Sonntag, 6. September 2009

Die Story mit dem Gyrosbaguette

"Mein Kollege hatte für jeden ein Gyrosbaguette vom griechischen Imbiss, hier gleich gegenüber am U-Bahnhof, geholt. Wir waren gerade fertig mit Auspacken, als wir von unserer Leitstelle nach Hamburg-Lurup geschickt wurden. Verkehrsunfall mit jugendlichem Fußgänger, mehr erfuhren wir zunächst nicht. Nach wenigen Minuten erreichten wir den Einsatzort. Schaulustige standen an den Flatterbändern. Die Polizei hatte weiträumig abgesperrt. Ein Notarzt kümmerte sich bereits um eine Person, die in einiger Entfernung vor einem beschädigten Auto auf der Straße lag, mit einer Rettungsdecke zugedeckt und durch Feuerwehrmänner von Schaulustigen abgeschirmt. Wir landeten gegenüber der Unfallstelle im Kreuzungsbereich. Die Fahrerin des Unfallwagens war versorgt, also lief ich zu dem anderen Unfallopfer. Mein erster Gedanke war: 'Die überlebt nicht.'"

Heute sitze ich vor ihr. An einem Sonntag, in einem eher kleinen Zimmer mit einem Sofa, einem Couchtisch, einem Schreibtisch und einer Küchenzeile. Der Frau, die mir gegenüber sitzt, verdanke ich vermutlich mein Leben. Sie hat mir in einer Situation geholfen, in der ich fast gestorben wäre. Die Dankbarkeit dafür kann man nicht in Worte fassen, sie ist auch nicht bezahlbar. Auch wenn ich ihr in Dankbarkeit geschrieben habe und sie ihr Gehalt für ihren Job schon lange bekommen hat. Dennoch: Es war mir sehr wichtig, ihr einmal die Hand drücken zu dürfen. Ohne großes Theater, ohne viele Worte. Einmal in die Augen schauen, einmal die Hand drücken.

Wenn ich das so lese, komme ich mir vor wie meine Oma, die viel Wert auf solche Gesten legt. Als ich wieder vom Gelände rollte, kullerten die ersten Tränen über meine Wangen. Es war kein Schmerz, keine Trauer, keine Rührung - sondern die hoch-emotionale Situation. Oder vielleicht doch etwas anderes. Einige Stunden später habe ich mich wieder beruhigt. Das Kapitel werde ich nun abschließen können. Obwohl ich am nächsten Jahrestag meines Unfalls vermutlich wieder daran denken werde. Ich glaube, ich weiß auch schon, was es an dem Tag zu Essen gibt.

Kommentare :

Anonym hat gesagt…

Nur zum Verstehen: Der Jahrestag des Unfalls war aber nicht zufällig genau der Tag, an dem Du den Besuch gemacht hast, oder?

Anonym hat gesagt…

Wohl kaum, denn am 13.08.09 schrieb sie in "Ganz viel Post" bereits, dass sie die Ärztin anlässlich "ihres Jahrestages vor etwas über einem Monat" angeschrieben habe.

Jule hat gesagt…

Nein, war es nicht. Der Unfall war im Juli, wie "Anonym 2" ganz richtig zitiert hat.

Olli hat gesagt…

Es liesst sich so, als sei der Besuch für beide Seiten eine gute Sache gewesen.
Wohl erst recht bei aller professionellen Distanz wollen "Retter" manchmal in einigen Fällen schlicht wissen, wie es weiterging bzw. sie sind sehr erfreut, wenn se etwas erfahren können/dürfen. Ging mir, in viel kleinerem Rahmen, auch so, als ich im Zuvieldienst mit Hausnotrufdienst und Bluttransporten einer christlichen Hilfsorganisation zu tun hatte. War damals irgendwie sehr bewegend, mit nichts besonderen bzw. Dingen die aus meiner Sicht jeder Depp in kurzer Zeit lernen kann (Notrufe annehmen, Leute beruhigen usw. oder eben sicher und zügig Blut von A nach B kutschen) am Ende daran mitwirkte, Menschen sehr zu helfen oder gar ihr Leben zu retten.