Mittwoch, 3. März 2010

Frau Doktor Zicke

Spätestens seit diesem Tag weiß ich, dass ich einen neuen Rollstuhl brauche, da der alte (so alt ist er zwar noch nicht, aber eben auch nicht mehr nagelneu) diesen Winter leider nicht überlebt hat. Allenfalls als "wirtschaftlicher Totalschaden" durch Schnee, Salz, Split und scharfkantige Eisplatten auf den Gehwegen.

Die Unfallkasse rief mich an und bat mich, mir von meinem Hausarzt einen neuen Rollstuhl verordnen zu lassen. Das war mir nicht ganz schlüssig, denn immerhin hatte die Unfallkasse doch bereits ein Gutachten des von ihnen selbst beauftragten Sachverständigen, wonach eine Reparatur unwirtschaftlich sei. "Wir brauchen aber trotzdem eine neue Verordnung, sonst können wir das nicht abrechnen. Der Arzt muss quasi bescheinigen, dass ein (bestimmter) Rollstuhl aus medizinischer Sicht (immernoch) die beste Therapie oder der beste Ausgleich Ihrer Behinderung ist. Ich bin nur Verwaltungskraft, ich darf keine medizinischen Entscheidungen treffen und das Sanitätshaus und der Gutachter sind nur Techniker, die können ebenfalls nur den Zustand des Geräts beurteilen, aber nicht, womit Sie aus medizinischer Sicht optimal versorgt sind."

Verstanden. Wir bauen uns einen Verwaltungsvorgang. Also packte ich den ganzen Zettelkram in meinen Papphefter und gurkte zu meiner Hausärztin. Ohne Termin, denn nur ein Rezept ausstellen kann ja nicht so kompliziert sein. "Wir machen Urlaub! Vertretung machen Frau Dr. G. und Herr A." Wie schön, dass man ein Navi hat. Herr A. war zwei Straßen weiter, hatte seine Praxis aber im ersten Stock ohne Aufzug und Frau Dr. G. war ... ebenfalls in Urlaub?

Laut Praxisschild war noch Sprechstunde, aber alle Rolläden waren heruntergelassen. Es war ein Einfamilienhaus mit kleinem Grundstück, nett gelegen, eher vornehme Wohngegend. Ich parkte auf dem Grundstück, auf einem der beiden Praxis-Parkplätzen, baute meinen Rollstuhl zusammen und stieg aus. In dem Moment, als ich die Tür zur Praxis öffnen wollte, ging sie von innen auf. Eine Sprechstundenhilfe kam mit einem Eimer Spülwasser und einem Schwamm nach draußen und wollte die Eingangstür reinigen. "Haben Sie schon Feierabend?" fragte ich.

"Nein, wir haben nur schonmal die Rolläden runtergelassen, weil seit einer halben Stunde keiner mehr gekommen ist." Hm. Bißchen dämlich, fand ich. Denn ich wäre fast vorbei gefahren.

"Sie machen Urlaubsvertretung für Frau Dr. W., oder?" - "Ist die schon wieder in Urlaub?" fragte mich die Sprechstundenhilfe.

"Das steht zumindest an der Tür", sagte ich. Wie pampig ist das denn? Kein Wunder, wenn da keiner hingeht.

"Dann wird es wohl so sein", sagte sie.

"Ich wollte mir eigentlich eine Verordnung abholen, aber habe dann erst vor der Tür gesehen, dass sie in Urlaub ist. Ich habe zur Zeit nur einen Ersatzrollstuhl und die Unfallkasse bräuchte eine neue Verordnung, weil der andere ein wirtschaftlicher Totalschaden ist."

"Dann brauche ich mal Ihre Karte und dann frage ich Frau Doktor." Ich wartete vor der Tür im Sonnenschein (drinnen war schon alles dunkel), dann kam Frau Doktor raus, mit einer Tasse Tee in der Hand und pampte mich ebenfalls an: "Das hat doch wohl Zeit bis nächste Woche oder wann ist die Kollegin wieder da? Ich weiß doch gar nicht, wieviele Rollstühle Sie schon zu Hause stehen haben und ob Sie sich vielleicht jedes Mal, wenn Frau Dr. W. im Urlaub ist, einen neuen aufschreiben lassen."

Arschi! Ich kann nichts dafür, dass deine Praxis heute so leer ist! Ich erwiderte: "Hm, wenn ich das wollte, könnte ich ja auch jede Woche einen neuen Arzt aufsuchen. Also auch ohne, dass jemand in Urlaub geht. Meinen Sie nicht, dass die Kasse nachfragen würde?" - "Mag sein", antwortete sie schnippisch. "Fragen Sie nächste Woche Ihre Ärztin, wenn die wieder da ist."

Super. Sie schwirrte ab und es kam ihre Sprechstundenhilfe wieder zurück. Mit meiner Karte in der Hand. "Ich bekomme dann noch 10 Euro von Ihnen. Praxisgebühr. Oder haben Sie eine Befreiung?" - "Ich bin minderjährig."

"Na klar, deswegen fahren Sie ja auch alleine Auto. Wissen Sie, ich glaube ich weiß, warum Frau Doktor Ihnen nichts aufgeschrieben hat." - "Ich habe einen Führerschein mit 17." - "Und wo ist Ihre Begleitung?" - "Ich brauche keine Begleitung, ich habe einen regulären Pkw-Führerschein." - "Jaja. Und ich kriege jetzt 10 Euro von Ihnen."

"Selbst wenn ich 18 wäre, für mich zahlt die Unfallversicherung und nicht die Krankenkasse. Die Unfallversicherung kennt keine Praxisgebühr." - "Dann haben Sie bestimmt eine Bescheinigung darüber." - "Nein, denn die bekommen erst Volljährige. Sie haben die Karte doch ausgelesen, dann sehen Sie doch mein Geburtsdatum." - "Das ist mir hier alles nicht geheuer. Ich würde sagen, Sie zahlen die 10 Euro und bekommen eine Quittung, und wenn das alles rechtens ist, was Sie hier sagen, können Sie die ja von Ihrer Kasse wieder zurückholen." - "Das kommt nicht in Frage." - "Dann behalte ich Ihre Karte." - "Ja, ist in Ordnung. Ich werde das dann so meiner Kasse mitteilen."

In dem Moment kam die Ärztin von hinten angerauscht, drückte mir fast gewaltsam meine Chipkarte in die Hand und sagte: "So, und Sie verschwinden jetzt hier." Ich konnte mir nicht verkneifen: "Es war mir ein Vergnügen, Sie kennengelernt zu haben."

So eine Zickenfarm. Natürlich hätte ich gleich entscheiden sollen, dass ich eine Woche warte, bis "meine Hausärztin" wieder aus dem Urlaub zurück ist. Darüber habe ich in dem Moment nicht nachgedacht. Außerdem fahre ich auch ziemlich lange dorthin. Es hätte so einfach sein können. Aber dafür weiß ich jetzt, wohin ich nicht gehe, wenn ich irgendwann mal einen neuen Arzt suchen sollte.

Kommentare :

Ricarda hat gesagt…

UNGLAUBLICH!!! Diese Frau hat doch eindeutig ihren Beruf verfehlt!!! Man wird schon von deinem Bericht einfach nur wütend auf diesen unbekannten Drachen! Dazu fällt einem nix mehr ein, echt nicht.

Liebe Grüße
Ricarda

Anonym hat gesagt…

Ich hätte ja gern mal gewusst, wofür die Frau denn 10€ haben wollte?! Dafür, dass sie die Karte einmal ausgelesen und die Ärztin geholt hat oder was??
Also ehrlich, was es für Menschen gibt..
Einfach unglaublich.

Anonym hat gesagt…

Die 10€ sind ja nicht für die Ärzte selber, sondern für die Krankenkasse. Die Ärzte haben nur zusätzlich aufgehalst bekommen, diese Gebühr zu kassieren und - notfalls per Inkasso - eintreiben zu müssen. Glaub mir, das ist bei denen genauso verhasst, wie bei den Patienten.

Gruß
Loxia

Anonym hat gesagt…

Natürlich sind die 10€ für die KK,aber bei dieser Ärztin würde mich nicht wundern,
wenn eine nicht stattgefundene Leistung mit abgerechnet worden wäre.

Patienten sollten eh viel öfter Nachfragen,was die Ärzte so alles bei den KK abrechnen.

Mike hat gesagt…

Hi
Schick doch den ganzen Krempel, den du an deine Kasse schickst, auch in Kopie an die zuständige Kassenärztliche Vereinigung.

Mal schauen, was die davon halten.

LG
Mike

BigDigger hat gesagt…

Tja, eine böse Stinkesocke würde jetzt einen bösen Brief an die Kassenärztliche Vereinigung schreiben und ihrer Ärztin erzählen, wen sie ihren Patienten da als Vertretung zumutet.
Ein verärgerter BigDigger ohnehin, wenn ihm das passiert wäre.

ülp hat gesagt…

so scheisse die sache an sich auch war/ist:
das lesen war wie immer ein vergnügen :o)

ülp

Wölfchen hat gesagt…

*schon wieder wiederbeleb*

Zur der Praxisgbühr:

Bei jeden Arzt-Patienten-Kontakt kann die Ärztin die Grundpauschale abrechnen. Damit verrechnet sie die alltäglichen Praxisabläufe: Sprechstunde, Blut abnehmen, Rezepte ausstellen, beraten, etc. pp.
Auch wenn es in diesen Fall besonders dreist war: wäre Jule zu den Zeitpunkt 18 gewesen und es wäre kein BG-Fall, dann hätte sie die 10€ zahlen müssen - wegen einer "Beratung".

Und bevor jemand fragt:
Die Grundpauschale ist immer beim ersten Arzt-Patienten-Kontakt im Quartal fällig. Wird sie abgerechnet, müssen die 10€ beglichen werden.
Ausnahmen sind Kinder, BG, Privat, Vorsorge, befreit, Überweisung und Vertretung, wenn man mit einer Quittung nachweisen kann, dass man im Quartal bereits bei dem zu vertretenden Arzt war. Kann man es nicht beweisen, zahlt man provisorisch die 10€ - kann sie aber mit dem Nachreichen der Quittung bei dem einen oder anderen Arzt zurück hohlen.

Ändert aber nichts daran, dass die Sprechstundenhilfe einfach nur mal Rotzfrech war. Die meisten Praxisprogramme wie MediStar oder Albis erkennen nämlich das Alter und fragen bei einem Abrechnungsverfahren (also keine Überweisung, Vertretung, etc. pp) danach, ob eine Quittng gedruckt werden soll. Außer man ist unter 18, dann passiert das nicht. Allein darah hätte sie erkennen müssen, dass sie es mit einer Minderjährigen zu tun hat.

Olli hat gesagt…

Die kann Deine Hausärztin echt nicht vertreten. Oder kann die das seltsam verächtliche Verhalten ihrerselbst und ihrer pampenden (nicht pampers-enden; zumindest geht da nix aus dem text hervor) Hilfskraft vor irgendwem außer einem schlechten Charakter in sich selber ernsthaft vertreten?