Dienstag, 22. September 2009

Pampers, Pampers, Pampers

Der Titel des Beitrags lässt nichts gutes erahnen. Entweder wird es wieder irgendein Schweinkram oder es lockt schon wieder Horden von Fetischisten an. Oder beides? Trotzdem kann ich das Thema aktuell nicht aussparen. In meinem Kopf drehen sich heute den ganzen Tag nur Pampers, Pampers und nochmal Pampers. Wie bei Jochen Busse, der mir heute in unserer WG mehrmals zitiert wurde:


Worum geht es? In erster Linie um Cathleen. Sie wurde bisher über das Internat mit Pampers versorgt, da sie wegen einer angeborenen Querschnittlähmung nicht soviel Kontrolle über ihre Blase hat, wie sie haben müsste, um es zuverlässig von einer Toilette zur nächsten zu schaffen. Besonders unterwegs und nachts hat sie Probleme, wobei sie allerdings, je nach Trinkmenge, runde zwei bis maximal vier Stunden "anhalten" kann. Sie hat keine komplette Querschnittlähmung. Auch bei ihr unterstützt Oxybutynin (wie bei mir). Das soll als allgemeine Info erstmal reichen.

Meine Unfallkasse sagt zu mir: Kümmere dich selbst drum. Lass dir vom Arzt verordnen, was du brauchst, wähle einen günstigen Versandhändler, reiche einen Kostenvoranschlag ein und wenn alles okay ist, bekommst du eine Einkaufsberechtigung bis zu einer bestimmten Menge pro Quartal. Die ist aber so großzügig bemessen, dass ich sie nicht mal annähernd ausschöpfe und trotzdem gut damit auskomme.

Cathleens Krankenkasse, in Böhmen, äh, Barmen zu Hause, sagt: Kümmere dich selbst drum. Lass dir vom Arzt attestieren, dass du Pampers brauchst, dann nimm den Versandhändler, mit dem wir einen Vertrag haben, und vereinbare mit ihm, was du bekommst. Wir zahlen monatlich pauschal 33 Euro dorthin, damit ist alles bezahlt. Wenn du mehr brauchst, als du für 33 Euro bekommen kannst, musst du den Rest selbst zahlen.

Okay. Dann rechnen wir mal. Der Monat hat 30 Tage. Pro Tag soll ich mindestens 2 Liter trinken. Ein wenig Flüssigkeit nimmt man noch über die Nahrung auf. Man schwitzt, man atmet Flüssigkeit aus, rechnen wir mal, dass man pro Tag rund einen bis 1,5 Liter Urin ausscheidet. Nehmen wir das Mittel von 1,25 Litern pro Tag. Cathleen ist sehr klein, bei einer urologischen Untersuchung wurde ihre Blasenkapazität auf maximal 550 ml geschätzt. Wobei sie mehr als 250 ml nicht mehr kontrollieren kann. Das heißt: Spätestens bei 250 ml will sie auf Klo. Das sind bei 1,25 Litern pro Tag rund 5 Mal.

Das wiederum würde bedeuten, dass sie pro Monat 150 Windeln benötigen würde. Vom billigsten Produkt (ein Markenprodukt aus Schweden) könnten pro Monat 90 Stück abgerufen werden, eine weitere Packung würde die 33-Euro-Marke überschreiten. 90 Stück, das bedeutet im Schnitt alle 8 Stunden eine neue Windel. Rechnen wir mit 1,25 Litern pro Tag, würden in den 8 Stunden 420 ml Urin produziert werden. Dieses Markenprodukt hat eine Auslaufgrenze von 510 ml.

Was aber, wenn sie zwischendrin Sex haben will und nochmal die Windel wechseln möchte? Oder Schwimmen? Oder ein Exemplar reißt kaputt oder klebt nicht. Oder geht verloren. Oder wechselt den Besitzer, weil die beste Freundin ihre zu Hause vergessen hat. Oder oder oder. Vielleicht zieht sie auch nochmal um die Häuser und trinkt drei Flaschen Bier. Was dann? Nichts. Dann muss sie wohl, wenn sie nicht draufbezahlen will, in die Hosen machen. Drei Windeln pro Tag sind laut Versorgungsvertrag auf Bundesebene ausreichend.

Das Problem betrifft nicht nur Cathleen, sondern auch viele, viele andere Menschen, die gesetzlich krankenversichert sind. Es gibt bereits ausführliche Widerspruchs- und Klagebegründungen zum Download.

Ich vermute, dass diese Kostenbremse eingebaut worden ist, weil in vielen Heimen den Leuten lieber eine Pampers umgebunden wird, statt sie auf Klo zu setzen. Pampers ist halt einfacher. Diejenigen, die wirklich so etwas brauchen, müssen mal wieder drunter leiden. Ich bin froh, dass es mich nicht persönlich betrifft. Aber wir alle werden dafür kämpfen, dass Cathleen nicht vom Regen in die Traufe kommt.

Kommentare :

Georg hat gesagt…

Ich glaube, man kann unter diesem Beitrag keinen Kommentar hinterlassen, ohne der Windelfetisch-Szene zugeordnet zu werden. Ich tue es trotzdem:

Selbst bei den von dir berechneten 5 Stück pro Tag setzt es ja voraus, dass man gleichmäßig trinkt. Das tut doch aber keiner. Das heißt: Wenn man mehr trinkt, muss man 3 mal hintereinander, dann wieder 5 Stunden nicht. Sicherlich kann man mit 5 Stück auf den Monat oder das Quartal gesehen etwas erreichen. Aber das muss sich doch nach dem tatsächlichen Bedarf orientieren und der ist doch bei jedem anders. Ich finde es auch unzumutbar, jemanden acht Stunden in der eigenen Pisse liegen oder sitzen zu lassen.

Wo ist das Problem? Was sollte jemand mit den Dingern tun, außer sie zu verwenden? Verkaufen? Verschicken? Da ist doch das Porto bald teurer als die Ware! Selbstverständlich sollte man auf einen sparsamen Umgang drängen, aber so aufwändig, wie das Wechseln ist, wird doch niemand sich oder einem Pflegebedürftigen permanent neue Windeln anziehen. Hier gehen die Sparmaßnahmen eindeutig zu Lasten der Betroffenen und das ist eine Sauerei.

Vielleicht sollte man mal in der Geschäftsstelle persönlich vorsprechen, am besten gleich mit der ganzen WG. Und täglich nachfragen, wie weit man mit der Sache ist oder warum es nicht anders geht. Und dabei jedes Mal allesamt auf den Teppich urinieren, durch die Hose natürlich, aus Versehen. Wenn einer fragt, ist das passiert, weil die Kassen zu wenig Windeln zahlen. Vielleicht wachen sie ja dann mal auf.

Bitte schreib, was aus der Sache geworden ist.

Manni hat gesagt…

Würdet ihr mal die Gebrauchsanweisungen und Empfehlungen lesen, wüsstet ihr, dass es nicht erforderlich ist, das Produkt mehr als 3 mal täglich zu wechseln. Die Produkte sind mit einem Saugkern ausgestattet, der Flüssigkeit zuverlässig bindet und weder Bakterien noch Gerüche freilässt. Dazu kommt, dass ein Fassungsvermögen von bis zu 4.200 ml erreicht wird. Inwieweit die Krankenkassen diese Spitzenprodukte bezahlen, kann ich nicht beurteilen, aber selbst die Noname-Produkte haben eine Saugfähigkeit zwischen 2.500 und 3.500 ml. Bei einer Blasenkapazität von 250 bis 550 ml kann man also zwischen fünf und sechzehn mal reinpinkeln, bevor überhaupt irgendwas aus- oder überläuft.

Genauso wie Wäsche nach einmal Tragen gewaschen wird (früher trug man Hosen und Pullover eine Woche, bevor sie in die Wäsche mussten, vielleicht nicht eine Woche am Stück, aber durchaus mehrmals), ist es heute modern, Windeln nach den ersten drei Tropfen zu wechseln. Wenn man sich diesen Luxus leisten will, muss man ihn selbst finanzieren. Es ist nicht einzusehen, warum die Versichertengemeinschaft das tun sollte.

Manni Two hat gesagt…

Es gibt doch auch diese Pull-up-Hosen, die man, wenn man es rechtzeitig auf die Toilette schafft, schnell noch runterziehen und danach wieder hochziehen kann. Dann ist man nicht verpflichtet, die Windel acht Stunden ununterbrochen zu tragen. Außerdem haben die meisten Windeln doch heute wiederverschließbare Klebestreifen, so dass man sie kurz aufmachen und nach dem Klogang wieder zumachen kann. Ich muss Manni schon zustimmen, dass es ausreicht, wenn man die Windel wechselt, wenn ihre Saugleistung aufgebraucht ist, und nicht in einer Tour. Ich wechsel meine Unterhose ja schließlich auch nicht bei jedem Toilettengang. Wenn man das dann doch will, ist das ein privates Vergnügen, das dann aber wirklich nicht aus öffentlichen Mitteln finanziert werden muss. Aus öffentlichen Mitteln wird nur finanziert, was wirklich erforderlich ist, und das sind 3 Stück pro Tag und das ist mehr als genug.

Anonym hat gesagt…

Sagt mal, ihr Mannis und Mannitus, ich weiß nicht, was ihr mit der Materie zu tun habt, aber ich würde es begrüßen, wenn man euch mal eine Woche lang nur dreimal am Tag auf Klo lässt, damit nicht so viel Trinkwasser die Klospülung runterfließt. Wenns daneben geht, dürft ihr nach acht Stunden duschen. Ich weiß nicht, ob man sich damit wohlfühlen möchte.

BigDigger hat gesagt…

Liebe Mannis, Eure Kommentare beweisen schon, dass Ihr in der Schule mal das Lesen gelernt habt, zumindest von der technischen Seite her. Bei der Interpretation von Texten scheint Ihr allerdings durchgefallen zu sein, anders kann ich mir nicht erklären, wie man einen einfachen Sachverhalt wie diesen so komplett verfehlen kann.

Zitate aus dem Blogeintrag:
"[...] dann nimm den Versandhändler, mit dem wir einen Vertrag haben, und vereinbare mit ihm, was du bekommst. [...] Dieses Markenprodukt hat eine Auslaufgrenze von 510 ml."

Absolut konsistente Kausalkette vom Stinkesöckchen - sofern man denn fähig oder willens ist, die mathematische Seite nachzuvollziehen. Dass Ihr auf weitere Argumente wie mit dem Sex oder dem Schwimmen (nach Eurer Logik hieße das, eine vollgepisste Windel wieder anziehen zu müssen) gar nicht erst eingegangen seid, lässt ebenso tief blicken.

Wenn also Behinderte nicht in Euer Weltbild passen, dann schleicht Euch, Ihr Lebenstrolle!

@Anonym
Da Cathleen nur noch bedingte, eingeschränkte Kontrolle über ihre Blase hat, ist dreimal am Tag noch zu hoch gegriffen. Ein einziges Mal pro Tag kommt dem deutlich näher.

M hat gesagt…

Kann man der Kasse nicht einfach mitteilen, dass man ein Grundbedürfnis von x Stück pro Tag hat? Es kann doch nicht sein, dass das Grundbedürfnis vom 1. bis 13. eines Monats aus Mitteln der Krankenversicherung gezahlt wird und vom 14. bis 30. eines Monats muss man privat zahlen. Oder alternativ von 0 bis 10.30 Uhr gehts auf Kassenkosten und von 10.31 bis 23.59 Uhr muss man selbst dafür aufkommen. Entweder besteht eine Leistungspflicht oder sie besteht nicht. Aber solch halber Kram geht mit Sicherheit am Gesetz vorbei. Es ist ja offensichtlich, dass es hier nicht darum geht, Vergeudung einzudämmen, sondern hier geht es darum, auf dem Rücken der Bedürftigen (Hilfsmittelbedürftigen) Kosten zu sparen. Das ist nicht das, was ich als gesetzlich versicherter gesunder Mensch möchte, auch dann nicht, wenn ich einmal alt und krank werden sollte. Nochmal: Nichts gegen Sparmaßnahmen, aber dann so, dass nicht einzelne darunter leiden sondern alle.

Ein anderer Aspekt: Derjenige, der eher wenig Urin verliert, kommt vielleicht mit weniger Saugkraft und entsprechend geringen Kosten aus. Derjenige, der aber komplett undicht ist oder vielleicht noch zeitweise den anderen Schließmuskel auch nicht unter Kontrolle hat, kann doch nicht draufzahlen müssen. Das ist doch eine Ungleichbehandlung, die sich daran orientiert und damit verschlechtert, wie sehr der Blasen- und Afterschließmuskel im Einzelfall betroffen ist.

Oder sollen die Betroffenen vielleicht weniger trinken? Ich habe erst gedacht, Stinkesocke hat sich verlesen, aber Google sei Dank, das scheint wirklich wahr zu sein. Eine Frechheit, es auf dem Rücken derer zu machen, die sich meistens aus falschem Scham zurückhalten und nicht protestieren, sondern still dulden.

Biene Maja hat gesagt…

Würde man nicht alleine damit auskommen, dass man zu Zeiten, in denen man ein Klo nebenan hat (zum Beispiel in der Schule oder zu Hause) normale Unterwäsche trägt und eher öfter (also vor Erreichen der 250-ml-Grenze) auf die Toilette geht, statt es in die Windel zu machen? Auch der Schulweg ist doch nicht so lang, dass man in der Zeit schon wieder so dringend muss, dass was daneben geht.

Carsten hat gesagt…

@biene maja: dazu müsste man wissen, wie die kleine sich überhaupt verhält. ob sie mit allen mitteln versucht, immer eine toilette zu erreichen und krampfhaft anhält, bis es nicht mehr geht, oder ob sie, wenn sie schon eine windel umhat, diese auch benutzt ohne sich weitere gedanken zu machen. oder ob sie sie vielleicht nur deswegen trägt, um eben nicht unterwegs oder nachts auf die toilette zu müssen.

gerade die 1,25 liter sind ja auch nur ein durchschnitt. wenn man abends auf einer party fünf flaschen bier trinkt und nur 250 ml in der blase hat, muss man doch alle 10 minuten. ich kann mir nicht vorstellen, dass man dann alle 10 minuten auf die toilette fährt und dort das ganze prozedere abspielt. oder wenn man dann endlich zu hause im bett liegt, dass man dann noch lust hat, noch 5 mal wieder aufzustehen. immerhin ist damit ja auch eine menge verbunden als rollstuhlfahrerin.

und dann kommt man wirklich dazu, dass man fragen muss, ob dieser "luxus" aus mitteln der allgemeinheit finanziert werden muss.

Cathleen hat gesagt…

Diese Werte, die auf den Verpackungen angegeben werden, beschreiben die maximale theoretische Saugfähigkeit des Innenlebens. Ich möchte aber eine trockene Hose und ein trockenes Sitzkissen haben und dann ist selbst da, wo 4.500 drauf steht, bei 1.000 Schluss. Alles was die Kasse bezahlt (in ausreichender Menge) hat maximal 500 bis zum Auslaufen.

Wenn ich zu Hause bin, brauche ich sowas nicht. Aber in der Schule muss mich ja nur mal der Lehrer nicht auf Klo lassen oder das Klo ist besetzt und dann habe ich nasse Hosen und muss damit nach Hause oder den ganzen Tag herumfahren oder mich dort waschen und umziehen? Das muss nicht sein!

Ich glaube, wenn diejenigen, die hier große Töne tönen, mal selbst betroffen wären, würden sie ganz schnell merken, wovon sie wirklich reden!

Ich bin aber glücklich, dass Jule und die anderen Leutis mir helfen, auch wenn die Situation absolut unglücklich ist! Das wird schon! Und danke für die "echten" Ratschläge!

Mafdet hat gesagt…

"Wenn man sich diesen Luxus leisten will, muss man ihn selbst finanzieren. Es ist nicht einzusehen, warum die Versichertengemeinschaft das tun sollte."
Ja, ich komme mit meinem Kommentar um Jahre zu spät, aber ich habe diesen Blog erst vor ein paar Tagen entdeckt, lese mich von hinten nach vorne durch und muss hier einfach meinen Senf dazu geben.
Ich bin Teil der von Manni erwähnten Versichertengemeinschaft.
Ich zahle die exorbitant hohen Beiträge deshalb, damit Menschen die Hilfsmittel bekommen können, die sie benötigen, damit sie sich eben _nicht_ in die Hosen pinkeln müssen, wenn die bewilligte Windelmenge aufgebraucht ist. Wer allen Ernstes für richtig hält, dass aus fehlgeleitetem Spartrieb Windeln rationiert werden, muss schon ein paar größere Defizite im Oberstübchen haben...