Freitag, 11. Dezember 2009

Das Drama um ein Drama

Am Montag haben wir eine Deutsch-Klausur geschrieben, Analyse eines Dramas. Die erste halbe Stunde habe ich dort gesessen und war kurz davor, zu verzweifeln. Dann habe ich gedacht: "Alles oder nichts. Wenn du da jetzt einen leeren Zettel abgibst, gibt es 00 Punkte. Wenn du dir da jetzt irgendwelchen Stuss zusammenschreibst, kriegst du vielleicht noch 05 Punkte und hast wenigstens die Klausur gerettet." Und dann habe ich ganz banal angefangen, den Text kurz zusammenzufassen und zu analysieren und plötzlich lief es wie am Schnürchen. Am Laptop schreibt sich sowas ja wesentlich besser als mit dem Stift, und so konnte ich, ähnlich wie hier im Blog, noch etliches aufarbeiten und verbessern.

Als wir heute überraschend eine Vertretungsstunde in Deutsch hatten und der Lehrer meinte, dass er die Klausuren korrigiert hat, dachte ich schon: "Das Wochenende sitzt du jetzt über dem Text und schreibst ihn neu, um im Rahmen einer Hausarbeit zu retten, was noch zu retten ist."

Ich habe mich völlig verschätzt. Unser Deutschlehrer schreibt unter jede Klausur einen ausführlichen Text, wie er zu der Bewertung der Arbeit gekommen ist, was ich sehr gut finde. In diesem Fall ging er runter wie Öl:
Julia,

eine erstklassige Arbeit mit korrekter Zusammenfassung und Analyse, genauer Erfassung und Beschreibung des zentralen Konflikts, klaren Abgrenzungen zum von Ihnen gut analysierten Nebengeschehen und sinnvoll erfassten im Werk nicht gezeigten Handlungsteilen. Korrekte Darstellung von Charakteristik und Gesprächsformen; in der Erörterung der sprachlichen und stilistischen Elemente zwar vollständig, im Umfang jedoch eine Spur zu unausgewogen; dennoch insgesamt eine bestechend scharfe und präzise Ausdrucksweise, ein sprachlich brillianter und stilistisch homogener Text aus beeindruckendem Wortschatz und mit sehr guter Rechtschreibsicherheit. Hervorragender Gesamteindruck. Wertung: 15 Punkte.
15 Punkte? Volle Punktzahl? Eine Eins mit Sternchen? Ich fasse es nicht.

An der Tafel wurde dann eine Verteilung der Punkte angemalt. Es gab nur einmal 15 Punkte, der nächsten drei hatten 13. Der Durchschnitt war mit 9,8 Punkten relativ hoch, obwohl die schlechteste Arbeit gerade mal 02 Punkte bekommen hatte. Plötzlich rief Sandra in die Klasse: "Wer hat denn die 15 Punkte?" Alle schauten sich um, ich machte das Spielchen mit und drehte mich auch um und tat so, als wenn ich suchte. Der Lehrer lachte und sagte: "Julia, seien Sie nicht so schüchtern."

Woraufhin Sandra den Kommentar abließ: "Oah, war ja klar." Normalerweise hasse ich das ungefragte Geblöke durch den Klassenraum, aber das konnte ich mir nun nicht anhören. "Wieso war das klar? Ich hab nicht damit gerechnet." Damit war der Zickenterror im vollen Gange: "Wenn ich 10% Verlängerung kriege und während der Klausur im Internet mir die Lösungen holen kann und ein bißchen auf behindert mache, schreibe ich auch 15 Punkte." Bevor ich auch nur Luft holen konnte, rummste mit einem ohrenbetäubenden Dröhnen eine flache Hand auf das Lehrerpult und ließ alle zusammenzucken. Ich erwartete einen Anschiss für ungefragtes Rumlabern, aber es kam ganz anders.

"Sandra, Sie sind unverschämt." Sie wollte widersprechen, aber der Lehrer fuhr ihr gleich über den Mund. "Halten Sie die Klappe. Wenn Sie keine Beweise für Ihre Unterstellungen haben, sollten Sie diese auch nicht erheben. Es waren alle Schüler gleichermaßen informiert über den Inhalt der Klausur. Das Internet war während der Klausur nicht zugänglich und die Laptopschreiber haben mit dem Rücken zu mir gesessen, so dass ich die ganze Zeit lang den Bildschirm sehen konnte. Es hat niemand von denen irgendwo recherchiert. Die Zeitverlängerung ist ein zugelassener Ausgleich für die Behinderung, den sie aber gar nicht genutzt hat. Sie hat mit allen anderen zusammen abgegeben."

In der Tat ist es so, dass wir in einem Textverarbeitungsprogramm schreiben, das vorher vom Lehrer gesperrt wird, so dass man das Fenster nicht minimieren kann. Ich könnte nur das Programm mit Alt+F4 schließen und wieder neu aufrufen, hätte dann aber das Passwort von ihm nicht, mit dem ich sperren müsste. Das heißt: Es wäre am Ende entsperrt (während der Klausur leuchtet schon oben ein fetter roter Balken) und die Klausur würde sofort mit 00 Punkte bewertet werden. Nur wenn es am Ende noch gesperrt ist und sich mit seinem Passwort entsperren lässt (und nicht mit irgendeinem anderen), hat man die Sicherheit, dass das Textprogramm die ganze Zeit 100% des Bildschirms abgedeckt hat und keine andere Datei aufgerufen worden ist. Und das wird vom Lehrer mit Unterschrift auf der Klausurarbeit vermerkt, dafür gibt es extra ein Kästchen auf dem Ausdruck, wo auch die Sperr- und Entsperrzeit draufsteht. Also insofern: Keine Möglichkeit, mit seinem privaten Laptop zu schmummeln.

Sandra und ich mussten vorlesen. Erst Sandra. Dann ich. Sandra sträubte sich, aber es hieß: "Sie bekommen die Möglichkeit, die Klasse davon zu überzeugen, dass ich Ihre Arbeit zu schlecht oder Julias Arbeit zu gut bewertet habe. Bitteschön!"

Sie las vor und es war wirklich schlecht. Ich habe aber nichts gesagt, sondern einfach nur vorgelesen. Am Ende bekam Sandra als erste das Wort: "Ja, ich entschuldige mich. Aber warum ist die so gut?" Jetzt wurde ich langsam wütend: "Die hat auch einen Namen und die hat sich verdammt nochmal zu Hause auf den Arsch gesetzt und gelernt." - "Streber!" rief jemand rein. Sehr witzig, der passenste Moment für solche Späßchen. Jetzt stellte Sandra doch ernsthaft in den Raum, ob ich möglicherweise bei meinen Hausaufgaben (ich muss ja vieles, was meine Mitschüler in der Schule machen, zu Hause nachholen, da ich nur begrenzte Stunden in der Schule sein darf) schon das Klausurenthema dabei gehabt habe. Der Lehrer bekam das nicht mehr mit, weil er schon weiterredete, also meldete ich mich nochmal und bat ihn: "Können Sie bitte nochmal Stellung nehmen, ob ich das Klausurenthema schon vorher im Rahmen meiner Hausaufgaben von Ihnen bekommen habe, wie es hier gerade in den Raum gestellt wird?"

Er schaute Sandra an: "Gleich hagelt es einen Verweis. Warum missgönnen Sie Julia ihre Leistung so?" - "Ich missgönne ihr die Leistung nicht, sondern mich kotzt es an, dass sie sich entweder irgendwas beweisen muss oder aus ihren Sonderregelungen solchen Profit schlagen kann."

Und nun ließ ich mich zu etwas hinreißen, was ich inzwischen tief bereue. Nicht, weil es Sandra verletzt haben könnte, sondern weil ich mich mit ihr auf eine Stufe gestellt habe. Sandra kommt gerne mit großen Kreolen im Ohr, bauchfrei mit Piercing, Wetlooklegging, Modelfrisur und tiefem Ausschnitt zur Schule. Ich sagte: "Weißt du, bei dir könnte es später reichen, wenn du dich auf den Chefsessel setzt und mit den Titten wackelst, um Geld zu verdienen. Wenn ich das mache, heißt es: Der Krüppel da ist eklig und notgeil. Ich kann also nur durch Fleiß und Wissen punkten. Daran arbeite ich gerade."

Allgemeines Gelächter, meine Tischnachbarin meinte leise: "Volltreffer." Aber der Lehrer schaute mich nur entsetzt an und als es wieder ruhig war sagte er: "Das hätte ich von Ihnen nicht erwartet. Das enttäuscht mich. Sie sind wohl auch scharf auf einen Verweis. Ich möchte diese Beleidigungen hier nicht haben. Setzen Sie sich sachlich auseinander und nicht unterhalb der Gürtellinie."

Ich habe mich dann auch noch entschuldigt. Ich war zornig, habe mich hinreißen lassen, ich bitte um Verzeihung. 13 Punkte wären sicher nicht besser gewesen, aber bestimmt einfacher.

Kommentare :

Sofie hat gesagt…

Ich sehe aber noch einen Unterschied, ob jemand über einen billigen, aber beeinflussbaren und frei gewählten Modegeschmack beleidigt wird oder über eine nicht beeinflussbare und nicht frei gewählte Behinderung. Manchmal wird "auf dieselbe Stufe stellen" auch als ein Kontakt auf Augenhöhe vom Gesprächspartner besser verstanden.

uffi hat gesagt…

lass dich von Idioten nie auf deren Level(runter)ziehen. Bist du da erstmal schlagen sie dich mit ihrer Erfahrung.

Ok, der ist uralt, aber er passt. Der Klügere gibt nach, was stört sich die Eiche, wenn sie die Sau dran reibt usw. Auch nicht jünger...

Aber die Sprüche passen hier imo ganz gut.

Gratulation zur '1 mit Sternchen', du Streberin ;)

Anonym hat gesagt…

Gratuliere.

Daß Du gut schreiben kannst, wissen wir ja, so überraschend finde ich die 15 Punkte nicht.

Aber eine Frage habe ich. Wieso ist das Schreiben mit dem Laptop für Dich leichter?

NewRaven hat gesagt…

Ehrlich gesagt finde ich deine Äußerung zwar alles andere als nett, aber durchaus angemessen und auch ein Stück weit witzig. Es war ein passender Konter auf eine Beleidigung. Ich glaube, der Lehrer war ausschließlich deshalb irritiert, weil man schlicht und einfach von einer "armen, wehrlosen, vom Schicksal betrogenen jungen Frau" erwartet, das sie eingeschüchtert mucksmäusschenstill ist, da ihr das Ego fehlt um auch mal "aufzumucken". Du hast dich meiner Meinung nach keineswegs auf diese Stufe gestellt, sondern so auf ihre Aktion reagiert, das sie es auch versteht. Zwar heißt es "Der Klügere gibt nach" allerdings hat dieses alte Sprichwort auch noch eine ebenso wahre Abwandlung "Der Klügere gibt so oft nach, bis er der Dümmere ist". Gerade du, Jule, solltest dir ein gesundes Ego erhalten, denn ohne das wirst du irgendwann zu einem Punchingball des Lebens werden.

Banane hat gesagt…

Erst mal Glückwunsch zu den 15 Punkten!
Von deinem tollen Schreibstil können sich ja auch schon alle Leser deines Blogs überzeugen. Wenn dann noch der Inhalt stimmt, wundert mich die Note überhaupt nicht.

Und jetzt zum Konflikt mit Sandra:

Als Außenstehender kann man ja leicht sagen "Lass dich von Idioten nie auf deren Level runterziehen ..."
Aber wenn man selbst mal wieder direkt mit einem Idioten konfrontiert ist, der immer weiter macht, platzt einem eben irgendwann mal der Kragen. - Es ist doch ganz normal, dass man bei solchen Vorwürfen nicht gelassen bleiben kann und sie einfach ignoriert.

Natürlich musste dich dein Lehrer für diese Äußerungen rügen, da Konflikte auf diesem Niveau sicherlich nichts in der Schule zu suchen haben...
Aber ich bin mir ziemlich sicher, dass er insgeheim auch "Volltreffer!" dachte und durchaus verstehen kann, dass dir auch mal der Kragen platzt und dir dann eben auch mal etwas Beleidigendes rausrutscht. Er wird deinen wütenden Konter sicherlich längst nicht so negativ sehen wie die Haltlosen Vorwürfe, auf die du etwas unangemessen reagiert hast.

Immerhin war dein Konter wirklich ein Volltreffer, bei dem ihr so schnell nichts einfallen dürfte. - Sie hat dich also auf ihrem Niveau auch nicht durch ihre Erfahrung geschlagen.

Also: Lass dich nicht unterkriegen und nehme weiterhin nicht alle Vorwürfe, Beleidigungen, usw. einfach so hin.

Gruß
Banane

BigDigger hat gesagt…

Meine herzlichsten Glückwünsche! Nicht nur zu den 15 Punkten (zum Glück kenn ich das Gefühl auch, brauche also nicht neidisch zu sein *hihi*), sondern auch zu dieser Erwiderung.

Das Gelächter Deiner MitschülerInnen und die Bestätigung Deiner Nachbarin sagt eigentlich alles. Man kann sich nicht immer alles gefallen lassen, und Du bist beneidenswerter Weise offenbar mit einer Schlagfertigkeit ausgestattet, die ich gern hätte. Deine Einlassung ihr gegenüber war goldrichtig, weil Du nicht einfach in einer Opferrolle versinkst, durch die sie sich als Dir überlegen aehen kann. Im Gegenteil, das war ein Schuss vor den Bug, den sie so schnell nicht vergessen wird, und u.U. hast Du dadurch in der Klasse noch gepunktet (selbst wenn es darauf hinausläuft, dass einige denken, dass "die Rollifahrerin da" ja doch wert ist, als Mensch wahrgenommen zu werden).

Dein Ausbruch war eventuell sogar die einzige Möglichkeit, aus dieser Saison auch nur irgend etwas an Respekt zu gewinnen. Denn ich glaube kaum, dass sich die Sandra durch einen Verweis auch nur in irgend einer Weise hätte beeindrucken lassen - eher im Gegenteil, sie hätte das Dir wieder so ausgelegt, als müsse der Lehrer Dich als Behinderte schützen und protegieren.

Abgesehen davon: Auf welchem Niveau hättest Du ihr denn einen Schuss vor den Bug geben sollen, ohne dass sie fast das ganze Schiff auf ihrer Seite hat? Du bist in der Lage, Dich kurzzeitig auf ihr Niveau herabzulassen - aber sie wird andersherum nie Deins erreichen können...

Clavicular von PL hat gesagt…

Hi Jule,
das Wort "Streber" wurde bereits in meiner Schulzeit als Schimpfwort benutzt.
Heute weiß ich: Streber ist ein Kompliment - nur wissen viele Leute die jenes Wort negativ verwenden nicht ;)
Nach etwas streben ist eine tugend - eine gute Sache. Vor allem dann wenn man sie mit ehrlichen Mitteln anstrebt und auch erreicht. So auch in deinem Falle.

Auch wenn es schon 2,5 Jahre her sind gratuliere ich dir jetzt nochmals recht herzlich zu deinen 15 Punkten !