Sonntag, 29. November 2009

Rollstuhlfahrer unerwünscht

"Oh nein, nicht schon wieder so ein Behindi-Mitleids-Thema", werden die ersten Leser nach der Überschrift denken. Tja, liebe Leser, ich wünschte auch, dass ich so etwas nicht ständig miterleben müsste. Meine Leser können weiterscrollen, das wünsche ich mir für mein Leben in solchen Momenten auch.

In Momenten, wo die Welt in Ordnung ist, wo ich versuche, meinen Jan anzugraben, gerade seine volle Aufmerksamkeit habe, ihn bei lauter Diskomusik antanze, ihm Salzstangen in den Mund stecken darf (nicht mit dem Mund, aber immerhin frisst er mir inzwischen aus der Hand...) und wo es dann plötzlich heißt: "Behinderte raus!"

Das wurde so nicht ausgesprochen. Soll ich erwähnen. Sagt Frank, der Jurist aus unserer WG. Aber ich darf öffentlich sagen, dass man gestern abend sieben Rollstuhlfahrer aus dem Roschinsky geworfen hat - und nur die sieben Rollstuhlfahrer. Dass ihnen angedroht wurde, man würde die Polizei rufen, wenn sie dem Rauswurf nicht nachkommen und somit einen Hausfriedensbruch begehen. Schließlich darf die Inhaberin ja selbst entscheiden, welche Gäste sie haben will und welche nicht.

St. Pauli ist eine eher linke Szene. Entsprechend gibt es auch Menschen, die nicht wegschauen, sondern sich einmischen. So verließen mit uns rund 50 Leute die Kneipe und schworen, den Laden niemals wieder aufzusuchen. Einige Gäste verlangten, die Geschäftsführerin sprechen zu dürfen. Nachdem das draußen immer weiter eskalierte, kam sie vor die Tür und erklärte, dass es Sicherheitsbestimmungen gäbe, an die sie sich zu halten hätte. Mit uns wollte sie aber nicht sprechen.

Morgen früh hat einer der Beteiligten einen Termin bei der Boulevardpresse. Man muss sich ja nicht alles gefallen lassen. Ich bin gespannt, ob die etwas schreiben.

Kommentare :

Strelok hat gesagt…

interessant ist der Beitrag der Geschäftsleitung in deren Gästebuch. Ich finde es gut, dass das Thema von den nicht totgeschiwiegen wird. Andererseits ist mir, als "öfter-mal-in-disko" arbeitendem die offizielle Absicht der Betreiber verständlich, da unfälle auf vermieden werden wollen. nichtsdestotrotz verstehe ich nicht ganz, ob nun ein Hausverbot ausgesprochen wurde oder nicht. da unterscheiden sich die beiträge.

Viel Erfolg weiterhin! und ich glaube eigentlich noch, dass die Betreiberin sich um Euere Sicherheit gedanken gemacht hat.

MFG,

Strelok

BigDigger hat gesagt…

Viel interessanter ist wohl, dass sie sich genötigt sehen, diese heiße Luft auch auf der Startseite zu veröffentlichen...
Zitat: "Damit es nicht zu womöglich folgenreicheren Geschehnissen kommt, kann es daher passieren, das unser Personal Gäste im Rollstuhl darum bittet, lieber zu einer Zeit vorbei zu kommen, in der das Roschinskys nicht bis zum Bersten bevölkert ist."

MUAHAHAHAHA! Sind sie nicht niedlich? Gestatten sie Euch doch tatsächlich, am Mittwochnachmittag von 16 bis 17 Uhr wiederzukommen... oder so ähnlich.

Ganz ehrlich: Solche Leute haben ihre Konzession nicht verdient!

Aber das mit dem "Einmischen" ist keine Sache von links, mittig oder rechts. Sondern Zivilcourage und Charaktersache. Und von Letzterem haben die Betreiber nicht gerade viel. Vor allem, da sie ja auch Betrunkene (in deren eigenem Interesse) nach Hause schicken könnten...

Narijanna hat gesagt…

Hallo Jule,
eigentlich schreibe ich so gut wie nie was in ein gästebuch.
Aber als mein mann (ArminF) mir gesat hat was bei dir passiert ist konnte ich es nicht lassen diesem "Kneipenbetreiber" ein eintrag ins gästebuch reinzudrücken.
Ich habe viele sicherheitswachen bei der Feuerwehr mitgemacht und nie, wirklich nie mussten wir Rollis oder andere behinderte rausschmeißen.
Lasse dich von solchen schwachmaten nicht verunsichern.
Ganz liebe geknuddelte Grüße und Kopf hoch,
deine treue Leserin
Nari

Julian hat gesagt…

Wenn es den Betreibern dieser Disko mit der Sicherheit tatsächlich so ernst wäre, wieso weisen sie dann nicht am Eingang (per Schild, notfalls durch die Türsteher) auf die angeblichen Sicherheitsrisiken für Rollstuhlfahrer hin?
Wirkt auf mich wie ein vorgeschobenes Schutzbehauptungsargument.

Ich habe generell in vielen und aktuell erst vorgestern in einem berühmt-berüchtigten Berliner Club einen Gast im Rollstuhl gesehen und keiner hatte dabei Probleme...

Banane hat gesagt…

Ich glaube, die Betreiber und Mitarbeiter des Roschinskys haben sich mit der Sache selbst einen Bärendienst erwiesen...

Gut zu wissen, dass auch viele nicht-Rollstuhlfahrer den Laden verlassen haben und (laut Geästebuch) auch einige Leute nicht mehr dort hingehen werden, um zu zeigen, dass ein solches Verhalten einfach inakzeptabel ist.

Ich weiß auf jeden Fall, wo ich nicht hingehen werde, wenn ich mal in Hamburg bin.

Also: Lasst euch nicht unterkriegen! - Es gibt sicherlich auch andere Lokale, in denen man auch als Rollstuhlfahrer willkommen ist und seinen Spaß haben kann.

Gruß
Banane

Jule hat gesagt…

Auch im Gästebuch der Seite haben sich einige zu Wort gemeldet, dazwischen auch ein paar Augenzeugen und/oder Stammkunden. Inzwischen haben wir uns in der Gruppe so besprochen, dass wir nicht an die Presse herantreten wollen, da das Ergebnis nicht steuerbar ist. Es tut sich aber was und die Sache hat auf jeden Fall noch ein Nachspiel. Ich kann dazu jetzt noch nicht viel sagen, werde aber darüber berichten, sobald sich etwas neues tut.

Danke für die Kommentare!

Olli hat gesagt…

Sachen gibts, echt mal. Möge es sich geklärt haben - und ggf. schade, es nicht mehr nachlesen zu könne, da es das Gästebuch auf der Seite offenbar nicht mehr gibt.