Freitag, 26. Februar 2010

Wahrnehmbare Häufung

Als ich vorgestern auf dem Weg zum Schwimmtraining mal wieder nicht mit einem öffentlichen Bus fahren durfte, weil schon ein weiterer Rollstuhlfahrer drinnen stand und der Busfahrer den Aufstand probte (er habe eine Vorschrift zu beachten, wonach nur ein Rollstuhlfahrer mitgenommen werden dürfe), wusste ich noch nicht, dass ich einen Stein ins Rollen bringen würde. Jedes Mal, wenn mir so etwas passiert, schreibe ich inzwischen einen (auf meinem PC bereits fertig gespeicherten und nur noch mit den aktuellen Daten zu füllenden) Brief an den jeweiligen Verkehrsbetrieb - mit Durchschrift an die zuständige Verkehrsbehörde. Alle anderen Rollstuhlfahrer aus der WG und etliche weitere Leute, die ich vom Verein kenne, machen das inzwischen genauso, weil es einfach nervt, wenn es immer von der Laune eines Busfahrers abhängig ist, ob man mitgenommen wird oder -wie in diesem Fall- 40 Minuten auf den nächsten Bus warten muss.

Bisher bekam ich immer nur als Antwort, dass man mit dem jeweiligen Fahrer gesprochen habe und man hoffe, künftig sei damit alles in Ordnung. Die Behörde hingegen bedankte sich bisher immer und schrieb, dass der Verkehrsbetrieb auf die Mitnahmepflicht hingewiesen worden sei und man davon ausgehe, dass es sich um einen bedauerlichen Einzelfall gehandelt hat.

Heute jedoch bekam ich von der Behörde kein Standardschreiben, sondern einen persönlich verfassten Brief, in dem man mir mitteilte, dass man wegen einer "wahrnehmbaren Häufung dieser Vorfälle" dem Verkehrsunternehmen "aufgegeben" habe, innerhalb von 14 Tagen "Maßnahmen einzuleiten, die eine nachhaltige Schulung seiner Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auf die aktuelle Rechtslage" sicherstelle. Man habe das Unternehmen darauf hingewiesen, dass in einem Wiederholungsfall "ein Bußgeldverfahren eingeleitet" werden könne. So weit sind wir also inzwischen. Steter Tropfen höhlt den Stein?!

Kommentare :

Anonym hat gesagt…

Frei erfunden hat der Busfahrer das mit der Vorschrift aber wohl nicht: http://www.welt.de/politik/article1432294/EU_Richtlinie_behindert_Rollstuhl_Fahrer_im_Bus.html

web hat gesagt…

Wobei hier die EU nicht wirklich schuld war, sondern die unsinnige Umsetzung in das deutsche Strassenverkehrsrecht. In der EU-Richtlinie steht zwar viel kleinkariertes Zeug drinnen, aber dass jeder! Rollifahrer einen eigenen speziellen Platz bräuchte, eben nicht.
(Der Kram ist übrigens bereits seit Mitte 2008 wieder in den Gulli gestampft worden)

LG
Mike

Banane hat gesagt…

Auch wenn es sicherlich keine schöne Sache ist, andauernd den Verkehrsbetrieben zu schreiben, zeigt sich hier mal wieder deutlich, dass es durchaus sinnvoll ist, hartnäckig zu bleiben. - Die Anstrengung lohnt sich also, auch wenn ich es sehr gut verstehen kann, wenn du eigentlich die Schnauze davon voll hast, immer für deine Rechte und Bedürfnisse kämpfen zu müssen.

Aber jeder erkämpfte Erfolg bringt nicht nur dich, sondern auch viele andere Rollstuhlfahrer einen kleinen Schritt weiter auf dem Weg zum (trotzdem noch unheimlich weit entfernten) Ziel, nicht mehr kämpfen zu müssen.
Genau wie auch viele von anderen Leuten ausgefochtene Kämpfe dir zugute kommen können.

In diesem Sinne: Weiter so und lass dich nicht unterkriegen!

Gruß
Banane

M hat gesagt…

Frei erfunden hat der Busfahrer das nicht, nein. Man kann jedoch erwarten, dass er, zwei Jahre, nachdem das zitierte Gesetz gekippt worden ist, weiß, was Sache ist. Gerade bei solch brisanten Themen. Brisant nicht, weil es um behinderte Menschen geht, sondern weil er mit seiner Aktion einen Menschen 40 Minuten lang ohne jede Notwendigkeit in der Kälte stehen lässt. Ich hoffe, man wäscht demjenigen mal gehörig den Kopf.

Kaya hat gesagt…

Hey,
ja was bitte ist denn gut gemeint? Richtlinien sind längst keine Gesetze. Meine Freundin sitzt ihr Leben lang schon in ihrem Flitzer und die wohnt auf dem Land. Da fährt nur alle 2 Stunden ein Bus, da kannste machen, was du willst. Wenn sie mal alleine fährt und es nur darum geht, die Rampe auszuklappen (was die anderen Fahrgäste in solchen Fällen seltsamerweise verlernt haben), macht der Busfahrer jedes Mal auch einen riesen Aufstand und lässt sie einfach stehen. Da ist nicht nur sie, sondern auch ich wütend. Wie kann das in einer Gesellschaft wie dieser angehen? Sie könnte sich sogar alleine auf einen Sitzplatz setzen, aber das will der Busfahrer dann auch nicht. Und in der Schule wird sie dann für ihre "Unpünktlichkeit" auch noch angeprangert.
Solche Fälle sind leider keine Einzelfälle und da werde ich auch sauer oder unangenehm. Es ist traurig, was die Leute sich heute, in einer Gesellschaft, die von sich behauptet, ultratolerant und nicht rassistisch zu sein, leisten.

Mach so weiter, Jule, die werden es auch irgendwann kapieren - hoffentlich.

Olli hat gesagt…

Coole Aktion, schön das es wohl gewirkt hat :-)
Und ja, traurig, dass sowas nötig ist und sich offenbar wohl eher nur durch Behördendruck entwas an der schlamperten Unternehmensführung beim Busbetrieb ändert. Ich warte übrigens noch immer auf einen Tag der Ehrlichkeit, an dem solche Unternehmen zB auf ihren Webseiten nicht mehr das blaue vom Himmel versprechen sondern auch da mal offen bekennen, wie die Realität ist (hier irgendwas wie "manche unserer Fahrer verhalten sich vorschriftsmäßig, andere ignorieren zB die Rechte behinderter Fahrgäste. Das wissen wir, da hat die Schulung wohl nicht gewirkt, aber mehr machen wir nicht").