Donnerstag, 14. Oktober 2010

Hartz IV und keine Eva

Auch auf die Gefahr hin, dass ich mich hier völlig unbeliebt mache, muss ich mal etwas zur allgemeinen Hartz-4-Diskussion loswerden. Ich werde von unserem Nachbarn, der von ALG 2 lebt, fast jedes Mal, wenn ich ihn sehe, darauf angesprochen, dass man behindert sein müsste, um als Arbeitsloser in diesem Land genug Geld zu haben. Die Aussage an sich muss man wohl nicht diskutieren und meine erste Antwort, dass wir ja gerne mal tauschen könnten, verkneife ich mir inzwischen auch, weil es einfach keinen Sinn macht, sich mit ihm zu unterhalten.

Derselbe Nachbar erzählt uns auch gerne mal die neuesten Behindertenwitze. Im Prinzip haben wir alle nichts gegen solche Witze, auch wenn es immer schon ein wenig seltsam ist, wenn ein nicht behinderter Mensch, der sonst weiter nichts mit einem zu tun hat, sie erzählt. Aber der hier kam wohl kürzlich im Fernsehen, in welchem Zusammenhang auch immer, jedenfalls habe ich ihn danach schon öfter gehört: "Was ist der Unterschied zwischen einer Pizza und einem Rollstuhlfahrer? Die Pizza schreit nicht, wenn man sie in den Ofen schiebt."

Ja nee, is klar. Am besten eignen sich dafür Gas-Öfen, falls beim Reinschieben die Flamme ausgeht... Hat mal jemand einen Baseballschläger? Herrje, was gibt es doch für Wichser auf dieser Welt!

Heute stand dieser besagte Nachbar in unserer Tiefgarage, und als ich reinrollte, stand er gerade an meinem Auto und schaute hinein. Er grüßte nicht, sondern fragte gleich: "Na, Leihwagen?" Ich schüttelte den Kopf. "Hat Papa Staat finanziert, wa?" Ich schüttelte nochmal den Kopf. "Wer dann? Du selbst verdienst doch nichts. So groß kann deine Rente doch nicht sein, wie alt bist du jetzt?"

Ich antwortete frech: "Ich wüsste nicht, was dich das angeht, Nachbar." - "Man wird jawohl mal fragen dürfen, oder? Schließlich fährt ja nicht jede 18-jährige so ein Auto!" Hmm... wenn er weiß, wie alt ich bin, wieso fragt er dann? Mein einziger Kommentar: "Geh mal ausm Weg."

Ich habe kürzlich mal eine Aufstellung gemacht, was ich in den letzten Monaten ausgegeben habe. Pro Monat sind das meistens zwischen 1.000 und 1.200 Euro. Wenn ich jetzt bedenke, dass ich als Hartz-4-Empfängerin 359 Euro plus die Miete von 341 Euro bekäme, sind zusammen exakt 700 Euro; dass ich pro Monat rund 100 Euro für Kraftstoff und rund 200 Euro für Versicherung des Autos bezahle, frage ich mich gerade, was ich in meiner Rechnung übersehe.

Hätte ich das Auto nicht, würde ich mit der Bahn fahren. Oder mit dem Handbike. Es wäre alles beschwerlicher, auf jeden Fall, aber ich würde, wenn ich so zurecht kommen müsste, auch zurecht kommen. Viele Wege fahre ich ja schon freiwillig mit Bus und Bahn und Handbike. Ich könnte zumindest hier in der Großstadt auf ein Auto verzichten. Unter deutlichen Einbußen am Komfort, aber ich kann es mir vorstellen.

Okay, ich müsste mir als Fußgänger eine Fahrkarte kaufen, die ich als Rollstuhlfahrerin ja im Nahverkehr nicht benötige. Eine Monatskarte für Hartz-4-Empfänger kostet derzeit rund 38 Euro, die wären nochmal abzuziehen. Und ich habe auch nicht jeden Monat mit 1.000 Euro gelebt, sondern manchmal auch mit 1.200 Euro. Aber: Ich habe sehr gut gelebt. Ich habe nicht darauf geachtet, möglichst sparsam zu leben, im Gegenteil. Ich habe mir Klamotten gekauft (nicht viele, ich habe beispielsweise nur drei Paar Schuhe und drei Jacken, eine für warm, eine für kalt, eine für Regen, fünf oder sechs Hosen, ...), ich bin sehr oft mit Freunden Essen gewesen, manchmal im Kino, habe Tagesausflüge gemacht, Eis gegessen, unterwegs was zu trinken gekauft - und ich kaufe nicht mal im Discounter ein.

Ich hätte also, wenn ich darauf angewiesen wäre, noch locker Einsparpotenzial. Am meisten macht vermutlich aus, wenn man zusammen und in großen Mengen kocht, sich Lebensmittel einfriert und überwiegend Wasser aus dem Hahn mit Sprudel trinkt. Wie das bei mir oder in meiner WG der Fall ist.

Das soll bitte keiner falsch verstehen! Ich will auch nicht als zweite Eva Herman daherkommen und jemandem Lebenstipps geben. Auch möchte ich nicht von ALG 2 leben müssen. Aber ich bin überzeugt, dass ich das hinbekäme, wenn es mal dazu kommen sollte, und hoffe, niemals eines besseren belehrt zu werden.

Kommentare :

alza hat gesagt…

Ich war bis vor kurzem auch Hartzie. Mit den Alltagsausgaben kam ich auch klar, eng wurde es bei Sonderdingen. Wie etwa, als mir das Krankenhaus eine Rechnung über Zuzahlung für einen Monat Aufenthalt schickte. Das war dann einfach nicht drin. Oder die Reparatur meines Radios (oder eben ein neues). Es sind halt diese Sonderausgaben, die mich aus der Bahn werfen konnten. Ich kam knapp über die Runden, hatte auch noch gewisse Freiheiten, aber das Bilden von Rücklagen fällt nicht leicht. Ich war nie im Kino, gab dafür aber ein paar hundert Euro im Jahr für Behandlungen und Materialien dazu aus, die keine Krankenkasse bezahlt.

Dazu kommt noch die ständige Gängelung und Stigmatisierung, weil "die Hartzies" eh nix können und machen und doch alle Alkoholiker sind. Ich persönlich habe einen guten Grund gehabt, aber das interessierte in der allgemeinen Diskussion erst mal immer keinen, das Bild wird von den Leuten dominiert, die halt die Ekel sind, auf allen Seiten. Herablassend behandelt wurde ich immer erst mal, besonders auf dem Amt selbst. Das gibt einem nicht gerade das Gefühl "du bist grad in ner Scheißphase, es gibt keine Jobs für dich, wir helfen dir da raus." Ich wurde da als Gegner gesehen, nicht als "Kunde", und ich gehöre definitiv nicht zu denen, die da unfreundlich sind oder gar auf all ihre Rechte pochen.
Die Diskussion in Zeitungen etc. führt tendenziell dazu, dass man irgendwann der gesamten Gesellschaft den Stinkefinger zeigt. Wieso sollte ich bei Euch mitmachen, wenn ihr mich eh verachtet? Es gibt genug "Angebote", die einen einfach nur verarschen. Arbeit um jeden Preis motiviert nicht, wenn man weiß, dass man mit seinen 325€-Job die Arbeit macht, die vor zwei Jahren noch jemand richtig bezahltes gemacht hat. Und sagen darf man auch nix, sonst ist man wieder draußen und kriegt das Hartz IV gekürzt.

Ach ja, und noch ein Posten sind die Anstrengungen aller Art, wieder da raus zu kommen. Ich kann zu einem Bewerbungsgespräch nicht in Hartz-IV- Klamotten hingehen, und die Pauschale, die es gibt, reicht nicht für die 15 Bewerbungen, die man im Monat abschicken muss. Den Posten hatte ich z.B. nicht zu tragen (wegen Krankheit).

tobi hat gesagt…

Jule du musst aber bedenken das er nicht 700€ bekommt, sondern doch nur die 359€ zum leben hat. Wohnen tut er dafuer kostenlos. Sehr schwer ist es fuer Kettenraucher mit so wenig Geld auszukommen.

Christian hat gesagt…

Hallo Jule... nur vorweg: das folgende ist für mich vollig unabhängig von Deiner Behinderung...

Ich will nicht abstreiten, dass Du es schaffen würdest und ich will auch nicht abstreiten, dass es genug H4-ler gibt, die sich über Ihre Situation beschweren, ohne selbst etwas dafür zu tun aus der Situation herauszukommen.

Aber wie Du schon sagtest. Du lebst derzeit gut. Du gehst mit Freunden Essen, gehst ins Kino oder machst Tagesausflüge, leistest Dir ein Eis oder gönnst Dir etwas neues zum anziehen.
Wahrscheinlich würdest du ohne Probleme 2-3 Monate ohne all diesem Luxus auskommen. Aber spätestens wenn dies zu einem länger andauernden Zustand werden würde, würdest Du Dich nach diesen Kleinigekeiten zurücksehnen und Du wärst es leid, jeden Cent 2x rumzudrehen.

Ich verdiene ganz ok und bin froh kein Hartz4 beziehen zu müssen. Aber ich glaube nicht dass sich Leute wie Du und ich, die sich momentan keine Sorgen um Geld machen müssen in die Lage eines Langzeitarbeitslosen hineinversetzen können, der vielleicht gerne arbeiten würde, aber es, aus welchen Gründen auch immer, nicht kann. Genausowenig können wir seine Lage von oben herab objektiv bewerten. Ich glaube der permanente Gedanke Geld einsparen zu müssen, der Verzicht auf jede Art von Luxus und die Tatsache, dass um dich herum alle Leute mit einem Job Dir Deinen Traum von "finanzieller Unabhängigkeit" vorleben - das macht einen vermutlich auf Dauer (!) ziemlich mürbe und perspektivlos.

Markus hat gesagt…

Dann lebst du vermutlich sehr bescheiden. Mein Vater ist Beamter im Ruhestand, hat 2.100 Euro Rente ausbezahlt und mault ständig rum, dass er sich ja nichts mehr leisten kann. Ich arbeite Vollzeit und bekomme etwa 1.400 Euro überwiesen und maule nicht rum, weil ich sehe, wie viele Menschen mit deutlich weniger klar kommen müssen. Ich finde es gut, Jule, dass du nicht abdrehst, auch wenn mit dem, was du von der Unfallversicherung monatlich bekommst, deutlich mehr drin wäre.

strelok hat gesagt…

habe momentan als selbstständiger 2100 im monat raus, abzüglich KV, kfz-rate und versicherung bleiben 1400 übrig. 500 gehen für abzahlung der shculden durch forderungsausfälle, rest geht in die haushaltskasse, da die miete etc. vom konto der freundin abgebucht wird.
bin froh, dass der aktueller auftraggeber die spritkosten von 400€ im monat mit einer Tankkarte übernimmt. es war sonst sehr knapp, auch wenn es bis zu 3500€ im monat gab...

alles in allem käme man aber auch mit hartz4 klar, es gäbe halt ne kleinere wohnung... und wer keine arbeit findet, kann ein kleingewerbe anmelden und als Stagehand aushilfstätigkeiten verrichten. das kann man bei gefallen auch zum hauptberuf umwandeln, denn damit sind locker bei guter leistung in jedem alter in jeder größeren Stadt oder in deren nähe bis 1800 monatlich zu machen... man bekommt im schnitt 10,5 je std auf rechnung, und wenn man gut ist können es auch 25 als Messebauer werden... also gut ausbaubar für handwerker aller richtungen...

Jule hat gesagt…

Ich habe es schon gesagt und ich will es auch nochmal ganz fett unterstreichen: Ich will hier keine polemische Diskussion gegen Arbeitslose anfangen. Und es ist richtig, ich kann mir nicht vorstellen, wie es ist, wenn man lange arbeitslos und von Existenzsorgen gequält ist. Ich bin sehr froh, dass ich kein Hartzie sein muss (bei mir würde es vermutlich "Hartzer Roller" heißen) und ich beneide auch niemanden darum.

Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass die Situation auf lange Zeit unerträglich ist. Ich möchte unbedingt verstanden haben, dass ich nichts gegen Leute habe, die keinen Job haben oder die wenig Geld haben. Ich kenne auch genügend Leute, die genauso denken und finde es auch äußerst wichtig, Menschen nicht danach zu beurteilen, ob sie gerade Arbeit haben, denn das hängt nicht nur von einem selbst ab. Einige sehr gute Freunde kommen aus Familien, die von ALG 2 leben. Das alles sagt aus meiner Sicht nichts über den Menschen aus, der sich in dieser Situation befindet.

Ich bin auch schon oft genug wegen meiner Behinderung dumm in einer Amtsstube gestanden und kam mir vor als hätte ich einen Becher in der Hand und wollte mir etwas vom Gehalt der dort angestellten Mitarbeiter zusammenbetteln wollen. Ich kann gut nachvollziehen, wie man sich fühlt, wenn einen anderen spüren lassen, dass sie etwas besseres sind.

Was mir hier bei diesem Typen nur so sagenhaft auf den Wecker geht, ist, dass er so tut, als hätte ich ihm sein Geld weggenommen. Und als würde ich etwas gegen ihn haben, nur weil er "Hartzie" ist. Das stimmt eben nicht - ich habe was gegen ihn, weil er ein Arsch ist. Hartzie hin oder her.

Mir ist auch klar, dass ich, wenn ich wirklich mit 700 Euro auskommen müsste, von denen 341 für die Miete weg gehen, vermutlich nicht mehr so reden oder so schreiben würde. Sondern ganz schön dicke Backen machen würde, vor allem, weil ich den Satz eben nicht überziehen könnte, wenn er dann doch nicht reicht.

Ich hatte (habe) einfach ein gewisses Rechtfertigungsbedürfnis meinem bescheuerten Nachbarn gegenüber. Wie ich schon mehrmals sagte, ich möchte niemandem Tipps geben und ich kann mich tatsächlich nicht wirklich in die Situation reinversetzen. Das muss ich zugeben, vor allem, wenn ich immer wieder sage, dass sich Fußgänger auch nicht in die Situation eines Rollstuhlfahrers reinversetzen können. Manche mehr, manche weniger, aber niemand wirklich komplett, schon gar nicht nach einmal ausprobieren oder sechs Wochen Bandscheibenschaden.

Also bitte, ich will niemandem etwas böses. Okay?

Christian hat gesagt…

Zumindest ich hab das auch nie so verstanden :)

Alza hat gesagt…

Ich habs auch nciht so verstanden, und eigentlich wollte ich nur mal so einen Erfahrungsbericht reinschreiben, und nicht finster geifernd dahinmeckern. Ich hab wohl kein Schreibtalent, und die Erwähnung von Frau H. hat Beißreflexe ausgelöst.

Tschuldigung, falls ich hier Eindrücke verbreitet habe oder so.

*rot anlauf*

Jule hat gesagt…

@Alza: Nein, das bezog sich nicht auf dich oder deinen Beitrag. Im Gegenteil, ich habe einfach Angst, in einer recht explosiven öffentlichen Debatte falsch verstanden zu werden und plötzlich durch Äußerungen, die ich als noch sehr junge Frau vielleicht aus fehlender Erfahrung noch zu naiv tätige, mich selbst ins Abseits zu befördern.

Mein Kommentar bezog sich auf keinen der vorangegangenen Kommentare, sondern war nur eine Ergänzung, die ich für nötig hielt, als ich selbst meinen Beitrag noch einmal gelesen hatte.

Blindfisch hat gesagt…

Hallo Jule,
ich finde jeder sollte leben wie er es für richtig hält =) aber bei mir rollen sich z. B die Fußnägel wenn ich die Leute höre die sich über den STaat beschweren, weil sie ja SO wenig bekommen würden.

Ich habe bereits schon mit Sozialhilfe und Tafel gelegt es war keine leichte Zeit, aber wir haben es überlebt. Derzeit leben wir von Wohngeld, Unterhalt, Kindergeld, ALG I und zwei 400 €, hinzu kommt das ich vom Amt meine Ausbildungsvergütung bekomme in Höhe von 310 €. Diese 310 € habe ich für mich für den Monat und davon kann ich sehr sehr gut leben und ich muss sagen es gibt Momente in denne ich mir total schlecht vor komme, weil miene Mutter nich eiß wie sie die REchnung bezahlen soll und bei mir "stapelt" sich das Geld.

wie gesagt ich finde jeder muss slebst wissen wie er lebt und sollte dahinter auch stehen

Anonym hat gesagt…

Die Angst sich ins Abseits zu befördern ist doch nur dann notwendig, wenn jemand nicht bereit ist, nach zusätzlichen und vielleicht richtigerern Argumenten seine eigene Position zu überdenken und Irrtümer einzugestehen. Vor einer Falschen Meinung oder einem Vorurteil ist niemand gefeit. Das kommt in den besten Familien vor. Seinen Irrtum dann anzuerkennen und das auch kund zu tun zeugt eher von Stärke und wird von keinem offen denkenden Menschen zum Vorwurf erhoben werden können. Wäre das nicht Möglich, könnte doch niemand mehr eine Meinung abseits des "Trends" oder der PC beziehen. Aber gerade auch extreme Meinungen (was deine Äußerung ja nun nichtmal war) bringen die Diskussion und die Auseinandersetzung doch oft am weitesten voran - wenn sie nicht fanatisch vertreten werden.

Das Recht der freien Meinungsäußerung bindet auch die Chance zur Erkenntnis mit ein, wenn man bereit ist dazu zu lernen. Von soher solltest du es niemals scheuen deine Meinung laut oder öffentlich aus zu sprechen, solange du bereit bist, sie bei Bedarf eventuell zu überdenken.

In diesem Fall hinkte einfach das Beispiel und du hast es eigentlich selber schön erfasst: Genau so wenig wie sich ein Läufer durch kurzes Probieren in die Situation eines Rollis versetzen könnte, kann man freiwillige finanzielle Einschränkung mit festgelegter finanzieller Eingeschränktheit vergleichen. Allein schon weil einen im Selbstversuch die Stigmatisierung von außen und die permanenten Angriffe auf das eigene Selbstwertgefühl einfach nicht treffen. Und genau wie es eben Rollis gibt, die tagein, tagaus nur eifersüchtig auf die Gehfähigkeit anderer schauen, gibt es eben auch Harzler, die jedem anderen das finanzielle Auskommen neiden. Nicht wirklich clever, aber dummeweise ungeheuer menschlich ;-)

Schön unartig bleiben....

Steffen

CJ hat gesagt…

Jule, du scheinst ein sehr harmoniebedürftiger Mensch zu sein. Das finde ich toll, ich mag keine Streithähne.

Manchmal muss man aber streiten, weil viele Menschen anders ihre Grenzen nicht verstehen. Also lasse dich hin und wieder auch gerne mal zu einer riskanten Äußerung hinreißen.

Wie Steffen schon sagte: Wichtig ist nur, dass du offen für eine Diskussion über deinen Standpunkt bist und auch bereit bist, diesen zu überdenken. Damit ist nicht gemeint, dass du wie eine Fahne dich sofort jeder neuen Windrichtung anpassen sollst, sondern dass du nicht darauf beharrst, immer recht zu haben.

Es kann sogar sein, dass man trotz anderer Argumente bei seiner Meinung bleibt, weil man selbst findet, dass die eigenen Argumente trotzdem überwiegen. Solange man "trotzdem" nicht mit "Trotz" in Verbindung bringt, ist alles gut.

Und es ist auch erlaubt, mal den Mund aufzumachen, ohne alle Hintergründe und alle Fakten zu kennen. Und es ist auch erlaubt, neue "Fakten", die dein Gegenüber als Gegenargument in den Raum wirft, kritisch zu hinterfragen. Man muss nur bereit sein, dazuzulernen, seinen Horizont zu erweitern und neue Meinungen zu bilden.

Du hast selbst gemerkt, dass der Vergleich hinkt, weil du eben nicht dieser Stigmatisierung ausgesetzt warst und auch nicht wirklich diese finanzielle Grenze hattest. Es ist ein großer Unterschied, ob jemand freiwillig mit wenig Geld auskommt oder gezwungenermaßen. Ich finde es aber dennoch gut, dass du auf dem Boden geblieben bist. Ich hätte es nicht gekonnt, wenn mir als 18-Jähriger jemand mehr als 50 Euro in die Hand gedrückt hätte.

Jule, trau dich einfach. Du kannst es eh nicht jedem recht machen. Und deine Freunde sind auch dann deine Freunde, wenn du mal nicht ihrer Meinung bist. Hauptsache, du bist du selbst.

DBM hat gesagt…

Ach Jule, ich schenk dir eine Tüte Selbstbewusstsein. Niemand verlangt von dir in deinem öffentlichen Tagebuch einen politisch korrekten und bis in alle Eventualitäten und Standpunkte durchdachten Spiegel-Artikel über ein Thema, das hochdotierte Personen an den entscheidenden Stellen auch nicht in den Griff bekommen (wollen). Ich finde, dein erster Beitrag ist kein No-Go und wir wissen, dass du für dein Alter sehr reflektiert und ein sehr altruistischer Mensch bist. Ich mag das an dir, du musst dich nicht rechtfertigen.

Sofie hat gesagt…

Ich warte immernoch auf den Moment, in dem Herr M. seine Grenzen so weit überschreitet, dass es für eine Strafanzeige und eine finale Beschwerde beim Vermieter reicht. Dass er etwas gegen Behinderte hat, ist allgemein bekannt und ich war ebenfalls schon etliche Male Zielscheibe seiner verbalen Entgleisungen. Leider nur jeweils ohne Zeuge.

Dein Wortspiel mit dem Gas-Ofen kommt vermutlich auch nicht von ungefähr: Ich durfte mir auch schon anhören, dass wir ja so froh sein können, in der heutigen Zeit zu leben, weil man heute Mitleid mit uns Behinderten hat und sie leben lässt. Auch früher hatte man Mitleid, hat sie nicht vergast, sondern ihnen nur die Giftspritze gegeben, was ja wesentlich angenehmer sei. Aber so seien eben die Zeiten damals gewesen. Er habe nichts gegen Behinderte, im Gegenteil, er freue sich mit uns, dass wir es heute so gut hätten. Es sei ja auch alles so viel schöner geworden, es gebe bunte Rollstühle und so...

Irgendwann bekommt er seine gerechte Strafe. Man darf sich nur nicht zu unüberlegten Dingen hinreißen lassen, sondern muss den längeren Atem haben.

Anonym hat gesagt…

Ich will dir kurz aushelfen, Jule. In deinem Leben gibt es Menschen, die dir schweren Schaden zugefügt haben. Und immer noch zufügen.
Es gibt Menschen, die das (so) sehen. Aber nicht sichtbar sind weil sie sich selbst schützen. Genau diese Menschen aber verhelfen dir zu deinem Recht. Und dein Recht ist es, ein ordentliches Leben zu führen. Völlig unabhängig besitzt niemand das Recht anderen zu Schaden. Und wenn doch, dann haben diese Menschen auch die Konsequenzen zu tragen. Dein Auto ist nichts anderes als ein Stück Normatlität, das wir dir in so einem Falle schenken möchten.

LG, Alexander

Alejandro hat gesagt…

@Alexander: Häh was? Wer schenkt Jule das Auto? Ich steh auf dem Schlauch.

Wunderlich hat gesagt…

So wie dein letzter Kommentar war,hast du schon selbst, glaube ich, eingesehen, dass dein Vergleich nicht gestimmt hat. Aber ich muss das trotzdem kommentieren, weil mir immernoch zu viel relativiert wurde.

Es hat nicht mal was mit langer Dauer oder Perspektivlosigkeit zu tun, sondern es ist schon so einfach fast unmöglich von diesem wenigen Geld auszukommen.
Du hast viele Freunde und viele Leute, die sehr oft Vergünstigungen für dich herausholen (ich lese das oft und ich finds auch nicht schlimm, aber es ist so). Das Glück und die Stärke hat in so einer Situation nicht jeder.

Als ich Hartz IV bezog (es ist diskriminierend jemanden Hartzler zu nennen, ich mochte nicht darauf reduziert werden), konnte ich schon auch eifach mal nicht zum Arzt gehen, weil ich die 10 Euro nicht hatte - die Medis aus der Apotheke kommen dann dazu.
Und ich hatte auch keine Winter- und Sommersachen, Schuhe, Möbel, Geschirr in auch nur notwendigen Mengen. Es hat überall an allem gefehlt.
Die Miete hat das Amt übrgens auch nie ganz übernommen, sodass mir davon llegalerweise noch was von meinem Essensgeld weggennommen wurde. Von meinem Telefonanbieter wurde ich über dne Tisch gezogen.
Wenn man aber keinen Anwalt zum Freund hat und einen auch die üblichen Beratungsstellen im Regen stehen lassen, hat man dann ein ziemliches Problem.
Das nur mal zur Verdeutlichung. Es gab Tage, an denen ich nichts zu essen hatte. Und ich rauche nicht.

Deshalb, auch wenn du jetzt vielleicht schell reflektiert hast, dass das [b]so[/b] nicht stimmt, ich musste loswerden, dass es [b]ganz und gar nicht[/b] stimmt.