Montag, 23. August 2010

Ein aufregender Tag

Huch? Hallo? Ich werde ja ganz rot vor Scham. 55 Glück wünschende Kommentare? Womit habe ich denn das verdient? Ich muss zugeben, im ersten Moment, als ich eben die Zahl "55" sah, dachte ich, da hätte jemand rumgespammt. Aber nein! Ein Eintrag netter als der andere. Auf jeden Fall sage ich erstmal: Vielen, vielen Dank! Ich habe mich sehr gefreut. Dass hier inzwischen am Tag teilweise weit über 100 Besucher vorbei kommen, war mir bekannt, dass aber jeder zweite davon gratuliert, hat mich dann doch sehr überrascht.

An meinem Geburtstag habe ich noch in der Nacht von den Leuten aus meiner WG ein Ständchen und einen Geburtstagskuchen bekommen. Die meisten Glückwünsche kamen dann per SMS, per Mail und über Social Network. Aber ich habe mich auch gewundert, wieviele Leute trotzdem noch etwas auf dem herkömmlichen Postweg versenden.

Gewundert habe ich mich auch über den Besuch meiner Eltern am Vormittag. Sie kamen zusammen mit meiner Currywurst-Tante und hatten sich hinter einem großen Blumenstrauß versteckt. Sie fragten, ob sie reinkommen dürften, später wiederkommen dürften oder lieber gar nicht wiederkommen sollen. Im Verhältnis zu den letzten Überfällen, bei denen es immer kurz davor war, dass sie die Tür eingetreten hätten, kamen mir diese Sätze beinahe wie ein Kniefall vor. Ich antwortete, und im Nachhinein bin ich recht erstaunt, dass mir gleich diese Antwort eingefallen war, dass ich es am besten fände, wenn wir draußen an der frischen Luft reden würden. (So kann ich mich einfach entfernen, wenn das zu dumm wird.)

Normalerweise ist das die Steilvorlage für meine Tante, zu fragen, ob sie einmal die Toilette benutzen könnte. Nicht, weil sie mal muss, sondern um in die Wohnung hinein zu kommen. Dass es so ist, hat sie selbst schon mal indirekt zugegeben, als ich vor langer Zeit mit ihr darüber sprach, dass sie gerne die Wohnung ihrer Bekannten sehen wollte und man sowas am besten dadurch anstelle, dass man frage, ob man das WC benutzen dürfe. Das würde einem selten verwehrt werden. Ich glaube, ich muss das nicht kommentieren. Auch deshalb nicht, weil sie sich diesmal zusammengenommen hat und nicht fragte, sondern hinter meinen Eltern hinterherdackelte.

Ich sagte Sofie Bescheid, dass ich kurz nach draußen gehen würde. Ob sie mal ein Auge aus dem Fenster werfen könnte, falls in der nächsten halben Stunde Schreie, Ringkämpfe oder Schüsse zu hören seien. Sie fragte, ob ich mir das ernsthaft antun wollte. Ich überlegte auch schon, warum man sich so handzahm gab, ob möglicherweise etwas dahinter stecken könnte. Immerhin war ich 18 und hätte alles unterschreiben können, wofür sie früher noch die Zustimmung meines Vormundes gebraucht hätten.

Nein, es kam anders. Mein Vater entschuldigte sich zwar nicht für seine gewalttätige Aktion, sondern sagte fast gar nichts, meine Mutter sagte jedoch, dass sie über Monate in einer Klinik gewesen und inzwischen mit Therapie und Medikamenten recht gut eingestellt sei. Sie meinte, sie habe während ihrer Therapie auch irgendwelche Bücher über Querschnittlähmungen gelesen. Sie sagte, dass sie verstanden habe, dass sie mit meiner Situation überfordert sei. Sie könne sich nicht in meine Situation hineinversetzen und sie könne sich nicht vorstellen, selbst mit einer Querschnittlähmung zu leben. Wenn ich es hinkriegen würde, mit einer solchen Behinderung zu leben, dann solle ich diesen Weg gehen, aber bitte akzeptieren, dass weder mein Vater noch sie mir dabei helfen könnten.

Ich habe mir das nur angehört. Ich habe in den letzten Monaten niemanden um Hilfe gebeten. Von daher verstand ich nicht ganz, was sie mir damit sagen wollte. Sie fuhr fort: "Dein Unfall hat unsere Ehe zerrüttet. Wir werden uns trennen. Ich werde in eine andere Stadt ziehen, vermutlich nach Köln, dort wollte ich schon immer wohnen, und dort ein neues Leben beginnen. Dein Vater hat, bedingt durch seinen Job, bereits in Hannover eine Wohnung gefunden und wohnt schon nicht mehr hier."

"Dann wünsche ich euch beiden, jedem von euch, alles Gute für euer neues Leben." Dann standen sie auf und gingen davon. Keine Verabschiedung, keine Umarmung, nichts. Und ich blieb zurück mit einem Kopf voller Fragezeichen. Was sollte der Blumenstrauß? Was wollte man mir sagen? Ich hatte ja schon über Monate keinen Kontakt mehr. Wollte man mir sagen, dass das auch in Zukunft so bleiben soll? Sollte es eine Art Abrechnung sein für die gescheiterte Ehe? Oder wollte man nur nicht auf sich sitzen lassen, dass ich den Kontakt abgebrochen habe? Und was sollte meine Tante dabei, die die ganze Zeit kein Wort gesagt hatte? Und wieso das alles ausgerechnet an meinem 18. Geburtstag?

Dass meinetwegen ihre Ehe in die Brüche gegangen ist, den Schuh ziehe ich mir nicht an. Ich kann nichts für meine Behinderung. Ich hatte nicht mal Schuld an dem Unfall. Meine Eltern waren es, die damit nicht klar kamen. Nicht ich. Sie selbst sind an dieser Aufgabe gescheitert. Klingt vielleicht frech, sehe ich aber so. Und ich glaube, das will ich auch nicht diskutieren.

Die Geburtstagsparty jedenfalls wurde sehr nett. Viele Leute vom Triathlon kamen, fünf aus der Schule, insgesamt waren wir fast 20 Leute, prima Sache. Wir haben gegessen, getrunken, gespielt, gequatscht und gefeiert und fast alle haben auch bei uns geschlafen. Mit Luftmatratzen und Schlafsäcken auf dem Fußboden, sofern nicht noch in irgendeinem Bett Platz war. Was mir persönlich sehr gut gefallen hat, war, dass ich mir eine anti-alkoholische Party gewünscht hatte und das auch durchsetzen konnte. Bier und Wein war okay, aber ich wollte kein Besäufnis mit irgendwelchen hochprozentigen Getränken. Auch wenn es mein 18. Geburtstag war und ich erstmalig so etwas offiziell hätte trinken dürfen. Nein. Auch wenn es uncool klingt, die Stimmung war trotzdem super. Und einen Vorteil hatte es: Ich musste keine Kotze aufwischen.

Nun bin ich 18 und darf unbegrenzt und ohne Fahrtenbuch Auto fahren. Unbegrenzt heißt: Auf der Autobahn auch außerhalb Hamburgs und auch über 100 km/h, nicht nur zu speziellen Anlässen wie Therapie, Schule etc. - und letztlich nicht mehr mit der Gefahr, durch eine Laune meiner Eltern oder meines Vormundes oder der Behörde, die diese Ausnahme gestattet hat, meinen Führerschein wieder abgeben zu müssen. Klar, ich bin genauso noch in der Probezeit wie alle anderen Führerscheinneulinge. Auch wenn das eine Jahr auf die Probezeit bereits angerechnet wird.

Am Donnerstag bekomme ich vermutlich mein neues Auto. Wenn alles klappt. Es ist bereits in Hamburg, wird aber noch umgebaut und muss auch erst zum TÜV zum Gutachten für die eingebauten Umbauten. Und dann zur Zulassung. Und ich habe mir inzwischen eine Visakarte bestellt. Damit ich beim Bezahlen auf den Pornoseiten im Internet und bei Hotels etc. nicht immer Sofie fragen muss. Bisher habe ich noch keine Nachteile gespürt, dass ich 18 bin. Ich hoffe, dass es so bleibt und ich mir nicht allzu schnell wünsche, doch wieder ein Kind oder eine Jugendliche zu sein.

Alles in allem war mein 18. Geburtstag ein aufregender Tag. Die vielen Leute, die an mich gedacht haben, der Besuch meiner Eltern, die tolle Party, die vielen Veränderungen. Er war aufregend, intensiv. So sehr ich ihn ersehnt hatte, so sehr freue ich mich jetzt, dass er endlich da war.

Kommentare :

Sally hat gesagt…

Antialkoholische Partys sind aus meiner Sicht auch am Besten, da erinnert man sich hinterher wenigstens noch an (fast) alles.

Du hast die Kommentare damit verdient, dass Du ein sehr netter und sympatischer Mensch bist [Jedenfalls, soweit ich das schon durch Mails erfahren durfte :)] und eine sehr interessante Art zu schreiben besitzt. Das beschert einem halt viele Leser, selbst schuld :P

Sally hat gesagt…

P.S.: Bei dem Vorwurf bezüglich der zerrütteten Ehe fehlen mir echt die Worte... o_o

ArminF hat gesagt…

Bei dem Vorwurf bzgl. der zerütteten Ehe fehlen mir NICHT die Worte. Ich erlebe Ähnliches seit einem Jahr, seit ich nach meiner kirlichen Hochzeit den Kontakt zu meinen Eltern abgebrochen habe. Ich durfte mir auch schon anhören, ich wäre doch schuld daran dass meine Mutter 2 Wochen lang im Rollstuhl saß und mein Vater irgendwann einmal an einem Herzinfarkt stirbt.

...so gesehen: Zieh Dir diesen Schuh wirklich nicht an, Jule. Jeder ist für sein Leben selbst verantwortlich - und wie Deine Eltern mit deinem Unfall und allem was danach kam umgehen können, ist alleine Ihre Sache. Solche Aussagen sind einfach nur Psychoterror - ob gewollt oder unwissend, sei dahingestellt. Aber was man damit bei dem so Beschuldigten anrichtet, wollen/möchten Leute, die so etwas ihrem Kind sagen, nicht verstehen. Und DAS macht mich echt wütend - und sogesehen kann ich es extrem gut verstehen, dass Du den Kontakt zu Deinen Eltern abgebrochen hast...

LG Armin

B. hat gesagt…

Also ich sehe das schon ein bißchen so, dass Jule eine gehörige Portion Verantwortung an der Trennung ihrer Eltern trägt! Man muss nur mal darüber nachdenken, was wäre, wenn sie nicht diesen Unfall gehabt hätte und nicht im Rollstuhl sitzen würde. Dann hätte sie jetzt ihr Abi, würde studieren und den Eltern würde es auch gut gehen. Sie haben sich die Situation am allerwenigsten ausgesucht! Ich weiß ja, es ist zuviel verlangt, aber wenn man versucht, sich in die Lage zu versetzen von den Eltern, die haben sich mal geliebt und müssen sich jetzt trennen, weil sie unter der Last des behinderten Kindes zusammengebrochen sind. Ich möchte die Eltern sehen, die so eine Behinderung ihres eigenen Kindes so einfach wegstecken, als wäre nichts gewesen. Wenn die Eltern ein Kind lieben, geht denen das an die Nieren. Und wenn sie dann sehen, dass das Kind Spaß hat, während sie selbst ihre auf Lebzeiten versprochene und mit voller Herzensliebe eingegangene Ehe aufgeben müssen, weil beide offensichtlich krank geworden sind wegen des Kindes, dann kann man, m. E. schon ein wenig mehr Mitgefühl erwarten von einem 18 jährigen Kind, das sich gerade ein fettes Auto und eine Kreditkarte bestellt hat.

dami hat gesagt…

jetzt musste ich am ende doch 3x lesen ob du dir ein kind wünscht oder nicht *verlesenhab*

ArminF hat gesagt…

@B. ...ne, tut mir leid, das kann ich jetzt echt nicht unkommentiert lassen.

Ja, der Unfall stand am Anfang. Zumindest von dem was WIR hier mitgelesen haben. Was im Vorfeld schon bei den Eltern im Argen lag, darüber spekulieren wir jetzt hier nicht.
Aber entschuldige mal: "Die Last des behinderten Kindes"? - klar, ich will nicht verneinen, dass es eine Belastung ist, wenn das einzige Kind monatelang im Künstlichen Koma liegt, +/- ein Jahr in Krankenhaus und Reha - aber wenn Du mal ein wenig in dich gehst musst du doch sagen, dass Jule seit ihrem Unfall extrem selbständig wurde; sie lebt in einer WG, hat noch immer die Möglichkeit eines Schulbesuchs (der auch mal mit Abi enden wird), ist dank eines Führerscheins mobil, und JA sie kann sogar (wie gnädig von uns den Behinderten gegenüber) Sport treiben, einen neuen Freundeskreis aufbauen und Spass haben.
Und die Behauptung dass die Eltern wegen ihr krank geworden sind und ihre Ehe aufgeben MÜSSEN - das ist doch echt lächerlich. Sollte Jule sich etwa davon, dass ihre Eltern ihre Selbständigkeit nicht akzeptieren, runterziehen lassen? Eltern & Kind in trauter Familie und alle bedauern ihr Schicksal statt ihren Arsch hochzukriegen und das beste aus der Situation zu machen wie es Jule in meinen Augen geschafft hat?
Mitleid mit einem Vater der der eigenen Tochter den Rollstuhl zu klump und die Nase blutig geschlagen hat? Geht's noch?!
"...ich möchte die Eltern sehen" - wenn ICH eine Tochter hätte, die mit allem was der Unfall mit sich brachte, so gut umgehen könnte, dann wäre ich STOLZ auf meine Tochter und würde nicht verlangen, dass sie gefälligst auch wie die Eltern alles negativ sehen und die Schuld nur bei anderen suchen.

PS. neidisch auf das fette Auto und die Kreditkarte? ...echt jämmerlich *kopfschüttel*

Anonym hat gesagt…

Mir kommt das Verhalten der Eltern vor wie ein um drei Ecken gebogener Versuch, Dinge zu klären und/oder einen Schlussstrich unter die Beziehungen zu ziehen. Am Ende noch das Update, wie es jetzt bei denen weiter geht und ein Tschüss, die Tante kommt als Aufpasserin/Auffangerin, falls die Unterhaltung schiefgeht. Gut, ich war nicht dabei, aber ich lese da keine Vorwürfe raus, eher so ein "Dinge klären nach Therapieplan".

BigDigger hat gesagt…

@B.
Kleiner Tipp: Sprich nicht über Dinge, von denen Du nichts weißt. Lies einfach mal den gesamten Blog von Anfang bis Ende, und dann denk nochmal über Deinen Beitrag nach. Denn wenn es nach den Eltern gegangen wäre, würde Jule hier nicht mal schreiben und würde in einem kleinen Zimmer 24 Stunden pro Tag und 365 Tage im Jahr (366 im Schaltjahr) vor sich hin vegetieren, anstatt selbstbestimmt zu Leben und aus ihren neuen Lebensumständen das Beste zu machen...

Jule, ich muss Dir wohl nicht sagen, dass Du Dir bloß nix einreden lassen sollst. Das weißt Du selbst am besten, und sieht man, wie Du Dich entwickelt hast, hätte es eigentlich - mit Ausnahme der Currywursttante, dem Ausraster Deines Erzeugers und der Sorgerechtssache - kaum besser laufen können. Okay, der Tee hätte jetzt auch nicht sein müssen...

Sally hat gesagt…

Dass diese Situation für alle Beteiligen nicht leicht ist, möchte ich ja gar nicht abstreiten. Aber die Formulierung "Dein Unfall hat unsere Ehe zerrüttet."... Heftig. Meiner Meinung nach scheitern stabile und wirklich intakte Ehen nicht an soetwas. Mit dieser Einstellung mag ich es mir mit Sicherheit etwas einfach machen. Ist mir bewusst. Und ja, vielleicht habe ich auch noch zu wenig Lebenserfahrung, um soetwas behaupten zu "dürfen". Ich denke, Jule - bzw. ihr Unfall - wird hier (wenn auch vielleicht unbewusst), als Hauptgrund vorgeschoben. Und das finde ich nicht okay.

So, hoffentlich habe ich mich nun nicht völlig verzettelt. Es muss nicht so sein, wie ich behaupte, es muss nicht stimmen, aber das sind meine Gedanken dazu.

Jule, um nicht nur über Dich, sondern auch an Dich zu schreiben: Ich habe sehr großen Respekt davor, wie Du mit dieser (und auch Deiner allgemeinen) Situation umgehst. Hut ab. :)

Wolfgang hat gesagt…

Wenn Jugendliche im Alter von Jule über ihre Eltern schreiben, dass sie komisch sind, ist man oft geneigt anzunehmen, dass es sich um die allgemeinen Sorgen handelt, die jede Eltern-Kind-Beziehung in den verschiedenen Abschnitten durchmacht. Die Tochter wird selbständig. Für die Tochter nicht selbständig genug, für die Eltern schon zuviel Selbständigkeit. So ist es sonst.

Wenn man das hier liest, fasst man sich an den Kopf. Nein, Jule schreibt nicht von ihrem Eindruck, der durch ihre jugendliche Wahrnehmung gefärbt ist, sondern sie schildert sachlich ein Verhalten, das ich nicht mehr den üblichen Abnabelungsproblemen einer Eltern-Kind-Beziehung zuordnen kann. Sondern hier haben eindeutig die Eltern gehörig einen an der Waffel. Dass jemand sein Kind im Stich lassen muss, ob nun wegen Krankheit, Mittellosigkeit (Erwerbsleben als Alleinerziehender etc.), ist wohl eins der schwierigsten Erfahrungen eines überforderten Elternteils. Manchmal ist das so, dann muss man da durch. Noch schlimmer, wenn man das Kind in einer Situation alleine lassen muss, in der es selbst Hilfe braucht.

Aber das hier? Jule, ich empfehle so etwas nur ungern, wenn es sich um die eigenen Eltern handelt. Aber ich kann nicht umhin, als dir von jeglichem weiteren Kontakt in kurzer bis mittelfristiger Zukunft dringend abzuraten. Das, was hier abläuft, ist einfach nur krank.

Banane hat gesagt…

Hallo Jule,

ich sehe die Sache mit dem Besuch deiner Eltern anders als meine Vorredner - und zwar vor allem als Zeichen dessen, dass deine Mutter einen großen Schritt nach vorne gemacht hat (und vermutlich auch dein Vater - wenn auch nicht in diesem Ausmaß).
Sie können weiterhin nicht damit umgehen, dass du seit dem Unfall behindert bist. - Aber immerhin haben sie sich ihre Unfähigkeit, damit umzugehen, inzwischen eingestanden und versuchen, trotzdem wieder für sich ein halbwegs funktionierendes Leben aufzubauen.

Vor allem glaube ich nicht, dass der Besuch deiner Eltern als Angriff gegen dich gerichtet war, wovon ArminF und Wolfgang ausgehen.
Ich sehe den Besuch als relativ hilflosen Versuch deiner Eltern, dir zu zeigen, dass sie immerhin irgendwie, mehr schlecht als recht, mit der Situation umgehen können und dass sie versuchen, ihr Leben wieder auf die Reihe zu bekommen.
Daran, dass dein Unfall und dessen Folgen letztendlich dazu geführt haben, dass die Ehe deiner Eltern zerbrochen ist, hast du sicherlich überhaupt keine Schuld und ich gehe auch nicht davon aus, dass deine Eltern dir das vorwerfen wollten. - Schuld daran ist einerseits die Unfallverursacherin und vielleicht auch noch ein Stück weit deine Eltern, deren Ehe diese Belastung offensichtlich nicht ausgehalten hat (wobei ich davon ausgehe, dass eine solche Situation jede noch so intakte Ehe eine enorme Belastung ist).

Deine Eltern haben es sich sicherlich nicht rausgesucht, dass sie mit deinem Unfall und dessen Folgen nicht umgehen können und ich bin nach wie vor der Meinung, dass sie nicht aus Boshaftigkeit heraus handeln und gehandelt haben, sondern aus ihrer Unfähigkeit, mit der Situation umzugehen.
Deshalb glaube ich nicht, dass es richtig ist, deinen Eltern vorzuwerfen, dass sie bei diesem Besuch gegen dich gehandelt haben. - Viel eher haben sie mit dem Besuch primär etwas für sich selbst getan, um wieder irgendwie im Leben zurecht zu kommen und sie haben auch versucht, ein klein wenig etwas für dich zu tun (wenn auch auf eine seltsame, hilflose und wenig zielführende Art und Weise), indem sie dich über ihre Situation und ihre weiteren Vorhaben informiert haben.

Für mich hört sich die Sache so an, als ob deine Eltern wenigstens kapiert haben, dass sie sich nicht mehr blöd in dein Leben einmischen sollen, was ich angesichts ihres früheren Verhaltens doch schon für ein positives Zeichen halte.

Und nun noch kurz zum Rest deines Eintrages:
Es freut mich, dass du eine so tolle Geburtstagsfeier hattest und es freut mich nach wie vor, dass du endlich volljährig bist und deutlich größere Freiheiten hast als bisher.
Und zu guter letzt gönne ich es dir von ganzem Herzen, dass du bald dein neues Auto bekommst, mit dem du sicherlich noch einige tolle Sachen machen kannst, die mit deinem Golf so nicht möglich wären.

Gruß,
Banane

Anonym hat gesagt…

Na dann auch noch von mir herzlichen Glückwunsch zur Volljährigkeit du alte Stinkesocke....naja zu deinen Eltern äußere ich mich nicht aber du hast völlig Recht dir den Schuh nicht anzuziehen und schön das du einen schönen Geb hattest.

Alles Gute weiterhin

Stonic

Wolfgang hat gesagt…

Hallo Banane,

von einem Angriff habe ich, glaube ich, nichts geschrieben. Sondern von "krank" und "einen an der Waffel" haben.

Ich glaube schon, dass die Mutter in der Aufarbeitung ihres bisherigen Lebens (und dazu gehört nunmal auch, dass jemand die eigene Tochter über den Haufen fährt und schwer verletzt) einen gehörigen Schritt weitergekommen ist. Ich würde es auch glauben, wenn der Vater inzwischen erklären würde, völlig überfordert gewesen und irgendwann ausgerastet zu sein.

Die Tochter hat persönlich mit den Folgen des Unfalls zu kämpfen. Sie wird mitten aus ihrem Leben gerissen und muss, quasi unter völlig neuen und unbekannten Bedinungen, eine neue gesundheitliche und gesellschaftliche Existenz aufbauen. Sie muss mit ihrem Körper und mit ihrer Psyche halbwegs ins Reine kommen. Die Bindung zu Angehörigen, die ihr bisher (wohl) immer eine Hilfe waren, bricht ab, weil diese mit sich selbst genug zu tun haben.

Dieses "mit sich selbst zu tun haben" geht so weit, dass die Tochter sich mit der Hilfe des Staates, der seine Schutz-, Fürsorge und Gerichtsmaschinerie in Bewegung setzt, zur unmittelbaren Abwehr eines körperlichen Angriffs sogar mit Blaulicht und Sirene, Freiräume zum Leben schaffen muss.

Jetzt steht fest, dass die Eltern sich trennen. Der eine ist schon verzogen, bei der anderen steht es unmittelbar bevor. Der eine hat eine Bannmeile verhängt bekommen, darf sich der Tochter nicht nähern. Die andere hat die Tochter mehrmals unmissverständlich von sich weggedrückt. Und die dritte im Bunde, die scheinbar nur als Aufpasser mitfährt, ist sogar schon mehrmals mit dem Kopf vor die Tür gelaufen.

Dieser Haufen kommt an dem Tag, an dem sämtliche durch Fürsorge- und Erziehungspflichten auferlegte rechtliche Bindungen wegen Volljährigkeit beendet worden sind, zu ihrer Tochter und erzählt ihr, dass sie nichts mehr mit ihr zu tun haben will.

Sie schreiben nicht einen Brief, sie kommen unangemeldet trotz Kontaktverbotes dorthin, erzählen, welchen Fortschritt sie gemacht haben und dass sie künftig nichts mehr miteinander zu tun haben wollen.

Das ist alles so eingefädelt und verkrampft, das hat für mich nichts ehrliches. Bis auf den Therapiefortschritt der Mutter. Aber von dem hat man ja auch nur erzählt. Das Ziel dieses Besuches kann ich nicht erkennen. Das einzige, was sich verändert hat, ist, dass die Distanz jetzt nicht nur von der Tochter ausgeht, sondern auch von den Eltern. Wobei diese Distanz vorher ein Gegenpol zu einer gesetzlich angeordneten Koalition war, die genau an diesem Tag durch die Volljährigkeit ohnehin schon beendet wurde. Das macht alles keinen Sinn und ist in meinen Augen einfach nur krank.

Caelyn hat gesagt…

Jule, ich lese deinen Blog ja mit Begeisterung schon ganz von Anfang an und finde deine gesamte Entwicklung sehr bemerkenswert, das wollte ich mal loswerden.

Ich finds im Übrigen gut, dass du dir diesen Schuh nicht anziehst.

Das hast du gar nicht nötig, und ich finde es immer noch bewundernswert, wie gut du dein Leben auch ohne die Unterstützung (oder auch Einschränkung) durch deine Eltern meisterst.

Ich empfinde diesen Besuch deiner Eltern als den Versuch, ein bisschen was gutzumachen. Sie versuchen zumindest beide anscheinend, sich weiterzuentwickeln. Vielleicht führt dieser Entwicklungsprozess ja auch irgendwann zu einer Akzeptanz deiner Behinderung und damit auch zu einer kleinen Versöhnung zwischen Euch. Eventuell haben sie dir auch deshalb mitgeteilt, wohin es sie jetzt verschlagen wird.

Ansonsten schön, dass du so einen tollen 18ten Geburtstag verbracht hast.
Und ja- nonalkoholisch muss nicht immer = langweilermäßig sein! Macht sogar meistens mehr Spaß :)

Lg Caelyn

Ronja hat gesagt…

Liebe Jule,

gut, dass Du Dir diesen Schuh nicht anziehst. Das wuerde eh nur jede Menge Druckstellen geben, auf die man gern verzichten kann.

Fuer Deine Familie scheint das Motto" Angriff ist die beste Verteidigung" zu gelten. Wenn Du eh an allem Schuld bist, ist es vielleicht einfacher fuer sie, mit ihrer eigene Schuld zurechtzukommen, nämlich dass sie Dich im Stich gelassen haben, als Du ihre Hilfe wirklich gebraucht hättest. Leider haben sie seit Deinem Unfall in ihrer Elternrolle versagt und damit muss man erst mal klarkommen. Aber das ist zum Glueck nicht Dein Problem.

Du bist jetzt offiziell selber fuer Dein Leben verantwortlich. Ich wuensch Dir dabei viel Erfolg und jede Menge Freude.

Herzliche Gruesse,
Ronja

Matze hat gesagt…

huhu :)
... mehr als 2,5 jahre is der Tag nun her.

Ich freu mich riesig, dass Du so viele liebe Menschen un Dich hattest, an diesem für uns alle (und unter diesen umständen für DICH ganz) besonderen Tag des 18. Burzeltages.

Was bisher hier nicht erwähnt und vielleicht noch zu ergänzen wäre (und sicher mir deshalb gerade auffällt, weil ich recht flüssig jeden Blogeintrag chronologisch lese):

DAS ALLES, was Du, Jule, bis zu diesem Tag erreicht hast, wäre so kaum möglich gewesen, wenn nicht der Richter damals Deinem Vater in den Arm gefallen wäre und dafür gesorgt hätte, dass Du zu Deinem Recht kommst und die Leistungen, die Dir zustehen, auch erhalten kannst.
Schließlich war das eine einmalige Aktion, die VIELES versaut hätte, wenn sie schief gegangen wäre. Ohweh, nicht auszudenken.

Geld ist sicher nicht alles. Aber Geld ist auch nicht nichts.
Das weißt Du sehr gut (ich find du hast ne sehr aufgeräumte Einstellung dazu) - und ich find das darf man an dieser Stelle ruhig noch einmal explizit erwähnen.

Nochwas:
Ich würd mir wünschen, dass mehr Leute mit diesem Glück gesegnet sind, mit solchen Menschen umgeben zu sein, wie Du es bist. Allerdings reicht es nicht, dass diese nur in der Nähe sind, man muss sie auch auf sie zugehen, sie kennenlernen und mit ihnen Freund werden. DAS is kein Schicksal - das is geht ganz allein auf Deine Kappe ;) gut gemacht.

n8!
Matze