Montag, 7. September 2009

Das erbärmliche Wrack

Die neueste verbale Entgleisung meines Lieblingslehrers lautet: Penner. Ich bin nicht betroffen, sondern jemand, der sein Buch nicht gefunden hat. Inzwischen sagte jemand, dass der Lehrer keinen Bock mehr auf Unterrichten hat und sich freut, wenn er noch irgendwohin versetzt wird, wo er weniger Arbeit hat. Er meint wohl, dass man ihn nicht rausschmeißen kann. Wenn er mich allerdings eines Tages mal als Krüppel bezeichnet, gibt es richtig Ärger. Irgendwann kommt ein Spruch, da bin ich mir sicher.

Nach der Schule hatte ich mein erstes Familiengespräch mit meiner Psychologin im Krankenhaus. Bis ich dort angekommen bin und meine Eltern tatsächlich auf dem Flur warteten, glaubte ich nicht, dass sie das ernst meinten. Allerdings war die anfängliche Freude schnell wieder vorbei. Mein Vater, sagte meine Therapeutin, ist für eine Familientherapie nicht zugänglich. Er müsste erstmal an sich selbst arbeiten, notfalls mit Hilfe eines eigenen Therapeuten. Das wollte er natürlich überhaupt nicht hören.

Aber es war vorauszusehen, als er zu meiner Therapeutin, die selbst Rollstuhlfahrerin ist, sagte, dass er die ganze Therapie, die im Krankenhaus gemacht wird, als Schritt in die falsche Richtung ansieht. Es kotze ihn an, wie in diesem Haus körperliche Wracks dazu gedrillt werden, sich gegenseitig mit Höchstleistungen zu überbieten. Ein defektes Auto werde repariert oder verschrottet - oder wenn es einen hohen Wert hat, als Oldtimer liebevoll gepflegt. Kein Mensch würde auf die Idee kommen, mit einem Oldtimer an einem Rennen teilzunehmen.

Mein Vater sieht mich als jemand an, der durch einen bedauerlichen Unfall zu einem körperlichen Wrack gemacht wurde. Wenn es nach ihm geht, soll mein Lebensinhalt nur noch ein Dahin-Vegetieren in einem Pflegeheim sein. Er hat nicht verstanden, was es bedeutet, sich selbst zu duschen und anzuziehen - im Gegensatz dazu, dass jemand kommt und einen duscht und anzieht. Für ihn gehören behinderte Menschen durch einen Pfleger betreut, geduscht und angezogen. Sie müssen auch nicht mehr arbeiten, sie sollen Rente bekommen. "Da kommt doch sowieso nichts bei raus. Die Kosten, einen behinderten Menschen einzustellen, rechnen sich nicht mit dem, was er in seinem Leben mal erwirtschaften wird."

Weil ich gerade so gut in Fahrt bin, lasse ich auch nichts aus. Er ist ernsthaft der Meinung, dass die monatelange Rehabilitation nur ein Ziel hat: Der Rollstuhlfahrer soll keine Zeit haben, sich mit seiner "erbärmlichen" Lage zu identifizieren. Stattdessen hat er nur noch einen Kopf für Behindertensport, Arbeitsplatz, Schule, Studium - und merkt vor lauter Verblendung nicht, was er sich und seinem Umfeld damit zumutet.

Irgendwann hakte meine Therapeutin ein: "Wenn Sie meinen, dass das hier alles Schwachsinn ist - hat dieser Schwachsinn überhaupt keinen Wert, wenn man durch ihn erreichen kann, dass ein Rollstuhlfahrer wieder Sinn in seinem -wie Sie es sagen- erbärmlichen Leben findet und wieder lachen kann? Wäre dieses positive Feedback Ihrer Tochter, Ihres -wie Sie sagen- Wracks, es nicht wert, diesen Zirkus mitzuspielen? Verlangt er Ihnen so viel ab, als dass es sich nicht lohnen würde?"

Er antwortete, dass er ein ehrlicher Mensch ist und niemandem etwas vormacht. Er möchte ernst genommen werden und das verbietet solche Spielereien. "Ich glaube schon", antwortete meine Therapeutin, "dass Ihre Tochter Sie auch dann ernst genommen hat, als sie erfahren hat, welcher Weihnachtsmann ihre Geschenke unter den Baum gelegt hat. Hat Ihre Tochter nie einen vermeintlich aussichtslosen Wettlauf gegen den Papa gewonnen und daran geglaubt?"

"Meine Tochter ist 17 und nicht 3." - "Auch mit 17 braucht man Menschen, die an einen glauben." - "Genau das ist der Punkt. Ich glaube an sie, aber nicht mit den Dingen, mit denen sie sich beweisen will, dass sie nicht behindert ist. Sie ist behindert, darüber können Schule, Sport und Freunde nicht hinwegtäuschen." - "Schule, Sport und Freunde gehören zu ihrem Leben. Das widerspricht sich nicht. Das sind keine Täuschungen." - "Sie wollen mich nicht verstehen."

Als meine Therapeutin die Diskussion abbrach und die Frage stellte, welche Vorstellungen wir denn alle davon hätten, wie es weitergehen soll, sagten meine Mutter und mein Vater, dass sie es nicht wüssten. Auf die weitere Nachfrage, ob sie nicht eine Vision hätten, sagte meine Mutter: "Ich träume davon, dass meine Tochter wieder gesund wird."

Es ist und bleibt mir ein Rätsel, wie man so hohl sein kann. Ich habe einige Sekunden die Idee gehabt, ob ich mich mit der Theorie meines Vaters, dass ich mich fordere, um mich von dem Gedanken, wert- und nutzlos zu sein, abzulenken, beschäftigen sollte. Aber erwartet das jemand wirklich ernsthaft von mir?

Kommentare :

Sofie hat gesagt…

Nein, das erwartet niemand.

Ich maße mir auch nicht an, seine Lebensziele, deren Verwirklichungen -und die Einflussnahme seiner geistigen Reife darauf- zu bewerten.

Soviel Freiheit, das für sich selbst zu entscheiden, steht heute in diesem Land sogar einem behinderten Menschen zu.

Unglaublich.

mosquito hat gesagt…

Hallo Jule.

Zu diesem Satz Deines Vaters: "Ich glaube an sie, aber nicht mit den Dingen, mit denen sie sich beweisen will, dass sie nicht behindert ist." --> Glaubt Dein Vater wirklich, dass Du Dir nicht im Klaren darüber bist, dass Du eine Behinderung hast? Klar bist Du seit dem Unfall körperlich behindert und merkst das jeden Tag - aber Du bist eben auch einfach weiterhin Jule.

Du kannst bestimmte Dinge nicht mehr machen, weil Dein Körper das nicht zulässt. Da gibts Einschränkungen. Aber Du kannst trotzdem Spaß am Leben haben und ziemlich viele Sachen unternehmen. Und zwar nicht als vermeintlicher "Gegenbeweisversuch", nicht behindert zu sein. Wie schade, dass er das Einfach-mit-Freude-Leben-Wollen (noch) nicht begreifen kann.

Nun, Deine Familie hat zu manchen Dingen eine sehr seltsame Einstellung. Sehr "funktionsorientiert"...
Zum Glück weißt Du, dass Du weder wertlos noch nutzlos bist - und hast genügend Freunde, die Dich ggf. daran erinnern, wenn Du je daran zweifeln solltest...

Gruß
mosquito

BigDigger hat gesagt…

Ich glaube, in Deiner Situation wäre mir spätestens da herausgeplatzt, dass ich die beiden ja nur noch ein Jahr lang für die eine oder andere Unterschrift brauche und sie danach frei sind von der Schande, ein behindertes Kind zu haben, das es sich erlaubt, noch weiterzuleben und nicht einfach abzukratzen.

Sieh bloß zu, dass Du Deine "Familie" so weit wie möglich auf Distanz hältst und leb Dein Leben, wie Du es für richtig hältst. Denn besser als frei von so einer Familie wird's sicher nicht.

Ich bin absolut fassungslos, wie jemand, der aus der Nachfolgegeneration derer, die Behinderte "euthanasiert" haben, so denken kann wie Dein Erzeuger. Unbegreiflich.

M hat gesagt…

Indem man andere kritisiert, lenkt man mehr oder weniger geschickt von sich ab. Man könnte denken, die Eltern suchen den Grund, aus dem sie den Anschluss an die Therapie ihres Kindes (und somit den Zugang zu ihm) verloren haben, in der augenscheinlich erstklassigen Behandlung des Krankenhauses.

Selbstverständlich steht es jedem zu, Kritik zu üben, selbstverständlich hat jeder das Recht, sich eine eigene freie Meinung zu bilden. Bevor jedoch nicht die ersten Rollstuhlfahrer ein Therapiekonzept loben, bei dem sie den ganzen Tag im Bett liegen, von einer Seite zur anderen gedreht werden und sich zwischen Mittagstalkshows und unterirdischen Rentenberechnungen einen Abführcocktail reinziehen, favorisierte ich eher eine im Freundeskreis, in Sport und Schule integrierte Stinkesocke als Beispiel einer erfolgreichen Behandlung.

Der Gipfel ist die Vision der Mutter. Alles in allem zeigt der Beitrag, dass die Eltern auch nach über einem Jahr nach dem tragischen Unfall noch immer nicht in der Realität angekommen sind.

Banane0815 hat gesagt…

Deine Eltern scheinen ja wirklich überhaupt keine Fortschritte zu machen:
Deine Mutter träumt weiterhin von einer gesunden Tochter, anstatt sich mit der realen Situation zu beschäftigen.
Dein Vater hat die reale Situation wenigstens realisiert, aber sie passt einfach nicht in sein vorurteilsbehaftetes Weltbild. Und anstatt dieses Weltbild (Behinderte sind wertlos und müssen im Heim vor sich hinvegetieren) zu überdenken, versucht er, dich in dieses Weltbild zu zwängen, obwohl du überhaupt nicht rein passt.

Das Auto-Argument deines Vaters ist aber wirklich der Hammer!
Eigentlich müsste man ihn fragen, ob man dich, dieses "irreparable körperliche Wrack" nicht besser gleich "verschrotten" sollte, wie ein Auto, bei dem eine Reparatur nicht möglich ist.

Niemand erwartet von dir, dich mit der absurden Theorie deines Vaters zu beschäftigen...
Aber wenn man darüber nachdenkt, kann man doch auch nur feststellen, dass diese Theorie einfach nicht stimmen kann.
Dein "neues Leben" mit all seinen Herausforderungen, deinem Sport, deiner WG, deiner Schule und vor allem deinen Freunden lenkt dich nicht von dem Gedanken ab, wert- und nutzlos zu sein, sonder es zeigt, dass dieser Gedanke völlig absurd ist! - Das ist der eindeutige Beweis, dass du eben nicht wert- und nutzlos bist!
Nur wenn du so leben würdest, wie es sich dein Vater vorstellt (also im Heim vor dich hinvegetieren), wäre der Gedanke an die Sinn- und Nutzlosigkeit wohl wirklich angebracht.

Jule hat gesagt…

Vielen Dank. Es tut gut zu wissen, dass es viele Leute gibt, die nicht von mir erwarten, unnormal zu sein. :)

Ricarda hat gesagt…

Sorry, mir fällt dazu nur EINES ein: Dein Vater ist ein A********

Ich hoffe, dich damit nicht zu kränken, aber ich bin einfach nur erschüttert.

Alles Liebe
Ricarda

Olli hat gesagt…

Ich kanns mal kurz machen:
Natürlich gibt es Oldtimer-Rennen - nd auch die machen Teilnehmern wie Zuschauern große Freude.
Weil es im Beklanntenkreis auch nötig war: statt eltern magst Du die beiden Personen demnächst ggf. Ex-Erziehungsberechtigte titulieren.