Mittwoch, 4. Februar 2009

Guten Tag, Sie sind ein Vollpfosten

Ich habe heute Post von der Unfallkasse bekommen. Die schreiben mir einen Brief, der über 7 Seiten geht, und teilen mir mit, dass ich zu nichts mehr zu gebrauchen bin. Meine Erwerbsfähigkeit ist in vollem Umfang gemindert (Erwerbsunfähigkeit), ich bin hilflos, schwer pflegebedürftig und außergewöhnlich gehbehindert. Schön dass wir da mal drüber gesprochen haben!!!

Jetzt hab ich es wenigstens nochmal Schwarz auf Weiß, dass ich zu nichts mehr zu gebrauchen bin. Meine Zimmernachbarin ist erst mal los zum Kiosk und hat zwei Picoloflaschen Sekt zum Anstoßen organisiert. Dann haben wir es hier krachen lassen. Ich überleg gerade, ob ich mir einen Bilderrahmen holen soll und mir das über das Bett hänge. Andere haben ihren Meisterbrief und ich häng mir da ne Urkunde hin, dass ich ein Krüppel bin. Oder vielleicht sollte ich mal eine Kontaktanzeige aufgeben. Beschreiben Sie sich selbst... da kopiere ich dann das rein.

"Wir wünschen Ihnen auf ihrem Weg der weiteren Genesung viel Kraft und alles erdenklich Gute." Welche Genesung denn? Haben die nicht noch 4 Absätze weiter vor geschrieben, dass aus mir nichts mehr wird? Wenigstens waren sie ehrlich. Worüber reg ich mich eigentlich auf?

Jemand meinte eben, ich soll froh sein, dass ich noch lebe. Ich hätte tot sein können. Klar, es gibt immer Leute, denen es besser oder schlechter geht als einem selbst. Soll ich mich jetzt mit einem Toten messen, um ein bißchen gute Laune zu kriegen? Vielleicht wäre es ja kürzer und schmerzloser gewesen, wenn sie noch 10 Sachen mehr drauf gehabt hätte. Keine Ahnung, ob das mehr oder weniger Glück gewesen wäre, echt nicht.

Die Versicherung hätte sich gefreut, tot wäre glaube ich billiger gekommen. Meine Eltern hätten sich keinen Anwalt geholt und die Trulla wäre mit fahrlässiger Tötung davon gekommen und würde heute schon wieder die nächsten Schulkinder belehren, wie sie über die Ampel gehen müssen. Meine Eltern würden mehr leiden als heute. So hätten sie ein geliebtes Kind verloren, jetzt haben sie ein undankbares und depressives Wesen, das man im Moment besser völlig in Ruhe lässt, weil es unerträglich ist.

Kommentare :

Anonym hat gesagt…

Hallo Jule,

"sei froh, dass du das überlebt hast!" Hab ich auch schon gehört, manchmal ist das ein richtig blöder Satz...Hab vor über einem Jahr ne Autoimmunerkrankung bekommen, der Schub war lebensbedrohlich. Mittlerweile bin ich froh, dass ich das überlebt hab, weil es mir inzwischen wieder recht gut geht. Gab aber auch andere Zeiten und da war überhaupt noch nicht klar, wie weit die Einschränkungen zurückgehen. Keiner fragt einen, ob man so denn weitermachen will...
Wünsch dir alles Gute!
Liebe Grüße, Petra

Olli hat gesagt…

Den Schrieb im Rahmen übers Bett hängen, das hätte doch was. So wie Meisterurkunden nur etwas, aber längst nicht alles, über den daraif erwähnten sagen, wäre es doch auch bei Dir. Ein Beleg, der etwas beschreibt, was einerseits wesentlich und untrennbar mit Dir verbunden ist, aber andererseits nichts ist, was Dich zB einbem Fremden ganz oder nur verständlich beschreiben kann.