Sonntag, 23. November 2014

Diesel, Bratwurst und Muskelschwund

Was für eine dicke Suppe! Bis kurz vor Hannover war das Wetter noch schön, von dort an wurde die Sicht immer schlechter. Als Marie und ich am Freitag in Hamburg aus dem Zug stiegen, kam man sich vor wie in einer Waschküche. Stellenweise konnte man keine 50 Meter weit gucken. Und so schauten wir beispielsweise an der Tankstelle auch zwei Mal hin: Diesel für 1,17 € pro Liter? Tatsächlich.

Das Riesenrad auf dem Winterdom, dem Volksfest in Hamburg, drehte leer seine Runden. Was wohl daran lag, dass man von unten noch die ersten fünf Gondeln erkennen konnte, darüber aber alles in der grauen Suppe verschwand. Irgendwie unheimlich. Es war voll, aber es waren erstaunlich wenige Leute im Rollstuhl unterwegs. Cathleen, Marie und ich waren (von zwei älteren Damen in ihren Alu-Shoppern abgesehen) die einzigen. Auf hohe oder schnelle Karussells hatten wir kaum Lust, denn es war kalt und nass. "Lass uns eine Runde im Autoscooter drehen", meinte Cathleen. Doch daraus wurde nichts: "Es ist zu voll. Kommen Sie mit Ihren Rollstühlen einen anderen Tag wieder." - Danke für die Gastfreundschaft. Das hatten wir so auch noch nicht erlebt.

Die Bratwurst vom Schwenkgrill schmeckte dafür aber umso besser. Wenn man vom Preis absah: 3,80 € fand ich reichlich happig. Aber dafür gab es den Senf gratis dazu. Und wir hatten ja immerhin schon günstig getankt. Vom freitäglichen Höhenfeuerwerk war natürlich auch absolut nichts zu sehen. Kurz vor Mitternacht waren wir wieder bei Marie zu Hause. Auf dem Küchentisch lag ein Zettel: "Wir saunieren im Garten. Bitte stört uns nicht. Danke und gute Nacht!"

Ich tippte auf den Zettel und kommentierte: "Vögel im Nebel?" - Marie antwortete: "Will ich gar nicht wissen. Sollen sie machen. Wenigstens warnen sie vor." - Ich grinste. Marie schüttelte den Kopf.

Gestern abend durfte ich einen Arbeitskollegen von Maries Vater (und seine Frau) kennenlernen, die bei Maries Eltern zu Abendessen eingeladen waren. Es gab Fondue, Marie und ich waren auch eingeladen und durften unsere Gabeln in den heißen Topf halten. Es war lecker und die Gäste waren sehr nett.

Nach einem kurzen Besuch bei unserem Haus, das noch steht und immer besser aussieht, sind wir nun wieder auf der Rückreise. Morgen früh muss ich über 45 Minuten lang die Ergebnisse einer recht umfangreichen Hausarbeit vorstellen. Ich bin nicht wenig aufgeregt. Ich durfte mich zusammen mit drei Kommilitoninnen und Kommilitonen mit Muskelschwund, wie es im Volksmund heißt, befassen. Ich bin mit meinen 45 Minuten als erste dran und stelle das Thema vor. Um den Umfang der Arbeit kurz anzureißen: Es gibt rund 800 Erkrankungen, die mit einem Abbau der Muskelmasse einhergehen können. Diese lassen sich in 23 Gruppen untergliedern. Mein Job ist es morgen, die 23 Gruppen vorzustellen und abzugrenzen. Also im Durchschnitt zwei Minuten pro Gruppe, und das alles so aufbereitet, dass niemand der Zuhörer etwas durcheinander bekommmt und nach der 22. Gruppe noch alle folgen können. Hurra. Aber ich freue mich - es ist ein sehr interessantes Thema!

Dienstag, 18. November 2014

Vielleicht der Salat

Mir ist es richtig schlecht ergangen. Ich war schon vor meinem Unfall nicht wehleidig, nach meinem Unfall hat sich mein Empfinden für mein Befinden noch ein wenig verschoben. Bevor ich also auf die Idee komme, mir könnte es schlecht gehen, muss schon etwas mehr als ein eingerissener Fingernagel mich bedrücken.

Ich bin gestern abend ins Bett gegangen, da war alles völlig normal. Marie und ich haben jeweils eine Scheibe Brot zum Abend gegessen, einen Tee getrunken, haben uns irgendwann in unsere Betten gelegt - Feierabend. Kaum lag ich, wurde mir speiübel. So etwas hatte ich lange nicht. Ich rätselte, ob mit dem Essen etwas nicht in Ordnung gewesen sein könnte. Aber eigentlich war alles frisch. Ich setzte mich mehrfach im Bett hin, irgendwann setzte ich mich in meinen Stuhl und rollte zum Klo, weil ich ernsthaft befürchtete, ich müsste mich übergeben. Aber außer dass mir nach wie vor speiübel war, passierte nichts. Mein Magen fühlte sich aufgebläht an, wenn ich mit der Hand darüber strich. Nach dreißig Minuten vor dem Klo nahm ich mir eine Wärmflasche mit und verschwand wieder im Bett. Es dauerte nicht lange und ich bin eingeschlafen.

Um 4.30 Uhr war ich schlagartig hellwach. Die Übelkeit war vorbei, ich hatte bis eben gut geschlafen. Jetzt aber, ich lag auf der linken Seite, spielte mein Kreislauf verrückt. Mir war schwindelig, mein Puls raste und ich hatte Unterbauchschmerzen. So heftig, dass ich nicht wusste, wie ich liegen sollte. Einerseits war die aktuelle Lage unerträglich, andererseits war das Umdrehen auch unerträglich. Ich versuchte zu lokalisieren, woher die Schmerzen kamen. Mittig? Rechts? Eher rechts, aber irgendwie auch mittig. Vorne, unten. Aua. Ich legte die Wärmflasche, die noch lauwarm war, auf meinen Bauch. Das verschaffte geringfügig Besserung. Ich verspürte Harndrang. War das die Blase, die solches Theater machte?

Nach zwei, drei Minuten wurden die Schmerzen etwas weniger. Ich setzte mich in den Stuhl, rollte zum Klo, setzte mich auf die Schüssel. Am besten gleich mal einen Teststreifen in den Strahl halten. Negativ. Kein Eiweiß, kein Blut - also eher nicht die Blase. Auf dem Klo ging das wieder los. Einschießende, kolikartige Schmerzen, so heftig, dass meine Beinmuskeln, die ich nicht willentlich ansteuern kann, sich krampfhaft verspannten und derart herumzappelten, dass ich beinahe vom Toilettenbecken gerutscht wäre. Ich musste mich mit den Händen festhalten und abstützen. Nicht witzig. Vielleicht sollte ich Marie mal wecken?

Nach ein paar Minuten war es wieder besser. Ich setzte mich in den Stuhl, rollte zu Marie. Sie schlief tief und fest, wurde aber wach, als ich bei ihr leise klopfte und vorsichtig die Zimmertür öffnete. "Tschuldigung, Marie, kannst du mir bitte helfen? Mir geht es gerade tierisch dreckig. Ich habe ganz heftige Unterbauchschmerzen." - Sie richtete sich im Bett auf, machte Licht an. Blinzelte mich an. Sagte: "Ach du Scheiße. Du siehst ganz übel aus. Weißt du, was es ist?"

Ich schüttelte den Kopf. Sie sagte: "Leg dich mal in dein Bett, ich komme rüber." - Ich packte mich ins Bett. Ich erzählte ihr, dass ich einen Urintest gemacht habe, der aber unauffällig war. Dass mich vor dem Einschlafen Übelkeit geplagt hatte. Kaum lag ich wieder richtig, ging das wieder los. Schmerzen! Unglaublich. Ich wusste nicht, wie ich liegen sollte. Marie machte die Wärmflasche neu, die half etwas. Sie hörte meinen Bauch ab. Darmgeräusche waren überall normal, nach Blinddarm sah es auch nicht aus. Unten rechts war der Bauch deutlich überwärmt.

"Soll ich dich ins Krankenhaus fahren?", fragte sie mich. Ich schüttelte den Kopf. Eigentlich wollte ich nur in Ruhe gelassen werden. Mal war es zehn Minuten erträglich, mal war es zehn Minuten gut, dann ging es wieder los. Irgendwann bat mich Marie, das auf einer Skala von 0 bis 10 einzuordnen, wobei 10 für den heftigsten, unerträglichen Schmerz steht, den ich mir vorstellen konnte. Ich entschied mich für etwa 5, in Wellen bis 7. An Blutdruck messen und entsprechend lange stillhalten war nicht zu denken. Fieber hatte ich keins.

"Ich ruf meine Mutter an", sagte sie irgendwann. Ich erwiderte: "Die schläft doch jetzt und hat das Handy lautlos. Und wird auf die Entfernung hin auch nichts sagen können. Lass uns noch eine Zeitlang abwarten, vielleicht geht das von alleine wieder weg." - "Ich hätte noch etwas Scopolamin in meiner Giftküche." - "Och Marie. Ich bin für solchen Unsinn jetzt nicht zu haben." - "Mäuschen! Quartäres. In Drageeform. Und Metamizol könnte ich auch noch auftreiben." - "Das ist lieb gemeint, aber irgendwas stimmt hier ja nicht mit mir. Da bringt es ja nichts, symptomatisch die Schmerzen auszuschalten und in vier Stunden sind sie wieder da und irgendeine Seuche oder irgendein technisches Problem ist vier Stunden lang unbemerkt weiter fortgeschritten. Es muss ja einen Grund für so heftige Schmerzen geben."

Sie kamen wieder. Sie waren so heftig, dass ich nicht mehr liegen wollte. Ich setzte mich hin. Ich krümmte mich vor Schmerzen. Marie sagte: "So, pass auf, wenn sich das jetzt hier nicht gleich ändert, rufe ich einen Krankenwagen." - "Wenn es schlimmer wird oder in den nächsten zwei Stunden nicht besser, fahre ich ins Krankenhaus. Können wir uns darauf einigen?" - "Ungern. Aber du bist die Chefin. Soll ich mich zu dir ins Bett legen?" - "Bloß nicht. Dann werde ich wahnsinnig. Ich weiß so ja schon nicht, wie ich mich hinlegen soll."

Um halb sieben musste ich noch einmal pinkeln. Unauffällig. Marie kochte mir einen Kamillentee, machte die Wärmflasche neu. Ich drehte mich nach wie vor von einer Seite zur anderen. Um halb acht sagte Marie: "Du ziehst dir jetzt was an und dann fahre ich dich in die Klinik. Die sollen wenigstens mal ein Ultraschall machen. Du tust dir keinen Gefallen damit, das jetzt über Stunden zu ertragen." - "Im Moment würde ich es auf der Schmerzskala bei 2 einordnen. Gerade war es eher 8 als 7, aber im Moment ist es 2. Lass uns noch einen Augenblick abwarten." - "Dann nutze doch jetzt wenigstens diese Zeit, um dir schon mal was anzuziehen."

Ich wartete, rechnete fest damit, dass es nur eine Ruhe vor dem Sturm war. Zehn Minuten. Nichts. Die Schmerzen gingen zurück. Ich bemerkte Unmengen überschüssiger Stresshormone in meinem Blut. Mein Herzschlag wurde langsamer. Ich verspürte plötzlich Hunger. Es war wie nach einem Triathlon. Ich war völlig geschafft, aber glücklich. Marie guckte mich an: "Was ist denn jetzt mit dir? Du hast plötzlich wieder Farbe im Gesicht." - "Die Schmerzen sind weg. Ich weiß nicht, warum, aber sie sind weg. Null. Ich traue dem Frieden noch nicht ganz. Aber es im Moment fühlt es sich gut an."

Es sollte dabei bleiben. In den nächsten dreißig Minuten blieb alles so wie es war. Ich war so müde, dass mir im Sitzen die Augen immer wieder zufielen. Marie und ich legten uns ins Bett und schliefen ein. Um halb vier am Nachmittag wachte ich zum ersten Mal wieder auf. Die Zimmertür war einen Spalt offen, Marie klickerte in ihrem Zimmer an ihrem Laptop herum. Ich setzte mich in meinen Stuhl und rollte zu ihr. "War ich sehr gemein zu dir heute morgen?", fragte ich, ein enorm schlechtes Gewissen habend. Ich erinnere mich noch sehr genau, mehrmals sehr unwirsch reagiert zu haben, weil ich einfach nur überfordert und total genervt und beängstigt war.

"Du warst ziemlich ungnädig, aber das war völlig okay so. Es gab dafür ja einen guten Grund." - "Hast du nochmal überlegt, was es war?" - "Ich vermute irgendwas mit dem Essen. Vielleicht der Salat. Du hast in den ersten Stunden im Schlaf rumgepupst wie ein Weltmeister. Einen Moment lang habe ich überlegt, ob das für einen Heißluftballon reichen würde."

Sonntag, 16. November 2014

Hamburg

Sie ist nicht neu, aber sie ist immer gegenwärtig: Meine Liebe zu Hamburg. Wie liebe ich diese Stadt! Und wie vermisse ich sie und sehne mich nach ihr, wenn ich längere Zeit weg gewesen bin. Hamburg bedeutet für mich in erster Linie "Freiheit". Und auch wenn ich Weihnachten wegen des damit leider verbundenen kommerziellen Wahnsinns seit Jahren nicht mehr so viel abgewinnen kann wie früher, als ich noch ein Kind war, freue ich mich dennoch schon auf die ganze Weihnachtsbeleuchtung und den einzigartigen Lichterglanz an Elbe und Alster.

Heute war es zwar regnerisch und alles grau in grau, trotzdem habe ich es geschafft, ein Motiv in recht schönen Farben zu knipsen, bevor mich morgen früh die Uni wieder sieht.

Mittwoch, 12. November 2014

Zu schwach

Ich glaube, die Chirurgie und ich werden in diesem Leben keine Freunde mehr. Mein aktueller Anleiter findet, Chirurgie sei ein Knochenjob, und Menschen, die körperlich bereits nicht voll fit sind, seien zu schwach dafür und hätten dort nichts zu suchen. Dabei will ich nur mein Praktikum durchziehen, das verpflichtend im klinischen Teil des Studiums ist (und in späteren Abschnitten werde ich noch weitere Pflichtteile in der Chirurgie haben), meine Scheine bekommen und mich dann so schnell wie möglich wieder anderen Bereichen widmen. Ich werde vermutlich auch später keine Facharztausbildung in der Chirurgie anstreben. Aber die Pflicht-Inhalte traue ich mir schon zu, und die haben vor mir auch andere Menschen, die im Rollstuhl sitzen, geschafft. Insofern ist diese Diskussion überflüssig - ich mache die Vorgaben für das Studium nicht. Vielmehr versuche ich, sie bestmöglich zu erfüllen, und dann finde ich solche Belehrungen einfach überflüssig.

Zum Glück gibt es noch andere Menschen, die das völlig anders sehen, und von mir begeistert sind. Ein "Kollege" im Praktischen Jahr redet mir regelmäßig Mut zu und stand mir zur Seite, als mein Anleiter mich da so angeblubbert hat. Einen Anlass hat es übrigens für die Blubberei nicht gegeben. Zumindest keinen leistungsbezogenen. Vielleicht ist er mit dem falschen Bein aufgestanden. Ich weiß es nicht. Der Kommentar kam völlig aus heiterem Himmel.

Und so blöde, wie der Tag begann, ging er weiter. Jörn ist krank, wie ich beim Schwimmen erfahren habe. Ich hatte mich schon gewundert, warum er auf meine Nachrichten nicht antwortet. Ein fiebriger Infekt habe ihn darnieder gerafft. Wäre es nicht so kompliziert mit seinen Eltern, würde ich ja mal einen Hausbesuch wagen und ein wenig Medizin, sprich ein paar Süßigkeiten, Tee, ein Buch oder eine Zeitschrift, mitnehmen. Aber wer weiß, was dann passiert, welche Probleme er bekommt oder welche Probleme ich bekomme. Also warte ich ab. Und freue mich darüber, dass er mich bei seiner Massage und vor allem zuvor im Schwimmbad offensichtlich nicht angesteckt hat!

Samstag, 8. November 2014

Bahnstreik und Rutsche

Da haben wir schonmal eine Bahncard 100, dann wird gestreikt. Ja, ich weiß, man kann Anträge auf Erstattungen stellen, aber das bringt uns heute auch nicht nach Hamburg. Und mit dem Auto? Angesichts dessen, dass wir bestimmt nicht die einzigen sein würden, die auf diese Idee kommen, wären wir vermutlich deutlich länger unterwegs als sonst. Also entschieden wir uns, ausnahmsweise auch am Wochenende an unserem Studienort zu bleiben und gemeinsam etwas zu unternehmen.

Es dauerte etwas mehr als eine Stunde Autofahrt, wobei das eher an den vollen Straßen als an der weiten Entfernung lag, bis wir in einem Thermen-Urlaubs-Oasen-Paradies ankamen. Wir hatten uns spontan mit zwei Kommilitoninnen verabredet, einen gemeinsamen Tag in einer solchen Einrichtung zu verbringen. Weil Menschen mit Behinderung dort zwar voll zahlen müssen, die Begleitpersonen aber freien Eintritt erhalten, waren wir trotz Wochenend-Aufschlag in einem akzeptablen Rahmen.

Die Saunenlandschaft haben wir von vornherein völlig ausgeklammert, dafür hätten wir einen zweiten Tag gebraucht. Am besten gefielen Marie und mir natürlich die Thermalbecken, die man nach 20 Minuten wieder verlassen musste, um dem Kreislauf noch eine Chance zu geben, sich nicht völlig zu verabschieden. Heiß wie eine Badewanne - herrlich.

Und wann bin ich zum letzten Mal gerutscht? Was für eine Mordsgaudi! "Sind Sie körperlich fit genug für diese Rutsche?", wollte der Aufsichtsmensch wissen, als ich mich vom Rollstuhl in den Startbereich rübersetzen wollte. Mit dem Aufzug kam man bis an den Einstieg heran, lediglich unten brauchte ich Hilfe, denn der Rollstuhl muss ja irgendwie wieder nach unten kommen. Aber dafür hatte meine Begleitperson ja freien Eintritt bekommen. Und sie löste die Aufgabe ganz anders und recht charmant, wie ich fand: "Ich nehm dich auf den Rücken und wir rutschen gleich noch einmal."

Die Leute guckten zwar etwas doof, warum da zwei Frauen huckepack im Aufzug befördert wurden, aber da mich hier niemand kannte, war mir das egal. Wichtig war mir lediglich, dass ich mit dem Kopf voraus rutschen konnte. Beine voraus ist, wenn man die Muskeln in den Beinen nicht anspannen kann, nicht empfehlenswert. Gerade auf steilen Rutschen nicht. Das sagte mir aber der gesunde Menschenverstand bevor es zu größeren Katastrophen kam. Beim 20. Mal habe ich aufgehört zu zählen. Nach dem gefühlten 30. Mal wäre ich zwar gerne noch 30 Mal gerutscht, aber meine Kondition verließ mich. Hört sich doof an, wenn man getragen wird, mit dem Aufzug fährt und eigentlich nur rutschen muss. Aber vor allem das Wegtauchen am Ende der Rutsche, mit wenig Rumpfmuskulatur, ohne den Einsatz der Beine, möglichst ohne sich dabei die Haut abzuschürfen, ist schon eine Herausforderung. Aber es hat immer auf Anhieb geklappt. Und das war mit Sicherheit nicht mein letzter Besuch in der Therme.

Auch Marie und vor allem den beiden Kommilitoninnen hat es gefallen. "Wir hätten nicht gedacht, dass wir mit euch beiden so viel Spaß haben werden", sagte die eine. Wenigstens ist sie da ehrlich und gesteht laut ihr Vorurteil ein - warum sollte sie mit uns keinen oder nur wenig Spaß haben? Selbst wenn es so gewesen wäre, dass wir nicht rutschen, sondern uns 12 Stunden lang im Thermalbecken auf die Sprudelliege fläzen wollten, hätte das doch niemanden davon abhalten müssen, selbst zu rutschen. Oder vier Kilometer im Sportbecken zurückzulegen. Aber sie dachte ganz anders: "Ich habe damit gerechnet, dass wir euch im Wasser die ganze Zeit irgendwie festhalten müssen. Ich weiß auch nicht warum, im Nachhinein finde ich die Gedanken voll doof, aber ich hatte früher mal probiert, ohne Beinschlag zu schwimmen. Im ruhigen Wasser mag das noch gerade so gehen, aber spätestens bei der ersten Welle säuft man doch ab! Dachte ich." - "Umso schöner fand ich es, dass ihr trotzdem mitgekommen seid", sagte Marie.

Mittwoch, 5. November 2014

Massage

Der Wechsel meiner Praktikumsstelle bringt ungeahnte Vorteile: Ich kann endlich wieder meine heiß begehrte Schwimmtrainingszeit nutzen, die in den letzten Wochen immer mit anderen (Uni-) Terminen kollidiert ist. Und hatte ich erwähnt, dass ich einen meiner Trainings-Badeanzüge bei 60 Grad mitgewaschen habe? Ja, das kommt dabei heraus, wenn man ihn in ein Handtuch einwickelt und dieses Handtuch noch eben schnell mit in die Maschine wirft. Alle Befürchtungen, er würde jetzt allenfalls noch Nachbartochters Modepuppe passen, waren unnötig: Er ist noch genauso groß wie vorher. Wer hätte das gedacht?

Das mit dem Mitwaschen kann ja mal passieren, kritisch finde ich es allerdings, wenn ich statt Unterwäsche (für später) einen zweiten Badeanzug einpacke und die Handtücher ganz vergesse. Irgendwie bin ich gerade ein wenig durch den Wind. Neulich lag mein Autoschlüssel im Kühlschrank, dafür lag eine Tomate neben der Garderobe im Flur. Und die Geschichte von der Multivitamintablette ist nur deshalb erwähnenswert, weil ich sie statt in Wasser in Fruchtsaft aufgelöst und mich beim Trinken gewundert habe, warum das so eklig schmeckt. Dass ich eine höhere Dosierung meiner Blasen-Medikamente nicht vertrage, war mir schon lange bekannt. Auch ein neuer Versuch mit einem moderneren Präparat darf als fehlgeschlagen bezeichnet werden, nachdem ich nur noch verplant durch die Gegend gerollt bin. Nein, die bisherige Dosierung und das altbewährte Medikament bleiben nach wie vor der beste Kompromiss. Das neue Präparat ist abgesetzt. Jetzt kann ich auch wieder in ganzen Sätzen schreiben, was bei Bloggerinnen eindeutige Vorteile mit sich bringt.

Zurück zum Schwimmen: Jörn war nicht zu sehen, Marie und ich waren gleichermaßen enttäuscht, hatten wir ihm doch vorher noch geschrieben, dass wir uns freuen, ihn endlich wieder zu treffen. Wir zogen unser Trainingsprogramm durch, und als ich fertig war und gerade aus dem Wasser klettern wollte, greift mir doch jemand von hinten unter meinen Schultern hindurch, presst sich an meinen Rücken und verschränkt seine Arme vor meiner Brust. Ich habe mich gehörig erschrocken und wusste für einen Moment lang nicht, ob das Jörn sein könnte oder irgendein Spinner, vielleicht sogar einer, der mir beim Verlassen des Beckens helfen wollte. Ich gehöre eher nicht zu denjenigen Mädchen, die kreischen, aber in dem Augenblick musste ich es mir wirklich arg verkneifen. Nun biss mir auch noch jemand mittig knapp oberhalb der Schulterblätter in den Nacken. Zwar eher grob als zärtlich, dennoch eher zärtlich als brutal. Wäre ich irgendwie darauf vorbereitet, hätte ich es genießen können, so wollte ich zunächst wissen, wer da dieses Spiel mit mir spielte.

Ich holte tief Luft, tauchte unter, stieß mich unten mit den Armen kräftig vom Beckenrand weg und rutschte so aus der Umklammerung. Ich tauchte hinter Jörn wieder auf, der sich inzwischen umgedreht hatte und mich angrinste. "Kannst du mich mal vorwarnen? Ich hätte dir fast eine reingehauen! Für einen Moment lang dachte ich, das wäre irgendein Spinner, der mir aus dem Wasser helfen will!"

"Ich dachte, du freust dich", erwiderte Jörn. Ich sagte: "Ich freue mich, aber ich habe mich sehr erschrocken. Wo warst du denn die ganze Zeit? Ich habe ständig nach dir gesucht!" - "Ich bin eben erst reingekommen. Ich hatte vorher noch was zu erledigen und habe es nicht eher geschafft." - "Ich wollte eigentlich gerade aus dem Wasser." - "Eigentlich? Also schwimmst du noch eine Runde mit mir?" - "Eine Runde ja, aber viel mehr nicht. Ich habe heute schon vier Kilometer abgerissen." - "Zwei Runden, ja? Und anschließend komme ich mit zu dir nach Hause und massiere deine ganzen Verspannungen weg, die du von den zwei Runden bekommen hast. Okay?"

Im Anschluss an das Schwimmtraining haben wir also zusammen gekocht, ich habe mir nach dem Essen von Jörn den Rücken massieren lassen ... leider nur im Sitzen, dafür aber wenigstens oben ohne und mit Lotion. Fast 20 Minuten lang. Ich finde, er macht es gut. Er meinte, ich würde gut aussehen. Da oben. Auch. Ich fühle mich geschmeichelt. Sehr.

Anschließend musste er relativ bald wieder nach Hause. Marie, die, während Jörn und ich unsere Massagestunde hatten, sich in ihr Zimmer verkrümelt und für die Uni gelernt hatte, meinte, er solle sein Handy doch mal zu Hause vergessen. Dann könne seine Mutter nicht ständig hinter ihm her telefonieren. So langsam nervt es selbst mich, dass sie permanent wissen will, was gerade passiert. Hat sie kein eigenes Leben?

Freitag, 31. Oktober 2014

Das Gute im Menschen

Wie es wieder funktioniert! Immer wieder die gleiche Masche, immer wieder die gleichen Leute, die darauf reinfallen und sich instrumentalisieren lassen. Ich begreife es nicht.

Alles Reden nützt nichts. Schon Martin Luther hatte Gutes im Sinn, als er empfahl, nicht alles zu glauben, was man hört, und nicht alles zu sagen, was man weiß. Ich weiß nicht, wie egoistisch und wie abgebrüht man sein muss, um Gerüchte über jemanden zu verbreiten, die geeignet sind, mal eben ganz großen Schaden anzurichten: Ein Kommilitone soll Geld unterschlagen haben. Öffentliches Geld, das ihm zu Forschungszwecken bewilligt wurde. So ein Vorwurf kann schlimmstenfalls eine ganze Karriere kaputt machen.

Es zog ganz große Kreise, und um Ermittlungen nicht zu gefährden, wurde mit ihm nicht gesprochen. Der Eine glaubt, was zu wissen, der Zweite glaubt, was gehört zu haben, der Dritte will sich wichtig machen, der Vierte sein Ego polieren und der Fünfte sich für irgendetwas rächen. Der Sechste dachte, er lästert nur und dichtet noch etwas dazu - und schon steht sie da: Eine öffentliche Meinung über einen Menschen, über den es normalerweise nichts Schlechtes zu reden gäbe.

Wie froh kann man doch sein, wenn es Menschen gibt, die schlechter sind. Wenn für eine gewisse Zeit die eigene dunkle Seite im Schatten des Bösewichtes leuchtet. Wenn man jemanden angrinsen kann, weil man zu schwach ist für ein Lächeln. Am Ende galt für den jungen Mann die Unschuldsvermutung nicht mehr. Er musste beweisen, dass er nichts Unrechtes getan hatte. Und siehe da: Den einzigen Fehler, den er gemacht hatte, war eine Fehlkalkulation bei den benötigten Mitteln. Der Fehler ist aber mehreren Personen, die eigentlich auf solche Fehler hin kontrollieren sollen, nicht aufgefallen. Solche Fehler können passieren. Und sie passieren auch immer wieder. Anstatt einmal mit ihm zu reden, wurde gleich das Schlimmste vermutet.

Fakt ist, dass die zu viel bewilligten Mittel niemals abgerufen wurden. Vielmehr hat der Kommilitone bereits vor Monaten ordnungsgemäß die Planung korrigiert. Und das hatte er schriftlich. Das ist inzwischen auch offiziell mit ausdrücklichem Bedauern bestätigt und verkündet worden.

Ich habe bereits als kleines Kind von meinem Großvater gelernt: "Glaube immer zuerst an das Gute im Menschen."

Es fällt manchmal schwer, denn das Schlechte scheint manchmal näher zu liegen. Aber in Wirklichkeit sagt eine solche Haltung in erster Linie etwas über die eigenen Vorstellungen und Erwartungen aus. Völlige Arglosigkeit hilft mit Sicherheit nicht, und ein gesundes Misstrauen sollten alle Menschen hegen. Ein gesundes Misstrauen muss sich aber auch immer gegen die eigenen Gedanken richten. Insbesondere gegen die, die anderen Menschen schaden könnten.