Donnerstag, 5. August 2010

Automatische Drängelfunktion

In Hamburg Bergedorf wird zur Zeit mit großem Aufwand der Bahnhof (einschließlich Busbahnhof) neu gebaut. Die Kosten haben den geplanten Rahmen bereits um mehr als 150% überschritten, wie bei allen öffentlichen Großprojekten. In diesem Zusammenhang hat der Bahnhof Bergedorf auch neue Aufzüge bekommen. Jene, die ich auch benutzen muss, wenn ich mit Öffis zur Therapie ins Krankenhaus fahre.

Es ist kein Geheimnis und es stand auch mehrfach bereits in den Medien, dass die neuen Aufzüge permanent defekt sind. Ein Software-Fehler jagt den nächsten, in der letzten Woche funktionierte der Aufzug zum Gleis 3 und 4 wieder nur sporadisch. Ich würde schätzen, mehr als 85% der Zeit stand er still.

Immerhin scheint die Bahn bemüht zu sein. Heute morgen traf ich dort per Zufall etliche Krawattenträger und Leute im Blaumann, die eifrig diskutierten. Ich schnappte einen Teil der Diskussion auf, während Jana und ich auf den Aufzug warteten, und ich konnte mich nicht zurückhalten. Die Aufzugsfirma präsentierte ein Logbuch, nach dem der Aufzug in der letzten Woche über 98% funktioniert hätte. Während das Weichei von der Bahn schon mit den Schultern zuckte, weil er diesem schriftlichen Beweis nichts entgegen zu setzen hatte, platzte mir der Kragen. "Über 98% der Zeit funktionierte vielleicht das Licht in der Kabine, aber mehr auch nicht."

Auf die erste Empörung lehnte ich mich, auf meine Erfahrungen gestützt, weit aus dem Fenster und behauptete frech in die Runde: "Ich setze Ihnen jetzt sofort mit einer einfachen Alltagssituation diesen Aufzug außer Betrieb. Ohne List und Tücke und ohne rohe Gewalt. Sondern mit einer einfachen Alltagssituation, wie sie hier am Tag vermutlich 20 Mal vorkommt." - "Wer sind Sie denn überhaupt?" fragte der Typ von der Aufzugsfirma.

"Ich heiße Julia und ich benutze das Ding mehrmals pro Woche. Wenn es funktioniert, und mich nicht Reisende die Treppe runtertragen." Ein dickbäuchiger Mann in einem etwas angeölten Blaumann mit DB-Logo auf der Brust wischte sich gerade mit einem Taschentuch den Schweiß von der Stirn, dann hatte die Arme in die Hüften gestemmt und grinste mich an. Ich glaube, ihm gefiel die Show. Hingegen sagte der Typ von der Aufzugsfirma: "Wir haben jetzt keine Zeit für solchen Unsinn."

Worauf der Krawattenmensch von der Bahn zaghaft wiedersprach: "Naja, lassen wir den beiden Damen doch mal einen Versuch. Wenn das stimmt, können wir doch nur was lernen."

Okay. Spontanes Drehbuch: "Jana fährt mit einer Begleitung runter und kommt wieder hoch. Die Begleitung schiebt Jana in Schneckengeschwindigkeit aus der Kabine nach draußen. Stellvertretend für die alte Oma, die ihren alten Mann schiebt und selbst nicht mehr richtig laufen kann. Ich stehe oben und will in die Kabine, will nach unten fahren. Okay?"

Gesagt, getan. Der dickbäuchige Mann im Blaumann fuhr mit Jana nach unten und kam wieder hoch. Und dann schob er sie in Schneckengeschwindigkeit durch die Lichtschranke. "Noch langsamer", sagte ich. "Sie müssen fast stehen bleiben dabei." Dem Typen im Blaumann schien es Spaß zu machen. Und dann geschah, was geschehen sollte: Der Aufzug spielte verrückt. Der labert sowieso zu viel - aber nun ging es los. "Achtung! Tür schließt." Während Jana drin stand. Die Tür ging 2 Zentimeter zu, dann wieder auf. Vermutlich hat sie gerade noch geschnallt, dass dort gerade jemand rausgeschoben wird. Dann sofort noch einmal: "Achtung! Tür schließt." Wieder 2 Zentimeter, dann ging sie wieder auf. Und sobald sie wieder offen war: "Achtung! Tür schließt." Und wieder auf.

Vermutlich war die "Drei" eine magische Zahl für das Programm. Nun kam: "Bitte geben Sie den Türbereich frei!" Jana war noch nicht einmal draußen, ich noch nicht drinnen. Dazu ein ohrenbetäubendes Gepiepe. Und die Tür schloss sich langsam. In Schneckengeschwindigkeit. Bis sie an die Greifreifen von Janas Rollstuhl stieß. Die Lichtschranke war offensichtlich ohne Funktion. Die Tür ließ sich nicht beirren und versuchte permanent, sich zu schließen. Obwohl Jana dazwischen stand. Ich drückte draußen auf den Taster, aber das nützte auch nichts. Der Typ im Blaumann konnte Jana nicht weiterschieben, ohne die nagelneue Tür zu verschrammen. Die ganze Situation, vor allem mit dem lauten Gepiepe, war extrem nervig. Doch dann, nach etwa 10 Sekunden, wie durch ein Wunder, rauschten die Kabinentüren zurück, das Gepiepe hörte auf und es kam die Ansage: "Anlage außer Betrieb. Bitte räumen Sie die Kabine." Und draußen leuchtete das rote Licht auf.

Gewonnen. Der Typ von der Aufzugsfirma kommentierte: "Das ist die Drängel-Funktion. Wenn nach einer bestimmten Zeit die Lichtschranke nicht freigegeben wird, schließt die Tür langsam. Das trägt zur Erhöhung der Förderleistung bei, weil es verhindert, dass in einem prall gefüllten Aufzug ständig wieder die Tür aufgeht, weil irgendeiner seinen Hintern oder seinen Rucksack nochmal kurz rausstreckt. Und wenn das dann auch nicht funktioniert, schaltet sich der Aufzug aus Sicherheitsgründen ab." Ich kommentierte: "Toll. Und deshalb funktioniert der immer nur eine halbe Stunde?" Daraufhin sagte der Typ: "Wenn hier alle halbe Stunde eienr so langsam aussteigt, könnte das der Grund sein."

"Dann schalten wir doch einfach mal diese Drängel-Funktion für eine Woche aus", meinte der Typ im Blaumann. "Und schauen mal, ob er dann besser läuft." Der Typ vom Aufzugshersteller sagte: "Das geht nicht. Der ist mit Drängel-Einrichtung vom TÜV abgenommen. Wenn Sie das jetzt ohne betreiben wollen, müsste der neu abgenommen werden. Und das kostet richtig Geld." Ich sagte: "Entschuldigung, darf ich mich nochmal einmischen? Hier scheint doch die 'Drei' die magische Zahl zu sein. Drei Mal probiert die Tür, zu schließen, und wenn das nicht geht, kommt dieser Drängelversuch. Kann man die Zahl nicht einfach mal für eine Woche auf 30 oder 50 erhöhen?"

"Das könnte man wohl", antwortete der Typ. Nun bin ich mal gespannt. Stinkesocke rettet die Mobilität hunderter, ach was sage ich, tausender Bergedorfer. Wer baut eigentlich Aufzüge für Menschen mit Mobilitätseinschränkung, die eine Drängelfunktion haben? Und programmiert die so, dass sie beleidigt abschalten, wenn man den Behinderten nicht schnell genug rausgedrängelt bekommt? Einfach irre.

Kommentare :

Sally hat gesagt…

Immerhin haben die Herren mit sich reden lassen, das ist ja leider auch nicht selbstverständlich.

Bei uns im Internat funktionieren die Aufzüge zwar eigentlich gut, aber die Lichtschranke greift spät bis gar nicht. -.- Aus meiner Sicht ein erheblicher Sicherheitsmangel. Da muss man schon wie eine Irre mit den Händen/Füßen/irgendeinem Körperteil wedeln, damit das Teil mal reagiert. Und man kann in solch einer Einrichtung nicht voraussetzen, dass das jeder kann oder das eingesetzte Körperteil schnell genug wieder aus der Gefahrenzone bugsiert.

BigDigger hat gesagt…

Du musst auch immer und überall Deine große Klappe aufmachen, was, Stinki? :-D

Dass der Schlipsträger vom Hersteller diesem Test gern aus dem Weg gegangen wäre, kann ich mir lebhaft vorstellen - immerhin hätte sich ja rausstellen können, dass sein Produkt eine komplette Fehlkonstruktion ist, und was seine Firma das dann kostet, mag man sich kaum ausmalen. Mit Regress etc. könnte es für ihn fast billiger kommen, an einer grünen Fußgängerampel auf eine Schülerin mit Kopfhörern zuzufahren und zu hoffen, dass sie wegspringt...

Der Blaumann hingegen scheint einige Erfahrung zu haben, was die Sorgen der Mobilitätseingeschränkten betrifft, und kennt sich wohl aus, was warum funktioniert oder auch nicht. Da hätte ich an seiner Stelle auch gegrinst. Immerhin ist er derjenige, der das abstellen soll, was die Anzugträger vermurksen. Der wird sich vermutlich gedacht haben: "So, Du Bundgefalteter, nu schwitz' mal schön..."

Diese Drängelfunktion will ich dabei ja nicht mal kritisieren. Die hat durchaus seine Berechtigung, wenn man dran denkt, dass eben nicht nur Mobilitätseingeschränkte, sondern auch schlichtweg faule Menschen den Fahrstuhl benutzen und vielleicht im Türspalt stehenbleiben, um zu quasseln, während am anderen Ende des Schachtes einer, der den Lift wirklich braucht, ewig warten muss. Und dass sich der Lift abschaltet, wenn die Grenze überschritten ist, ist auch sinnvoll, wenn denn ein mechanischer Fehler vorliegt, bei dem Menschen in der Kabine eingesperrt werden könnten.

Nur: Ob es ausgerechnet drei Drängelversuche sein müssen bzw. welche Zeit eine angemessene Standardeinstellung hätte sein können oder müssen, hätte der Hersteller vorher eroieren können. Da war anscheinend wieder so ein Scheuklappen-Programmierer am Werk, der nicht über seine Tastatur hinaus gedacht hat.

Preisfrage: Was passiert, wenn mal die Betriebssoftware gewartet wird? Wird dann der Standardwert "3" wieder eingestellt sein? Oder wenn mal Strom ausfällt bzw. ausgeschaltet wird? Wenn die einen Flash-Speicher für die Einstellungen verwendet haben, könntet Ihr Glück haben. Wenn nicht, dann nicht...

Christian hat gesagt…

Die Drängel-Einrichtung macht ja durchaus Sinn. Wenn drei Mal hintereinander jemand in der Tür stand, heißt es: Arsch einziehen und Tür mit etwas Nachdruck schließen. So fährt irgendwann auch der vollste Aufzug los.

Dass sich die Lichtschranke irgendwann abschaltet, macht beispielsweise auch dann Sinn, wenn irgendeine Knalltüte mal wieder einen Aufkleber oder ähnliches auf Sender oder Empfänger geklebt hat.

Genauso wie moderne Aufzüge ja auch über eine elektronische Waage verfügen, die nicht nur im Bedarfsfall einige Leute wieder raus schickt ("Überlast"), sondern auch weitere Haltewünsche von außen konsequent übergeht, wenn die Kabine schon voll ist. Und hinterher, sobald alle ausgestiegen sind, erstmal dorthin fährt und den Stau abarbeitet.

Und so eine Waage hat noch mehr Nutzen: Wenn 10 Fahrziele gedrückt werden, aber nur 40 Kilogramm Gewicht in der Kabine sind, die dann noch schnell rausspringen, sagt die Elektronik: "Kinder, Kinder! Spielt woanders." Und löscht diese Aufträge.

Ich finde es schade, dass unsere Firma (und ich vor Ort) diese Aufträge von der Bahn nicht bekommt. Ich bin mir sicher, bei uns (mir) wäre der Aufzug nicht permanent aus, sondern wir würden alles dransetzen, um die Benutzer zufrieden zu stellen. Wir bauen übrigens auch Aufzüge in Einrichtungen ein, in denen alte oder kranke Menschen wohnen. Eine Drängel-Einrichtung ist in solchen Häusern für uns absolut tabu.

ArminF hat gesagt…

Ps. @jule: saulustige geschichte, da wär ich auch grinsend daneben gestanden ;-)

Olli hat gesagt…

Bin beeindruckt von Jules selbstsicher mitdenkendem Chance nutzen, als sie all die Wichtel mal am Aufzug hatte, damit die dann nicht mehr so oft "defekt" sind.