Montag, 7. Dezember 2009

Der letzte Brownie

Seit heute mittag weiß ich mit einer gewissen Sicherheit, was ich schon lange vermutet hatte: Meine Mutter ist psychisch krank. Sie ist vor etwa zwei Wochen dem Rat ihres Hausarztes gefolgt und hat sich in einer psychiatrischen Klinik stationär aufnehmen lassen. Dort diagnostizierte man inzwischen eine "emotional instabile Persönlichkeitsstörung", auch bekannt als "Borderline-Syndrom". Eine behandelnde Ärztin telefonierte mit mir und bat mich zu gemeinsamen Therapie-Gesprächen in die Klinik, die allerdings rund 40 Kilometer von hier entfernt liegt. Außerdem würde meiner Mutter Besuch gut tun und vielleicht mal eine kleine Aufmerksamkeit. Ich habe ihr gesagt, dass ich mir darüber Gedanken machen werde und sie wieder anrufe. Das fand sie okay, verabschiedete sich und legte auf. Ich möchte das erst mit meiner eigenen Psychologin besprechen. Begeistert bin ich von dem Vorschlag nämlich nicht, ich fände es wichtig, wenn sie erstmal alleine an sich arbeitet.

Eine Stunde danach rief meine Mutter selbst mit unterdrückter Rufnummer hier an und machte mich an, warum ich nicht gleich zugesagt hätte. Es war wie üblich anstrengend. Sie meinte, dass diese Diagnose ihre Zukunft völlig verändern würde und das der schlimmste Schicksalsschlag in ihrem Leben wäre. Sie wüsste überhaupt nicht mehr, wie es weiter geht, sie sei fertig mit ihrem Leben, aber das wäre mir ja alles scheißegal. Sie hätte mich jedenfalls nicht auf die Welt gebracht, damit sie eines Tages mal erfahren müsste, dass ihre eigene Tochter sie völlig ignoriert. Immer dann, wenn ich Probleme gehabt hätte, wäre man für mich da gewesen, aber nun, wo sie Probleme hätte, entziehe ich mich sämtlicher Verantwortung. Ich habe dann irgendwann aufgelegt und das Telefon auf lautlos gestellt.

Ich weiß ja, dass man in so einer Situation und mit so einer Krankheit nicht nüchtern denkt. Aber mal ganz ehrlich: Die Krankheit hat sie doch nicht erst dadurch, dass ein Arzt sie feststellt, sondern die Krankheit hat sie schon lange. Die Diagnose gibt dem Kind doch nur einen Namen. Zu allem anderen äußere ich mich mal nicht, denn jeder, der meinen Blog kennt, weiß, wann meine Eltern für mich da waren und wann nicht und welche anderen Schicksalsschläge es im Leben meiner Eltern noch gibt.

Spätestens seit dem Film "Notting Hill", der während meines stationären Klinikaufenthaltes gleich zwei Mal lief, weiß jeder, dass derjenige den letzten, übrig gebliebenen Brownie verdient, der das schwerste Schicksal zu schultern hat. Ich möchte diesen letzten Brownie gar nicht. Nur soll ich, so die Ärztin, einen Schritt auf meine Mutter zugehen. Ich weiß wirklich nicht, was schlimmer ist: Querschnitt oder Borderline. Es ist wohl auch der berühmte Vergleich von Äpfeln mit Birnen. Ich möchte bei allem Respekt nicht akzeptieren, dass meine Eltern sich, als es mir dreckig ging, mäßig bis gar nicht um mich gekümmert haben und bis heute mein Leben noch nicht akzeptieren können, ich mich auf der anderen Seite aber nun sofort voller Tatendrang und Hilfsbereitschaft um die Therapie meiner Mutter kümmern soll.

Ich vermute, dass man, wenn man meinen Vater mal eingehend untersucht, auch dort etwas finden würde. Das meine ich nicht gehässig, sondern völlig wertfrei. Allerdings wird er wohl nicht freiwillig zu einem Psychiater gehen. Von daher bekommt das zweite Kind eben keinen Namen.

Kommentare :

Anonym hat gesagt…

hey jule ...
irgendwie überrascht mich diese diagnose nicht.

und deine meinung dazu genau so wenig.

lass dich nur nicht "zurückbomben" - das, was du erreicht hast, hast du allein geschafft trotz aller anfänglichen widerstände seitens deiner eltern. und du hast das gut gemacht.

wenn du jetzt alles gewesene "vergessen" und auf deine mutter zugehen würdest, kann ich mir gut vorstellen, das du zu hören bekommst, du seiest an allem schuld ..

halt den kopf stolz oben!

gruß ülp

Ricarda hat gesagt…

Liebe Jule, ich finde, du solltest in erster Linie an DICH denken - und dann kommt erst mal gaaanz lange NICHTS!!!

Lass dich nicht unterkriegen und auch nicht manipulieren!

Liebe Grüße
Ricarda

uffi hat gesagt…

ich hoffe nur, du hast deine Mutter vorher gefragt, ob du diese Info hier so verbreiten darfst.

Es ist völlig dir überlassen, wie detailliert du über dein Privat- bzw. auch Intimleben berichtest. Dass 'das Internet nichts vergisst' ist dir dabei sicherlich bewusst. Einige Menschen fühlen sich davon angemacht (das kann und darf man doppeldeutig verstehen), anderen ist es völlig egal.

Dein Blog, dein Leben, deine Entscheidung.

Aber andere Menchen haben auch Rechte. Und die Geheimhaltung der Diagnose einer Krankheit gehört auf jeden Fall dazu. Sollte deine Mutter mal einen Job suchen und irgendwie kommt raus, dass du ihre Tochter bist (dein Lebensweg hat auf jeden Fall einige Alleinstellungsmerkmale ;-) ) und der Arbeitgber kennt dein Blog, dann war's das mit dem Job. Von Schmähungen im Freundes- und Bekanntenkreis ganz zu schweigen. Psychische Erkrankungen haben leider bei vielen Menschen noch einen bestimmtes Ansehen.

Wunschleben hat gesagt…

Tolle Meinung, und ich weiss genau wie es Dir damit geht! Ich habe ähnliches durch, also Eltern die nie oder nur vermeintlich da waren, und ich wirklich sehr sehr dringend Hilfe benötigt hätte, aber jetzt, wo sie Hilfe benötigt, soll ich doch sofort springen.
Und daher kann ich deine Meinung und Gefühle dazu, sehr gut nachvollziehen!

Lg missy

Krischan hat gesagt…

Der Eintrag ist fast ewig her. Aber momentan hoffe ich, dass du [der irgendwie mit dir verwandten Person] zu Hilfe gekommen bist. Einfach nur, weil es trotz allen berechtigten Grolls das Richtige von der geeigneten Person wäre.

Kontext: Ich bin einer von denen, die sich gern von Anfang an durch ein lesenswertes Blog fressen.

Olli hat gesagt…

Jule, gute Ansichten, klar formuliert, Zustimmung (hab den ersten Teil dieser Dezember-Artikel bisher übersehen im Archiv).

Anonym hat gesagt…

ich habe eine Spastik durch Geburt und Borderline.