Dienstag, 22. Dezember 2009

Überforderte Schisssocke

Kaum beginnt der beknackte Schnee draußen zu tauen, bin ich auf dem besten Weg zu neuem Glatteis. Seit gut drei Wochen bin ich inzwischen mit Jan zusammen, er kann gut küssen, er fasst sich gut an, wenn wir im Whirlpool eng aneinander ein paar Zärtlichkeiten austauschen, er schmeckt lecker, er riecht gut ... ich will mehr!

Doch ich verzweifel im Moment an einer sehr schwierigen Entscheidung: Soll ich mit ihm vorher darüber sprechen, dass und warum ich außerhalb meiner vier Wände Pampers trage - oder findet er das am besten selbst raus? Dass einige Rollstuhlfahrer und vor allem Rollstuhlfahrerinnen so die nicht ganz so gesellschaftsfähigen Folgen ihrer Undichtigkeit diskret neutralisieren, wird ihm sicherlich bekannt sein. Aber wird es ihn schocken? Wird er damit umgehen können oder wird er hoffen oder gar davon ausgehen, dass ich zu den modernen Kathetermäuschen gehöre, die sich - durch blasenlähmende Medikamente oder regelmäßige Botoxspritzen in die Blasenwand - untenrum komplett dicht machen lassen?

Ich weiß von zwei guten Freundinnen, dass genau dieses Problem alles auf einen Schlag beenden könnte. "Ich melde mich dann mal wieder..." Ich habe Angst, dass Jan sich die Frage stellen könnte, warum ich das noch vor dem ersten Fummeln anspreche, wenn es doch eigentlich gar keine Probleme damit gibt - und vermuten könnte, dass ich mich als Katze im Sack verkaufen möchte.

Von vielen Leuten außerhalb der Rolliszene bekam ich zu fast 100% den Rat, es vorher anzusprechen und offen darüber zu reden. Aber so einfach ist das nicht. Nicht, weil ich nicht über das Thema reden kann. Sondern weil ich denke, etwas falsch zu machen und ihn entweder zu unterschätzen oder ihn zu überfordern. Ich kann ihn einfach nicht einschätzen. Letztlich wäre es mir am liebsten, ich würde beiläufig auf dieses Thema kommen. Oder jemand aus meinem Umfeld würde es erwähnen und ich könnte Jans Reaktion sehen und dann einhaken. Mir fehlt der Anlass, warum ich mit ihm darüber reden sollte. Es soll eben nicht so wirken, als wenn ich davon ausgehe, er habe Vorurteile oder als wenn ich damit Probleme hätte. Gleichzeitig muss ich noch erklären oder zumindest durchblicken lassen, warum ich das überhaupt anspreche.

Diejenige, die ich mir noch am besten vorstellen könnte, mir bei dem Gespräch zu helfen, rät mir davon ab, es überhaupt vorher anzusprechen. Ich wünschte echt, ich hätte es hinter mir.

Kommentare :

Sofie hat gesagt…

Jule, ich weiß nicht, von wem die Empfehlung kam, das vorher überhaupt nicht anzusprechen. Ich finde es richtig, daraus kein offizielles Gespräch mit festem Rahmen zu machen. Aber ich würde ihn nicht ins kalte Wasser werfen. Wie wäre es denn, ihn hierher einzuladen und (wie zu Hause üblich) keine Windeln zu tragen und bevor es intimer wird sich kurz auf die Toilette zu verabschieden? Dabei kann man doch erwähnen: "Ich gehe kurz mein letztes Getränk wegbringen. So ein Querschnitt ist ja hin und wieder zu den tollsten Überraschungen aufgelegt."

Darauf wird er doch irgendwie reagieren. Und dann sei einfach spontan. Du packst das schon!

Kristina hat gesagt…

Hallo Jule,

ich kann mir vorstellen, wie schwierig das ist. Aber sieh mal: Du wirst langfristig nur mit einer ehrlichen und offenen Partnerschaft klar kommen. Es bringt dir nichts, wenn er dir zuliebe deine Behinderung akzeptiert, sondern euch beiden geht es nur gut, wenn ihr euch gegenseitig so mögt wie ihr wirklich seid.

Damit meine ich, dass du dich einfach so geben solltest, wie du dich mir gegenüber oder vor anderen Leuten aus unserer Gruppe auch gibst. Sei einfach "du selbst" in aller Konsequenz. Entweder er mag dich so oder es hat auf lange Sicht sowieso keinen Sinn.

Wie ihr mögliche Probleme, die deine Inkontinenz mit sich bringt, für euch löst, ist der zweite Schritt. Wie immer gilt: Nicht den zweiten Schritt vor dem ersten gehen. Sondern erstmal offen ansprechen, was alles in seinem Paket enthalten ist und dann klären, wie man es löst.

Weißt du eigentlich, wie viele Leute dich so mögen, wie du bist? Ziemlich viele. Ob Jan künftig ein weiterer Vertreter dieser Gruppe sein wird oder nicht, hast du nicht alleine in der Hand. Sei einfach du selbst und sei offen ihm gegenüber. Entweder es soll dann klappen oder er ist eben nicht der richtige.

Ich drücke dir beide Daumen!

Olli hat gesagt…

Ein neues Wort mit drei s hintereinander und der erste Satz des Beitrages - dieser Tag beginnt einfach toll.
Und Du hast die Fragen für Dich bzw. Euch hoffentlich auch ebenso toll lösen können.