Mittwoch, 16. Juni 2010

What a day

What a day! Was für ein Tag! Irre. Ich bin föllig vertig. Aber: In Hamburg! Yeah! Wenn ich aus dem Fenster schaue, sehe ich ganz viele weite Felder und in ganz weiter Entfernung die roten S-Bahn-Züge hin- und herfahren. Und alle paar Stunden donnert der Hubschrauber über das Gebäude. Wie habe ich es vermisst!

Ich soll nicht stundenlang sitzen. Also ein Liegend-Krankentransport. Ein Krankenwagen aus Hamburg sollte mich abholen. Gegen 12 Uhr. Um 16 Uhr sollten wir in Hamburg sein. Völlig utopisch, denn die Mühle fährt ja nicht schneller als ... ja wie schnell eigentlich? Fahren Krankenwagen 80, 100 oder ist das nicht begrenzt? Es war jedenfalls so ein VW Bus mit langem Radstand und Hochdach. Immerhin klimatisiert, aber doch recht eng. Am besten war der Typ, der die ganze Zeit neben mir gesessen hat, kein Wort gesprochen, aber die ganze Zeit mit seinem Handy Tetris gespielt hat. Ich habe jetzt noch das Geräusch im Kopf.

Jedenfalls standen die exakt um 9.45 Uhr auf der Matte. Und machten einen Zwergenaufstand, warum ich meine Sachen noch nicht fertig gepackt hatte. Wer denn von 12 Uhr geredet hätte, bis 12 habe man ihnen gesagt. Eigentlich wollten sie am Vorabend herfahren, schlafen und heute morgen um 6 zurück. Alles klar. So oder so: Wenigstens waren die Papiere fertig und meine sieben Sachen packe ich notfalls auch in 7 Minuten zusammen.

Übrigens: Ich habe ein neues Wort gelernt (präferieren) und muss es doch gleich mal zum Besten geben: Wer mich kennt, weiß, dass ich immer den unkomplizierten Weg präferiere. Heißt: Diskussionen, ob der Rollstuhl im Krankenwagen mitgenommen werden kann oder ob dafür ein anderes Fahrzeug nötig ist, führt man besser nicht mit mir. Da der eine Sanitäter glaubte, das doch tun zu müssen, war ich gleich in passender Stimmung. Es war nicht der Tetris-Sanitäter, sondern der Fahrer, dennoch: "Meinen Sie, der bleibt jetzt hier oder was?" - "Ja wir nehmen den nicht mit." - "Dann haben Sie jetzt wohl eine Leerfahrt. Weil dann fahr ich auch nicht mit." Laber laber, wussten wir nicht, können wir nicht, dürfen wir nicht, am Ende konnten sie doch. Das war also schonmal überflüssig.

Zweite überflüssige Diskussion: "Wurde Ihnen schon ein Dauerkatheter gelegt?" - "Nein." - "Dann hole ich eben noch die Schwester, damit sie Ihnen einen legt." - "Ähhh... Gegenvorschlag. Wir nehmen Katheter mit Beutel mit und halten auf einem Rastplatz und ich mache das bei Bedarf selbst." - "Ausgeschlossen, wir sind für Sie verantwortlich. Wenn Sie sich dabei verletzen!" - "Ähm, ich habe das die letzten 2 Monate nur so gemacht?!" - "Ja trotzdem, dann war ja ein Arzt dabei." - "Nein?!" - "Sie sind aber erst 17, also bestimmen wir." - "Gleich fahren Sie wirklich alleine."

Der Typ kam mit der Schwester wieder. "Nein, die Patientin kathetert sich selbst. Dauerkatheter macht man bei jungen Patienten eigentlich nicht mehr. Halten Sie einfach mal auf einem Rastplatz an." La la la... erst 17 *pfeif* Ich fragte die Schwester: "Können Sie mir denn noch so 3 bis 8 Stück mitgeben?" - "Haben wir im Auto", fuhr der Sanitäter dazwischen. Wow, sind die gut ausgerüstet. Ich fragte skeptisch: "Sicher? In meiner Größe? Mit Beutel?" Die Schwester löste die Situation auf: "Nehmen Sie lieber die mit, die Sie kennen. Sie kriegen von uns welche und sollten auch nur die nehmen, die Sie vom Arzt verordnet bekommen haben."

Hätten wir das also auch geklärt. Von dem Tetris-Gepiepe mal abgesehen, war die Fahrt relativ entspannt. Um 16.20 Uhr waren wir in Hamburg, ich bekam mein Bett im Zweierzimmer (zusammen mit einer anderen Patientin, die vor einigen Wochen vom Pferd gefallen ist und jetzt Rollstuhlfahren lernt) und bekam noch am selben Abend Besuch von meinen Leuten. Gummibärchen, Kekse, Klamotten, ein großes Foto-Poster für die Wand, 1 Stick mit ganz vielen Bildern drauf und frischer Mucke ... eigentlich wollte ich nur noch 14 Tage bleiben. Ich habe erstmal bestimmt 15 Minuten lang alle geknuddelt und gedrückt, was bin ich froh, wieder hier zu sein. Kein ostdeutscher Dialekt mehr, sondern den trockenen Hamburger Humor, den ich so liebe. Mir fällt ein großer Stein vom Herzen.

Kommentare :

BigDigger hat gesagt…

Herzlich willkommen zurück in der schönsten Stadt der Welt! *summt im Kopf "Hamburg meine Perle"*

Aber über die Krankentransportfahrer nebst Sanis darfste Dich nicht wundern - sowas machen nur Fetischisten, Zivis und Leute, denen sonst wegen der 3. Verweigerung Hartz-IV gestrichen würde... *flöt*

Jule, der Terrier...

NewRaven hat gesagt…

Wenigstens würden wir - zumindest gebürtigen - Ossis *knurr* nicht sowas wie "föllig vertig" schreiben ;)

Aber im ernst: freut mich, das du deine Odyssee endlich überstanden hast und das es dir offenbar schonwieder deutlich besser geht :)

Ruthy hat gesagt…

Na, das sind ja mal tolle Nachrichten. Ich freu mich für Dich

M hat gesagt…

Schön, dass du wieder in Hamburg bist. :)

Sandra hat gesagt…

Ostdeutsch reicht von der Ostsee bis nach Thüringen. Schade, dass du noch immer alles in einen Sack wirfst.

Aber erst einmal freue ich mich sehr, dass du wieder in deiner Heimat bist! Die paar Tage in der Klinik vergehen jetzt fliegend und bald bist du wieder gänzlich zu Hause!

Viele Grüße von einer Ostdeutschen in Santiago de Chile (die armen Chilenen, hehehe)

Hans hat gesagt…

@Sandra: Sie hat es schon einmal konkretisiert, am 13. Mai schrieb sie: "Dass der sächsische Dialekt gerade Hamburgern, die ja auch einen oft als platt und primitiv empfundenen Dialekt sprechen, gerne im Ohr weh tut, ist eine Sache."

Ich denke, darauf bezieht sie sich, wenn sie direkt nach ihrer Rückkehr sagt: "Kein ostdeutscher Dialekt mehr." Sachsen liegt nunmal im Osten Deutschlands. Und dort spricht man einen von mehreren verschiedenen ostdeutschen Dialekten. Dass es von der Ostsee bis nach Thüringen nur einen gibt, hat sie nicht gesagt.

Ich würde hier nun kein generelles Vorurteil gegen die früher zur DDR gehörigen Landesteile konstruieren wollen.

Klaus hat gesagt…

@Hans: Auf den Eintrag vom 13. Mai könnte man nun noch konstruieren, dass sie den sächsischen Dialekt als platt und primitiv empfindet. Oder man versteht es so: "Hamburger, die ja auch einen Dialekt sprechen, der oft als platt und primitiv empfunden wird."

Was ich ausdrücken will: Wenn man jemandem das Wort im Mund verdrehen will, schafft man es immer. Die Frage ist nur, wie konstruktiv es ist, das zu tun. Ich glaube, da müssten schon eindeutigere Seitenhiebe kommen.

NewRaven hat gesagt…

Nehmts doch einfach mit Humor... ich bin in Thüringen geboren und hab dort 20 Jahre lang gelebt (die reden übrigens je nach Ort den Sachsen recht ähnlich)... dazu kommen grob 4 Jahre Rheinland und grob 4 Jahre Bayern. Und dazu kommen noch 2 Jahre andere Gegenden, wo die Zeit aber zu kurz für mögliche abgefärbte Dialekte war. ;) Wie müsste ich denn dann bitte sprechen? Alle drei Regionen sind sehr von extremen Dialekten geprägt. Im Fazit spreche ich fast dialektfrei - einzig einige wenige bestimmte Formulierungen oder spezifische Ausdrücke haben den Weg in meinen Wortschatz gefunden, aber aufgrund der Aussprache könnte mir keiner sagen, ob ich Bayer, Thüringer oder Rheinländer bin. Das war kein Seitenhieb, sondern schlicht ne Anmerkung. Gerade wenn man selbst auf ner dialektstarken Gegend wie eben Hamburg kommt, wirken Dialekte in anderen Regionen noch sonderbarer. Die Erfahrung hab ich überall wo ich war gemacht. Das hat nichts mit diesem "Ossi"/"Wessi"-Kram zu tun und auch nicht mit generellen Vorurteilen. Da müsste, wie Klaus gesagt hat, schon mehr kommen.

Ricarda hat gesagt…

Zu den Dialekten muss ich grade auch mal meinen Senf abgeben. Ich finde jeden extrem ausgeprägten deutschen Dialekt unschön. Und dass Sächsisch nicht gerade sonderlich erotisch klingt, mag wohl niemand bestreiten. Schlimmes Schwäbisch ist auch übel ABER auch das FRÄNGGISCH meiner Heimatstadt Nürnberg. Zum Glück habe ich das nicht sonderlich adaptiert ;-) Ist aber alles völlig egal....

Hauptsache du bist erst mal wieder in deiner Heimat, ich freue mich sehr für dich! Wünsch dir, dass du bald nach Hause darfst!

Liebe Grüße
toi toi toi
Ricarda

Sandra hat gesagt…

@Hans & Klaus: Ich mag Jule und ihre Art sehr und schaue regelmäßig hier vorbei, dies erst einmal als Grundsatzerklärung.

Mir geht's auch nicht um den Ossi-/Wessi-Hickhack an sich, das erscheint mir nach so vielen Jahren als kleingeistig, was ich jedoch nicht mag (oder meinen Kleingeist weckt?), ist diese ungleiche Verallgemeinerung: ostdeutscher versus Hamburger Dialekt.
Wenn schon verallgemeinernd, dann doch bitte in beide Richtungen, wäre das nicht fair?

Abgesehen davon gibt's überall tolle Menschen, aber auch Idioten. Auch wenn's manchmal nicht auf den ersten Blick ersichtlich ist ;-)

Euch allen ein schönes Wochenende,
Sandra

BigDigger hat gesagt…

@Sandra
Missingsch ist kein Dialekt, sondern eine Kunstform... :D

Jule hat gesagt…

Wie Hans schon ausführte, bewegte mich als gebürtige Hamburgerin, die nun fast 18 Jahre mit diesem Dialekt (als einer von vielen norddeutschen Dialekten) aufgewachsen ist, die Rückkehr in meine Heimatstadt. Damit verbunden war, künftig den in Halle gesprochenen sächsischen Dialekt (als einen von vielen ostdeutschen Dialekten) wieder weniger häufig hören zu müssen. Diese Mundart geht mir persönlich auf den Keks, genauso wie mir übrigens auch ein extrem ausgeprägter Hamburger Dialekt (aus dem tiefsten Barmbek) im Ohr wehtut.