Samstag, 6. Februar 2010

Zu jung für eine Behinderung

Heute rief mich eine Mitarbeiterin der Klinik, in der meine Mutter nach wie vor stationär behandelt wird, an, und bat mich, mit meiner Mutter zu sprechen. Bevor ich überhaupt etwas antworten konnte, wurde der Hörer bereits weitergereicht und augenblicklich war meine Mutter dran. Ich war so perplex, dass ich natürlich nicht sofort aufgelegt habe. So schnell kann man einfach nicht nachdenken und richtige Entscheidungen treffen. Aber hinterher ist man schlauer. Ich möchte entscheiden, mit wem ich rede und wann ich mit ihm rede - und nicht etwa ein solches Gespräch aufgezwungen bekommen. Wenn jemand mit übermittelter Nummer anruft und ich entscheide, ich gehe nicht dran, dann finde ich es unmöglich, wenn er danach mit unterdrückter Rufnummer erneut anruft. Und wenn ich bei unterdrückter Rufnummer auch nicht dran gehe, finde ich es schon dreist, dann jemanden vorzuschicken, der dann das Telefon weiterreicht.

Das Gespräch war zuerst sehr nett, sie hat sich erkundigt, wie es mir geht, was die Schule macht, ob ich neue Freunde gefunden hätte. Ich habe ihr auf oberflächlicher Ebene ein paar Dinge erzählt, aber noch während ich erzählte, warf sie mir bereits vor, sie nicht an meinem Leben teilnehmen zu lassen. Ich habe dann ohne darüber nachzudenken zurückgefragt: "Was mache ich denn gerade?"

Sie antwortete, dass das nicht das ist, was sie möchte. Sie möchte mit mir und meinem Vater zusammenleben. Ihr sei klar geworden, dass sie eine behinderte Tochter habe. Aber ihr sei auch klar geworden, dass sie eine gewisse Verantwortung für ihre Tochter habe und sie sie nicht einfach im Stich lassen könne. Sie wisse, dass sie mich im Stich gelassen hätte und dass ich in dieser Notlage einen Weg eingeschlagen hätte, der für mich am nächsten gelegen hat, als ein gemeinsamer Weg mit meinen Eltern nicht mehr zur Wahl stand.

Soweit gut. Aber nun kommt es. Sie ist der Überzeugung, mir mehr bieten zu können als in einer Wohngemeinschaft mit anderen behinderten Menschen. Und dann ging diese "Du verkommst in einem Sumpf des Schicksals"-Arie wieder los. Diese behinderten Menschen seien eine Last für mich, sie machen mir das Leben schwer, ich würde von ihnen nur lernen, mich zu bedauern und mein Leid zu vermarkten.

Ich habe dann noch einmal versucht, ihr zu erklären, dass ich in meiner jetzigen Situation glücklich bin. Dann fing sie an, dass es jawohl nicht sein könne, dass ich glücklicher sei als bei meinen Eltern zu Hause. Ihr Leben habe sich jahrelang nur um mich gedreht und nun sei es nicht gut genug gewesen. Ich habe ihr gesagt, dass man die Situation heute nicht mit meinem Leben in meiner Familie vergleichen könne, da ich damals keine Behinderung gehabt habe. Ich habe auch nicht gesagt, dass ich mich bei meinen Eltern nicht wohlgefühlt habe und dass ich unglücklich war. Aber in der jetzigen Situation bin ich so, wie es jetzt ist, glücklich.

Wenn sie wirklich an meinem Leben teilnehmen will, dann erwarte ich von ihr, dass sie sich mit der Situation von behinderten Menschen überhaupt erstmal auseinander setzt. Dazu gehört für mich als erstes, zu verstehen, dass man mit Selbstmitleid und Trübsal nicht weiter kommt. Keine Frage, dass es unter behinderten Menschen ebenso depressive und missmutige Zeitgenossen gibt, vielleicht auch in einem höheren Anteil. Aber in meinem Leben ist das im Moment nicht der Fall. Ich möchte als normaler Mensch behandelt werden, nicht als armes Ding im Rollstuhl. "Ich definiere mich nicht über meine Behinderung."

Was antwortet sie? "Nein, definieren sollst du dich auch nicht darüber, aber du scheinst sie auch noch nicht realisiert oder gar akzeptiert zu haben. Vielleicht ist das nach so kurzer Zeit auch zu viel verlangt. Ich habe in den letzten Wochen mir viele Gedanken gemacht. Du bist vermutlich noch viel zu jung dafür."

Genau. Ich bin zu jung, um behindert zu sein. Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. Oder lieber nicht, wenn man sich nicht übergeben will.

Wie schon gesagt: Hinterher ist man schlauer. Ich hätte gleich auflegen sollen.

Kommentare :

BigDigger hat gesagt…

Ich habe dann noch einmal versucht, ihr zu erklären, dass ich in meiner jetzigen Situation glücklich bin.

Und das war Dein Fehler. Schon als sie nur halb dazu ansetzte, hättest Du auflegen sollen. Dass Du davor nicht aufgelegt hast, finde ich okay - Du hast Ihr eine echte Chance gegeben, mit Dir auf einer Ebene zu kommunizieren, über die sie sich an Dein neues Leben herantasten kann.

Du würdest ja auch keine Katze ausschimpfen, nur weil sie ins Zimmer kommt, sondern erst, wenn sie Dir auf den Boden kackt...

Anonym hat gesagt…

Hi,bin immer wieder erstaunt, wie gut Du die Situationen meisterst und Dich von Deinem Weg nicht abbringen lässt. Mach einfach weiter so !

Anonyma hat gesagt…

Ich finde es gut, dass du nicht aufgelegt hast. Natürlich, die Meinung deiner Mutter ist noch nicht gerade up to date, aber mal ehrlich: Sie hat sich, verglichen zu dem Zeitpunkt vor ihrer stationären Aufnahme, riesig verbessert! Ich denke, wenn sie weiter daran arbeitet (und das scheint sie da ja auch mit ihren Therapeuten zu tun), habt ihr eine reele Chance, euch wieder besser zu verstehen.

BigDigger hat gesagt…

@Anonyma
Die Besserung sehe ich noch nicht. Sie macht Jule immer noch die gleichen Vorhaltungen - nur dauert es etwas länger, bis sie damit rausplatzt. Das eine Verbesserung zu nennen... Ob ihr anfängliches "Eingeständnis" tatsächlich ernstzunehmen ist oder ob sie geschauspielert hat, wird sich noch herausstellen.

M hat gesagt…

Immerhin beschäftigt sie sich neuerdings mit der Behinderung ihrer Tochter. Dass sie sich dabei wünscht, die Behinderung wäre nicht da, ist vielleicht nicht der richtige Weg, aber vielleicht ist es der Schritt, bevor sie merkt, dass sie die Behinderung akzeptieren muss.

Andererseits verstehe ich die Klinik nicht ganz: Wenn sie schon so ein Telefonat vermitteln und der Tochter aufzwängen, dann sollten sie auch eingreifen, wenn es aus dem Ruder läuft. Und das ist meines Erachtens hier geschehen. Vielleicht, und das ist eine weitere Hoffnung, saß ja auch derjenige, der das Telefonat vermittelt hatte, die ganze Zeit daneben, und es findet mit der Mutter eine Nachbesprechung statt.

Im schlimmsten Fall aber findet auch die Klinik, dass unsere Stinkesocke zu jung ist für ihre Behinderung - dann bleibt Jule wohl nur, insgesamt keine Gespräche mehr anzunehmen, die aus dem entsprechenden Vorwahlbereich kommen.

Anonym hat gesagt…

Hallo Jule,
ich bin auch selbst behindert und man sieht es mir nicht an. Du kannst dir vielleicht vorstellen, wie oft der Kommentar kam "Du bist behindert? Aber du bist doch gar nicht in einem Rollstuhl!". Dabei bin ich zu 100% Schwerbehindert und habe auch noch ein G für gehbehindert. Und auch ich war oft zu jung für eine künstl. Blase und sonstiges. Es ist traurig, dass du sowas von deiner Mutter hören musstest, ich höre sowas gott sei dank "nur" von fremden aber auch das nervt mich und zeigt, was für ein Bild die Menschen von einem "typischen" Behinderten haben.

Ich finde du hast dich trotzdem gut geschlagen, ich wäre wohl ausgetickt :D

Liebe Grüße
Valerie (Cornflakes)

Ricarda hat gesagt…

Hi Jule, mir wird echt schlecht. Nein, deine Mutter sehe ich NICHT auf dem richtigen Weg hin zu dir - meiner Meinung nach sollte sie sich um SICH kümmern und dich mit ihrer Ignoranz in Ruhe lassen!!!

Und so Sprüche wie "ich war IMMER für dich da blablabla" werden mir meiner Tochter (19) gegenüber hoffentlich nie über die Lippen kommen. Das ist einfach nur egoistisch, schließlich ist es die Aufgabe einer jeden Mutter und das hat nichts, aber auch GAR nichts damit zu tun, welchen Weg die Kinder einmal einschlagen und wie SIE sich glücklich fühlen.

Wenn jemand NICHT jammert und negativ denkt, dann bist DU das!

Lass dich bloß nicht beirren!!!

TOI TOI TOI
alles Liebe
Ricarda

Banane hat gesagt…

Erst mal finde ich das Verhalten der Klinik-Mitarbeiterin völlig inakzeptabel. - Dir einfach so ein Gespräch mit deiner Mutter aufs Auge drücken, obwohl sie in der Klinik wohl wissen sollten, dass du das nicht willst...

Obwohl es am Anfang ja etwas besser ausgesehen hat (das nette Gespräch am Anfang), scheint sie mit deiner Situation immer noch überhaupt nicht zurecht zu kommen... von daher kann ich es sehr gut verstehen, wenn du weiterhin keinen Kontakt mit ihr haben möchtest.
Dass ihr klar geworden ist, dass sie eine behinderte Tochter hat, ist vielleicht der erste kleine Schritt nach vorn auf einem langen, beschwerlichen Weg. - Aber das ist bestimmt noch keine Basis, auf der man den Kontakt wieder richtig aufnehmen könnte.

Das "Du bist vermutlich noch viel zu jung dafür." würde ich nicht so wie du interpretieren (also zu jung, um behindert zu sein), sondern als zu jung, um dir über deine Situation entsprechende Gedanken zu machen und als zu jung, um mit deiner Situation gut zurecht zu kommen... Das ist zwar auch völlig unpassend, da sie ja diejenige ist, die mit deiner Situation nicht umgehen kann, während dir das sehr gut gelingt. - Aber wenigstens ist das nicht ganz so absurd wie deine Interpretation.

Ich finde nicht, dass man deiner Mutter hier für diese Sache einen großen Vorwurf machen kann. - Sie hat es sich auch nicht rausgesucht, dass sie mit deiner Behinderung völlig überfordert ist und es ist ja schon mal eine gute Sache, dass sie sich überhaupt in Behandlung begeben hat, um überhaupt die Chance zu haben, evtl. irgendwann mit der Realität zurecht zu kommen (auch wenn sie davon noch sehr weit entfernt ist).
Einen Vorwurf würde ich nur der Klinik-Mitarbeiterin machen. Vielleicht wäre es ja sinnvoll, den Leuten in der Klinik ganz deutlich klarzumachen, dass du derzeit kein Gespräch mit deiner Mutter wünschst, um eine Wiederholung derartiger Vorfälle zu verhindern.

Gruß
Banane

Quasten hat gesagt…

Hallo, bin die ehemalige Anonyma, jetzt als Quastenflosse angemeldet.

@ BigDigger:
Natürlich ist noch längst nich alles in Ordnung, was die Mutter von sich gibt. Aber sie ist ja nunmal auch psychisch krank - aber sie hat das erkannt und arbeitet daran. Sie bespricht das "Thema Jule" ja auch offenkundig eingehend mit ihren Therapeuten und konnte jetzt endlich einsehen, dass Jules Behinderung nicht verschwindet, wenn man auf Kleinkindart "Ich seh nicht hin, dann ist es auch nicht da" spielt
(und das ist ja scheinbar das Stadium, auf dem der Vater immer noch verharrt).
Mehr noch, sie hat sich für ihr Versagen als Mutter in der Zeit, als ihr Kind in größter Not war, entschuldigt: "Sie wisse, dass sie mich im Stich gelassen hätte und dass ich in dieser Notlage einen Weg eingeschlagen hätte, der für mich am nächsten gelegen hat, als ein gemeinsamer Weg mit meinen Eltern nicht mehr zur Wahl stand."

Natürlich, danach wurde das Gespräch wieder schlechter, aber nach all dem Unfug den sich Jules Eltern im letzten Jahr geleistet haben, ist das schon mal ein Riesenschritt, und ich hoffe, dass die Mutter damit noch nicht am Ende ihrer Entwicklung angelangt ist, zumal ich vermute dass sie dieses Gespräch in ihrer Gesprächstherapie, die sie bestimmt hat, aufarbeiten wird.

Die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt. ;)
Das mit dem "zu jung dafür" interpretiere ich so wie Banane.

Olli hat gesagt…

Tja, Therapie scheint bissle zu wirken, was zu ändern, aber untermn Stricht bliebt es gleich: das geht so mit dieser Mutter nicht.
Hut ab vor Jule, sich auf Gespräch eingelassen, richtigen Schluß gezogen (es versucht und doch gesehen Kontakt geht nicht).
Zu den Meinungen die Klinik habe versagt: viel. mache ich mich unbeliebt, aber das sind die Therapeuten der Mutter, die zuvörderst deren Interessen, also Kontaklt/telefonieren, vertreten.