Montag, 21. Dezember 2009

Ein Nein zur Therapie

Ich habe mich inzwischen mit meiner Psychologin darauf geeinigt, mich aus der Therapie meiner Mutter komplett herauszuhalten. Das heißt: Ich werde sie weder besuchen, noch an Familien- oder Mutter-Kind-Therapien teilnehmen. Wir haben fast eine Stunde lang nur darüber geredet, ob ich das tun sollte oder nicht. Letztlich kristallisierte sich das immer mehr heraus, was ich schon von Anfang an dachte: Ich möchte meinen zukünftigen Weg nicht zusammen mit meiner Mutter gehen.

Es ist letztlich eine sehr schwere Entscheidung und es ist mit Sicherheit keine lang-, sondern eher eine mittelfristige. Diese mittelfristige Entscheidung musste aber sein, denn nur mit kurzfristigen Ausreden oder neuen Hoffnungen von einer Woche auf die nächste hätte meine Mutter nicht leben können. Es ist aber wichtig, dass sie weiß, woran sie ist.

Ich habe mich so entschieden, weil ich der Überzeugung bin, dass ich meiner Mutter nicht helfen werde, wenn ich an ihrer Therapie teilnehme oder sie regelmäßig besuche. Ob ich dabei bin oder nicht - der Schlüssel zum Erfolg und zum Fortschritt ihrer Therapie liegt anderswo. Ich bin überzeugt, dass sie auch ohne mich ihr Problem auf bestmögliche Weise löst und es auch mit mir ungelöst lassen könnte. Der Weg ohne mich ist sicher ein anderer und vielleicht auch anfangs ein schwierigerer. Aber es gibt einen Weg.

Auf der anderen Seite bin ich nach über einem Jahr intensiver Therapie heute an einer Stelle meines Weges, wo die ersten Freunde zu mir sagen: "Die Stinkesocke macht ihr Ding inzwischen. Am Anfang dachte ich noch: Na, ob sie das wirklich schon alles so verkraftet hat? Oder ob da noch der herbe Rückschlag kommt? Aber nun bin ich zuversichtlich, dass sie sich in ihrem Umfeld und in ihrem Leben wohl fühlt."

Ich bin mir relativ sicher, dass ich auf einem guten Weg bin. Ich bin mir relativ sicher, dass mich die üblichen Dinge des Alltags, und seien sie noch so chaotisch, nicht einfach aus der Bahn werfen. Ich sehe nicht die Gefahr, in ein tiefes Loch zu stürzen. Ich sehe im Moment auch kein Potential für eine handfeste Krise. Sicher, wer weiß, wann ich den ersten Trennungsschmerz verkraften muss, wann ich einen fetten Harnwegsinfekt, eine fette Druckstelle oder andere heftige Komplikationen bekomme oder was sonst noch so alles passiert? Aber ich denke eben, ich bin auf einem guten Weg.

Ich bin mir aber ebenso relativ sicher, dass eine Therapie mit meiner Mutter mich von diesem Weg abbringen könnte. Sie vertritt, sei es durch ihre Überzeugung, sei es durch ihre Krankheit, Ansichten, die ich nicht teilen kann und nicht teilen möchte, die sich aber auch nicht verdrängen oder klären lassen. Sie hätte die Kraft, mein jetziges Leben in Unordnung zu bringen.

Damit meine ich nicht, dass ich mich nicht mit meiner Behinderung, meinem Leben, meinen Einschränkungen auseinandersetzen möchte. Ich meine damit, dass ich für mich einen Zugang zu meinem neuen Leben gefunden habe, den sie (genauso wie mein Vater) bisher immer in Frage, ins Lächerliche oder ins Unglaubwürdige gezogen hat. Ich müsste am Ende vermutlich für meine eigene Existenz argumentieren. Die Kraft habe ich nicht. Und das ist der Punkt, an dem ich egoistisch genug bin, meiner Mutter den Wunsch nach Besuch und gemeinsamer Therapie ihrer Erkrankung abzuschlagen.

Kommentare :

Strelok hat gesagt…

Richtig so! Weiter so!

mosquito hat gesagt…

Konfrontationen stärken den Charakter. Manchmal ist es aber besser, Konfrontationen aus dem Weg zu gehen, wenn absehbar ist, dass sie unproduktiv sind...und in die Therapie Deiner Mutter sollten deren Therapeuten Energie stecken, aber nicht Du. Das ist nicht herzlos, sondern gesunde Rücksichtnahme auf Dich selbst.

Ich halte das für eine wohlüberlegte und "gesund egoistische" Entscheidung.

Deine Eltern und sonstige Angehörige werden das vermutlich anders sehen, aber inzwischen bist Du ja so weit gekommen, dass Du damit umgehen kannst. Du bist inzwischen wirklich und notgedrungen "konfliktgeübt".

Gruß einstweilen,
mosquito

Sigi hat gesagt…

Ich finde das nicht gut, und dass die Entscheidung sehr egoistisch ist, wirst du auch wissen und hast du ja auch selbst schon geschrieben. Als du in einer gesundheitlich und psychisch schlechten Verfassung warst, hast du eine Therapie bekommen, an der auch deine Eltern teilnehmen sollten. Damals hast du gewettert ohne Ende und allergrößtes Befremden ausgedrückt, dass deine Eltern dich nicht bei deiner Therapie unterstützen. Jetzt ist der Spieß umgedreht, deine Mutter ist schwerkrank und benötigt eine Therapie. Was macht die Tochter? Sie verhält sich genauso wie die Eltern. Aus Rache? Wie du mir so ich dir? Ich dachte, du hättest nach wie vor Interesse, dass ihr euch wieder ein bißchen annähert! Ich kann diese Entscheidung nicht verstehen.

Sofie hat gesagt…

Sigi, die Überlegung ist nicht von Rachegedanken gesteuert. Jule hatte einen schweren Unfall, der nicht nur ihr eigenes Leben, sondern auch das ihrer Familie in eine tiefe Unordnung geworfen hat. Inhalt der vom Krankenhaus bzw. in der Reha angebotenen Familientherapie war, sich mit dieser Unordnung auseinander zu setzen und "aufzuräumen". Für diese Therapie waren ihre Eltern nicht bereit.

Jule hat alleine aufgeräumt und hat es, wie ich täglich erlebe, sehr gut hinbekommen. Dieser Alleingang ist sehr schwierig und verdient meinen tiefsten Respekt. Die Eltern hingegen leben, was die Beziehung zu ihrer Tochter angeht, noch immer in einem absoluten Chaos. Sämtliche Verbindungs- und Anknüpfpunkte sind geschlossen oder abgerissen. Nicht mal eine oberflächliche Kommunikation ist mehr möglich, es muss sich auf banale Grußformen beschränken, um nicht zu eskalieren.

In dieser Situation soll nun die Tochter (mit dem aufgeräumten Leben) der Mutter helfen, eine ernsthafte psychische Krankheit zu therapieren? Mit Sicherheit hat das "Chaos" um den Unfall ihrer Tochter einen ganz großen Anteil an der aktuellen Erkrankung der Mutter. Aber es verändert nicht die Tatsache, dass die Tochter bereits ein Jahr lang schwer für ihr neues Leben gearbeitet hat, während die Mutter noch nicht einmal in der veränderten Situation richtig angekommen ist.

Jule ist noch lange nicht so standfest, dass man ihr empfehlen kann, einen Teil der Therapie noch einmal von vorne zu beginnen. Ich schätze ihre Bedenken als durchaus realistisch ein und rate ihr ebenfalls dringend davon ab, sich auf eine gemeinsame Therapie mit der Mutter einzulassen, noch dazu in einer für Jule fremden Klinik, vemutlich auch noch ohne einschlägige Erfahrung.

Sigi hat gesagt…

"Jule ist noch lange nicht so standfest, dass man ihr empfehlen kann, einen Teil der Therapie noch einmal von vorne zu beginnen. Ich schätze ihre Bedenken als durchaus realistisch ein und rate ihr ebenfalls dringend davon ab, sich auf eine gemeinsame Therapie mit der Mutter einzulassen, noch dazu in einer für Jule fremden Klinik, vemutlich auch noch ohne einschlägige Erfahrung."

Deine persönliche Meinung zu dem Thema in allen Ehren, aber ich glaube, dass dir nicht das Recht zusteht, medizinische Empfehlungen auszusprechen und die Meinung von Fachpersonal oder die Arbeitsweise von Fachkliniken zu kritisieren. Oder bist du mit deinen 25 Jahren etwa schon Psychiaterin mit jahrzehntelanger Erfahrung in der Behandlung von Rollstuhlfahrern? Also.

Sofie hat gesagt…

Sigi, ich kann nicht entdecken, was genau da jetzt so missverständlich war. Ich gebe Jule indirekt einen persönlichen Ratschlag in ihrem Blog, nicht mehr und nicht weniger. Es ist der Ratschlag einer guten Freundin und nicht der einer Diplom-Psychologin mit angeborener Querschnittlähmung. Obwohl ich nicht ganz verleugnen kann, dass sowohl mein Studium als auch die 25 Lebensjahre im Rollstuhl meine persönlichen freundschaftlichen Ratschläge färben.

Anonym hat gesagt…

hey jule,
ich denke, du hast dich richtig entschieden und es ist respektabel, das du nicht ad hoc entschieden hast sondern nach reiflicher überlegung und in rücksprache.

du hast dir nichts vorzuwerfen - all das, was du jetzt erreicht hast, hast du dir selbst erarbeitet. quasi elternlos. der vergleich von sigi von wegen "rache" ist unsinnig.

deine momentane entscheidung muss ja auch nicht für ewig gelten ... nur zum jetzigen zeitpunkt ist sie absolut aktzeptabel und schon aus selbstschutz unbedingt richtig.

Gruß ülp

Flowerlady hat gesagt…

"Deine persönliche Meinung zu dem Thema in allen Ehren, aber ich glaube, dass dir nicht das Recht zusteht, medizinische Empfehlungen auszusprechen und die Meinung von Fachpersonal oder die Arbeitsweise von Fachkliniken zu kritisieren."
Na Gott sei Dank hat das Fachpersonal, nämlich Jules Psychologin, genau die selbe medizinische Empfehlung ausgesprochen. Nämlich, dass Jule sich aus Selbstschutz nicht an der Therapie ihrer Mutter beteiligen sollte.

Die damals medizinisch empfohlene Therapie dagegen richtete sich an alle Familienmitglieder und in dem Fall riet kein Mediziner den Eltern dazu, nicht daran teil zu nehmen.

Xin hat gesagt…

Hi, ich lese Deinen Blog nun von Anfang an und das ist mein erster Kommentar.

"Das ist der Punkt, wo ich egoistisch genug bin..."

Ich habe häufiger mit Jugendlichen zu tun, die sich ihr Leben kaputt machen, weil sie sich anderen gegenüber verpflichtet fühlen und immer wieder muss ich diesen sagen, dass sie erst sicher auf eigenen Beinen stehen müssen, bevor sie sich um Eltern, Freunde oder irgendwen kümmern können und notfalls loslassen müssen, um wenigstens selbst leben zu können. Und trotzdem treffen die meisten die Entscheidung für andere mit unterzugehen.

Deine Entscheidung ist nicht egoistisch, sondern stark, lebensbejahend, ganz einfach richtig.
Du hast eine harte Schule im Leben, aber Du meisterst sie und sie macht Dich auch zu einem starken Menschen.

Von allem, was ich bisher gelesen habe, kann ich Dir nur meinen vollsten Respekt aussprechen, dass Du auf das Positive im Leben siehst und Dir aktiv die Steine aus dem Weg räumst.

Chapeau!