Dienstag, 21. Oktober 2014

Handarbeit

Früher gehörte zum Medizinstudium angeblich noch nicht so viel Praxis wie heute. Dennoch könnte es viel mehr sein. Okay, mein Praktisches Jahr kommt ja noch, aber ich persönlich habe das Gefühl, ich lerne mehr, wenn ich Theorie und Praxis gleichzeitig vermittelt bekomme, statt erst die komplette Theorie zu büffeln und später alles verknüpfen zu müssen. Aber das ist keine Kritik am System, zumal es unter Garantie auch 100 gute Gründe gibt, warum das Studium genau so und nicht anders aufgebaut ist. Ich erfahre aber auch, dass unterschiedliche Hochschulen sich im Rahmen der Möglichkeiten unterschiedlich für einen frühzeitigen höheren Praxisanteil engagieren.

In diesem Semester erfreue ich mich an einem persönlichen praktischen Schwerpunkt in der Chirurgie. In einem Lehrkrankenhaus, also einem Krankenhaus, das selbst nicht zur Universität gehört, aber aufgrund eines Vertrages mit der Uni ihre Studenten ausbilden darf. Sägen, Bohren, Hämmern, Schrauben, Kleben, Stricken, Häkeln, Nähen und Basteln - die ganze Welt der Handarbeit, live und in Farbe. Ich darf inzwischen auch schonmal den Tupfer festhalten ... nein, das wäre jetzt ungerecht. Ich lerne täglich dazu, vor allem bei der Erkenntnis, dass Personal sehr knapp sein kann.

Meine Wirkungsstätte ist zur Zeit eine Aufnahme. Stinkesocke wird abgehärtet für das spätere Leben. Chirurgische Notfälle sind natürlich nochmal was ganz anderes als internistische. Wenn da ein Motorradfahrer mit offener Schädelfraktur und frisch amputiertem Bein eingeliefert wird, vergesse ich schon mal gerne für fünf bis sechs Sekunden das Atmen. Nicht, dass ich damit zurzeit allzu viel zu tun hätte, aber der Anblick ist schon schaudrig.

Nicht oft passiert es, aber manchmal kommt es dennoch vor, dass die Aufnahme an ihre erste Kapazitätsgrenze stößt. Unglücksfälle und einzelne Schwerverletzte werden vorher angekündigt, die Verteilung solcher personalintensiven Notfälle auf unterschiedliche Kliniken in der Regel gesteuert. Aber wenn es einen Unfall mit vielen Verletzten gibt oder zeitgleich zwei oder drei heftige Ereignisse passieren, kann es schonmal sein, dass der Bär steppt. So war es heute. Normalerweise können gleichzeitig vier Notfälle in dem Krankenhaus direkt behandelt werden, davon maximal zwei Schwerverletzte zur gleichen Zeit. Mit "Notfälle" sind hier diejenigen gemeint, die nicht warten können. Für ambulante Patienten, die selbst in die Notaufnahme kommen, gibt es natürlich weitere Kapazitäten - oder sie müssen eben warten.

Die Rettungsleitstelle kündigte einen Verkehrsunfall mit mehreren Schwerverletzten an und schickte zwei Schwerstverletzte sowie einen Leichtverletzten zu uns. Der Hintergrunddienst (Bereitschaft, Sationsärzte) war bereits alarmiert, da bereits zwei Schockräume mit als akut lebensbedrohlich eingestuften Patienten belegt waren. Es wurde die Aufnahme bis auf weiteres bei der Leitstelle abgemeldet, so dass nach den drei zu erwartenden Patienten keine weiteren Notfälle eingeliefert werden. Wie gesagt, das kommt nicht oft vor, aber es ist wohl auch nicht sooo ungewöhnlich.

Mit dem Taxi kam dann eine Frau um die 75, ihren Mann im Schlepptau. Er habe sich beim Heimwerken verletzt. Schwer verletzt, wie sich schnell herausstellte. Keine Minute später, die drei Verletzten des Verkehrsunfalls waren vermutlich noch gar nicht auf dem Weg, kamen drei Männer mit lautem Gebrüll reingestolpert. Mir lief es eiskalt den Rücken runter. Einer hatte eine Bauchverletzung durch einen Messerstich, einer der anderen beiden war erheblich an den Händen verletzt und der dritte war der Fahrer. Was genau los war, wusste niemand, aber man sei schonmal ins Krankenhaus gefahren. Der Mann mit der Bauchverletzung war leichenblass, schweißnasses Gesicht, hatte die Arme über die Schultern seiner Kumpel gelegt und wurde mehr geschleift als dass er noch selbst ging. Auf dem Fußboden gab es eine nicht unerhebliche Blutspur. Und dann ging es rund.

Der Mann kam gleich in den nächsten Schockraum und natürlich wurde die Polizei gerufen. Mehr Sorge machte aber der Versorgungsengpass. Der Chefarzt ordnete eine höhere Alarmstufe nach einem Notfallplan an, was zwei wesentliche Folgen hatte: Dienstfreie Mitarbeiter wurden über den Pförtner angerufen und in die Klinik beordert, und der normale Aufnahmebetrieb wurde eingestellt. Das heißt: Alle rund 30 Patienten, die sich im Wartebereich stapelten, mussten die Aufnahme verlassen und wurden, sofern es eher Kleinigkeiten waren, entweder gebeten, eine Notfallpraxis aufzusuchen oder zum Hausarzt zu gehen. Wer nicht weggeschickt wurde, sollte in einem Aufenthaltsraum warten, der zu diesem Zweck extra geräumt wurde. Ich sollte mit zwei Mitarbeiterinnen mitgehen und bei der Versorgung der verbliebenen Patienten helfen. Ein Behandlungsraum neben einer Station wurde dafür zweckentfremdet, nach zwanzig Minuten kam eine Ärztin, die eigentlich dienstfrei hatte.

Ich will nicht behaupten, dass ich in diesem Behandlungsraum heute irgendwas Chirurgisches lernen konnte. Die Patientinnen und Patienten wurden im Galopp durch die Behandlung geführt, alle waren froh, wenn ich nicht nerve und mich im Hintergrund aufhalte. Was ich aber gelernt habe: So eine Maßnahme hat auf Menschen eine sehr emotionale Wirkung. Weniger auf mich, mehr auf die Leute, die wegen eines eingewachsenen Fußnagels die 112 wählen. Von den ehemals rund 30 Patienten verblieben ganze acht, die wirklich dringend Hilfe brauchten. Der Rest checkte nach einem kurzen Gespräch, ob wirklich ein Notfall vorliege, wieder aus. Ich will nicht behaupten, dass ich Menschen nicht ernst nehme, wenn sie gesundheitliche Probleme haben. Aber wenn jemand in eine Notaufnahme kommt, weil er sich beim Briefe schreiben am Papier geschnitten hat, dann ist irgendwas falsch. Ich weiß nur noch nicht, was.

Marie erzählte mir heute von einer Patientin, die als Notfall kam, weil sie wissen wollte, ob in ihrem Bauch ein Junge oder ein Mädchen wächst. Nachdem die Ärztin drei Mal gefragt hat, ob die Patientin irgendwelche akuten Probleme hätte, kam heraus, dass die junge Dame noch nicht mal einen Schwangerschaftstest gemacht hatte. Ihre Regel war nach sexueller Aktivität lediglich überfällig. Seit zwei Tagen...

Sonntag, 19. Oktober 2014

Wie einst die Inklusion entstand

Ich habe heute schon wieder dazugelernt. Ich weiß, man lernt täglich dazu. Manchmal nur ein wenig, manchmal auch ein wenig mehr, wie zuletzt bei den Nebenwirkungen von Midazolam. Der Brocken ist noch nicht mal seit einer Woche in meinem Kopf, da kommt schon ein neuer, noch größerer Brocken durch die Pipeline. Langsam wird es selbst mir unheimlich.

Ich habe dazugelernt, wie in Deutschland der Begriff "Inklusion" entstanden ist!

Und zwar nicht im Soziologie-Kurs. Da kam Inklusion tatsächlich dran, allerdings war der Kurs schon im vorklinischen Teil des Studiums, und der liegt schon etwas länger zurück. Nein, beim Stöbern im Internet stolperte ich über ein aktuelles Interview mit einem hochrangigen Funktionär des deutschen Behindertensports. Aber der Reihe nach.

Ich hatte bis eben geglaubt, Inklusion und Exklusion sind zwei zentrale Begriffe aus der Soziologie, mit denen beschrieben wird, wie Menschen zusammenleben. In einer bedeutenden wissenschaftlichen Theorie aus den 1990er-Jahren gliedert sich das gesellschaftliche Zusammenleben in diverse, von einander abgegrenzte Bereiche. Menschen sind kein eigener Baustein dieser Bereiche, sondern nehmen je nach individuellen Bedürfnissen an ihnen teil. Diese Teilnahme an einem dieser Bereiche nennt man "Inklusion". Eine wesentliche Aussage dieser Theorie ist, dass eine "Inklusion" in einen Bereich nur möglich ist, wenn die Teilhabe an einem anderen Bereich aufgegeben wird (Exklusion).

Unser Proff hatte das mal ganz oberflächlich beschrieben mit den Worten: "Sie können nicht im Operationssaal mal eben Ihre Posaune rausholen und während einer Gallenstein-OP ein Liedchen blasen. Raus aus der Medizin, rein in die Musik! Und beim anschließenden Gottesdienst nehmen Sie die Tröte lieber auch nicht in die Hand, es sei denn, Sie sind gefragtes Mitglied des Orchesters und wollen die Veranstaltung musikalisch untermalen. Dann sind Sie aber eben vorwiegend aus musikalischen Gründen dort, nicht so sehr aus religiösen. Ansonsten: Raus aus der Musik, rein in die Religion!"

In der neueren soziologischen Forschung und insbesondere in der aktuellen Politik und der Sozialarbeit wird der Begriff "Inklusion" zunehmend verwendet, um vollständige gesellschaftliche Teilhabe, also gelungene gesellschaftliche Solidarität zu beschreiben. Diese neue Verwendung steht im deutlichen Widerspruch zu der ursprünglichen Theorie, nach der eine Inklusion einer einzelnen Person in alle (Teil-) Bereiche des gesellschaftlichen Lebens ja eben überhaupt nicht möglich ist. Auf jeden Fall nicht zeitgleich.

In aktuellen Forschungen versucht man, herauszufinden, warum Menschen unterschiedliche Möglichkeiten haben, am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Im Bezug auf Menschen mit Beeinträchtigungen spricht man in der Politik seit 2009 von einer Behinderung, wenn das Wechselspiel von Barrieren der Umwelt und einer persönlichen Beeinträchtigung die gesellschaftliche Teilhabe erschwert oder (in Bereichen) unmöglich macht. Das müssen ausdrücklich nicht immer nur bauliche Barrieren sein.

Die Forderung nach der Inklusion aller Menschen (genauer eigentlich nach der Möglichkeit der Inklusion aller Menschen) bedeutet für mich auch, Barrieren abzubauen, die der Möglichkeit der Inklusion eines Menschen in einen gesellschaftlichen Bereich im Wege stehen. Das Ziel der UN-Behindertenrechtskonvention zur gleichberechtigten Teilhabe aller Menschen am Leben in der Gesellschaft und die sich aus der Unterzeichnung Deutschlands ergebende politische Forderung nach der Möglichkeit der Inklusion der Menschen in alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens ist aber eindeutig mehr, als als (privilegiertes) Mitglied einer Gesellschaft einem Menschen "Zutritt zum Club" zu verschaffen. Ich verschließe mich dabei jedoch keineswegs der Ansicht, zur Inklusion gehöre auch das Einladen, das Zugänglichmachen eines gesellschaftlichen Bereichs durch die bereits dort Teilnehmenden.

Wenn der Inhalt der UN-Konvention in der gesellschaftspolitischen Debatte jedoch zunehmend auf das Wort "Inklusion" subsumiert wird, muss Inklusion mehr sein, als der Bau von Aufzügen und allenfalls halbherzige Versuche, ein Schulsystem neu zu ordnen. Ich bekomme zumehmend den Eindruck, wesentliche Grundsätze wie Selbstbestimmung, Nichtdifferenzierung, Nichtdiskriminierung sind oftmals gar nicht so recht verstanden oder zumindest nicht verinnerlicht worden. Ich habe auch den Eindruck, sie kommen nur sehr schleppend in der Gesellschaft an und fallen auch in der täglichen Debatte und im täglichen Leben zunehmend wieder hinten runter.

Vielleicht verstehe ich ja das Papier grundlegend und permanent falsch - was ich natürlich auch niemals ausschließen kann - und meine Sichtweise ist Asche. Aber wenn, wie gesagt, das ganze Papier auf den Begriff "Inklusion" subsumiert wird, dann muss "Inklusion" auch zwingend die Selbstbestimmung durch den einzelnen Menschen beinhalten. Und damit gehört zur "Inklusion" immer zwingend etwas, was nur der einzelne beeinträchtigte Mensch selbst, also aus eigenem Willen und eigenem Antrieb, veranstalten kann. Entsprechend ist das Beseitigen einer Stufe dann zwar ein wesentlicher und wichtiger Beitrag, der Inklusion möglich macht - Inklusion betreibt der Stufenbeseitiger damit aber eben noch nicht. Und erst recht dann nicht, wenn er stattdessen eine Horde Rollstuhlfahrer in einen Kinosaal trägt. Das ist zwar nett, aber allenfalls Integration. Inklusion ist, wenn die Tür aufgeht und der Rollstuhlfahrer kurz vor seinem Platz noch einmal umdreht, weil noch Werbung läuft und er das meist dreieckig geformte Maismehl-Salzgebäck mit Käsesoße vergessen hat.

Ich sage nicht, dass ich die Dienste eines Menschen, der mich in den Saal trägt, nicht schätze. Aber ich möchte selbst entscheiden, ob ich getragen werden möchte (oder lieber zu Hause bleibe), ich möchte rechtzeitig wissen, dass mich jemand auf den Arm nimmt, und ich möchte schon gar nicht, dass das jemand "Inklusion" nennt. Schon gar nicht dann, wenn eben "Inklusion" stellvertretend für alle Bemühungen steht, die gesellschaftlichen Rechte von Menschen mit Beeinträchtigungen umzusetzen. Und es geht eben auch nicht, dass ein "Träger" mit seinen freundlichen Diensten möglicherweise noch für ein inklusives Kino wirbt und vielleicht noch öffentliche Zuschüsse abgreift.

Das Beispiel mit dem Träger war in Bezug auf die öffentlichen Zuschüsse natürlich überspitzt. Aber ich glaube, dafür umso deutlicher. Zurück zu dem, was ich heute dazugelernt habe: Wie in Deutschland der (sozialpolitische) Begriff "Inklusion" entstanden ist. Nämlich durch ein Missverständnis.

"Damals, als die UN-Behindertenrechtskonvention das Licht der Welt erblickte, war in der Originalversion von 'inclusion' die Rede. Das Problem in Deutschland war, dass dieses Wort hier keine Entsprechung hatte. Man sagte bis dato 'Integration' [oder] auch 'Teilhabe'. 'Integration' ist im englischsprachigen Raum aber für das Migrationsthema reserviert. Also hat man im Deutschen einfach das 'c' durch ein 'k' ersetzt und den Begriff 'Inklusion' geboren, der angeblich für eine neue Philosophie steht und ein etwas weiterreichendes Ziel meint als 'Integration'."

Aha. Hm. Da haben wir in unserer Sprache einen neuen Begriff für eine alte Sache erschaffen, weil in einer anderen Sprache unser Begriff etwas anderes bedeutete. Kommt sowas häufiger vor?

Ich habe keine Ahnung. Ehrlich. Aber wie sich der Begriff durchgesetzt hat, das weiß ich nun auch, das habe ich nämlich heute auch gleich dazu gelernt: "Die UN-Behindertenrechtskonvention hat in Deutschland ja Gesetzescharakter, dem kann sich der [Behindertensport] natürlich nicht entziehen."

Nochmal: Hm. Da kommt ein Gesetzestext daher und ändert die sprachlichen Gewohnheiten! Das finde ich faszinierend. Eine Gesellschaft, in der viele Menschen Raub und Einbruchdiebstahl nicht auseinander halten können, gewöhnt sich innerhalb von fünf Jahren komplett an einen neuen Begriff, den ein gesetzesähnlicher Text aufgrund eines Missverständnisses vorgibt! Könnte das was mit dem sensiblen Thema "Behinderung" an sich zu tun haben?

Ich weiß es nicht. Ich habe mir die erste deutsche (bis heute verbindliche) Fassung der UN-Konvention mal angesehen. In dem Text kommt nicht ein einziges Mal das Wort "Inklusion" oder "inklusiv" vor. Jetzt bin ich doch ein wenig verwirrt und auch überfragt. Ich gebe auf, packe alle Texte zur Seite und werde mich jetzt bei wolkenlosem Himmel und 17 Grad noch etwas sportlich betätigen und zusammen mit Marie noch eine große Runde mit dem Handbike drehen. Einfach nicht so viel nachdenken, sondern "machen".

Mittwoch, 15. Oktober 2014

Kein Schrank und zwei Löwen

"Meinst du, wir sollten für heute Abend vielleicht noch ein Regal kaufen?", fragte mich Marie und spielte dabei eindeutig auf Jörn an. Ich antwortete mit einer Gegenfrage: "Meinst du, er kommt heute nochmal?" - "Könnte sein. Vermutlich wieder in unserem Badezimmer, wie letzte und vorletzte Woche. Und dann geht er schlafen." - Ich grinste und sagte: "Ich finde, wir sollten ihn mal drauf ansprechen." - "Beide?" fragte Marie. "Immerhin hat er letzte Woche eine Hand auf meine Hüfte gelegt." - "Echt?! Krass!" - "Auf deine bestimmt auch, nur du merkst das ja nicht." - "Oarrr Marie, du bist so fies! Willst du was von ihm?" - "Eine Partnerschaft auf jeden Fall nicht. Dafür ist er mir auf die Dauer zu anstrengend. Glaube ich." - "Nee, eine Partnerschaft kann ich mir irgendwie auch nicht so richtig vorstellen. Aber ich glaube, das weiß er auch. Also Spaß? Nichts Ernstes, so wie ich es zuletzt eigentlich wollte?" - Marie sagte: "Ich glaube, er genießt es einfach, Hahn im Korb zu sein und seine vermutlich allerersten Erfahrungen zu machen. Mit 20 kann man sich auch schonmal dranwagen. Und ich glaube, er wird heute wieder an der Tür bimmeln und seiner Mutter was vom Schränke aufbauen erzählen."

Seine Sache. Es kam wie vorhergesagt. Es klingelte an der Tür, ich ließ ihn rein. Wir hatten eine selbst belegte Pizza im Ofen und während wir mampften und small talkten, nutzte ich den Überraschungsmoment aus, um von meiner eigenen Unsicherheit abzulenken und fragte ihn direkt: "Sag mal, findest du das eigentlich ideal, wenn du uns jetzt jedes Mal über eine Stunde heiß machst und dann plötzlich abhaust und schlafen gehst? Beziehungsweise dich vorher nochmal zehn Minuten heimlich im Bad einschließt?" - Er verschluckte sich fast. Und wurde dunkelrot. Marie setzte noch einen drauf, grinste in sich hinein und murmelte leise: "Erwischt!"

Er war total verunsichert, wusste nicht, was er sagen sollte. Irgendwie süß. Er sollte sich aber nicht unwohl fühlen, darum löste ich die Situation schnellstmöglich wieder auf: "Bleib doch bei uns. Nächstes Mal." - Jörn war allerdings völlig aus der Fassung gefallen. Er sagte nichts mehr, aß nichts mehr und guckte mit leerem Blick in die Gegend. Oh nein, was hatte ich da angestellt? Konnte ich ahnen, dass das jetzt für ihn so eine große Sache war? Ich fragte ihn: "Ist dir das jetzt peinlich oder was? Habe ich dich verletzt?" - Er guckte mich an und kämpfte offensichtlich mit den Tränen. Er sagte: "Nein, nein, alles gut. Ich wusste nur nicht... ich hatte gedacht..."

Marie sagte: "Es merkt niemand? Na komm, für wie naiv hältst du uns? Sowas rieche ich doch zehn Meter gegen den Wind!" - Ich verkniff mir ein Lachen über die gewollt oder ungewollt plastische Darstellung, denn ich wollte Jörn nicht noch weiter verunsichern. Ich sagte: "Du musst dich wohlfühlen. Hier soll nichts passieren, was du nicht möchtest. Aber ich würde mir wünschen, dass du ein wenig mehr zu dir selbst stehst."

Jörn sagte: "Ich bin gerade so verunsichert. Ihr seid beide irgendwie so völlig anders. So unkompliziert. So lieb. So stark. So toll. So brav, aber gleichzeitig eben auch ein wenig ungezogen." - Ich runzelte meine Stirn. Er redete einfach weiter. "So verständnisvoll. Ich weiß nicht, wie ich das ausdrücken soll, ich bin so glücklich bei euch. Obwohl wir uns kaum kennen und auch ohne dass wir viel miteinander reden. Als Jule mir den Bauch gestreichelt hat, war ich wie elektrisiert. Anschließend habe ich mir gewünscht, sie würde ... da unten." - Er flüsterte fast. "Und dann hat sie es einfach so getan, als hätte sie meine Gedanken gelesen. Das war so schön. Ihr seid so lieb zu mir."

Ich hielt es für fair, ihm zu sagen: "Ich will ganz ehrlich sein, Jörn. Ich glaube nicht, dass aus uns eine partnerschaftliche Beziehung werden kann. Ich glaube, dass wir ein bißchen Spaß haben können. Schränke aufbauen, vielleicht mal Fahrrad und Handbike fahren, zusammen was kochen, wir könnten vielleicht auch mal gemeinsam in die Therme oder so - und ansonsten halt mal den einen oder anderen Videoabend. Mit Massage oder ohne, am Bauch, am Rücken oder bei Lust und Bedarf auch ein büschen dazwüschen. Aber viel mehr wird nicht daraus werden, das glaube ich nicht."

Er stützte sein Kinn auf seine Hand, überlegte einen Moment und antwortete dann: "Vielleicht ist das so auch am besten. Wir kennen uns, wie gesagt, kaum. Für eine Partnerschaft müsste man sich ja erstmal richtig gut kennen. Spaß finde ich gut. Als Mann sowieso. Und sollte sich aus dem Spaß doch noch mehr ergeben, können wir ja nochmal neu darüber nachdenken. Zumindest müssen wir uns dann nichts vormachen, wenn sich der Eindruck verfestigt, dass wir partnerschaftlich nicht zusammenpassen." - "Das würde ich auch nicht tun", erwiderte ich. Jörn fragte: "Sag mal, Jule, hast du eigentlich einen Freund?" - Ich musste innerlich grinsen und schüttelte den Kopf. Er guckte Marie an: "Du?" - Marie grinste und schüttelte ebenfalls den Kopf. Jörn sagte: "Ich auch nicht."

Ach. Er hatte sich wieder gefangen. Inzwischen saß ihm der Schalk im Nacken. Er grinste und fragte mich: "Und wohin soll ich nun deiner Meinung nach nun beim nächsten Mal kommen?" - Ich überlegte einen Moment, wie ernst das gemeint sein könnte und erwiderte dann: "Keine Ahnung, von mir aus in die Bettdecke. Ist Maries." - Marie: "Hallo?! Benehmt euch mal, ja? Ich will erstmal einen Aids-Test sehen, bevor hier irgendjemand mein Bett besudelt." - Jörn fragte: "Führungszeugnis auch?" - "Ja. Und das Bonusheft vom Zahnarzt. Aber mal im Ernst: Aidstest fände ich nicht so verkehrt."

Ich auch nicht. Was mich ein wenig nachdenklich macht: Vor Jahren bin ich gefragt worden, ob ich mir einen Dreier vorstellen könnte. Damals habe ich kategorisch "Nein" gesagt. Inzwischen würde ich nicht kategorisch "Ja" sagen, ich will nichts von Marie. Ich weiß auch nicht, ob es mit Jörn jemals zu mehr kommen wird als ein bißchen rumfummeln unter der Bettdecke. Aber irgendwie möchte ich dennoch gerade nicht ausschließen, dass Marie und ich zu zweit auch dann ein gutes Team sein könnten, wenn es darum geht, jemanden ein wenig zu verwöhnen. Wie gesagt, ohne dabei was von Marie zu wollen. Vielleicht nimmt mir das auch im Moment nur meine Angst, wegen meiner Behinderung nicht attraktiv oder nicht leistungsfähig genug zu sein, ich weiß es nicht. Und ich möchte auch gar nicht so intensiv darüber nachdenken. Sondern lieber spielerisch die Welt entdecken...

Es gibt den erheblich überwiegenden Teil der Menschheit, bei dem möchte ich nicht in der Nähe sein, wenn mehr läuft als Händchen halten und knutschen. Weder mit mir in der Zeugenrolle noch umgekehrt. Bei ganz wenigen Leuten wäre es mir egal, wenn sie es mitbekommen würden oder wenn ich es mitbekommen würde. Marie wäre eine von diesen wenigen Leuten. Ich glaube allerdings, dass funktioniert nur, wenn man sich nicht in Konkurrenz sieht. Wie, wenn zwei Löwinnen von einem Stück Fleisch essen und beide sich von vornherein einig sind, dass niemand dem anderen etwas wegfuttert.

Wir haben uns heute abend nach dem Essen wieder voneinander verabschiedet. Es hat sich einfach so ergeben. Ohne Schrank, ohne Video. Alle waren glücklich. Zum Abschied hat er uns beiden einen Kuss auf die Wange gegeben. Ich bin sehr gespannt, wie es weitergeht.

Dienstag, 14. Oktober 2014

Wurmfortsatz und Scheißegal

Es gibt so Vorlesungen, die gibt es gar nicht. Möchte man denken. Während da vorne jemand über die Entzündung des Wurmfortsatzes, im Volksmund auch "Blinddarmentzündung" genannt, obwohl sich eigentlich nicht der komplette Blinddarm, sondern nur der Wurmfortsatz entzündet, ... also während da vorne jemand referiert, bin ich kurz vor dem Einschlafen. Ich muss mich enorm zusammenreißen, damit meine Augen nicht zufallen. Und während ich so dem monotonen Dialog zuhöre, sagt der Dozent: "Manche Behinderte erfühlen die Diskriminierung mit ihrem Wurmfortsatz. Und nun lass den sich mal entzünden."

Wat is los?!?

Ich war plötzlich wieder hellwach. Hatte er mich einschlafen sehen und deshalb einen Spruch gemacht? Wollte er mich ärgern? Obwohl ... warum sollte er das tun wollen? Ich überlegte hin und her, was er mit diesem Unsinn gemeint haben könnte. Und kam zu keiner Lösung. Es fragte auch niemand nach. Ich auch nicht. Albern. Es kamen noch mehr Sprüche, zum Beispiel, dass die Entzündung häufiger mal durch ein Hamsterhaar verursacht wird, auch wenn in der Familie des Patienten weder Hamster gehalten noch gegessen werden. Und wenn, dann nur ohne Fell. Gegessen. Gehalten mit Fell. Oder dass es Menschen gibt, die zwei Mal im Leben eine Blinddarmentzündung bekommen. Manche auch drei Mal. Der Wurmfortsatz entzünde sich in der Regel aber nur einmal, werde dann entweder vor Durchbruch und Sepsis operativ entfernt oder danach. Anstrengend.

Richtig lustig wurde es dann aber zwei Stunden später. Ich sollte zusammen mit zwei Kommilitonen und dem Chefarzt zu einem Patienten auf der Chirurgie, der am Nachmittag operiert werden sollte. Hin und wieder gibt es mal entweder seltene oder lehrbuchhafte Erkrankungen oder Verletzungen. Die Patienten werden dann gefragt, ob der Arzt mit zwei oder drei Studenten noch einmal wiederkommen dürfe, bevor es in den OP gehe und fast alle Patienten sind damit einverstanden. Dieser Patient, rund 70 Jahre alt, war auch damit einverstanden. Als ich durch die Tür rollte, flippte er allerdings völlig aus: "Nein, also, nein, nein, wirklich nicht. Bist du Studentin oder Patientin?", fragte er mich. Ich antwortete: "Meinen Sie mich?" - "Ja wen denn sonst!"

Und zum Chefarzt meinte er: "Finden Sie das vertrauenserweckend, mir vor einer Operation schon mal den Kontakt zu Behinderten zu verschaffen?" - Der Chefarzt fragte: "Wie meinen Sie das? Das verstehe ich nicht." - "Nomen est omen, schonmal was davon gehört? Es mag ja sein, dass sie Studentin ist, aber sehen will ich solche Kreatur direkt vor der Operation nun nicht noch aus der Nähe! Am Ende träume ich während des Eingriffs noch davon." - "Solche Kreatur?", fragte ich mit ungläubigem Blick. Er antwortete: "Nimm es mir nicht übel, aber das ist mir nicht recht. Als ich jung war, hat man Leute wie dich noch zu Seife verarbeitet. Das mag heute anders sein, aber allzu intensiven Kontakt möchte ich trotzdem nicht zu Menschen wie dir."

Ich rollte nach draußen auf den Flur. Die beiden Kommilitonen kamen direkt mit. Der Chefarzt blieb kurz im Zimmer, kam nach einer halben Minute hinterher. Als die Tür hinter ihm geschlossen war, fragte ich halbwegs irritiert: "Muss ich mir das gefallen lassen?" - "Sie müssen nicht. Wenn Sie gegen den Mann vorgehen wollen, haben Sie drei Zeugen. Allerdings befürchte ich, dass dabei nichts rauskommt. Der Mann hat bereits seine Prämedikation bekommen und ein halbwegs cleverer Anwalt wird sich auf die Nebenwirkungen von Midazolam berufen. Mit anderen Worten: Der steht unter Drogen und ist mindestens vermindert schuldfähig, wenn nicht sogar schuldunfähig. Haken Sie es ab, lächeln Sie einmal müde, zeigen Sie ihm meinetwegen auch den inneren Stinkefinger - und dann ist gut."

Krass. Bisher waren meine Erfahrungen mit der berühmten Scheiß-Egal-Tablette eigentlich nur, dass die Patienten benommen und kuschelig waren. Dass es auch anders geht, war mir bekannt, aber dass das so deutlich und zielgerichtet auftreten kann, war mir neu. Aber das ist ja das Spannende an so einem Studium. Man lernt täglich was Neues dazu.

Montag, 13. Oktober 2014

Abbaden 2014

Das Wintersemester ist in vollem Gange. Und dabei waren am Wochenende draußen noch über 20 Grad. Und falls das für einen goldenen Oktober (zumindest im Norden) nicht ungewöhnlich erscheint, so ließ mich ein Blick auf die Wassertemperatur der Ostsee staunen. 17 Grad laut Anzeigetafel. Und als Cathleen meinte, das sei ein Marketing-Gag, rief sie die Seite des Bundesamtes für Seeschifffahrt und Hydrografie auf und erhielt Bestätigung. Tatsächlich waren außer uns (Marie, Cathleen, Lisa und ich), die bei wenig Wellen und wenig Wind und strahlendem Sonnenschein noch rund eine Stunde im Neo draußen trainierten, noch einige andere Leute im Wasser. Und nicht nur einmal kurz mit den Füßen oder bis zur Hüfte, sondern komplett. Drin. Zuerst merkt man zu kaltes Wasser ja an den Fingern (und an den Füßen, sofern man an den Füßen was merkt), aber es war wirklich angenehm. Wir hatten mit mehreren Kannen heißem Tee vorgesorgt, um uns vorher vorzuwärmen und hinterher schnell wieder aufwärmen zu können, falls es doch zu kalt werden würde, aber mir war anschließend eher nach einem kühlen Wasser als nach einem warmen Tee.

Als wir uns abtrockneten, kamen einige Spaziergänger zu ihren Autos zurück. "Ihr seid ja harte Kerle", ließ uns ein älterer Mann wissen. Und seine Frau fügte hinzu, dass sie Lisas Badeanzug toll fände, was Lisa natürlich ein breites Lächeln ins Gesicht zauberte. Auf dem Rückweg hielten wir an einem Burger-Laden an. Nein, keine Kette, sondern selbstgemachte Dinger, die auch 10 Mal so viel kosten wie die Pappe aus der Systemgastronomie, dafür aber auch gefühlt 100 Mal leckerer schmeckten.

Es war das erste Mal, dass wir Lisa in kleiner Runde außerhalb des offiziellen Trainings mit an die Ostsee nahmen. Leider ausgerechnet zu einem inoffiziellen Abbaden, denn an den nächsten Wochenenden werden wir nicht die Zeit haben, im Meer zu schwimmen, und danach wird es zu kalt sein. Aber Lisa hat es gefallen: "Ich hab euch lieb", ließ sie uns wissen. Und das zauberte mir natürlich ein Lächeln ins Gesicht.

Sonntag, 12. Oktober 2014

Barrierefrei zum Arzt

Geht es nach dem Willen der Bundesregierung, sollen in den nächten Jahren erwachsene Menschen mit kognitiven oder mehrfachen Einschränkungen eine bessere ärztliche Behandlung in Deutschland bekommen. Konkret ist vorgesehen, mit einer Finanzspritze von 50 Millionen Euro eine eine ärztliche Versorgung dieser Menschen in eigens eingerichteten medizinischen Behandlungszentren aufzubauen. Die von erwachsenen Menschen mit Behinderungen speziell benötigten Gesundheitsleistungen sollen "an einem Ort und mit vertretbarem Aufwand aus einem Guss" erbracht werden. Darüber hinaus würden Ärzte bevorzugt zugelassen, die sich verpflichten, ihre Praxis barrierefrei einrichten.

Im Kinder- und Jugendbereich gibt es bereits ein flächendeckendes Netz von so genannten "sozialpädiatrischen Zentren". Irgendwann werden diese jungen Menschen aber zu alt, um zum Kinderarzt zu gehen. Oftmals fallen sie dann in ein Loch, so die Bundesregierung.

Ich kenne mich mit dem Thema nicht gut genug aus, um mir ein abschließendes Urteil bilden zu können. Grundsätzlich begrüße ich natürlich alles, was getan wird, um Barrieren und damit Behinderungen abzubauen. Allerdings finde ich, es sollte generell keine neue Praxis mehr zugelassen werden, die nicht barrierefrei ist. Ob man dem Arzt, der die Zulassung beantragt, diese Kosten aufbrummt oder ob man sie aus einem entsprechenden staatlichen Programm nimmt, will ich nicht entscheiden müssen. Auf jeden Fall werden bei staatlichen Zuschüssen auch die privat versicherten Patienten an den Kosten beteiligt.

Wie gesagt, ich bin nicht tief genug im Thema, um mitreden zu können. Ich hoffe lediglich, dass dieses Angebot ein ehrlich gemeintes Angebot ist. Ehrlich insofern, als dass nicht das eigentliche Ziel ist, die Therapiekosten von Menschen mit schweren Beeinträchtigungen dadurch mittel- bis langfristig zu senken, dass Therapieformen standardisiert werden. Standardisiert wurden in den letzten Jahren zum Beispiel die Rollstuhlversorgungen bei erwachsenen Menschen. Für einen Aktivrollstuhl, der zwischen 2.500 und 4.000 Euro kostet, zahlen die meisten Krankenkassen nur noch eine Pauschale, die nicht mal den Anschaffungspreis des günstigsten Modells deckt. Was die meisten Aktivrollstuhlfahrer können, dürfte Menschen mit kognitiven Einschränkungen in den Fängen eines standardisierten Versorgungsprogramms schwer fallen: Entweder massiv draufzahlen oder argumentieren, warum man vom Standard abweicht. Ich hoffe, dass es nicht so kommen wird.

Samstag, 11. Oktober 2014

Ein Goldstück

Ich bin aufgeregt! Unsere Baufirma möchte sich gerne eine Zusatzprämie verdienen und bietet an, unser Bauobjekt bereits am 2. Januar (statt bisher am 29. Januar) schlüsselfertig zu übergeben. Bereits das Richtfest war gut 14 Tage früher als eigentlich geplant. Zum Glück halte ich mich da fast völlig raus und vertraue auf Menschen mit Erfahrungen, die raten, von solchen Deals die Finger zu lassen. Es ist ein Vertrag geschlossen, den wir beide einhalten. Es wird nicht mittendrin neu verhandelt. Wenn die Firma freiwillig früher die vereinbarte Leistung abliefert und/oder sie besonders gut abliefert, wird man sich sicherlich erkenntlich zeigen. Aber vertraglich bleibt alles beim Alten.

Wenn ich bedenke, wie lange es auf öffentlichen Bahnhöfen teilweise dauert, bis ein Aufzug eingebaut oder erneuert wird, wundert es schon, dass so etwas im privaten Bereich auch mal in drei Wochen geht. Okay, ein völliger Neubau ist etwas anderes als ein Austausch in einem uralten Bahnhof, zudem, wenn beim Austauschobjekt keine alten Bauzeichnungen mehr voliegen und beim Umbau Überraschungen eintreten. Aber dennoch: Drei Wochen gegen teilweise über ein Jahr ist schon bemerkenswert. Das heißt konkret: Der Aufzug ist bereits drin. Noch nicht abgenommen, darf also noch nicht betrieben werden. An den Außentüren fehlt noch jeweils eine Blende und am Bedientableau muss noch etwas ausgetauscht werden. Aber er ist drin und funktioniert. Und sieht sehr gut aus.

Bei den eingebauten Fenstern stimmt auch etwas noch nicht, denn es sind im ersten und zweiten Stock zwar bodentiefe Fenster vereinbart worden, allerdings dürfen die nicht auf ganzer Höhe zu öffnen sein. Das heißt konkret: Es war vereinbart, dass die mittig geteilt sind, unten ist es fest, oben geht es zu öffnen. Das Problem wurde gerade vor Ort besprochen, als ich da vorbei kam. Fensterfirma: "Aber so ist es doch viel schöner!" - Unglaublich, seit wann interessiert der persönliche Geschmack des Fensterfirma-Mitarbeiters? Zum Glück muss ich mich mit solchem Mist nicht rumärgern. In Bad und Küche haben sie das Glas vertauscht, also ist in der Küche jetzt undurchsichtiges Milchglas drin und ins Bad kann man von draußen reingucken und beim Duschen spannern. Aber das ist wohl nur eine Kleinigkeit.

Drollig war auch die Diskussion um die Notwendigkeit einer Gegensprechanlage mit Kamera. Wenn jemand bimmelt, kann man drinnen sehen, was sich gerade vor der Haustür abspielt. Ob das wirklich so sein soll, hatte die Firma gefragt. Immerhin könnte man doch in allen Wohnungen aus mindestens einem Fenster den Haustürbereich einsehen. Aber egal, das sind Kleinigkeiten, überwiegend ist alles in Ordnung und sieht bereits sehr gut aus. Auch der übliche Baustellen-Diebstahl hält sich in Grenzen. Bisher vermissen wir lediglich eine Fensterbank und eine Badewanne. Allerdings haben wir auch jemanden, der sehr genau aufpasst: Jener Nachbar mit dem Ehrenplatz beim Richtfest hat schon drei Mal die Polizei gerufen, weil sich nachts Leute mit Taschenlampen auf dem Baugrundstück herumtrieben.

Seit heute steht auch fest, mit welchen fünf Mietern wir einen Mietvertrag abschließen wollen. Mietbeginn wird der 1. Februar sein. Die Schlüsselübergabe wird einige Tage vorher bereits sein können, sofern die Baufirma tatsächlich vorher fertig wird und alle Abnahmen vernünftig über die Bühne gehen. Es gab ja vor allem im Freundes- und Bekanntenkreis und auch unter einigen Kommentatoren meines Blogs arge Bedenken, ob überhaupt ausreichend Interesse besteht. Ich sage nur: Angespannter Hamburger Wohnungsmarkt. Vier Wohnungen sind mit öffentlichen Mitteln gefördert, auf die vier Wohnungen gab es über zwanzig Bewerbungen. Barrierefreier Wohnraum, den das Land mit öffentlichen Mitteln fördert, darf in Hamburg nur mit Zustimmung der Behörden vermietet werden. Das bedeutet: Jede freie Wohnung wird an das Amt gemeldet und das Amt stellt mehreren Menschen eine Bescheinigung aus, mit der sie sich auf eine bestimmte Wohnung bewerben dürfen. Um so einen Bescheid zu bekommen, muss man bei der Behörde nachweisen, dass man von Obdachlosigkeit bedroht ist oder ähnliche schwerwiegende Gründe vorliegen.

Wir haben uns mit den Menschen, die wir anhand der Bewerbungsunterlagen in die engere Auswahl gezogen hatten, persönlich in einem Cafè in der Hamburger City getroffen. Wir hatten uns aus den über zwanzig Bewerbern insgesamt zehn ausgesucht und nacheinander in das Cafè eingeladen. Es war eine sehr anstrengende weil sehr emotionale Erfahrung. Emotional, obwohl wir, bevor wir nicht alle zehn Bewerberinnen und Bewerber gesehen hatten, keine Zu- oder Absage gemacht haben.

Standardmäßig haben wir einen Einkommensnachweis, eine Selbstauskunft und eine Bescheinigung des aktuellen Vermieters verlangt. Und im persönlichen Gespräch gefragt, warum jemand umziehen möchte. Kam dabei heraus, dass jemand unter sehr großem Druck stand, haben wir auch gefragt, ob der Druck so groß ist, dass er deshalb in eine eher ländliche Gegend zieht. Mehr Verunsicherung musste aber nicht sein, darauf hatten wir uns im Vorfeld geeinigt.

Eine Wohnung geht an eine 24jährige Frau, die sich vor rund einem Jahr bei einem Sturz eine komplette Querschnittlähmung unterhalb des 3. Brustwirbels zugezogen hat. Sie hat zum 1. Oktober einen neuen Arbeitsplatz gefunden, wohnt aber nach wie vor in einer Wohnung, die sie sich vor ihrem Unfall mit ihrem Exfreund angemietet hatte und die nicht barrierefrei ist. Jeden Morgen wird sie von einem Behinderten-Fahrdienst aus dem 4. Stock zu ihrem Auto getragen, jeden Abend wieder nach oben. Sie war bestens auf das Gespräch vorbereitet, hatte Fotos von ihrer jetzigen Wohnsituation dabei. So etwas ist natürlich sehr spannend, weil es den Eindruck vermittelt, wie jemand lebt. Sauber, aufgeräumt, geschmackvoll eingerichtet. Sie wirkte sehr aufgeschlossen, erzählte davon, dass sie die weitläufige Natur lieben würde und sich darauf freue, endlich handbiken zu können, ohne immer erst lange aus der Stadt fahren zu müssen.

Eine Wohnung geht an eine 20jährige Frau, die eine angeborene körperliche Beeinträchtigung (Zerebralparese) hat. Einschließlich einer für die Umwelt deutlich wahrnehmbaren Sprachstörung. Insbesondere "s", "t", "ch" und "sch" machen ihr erhebliche Schwierigkeiten. Dadurch denken die meisten Leute, sie sei bescheuert, sagte sie. "Beide neue Wohnung brau ä wege fricke Luff keine Sorge ham." - Sie war sehr locker drauf: "Ä hab keine Kartoffeln immunn. Dahör senur so an." - Für längere Strecken habe sie einen Rollstuhl. Sie habe bereits einen Führerschein, aber noch kein Auto. Nach ihrem Realschulabschluss macht sie aktuell eine Ausbildung in der öffentlichen Verwaltung. Sie hat bis Sommer im Internat gewohnt, stehe nun auf der Straße und sei übergangsweise bei ihren Pflegeeltern untergekommen, wo sie wohnte, bis sie 15 war. Diese seien inzwischen umgezogen, die neue Wohnung ist nicht mehr barrierefrei, sie krabbelt jeden Morgen 25 Stufen runter und abends wieder rauf. Es ist ein wenig risikoreich: Erstes eigenes Geld, noch dazu nur Ausbildungsgehalt. Erste eigene Wohnung, verlockend, ständig Party zu feiern. Aber sie soll eine Chance bekommen und sie machte einen sehr reifen und vernünftigen Eindruck. Die ehemalige Pflegemutter begleitete sie zu dem Termin und signalisierte, dass sie hilfsbereit zur Seite stünde, wenn es wider Erwarten Probleme geben sollte.

Eine Wohnung geht an eine allein erziehende Mutter mit einem 4jährigen Jungen, der das Down-Syndrom hat. Er saß total lieb die ganze Zeit bei Mama auf dem Schoß und interessierte sich für ihr Handy. Sie habe sich von ihrem Partner getrennt, sie leben aktuell noch in einer Wohnung, wollen dort aber so schnell wie möglich raus. Er habe bereits eine neue Frau, die ihn dort auch besuche, mehr wolle sie nicht ausführen, es sei unerträglich für sie. Sie lebe von Hartz IV, allerdings brachte sie eine Bescheinigung mit, dass die Mietkosten der neuen Wohnung vollständig vom Amt übernommen werden. Ich fragte, ob eine Zweizimmerwohnung nicht zu klein sei. Sie antwortete: "Mein Sohn bekommt ein Zimmer. Mir reicht ein Zimmer mit Küchenzeile und Schreibecke. Und einem Schrankbett. Meine Mutter wohnt fünf Minuten mit dem Fahrrad entfernt, es wäre wirklich ideal. Ich habe so betteln müssen, diesen Schein für dieses Haus zu bekommen, bitte schicken Sie mich nicht weg."

Eine Wohnung geht an einen allein stehenden Mann, 75 Jahre alt, Beamter im Ruhestand. Er wohne zur Miete im dritten Stock, seine Frau sei vor mehreren Jahren an Krebs verstorben, er habe über 40 Jahre lang bei Wind und Wetter für den Staat geschuftet, sein Rücken sei kaputt und er brauche inzwischen einen Gehwagen und möchte sich für draußen einen E-Scooter anschaffen. Die jetzige Wohnung sei zu groß, es gebe keinen Aufzug, er käme kaum noch raus und nun hätten seine Kinder gesagt, sie würden böse werden, wenn er sich nicht auf die Socken mache. Veränderungen würden von Jahr zu Jahr schwieriger und bevor er in ein paar Jahren ins Heim muss, weil er die Treppe nicht mehr rauf und runter kommt, würde er sich lieber jetzt nochmal komplett neu sortieren wollen. Er fühle sich sonst noch jung. Ob das Haus einen DSL-Anschluss habe, sein Sohn habe ihm gerade erst einen neuen PC geschenkt. Mit Internet. Auf die Frage, ob ihn junge Menschen und Kinder im Haus stören würden, antwortete er: "Leben in der Bude ist genau das richtige für mich. Ich habe selbst Kinder und Enkelkinder. Und in dem Haus, in dem ich jetzt wohne, sind auch Familien mit Kindern."

Und die fünfte Wohnung? Tja, eigentlich war das nicht geplant, aber wir werden eine der beiden nicht geförderten Wohnungen im Erdgeschoss erstmal vermieten. An einen aktuell 40jährigen allein stehenden Mann im Rollstuhl, den ich seit einigen Jahren kenne. Er hat vor einiger Zeit von seiner Partnerin getrennt und ist in der ehemals gemeinsamen Wohnung unglücklich. Sie liegt mitten an einer Bundesstraße, er findet dort keine Ruhe, die Nachbarn seien unmöglich, werfen Essen aus dem Fenster und zünden im Flur die Papierkörbe an. Er lebt seit jeher sehr zurückgezogen, ist aber sehr nett und ruhig. Er verdient eigenes Geld in Teilzeitarbeit an einem Heimarbeitsplatz, ergänzend kommt das Sozialamt für die Mietkosten auf. Eine größere Wohnung als üblich ist nötig, da er teilweise auch nachts Pflege und Assistenz benötigt.

In die sechste Wohnung werden Marie und ich zusammen einziehen. Jeder wird ein großes Zimmer haben, ein gemeinsames Zimmer mit Küche sowie ein großes Bad mit Badewanne und Dusche sowie ein separates Rolliklo sind mehr als ausreichend. Und bisher ist nicht absehbar, dass wir uns nicht mehr verstehen. Sollten wir uns wirklich mal streiten, können wir uns auch in der Wohnung aus dem Weg gehen. Und im schlimmsten Fall könnte Marie auch nochmal eine Nacht oder zwei bei ihren Eltern schlafen. Wir werden die Wohnung zum Februar parallel auch beziehen, werden allerdings bis mindestens zum Ende des Sommersemesters (Juli 2015) noch am jetzigen Studienort weiter studieren.

Wir haben die vier Bewerberinnen und Bewerber am Abend unseres Gesprächstags angerufen und ihnen erzählt, dass die Wahl auf sie gefallen ist. Der ältere Mann sagte, er freue sich, damit hätte er nicht gerechnet. Die anderen drei brachen entweder in Freudentränen oder in emotionales Geschrei aus. Ich sei ein Goldstück, meinte die allein erziehende Mutter. Sie irrt. Ich bin eine Stinkesocke. Hab ich aber nicht erzählt. Wir haben allen angeboten, dass sie, sofern Ein- und Umbauten vorgenommen werden müssen, die Firmen auch bereits in der Bauphase nach Absprache in das Objekt können. Haltegriffe in Bädern und ähnliches kann ruhig im richtigen Moment geplant und eingebaut werden.

Und die, die es nochmal woanders probieren müssen? Eine junge Frau, ey voll krass ich schwör, hatte sechs Handyverträge in der Selbstauskunft. "Sechs Handys? Das sind vier mehr als ich habe, und ich dachte immer, ich hätte viele", meinte mein "Kollege". - "Isch brauch die alle wegen meiner Exboys. Wenn die mir aufn Sack gehn, schalt ich einfach eins aus, weissu?" - Eine junge Frau wirkte völlig verplant und bekam ständig durcheinander, auf welche Wohnung sie sich gerade bewirbt. Ein junger Mann im Rollstuhl war mir zu cool, er meinte, er würde die Wohnung bekommen, das hätte das Amt ihm schon bestätigt und was der Scheiß mit einem Bewerbergespräch solle. Ein anderer junger Student im Rollstuhl war völlig bekifft und wollte sich die Kaution sparen, indem er auf dem Bau hilft. Eine Frau um die 30 kannte ich schon vom Sport und da hatte sie zuletzt bei mir keinen guten Eindruck hinterlassen. Daran änderte sich auch bei diesem Gespräch nichts. Und ein junger Mann wäre noch mit in die Auswahl gekommen, allerdings hatte er nur 800 Euro brutto aus Gelegenheitsjobs und ein Leasingauto - wie auch immer er das angestellt hatte, mir war das zu unsicher.

Wie gesagt, ich bin aufgeregt. Irgendwie bin ich nun ein Stückweit dafür verantwortlich, dass die Leute ab dem 1. Februar nicht auf der Straße pennen müssen. Sie kündigen ihre Wohnungen. Sie freuen sich. Ziemlicher Druck. Aber es wird schon schiefgehen.