Mittwoch, 9. September 2009

Alle Neune

Heute ist ein merkwürdiger Tag. So viele Neunen, mir wird ganz schwindelig.

Nicht nur, dass heute der Neunte Neunte Zweitausendneun ist, sondern dieses ist, wie ich gerade zufällig bemerkte, auch noch mein neunundneunzigster Post in meinem Blog insgesamt. Allerdings erst das achte Posting im September. Aber dafür hat sich heute mein neunzehnter regelmäßiger Leser in meine Abonnentenliste eingeschrieben. Herzlich willkommen!

Ganz neunmalkluge Leute haben festgestellt, dass heute der 252. Tag des Jahres ist. Die Quersumme dieser Zahl ergibt? Rischtisch: Neun!

Als ich heute morgen um neun Uhr neun und neun Sekunden aufwachte ... nein, das geht jetzt zu weit. Das wäre viel zu spät gewesen. Es war ungefähr acht Uhr neunzehn, früh genug, da ich heute erst zur neunten äh dritten Stunde zur Schule musste, als ich mich, während ich auf dem Bauch liegend langsam wach wurde, über ein komisches Gefühl an meiner Brust wunderte. Ich konnte es nicht eindeutig zuordnen. Es fühlte sich irgendwie ... verletzt? Nein. Wund? Nein. Kalt? Auch nicht wirklich. Es fühlte sich merkwürdig an. Komisch halt. Immer wacher werdend, fasste ich mit einer Hand an meine Brust und fühlte etwas feuchtes. Jetzt war ich ganz wach und wusste auch sofort, was los war. Ich schmiss die Decke und das zum Glück noch trockene Kopfkissen aus dem Bett, drehte mich auf den Rücken und staunte erstmal eine Runde.

Dass ich seit meiner Querschnittlähmung morgens dringender auf Klo muss als vorher, und dass der Weg dorthin einschließlich rübersetzen und Schlafhose runterziehen jeden Tag ein neues Abenteuer ist, daran habe ich mich bereits gewöhnt. Insoweit bin ich auch froh, nicht mehr bei meinen Eltern zu wohnen und irgendwas erklären zu müssen. Dass ich jedoch gar nicht mehr aus dem Bett komme, bevor die Sauerei los geht, hat eine neue Qualität. Und auch diese Mengen im Schlaf sind nicht normal. War gestern irgendwas besonderes? Party? Zuviel Bier? Omas neunundneunzigster Geburtstag? So langsam dämmerte es mir: So intensiv ich auch nachdachte, ich konnte mich nicht daran erinnern, gestern abend meine Oxybutynin-Tablette genommen zu haben. Mit fatalen Folgen!

Das passte mir natürlich gar nicht in die Tagesplanung. Duschen wollte ich sowieso, aber das Bett neu beziehen und eine Waschmaschine anstellen - das wird verdammt knapp. Also Frühstück ausfallen lassen und Vollgas geben. Und vor allem mal lüften! Nach dem Duschen, auf dem Weg zur Waschmaschine, traf ich Sofie. "Willst du jetzt waschen? Die Maschine ist leider belegt." Auch das noch. Ich konnte das Zeug unmöglich bis mittags irgendwo liegen und vor sich hin stinken lassen. Aber jemanden fragen, ob er das in die Maschine packt, wollte ich auch nicht. Also zumindest mit dem Laken ins Bad, unter der Dusche erstmal ausspülen und dann heute mittag waschen. Aber wo das dann triefnasse Zeug solange lassen? Im Zimmer wohl kaum, und im Bad sieht es jeder. "Was überlegst du?" fragte Sofie. "Soll ich deine Wäsche in die Maschine packen, wenn meine nachher fertig ist?"

Ich schüttelte den Kopf. "Nee, alles gut." - "Hast du ins Bett gemacht?" Oh nein! Ich wurde dunkelrot. Ich hatte das nasse Laken extra so in dem Deckenbezug eingewickelt, dass man es nicht sofort sehen konnte. Sofie sah natürlich meine knallroten Wangen, Ohren und meinen nervösen Blick, grinste, streckte mir die Hand aus und meinte: "Willkommen im Klub." Da in der Waschmaschine drehte sich ... Bettwäsche. Jetzt musste ich auch grinsen. Das musste am heutigen Datum liegen. "Also leg das vor die Waschmaschine, ich stelle das nachher an", sagte Sofie.

"Nein, das ist mir unangenehm", druckste ich weiter.

"Ach jetzt halt die Klappe, pack das Zeug da hin und sieh zu, dass Du zur Schule kommst." Ich liebe Sofies manchmal zu direkte Art. Aber sie wirkt bei mir Wunder. Auf dem Weg zur Schule musste ich mich wirklich schon beeilen. Ich wollte auf gar keinen Fall bei meinem "Lieblingslehrer", den ich in meiner ersten Stunde haben würde, zu spät kommen. Man muss ihm ja nicht unbedingt eine Steilvorlage für seine dummen Sprüche liefern.

Wer aber denkt, dass er bei mir damit heute schon alle eklige Sachen gelesen hat, kennt noch nicht Kapitel zwei, drei und neun. Während wir alle in atemberaubender Stille damit beschäftigt waren, eine Aufgabe zu lösen und mein Lieblingslehrer in das heutige Hamburger Abendblatt vertieft war, trat genau die Situation ein, vor der ich ohnehin schon soviel Angst habe: Nein, ich habe es nicht unter Kontrolle, wenn ich pupsen muss. Und das haben natürlich nicht nur neun Leute, sondern das hat jeder mitgekriegt. Während ich die Luft anhielt und versuchte, mich so unauffällig wie möglich zu verhalten, schaute ich mit gesenktem Kopf und aus dem Augenwinkel zu meiner Tischnachbarin. Die andere Rollstuhlfahrerin. Ich sah, wie sie sich ein Lachen verkniff und dabei den Mund verzog. Im gleichen Moment stand der Lehrer auf und ging schrittweise in meine Richtung. "Oh nein", dachte ich. Das Blatt vor mir auf dem Tisch fing an sich zu drehen. Der Typ blieb direkt vor unserem Tisch stehen und sagte im militärischen Tonfall: "Wer war das?"

"Tschuldigung", murmelte ich. Er wiederholte seine Frage im gleichen Tonfall: "Wer war das?" Meine Tischnachbarin antwortete im gleichen Tonfall: "Ja, irgendein Arsch wird das schon gewesen sein, ne?" Er lachte dreckig. "Hähähä, irgendein Arsch, ja. Bedenken Sie künftig, dass sich Faulgase auch bei Windstille in Räumen ausbreiten. Immerhin tun Sie etwas gegen Ihre Migräne, die ja bekanntermaßen durch atomaren Überdruck im Hirn ausgelöst werden soll. Die Frage ist nur, was erstrebenswerter ist: Ein Krankheitsfall wegen Migräne oder 23 Krankheitsfälle wegen einer Methanvergiftung. Also gehen Sie künftig gefälligst auf Klo, wenn Sie kacken müssen!"

"Jawohl", antwortete ich deutlich für alle hörbar und nahm mir vor, bei der nächsten Ansprache dieser Art darauf zu beharren, dass er mir nur verboten hat, im Unterricht zu defäkieren. Immerhin wussten nun alle, dass ich die Verursacherin war. Als er wieder zu seinem Tisch zurückging, bedankte ich mich bei meiner Tischnachbarin. Die grinste nur.

Im zweiten Unterrichtsblock für heute glaubte ich noch an ein Déjà-vu-Erlebnis, allerdings reagierte der Lehrer im ersten Moment nicht darauf. Dafür aber eine Mitschülerin, die noch nie irgendwas mit mir zu tun hatte. "Oah, Alder, kann die da hinten mal mit dem Gefurze aufhören? Das ist jawohl voll eklig, ey! Wir sind doch hier nicht aufm Bauernhof. Echt ey!" Einige lachten. "Ist doch wahr, Mann. Wenn das in der zweiten Woche schon so los geht, ey." Bevor ich darauf etwas erwidern konnte, sagte der Lehrer: "Shirin, sowas kann auch mal aus Versehen passieren." - "Nee Mann, vorhin hat die das auch schonmal gemacht, ey!" - "Shirin, gehen Sie davon aus, dass es Umstände gibt, bei denen man das nicht unter Kontrolle hat, auch wenn einige das gerne anders hätten, allen voran sicherlich der oder die Betroffene. Wenn Sie es für nötig halten, öffnen Sie das Fenster, aber solche Sprüche möchte ich nicht hören."

Dann fragte sie wie ein vierjähriges Kind: "Hast du das nicht unter Kontrolle? Ehrlich? Das ist ja krass." - "Shirin, ich möchte Sie nach der Stunde mal unter vier Augen sprechen." Ohne Luft zu holen fuhr er mit dem Unterricht fort. Ich weiß nicht, was er ihr gesagt hat, aber nach der Stunde kam Shirin zu mir, streckte mir die Hand entgegen und entschuldigte sich. Ob freiwillig oder gezwungenermaßen konnte ich nicht erkennen, aber die Geste fand ich schon gut.

Fehlt noch Kapitel neun. Okay. Kapitel Neun: Am Nachmittag sind Sofie, Frank und ich zu Luisa gefahren, um sie in ihrer neuen Wohnung zu besuchen. Sie hat eine, wie ich finde, sehr schöne Wohnung gefunden. Allerdings ist alleine wohnen etwas völlig anderes als eine WG, sagte sie mehrmals. Ich finde es bescheuert, wenn jemand, der eigentlich in einer WG wohnen möchte, wegen seiner Behinderung gezwungen wird, alleine zu wohnen. Aber insgesamt trägt sie es wohl einigermaßen mit Fassung. Und freute sich, mit uns endlich mal wieder Phase 10 spielen zu können. Natürlich hörten wir nicht bei Phase Neun auf.

Damit endet Kapitel Neun und mit ihm auch mein heutiges neunundneunzigstes Blogposting. Ich muss mir ja für mein 100. Posting auch noch was aufsparen. Hattest du jetzt etwa gedacht, da kommt noch mehr Schweinkram? Nee, irgendwann ist auch mal gut damit. Schließlich darf ich das Niveau nicht ganz aus den Augen verlieren. Und schließlich hieße es dann ja auch nicht Kapitel Neun, oder?! Was?! Prost! Auf die Neun!

Kommentare :

uffi hat gesagt…

so, nu' noch neun Kommentare darunter bitte ;-)

Wolfgang hat gesagt…

Dass Du solche intimen Dinge über Dich ins Internet stellst, ist ja Deine Sache. Aber meinst Du, dass Deine Freundin Sofie auch damit einverstanden ist? Gebe ich nur mal zu bedenken.

Jule hat gesagt…

Ist sie, Wolfgang. Da sei ganz beruhigt.

BigDigger hat gesagt…

Jedenfalls wirst Du jetzt in absehbarer Zeit Deine Oxybutinin wohl nicht vergessen... ;-)

Sofie hat gesagt…

Wolfgang: Geh mal davon aus, dass wir uns einig sind, was hier gepostet wird und was nicht. Im Zweifelsfall fragt Jule, darauf kann ich mich verlassen.

Baerli hat gesagt…

Neunundneunzig Luftballons auf ihrem Weg zum Horizont.

Wer nochmal behauptet, es wäre peinlich was Jule hier so alles aus ihrem Leben erzählt,
dem empfehle ich ganz dringend das neue Buch von Giulia Siegel.....das ist PEINLICH

Schönes Wochenende der "Chaos-WG"

P.S. Was macht eigentlich euer Nachbar? (du weißt schon welcher)

Carsten hat gesagt…

Ich verstehe nicht, warum man einen neutralen Kommentar löscht. Aber nun gut, dann kommentiere ich halt nicht, sondern frage nach:

1. Wäre es nicht sinnvoller eine (größere) Windel zu tragen, bevor das alles ins Bett geht?

2. Was sagen Deine Freundinnen Cathleen und Simone, wenn Du das Bett flutest, während sie neben Dir liegen?

3. Was sagt ein Partner oder eine Partnerin, wenn ihr irgendwann mal in einem gemeinsamen Bett schlaft und Dir solche Pannen passieren?

4. Wie willst Du künftig mit Deinem Problem umgehen, denn Du kannst ja nicht in jeder Unterrichtsstunde lautstark Blähungen abgehen lassen? Hast Du Dir darüber schonmal Gedanken gemacht?

Wenn Du so offen darüber schreibst, wirst Du auch mit solchen Fragen rechnen müssen. Ich bin gespannt, ob ich Antworten bekomme oder wieder gelöscht werde.

Herzlicher Gruß
Carsten

Anonym hat gesagt…

Manche Kommentare sind hammerhart.

M hat gesagt…

Hallo Carsten,

vermutlich ist dein gelöschter Kommentar genauso "neutral" gewesen wie dein heutiger.

Ich kenne zwar die genauen Umstände von Jules Behinderung nicht, aber deine Fragen finde ich sehr merkwürdig. Eine größere Windel ist doch gar nicht erforderlich, wenn sie nicht ihre Tablette vergessen hätte. Sowas kann doch mal passieren. Selbst wenn jemand daneben gelegen hätte, was sollte der schon sagen? Der eine sagt "Igitt", der andere sagt "Entschuldigung" und dann geht man duschen und gut ist. Dein unter 4 genannter Punkt wird ihr außerdem schon so peinlich sein, dass sie ohnehin schon alles dransetzen wird, um es möglichst zu verhindern. Auch das klappt nicht immer. Dann passiert es halt. Wenn man weiß, dass es nicht aus Missachtung oder Respektlosigkeit geschieht, sondern aus Versehen, wird man wohl damit leben können. Oder man muss das Fenster aufmachen, wie der Lehrer schon richtig festgestellt hat.

Klausi hat gesagt…

meine güte, jule hat ne waschmaschine. macht ihr auch so ein theater, wenn ein kleinkind in die windeln macht oder die bettlägerige oma?

Simone hat gesagt…

Hi Jule!
Ich finde es lustig, dass manche Menschen glauben, sie würden mit ihren komischen Fragen irgendwen beeindrucken! Ich übernachte gerne bei dir, und lieber mit dir in deinem 1,40 breiten Bett als auf der Erde oder auf einer Luftmatratze!!! Wenn ich in fremden Betten schlafe oder jemand im selben Zimmer oder sogar im selben Bett schläft, beuge ich immer vor, wie auch die meisten Leute, die ich kenne. Selbst wenn dabei was passiert, würde ich niemals ein böses Wort darüber verlieren! Das ist absolut lächerlich!!!
Ich möchte so gerne mal wieder bei dir übernachten. Wann klappt es mal wieder?
HDGDL!
Simone

Cathleen hat gesagt…

Simone, deinen Kommentar übernehme ich so. Volle Zustimmung!

Ich muss bei der Gelegenheit auch noch eine kleine eklige Geschichte loswerden. Ich saß in der Klasse in der 6. Stunde im Musikunterricht und ich konnte nicht mehr sitzen, mein Rücken tat etwas weh. Also habe ich mich auf den Rädern aufgestützt, um mein Gesäß zu entlasten. Dabei ... es war nicht zu überhören. Ich habe natürlich sofort "Entschuldigung" gesagt, aber unsere Lehrerin hat ganz böse geguckt und gesagt, dass ich auch als Rollifahrerin aufs Klo oder wenigstens auf den Flur gehen kann. Ich habe gesagt, dass ich das nicht unter Kontrolle habe. Da meinte sie: "Ich habe doch genau gesehen, dass du dafür extra noch eine Arschbacke hochgehoben hast!"

*LOL*

HDGDL
Cathleen

Jule hat gesagt…

@Bärli: Ich kenne zwar Giulia Siegels neues Buch nicht, aber ich habe gelesen, dass das kein pornografisches Detail ausspart und vom Niveau her auch von Dieter Bohlen geschrieben worden sein könnte. Dann muss ich das wohl nicht lesen.

@Carsten: Das ist mein Blog und dort lösche ich, was ich löschen möchte. Darauf kann sich jeder einstellen. Ich erkläre dir aber auch noch nett, dass ich ohne Windel schlafe, da das besser ist für die Haut und die Blase normalerweise nachts ruhig ist. Sollte jemand neben mir schlafen, schlafe ich weder nackt noch ohne Windel. Etwas Respekt vor dem anderen kann man wohl erwarten.

@Simone: Jederzeit gerne!

@Cathleen: Ich wäre gerne live dabei gewesen. :D

BigDigger hat gesagt…

"Sollte jemand neben mir schlafen, schlafe ich weder nackt noch ohne Windel."

NOCH - nehm ich mal an... (siehe 12. August) :-P

Jule hat gesagt…

Hallo BigDigger,

das bezog sich darauf, dass eine Freundin bei mir übernachtet und wir im selben Bett schlafen. Dann schlafe ich nicht nackt und passe auf, dass andere Leute nicht am morgen in meiner Soße liegen. Das meinte ich damit.

Falls ich mal einen Freund finde, müsste man neu schauen, was geht und was nicht geht.

:-P

Sally hat gesagt…

Mensch, diese Mitschülerin ist ja wirklich nett, zuvorkommend, diskret und tolerant! Ein "Muster-Mitmensch". +hüstel+

Olli hat gesagt…

Zu dem Lehrer fällt mir echt nichts mehr ein - außer vielleicht "Ach du grüne neune!".
Eigentlich hätte ich das auch um :09 gepostet, aber da musste ich kurz runter den neuen Nachbarn durch die Haustür reinlassen, der hatte seinen Schlüssel vergessen und war froh, bei mri noch Licht zu sehen. Hmmh, der hat ne 99 im Kennzeichen, jetzt wirds mysteriös!