Donnerstag, 5. Februar 2009

Gedanken

Mich fast man im Moment am besten nicht mal mit der Kneifzange an. Weiß ich selbst. Am besten fühlt sich niemand persönlich angepisst, wenn ich dazu was sage. Ich will niemanden verletzen. Aber ich bin auch kein kleines Kind mehr, dem man vom Weihnachtsmann erzählt, damit es artig ist, oder dem man einen Lolly gibt, und die Welt ist wieder in Ordnung.

1. Ich werde nie einen vernünftigen Job machen können. Ich habe aber auch noch nie in irgendeine Rente etwas eingezahlt. Wovon soll ich leben? Ein Leben lang auf Kosten anderer?

2. Ich werde nicht mehr bei meinen Eltern wohnen können. Ich muss mir eine völlig neue Umgebung suchen. Mit oder (vermutlich eher) ohne Eltern.

3. Ich werde nicht mehr auf meine alte Schule gehen können. Ich komme da nicht rein, und ich bin aus dem Stoff völlig raus. Kein Abi, mittendrin abgebrochen. Gute Voraussetzungen für Punkt 1, siehe oben.

4. Meine Freunde haben mich schon abgeschrieben. Was wollen wir zusammen machen? Ich komme in keine Kneipe mehr rein, in keine Disko. Und wenn ich in der Disko bin, was soll ich da drin? Tanzen?

5. Ich kann mich nicht mal alleine im Bett umdrehen. Ich brauch ein halbes Dutzend Kissen, damit meine Beine so liegen, dass sie nicht wund liegen. Ich brauch jemand, der mir beim Duschen hilft, der mich ins Bett bringt, der mir aus dem Bett hilft, ich piss und kack mich an wie ein Baby. Ich krieg ständig irgendwelche bekloppten Spastiken, so dass meine Beine anfangen zu zittern. Wenn ich auf Klo sitz, muss ich mit einem Handschuh im Arsch fummeln, um zu Kacken. Dafür furz ich den ganzen Tag zu den unpassensten Gelegenheiten. Alles andere wollt ihr nicht wissen. Welcher mann will mich?

6. Ich mag meinen Körper nicht mehr. Es ekelt mich an, meine halbtoten eiskalten Beine anzufassen, um sie irgendwo hin zu bewegen. Es fühlt sich widerlich an, die Beine nicht mehr zu spüren, außer Schmerz. Sie fühlen sich an wie eingeschlafen oder abgestorben.

7. Andauernd nerven mich Leute, die mit mir Geld verdienen wollen. Wie die Schmeißfliegen machen sie hier Werbung für Rollstühle, Katheter, Windeln, Einbauküchen, Bettlaken, Pflegebetten, einfach alles. Inzwischen schmeiß ich die schon raus bevor sie Luft geholt haben.

8. Die Versicherungen wollen nicht zahlen. Wahrscheinlich muss ich mich erstmal Jahre lang mit denen anlegen. Die Kraft habe ich einfach nicht.

Ich versuche, irgendwie damit klar zu kommen. Egal wen man fragt, keiner hat dafür eine Lösung. Alle sagen: Sie müssen Ihren eigenen Weg finden, damit klar zu kommen. Wenn ich Ihnen einen Weg nenne, sind Sie zwei Monate glücklich und danach suchen Sie wieder neu. Klasse.

Und gerade wenn ich einen Funken Hoffnung habe, weil man der Trulla, die mich platt gefahren hat, mal so richtig ans Bein pissen kann, schreibt mir jemand: Übrigens, wir wollten Ihnen sagen, dass Sie ein Krüppel sind. Schöne Grüße.

Das soll ich so wegstecken? Tut mir Leid, vielleicht wird man ja mit der Zeit abgewichster, aber ich hätte diese Ansage heute morgen nicht unbedingt gebraucht. Ich weiß auch so, wie beschissen das alles ist.

Wenn Du aus dem Urlaub kommst und hattest eine schöne Reise und kommst zu Hause an und packst die Dreckwäsche aus und findest noch eine Prise Sand und etwas Seegras und draußen prasselt der Regen aus dem einheitsgrauen Himmel, dann kullern dir (dir? mir ja!) die Tränen übers Gesicht und du würdest am liebsten in den nächsten Flieger steigen, zurück an den Strand und in die Sonne. Du packst dich im Nacken und ziehst dich raus und sagst: Der nächste Urlaub kommt bestimmt. Du hast ein Ziel vor Augen und ganz viele Bilder auf dem PC: Irgendwann kommt der nächste Urlaub, und der wäre nicht so schön, wenn er Alltag wäre.

Ich liege jetzt hier seit 7 Monaten in einer Spezialklinik und realisiere, dass mein Alltag der Urlaub war und kein neuer Urlaub mehr kommt. Und vor allem bin ich in den falschen Flieger "nach Hause" gestiegen. Da wollte ich nie hin! Ich befinde mich in einem unbekannten Land, kenne mich nicht aus und muss mich durchbeißen. Und dann kriegt man einen Brief: Willkommen in Ihrer neuen Welt. Diesen Stand haben Sie in ihr. Sieht übel aus, oder? Aber trotzdem alles Gute für Ihren weiteren Weg.


Scheiße.

Am unerträglichsten sind im Moment die 1000 Begegnungen mit alten Freunden, die mal gucken und mich mal besuchen wollen. Jeder guckt mich an mit versteinerter Miene und sagt: "Oh mein Gott, was hast du denn gemacht?"

Kommentare :

Olli hat gesagt…

zu 1.) Viele Berufe sind auch mit Rollstuhl denkbar, ob nun Bundesminister, Rechtsanwalt, Psychotherapeut, Werbetexter usw.. Überlege gerade, was denn nun wirklich nicht geht - außer Testläufer für Sportschuhe will mir nix einfallen.

zu 3.) Es gibt bei solchen speziellen Fällen gewiss Möglichkeiten, auch nach eigentlich zu lang unterbrochener Schulzeit weiterzumachen, ohne Altersgrenzen usw. Und Abendschulen gibt es auch noch.

zu 4.) Wahre Freunde könnten Dich problemlos da im Rolli tragen, wo es Stufen hat. Und es gibt doch auch Leute, mit denen Zeit zu verbingen toll ist und nicht nur Party oder Disco inkludiert. Tanzen geht auch im Rolli, ist vielleicht nicht so verbreitet, aber das gibt es doch auch.

zu 5.) Wohl die Männer, die niocht klasische Traumfrauen/Models begehren und das mit den guten wie schlechten Zeiten ernst meinen, die zB aus eigenen familiären Erfahrungen wissen, dass Krankheit und Behinderung manches verändern aber der Mensch, den man liebt oder lieben lernt im Kern immer derselbe bleibt. Eben der Typ Mann der auch bei einem behinderten Kind sagen würde OK, ist jetzt nicht das übliche und vermeintlich gewollte, aber die ihr Kind/Schicksal so annehmen, wie es eben ist.

zu 6.) Fühlen die sich wirklich eiskalt an? Und, sicher anders, aber zumindest abstarkt analog, gibt es auch "Fussgänger", die mit ihrem Körper so gar nicht zufrieden isnd - und die dennoch damit ihren Weg finden.

Die Erschütterung der alten Freunde ist wohl etwas nachvollziehbar, aber ich wünsche Dir so sehr, dass auch welche darunter sind, die anders, besser, für Dich angenehmer, mit der Option auf eine gute gemeinsame Zukunft damit umgegangen sind.

Laura hat gesagt…

Wow Jule. Beim Lesen dieses Eintrags ist mir bewusst geworden wie viel du schon geschafft hast seit dieser Zeit.

Ich habe schon einmal deinen ganzen Blog gelesen und jetzt habe ich wieder von vorne angefangen, um mich noch einmal an die ganzen wichtigen Sachen zu erinnern, die du schreibst.

Danke dass du mich immer wieder daran erinnerst dass das, was uns im Leben oft wichtig vorkommt, nicht immer auch das ist, was wirklich wichtig ist.

feather hat gesagt…

Ich hab mich in den letzten Tagen rückwärts und springend durch Deinen Blog gelesen und bin jetzt am Anfang angekommen - und ich habe Tränen in den Augen bei diesem Beitrag, der eine so schonungslos ehrliche und verzweifelte Bilanz Deines Lebens zu diesem Zeitpunkt darstellt. Es ist unglaublich, was Du seitdem alles geschafft hast, ehrlich, das haut mich seit drei Tagen immer wieder um und ich kriege Deinen Blog nicht mehr aus dem Kopf. Jule, ich wünsche Dir von ganzem Herzen alles Gute, mach einfach so weiter und lass uns durch den Blog ein Stück weit daran teilhaben, diesen Blog, der so viel Mut macht. Einfach nur danke dafür.

jgkk hat gesagt…

Du hast sehr gut in Worte gefasst was ich vor eineinhalb Jahren dachte und fühlte. Ich hab gerade am Anfang angefangen in deinem Blog. Bisher besser als die letzten drei Bücher die gelesen habe. Auf jeden Fall doppel Daumen hoch. Grüße aus Berlin PS ich hab selbst L1 und L2 zermascht und sitz im Rollstuhl

A hat gesagt…

Hallo Jule, ich habe gerade nochmal in alten Einträgen deines Blogs gestöbert und bin dabei auf diesen gestoßen.
Wow, was hast du für einen Weg zurück gelegt und welche Wandlung man beobachten kann, vom selbst beschriebenen depressiven Wesen, zur mehr oder weniger glücklichen Medizinstudentin. Du bist wirklich beeindruckend und ja ich schreibe es bewusst so, auch wenn ich aus neueren Einträgen weiß, das du nicht bewundert werden willst oder es dir zumindest von Fremden auf die Nerven geht.
So jetzt hab ich den Faden verloren und weiß nicht mehr was ich noch schreiben soll oder zumindest wie ich es ausdrücken soll ohne das du mich falsch verstehst, deswegen höre ich jetzt auch auf zu schreiben.
Alles Gute und in der Hoffnung du liest das noch A