Montag, 4. Oktober 2010

Mission gescheitert

Ich weiß nicht, was wir verkehrt machen. Wir kommen keinen Schritt mehr weiter. Auch wenn seit heute Ferien sind, geht mir eine Sache nicht aus dem Kopf: Es geht dabei um Fatma, eine Rollstuhlfahrerin, die seit diesem Sommer an meiner Schule unterrichtet wird. Sie spricht wegen ihrer Behinderung, ich vermute, es ist ein so genannter frühkindlicher Hirnschaden (Zerebralparese), etwas langsam und undeutlich, dafür aber eher laut. Sie wirkt auf mich sehr intelligent, sie spricht perfekt Deutsch - aber sie hat die gesamte Zeit ihre Mutter dabei, die sich mit ihr ausschließlich in türkischer Sprache unterhält.

Ja, richtig, die Mutter sitzt im Unterricht permanent neben ihr. Die Mutter ist, von einem Sehschlitz abgesehen, total verhüllt (Çarşaf), Fatma ist ebenfalls von den Knöcheln bis zur Haarspitze verhüllt, jedoch schaut bei ihr das ganze Gesicht raus. Die Mutter ist dabei, weil Fatma angeblich nicht ohne Assistenz zurecht kommt. Die Mutter schiebt sie, reicht ihr jeden Stift, jedes Lineal, führt ihr sogar das Glas mit dem Wasser zum Mund. Obwohl ich glaube, dass die meisten meiner Leser wissen, dass ich mich für äußerst tolerant und offen halte, möchte ich noch einmal betonen, dass es mir absolut egal ist, wie sich jemand kleidet. Sicherlich finde ich das eine besser, toll oder passend und das andere unvorteilhaft, albern, geschmacklos oder noch ganz anders, aber letztlich muss das jeder für sich selbst entscheiden. Genauso muss auch jeder für sich entscheiden, ob er sich aus religiösen oder anderen Gründen verhüllen will, ein Kopftuch oder einen Schleier tragen möchte. Drei andere Schülerinnen aus meinem Jahrgang tragen ebenfalls Kopftücher, daran stört sich auch niemand. Ich möchte mir auch keineswegs anmaßen zu beurteilen, ob jemand in der Schule Assistenz benötigt oder nicht. Es gibt genügend Menschen mit Behinderung, die ihren Zivi mit in die Schule bringen oder ohne persönliche Hilfe gar nicht zurecht kämen.

Fatma allerdings scheint dermaßen unter dieser Situation zu leiden, dass ich ihr gerne helfen möchte. Sicherlich kann ich nicht die ganze Welt retten. Aber ich habe nicht nur das Gefühl, sondern einen erheblichen Verdacht, dass sie sehr leidet und permanent unterdrückt wird. Zum Beispiel dürfen Mitschüler nicht mit Fatma sprechen. Sobald jemand sie anspricht, faucht die Mutter dazwischen. Fatma selbst redet nur, wenn sie vom Lehrer gefragt wird. Jede Pause schiebt die Mutter sie raus, geht mit ihr auf die Toilette, zum Unterricht sind beide wieder da. Es ist eine absolut erdrückende Situation, wenn Fatma (und Mutter) in meiner Nähe sind.

Ich bin mir sehr sicher, dass das Mädchen sehr viel selbständiger sein könnte. Keine Frage, es ist toll, wenn sich jemand intensiv um sie kümmert. Aber es kann doch nicht sein, dass sie keine eigenen Kontakte aufbauen darf, dass sie nicht mal mit irgendwem kommunizieren darf, ohne Angst haben zu müssen. Wie soll so ein Mädchen ein Abitur, eine Reifeprüfung, ablegen? Die Lehrer scheinen mit der Situation überfordert zu sein, tun mal wieder so, als wäre alles in Ordnung, und schauen weg. Letztlich würde wohl auch zu viel Druck nichts bringen, denn ich fürchte, dann würde Fatma aus der Schule genommen oder auf eine andere Schule geschickt werden.

Kürzlich hat eine Mitschülerin (eine von den drei Kopftuch-Trägerinnen) versucht, mit der Mutter zu sprechen. Auf türkisch, sehr freundlich. Sie hat wohl auch drei Sätze gesagt, allerdings nur belangloses Zeug. Die Mitschülerin hat den Eindruck, dass die Mutter auch massiv unter Strom steht. Sie hat dann gefragt, ob sie nicht mal mit Fatma zusammen lernen darf. Sie würde gerne Hausaufgaben mit ihr zusammen machen oder für Klausuren üben. Nein, nichts zu machen. Ich habe die Mutter schon gefragt, ob Fatma nicht mal an einem Mobilitätstraining teilnehmen will - nachdem ich Fatma das nicht fragen durfte. Damit sie wenigstens mal lernt (so habe ich das natürlich nicht ausgedrückt), wie man Rollstuhl fährt. Keine Chance. Wir alle sind mit unserem Latein am Ende und höchst unzufrieden. Absolut ätzend!

Kommentare :

Anonym hat gesagt…

Solang der Staat erlaubt, das die frauen hier, genau wie in ihrer heimat, unterdrückt werden, kann man nichts gegen tun.

Sally hat gesagt…

Da wird das Mädchen durch seine Mutter aber ordentlich davon abgehalten, sich möglichst selbstständig und unabhängig zu entwickeln...

Blöde Frage, aber ist das überhaupt "erlaubt"? Na ja, ich mein', man darf ja z. B. ein Schüler-Betriebspraktikum auch nicht direkt bei einem Elternteil machen.... Blöder Vergleich, ich weiß.

Ist es nicht eigentlich sogar Pflicht, dass solche Aufgaben durch einen Integrationshelfer erledigt werden?

Anonym hat gesagt…

Pfff, ganz schön verfahrene Siuation. Eigentlich wäre das doch mal ein prädestinierter Fall für den netten (Ober?-)Studienrat, der sich vor nicht all zu langer Zeit Sorgen über deine soziale Integration gemacht hat. Aber vielleicht gelten auch interkulturell adere Maßstäbe bei der Bewertung geglückter integration (und da meine ich jetzt nicht migrationstechnische).

Andererseits ist jedoch auch die eigene Auflehnung der wichtigste Schritt zur Selbstbestimmung. Du hast das selbst ja schon in einigen anfänglichen Beispielen hier öffentlich gemacht und es sicher noch viel intensiver und weitreichender gelebt, als du dich für deine eigene Selbständigkeit entschieden hast.

Wenn ihr also hingeht und Fatma die Freiheit - sei es auch noch so gut gemeint - "aufdrängt", ohne dass der Antrieb dazu von ihr selbst gekommen wäre, dann könnte sich das als Sackgasse erweisen. Manchmal muss der "Leidensdruck" erst gehörig anschwellen, bis das Ventil platzt.

Vielleicht gibt es ja doch den Weg, den ein oder anderen aus der pädagogischen Crew ins Boot zu holen. Könen ja nicht alles Sturköpfe sein. Und wenn sie nur auf Fragen der Lehrer antwortet, wäre vielleicht eine (im Unterricht und thematisch passend gestellte) Frage zum Thema Selbstbestimmung/Selbstwahrnehmung ein interessanter Ansatzpunkt.

Ferner lebst du ihr ja auch ganz praktisch vor, was Eigenverantwortung und Selbständigkeit bedeuten können und welche Qualitäten sich daraus ergeben. Wobei genau das natürlich auch eine Wirkung auf den Druck hat, unter dem sie steht. Sie sieht, was sie haben könnte und erlebt dadurch um so erstickender was sie hat. DAS ist sicher die größte Hilfe, die du geben kannst: praktische Beweise. Aber auch ein ganzer Haufen Verantwortung, denn am eigenen Gefängnis, kann Mensch auch zerbrechen.

Ich drück dir jedenfalls die Daumen für ein gutes Augenmaß

Steffen

Anonym hat gesagt…

Hallo,
ich kann Steffens Meinung da nur unterstützen. Was ich mich als erstes gefragt habe war jedoch auch, ob es erlaubt ist, dass die Mutter die Tochter in den Unterricht begleitet. Ist diese Form der Begleitung gang und gäbe? Oder übernehmen das nicht vielmehr speziell ausgebildetete Fachkräfte? Außerdem denke ich auch, dass sich vielleicht ein Lehrer finden lässt, der das ähnlich sieht und euch unterstützt. Schließlich ist eure Schule gut dabei und unterstützt Rollstuhlfahrer anscheinend sehr gut und versucht diese durch integrativen Unterricht zu möglichst viel Selbstständigkeitzu verhelfen. Da sollte dies doch auch bei Fatma der Fall sein. Jedoch stimmt es denke ich auch, dass, Solange Fatma selbst sich nicht dazu äußert und sei es weil sie Angst hat vor ihrer Mutter, wird sich denke ich nichts ändern.
Manchmal muss es leider erst richtig krachen, bevor sich was ändern kann...

Liebe Grüße

Sarah

Asinello hat gesagt…

Was Du beschreibst, zeigt die praktische Bedeutung des Wortes "behindert". Es gibt leider immer wieder Leute, die - stets unter dem Vorwand, es besonders gut zu meinen - Menschen in ihrem Umfeld gezielt und systematisch unselbständig (und damit abhängig) machen, um sie "nach ihrem Bilde zu formen". Das gibt es leider so häufig (Stichwort "Helikopter-Eltern"), dass es erst in überdeutlichen Fällen überhaupt auffällt. Dann braucht's engagierte Fachkräfte, die die Erziehung der Eltern übernehmen.

Im geschilderten Beispiel häufen sich zudem die Anlässe für Vorwände. Fatma ist ein Kind der Familie (das umsorgt werden muss), dazu ein Mädchen (das einem bestimmten Rollenbild entsprechen soll), und dazu noch ihren Möglichkeiten eingeschränkt ("Lass mich mal, das kannst du ja doch nicht") - für einengende Überfürsorge ein ideales Opfer.

Das Ergebnis solcher Mühen ist, dass das Opfer nach einiger Zeit nicht mehr behindert, sondern weitgehend behilflost wird.

Ein erhöhtes Maß an Frömmigkeit (inclusive Regeln und Verboten) passt zwar als Ergänzung solch eines Bildes (und liefert ein paar "objektive" Vorwände mehr), dieses Spiel funktioniert aber auch ohne alle Religion (oder "Migrationshintergrund").

Bei solchen Geschichten geht es nur vordergründig um Fürsorge. Die ist das Werkzeug, das Mittel zum Zweck. Im Kern geht es ganz massiv um Macht.

Den Tätern kann manchmal zugute gehalten werden, dass ihnen dies meist nicht bewusst ist (was ich bei so offensichtlicher Isolation ausschließe), und dass sie nicht einmal ahnen, was sie bei denen anrichten, die nicht gefragt werden, ob sie diese passive Rolle wünschen (was ihnen von kompetenter Seite aber auch gesagt werden sollte).
Von derlei zärtlicher Rücksicht (und Konjunktiven) wird's aber nicht besser.

In solchen Fällen ist jedes Angebot sinnvoll, das (notfalls als versehentliches "Nebenprodukt") die Selbständigkeit und Selbstvertrauen der Betuttelten fördert (und den Aufsehern ihren ach so verantwortungsvollen Job erleichtert): Irgendwoher muss der Wunsch, aus dem Goldenen Käfig auszubrechen, ja kommen.

Wer - wie Deine kopftuchtragende Mitschülerin und Du damals - nicht über den Machtapparat einer Institution verfügt, kann da nicht mehr tun als freundlich anbieten und anregen. Mehr als das Mögliche kann niemand leisten.

Aber das Mögliche überhaupt probiert zu haben, das spricht für Euch. Und dass diese Geschichte hier immer noch zu lesen steht, gibt Gelegenheit zum Mitdenken und Lernen. Und hoffentlich ein Tröpfchen mehr, das hilft, irgendwo ein Fass endlich zum Überlaufen zu bringen.

Es ist frustrierend, da nur hilflos zuzusehen.
Beschämend wäre allerdings, nur zugesehen (und getuschelt) zu haben, ohne das Mögliche ausgelotet und probiert zu haben.


Asinello
(der einem solchen Goldenen Käfig selbst nur knapp entkommen ist, dieses Blog gerade "von Anfang an" liest und zuweilen die Finger nicht stillhalten kann, selbst wenn das Posting "uralt" ist)