Dienstag, 24. März 2009

Mein Abschied aus dem bürgerlichen Leben

Ich habe gestern abend im ersten Anlauf meine praktische Fahrprüfung bestanden. Eine Sache ist zwar nicht ganz optimal gelaufen, der Prüfer meinte, die war grenzwertig, aber ich hab das Ding und das ist alles was zählt. Ich bin richtig stolz auf mich, dass ich das geschafft habe. (Auch wenn das bißchen eingebildet klingt.)

Meine Wangen glühten ungefähr auf 60 Grad und ich hätte alle umarmen können und wollte das heute morgen natürlich gleich auch meiner Familie erzählen. Also hab ich mich ans Telefon geklemmt. Bei meinen Großeltern habe ich niemanden erreicht. Bei meinen Eltern ging mein Vater ans Telefon. Der meinte gleich: "Was willst du?"

Ich habe dann höflich geantwortet: "Ich wollte dir erzählen, dass ich gestern meine Führerscheinprüfung bestanden habe." Dann sagt er: "Aha. Das nehme ich dann mal so zur Kenntnis."

Ich dachte nur: Oh nein!!! Und habe dann gefragt: "Kannst du dich denn gar nicht freuen?" Darauf sagt er: "Soll ich das gut finden, wenn du dich immer mehr aus dem bürgerlichen Leben verabschiedest? Ich gratuliere dir zu diesem wichtigen Schritt im Leben, aber einverstanden bin ich damit nicht. Aber ich denke, das weißt du auch."

Ich habe meinen ganzen Mut zusammengenommen und geantwortet: "Aber du und Mama, ihr habt doch beide unterschrieben, dass ihr einverstanden seid." Da sagt er: "Ja, weil wir keine Lust hatten, dass du uns noch einmal einen Richter auf den Hals hetzt." Da habe ich aufgelegt.

Heute nachmittag kam die Schwester meiner Oma zu Besuch. Sie sagte, dass sie sich Sorgen um meine Eltern macht, weil sie sich heute wegen mir heftig gestritten haben und meine Mutter sich bei meiner Oma ausgeheult hat, und die erträgt das nicht mehr in ihrem Alter. Die hat dann ihre Schwester (also die, die zu besuch kam) angerufen. Und das geht so alles nicht und ob ich mich nicht mal ein bißchen zurückhalten kann mit meinen -und nun kommts- Lügengeschichten.

Ich so: "Was denn für Lügengeschichten?!?" Ich wusste echt nicht, wovon die redet. "Ja", meinte sie, ich würde nur rumlügen. Ich habe dann gefragt: "Wo soll ich gelogen haben?" Da sagte sie: "Nun stell dich nicht döfer als du bist, das weißt du ganz genau." Ey hallo? Ich hab wirklich nicht gelogen! Auf jeden Fall nicht absichtlich, ich schwöre! Ich weiß gar nicht, was die von mir wollte. Ich hab sie dann gefragt, ob sie mich jetzt in Ruhe lassen kann. Da sagte sie: "Du kannst nicht immer aus jeder Situation nur fliehen."

Und da ist mir so richtig der Kragen geplatzt. Aber so richtig heftig. Ich habe sie angebrüllt, ob sie glaubt, dass sie der liebe Gott ist, und ob sie überhaupt merkt, was sie da für einen Müll redet. Ich habe ihr erzählt, dass ich wohl kaum aus der Situation fliehe, in der ich mich befinde, und dass das der größte Scheiß ist, den ich je in meinem Leben gehört habe. Ich habe einen richtigen Wutausbruch gekriegt und sie angebrüllt so laut ich konnte. Ich hatte hinterher richtig Kopfschmerzen. Sie hat gar nichts mehr gesagt, nicht ein Wort mehr. Meine Zimmernachbarin ist gleich raus und hat die Tür hinter sich zugemacht. Das ging bestimmt 3 Minuten, dann ist sie raus und murmelte irgendwas mit: "Du schreist mich hier nicht an. Du nicht." Als die Tür zu war, hab ich ihr noch ein Glas hinterher geworfen. So kenn ich mich nicht. Das hab ich noch nie gemacht. Bißchen peinlich, normalerweise raste ich nicht so aus.

Das einzige, was die Schwester sagte, als sie irgendwann reinkam und fragte, ob ich wieder abgekühlt bin, ich soll nicht auf Türen werfen, wenn in dem Moment einer (vielleicht sogar noch der falsche) reinkommt, kann das übel ausgehen. "Ja tut mir Leid, ich feg das weg..."

Heute abend war ich beim Training. Die eine, mit der ich mal mitgefahren bin, Yvonne heißt sie, kam direkt von der Arbeit und fragte gleich: "Was macht denn dein Führerschein?" - Ich so: "Bestanden." - "Wie was?! Ich will sehen!!" Dann machte das erstmal die Runde und alle haben gratuliert, und ich hatte echt das Gefühl, die haben sich alle wirklich gefreut. Vor allem ist nach uns noch eine andere Gruppe dran, und die wussten das auch alle sofort, ohne dass ich was gesagt hab, und da haben auch noch einige gratuliert. Also die haben sich wirklich mit gefreut und das hat so ein bißchen darüber hinweg getröstet über den anderen Scheiß.

Ich hab dann noch beim Duschen mit einer kurz geredet, die in meinem Alter ist, und hab das mit meinem Vater erzählt. Die meinte nur: "Bescheuert. Manchmal wird man da echt nicht draus schlau."

Im Moment überlege ich echt, ob ich mich einfach erst mal nicht mehr dort melde und nur hoffe, dass die mich aus ihrem Streit rauslassen. Klingt vielleicht egoistisch, aber ist wenigstens ehrlich.

Kommentare :

kaanji hat gesagt…

Ich finde es super, dass du deinen Führerschein sofort bestanden hast, das ist nicht so einfach, finde ich ... ich habe ihn erst mit 22 gemacht und war so aufgeregt in der Prüfung.

Und zu deiner Familie, die haben so eine Tochter gar nicht verdient, verdammt wie kann man so drauf sein? Ich würde da echt auch nicht durch sehen. Ich finde es klasse was du schaffst und leistest, ich habe zwar erst vor kurzem angefangen zu lesen aber schon jetzt hast du einiges geschafft.

Olli hat gesagt…

Es mag an der Zeit liegen, aber ich verstehe gerade beim besten Willen nicht, wie man sich durch das Bestehen der Führerscheinprüfung aus dem bürgerlichen Leben verabschieden soll. Mag mir wer auf die Sprünge helfen?

Anonym hat gesagt…

Ich bin mit meinem Kommentar um Jahre zu spät dran, was dran liegt, dass ich erst seit 2 Wochen den blog kenne.
Also Jule: Gratulation wie Du Dich von Deiner Familie abgenabelt hast. Die haben ja alle ein Rad ab, ich würde sogar sagen, alle Räder.
Diese völlige Realitiätsverweigerung Deiner Eltern ist ja voll gaga. Die glauben wenn sie nur Deine Verletzung verdrängen, dann fand sie auch nie statt. Faszinierend würde der Herr mit den Spitzohren sagen.
Deine Mutter ist verrückt, das ist amtlich. Aber Dein Vater ist entweder ebenso verrückt, oder ein Trottel, tschuldige, anders kann ich das nicht ausdrücken.

Einer der Kommentatoren hatte ja gemeint, Du machst einem Deine Behinderung "schmackhaft", was ja völliger Unsinn ist. Aber einen Vorteil hat sie schon, Du bist die gesamte Bagage losgeworden, wie Du es als Fussgängerin nicht geschafft hättest.

Ich habe selber KInder. Aber ich schwöre, dass ich mich so nie aufführen würde. Wenn es Gott behüte, eines meiner Kinder erwischen würde, dann würde ich alle Steine aus dem Wege räumen, ohne es zu erdrücken. Wie ich schon einmal schrieb hatte ich eine Freundin im Rolli, die ich sehr liebte. Aber die Mutter war allgegenwärtig, sie (die Freundin) durfte mich nur stundenweise treffen. Wie ich später erfuhr, solange die Windel hielt, weil die konnte sie selber nicht wechseln, obwohl sie einen relartiv tiefen QS hatte und es eigentlich können müsste. Aber man kann ein behindertes Kind so lange verzärteln bis es nie selbstständig wird.
Wahrscheinlich hätten das Deine Eltern auch so gewollt. Julchen wäre den ganzen vorm Fernseher im Hinterzimmer gesessen, und hätte die "deprimierenden" Freunde nicht gesehen.

LG

Andreas

Alex hat gesagt…

Hallo ich habe deinen Blog heute entdeckt und angefangen zu lesen. Jetzt kommt zum ersten Mal eine Frage auf: Wie kann man sich mit dem bestehen einer Führerscheinprüfung aus dem bürgerlichen Leben verabschieden? Egal was das für ein Führerschein ist, sollte der nicht für mehr Mobilität und so Zeug stehen?
Zu deinem Blog: Der ist echt Spitze! Habe erst einen neueren Artikel gelesen und nach dem der mich fasziniert hat hab ich jetzt die älteren angefangen und muss sagen du schreibst echt gut, auch wenn man die Reifung zwischen den neueren und älteren Artikeln doch merkt.
Ich hoffe du liest das noch, MfG Alex