Donnerstag, 17. Dezember 2009

Scheiß Schnee

Als kleines Kind habe ich gerne im Schnee gespielt. Ich habe mich auch jedes Jahr aufs Neue auf den ersten Schnee gefreut. Irgendwann war es mir dann relativ egal, ich habe den Schnee als natürliches Phänomen des Wetters hingenommen. Inzwischen hasse ich Schnee. Mit Handschuhen kann man nur sehr schlecht Rollstuhlfahren; entweder weichen sie binnen 10 Minuten durch oder man bekommt dadrin schwitznasse Hände oder sie zerbröseln nach ein paar Kilometern oder sie halten nicht warm. Der große Wurf schneint noch niemandem gelungen zu sein.

In festen, plattgetretenen Schnee graben sich die Vorderräder ein. Lockerer Schnee setzt sich zwischen Reifen und Greifreifen, kommt mit hoch und bleibt oben auf dem Schoß oder im Ärmel kleben. Balancieren auf den Hinterrädern ist wegen der nassen und rutschigen Greifreifen auch kaum möglich. Die Hände frieren einem ab. Und nicht nur die, dicke Jacke kann man auch nicht tragen, wenn man selbst fahren will. Schleift ja alles in den Rädern. Der einzige Vorteil ist, dass man bei Glätte nicht ausrutschen kann. Ein schwacher Trost.

Zusammenfassend kann man sagen, dass ich keinen Rollstuhlfahrer kenne, der Schnee mag (außer zum Mono-Ski-Fahren). Und ich freue mich auch schon wieder auf den nächsten Sommer und das erste Bad in der Ostsee. Und einen Strandkorb.

Heute hatte ich erst Krankengymnastik, dann musste ich zu einer Jugendversammlung. Um zu beiden Terminen (und nicht nur zum ersten) mit dem Auto fahren zu können bei dieser Kälte, wollte ich im Anschluss an die Jugendversammlung nebenan noch ein paar Teile einkaufen. Zum Einkaufen darf ich ja mit dem Auto fahren, zur Krankengymnastik auch, aber zur Jugendversammlung nicht. Aber direkt neben der Jugendversammlung ist ein Supermarkt. Und beides ist auf dem Rückweg von der Krankengymnastik.

Als wir bei der Jugendversammlung saßen und die Spannungskurve der Vorträge die Null-Linie kreuzte, schaute ich aus dem Fenster und glaubte, meinen Augen nicht zu trauen. Fette Schneeflocken, die auch noch liegen blieben. Die anderen Rollifahrer waren ebenso wenig angetan, so dass die Versammlung schneller als gewohnt zum Ende kam. Noch schnell einige Dinge einkaufen, dann kam ich mit der Klappkiste auf dem Schoß zu meinem Auto zurück.

Typisch: 10 Zentimeter neben der Fahrertür hatte ein Mercedesfahrer seinen Wagen abgeparkt. Die Hälfte seines Autos stand mit auf "meinem" Behindertenparkplatz, die andere Hälfte in einem Rasenbeet. Kein Ausweis drin (wenngleich der auch nichts mehr genützt hätte), zugeschneit, auswärtiges Kennzeichen. An meinem Auto hing deutlich sichtbar das Schild: "Bitte Türbreite Abstand halten!" Durch seine Parkerei war auch der Weg zu meinem Kofferraum blockiert, so dass ich durch den fließenden Straßenverkehr gemusst hätte, um dorthin zu gelangen. Auf der Beifahrerseite stand eine Hecke.

So stand ich da: Wie eine Schneefrau mit relativ dünner Jacke, erfrorenen Fingern, eiskalten Beinen und Füßen (die werden ja kaum durchblutet, zum Glück merke ich die Kälte da nur indirekt), müde, hungrig, mit einem schweren Einkaufskorb auf dem Schoß und dem dringenden Bedürfnis, mal eine Toilette aufsuchen zu können. Über Handy rief ich die Polizei an und schilderte meine Lage. "Das nächste freie Fahrzeug kommt zu Ihnen, bitte melden Sie sich, sollte der andere Fahrer inzwischen auftauchen."

Bibber. Bibber. Bibber. Einige Leute, die mich da stehen sahen, fragten, ob sie mir helfen könnten. Leider nicht, denn ein umgebautes Fahrzeug können sie nicht fahren. Außerdem wäre das ohnehin heikel: Was, wenn derjenige abhaut oder einen Crash baut? Also warten. Bibber. Bibber. Bibber. 5 Minuten. Bibber. 10 Minuten. Bibber. Schneetreiben, eiskalter Wind. Bibber. Nach 15 Minuten: Ein Streifenwagen! Das ging ja schnell. "Guten Abend. Ihrer ist der Golf, nehme ich an?" Ich nickte. "Hat der Benz einen Ausweis drin liegen?" Ich schüttelte den Kopf. Der Polizist fegte die Windschutzscheibe frei. "Nö. Aber der war schon vor Ihnen da, oder?" Ich schüttelte den Kopf. "Standheizung", klärte ich auf. "Ich kann ja nicht kratzen, deswegen hab ich ihn schonmal auftauen lassen."

"Wollen Sie eine Decke haben?" fragte der Polizist. Inzwischen war mir alles egal. Der Schnee fiel mir aus den Haaren, als ich nickte. Ich bekam eine braune Wolldecke umgehängt. Das wärmte tatsächlich. "Ich hole jetzt sofort einen Abschleppwagen und mache das eilig. Das dauert aber trotzdem noch einen Moment." Ich nickte. Der Typ wurde auf seinem Funkgerät angelabert: "Halter konnte nicht erreicht werden." Er funkte gleich zurück: "Ja, bestell mir hier mal bitte einen Abschlepper. Aber Kran, keine Rolle. Die stehen hier so eng, das wird sonst nichts. Und die sollen Gas geben, die Rollstuhlfahrerin steht hier schon seit einer halben Stunde und unterkühlt langsam." Er fügte hinzu: "Ich würde Sie ja in unser Auto klettern lassen, nur wenn wir hier einen schnellen Einsatz kriegen, können wir nicht warten, bis sie wieder draußen sind."

Keine zwei Minuten später war der Abschlepper da. "Der Pinneberger?" Der Polizist nickte. "Selten dämlich." Der Typ rotierte. An den Rädern wurden Vorrichtungen angebracht, dann ein Metallgestänge an einem Kran über das Auto gelenkt, alles angebunden, vorsichtig angehoben, gaaaaanz langsam, stückweise, mit Festhalten (dazu kam auch noch die zweite Polizistin aus dem warmen Streifenwagen) - und schon war der Mercedes weg. Und genau in dem Moment kam ein älterer Herr angewackelt. "Mein Auto, mein Auto, ..."

Anders als sonst war dieser Herr aber sichtlich mitgenommen. "Das habe ich nicht gewollt, das habe ich nicht gesehen, das tut mir sehr leid, das ist mir sehr unangenehm, das war wirklich keine Absicht, normalerweise achte ich immer da drauf." Naja, immerhin stand er mit einem Rad in der Grünanlage, aber ich will ihm mal glauben, dass er dachte, sein Nachbar kann sich da reinquetschen. Vielleicht waren die Bodenmarkierungen schon von Schnee bedeckt, als er ankam und er hat die Schilder nicht gesehen. Er hat sich mindestens 5 Mal entschuldigt. Okay, kann passieren.

Endlich im warmen Auto. Die erste Fahrt meines Lebens im Schnee. Winterreifen habe ich, ABS und ESP hat das Auto auch, aber in der Fahrschule haben wir gelernt: Wenn es glatt sein könnte, dann muss man so fahren, dass man im Zweifelsfall mit Ausrollen lassen rechtzeitig zum Stehen kommt. Ausparken war kein Problem, aber schon beim Anrollen drehten die Räder durch. Anrollen, nicht Anfahren. Ich meine damit das, was passiert, wenn man beim Automatikfahrzeug auf "D" schaltet und die Fußbremse loslässt. Beim Anrollen drehten die Vorderräder durch und das Auto rutschte langsam seitwärts. Oh mein Gott.

Es ging, indem ich die Bremse ganz langsam löste. Es war auch eine besonders glatte Stelle. Dort, wo viele Autos fuhren, war es etwas entspannter. Schneller als 25 km/h fuhr niemand. Ich hielt mindestens 5 Fahrzeuglängen Abstand. Bei einer Ampel wurde es rot, als mein Vordermann etwa 5 Meter davor war. Er bremste, kam aber ins Rutschen und fuhr bei Dunkelrot noch rüber. Ich bremste auch, allerdings mischte sich schon bei der geringsten Bremswirkung das ABS ein. Ätzendes Gefühl, wenn man das Auto mit der Hand bedient und dieses Vibrieren auf den Handballen übertragen bekommt. Die Straßen waren spiegelglatt. Die Leute gingen teilweise auf allen Vieren. Einige hatten ihre Schuhe ausgezogen und gingen auf Socken.

Kurz bevor ich zu Hause war, überholte mich an einer Ampel ein roter Lupo vom Smilie-Pizza-Dienst. Zwei Minuten später sah ich ihn wieder, nämlich in einem anderen Auto drin. War doch klar. Ich war froh, als ich zu Hause ankam. Ich habe für eine Strecke, für die ich sonst 10, höchstens 15 Minuten brauche, über eine Stunde benötigt. Aber ich habe niemanden angeditscht, mich nicht gedreht, keinen behindert oder gefährdet - trotzdem träume ich nach wie vor vom Sommeranfang.

Kommentare :

BigDigger hat gesagt…

Was meinst Du - wie viele Beiträge werden wir hier noch lesen müssen, bevor Du 18 wirst, in denen es darum geht, dass Dich einer blockiert? "Lesen MÜSSEN" nicht darum, weil es nerven würde, sondern weil die Leute derart ignorant sind, dass sie sämtliche Schilder ignorieren? Dass Du das bloggst, wird wohl kaum einer beanstanden - wer hier liest, will ja auch wissen, was Du so erlebst, und wenn mal wieder einer die Funktion des Behindertenparkplatzes nicht versteht...
Ich tippe mal auf ein sattes Dutzend solcher Fälle.

Dass der von Smiley's ein anderes Auto knutscht - wen wundert's noch? Die Pizzafahrer mindestens der Ketten halten doch allgemein Schilder, Fahrbahnmarkierungen und Lichtzeichen für "optional zu beachtende" Straßenverzierungen... Witzig ist allerdings, dass die bei Smiley's auf den offiziellen Autos meist hinten einen Aufkleber haben: "Wie fahre ich? Rufen Sie an: 040/xxx xxx" Würden alle da anrufen, die sich über die Fahrer ärgern, kämen kaum noch Kunden mit Bock auf Pizza durch. Ich weiß nicht, wie es um die Qualität der Pizza da steht. Nähme man die Qualität der Fahrer als Maßstab, könnte sich mein Magen glücklich schätzen, dass ich kein Smiley's-Kunde bin.

Ich wünsche Dir aber schon mal frohe Weihnachten!

Flowerlady hat gesagt…

Hey Jule!
Bezüglich der kalten Hände: Hast Du es schonmal mit Lederhandschuhen versucht (bzw kann Dir einer Deiner Freunde einen Erfahrungsbericht dazu geben)? Ich trage sie beim Autofahren, weil man damit nicht am Lenkrad abrutscht. Innen sind sie leicht gefüttert, aber insgesamt recht dünn, sodass man noch gut zugreifen kann. Und Leder ist an sich recht atmungsaktiv, gleichzeitig aber relativ "wasserfest". Vielleicht wäre das ja eine Idee für Dich :) In letzter Zeit gabs auch immer mal wieder recht günstige, z.B. bei Rossmann und Tchibo zu kaufen.

Anonym hat gesagt…

Hallo Flowerlady, leider hat Jule das schon richtig dargestellt: Es gibt keine gute Lösung. Lederhandschuhe sind nur dann richtig wasserdicht, wenn sie imprägniert sind und diese Imprägnierung reibt sich sofort durch die mechanische Beanspruchung ab. Dadurch, dass man quasi ein mit Schnee umwobenes Metallteil alle paar Sekunden erneut anfasst, sind sämtliche Handschuhe einer extrem hohen Beanspruchung ausgesetzt. Ich habe mir mal gute Lederhandschuhe gekauft, die haben meine Finger genau 30 Sekunden trocken gehalten. Keine Chance - außer zu Hause bleiben und den Schnee von drinnen genießen.

BigDigger hat gesagt…

Man müsste eine Konstruktion erfinden, mit der sich der Rolli auf Ski heben ließe. Antrieb und Steuerung mit Skistöcken (sofern kraftmäßig möglich), Bremse über eine Zusatzkonstruktion wie eine Hacke unterhalb des Rollis. Leicht vorzustellen, schwer umzusetzen... Leider.

Banane hat gesagt…

Erst mal zu deinem Handschuh-Problem:
Hast du schon mal dünne Unterzieh-Handschuhe ausprobiert?
Ich hatte beim Skifahren auch oft das Problem mit nassen Handschuhen... aber seit ich darunter dünne Unterzieh-Handschuhe eines bekannten Funktions-Wäsche-Herstellers trage, habe ich damit überhaupt kein Problem mehr, da der äußere Handschuh zwar nass wird, der dünne Handschuh aber keine Nässe durch lässt.
Einziger Nachteil: Bei täglicher Beanspruchung dürften diese Handschuhe nicht lange überleben und dann wird das wohl ein teurer Spaß.
Ob das auch beim Rollstuhl fahren hilft, weiß ich natürlich nicht... aber man könnte es ja mal ausprobieren (so teuer ist ein einzelnes Paar dann auch wieder nicht).

Zum Thema Rollstuhl im Schnee:
Ich habe beim Skifahren vor kurzem auch einige Monoski-Fahrer sowohl auf ihren Skiern, als auch mit ihren Rollstühlen gesehen. Die hatten sehr grobstollige Hinterreifen (und wenn ich mich recht erinnere auch größere und ebenso grobstollige Vorderreifen) und kamen damit auch auf einer geschlossenen Schneedecke recht gut voran...
Vielleicht wäre ja auch das was für dich.
(Ich weiß aber natürlich nicht, ob so etwas einfach so an jedem Rollstuhl montiert werden kann... vielleicht waren das auch spezielle Rollstühle)

Und jetzt noch zum Thema Auto:
Hast du gute Winterreifen? - Die sind nämlich wirklich Gold wert!
Dagegen sind Ganzjahresreifen nach meiner Erfahrung einfach nur Schrott, so bald es ein wenig glatt ist oder wirklich Schnee auf der Straße liegt.

Gruß
Banane

Anonym hat gesagt…

hey jule
handschuhe genau für deine einsatzzwecke bekommst du bei engelbert-strauss (www.engelbert-strauss.de) und dort z.b. die artikelnummer 7645208

grüße
-s.

Teufel-Ernie hat gesagt…

hallo -s.,

die von dir empfohlenen handschuhe sind für einsatz in nässe nicht geeignet und daher nicht empfehlenswert. um eine resistenz gegen den bei jeder radumdrehung mit hochkommenden schnee zu erreichen, müsste eine reißfeste und bei kälte ausreichend elastische pvc-schicht verwendet werden. dadurch würde es aber im handschuh zu vermehrter sekretion kommen, so dass mehrere handschuhe oder zusätzlich noch unterzieh-handschuhe verwendet werden müssten.

BAK-Ente hat gesagt…

Ich weiß der Eintrag ist schon etwas älter,
aber wie sieht es denn mit diesen mehrfachnutzbaren Spülhandschuhen aus? Da gibt's doch auch welche, die für stärkere Beanspruchung sind also aus einer dickeren Gummischicht besteht.
Geht sowas nicht?
Vielleicht auch mit oder ohne dünnen Unterziehhandschuhen?

Gruß bon einer die sich grade von alt nach neu durch den Blog liest :)

Olli hat gesagt…

*Daumen hoch* zu Deinen Fahrkünsten auf Schnee. Aber der Winter 2010 war auch auch selten gut geeignet, dass notgedurngen so richtig zu lernen.

Anonym hat gesagt…

Wie sind denn die Fahreigenschaften von Handbikes bei Schnee und Eis? Ich habe andere Einschränkungen und fühle mich mit meinem Liegedreirad, ggf. mit Unterstützungsmotor, bei Schnee ziemlich sicher, weil ich eben kaum hinfallen kann. Aber wahrscheinlich gibt es bei Handbikes irgendwelche Probleme, denn sonst wären ja schon andere früher darauf gekommen.