Dienstag, 30. Juni 2009

Wieviel Offenheit tut mir gut?

In ziemlicher Euphorie und mit sehr bewegten Gefühlen habe ich am Wochenende an meinem ersten nächtlichen Schnellfahrtraining teilgenommen und danach natürlich, aus dieser Stimmung heraus, hier darüber berichtet. Mit sehr vielen, teilweise auch intimen Einzelheiten.

Ich habe noch nie zuvor so viele Mails und Kommentare von Menschen bekommen, die ich noch nie persönlich gesehen habe. Viele sprachen mir Mut zu oder drückten Bewunderung oder Respekt aus. Aber für einige war mein letzter Eintrag auch Anlass, um mich zu warnen, nicht so offen mit meinen persönlichen und intimen Details aus meinem Leben umzugehen. Dabei war mein Beitrag vom nächtlichen Training nur ein aktueller Anlass, um darauf hinzuweisen, dass auch schon zu Zeiten, als ich noch stationär im Krankenhaus war, ich zu viele intime Details von mir preisgegeben hätte. Eine Leserin zog sich sogar komplett zurück.

Ich habe gestern und vorgestern sehr intensiv mit mehreren Leuten über dieses Thema gesprochen. Letztlich weiß ich, dass mir das Schreiben über meine neue Lebenssituation, über meine Behinderung, sehr dabei hilft, sie zu bewältigen. Es ist mir lieber, etwas unangenehmes und peinliches zu offenbaren, als diese ungewohnte oder unliebsame Situation "totzuschweigen", wie es früher bei mir zu Hause üblich war. Früher oder später holt einen das ein und dann fällt man sehr tief, da man so plötzlich so belastende Situationen gar nicht richtig bewältigen kann.

Beispiel: Ich kann versuchen zu verschweigen, dass ich Darmwinde nicht kontrollieren kann. Damit umgehe ich eine Konfrontation mit diesem peinlichen Thema, bis plötzlich genau das vor anderen Leuten passiert. Wissen meine Freunde, dass das ein typisches Phänomen bei Querschnittlähmungen ist, gehen wir alle aufgeschlossener mit der Situation um. Damit wird das nicht weniger peinlich, es entfällt aber der zusätzliche Stress, sich erstmal zu orientieren und andere aufklären zu müssen.

Ich hoffe, ich habe das einigermaßen sachlich beschreiben können. Natürlich muss ich nicht mein tiefstes Inneres gleich jedem offenbaren. Aber die Probleme, die ich selbst nur schwer verarbeiten und akzeptieren kann, erscheinen mir kleiner, wenn ich mich vorher -zum passenden Zeitpunkt- bereits damit auseinander gesetzt habe.

Dabei hilft mir der Kontakt zu anderen Betroffenen ungemein. Nein, ich werde nicht dafür bezahlt, diese Dinge zu schreiben und ich will mich auch nirgendwo einschleimen. Es ist einfach etwas anderes, wenn man auf den ersten Metern seines neuen Lebens nicht auch noch um Verständnis bitten muss, sondern einem dieses schon entgegen gebracht wird, weil die eigenen Erfahrungen da sind.

Doch, ich bin sehr vorsichtig mit meinen persönlichen Daten im Internet. Die Straßenroute ist nicht jedes Mal dieselbe und ich werde so etwas natürlich niemals vorher ankündigen, meine private Adresse veröffentlichen oder andere Informationen, mit denen böse Menschen böse Dinge anfangen könnten. Aber die intimen Details, die jedes Jahr in Deutschland 1.500 neue Querschnittgelähmte betreffen, spreche ich offen an. Sie betreffen eben nicht nur mich alleine. Mir hilft es, mich nicht zu verschließen.

Kommentare :

Anonym hat gesagt…

Hallo Jule,
du hast vollkommen recht.

Lass dich nicht von den wenigen bescheuerten Kommentaren entmutigen.

Ich persönlich hatte in meinem bisherigen Leben nie mit Menschen im Rollstuhl zu tun.

Von daher finde ich es äußerst interessant zu sehen bzw. lesen wie du deinen Alltag meisterst und welche Probleme, die man als "Fußgänger" so gar nicht war nimmt, dich Tag für Tag vor neue Herausforderungen stellen.

Auch wenn es manchmal sehr intim und für viele vielleicht auch eklig erscheint,ist es für dich mit Sicherheit sehr wichtig, um deine jetzige Situation so anzunehmen und für dich zu verarbeiten.

Wie gesagt...ich freue mich immer wenn es etwas neues von dir in deinem Blog zu lesen gibt.

Auch bin ich der festen Überzeugung,das ich im Umgang mit Behinderungen jeglicher Art durch deine Geschichte sehr viel offener geworden bin.

Viele Grüße
Baerli

Sofie hat gesagt…

Schau, dass du mit zu viel Freimütigkeit nicht zu wenig Selbstvertrauen kompensierst. Unerwiderte Offenherzigkeit macht verletzbar.

Du brauchst als Mensch im Rollstuhl, der sich offen zum gesamten Spektrum seiner Behinderung bekennt, ein verdammt dickes Fell, wie es dir erst nach vielen Jahren richtig gewachsen sein kann.

Damit es dir wächst, ist es wichtig, dass du dich nicht verschließt. Es ist aber mindestens ebenso wichtig, Geheimnisse, Intimität und einen gesunden Egoismus zu haben.

Wir haben bereits sehr ausführlich über deinen viel beachteten Blogeintrag diskutiert. Ich finde ihn gut gelungen und ich freue mich, dass dir dieser Sport so gut gefällt.

Thorsten hat gesagt…

Hallo Jule,

ich würde auch offen damit umgehen. Wie sollen sonst Nichtbetroffene, die sich mit dem Thema nicht auskennen, davon erfahren?

Ich bin zum Glück nicht körperlich oder geistig behindert, aber selbst ich musste mir schon doofe Sprüche während eines akuten Bandscheibenvorfalls anhören. Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie es sein muss, sein Pupsen nicht kontrollieren zu können. das schlimme ist dabei nicht, das man pupsen muss, sondern dass die Leute eventuell denken, man macht das mit Absicht.

Ich wusste nicht, dass das so ist (auch wenn ich es schon vermutet habe). Wenn ich nun aber mal wieder mit einem Rollstuhlfahrer unterwegs bin, und der pupst, dann weiß ich nun sicher, dass er nicht einfach schlecht erzogen oder ihm seine Umwelt egal ist, sondern das er nichts dafür kann. Und für etwas, wofür man nichts kann, muss man sich nicht schämen!

viele Grüße
Thorsten

kaanji hat gesagt…

Ich schließe mich einigen anderen Meinungen hier an, ich habe im persönlichen Umfeld keine Querschnittsgelähmten ... einiges was du schreibst, hätte ich so nicht gewusst und auch habe auch nicht drüber nachgedacht bisher.

Genauso schämen sich ja einige Stomapatienten am Anfang sehr, scheint es mir zumindest, da habe ich allerdings durch einen nahen Verwandten persönliche Erfahrungen und weiß, was da geht und was nicht.

Ich finde es super, dass du mit deinem Blog bei der Aufklärung uns Unwissenden hilfst.

Olli hat gesagt…

Ich denke schlicht, wem das hier zu viel/zu offen ist, der muss ja nicht weiterlesen. Es gibt eben Leute wie wohl Deine ELtern, die da anders und wohl kaum durch so ein Blog zu bekehren sind.
Aber für die vielen anderen, wie zB mich, sorgst Du mit den Dir offensichtlich guttuenden Beiträgen dafür, dass "wir", ohne Dich oder andere querschnittsgelähmte persönlich zu kennen, doch ganz persönliche Eindrücke und Erfahrungen teilen dürfen. Das ist keien Garantie, aber eine große Chance für jeden, sich angemessener zu verhalten, wenn einem denn mal ein Rollstuhlfahrer begegnet :-)

Juli hat gesagt…

Hallo Jule,

bis hierhin bin ich jetzt bekommen. Und ich finde, du solltest auf diese "Warnungen" nichts geben. Alle deiner Leser wissen zwar, wie es dir als Querschnittsgelähmte geht und was du so treibst und wie du damit umgehst, aber niemand kennt ganz persönliche Details von dir. Ich weiß ja nicht einmal, wie du aussiehst.
Aber ich finde, du solltest weiter all das schreiben, worüber du schreiben willst. Denn es hilft nicht nur dir, damit fertig zu werden. Es hilft auch uns "Laufenden", die Dinge besser zu verstehen und letztendlich besser damit umzugehen. Und mir persönlich hilft das zum Beispiel ungemein. Ich freue mich auf deine nächsten Beiträge. Grüße, Juliane

Anonym hat gesagt…

Liebe Jule!

Du machts genauch das Richtige!

Ich glaube, dass du so den besten Weg gewählt hast,
mit den Schwierigkeiten, die deine Behindeung mit sich bringen,
klarzukommen.

Außerdem funtioniert nur so Inklusion!
Nur wenn es Menschen wie dich gibt, die offen über ein Leben mit Behindeung sprechen,
können die Barrieren in den Köpfen, von Menschen ohne Behinderungen, gegenüber Menschen mit Behinderungen abgebaut werden!!!

Weiter so, du bist ein toller, einzigartiger Mensch!

Liebe Grüße
Feechen

Engel hat gesagt…

Nachdem ich bereits lange in deinem Blog mitlese, aber erst jetzt am Anfang angefangen habe, kommt hier ein später Kommentar zu dem Thema:
Ich finde deine Offenheit super! Dein Blog hilft mir, Querschnittsgelähmte besser zu verstehen und auch selbstverständlicher mit ihnen umzugehen.
Um deine Freunde beneide ich dich echt, auch wenn ich nicht mit dir tauschen wollte. Ich finde es sehr schwer, nicht oberflächliche Freunde zu finden. Ich habe zwar eine chronische Krankheit, aber keine die man sieht (Morbus Crohn).
Dein Blog ist mein absoluter Lieblings-Blog! Ich mag deinen Schreibstil, deine klare Ausdrucksweise, deine Offenheit und deine Geschichten.