Sonntag, 23. August 2009

Appelle an mein Gewissen

Eigentlich, dachte ich, habe ich mein Leben im Moment recht gut im Griff. Bei meiner Entlassung aus dem Krankenhaus fragte man mich, ob ich mich innerlich ruhig und ausgeglichen fühle. Ich habe das bejaht. Ernsthaft bejaht.

Das klappt immer so lange, bis jemand zu aufdringlich wird. Ich schaffe es nicht, mir aufdringliche Menschen vom Hals zu halten. Ich mag keinen Streit. Aber er wäre nötig. Es wäre das nötig, was die ältere Generation "frech" nennt.

Genau um diese ältere Generation geht es auch: Um 14 Uhr hat sich meine Tante, die mit der Currywurst, unangemeldet bei mir blicken lassen. Sie stand plötzlich vor der Tür und wollte mich dazu überreden, wieder engeren Kontakt zu meinen Eltern und vor allem zu meinen Großeltern aufzubauen. Nicht mal zu meinem Geburtstag melde ich mich bei ihnen.

Eine halbe Stunde lang hat mir meine Tante ein schlechtes Gewissen eingeredet. Mir sogar gedroht, dass meine Eltern mich aus dieser WG nehmen würden, wenn ich nicht ein wenig kooperiere. Etliche Male habe ich sie gebeten, zu gehen, aber sie hörte einfach nicht, sondern machte immer weiter. Als sie mich endlich soweit hatte, dass ich heulte, meinte sie: "Ich denke, jetzt ist der Knoten geplatzt. Am besten greifst du gleich zum Telefon und entschuldigst dich bei deinen Großeltern."

Am Ende bin ich heulend zu Sofie geflüchtet und habe sie um Hilfe gebeten. Während ich in ihrem Zimmer wartete, hat sie mit meiner Tante geredet und sie gebeten, zu gehen.

Das hat funktioniert. Aber schlechter, als ich gehofft hatte. Während ich darüber grübelte, ob meine Eltern, meine Großeltern und meine Tante sich durch mich zurückgestoßen fühlen könnten und ich merkte, dass ich weder eine Antwort auf die Frage weiß noch alleine eine Lösung finde, die mein eingeredetes schlechtes Gewissen bereinigt, klingelten meine Großeltern an der Tür. Ich habe sie sehr lange nicht mehr gesehen und ein bißchen freute ich mich, sie zu sehen.

Aber der Besuch war einfach nur grausam. Natürlich war ich von dem Gebetsmühlen-Gespräch mit meiner Tante noch völlig neben der Spur. Meine Oma sagte, dass meine Tante ihnen berichtet hätte, dass es mir sehr schlecht ginge. Ich würde nur heulen und mich mehr und mehr zurückziehen. Mein Opa meinte daraufhin: "Du musst hier raus. Die ganzen schweren Schicksale hier sind nichts für ein junges Mädchen wie dich. Du musst mit Leuten zusammen sein, die lebensfroh sind und dich aufrichten. Du verkümmerst doch völlig."

Vielleicht ist es sein Alter. Aber bereits mein Vater hatte nach meiner ersten Sportstunde daran gezweifelt, dass mir behinderte Mitmenschen gut tun. Liegt es in der Familie? Ich habe versucht, meinem Opa zu erklären, dass ich glücklich bin, so wie es jetzt ist, gemessen an dem, was möglich ist. Dass ich von lebensfrohen Leuten umgeben bin, die mir Kraft geben. Er schüttelte den Kopf. Es sei verständlich, dass ich keine Veränderung möchte, weil das unbequem wäre. Ich hätte mich schon viel zu sehr verrannt, deswegen könnte ich nicht mehr über den Tellerrand blicken. Damals nach dem Krieg sehnten sich Leute den Krieg zurück, da sie depressiv geworden waren und dann einen Grund hatten, sich zu verstecken. Die sind daran kaputt gegangen, dass sie wieder aus den Häusern raus mussten." Er meinte, ich bräuchte meine Familie und einige Freunde, die mich an ihrem gesunden Leben teilnehmen lassen. Die mit mir mit einem Ruderboot fahren, die mich zum Picknick mitnehmen, ...

Sie waren insgesamt vielleicht eine Viertelstunde da. Als sie weg waren, war ich richtig entsetzt darüber, wie weit unsere Wege sich getrennt hatten. Ich habe in meiner heutigen Welt den Halt gefunden, den ich brauche. Und den möchte man mir wegnehmen? Weil ich darunter leide? Weil ich daran kaputt gehe?

Bin ich wirklich so verblendet? Ist es belastend, sein Leben (auch) mit behinderten Menschen zu verbringen? Bin ich depressiv? Muss ich rudern und picknicken? Habe ich den Anschluss verloren an die nächste Generation, an meine Familie? Und wenn ja, brauche ich diesen Anschluss und wozu?

Ich nehme keine Psychopillen. Mir wurden auch keine verordnet. Ich bin überzeugt, dass ich das, was ich empfinde, richtig empfinde. Und nicht durch Medikamente beeinflusst bin. Ich bin glücklich mit den Menschen um mich herum. Sie belasten mich nicht. Viele haben einen Rucksack zu tragen, ja. Na und? Die meisten von ihnen haben das Glück, dass ihre Behinderung nicht fortschreitet und dass sie keine Schmerzen haben. Ich auch. Aber selbst die, wo das anders ist, sind gerne mit mir zusammen und ich bin gerne mit ihnen zusammen.

Vielleicht lebe ich in einer anderen Welt. Das kann schon sein. Wenn wir mit den vielen laufenden Leuten in der S-Bahn sitzen, ist bei uns in der Ecke eindeutig die beste Stimmung. Wenn ich traurig bin, werde ich verstanden und getröstet. Das kannte ich vorher so nicht. Wenn ich anlehnungsbedürftig bin, nimmt mich meine Freundin in den Arm und zeigt mir, dass sie mich lieb hat. Wenn ich so bin, wie ich bin und wie meine Behinderung mich macht, werde ich von meinen Freunden gemocht. Ich denke keinen Moment, dass ich etwas falsch mache im Leben, dass ich gerade sündige oder kurzsichtig bin, ins Verderben rolle oder es andere Dinge gibt, mit denen ich meinen Opa verstehen könnte. Ich bin ratlos.

Kommentare :

BigDigger hat gesagt…

Lass Dir bloß nichts einreden von Menschen, die zu Deinem heutigen Leben überhaupt keinen Bezug haben (wollen) und die nicht mal merken, wenn sie Dir weh tun! Ich glaube, Forenuser und Blogleser kriegen von Deinem Leben sehr viel mehr mit als Deine Familie - und die hat es sich mehr oder weniger so ausgesucht.

Diese Drohung Deiner Currywurst ist eine leere. Was wollen die Eltern machen? Gerade jene, die Dir nicht mal beim Rechtsstreit beistehen wollten und Dich beinahe um Dein Dir zustehendes Schmerzensgeld beschissen hätten? Die, die anscheinend gegenüber ihrer Tochter nur mühsam mal zivilisierte Umgangsformen haben (Stichwort: "Was willst Du?"). Wie wollen sie Dir ein behindertengerechtes Umfeld ermöglichen?

Ich hab immer ein flaues Gefühl bei sowas. Und frage mich ernsthaft, ob Dein Schmerzensgeld da eine Rolle spielt.

Lass Dich nicht manipulieren! Auch wenn die Currywurst für eine halbe Stunde mal was anderes behauptet: Der hier dokumentierte Rest Deines Alltags sagt, es geht Dir so gut, wie es unter Deinen Lebensumständen nur gehen kann. Also höre nicht auf Menschen, die an Deinem Leben überhaupt nicht teilhaben!

Banane0815 hat gesagt…

Lass dir bloß kein schlechtes Gewissen einreden, weil du dich an deinem Geburtstag nicht bei deiner Verwandschaft meldest... wenn sich hier jemand an deinem Geburtstag melden muss, dass bist das sicherlich nicht du!

Und nicht du hast den anschluss an deine Familie verloren, sondern deine Familie hat den Anschluss an dich verloren!
Du kommst mit deinem neune Leben gut zurecht, während deine Familie immer noch völlig verblendet ist und in einer seltsamen Traumwelt lebt.
Und anstatt zu schauen, wie es dir wirklich geht und ihre abstrusen Vorstellungen an die Wirklichkeit anzupassen, versuchen sie, dich in ihre abstrusen Vorstellungen reinzuzwängen, was einfach nicht funktionieren kann.

Gerade das angebliche Ruderboot und Picknick-Argument deiner Großeltern zeigt doch ganz deutlich, dass sie keine Ahnung von deinem Leben haben und sich überhaupt nicht vorstellen können, was du mit deinen behinderten Freunden alles machst.
Auch wenn du nicht ruderst, warst du nun doch schon oft genug am Strand, usw. - Das sind bestimmt Dinge, die sich deine Großeltern niemals vorstellen können - selbst wenn du es ihnen erzählst...
Du könntest ihnen vermutlich sogar Fotos vom Strandbesuch zeigen und sie würden abstreiten, dass du das gemacht hast, weil es in ihr engstirniges, vorurteilsbehaftetes Bild nicht rein passt.

Zumindest der Currywurst-Tante würde ich an deiner Stelle sofort Hausverbot erteilen und notfalls weitere Schritte in Erwägung ziehen, falls sie dich trotzdem weiterhin belästigt. - Du musst dich von ihr doch nicht terrorisieren lassen!

Homo Faber hat gesagt…

Seit ich vor ein paar Tagen dein Blog entdeckt habe (und seitdem alles gelesen habe...) bekomme ich jedes mal so "einen Hals" wenn ich lese, wie deine Familie mit dir umgeht. Das schlimme ist ja vermutlich, dass sie es nichtmal absichtlich "machen" (also das absichtlich nicht "verstehen", nicht sehen wollen, dass es dir gut geht).

Ich kann es auch "ein wenig" nachvollziehen (also das "nicht verstehen"): Bis ich hier gelesen habe, hatte ich, wie wohl sehr viele andere auch, gar keine Vorstellung wie es sein muss, auf einmal im Rollstuhl zu sitzen. Und wenn, waren es eher zutiefst depressive Assoziationen. Dementsprechend hat es mich überrascht (positiv!) wie gut es dir geht (oder wie gut du damit zurecht kommst. Fortschritte machst. Offen damit umgehst. Damn it - ich hoffe meine Wortwahl ist nicht allzu ungeschickt, und was ich meine kommt irgendwie rüber).

Es ist schade, dass deine Eltern nicht mitbekommen, was du hier schreibst (ich vermute mal, sie lesen dein Blog nicht), denn wie BigDigger schon schrieb: Das, was man hier liest, ist praktisch das Komplementäre zu dem Bild, das deinen Verwandten (ich möchte nicht von Familie reden, da Familie zu sehr nach "zuhören, für einen da sein" klingt) von dir haben.

Noch schlimmer ist, wie starrköpfig deine Familie (jetzt hab ich es doch gesagt...) ist - deine unglücklichen "Fünf Minuten Erziehungsberatung" (Eintrag vom 28.07.2009) haben ja wieder gezeigt, dass es eigentlich mehr um die Probleme deiner Familie mit "dem ganzen" geht, als deine "Probleme". (Alleine dass es ein Vorbespräch ohne dich gibt - als wärst du im Kindergarten. Kein Wunder, dass man da schnell in die Defensive gezwungen wird :( ).
Du hast in dem Beitrag die Therapieangebote der Klinik erwähnt - ich hoffe, da wird irgendwas draus. Ich kann mir denken, dass die sich um einiges besser damit auskennen, sich um Akzeptanz- und Wahrnehmungsprobleme von Angehörigen zu "kümmern".

Es tut mir leid, dass ich soviel stuss schreibe, und versuche das nochmal auf einen Punkt zu bringen:
Gibt es niemand (semi-)neutrales, der einfach deinen Eltern sagt:
1. Ihre Tochter kommt sehr gut klar. [Zumindest sehr gut im Vergleich zu dem, was deine Verwandten erwarten.]
2. Fragen Sie ihre Tochter, wie es ihr geht. HÖREN SIE ZU.
3. Wenn Ihnen die Antwort zu positiv ist, fragen Sie nach - aber stellen Sie keine Vermutungen an - insbesondere, wenn Sie keine Ahnung haben. [Und die "Erfahrungen" deines Opas "aus dem Krieg" zählen hier nicht, auch wenn er sie immer gerne "zum besten bringt".]

Nach allem was ich gelesen habe, ist der dritte Punkt fast der wichtigste. Ich bin jedes mal fast am ausrasten, wenn ich lese, wie abschätzig und herablassend deine Eltern über deinen Sport und/oder die WG reden (diese Unverschämtheit, die da hinter steckt, fällt mir jetzt erst auf. À la: "Mit DENEN kann es dir nicht gut gehen. Hör mal auf uns... " [auch wenn wir keine Ahnung haben].).



Ich höre jetzt auf. Meine "Schreibe" ist nie die beste, wenn ich meinen Kopf am liebsten wutentbrannt gegen die Wand hauen möchte...

Ricarda hat gesagt…

Lass dir bitte bloß nichts einreden! KEINER kann und darf sich ein Urteil bilden, der nicht in der SELBEN Situation schon war oder gerade ist! Die "normalen" Leute (BITTE nicht falsch verstehen!!!!!) kommen einfach nicht damit klar, wenn wir uns (weißt du, das geht mir als Witwe durchaus ähnlich!) uns ihren Regeln entziehen - z.B. weil wir mit ihrer (scheinbar?) relativ heilen Welt nicht klar kommen und für uns ganz andere Wege richtig und wichtig sind. Geh du deinen Weg weiter und höre auf DICH und deine wahren Freunde. Nur weil sie älter sind, haben sie (Opa und Co.) dir GAR nichts voraus, im Gegenteil!!

Liebe ermutigende Grüße
Ricarda

Olli hat gesagt…

Wiederlichst, da wird empathifrei eine halbe Stunde dran gearbeitet, Dich emotional abzuschießen, und dann dient dieser von dem einem Teil der Familie herbeigeführte Zustand dem anderen als "Beweis" dafür, dass es Dir schlecht geht.
Wo ist die Rettungsorganisation, die sich um die in Deiner Familie akut vom Aussterben bedrohte Logik und Empathie schützt (bzw. wohl erst wieder aufbaut)?
Das aktuell schwerste Schiksal Deines Opas scheint sein eigenes zu sein, er verkennt nämlich völlig Deinen Zustand, bessert ihn, der gut was, nicht, sondern arbeitet auch an einer verschlechterung.
Gegen Veränderung, nämlich einem inklusiven Leben mit der gehandicapten Tochter, weigert doch ganz offensichtlich Deine Familie leider.
Und as mit Deiner anderen Welt scheint, was für Dich und Euch ja der Clou ist, echt zu stimmen, denn alles,w as aus Deinen Berichten herauszulesen ist, ist so überzeugend voller Lebensfreude, dass irgendwo in mir da glatt schon so ein bisschen etwas wie Neid um die Ecke guckt. Neid, den ich aber in Antrieb und Motivation umwandeln kann, bewußter mein Leben zu meinem zu machen :-) Danke dafür.