Freitag, 13. Februar 2009

Bitte bleiben Sie doch nicht zu Hause

Da braucht es erst einem Posting in einem öffentlichen Board, um die Augen geöffnet zu bekommen. Wie man die Entscheidung der Behörde über meine Rente zu verstehen hat, wurde mir so erklärt:

Erwerbsunfähig ist jemand, der wegen seiner Behinderung oder chronischen Krankheit auf Dauer nicht mehr als eine Drittel-Stelle schafft. Das sind offiziell bei einer Fünf-Tage-Woche weniger als 15 Stunden pro Woche.

So, das heißt ganz klar: Lass Dir alle Zeit der Welt für Schule und Ausbildung. Lass es langsam angehen. Rede mit Deiner (zukünftigen) Schule. Mehr als 4 Unterrichtsstunden a 45 Minuten pro Tag sind nicht drin. Das ist nicht verhandelbar. Konzentriere Dich auf das, was Du für das Abi brauchst und lasse den ganzen anderen Käse hinten runterfallen. Du brauchst eine gewisse Mindesstundenzahl für das Abi. Frage, inwieweit hier eine Ausnahmegenehmigung beim Land erwirkt werden kann aufgrund Deines Gesundheitszustandes, Gutachten und Verwaltungsentscheidung können vorgelegt werden. Ich bin sicher, da kann man nochmal um 10 bis 15% handeln. Notfalls hängst Du ein Jahr dran. Wen kratzt es? Du bist in der Zeit finanziell abgesichert. Mehr noch: Die Mehrkosten, die Dir nur durch Deine Behinderung entstehen und die ein nicht behinderter Schüler nicht hätte, kannst Du Deinem Kostenträger mit Bitte auf Erstattung einreichen.

Ich würde Dir sogar davon abraten, gleich wieder in den normalen Alltag einsteigen zu wollen. Wenn Du 10 Stunden am Stück sitzt, ohne zwischendrin mal Deinen Hintern zu entlasten, hast Du spätestens nach einer Woche die ersten leckeren Druckstellen, die Dich erstmal mindestens ein Vierteljahr aus der Bahn werfen, im schlimmsten Fall mit neuem Krankenhausaufenthalt und OP. Also lass es einfach, nimm die 4 wichtigsten Stunden mit und leg Dich danach zu Hause ne Stunde aufs Bett, um Deinen Po zu entlasten. Dabei kannst Du dann fleißig die Sachen lernen, die der Lehrer Dir als Hausarbeit mitgibt, denn freiwillige Unterrichtsvorbereitung wird nicht auf die Stunden angerechnet.

Das gleiche gilt für das Studium. Was meinst Du, warum die ganzen zeitlichen Beschränkungen (Regelstudienzeit, Bafög, Kindergeld) bei behinderten Studenten nicht gelten? Dann bist Du eben nicht mit 23 fertig, sondern mit 27. Dafür bist Du aber eine der wenigen Studentinnen, die bis zu 1.900 Euro in der Tasche haben, ohne dafür in vier Kneipen gleichzeitig kellnern zu müssen. Und die ihr Busticket nicht bezahlen müssen und notfalls auch noch das Taxi zur Uni bezahlt kriegen, wenn draußen die Schneeflocken waagerecht fliegen.

Fazit: Ich würde mich tatsächlich zurücklehnen. Aber nicht, um die nächsten 70 Jahre Ruth Herz und Barbara Salesch beim Verknacken von bösen Jungs und Vera Int-Veen und Oliver Geißen beim Lösen der Frage, ob Dein Nachbar wirklich nebenan wohnt, zuzuschauen. Geh Du Deinen Weg - die Türen stehen weit offen, Du musst sie nur sehen.

Wenn es kein Abi wird und kein Studium, aus welchen Gründen oder Einstellungen auch immer, machst Du halt was anderes. Und wenn es ein ehrenamtliches Engagement ist. Nur hast Du schon vor einigen Tagen geschrieben, dass Du unbedingt ernst genommen, akzeptiert werden möchtest. Jetzt frage ich Dich selbst: Wie ernst nimmst Du jemanden, dessen Leben aus keiner einzigen Aufgabe besteht und der aus seinem Leben nichts weiter macht, außer eine Rente zu beziehen und Fernsehen zu schauen,
obwohl er 1000 Mal mehr drauf hätte? Und dann, als Rechtfertigung möglicherweise noch anführt: "Ja was, meine Behörde hat mir das Arbeiten verboten."


Also ganz klar: Ich möchte auf jeden Fall etwas machen. Ich werde mich nicht auf die faule Haut legen und Gerichtsshows und Talkshows reinziehen.

Ruth Herz gibt es schon gar nicht mehr im Fernsehen, das macht jetzt Alexander Holdt! Ich kann diesen Stumpfsinn nicht mehr sehen, aber ich gebe ehrlich zu, als ich nicht aufstehen durfte, habe ich mir das auch reingezogen.

Mein Anwalt hat schon gesagt, dass das furchtbar kompliziert wird. Ich möchte natürlich nicht übertreiben und alles an Geld einsacken, was ich kriegen kann, wenn ich mich bißchen doof anstelle. Aber mein Anwalt hat genau das gesagt: Wenn ich zu ehrgeizig bin, streichen sie mir die Unterstützung, weil ich dann selbst für mich sorgen kann. Dann muss ich aber ein Leben lang auf die Unterstützung verzichten. Ich kann aber jetzt nicht sagen, ob ich das immer kann. In der Schule kann man mal 2 Jahre 200% geben, aber im Job geht das vielleicht später nicht immer!

Ich werde jetzt erst mal versuchen, eine Schule zu finden, die mich für das Schuljahr 2009/2010 haben will. Ich muss in Klasse 10 wieder einsteigen. Das mit den 4 Stunden hat mein Anwalt mittlerweile auch so bestätigt. Aber er hat auch gesagt, dass so etwas oft gemacht wird und man in Klasse 10 in Hamburg 28 Stunden pro Woche hat. 3 mal ist Sport, dann bleiben 5 Stunden pro Woche, die man durchwechseln muss. Eine Woche Religion, eine Woche Kunst, eine Woche Musik und die dritte Fremdsprache lässt man ganz sein. Dafür kriegt man aber Physik, Mathe, Englisch, Deutsch, Erdkäse, Geschi, Chemie und Bio voll mit. Ich glaub, das krieg ich hin. Man muss nur fragen, ob die Stunden so gelegt werden können, dass ich nicht an einem Tag 8 Stunden und am nächsten 1 Stunde hab. Aber das kriegt man auch hin und man kann ja drum bitten, dass das nicht überall so groß breit getreten wird, dass das wegen mir ist.

Und im Studium muss man dann später eben viel Hausarbeiten machen. Aber erst mal schau ich, dass ich Klasse 10 schaff und dann sehen wir weiter.

Ich glaub, das kann man schaffen, und vielleicht wollen die mir damit auch was Gutes tun, denn durch zu langes Sitzen ohne zwischendrin zu entlasten kann man ganz viel kaputt machen. Das hab ich ja gleich am Anfang kurz nach Weihnachten mitgekriegt, da habe ich nur eine Stunde zu lange gesessen und lag gleich wieder für Wochen mit einer Druckstelle im Bett.

Ausruhen werde ich mich auf meiner Behinderung nicht. Das steht für mich fest.

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