Sonntag, 4. April 2010

Ballamann, Dildos und DSDS

Seit gestern abend ist Lisa bei uns. Wir haben uns getroffen, um mit ihr gemeinsam über das Volksfest zu gehen. Sofie, Frank, Lina und Liam, Jana und zwei Freunde von Lina waren auch noch dabei, also sechs Rollifahrer und drei Fußgänger insgesamt. Die Leute glotzten natürlich wieder, als wäre eine Gruppe Behindis spannender als die ganzen Fress- und Fahrgeschäfte, aber das ist ja nichts neues. "Drei Betreuer für sechs Behinderte? Die sparen aber auch wo sie können", regte sich ein älterer Herr auf und seine Frau stimmte ihm zu. So kurios das auch klingt, es ist nicht erfunden.

Die Frage, ob wir nur am Wochenende rausdürfen oder heute einen Ausflug machen, haben wir mal nicht gehört, den Spruch mit der 30-Zone dafür aber umso öfter. Lisa wollte in jedes dritte Karussell rein und die Schausteller sind allesamt sehr behindertenfreundlich. Überall wurde uns geholfen, man hatte fast das Gefühl, die kräftigen Jungs, die sonst Karten abreißen oder schauen, ob die Bügel richtig geschlossen sind, waren froh, mal ein paar sexy Mädels auf den Arm nehmen zu dürfen. Man muss dann echt ein dickes Fell haben, denn die umstehenden Leute gaffen in solchen Momenten, teilweise sogar mit offenen Mündern. Aber die Hauptsache ist, wir haben unseren Spaß, und den hatten wir bestimmt.

Anschließend fragte ich Lisa: "Und nun? Noch ne Runde über den Kiez?" - Grinsen und eifriges Nicken. Jede Wette, dass sie dort noch nie gewesen ist. Wir gingen in den Ballamann, das ist ein Indoor-Beach-Club gleich am Anfang der Reeperbahn, und bestellten uns einen Eimer Sangria. Und eine Fritz-Kola für unseren Nachwuchs... Sie wollte natürlich auch einen eigenen Strohhalm haben. "Ein winziger Schluck ist okay, hat mein Papa gesagt!"

Um kurz vor elf, als eigentlich noch gar nichts los war, zogen wir noch ein kleines Stück über die Reeperbahn. Lisa wollte unbedingt in einen der Sexshops. Ich habe mich ein bißchen dumm gestellt, mir das Schaufenster angesehen und dann gesagt: "Nö, da will ich nicht rein. Was haben die denn hier für komische Küchengeräte ausgestellt? Das ist ja öde." Lisa grinste: "Ich weiß, wofür die sind."

"Nun sag bloß", nahm Sofie sie auf den Arm. Sie merkte es nicht: "Na klar, ich bin nicht so naiv wie du denkst! Das sind Vibratoren. Eine Freundin von mir hat auch sowas. Aber die hat alles, das ist langweilig." - "Och du, so langweilig sind die nicht", sagte ich. Sie guckte mich mit großen Augen an: "Hast du auch so einen?" Ich grinste. Sie sagte: "Du verarschst mich. Sag mal wirklich: Hast du einen?" Ich nickte.

"Jetzt kommt es raus", sagte Frank. Lisa setzte noch einmal nach: "Nein, jetzt sag doch mal in echt. Hast du wirklich sowas?" - "Ja! Wirklich." - "Schwörst du?" - "Ich schwöre." - "Wahnsinn." - "Aber ohne Batterien." - "Das ist dann aber ein Dildo!" Ich musste mich arg zusammenreißen. Sie war so süß. Und wollte natürlich alles andere als süß sein.

Als wir wieder zu Hause waren, stand zur Entscheidung, ob wir "früh" ins Bett gehen oder noch die Aufzeichnung von DSDS schauen. Mich interessiert das nicht wirklich, aber Lisa war Feuer und Flamme. Also haben wir uns im Gruppenraum zu siebt auf das Sofa gepackt (ja, es ist groß genug), uns zugedeckt und uns angeschaut, wie sich Kim aus dem Viertelfinale gesungen hat. Es war noch nicht ganz vorbei, als zwischen uns jemand tief und fest schlief...

Kommentare :

Mike hat gesagt…

"Drei Betreuer für sechs Behinderte? Die sparen aber auch wo sie können", regte sich ein älterer Herr auf und seine Frau stimmte ihm zu. So kurios das auch klingt, es ist nicht erfunden.

Ich finde das eigentlich gar nicht kurios. Bis in die 80 Jahre hinein war es für einen Rollifahrer praktisch unmöglich, ohne Betreuer irgendwo hinzukommen. Niederflurttrams? Rampen an Bussen? Barrierefreies Bauen? Weitgehend Fehlanzeige! Man konnte zwar spezielle Behindertentaxis buchen, aber was sollte das, wenn ein Zugang zum Kino gar nicht möglich war.
Daher war ein selbstbestimmtes Leben für Rollifahrer gar nicht möglich, sondern sie wurden in bestimmte spezielle Einrichtungen "abgeschoben", aus denen sie dann "Ausflüge" machten, die generalstabsmäßige Planung erforderten.

Dann wirkt immer noch die Darstellung in den Medien von Behinderten als weitgehend hilflose Personen sowie der Mitleidsfaktor "mein Gott so jung und behindert, wie schrecklich" in der Richtung. Und dann schwebt natürlich immer noch das Wort und Denken als "Invalide" (= Nichts Wert) im Denken herum.

Das ist natürlich ein massiver Gegensatz zu eurer Selbstansicht. Die Frage für mich wäre, wie man eure Selbstansicht wirksam nach aussen transportieren kann.

Mike

Matze hat gesagt…

Hey:)
schon 3 Jahre her, macht nix.

Der Analyse von Mike stimme ich zu, ich halte das für plausibel was er ausführt. Gut geschrieben.

aber,...ich bitte Dich :)

"Die Frage für mich wäre, wie man eure Selbstansicht wirksam nach aussen transportieren kann."

SO, genau SOOO. Mit einem solchen Blog!
Und mit dem täglichen Leben voller Aktivitäten und dem Spaß, den die Rasselbande hat, allen voran Jule.

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Jule, ich lese seit einigen Tagen hier - anfangs sporadisch kreuz und quer - und nun chronoloisch JEDES Wort, das hier steht seit JAN2009...teils mit offenem Mund vor Schreck, Unverständnis, Freude, Begeisterung. Teilweise sitz ich hier und heul wie ein Schlosshund - Deine Worte machen mich sprachlos, begeistern, bewegen mich.
Du machst die Welt ein Stück besser mit Deiner Offenheit und Deiner Art, auf Menschen zuzugehen und Probleme beim Namen zu nennen und anzupacken. Ehrlich.

Ich weiß nicht, was Du noch alles durchleben wirst, in den nächsten Jahren - werde es aber bald erfahren haben, wenn ich weiterhin so viele Stunde pro Tag lese. Ich MUSS lesen ;) Deine Geschichten fesseln mich.

@ Eltern: meine Eltern ticken zu 90 % genauso. Man könnte meinen, Du zitierst Verhaltensweisen, Diskussionsverläufe oder Vorwürfe aus meiner Erfahrung. Unverständnis, unterstellte Böswilligkeit, Agression, unfaires Diskussionsverhalten, Ausrasten und Ohrfeigen ... auch das lässt mir den Atem stocken und Tränen laufen.
Ich bewundere Dich, wie Du das bisher durchgestanden hast...

Ich hab trotz eines Bollwerks an Freunden es nicht geschafft, dem Stand zu halten... Und hab (nicht nur deshalb) seit einigen Jahren teils schwere Depressionen durchlebt - heut bin ich 30, und hab schon vor mehr als 15 Jahren gesagt hat: ELTERN! holt Euch bitte Hilfe, wenn Ihr nicht mit Euch klarkommt. Das haben sie allerdings nicht...
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Sagmal, ich kann nirgends ne MailAddy von Dir finden - wo versteckst Du die? Hätt Dir das hier lieber per Mail geschrieben :) Aber: Du bist offen, warum nicht auch ich?

Tschö, machs gut! wir lesen uns sicher nomma :)
...Ich DICH auf jeden Fall.

Matze