habe keine Ahnung, das habe ich sie noch nie gefragt", sagte ich und musste ob der Vorstellung, so etwas zu fragen, lachen. Was hatte er für ein Problem mit Lesben?

"Mein Sohn ist auch schwul", ergänzte er. "Wir haben seit Jahren nichts mehr miteinander zu tun. Weil ich zu feige war, ihm zu sagen, dass ich ihn auch mit seiner Homosexualität liebe. Dass er mir fehlt. Aber nein, ich habe ihn vom Hof gejagt und seinen Freund dazu." - "Sagen sie ihm das und räumen Sie das aus", empfahl ich ihm. Er fand, es sei zu spät dazu. Ich antwortete: "Für sowas ist es nie zu spät." - "Ich habe nicht mal seine Telefonnummer. Aber vielleicht können Sie ihm ja etwas aufschreiben und ihm geben, wenn Sie ihn benachrichtigen."

Er war sich also über seinen Zustand mehr als klar. "Ich hole Zettel und Stift", sagte ich und verschwand. Im Dienstzimmer fütterte ich eine Suchmaschine und bekam relativ schnell die Kontaktdaten des Sohnes auf den Schirm. Was ich hier machen würde, war unter Garantie in höchstem Maße gegen jede Dienstvorschrift. Ich griff zum Telefon und rief ein Unternehmen in einer rund 100 Kilometer entfernten Stadt an. Zuerst wollte man mich nicht durchstellen, als ich sagte, dass es um eine dringende familiäre Angelegenheit ging, erreichte ich dann doch mein Ziel. Ich vergewisserte mich, dass der Mann, mit dem ich sprach, sein Sohn war. Zuerst drohte das Gespräch zu kippen, denn auch der Sohn wollte nichts von seinem Vater wissen, aber als ich dann sagte, dass er im Sterben liegt und es die letzte Chance sei, miteinander zu reden, wurde er weich. Ich bat ihn: "Er ist Ihr Vater. Mitunter sind inzwischen Sie der Stärkere. Gehen Sie einen Schritt auf ihn zu und geben Sie ihm eine letzte Chance."

Ich rollte zurück in sein Zimmer. Er hatte sich inzwischen übergeben. Ein widerlicher Gestank machte sich in dem Zimmer breit. Zwei Pfleger halfen mir dabei, ihn wieder bettfein zu machen, dann schlug ich den Block auf, den ich mitgebracht habe. Er wollte seine Familie wissen lassen, dass es nicht einfach sei, zu sterben. Jetzt, im Sommer, wenn draußen die Blumen blühen und die Menschen fröhlich sind, wenn das Sonnenlicht in den langen Haaren hübscher Frauen glänzt und junge Menschen am Flussufer grillen und feiern. Genau so kitschig sagte er es. Er wollte, dass seine Tochter wisse, dass sie ihm mit ihren unregelmäßigen Anrufen stets Freude gemacht hätte. Die Freude, ihre Stimme zu hören und die Vorfreude, bald wieder mit ihr zu telefonieren.

Sie wohne in Schweden und ist dort glücklich verheiratet und hätte zwei Kinder, die ihren Opa aber noch nie gesehen hätten. Er wollte, dass ich einen Brief an einen alten Freund schreibe, den er auch bereits seit zwei Jahren nicht mehr gesehen hätte. Als sie sechs Jahre alt waren, hätten sie sich kennen gelernt und sich gemeinsam die Knie aufgeschlagen, als sie mit dem Fahrrad zusammengeprallt seien. Zum ersten Mal betrunken sei er mit ihm zusammen gewesen. Wilde Geschichten bekam ich erzählt, zum Beispiel dass er mit ihm seine erste Zigarette geraucht hätte. Und ausprobiert hätte, ob der Rauch aus den Ohren steigt, wenn er Mund und Nase schließt.

Er wollte, dass auch seine Frau einen Brief bekommt. Er war sehr kurz: "Ich wollte mit dir die Sterne erreichen. Das hat nicht geklappt. Ich wünsche Dir alles Gute." - Er weinte. Dann sagte er: "Können Sie nicht doch irgendwie versuchen, meinen Sohn zu erreichen? Er hat zuletzt bei [...] gearbeitet. Im Zeitalter von Social Network ist das doch bestimmt nicht schwierig." - "Ihr Sohn ist bereits auf dem Weg zu Ihnen", sagte ich. Er war überhaupt nicht erstaunt, sondern fragte: "Was soll ich ihm sagen, wenn er hier ist? Ich habe Angst vor dieser Begegnung. Zum ersten Mal in meinem Leben." - "Naja, sagen Sie ihm einfach das, was Sie mir vorhin gesagt haben. Bitten Sie ihn um Entschuldigung. Ich bin mir sicher, er wird Ihnen verzeihen können. Wenn auch vielleicht nicht sofort." - "Es klingt zwar doof, aber könnten Sie vielleicht dabei bleiben?" - Unglaublich. Ich sagte: "Einen Moment lang bleibe ich gerne dabei, aber danach sollten Sie das doch alleine hinbekommen. Innerhalb der Familie, sozusagen."

Er erzählte mir weiter krauses Zeug. Ich holte Briefumschläge, faltete die Notizzettel und verpackte sie. Nach etwa zehn Minuten klopfte es. Der Sohn kam rein, nur leider brachte die Begegnung nicht den gewünschten Erfolg. "Was wird das hier? Warum wird er nicht operiert? Stirbt er jetzt?", polterte er herum. Der Vater versuchte zwei, drei Mal, auf ihn einzureden. Bat ihn, ihm zuzuhören. Es hatte keinen Sinn. Der Sohn schien überhaupt keine Antenne für die Situation zu haben, schimpfte über alles mögliche, über Äußerlichkeiten, dass das Zimmer zu klein sei, ob er nicht mal einen vernünftigen Pyjama bekommen könnte und warum ich an seinem Bett säße und kein ausgebildeter Arzt. Es dauerte keine fünf Minuten, dann verschwand der Sohn wieder. Angeblich Termindruck. Der Vater bat mich, ihn alleine zu lassen. Er bedankte sich bei mir, drückte mir die Hand. Ich versprach ihm, die Adressen zu recherchieren und die Briefe in die Post zu geben. Rollte nach draußen und fühlte mich scheiße.

Der Stationsarzt meinte später zu mir: "Du hast alles versucht, mehr kannst du nicht tun. Es war gut von dir, aber solche Hingabe hat nur sehr selten einen Sinn." - In der darauffolgenden Nacht ist der Mann verstorben.

Freitag, 12. Juni 2015

Der neue Stern

Fast 500 Kilometer bin ich schon mit ihm gefahren. Ein neuer Stern an meinem Himmel. Und bisher knarzt nichts. Und er fährt. Sehr leise, fast nicht zu hören. Gut dosierbar, mitunter auch sehr kräftig. Sehr viel Platz, sehr viel Komfort. Ich will es nicht zu früh sagen, aber im Moment bin ich schwer begeistert. Und hoffe, dass die Begeisterung nun mal anhält.

Der nachträgliche Umbau hat ein wenig länger gedauert als geplant, dafür scheint aber auch dabei alles gut verlaufen zu sein. Es ist alles auf richtiger Höhe, richtig eingestellt, klappert nicht - alles Dinge, die selbstverständlich sein sollten, sich nur bei mir schonmal anders abgespielt haben.

Es wäre zu früh, viel zu schreiben. Aber ich hole es nach, sobald ich mehr Erfahrungen gesammelt habe. Versprochen.