Samstag, 5. Dezember 2009

Gen-Müll und grüne Schlümpfe

Ich bin mehrmals gewarnt worden. Aber ich bin jemand, der seine eigenen Erfahrungen machen muss. Daher bin ich heute ziemlich auf die Schnauze gefallen, als ich mir einen Vortrag über Sexualität bei Körperbehinderungen angehört habe. Eingeladen hatte eine Gruppe, die sich in erster Linie auf angeborene Querschnittlähmungen spezialisiert hat (Spina bifida, kaudales Regressionssyndrom etc.), und referiert hatte die Geschäftsführerin einer Selbsthilfegruppe. Cathleen kannte diese Geschäftsführerin, eine diplomierte Sozialwissenschaftlerin, über ihre Mutter (und in diesem Zusammenhang auch schon einen ihrer Vorträge, wenn auch nicht den über Sexualität). Auf jeden Fall warnte sie mich, als ich den Flyer bei ihr fand und ich sie fragte, ob wir nicht zusammen dorthin wollten.

Der Vortrag war nicht saumäßig schlecht, es war unterirdisch. Geradezu unerträglich. Ich wunderte mich zu Beginn schon, warum außer mir keine jungen Leute da waren. Sondern nur irgendwelche Eltern, Pfleger, Lehrer, Ergotherapeuten etc. Es waren wohl so 70 Leute in dem Raum. Mir war von vornherein klar, dass das keine Aufklärungsveranstaltung wird, sondern eher etwas wissenschaftliches. Aber ich dachte mir, auch das könnte interessant werden und was für angeborene Querschnitte gilt, muss für erworbene Querschnitte nicht sinnlos sein.

Es wurde aber sinnlos. Und zwar auf der ganzen Linie. Die Referentin vertrat doch allen Ernstes die Meinung, dass bei angeborenen körperlichen Behinderungen die Geschlechtsorgane oft empfindungsgestört sind, weil die Natur eine Fortpflanzung von Menschen verhindern will, die möglicherweise ihren Gen-Müll (das Wort kam mindestens 20 Mal vor) an ihre Kinder oder Enkelkinder weitergeben. Das schlimme ist: Niemand, auch keiner der Fachkräfte, hat zu diesem Schwachsinn irgendwas gesagt.

Bei angeborenen Querschnittlähmungen sind fast immer äußere Einflüsse während der Schwangerschaft die Ursache. Die Gene sind völlig normal. Die Natur hätte die Möglichkeit eines natürlichen Aborts gehabt. Ich habe mich nur nicht fit genug gefühlt, um mit einem Funkmikro vor dem Gesicht mit der Dame vor etlichen Fachkräften zu diskutieren. Jetzt bereue ich es, dass ich nicht wenigstens diese Fragen gestellt habe.

Aber es wurde auch gesagt, dass Jugendliche mit solchen angeborenen Fehlbildungen auffällig selten masturbieren. Dieses Phänomen sei noch nicht so richtig untersucht worden, aber man vermute, dass das auch einen tieferen Sinn haben soll. Ich philosophiere: Bei Behindis reicht Masturbation, um mutierte Schlümpfe mit grünen Mützen zu zeugen. Und wer braucht schon grüne Schlümpfe?!

Dass auffallend selten "Normalos" mit "Behindis" ins Bett klettern, sei ... richtig: Auch ein natürlicher Schutzinstinkt der Natur! In diesem Fall gebe es ja einen, der normale Empfindungen im Geschlechtsbereich habe, aber der werde durch die Fehlbildungen bei angeborenen Behinderungen abgeschreckt. (Oft sind bei Menschen, die seit Geburt nie laufen, die Beine kürzer und weniger muskulös.)

Ich dachte die ganze Zeit, es kommt noch etwas gehaltvolles. Kam aber nicht. So ein Blödsinn. Als ich zu Hause wieder ankam und Cathleen erzählte, was dort abgesondert wurde, sagte sie: "Dass es schlimm werden würde, hatte ich vermutet. Dass es aber so schlimm werden würde, habe ich nicht für möglich gehalten."

Die Moral von der Geschichte: Der Unfallquerschnitt mit Empfindungsstörungen im Genitalbereich rollt jetzt nochmal kurz nach nebenan, um dem angeborenen Querschnitt mit zu kurzen Beinen einen Gute-Nacht-Kuss zu geben und sich noch einmal zu knuddeln.

Kommentare :

BigDigger hat gesagt…

Aber leben lassen sie Euch trotzdem noch? Dann war ja Art. 1 (1) GG doch nicht ganz umsonst...

[/ironie off]

strelok hat gesagt…

die Moral von der Geschichte gibt sehr genau die Einstellung der Referentin wieder :D

aber eigentlich hätte ich das desaster der Veranstaltung public gemacht ;-) kann ja nicht sein, dass leute falsch informiert werden, und trotzdem alle die klappe halten...

Anonym hat gesagt…

Oh. Mein. Gott.

Anonym hat gesagt…

Sind das diese essbaren Gummischlümpfe, die es auch bei uns in der Schwimmhalle gibt? Die sind so lecker!!!

Cathleen hat gesagt…

Ich habs dir Sonnabend schon gesagt: Die Frau erzählt immer solchen Müll. Die erzählt auch, dass Spifis ein Leben lang Betreuung brauchen und geistig eingeschränkt sind. Und sowas bringt sie auch vor dem Rechtsanwalt des Vereins, der selbst Spina hat. Die kann man nicht ernst nehmen!

Ich kenn auch Spifis mit gesunden Kindern und ich kenn auch genug, die sich das selbst machen. Ich red nicht mit jedem drüber, aber wenn sagen fast alle, dass sie das machen. Ich glaube nicht, dass es da so einen Unterschied zu Fußgängern gibt, außer vielleicht, dass wir Behindis dabei noch Gummibärchen produzieren. :P

Lass dich nicht verunsichern!

Anonym hat gesagt…

Hat sie wirklich "Gen-Müll" gesagt? Da könnte man fast über eine Strafanzeige wg. Volksverhetzung nachdenken... Wo bleibt eigentlich der Schäuble, wenn man ihn mal braucht?

Banane hat gesagt…

Wer geht denn bitte in die Selbsthilfegruppe dieser völlig unfähigen Dame?
Von einer Selbsthilfegruppe, die von einer solchen Person geführt wird, kann man doch nun wirklich keine Hilfe erwarten...

Schade, dass du während des Vortrages oder danach keine Kritik an ihrem dummen Gelaber geäußert hast... das wäre bestimmt interessant geworden.
(Und "dummes Gelaber" ist jetzt wirklich noch eine harmlose Formulierung... das Wort "Volksverhetzung" meines Vorredners halte für durchaus angebracht)

Gruß
Banane

Sofie hat gesagt…

Die Dame ist in der Szene schon so bekannt wie ein bunter Hund, nur wundert es mich, wieso sie immernoch Redezeiten bei öffentlichen Veranstaltungen bekommt.

@Banane: Die Selbsthilfegruppe ist ein bundesweites Netzwerk aus einem Bundesverband und 16 Landesverbänden. In einem Landesverband ist sie als hauptamtliche Geschäftsführerin beschäftigt und wegen einer eigenen Behinderung so gut wie unkündbar. Die Vorstände sind ehrenamtlich tätig und werden gewählt, die betreffende Dame hat seit Jahrzehnten einen Arbeitsvertrag und führt die Geschäfte nicht im Sinne der Betroffenen. Diverse Versuche, sie rauszuwerfen, sind bereits gescheitert.

Der Verband an sich genießt ein hohes Ansehen und die Betroffenen kommen in der Regel untereinander auch sehr gut klar, solange sie nicht mit dieser einen Person zu tun haben (müssen).