Sonntag, 30. August 2009

Nochmal Hannover

Zurück aus Hannover: Der zweite Teil des Trainings-Camps ist geschafft. Wieder ging es am Samstagmorgen mit dem ICE in Höchstgeschwindigkeit nach Niedersachsen, wieder haben wir unsere Zimmer bezogen, wieder in der gleichen Aufteilung, wieder sollten wir draußen schwimmen ... WHAT?!

Der Himmel war bewölkt, draußen waren 16 Grad, es regnete immer mal wieder und der Wind war eher kalt, so dass ich mir schon einen Fleece-Pullover über mein T-Shirt gezogen hatte. Wer war denn auf diese Idee gekommen? Ich wollte bei der Besprechung in der Sporthalle nicht als einzige großen Alarm machen und wunderte mich, warum Cathleen oder Simone nicht widersprachen, als es hieß, wir wiederholen den Schwimmkurs von vor zwei Wochen. Hinterher wusste ich es: Die Ausschreibung, in der stand, dass der Neoprenanzug mitgebracht werden sollte, habe ich nicht bekommen.

Aber selbst wenn: So etwas habe ich nicht und hatte ich auch noch nie besessen. Es ist sicher nicht ungewöhnlich, dass man so etwas bei Wettkämpfen oder bei Schwimmtraining draußen trägt, gerade wenn man kaum Durchblutung in den Beinen hat, diese auch nicht bewegt und man daher schnell auskühlt. Aber ich wüsste nicht einmal, welche Größe ich bräuchte, geschweige denn, worauf ich beim Kauf achten müsste. Die faule Stinkesocke liebäugelte also schon damit, dass sie anderweitig bespaßt werden würde, hatte aber die Rechnung nicht mit einer Segelschule am See gemacht, die solche Dinger verleiht und bereits einen ganzen Karton in die Halle gestellt hatte.

Insgesamt waren drei Leute dabei, die so etwas leihen mussten und zu unserem Glück waren unsere Größen vorrätig. Größe 38 ist allerdings auch nicht so ungewöhnlich. Ich hatte noch nie in meinem Leben so ein Ding an. Ich fand schonmal, dass es ziemlich eklig roch, nach Gummi halt, und dass es ziemlich schwer war, dort hineinzukommen. Auf der Erde liegend und mit Cathleens Hilfe schaffte ich das aber. Jetzt nur noch in dem Ding zum Steg kommen! Meine Güte, sahen wir bescheuert aus. Rund 30 Rollstuhlfahrer in Gummianzügen fahren 50 Meter über einen Wanderweg zu einem Steg. Etliche Spaziergänger blieben stehen und schauten sich das Spektakel an. Ich kam mir vor wie eine Pellwurst auf Rädern.

Am Steg nebenan wurde ein großes Ruderboot aus dem Wasser gehoben. Die Ruderer blickten auch ziemlich fragend aus der Wäsche, als sie uns sahen. Wir mussten uns nun erstmal vom Rollstuhl auf den Steg setzen, während die Rollstühle wieder in die Halle gebracht wurden, damit sie bei Regen nicht völlig durchweichen. Mir war bereits ziemlich warm in dem Ding. Zwischenzeitlich mussten auch noch die zwei Kajaks, mit denen wir begleitet werden sollten, herangeschafft werden. Da (nicht nur) mir das freie Sitzen schwer fiel, legte ich mich auf den Bauch, die Hände unter dem Kinn verschränkt, und schaute mir das alles aus der Liegeposition an. Dann kam Renè aus Bremen wieder an, der mich letztes Mal schon so angebaggert hatte, obwohl er eine Freundin zu Hause hat, und sagte: "Wow, hast du einen knackigen Arsch! Darf ich mal klatschen?"

Cathleen rollte die Augen zum Himmel, Simone tippte sich an die Stirn und ich antwortete genervt: "Klatsch so viel wie du willst", dachte aber, er wollte in die Hände klatschen. Stattdessen kam er auf mich zu und zimmerte mir eine auf meinen Hintern. Damit bestätigte sich meine Meinung von letzter Woche: So ein Idiot.

Während es immer längerte dauerte, bis es endlich mal losgehen sollte, erklärte uns ein schlauer Fuchs, dass, wenn man sich einen neuen Neoprenanzug zum Schwimmen kauft, man darauf achten muss, dass er sehr eng anliegt, damit nur ein minimaler Wasserfilm auf der Haut ist, der sich erwärmt und dann als Isolierschicht wirkt. Wenn der Anzug zu groß ist oder nicht für das Schwimmen gedacht ist, dann strömt immer wieder kaltes Wasser nach und die Sache funktioniert nicht. Genial. Außerdem hat man mit dem Ding ziemlichen Auftrieb, so dass auch Leute, die ihre Beine nicht bewegen, wesentlich gerader im Wasser liegen. Und dann sollten Querschnitte noch beachten, dass es im gelähmten Bereich keine Reißverschlüsse, keine Falten, hervorstehenden Nähte oder ähnliches gibt und dass die Beine nicht abgeschnürt werden.

Während er laberte, interessierte mich eine Sache viel mehr: Wenn der Wasserfilm nicht ausgetauscht wird beim Schwimmen, was ist denn, wenn sich unterwegs meine Blase entleert? Gehe ich dann beim Ausziehen als marinierter Seeteufel durch und stinke wie ein Dachs im Zoo? Und vor allem: Mir gehört dieser Anzug ja gar nicht. Und erstrecht: Gab es vor mir noch andere Ferkel ... ich denke lieber nicht weiter über das Wort "Leih-Anzug" nach. Vor einigen Wochen hätte diese Unsicherheit bei mir eine mittelschwere Katastrophe ausgelöst, mit Heulattacke und Panikstimmung, heute fragte ich Cathleen: "Sag mal, was passiert eigentlich, wenn man in das Ding reinpinkelt?"

Kristina, die direkt daneben saß, fing laut an zu lachen, und als Cathleen ohne eine Miene zu verziehen antwortete: "Dann wird es warm.", prustete sie erst richtig los, lief im Gesicht schon rot an und bekam fast keine Luft mehr. Ich ersparte mir weitere Nachfragen, denn endlich ging es los. Das Wasser war wärmer als ich vermutet hatte, aber kälter als beim letzten Mal und der kalte Wind, der über das Wasser fegte und einige Wellen machte, war fast schon unangenehm. Der Auftrieb dieses Schwimmanzugs machte einiges einfacher als beim letzten Mal, der zeitweilige Gegenwind brachte mich aber fast zur Verzweiflung. Zwei Mal bekam ich von einer Schwimmerin, die ständig nah an mich herankam, keine Ahnung warum, einen Ellenbogen in die Rippen, was ziemlich weh tat. Es hieß zwar, wir sollen nur ankommen und nicht auf Höchstleistung schwimmen, aber wäre ich nicht auf Höchstleistung geschwommen, wäre ich teilweise gar nicht vorwärts gekommen. Der Wind spielte mit uns. Ich war allerdings nicht die einzige, der das so ergangen ist. Alle waren froh, als wir endlich unter der heißen Dusche waren. Einschließlich Tatjana, die mit ihrem Kajak 20 Meter vor dem Steg gekentert ist - ich sage nicht, wer nachgeholfen hat...

Am Nachmittag stand nochmal Ergometertraining auf dem Programm. Abends gingen wir ins Kino und schauten uns Horst Schlämmer an. Naja. Die Popcorn waren gut. Und das Bier in der Disko hinterher auch. Damit sich der Anschiss in Grenzen hält, lagen alle schon um 1 in den Betten. Und unsere Betreuer ließen uns sogar bis 8 Uhr ausschlafen.

Nach einem Zirkeltraining am Sonntagmorgen und einem weiteren Ergometertest mit Blutentnahme aus dem Ohr ging es wieder zurück nach Hamburg. Am Hauptbahnhof gerieten wir noch direkt in das Remmidemmi des gewonnenen HSV-Heimspiels gegen Köln. Wer den Hamburger Hauptbahnhof mit seiner großen Bahnsteighalle kennt, kann sich vorstellen, wie es wirkt, wenn einige Tausend Leute darin ihre Fangesänge abgeben. Fast so schön wie im Stadion. Aber nur fast.

Kommentare :

Gabriel Pauli hat gesagt…

Und? Hatte Deine Freundin recht? War es schön warm? :P

Googel doch mal nach dem Begriff "Taucherheizung".

Das ganze Schauspiel hätte ich gerne gesehen. Was für ein logistischer Aufwand mit den ganzen Rollstühlen!

Den Hamburger Hauptbahnhof kenne ich nur zu gut. Allerdings hätte ich Dir eher zugetraut, dass Du Pauli-Fan bist.

Klaus hat gesagt…

Marinierter Seeteufel ... ich liebe deinen Humor. Weiter so!

Anonym hat gesagt…

war das früher immer schön beim Surfen wenn's kalt wurde. Einmal reinge.... und weiter gings ;-)

Arnonym hat gesagt…

Ich liebe deine offene und gnadenlose Schreibe. Deine Texte sind sehr schön zu lesen.

Anonym hat gesagt…

Ein Natursektliebhaber würde mit dir als Freundin immer nur kurze Freude haben. Öffne dich dem schönen Gefühl, dass dir deine Inkontinenz beschert, doch mal etwas mehr. Es ist keine Schande, es zu mögen, nur manchmal etwas unbequem, es zuzugeben. Hast du mal Cathleen oder Kristina gefragt, ob sie die Wärme angenehm finden? Ich bin mir sicher, sie würden es nicht verneinen. Das würde dir in deiner Unsicherheit sicherlich enorm weiterhelfen. Auch wenn du behindert bist, bist du völlig normal. Ich mag dich wie du bist. Viele andere eben auch. Denk mal drüber nach.

Chris hat gesagt…

Lieber Natursektliebhaber, wenn du die übrigen Beiträge von Stinkesocke mal aufmerksam gelesen hättest, hättest du bemerkt, dass sie nicht zum ersten Mal über die unangenehmen Seiten einer Querschnittslähmung schreibt. Ich finde es bemerkenswert, dass sie so offen über das schreibt, was viele Leute als Schwäche ansehen. Ich habe aber durchaus bereits Worte wie "entwürdigend" und "eklig" gelesen, so dass ich deinen Versuch, ihr Pinkelspiele schmackhaft zu machen, eher am Thema vorbei finde. Ein 17jähriges, körperlich schwer eingeschränktes Mädel versucht einen salonfähigen und altersgemäßen Umgang mit ihrer Inkontinenz zu erlernen, und das macht sie sehr gut - Hut ab.

Flowerlady hat gesagt…

Ich bin Taucherin und irgendwann habe ich mich auch an die Wärme im Neopren gewöhnt :-D
Wenns zu warm / ekelig ist, kann man ein bisschen am Kragen zupfen und kaltes Wasser nachlaufen lassen. Bei Tauch-Neoprenanzügen läufts dann an den Füßen wieder raus. Wenn man die Wahl hat, ne drückende Blase JETZT loszuwerden oder in 20 min, wenn man das ganze Tauchgerät los ist und den Anzug ausgezogen hat, fällt einem die Entscheidung irgendwann einfach.
Übrigens: Neopren kann man in die Waschmaschine stecken ;-)

M hat gesagt…

Korrigiere mich, wenn ich falsch liege, aber Natursektliebhaber verbinden mit dem Urin oder mit dem Urinieren doch etwas sexuelles. Ich kenne nicht den sexuellen Geschmack unserer Stinkesocke, aber ich finde das jetzt -mit Verlaub- ziemlich weit hergeholt. Selbst wenn sie oder die anderen von einer Lähmung des Blasenschließmuskels betroffenen Teilnehmer die durch den Harnverlust entstehende Wärme angenehm (oder zumindest nicht unangenehm) finden, muss und wird man daraus doch nicht eine sexuelle Spielart machen. Ich könnte mir vielmehr vorstellen, dass es auf die Stinkesocke abstoßend wirkt, wenn sich Menschen von unkontrollierbaren Ausfällen ihres querschnittgelähmten Körpers sexuell angezogen fühlten. Vielleicht denkst du darüber auch mal nach.

Anonym hat gesagt…

@M: Er hat doch nur gesagt, dass Natursektliebhaber keine Freude an ihr hätten, nicht, dass sie zur Natursektliebhaberin werden soll. Ich denke genauso: Man kann sich endlos darüber aufregen, oder man kann sagen: "Oh, schön warm!" und weiterschwimmen. Oder einfach still und heimlich pinkeln und genießen, wie viele andere das auch machen. Merkt sowieso keiner. Kann man natürlich nicht wissen, wenn man zum ersten Mal so einen Neo trägt und denkt, dass sich der Urin darin (zum Teil) aufstaut.

Jule hat gesagt…

Also nochmal zum Mitschreiben: Ich habe keinen Urinfetisch, sondern ich habe eine Blasenlähmung. Dabei wird man unfreiwillig öfter mit seinen Ausscheidungen konfrontiert als man eigentlich möchte.

Vermutlich werde ich irgendwann mal -ebenfalls unfreiwillig- dazu gezwungen, die Auswirkungen meiner Blasenlähmung in sexuelle Spiele einzubeziehen. Darauf würde ich -vor allem am Anfang- gerne verzichten. Es wäre mir schon recht, wenn sich mein zukünftiger Partner nicht darüber mokiert, dass ich etwas undicht bin. Befremdlich fände ich es aber, wenn der Schweinkram der Schlüssel zu seiner sexuellen Erregung wäre.

Womit ich nach wie vor sehr schwer umgehen kann, sind Überraschungen. Daher versuche ich vorzubeugen. Ich hatte ein paar Zweifel, dass man hinterher nach Urin stinken könnte. Ich hätte es vermutlich nicht ändern können, aber dann hätte ich mit der Frage wenigstens meinen Freunden ausgedrückt, dass es mir nicht gleichgültig ist. Das wiederum fände ich sehr schlimm (wenn Leute das nicht mehr mitkriegen und vor sich hin stinken und unhygienisch werden). Die Reaktion der beiden hat mir gezeigt: Es ist alles entspannt. Das ist mir in solchen unbeholfenen Momenten immernoch sehr wichtig.

Anonym hat gesagt…

Dass es beim Pinkeln keine Steigerung deiner sexuellen Lust gibt, kann man schon vermuten, denn bei Natursektliebhabern spielt sich jawohl viel im Kopf ab. Viele dieser Leute werden ja auch alleine schon dadurch sehr erregt, dass jemand dringend auf die Toilette muss. Das Urinieren wird ja sehr gezielt und mutwillig zur Luststeigerung eingesetzt. Das ist bei dir ja völlig anders, da du es ja gar nicht (?) selbst kontrollieren kannst und von daher keinen aktiven und steuernden Anteil hast.

Aber auch ohne sexuelle Komponente kann man sich davon ja völlig angewidert fühlen oder den Umstand dort, wo es nicht peinlich wird, einfach annehmen. Ich könnte mir gut vorstellen, dass die sich plötzlich ausbreitende Wärme ein angenehmes (aber nicht sexuelles) Gefühl auslöst. Wenn man das zulassen kann, ist man wohl sehr viel unverkrampfter.

Das war und ist mein Tipp an dich.

Hans hat gesagt…

Nu lasst das Mädel doch mal in Ruhe inne Hose machen. So lange sie hinterher duscht und nicht auf meinen Polstermöbeln sitzt, ist doch alles im grünen Bereich.

Olli hat gesagt…

Und nun zu etwas ganz anderem: salziges Popcord oder doch etwa süßes? Letzteres mag ich nämlich gar nicht und bin immer froh, wenn ich irgendwo wie im kino auch salziges haben kann.