Sonntag, 5. September 2010

Not- und Gefahrenvorschrift

Viele Wege führen zur ambulanten Therapie ins Krankenhaus. Einer mit öffentlichen Verkehrsmitteln führt über einen der vielen Knotenpunkte in Hamburg, an dem sich eine U-Bahn-Linie und ganz viele Buslinien kreuzen. Ich sage bewusst nicht, welcher Knotenpunkt es ist, denn ich möchte von einer Situation berichten, die sich -zur Zeit noch- immer wieder provozieren ließe. Aber der Reihe nach.

Ich verließ am letzten Freitag den U-Bahnhof über die Rolltreppe und wollte zu meinem Bus, der in vier Minuten fahren sollte, war also etwas in Eile. Über die Rolltreppe gelangte ich direkt auf eine Art große Insel, an der ringsherum die Busse "anlegten". Mitten auf dieser überdachten Insel waren mehrere Geschäfte angesiedelt, ein türkischer Pizzabäcker, ein Bonbon-Laden, ein Kiosk und, was ich noch nie gesehen hatte, eine Behindertentoilette. Ich wusste, dass ein Stockwerk tiefer eine WC-Anlage ist und dachte immer, dort sei auch ein Behinderten-WC - nein, falsch, das Behinderten-WC ist mittig auf dem Busbahnhof.

Ich rollte also über diese besagte Insel zu dem Punkt, an dem mein Bus abfahren sollte, und bemerkte in dem ganzen Getümmel des freitäglichen Berufsverkehrs eine Traube von Jugendlichen vor einer geöffneten Stahltür stehen, allesamt laut schnatternd und ihre Handys in die Luft haltend. Hätte ich nicht dort vorbeifahren müssen, um zu meinem Bus zu gelangen, hätte ich die überhaupt nicht weiter beachtet. Was interessiert mich, woran die da Spaß haben?

So musste ich aber direkt daran vorbei und sah über der Tür ein Schild "WC" und das Rollstuhlfahrersymbol. Bis dahin wusste ich, wie gesagt, noch nicht einmal, dass sich dort ein solches WC befindet.

Beim Vorbeifahren konnte ich für einen kurzen Moment zwischen den Jugendlichen hindurch in den Raum hinein sehen. Drinnen stand ein Rollstuhl, mit dem Rücken zum Eingang, und ich konnte sehen, dass jemand mit heruntergelassener Hose auf einem Klo saß. Wie alt, wie derjenige aussah, konnte ich nicht erkennen. Wieso war die Tür überhaupt offen? Und was sollte der Zirkus hier?

In dem Moment kam wohl der Bus dieser Jugendlichen und sie verschwanden von dieser Tür. Die Tür fiel zu. Während ich auf den Bus wartete, kam irgendwann eine junge Frau in einem Elektro-Rollstuhl aus dem Raum und stellte sich neben mich. Sie wollte anscheinend mit demselben Bus fahren. Ich sprach sie an: "Was war denn da eben vor der Tür los bei dir?" Sie antwortete: "Ach, ich musste dringend auf die Toilette, sonst hätte ich diese hier gar nicht genommen. Man kann sie nicht abschließen und wenn von draußen ein zweiter Rollifahrer den Schlüsselschalter betätigt, geht die Tür auf und bleibt eine halbe Minute lang offen stehen. Und in der Zeit kamen halt die Jugendlichen vorbei und haben mich gefilmt. Vermutlich steht das morgen bei Youtube drinnen." - "Na super."

"Ja, normalerweise benutze ich das nicht, weil es mir eben zu riskant ist. Es sei denn, ich muss ganz dringend. Ist ja das einzige WC hier weit und breit. Ich hatte mich schonmal an den Betreiber gewandt, aber der meinte, Behinderten-WCs dürfe man nicht von innen absperren können, damit im Notfall jeder Hilfe leisten könne."

Was für ein Schwachsinn! Warum kann man nicht wenigstens ein Schloss einbauen, dass man im Notfall von außen mit einer Münze öffnen kann, das aber verhindert, dass jemand versehentlich die Tür öffnet, weil er denkt, es sei frei? Ich werde es nicht begreifen.

Den gleichen Blödsinn gibt es neuerdings in den Hamburger Schwimmbädern. Dort dürfen Umkleiden, Duschen und WCs für Behinderte auch nicht mehr verriegelt werden. Gar nicht. Das heißt konkret: Ständig kann jemand reinkommen, der denkt, der Raum sei frei. Man kann die Tür auch nicht von innen verkeilen oder ähnliches, weil es sich meistens um Schiebetüren handelt. Das sei, so ein Schwimmmeister kürzlich, eine neue Not- und Gefahrenvorschrift.

Solange man zu zweit schwimmen geht, kann einer vor der Tür stehen bleiben und aufpassen. Wenn nicht, muss man hoffen, dass niemand zur gleichen Zeit das WC oder die Dusche benutzen will. Was im Festland in der Holstenstraße beispielsweise recht vergeblich ist, denn das Behinderten-WC benutzen regelmäßig auch andere Leute, weil es sich um das einzige WC im gesamten Umkleidebereich handelt. Das nächste, normale WC ist erst in der Schleuse zwischen Umkleiden und Schwimmbecken. Was wiederum zur Folge hat, dass ich vor dem Schwimmen dort gar nicht mehr und danach nur noch "angezogen" dusche. Schließlich geht in den 10 Minuten im Durchschnitt 3 Mal die Tür auf und nach einem kurzen gemurmelten "Entschuldigung" wieder zu.

Kommentare :

Hans hat gesagt…

Was für eine Scheiße! Entschuldige die Wortwahl, aber was anderes fällt mir dazu nicht ein. Die Jugendlichen hätte ich am liebsten zusammengestaucht. Und wir wollen mal hoffen, dass das keine Fetischisten lesen, die jetzt genau wissen, wo sie dich nackt duschen sehen können.

Ach nee, du duscht ja nicht nackt. "Angezogen" heißt "mit Badeanzug"?

Sagenhaft, was sich Leute einfallen lassen, um behinderte Menschen zu bevormunden.

Sabine hat gesagt…

Na das ist ja mal ein Irrsinn. Da würde ich nie wieder hingehen, wenn man da nicht mal in Ruhe aufs Klo gehen oder duschen kann, ohne dass ständig die Tür sich öffnet. Ich stell mir nur vor, man muss wirklich mal dringend größere Geschäfte verrichten und ständig kommt jemand rein ... ätzend sowas. Geht gar nicht.

Vermutlich hat man als Rollifahrer nicht viele Möglichkeiten, in andere Schwimmbäder auszuweichen. Oder wenn es überall so ist, bringt das ja auch nicht.

Alternativ würde ich dann eben auch nicht duschen vorher. Nur hinterher mit Badesachen ist halt auch nicht optimal, da spült sich die Seife ja schlecht wieder raus.

Anonym hat gesagt…

Ich würde denen demonstrativ irgendwo in eine Ecke pinkeln und falls sie mich erwischen, sagen, dass das ganz normal ist, wenn man auf dem Klo keine Ruhe hat. Oder gleich ins Wasser machen.

Sauerei so etwas!

Mike hat gesagt…

Das ist ja wohl der totale Irrsinn. Wer kommt denn auf so einen Schwachsinn?
Vieleicht sollte man da mal die Presse drauf stossen:
"Keine Privatsphäre für Behinderte auf öffentlichen Toiletten"
Mal sehen, wer von der Verwaltung dann den Elefant im Sand gibt ;-)

LG
Mike

Tomtom hat gesagt…

Zum Schwimmbad in der Holstenstraße: Wenn man die Toiletten nicht abschließen kann, würde ich unter die Dusche oder gleich ins Schwimmbecken pinkeln. Das ist zwar reichlich dissozial, aber es ist erst recht nicht zumutbar, dass man keine Privatsphäre hat. Den Reinigungsaufwand hat letztlich das Bad.

Ute hat gesagt…

Also es gibt aber auch Idioten. Anstatt sich mal mit dem Rücken zum Klo in die Tür zu stellen, damit die Frau da nicht so entblößt wird, machen sie noch Filmaufnahmen davon. Das ist langsam wirklich nicht mehr witzig.

Ich ziehe mich im Schwimmbad ohnehin immer in einer Familien- oder Gruppenkabine um, weil ich in diesen engen Dingern mir ständig blaue Flecken hole. Von daher stört es mich nicht, wenn jemand reinkommt, vorausgesetzt, ich weiß es vorher, dass das passieren könnte. Ich könnte mir aber vorstellen, dass ich mit einer Behinderung ohnehin schon die Aufmerksamkeit anderer Leute ("Gaffer") auf mich ziehe und dann müsste nicht unbedingt noch die Tür ungewollt von außen zu öffnen sein.

Und gar nicht geht sowas auf der Toilette. Da will ich meine Ruhe haben und nicht beobachtet werden. Ich mag sowas zwar überhaupt nicht, aber in einem solchen Fall würde ich dazu tendieren, es einfach beim Duschen laufen zu lassen. Ist zwar Schweinkram, aber wenigstens wird es gleich wieder weggespült. Machen zu Hause ja auch ganz viele, in öffentlichen Duschen finde ich es eigentlich ungehörig, aber das erscheint mir noch am "intimsten" - wenn man auf dem Thron schon nicht sicher ist vor neugierigen Blicken.

Es gibt echt so viele Dinge, auf die man als "laufender" Mensch gar nicht aufmerksam wird. Ich finde es toll, dass du darüber berichtest.

Anonym hat gesagt…

Sehr geehrte Bloggerin, ein Leser Ihres Blogs hat sich an das Büro der Senatskoordinatorin für die Gleichstellung behinderter Menschen gewandt und dort die von Ihnen beschriebenen Probleme bezüglich Behinderten-WCs an Bahnhöfen und in Badeanstalten vorgetragen. Da das Büro der Senatskoordinatorin in der Regel nur direkt dort gestellten Einzelanfragen nachgeht, habe ich mich bisher in dieser Angelegenheit nicht direkt an Sie gewandt, da Sie dies anscheinend nicht wünschten. Da die beschriebenen Probleme jedoch eindeutig mehr als eine einzelne Person betreffen und von allgemeinem Interesse sind, bin ich trotzdem der Angelegenheit nachgegangen und möchte heute kurz den Sachstand berichten: Die HHA hat das Schloss der von Ihnen beschriebenen Behindertentoilette überprüft und festgestellt, dass dort tatsächlich ein Baufehler vorliegt. Dieser wird behoben werden. Darüber hinaus wird die HHA nach und nach sämtliche Schlösser der von ihr zu betreuenden Behindertentoiletten überprüfen und gegebenenfalls so verändern, dass zwar im Notfall Hilfe geleistet werden kann, jedoch die Türen nicht von Passanten durch einfachen Knopfdruck zu öffnen sind.
Auch den beschriebenen Problemen in den Umkleiden und Behinderten-WCs der Bäderland GmbH wird nachgegangen und es wird versucht, auf eine sinnvolle Regelung hinzuwirken, die sowohl den Sicherheitsnotwendigkeiten als auch den Intimitätswünschen der Kundinnen und Kunden entspricht. Dies ist jedoch leider nicht so einfach zu lösen und wird sich daher noch etwas hinziehen.
Grundsätzlich möchte ich Sie ermutigen, sich bei Auftreten derartiger Probleme gerne direkt an mich zu wenden unter hannelore.witkofski@bsg.hamburg.de. Ich werde dann prüfen, auf welche Weise es mir möglich ist, dem jeweiligen Problem abzuhelfen.
Hannelore Witkofski
(Büro der Senatskoordinatorin für die Gleichstellung behinderter Menschen)

Olli hat gesagt…

Whow zum vorherigen Kommentar, Behörden sind manchmal doch etwas ganz dolles :-)