Montag, 9. August 2010

Ich bin keine Behinderte

Man könnte darüber streiten, ob es sinnvoll ist oder nicht, Rollstuhlfahrer im Regionalzug in einem Mehrzweckabteil einzuquartieren. Ich halte es für sinnvoll, dass die Stellfläche, die frei bleibt, wenn keine Rollifahrer mitfahren, auch noch von anderen Personen (zum Beispiel mit ihren Fahrrädern) genutzt werden kann. Oder von Leuten, die sich lieber auf Klappsitze setzen anstatt zu stehen.

Ich halte es allerdings für sinnlos, darüber diskutieren zu müssen, ob die Rollstuhlstellplätze in einem Zug mit etwa 600 Sitzplätzen bei Bedarf vorranging für Reisende im Rolli oder doch vielleicht für Reisende mit Fahrrad zu verwenden sind. Der Regional-Express von Hamburg nach Schwerin oder Rostock hat drei Fahrradabteile und ein Mehrzweckabteil. Das Mehrzweckabteil ist die einzige Möglichkeit für Rollstuhlfahrer, in dem Zug mitzukommen. Somit würde ich mich als Fußgängerin (wäre ich eine) mit meinem Fahrrad lieber in ein anderes Fahrradabteil quetschen, als einen anderen Menschen (im Rollstuhl) von der Mitfahrt auszugrenzen.

Anders ist es aber an der Tagesordnung. Da heute morgen keine S-Bahn zwischen Hauptbahnhof und Bergedorf fuhr, wollte ich den Regionalexpress nehmen, der auch in Bergedorf hält. Ich stellte mich an der Stelle auf dem Bahnsteig auf, wo üblicherweise die Tür zum Mehrzweckabteil hält. Nun muss ich nur darauf warten, dass der Zugbegleiter die elektrische Rampe ausfährt. Und während ich warte, räumen gefühlte 100 Reisende ihre Fahrräder in eben dieses Abteil, bis das so voll ist, dass nicht mal mehr ein Fußgänger hinein, geschweige denn hindurch kommt. Und zu allem Überfluss werden die Fahrräder dann auch noch an den Haltestangen angeschlossen, so dass man auch nichts mehr verschieben kann. Und die Besitzer entfernen sich und machen es sich auf den Sitzplätzen bequem, während ich in meinem Rolli sitzend an der Tür lehne und auf den Zugbegleiter warte.

Wie auch sonst immer ließ dieser auf sich warten. Neu war heute, dass ein Typ dort stand, der, ungehört von den meisten, wenigstens versuchte, für ein wenig Ordnung zu sorgen. "Nun nehmen Sie mal ein wenig Rücksicht! Die Behinderte will auch noch mitfahren! Keine weiteren Fahrräder mehr! Die Behinderte will auch noch mit! Ey! Die Behinderte will auch noch mit! Hallo! Die Behinderte will auch noch mit!" Seine Motivation in allen Ehren, nach dem ungefähr 15. Mal bat ich ihn, das ohnehin wirkungslose Geschrei zu unterlassen und mir nicht noch zusätzlich auf den Keks zu gehen. Was er natürlich genauso wenig verstand wie es ein anderer Typ kurz zuvor verstanden hat, dass ich nicht ungefragt angefasst werden möchte, wenn ich am Hauptbahnhof aus der S-Bahn aussteige. Stichwort: "Selbstbestimmtes Leben." So etwas soll es geben. Und es bedeutet: Ich entscheide, wann ich angefasst werden möchte. Eine Selbstverständlichkeit, die bei behinderten Menschen scheinbar nicht gilt.

Irgendwann kam die Zugbegleiterin. Mitte 50. Sah nur noch das Knäuel aus den gefühlten 100 Fahrrädern und sagte zu mir: "Da passen Sie nicht mehr rein." Na, ach was. - Früher hätte ich das mit einem Schulternzucken seufzend hingenommen, heute antwortete ich, auch wenn es mir schwer fällt, ständig um Rechte (?) kämpfen zu müssen: "Ja, würden Sie da dann bitte mal aufräumen?" Sie guckte mich entsetzt an, überlegend, ob ich das wohl ernst meinen könnte. Ich ergänzte: "Naja, wenigstens eine Durchsage, mit der man die Besitzer zu ihren Fahrrädern bestellt. Anschließen geht jawohl mal gar nicht. Da muss doch ein Fluchtweg frei bleiben, oder? Und bei der Gelegenheit muss auch noch ein Platz für mich drin sein. Oder wollen Sie mich jetzt hier stehen lassen und in einer Stunde proben wir dasselbe Theater noch einmal?"

"Ich kann nichts für Sie tun. Wir fahren in 2 Minuten ab." - "Das mag ja sein, aber nicht ohne mich. Ich bestehe auf mein Recht zur Beförderung." - "Sie sehen doch, dass der Zug voll ist." - "Ja voll mit Fahrrädern. Haben Sachen jetzt schon einen höheren Wert als Menschen bei der Bahn?" - "Diese Diskussion ist lächerlich und die führe ich nicht mit Ihnen." Sagte sie, schaute am Zug entlang und wollte gerade ihr rotes Abfahrsignal heben, als Stinkesocke sportlich an der Dame vorbei auf die offene Tür zufuhr. Ohne Rampe ist der Absatz etwa 30 Zentimeter hoch. Angekippt auf den Hinterrädern schafft es der geübte Rollifahrer, diesen Absatz, wenn auch mit einem gehörigen Rumms, aber dennoch sicher hinabzufahren. Das alles ging so schnell, dass die Zugbegleiterin zwar zu schreien anfing, jedoch es nicht mehr verhindern konnte. Nach drei Sekunden war alles vorbei.

So stand ich auf der eingeklappten Rampe, mitten im Chaos zwischen den gefühlten 100 Fahrrädern. "Sie sind wohl nicht ganz dicht", fuhr sie mich an, als sie nach Abfertigung des Zuges einstieg. Ich überlegte, ob ich ihr bestätigend von meiner Inkontinenz erzählen sollte, entschied mich dann aber für ein: "Das Maß ist gleich voll. Ich lasse mich von Ihnen nicht beleidigen." Der Zug fuhr ab und sie bestand darauf, meinen Fahrausweis zu sehen. Das erste Mal seit Monaten, dass einer meine Wertmarke kontrolliert. Und in Bergedorf, als ich aussteigen wollte, war sie nicht mehr da, obwohl sie wusste, dass ich dort wieder raus will. Hätten mir nicht ein junger Mann geholfen, die Stufe wieder hochzufahren, hätte ich so lange die Tür blockiert, bis jemand persönlich vorbei gekommen wäre.

Statt nun der Bahn zu schreiben, schreibe ich das lieber in meinen Blog. Schreibt man es der Bahn, kann nämlich das Geschilderte entweder nicht mehr nachvollzogen werden, die Zugbegleiterin hat den Fall ganz anders geschildert, ich habe irgendwelche Bestimmungen verletzt oder es handelt sich - wenn gar nichts anderes mehr geht - um einen bedauerlichen Einzelfall, den man nun dankend zum Anlass genommen hat, um den Betriebsablauf künftig zu verbessern.

Aufgemuntert hat mich dann ein weiterer Vortrag unseres Rollstuhlsport-Chefs im Sportverein. Dessen Aufforderung zum Tanz hat mir ja vor drei Wochen schon sehr gefallen. Heute ging es erneut um das öffentliche Bild eines behinderten Menschen. Und um das Bild zu beschreiben, was er am liebsten sieht, wäre "behinderter Mensch" schon verkehrt. Es handelt sich um Menschen, die mit einer Behinderung versehen worden ist, salopp ausgedrückt.

Ich habe vor diesem Menschen ungeheuren Respekt. Um nicht zu sagen: Ich ziehe den Hut vor ihm. Er besitzt einen unheimlich wertvollen Schatz: Den Schlüssel zu den Herzen seiner Mitmenschen. Ich weiß nicht, wie er es macht. Er ist nicht aufdringlich. Sondern eigentlich, wenn man mal überlegt, von sich aus eher im Hintergrund. Aber dennoch: Er hat ein derart feines Gespür für sein Gegenüber (oder auch für Stimmungen in Gruppen), dass man manchmal denkt, er könne hellsehen. Er trifft genau den Ton. Ehrlich, direkt, aber trotzdem so charmant, dass er die schwierigsten Dinge vermitteln kann ohne dass ihm jemand böse ist. Im Gegenteil, man ist dankbar, dass man ernst genommen wird und jemand Klartext redet. Und man weiß trotzdem, dass er sein Gegenüber genauso lieb hat wie die anderen Menschen um ihn herum. Man merkt, dass seine Liebe gegenüber seinen Mitmenschen (ich glaube, das ist die richtige Formulierung) durch die Behinderungen seiner Mitmenschen nicht beeinflusst werden.

Und daher ist es auch äußert glaubwürdig, wenn er sich vor eine Menschenmenge setzt und dafür wirbt, dass es in die Köpfe der Menschen muss, dass Behinderungen Dinge sind, die nicht mit dem Wesen eines Menschen, der mit ihnen versehen worden ist, zu verknüpfen sind. Sondern dass eine Behinderung eine meistens unfreiwillig und ungefragt aufgedrückte Zugabe ist, die diesem Menschen wie ein Schatten durch das Leben folgt.

Es führt zu weit, an dieser Stelle auf den Rest einzugehen. Dafür müsste man hier den ganzen Vortrag abdrucken. Und den ganzen Vortrag habe ich nicht. Aber, um den Kreis zu schließen, dieser Vortrag hätte dem Idioten, der auf dem Bahnsteig stand und 15 Mal wiederholte: "Die Behinderte will mit!" verdammt gut getan. Ich bin eben keine Behinderte. Auch wenn ich im Rollstuhl sitze.

Kommentare :

Sally hat gesagt…

Dazu passt eine Ansicht meines Vaters sehr gut: "Man IST nicht behindert, man WIRD es aber oft bei der Durchführung eines möglichst uneingeschränkten Lebens." (sinngemäß) :)

Cathleen hat gesagt…

Das mit dem Schlüssel zu den Herzen der Menschen finde ich sehr passend. Was mir auffällt, ist, das er irre gut andere Leute begeistern und mitreißen kann. Er schafft es, eine komplette Sportgruppe in einer Sekunde so zum Lachen zu bringen, dass einige sich fast auf der Erde kringeln, in der nächsten Sekunde aber dieselben Leute zu einer ernsthaften Leistung zu motivieren. Ich weiß, dass er mit einer Engelsgeduld gerade den Menschen, die den Glauben an sich verloren haben, über den Sport, über die Mobilität, über ihr Selbstbewusstsein und ihr Selbstwertgefühl einen neuen Weg zeigt. Ich weiß, dass gerade Kinder und Jugendliche in ihn ein enormes Vertrauen haben, und ich weiß von einigen Jugendlichen, die IHN anrufen, wenn sie jemandem zum Reden brauchen und die ganze Welt um sie herum Kopf steht.

Dass er eher sein Essen kalt werden lässt als jemanden mit seinem Problem alleine zu lassen, wundert, glaube ich, keinen. Und dennoch ist er konsequent: Wehe, ihn stört jemand während seinen 4 Stunden pro Woche, in denen er selbst seinen Sport macht, mit irgendeiner Vereinsmeierei: Das wagt wohl keiner ein zweites Mal.

Ich hoffe, er macht seinen ehrenamtlichen Job noch lange weiter. Das musste einfach mal gesagt werden.

Carsten hat gesagt…

Zum Thema Bahn: Eine Ansage, dass alle, die ihr Fahrrad dort nicht entfernen, es in Rostock oder Schwerin vergeblich suchen. Und dann einmal den gesammelten Schrott auf einen Anhänger laden und kostenpflichtig einlagern. Was nicht abgeholt wird, wird verpfändet. Nur so lernen die Leute.

NewRaven hat gesagt…

Naja, dafür das du "nicht behindert" bist, forderst du die Rechte aber ziemlich deutlich ein. Ein weiterer Radfahrer, der mit dem RE hätte mitfahren wollen, hätte sein Rad da ja genauso wenig untergebracht wie du deinen Rolli. Auch der hätte auf den nächsten Zug warten müssen. Versteh mich nicht falsch - auch ich bin der Meinung, das man natürlich eher einen Menschen als Fahrräder transportieren soll und es immer einen Platz für Rolli-Fahrer geben soll. Den Menschen zu kritisieren, der aber seinen Job macht und dir ja durchaus helfen wollte - auch wenns nicht von Erfolg gekrönt war - weil er sich nicht "politisch korrekt" artikuliert hat, find ich schwachsinnig. Sein Ziel war es in einem straffen Zeitplan möglichst einen oder mehrere Fahrgäste mit Rad dazu zu bewegen, Platz zu schaffen. Das er da offenbar nicht wirklich viel Durchsetzungsvermögen bewiesen hat, mag zu kritisieren sein (auch wenns manch anderer wohl nicht mal versucht hätte) - die eigentliche Aussage war im Kern für die Situation aber schon angemessen. Er hat das ja nicht genutzt, um dich in irgendeiner Art zu "diskriminieren", sondern um den anderen Schwachköpfen möglichst schnell die Situation klarzumachen.

Sofie hat gesagt…

Der Vortrag, den ich aus beruflichen Gründen auch schon kenne, stützt sich im wesentlichen auf das Übereinkommen der UN über die Rechte der Menschen mit Behinderungen.

Danach sind Menschen mit Behinderungen "Menschen, die langfristige körperliche, seelische, geistige oder Sinnesbeeinträchtigungen haben, welche sie in Wechselwirkung mit verschiedenen Barrieren an der vollen, wirksamen und gleichberechtigten Teilhabe an der Gesellschaft hindern können".

Das heißt, dass als Behinderung hier die Hinderung eines einzelnen Menschen an der Teilhabe an der Gesellschaft gesehen wird, die durch die gegenseitige Beeinflussung von persönlichen Beeinträchtigungen mit den alltäglichen Barrieren entsteht.

Durch diese Festlegung auf eine klar definierte Terminologie gibt es offiziell keine Behinderten. Sondern nur Behinderungen, die Menschen dadurch widerfahren, dass sie durch alltägliche Barrieren, die durch persönliche Einschränkungen besonders zur Wirkung kommen, daran gehindert werden, am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen.

Ich denke, man muss sich schon sehr genau mit dieser Sache befassen, um überhaupt zu verstehen, welchen Weg dieses UN-Papier hier einschlagen möchte und was Jule mit diesem Beitrag überhaupt aussagen wollte. Ich glaube, man kann ihn auch gut missverstehen.

Zum Verständnis sollen eben auch solche Vorträge dienen, wie der, den sich Jule angehört hat.

Ich möchte NewRaven zustimmen, dass es wohl zweitrangig ist, wie jemand einen anderen Menschen bezeichnet, während er Gutes für ihn tun will.

Aber ich möchte auch Jule zustimmen, dass alleine der Gebrauch von "Die junge Dame / das Mädchen möchte auch noch mit." schon in manchen Köpfen etwas anderes auslöst als ein "Platz da für die Behinderte."

Und ein entscheidender Hinweis, den ich aus der persönlichen Erzählung kenne, fehlt mir in diesem Beitrag: Derjenige war kein Bahn-Mitarbeiter, sondern ein deutlich alkoholisierter, aufdringlicher Mann, der sich augenscheinlich wichtig machen wollte (da er auch davor schon das Gespräch gesucht und sich als einer der Experten ausgegeben hat, der auch mal 6 Wochen im Rollstuhl saß) und mit seinem Geschrei überhaupt nichts, allenfalls das Gegenteil erreicht hat. Ich weiß nicht, warum Jule es rausgelassen hat, vielleicht hielt sie es nicht wichtig, vielleicht war der Beitrag auch so schon sehr lang. Ich finde aber, er fehlt.

NewRaven hat gesagt…

@Sophie: Danke, ich bin in der Tat irrtümlich davon ausgegangen, das der Typ irgendein Bahn-Mitarbeiter war. So stellt sich das natürlich anders etwas anders dar.

Und noch ne Kleinigkeit zu der anderen Aussage: Das ein "Behinderter" immer erst in der Situation, in der er behindert wird, zum Behinderten wird - quasi die Umwelt ihn dazu macht - ist natürlich im Kern vollkommen Richtig. Allerdings muss man hier auch die Kirche im Dorf lassen und ein wenig pragmatischer auf die jeweilige Situation blicken. Nehmen wir mal die Münchner U-Bahn. Jeder, der schonmal die Freude hatte, in der Hauptverkehrszeit mit einer der frequentierteren Strecken damit fahren zu müssen, weiß, das das Einsteigen da eine Sekundensache ist und das es den U-Bahn-Fahrern aufgrund des Zeitdrucks mehr oder minder schnurz ist, ob da noch jemand halb in der Tür klemmt. Hier macht es einen riesigen - und auch durchaus "vorteilhaften" Unterschied, ob jemand schreit "Die junge Dame / das Mädchen möchte auch noch mit." oder "Die behinderte junge Dame / das behinderte Mädchen möchte auch noch mit.". Im Fall der ersten Aussage würde das für einen Rolli-Fahrer nämlich im Zweifelsfall im Super-GAU enden, weils keinen Menschen juckt. Ob nämlich das "Mädchen" in die U-Bahn kommt oder mit dem Kopf gegen die Scheibe knallt interessiert kaum jemand - im Zweifelsfall kommt immer irgendwann die nächste Bahn. Aber in letzterem Fall kommt mehr Rücksicht ins Spiel - man wartet auch mal 20 Sekunden länger und weist ggf. auch drängelnde Leute zurecht. Das "Behindert" wird dadurch politisch nicht korrekter... klar... aber alle wissen mit einem kurzen, knappen Wort, worum es geht und können sich auf die Situation einstellen - es ist also eine pragmatische, schnelle Lösung für die Situation. Man muss halt immer drauf achten, wo, wie, in welchem Kontext und mit welcher Absicht/welchem Ziel das so formuliert wird. Ich als "persönlich nicht Betroffener" wundere mich ein wenig, warum ihr - bei all den Hindernissen, die ihr Tag für Tag überwältigen müsst - gerade bei einer solchen augenscheinlichen "Kleinigkeit" so ein wenig dünnhäutig reagiert.

Sofie hat gesagt…

@NewRaven: Ich glaube herauszulesen, dass es dir immernoch um das Wort an sich geht. Dieses UN-Papier soll Vorbild-Charakter haben und für die nächsten Jahre das politische Handeln wegweisend beeinflussen. So ist es gewünscht.

Hier schreiben also Leute, von denen viele, viele Betroffene erwarten, dass sie einen vorbildlichen Job machen, an Leute, die auf anderer (niedrigerer politischer) Ebene Vorbild sein sollen. Was ich sagen will: Wir, der "einfache" Bürger, sind gar nicht als Empfänger dieses UN-Papiers eingetragen. Zumindest nicht als Einzelperson und nicht unmittelbar.

Wenn mich einer mit "Die Behinderte" beschreibt, fühle ich mich nicht gerade geschmeichelt, aber wenn es dazu führt, dass ich die U-Bahn noch bekomme, ist es mir relativ schnuppe. Es kommt auch ein wenig darauf an, wer mich so bezeichnet. Von engen Freunden würde ich das eher nicht erwarten. Aber auf dem Amt oder im Krankenhaus bin ich auch nur eine Nummer oder "der Querschnitt".

Hier war allerdings noch verhältnismäßig viel Zeit, in der Jule neben einer geöffneten Tür wartete, vor dem einzigen Rolli-Abteil. Hilflos zusehen musste, wie die Leute den Wagen vollräumten. Alle kamen rein, nur sie nicht, weil sie auf eine Rampe angewiesen ist. Als die Rampe endllich bedient werden könnte, ist das Abteil so voll, dass sie von der Mitfahrt ausgeschlossen werden soll. Diese Situation schon mehrmals erlebt habend und erneut auf sich zukommen sehend labert ihr dann auch noch ein Besoffener (der auch nicht 15x so bezeichnet werden möchte) einen Keks ans Ohr. Das ist doch wohl extrem ätzend - korrekte Bezeichnung hin oder her.

Das war im wesentlichen das, was (zumindest) ich ausdrücken wollte - Jule kann nur für sich selbst schreiben.

NewRaven hat gesagt…

@Sophie: Nein, es ist sicher nicht "schmeichelnd" allerdings würde ich es eben auch nicht generell als "beleidigend", "diskriminierend" oder sonst irgendwie wertend bezeichnen - gerade von gänzlich unbekannten Menschen nicht, denn da kann es völlig unterschiedlich gemeint sein. Das gibt das Wort in seiner eigentlichen Bedeutung schlicht nicht her - auch wenn es oft natürlich in einem negativen Sinne gebraucht wird. Wie gesagt, es kommt auf die Situation und die Person an...

Ein Fremder, der aus reiner Selbstprofilierung lautstark im alkoholisierten Zustand am Bahnhof über "Behinderte" schreit ist natürlich nicht unbedingt was Schönes und sicher absolut nervend und auch irgendwie zum fremdschämen geeignet. Allerdings weniger wegen seiner politisch nicht korrekten Art zu sich auszudrücken, sondern eher, weil solche Situation mit Menschen in diesem Zustand generell unangenehm sind und man nicht unbedingt im Zentrum ihrer Aufmerksamkeit stehen will. ;) Ich hätt ihm wahrscheinlich nach dem vierten Mal was vor den Schädel gehauen, aber ich bin ja generell ein eher nicht so netter Mensch :D

Es besteht übrigens kein Zweifel dran, das die Situation für Jule scheiße war. Der Fingerzeig müsste aber nicht nur in Richtung Bahn gehen, sondern generell in Richtung von jedem, der das Abteil einfach voll gebaut hat und dem es Schnuppe war, ob da noch was rein passt - beispielsweise ein Rollstuhl. Das liegt aber wohl in der Natur der Menschen... über rücksichtslose Idioten ärgern sich ja schließlich nicht nur "~Behinderte~"... die werden halt nur durch sie etwas stärker behindert ;)

NewRaven hat gesagt…

@Sofie: Wenn ich dich übrigens noch ein paar Mal falsch schreibe, darfst du mich offiziell verhauen ;) Soooooorry, war Gewohnheit, keine Absicht :)

Anonym hat gesagt…

Ein weiteres "hausgemachtes" Problem ist, dass dieser Zug zwar bis zu vier Bereiche für Fahrräder hat, dass aber nur einer verbindlich erreichbar ist. Der an der Zugspitze ist immer an der Zugspitze, und das ist auch der, der rollstuhlgerecht ist. Die anderen drei sind irgendwo zu finden, abhängig davon, wie der Zug zusammengesetzt worden ist. Ich habe es schon oft erlebt, dass der Bereich, der an der Spitze des Zuges ist und der auch für Rollstuhlfahrer zugänglich ist, zum Bersten mit Fahrrädern gefüllt war, während man in den anderen drei Fahrradabteilen tanzen konnte.

Ich weiß nicht, wie es vorgestern war, als die Socke dieses Erlebnis hatte, aber ich könnte mir vorstellen, dass mit ein wenig mehr Rücksicht alles in Butter hätte sein können.

Und dieses Scheiß-Egal-Verhalten der Bahnmitarbeiterin geht mir auch gegen den Strich. Ich weiß zwar nicht, was sie vorher zu tun hatte, aber wäre sie 2 Minuten eher dort aufgetaucht, wäre es ebenfalls alles kein Problem gewesen.

Jule hat gesagt…

Eine Schwierigkeit, wenn man etwas schreibt, ist das Beschreiben. Manchmal sagt mir zwar jemand, ich könne so gut beschreiben, dass einige glauben, sie seien dabei gewesen; ein anderes Mal merke ich jedoch, dass ich ganz wichtige Details voraussetze, die mein Leser überhaupt nicht kennen kann.

Nein, Sofie hatte das schon richtig ergänzt: Der Typ war besoffen und wollte sich durch die Aktion allenfalls wichtig tun. Es hatte überhaupt keinen Erfolg, weil ihn einfach niemand ernst genommen hat und ich lediglich gedacht habe: "Ich gehöre nicht dazu. Geh bloß ein Stück weiter."

Aber nachdem er mir schon erzählt hatte, wie gut er sich "mit Behinderten" auskennt, war auch nicht mehr zu erwarten.

Aber was heißt denn "Dafür, dass du nicht behindert bist, forderst du die Rechte aber ziemlich deutlich ein"? Sind das nicht grundsätzliche Rechte jedes Menschen, auf die ich bestehe? Die hätten doch überhaupt nichts mit meiner Behinderung zu tun! Oder fordere ich Rechte ein, die nur behinderten Menschen zustehen?

Weitere Fahrräder hätten in den Zug gepasst, ein Wagen weiter war das nächste Fahrrad-Abteil. Das allerdings nicht rollstuhlgerecht ist. So hätte der Fahrradfahrer wechseln können, ich jedoch nicht. Es war halt für viele einfach nur bequem, die erste Tür zu nehmen statt die zweite oder dritte. Für mich hat die Bahn (oder der Waggonbauer) halt nur die erste Tür vorgesehen.

Mike hat gesagt…

Intressante Entwicklung:
Von "Guten Tag, sie sind ein Vollpfosten" (Feb 2009) bist zu "Ich werde mich verdammt noch mal nicht über meine Behinderung definieren!" in 1,5 Jahren...
Beeindruckend!

LG
Mike