Freitag, 15. Oktober 2010

Natascha

Den Kommentaren auf meinen gestrigen Beitrag über den arschigen Nachbarn zufolge, haben die meisten Leser mich doch so verstanden, wie ich es sagen wollte. Dass ich nicht gegen alle Hartz-4-Empfänger wettere, sondern lediglich gegen einen ganz bestimmten. Und gegen den nicht, weil er Hartzie ist, sondern weil er ein Arsch ist. Aber das Thema ist aus meiner Sicht erstmal geklärt.

Und damit kann ich ja zum nächsten Schlag ausholen. Als Angehörige einer gesellschaftlichen Randgruppe habe ich mir ein neues Opfer aus einer anderen gesellschaftlichen Randgruppe ausgesucht, um auf ihm herumzuhacken. Gestern der Arbeitslose, heute jemand, der sich in seinem Körper unwohl fühlt. Man beachte meine Ironie.

Aus Sicht meines Vaters wurden Homo- und Bisexuelle als Kind mal zu heiß gebadet oder sind von der Wickelkommode gefallen. Ihn würde es schon zur Verzweifelung treiben, dass seine Tochter mit einer anderen Frau im Bett liegt und kuschelt. Bekleidet und ohne jeglichen sexuellen Hintergrund (so etwas soll es geben!) jemand anderen zu massieren oder zu kraulen, wenn man ihn lieb hat, gerne mag, wäre für meinen Vater absolut undenkbar. Dass die Tochter, die das macht, auch noch behindert ist und die Empfängerin dieser Zärtlichkeit möglicherweise auch noch, wäre möglicherweise das Tüpfelchen auf dem i, möglicherweise auch eine Entschuldigung - ich weiß es nicht, möchte nicht darüber nachdenken und werde es meinen Eltern auch niemals erzählen. Dem Rest meiner Familie auch nicht, denn dort wird man auch nicht anders denken. Ich bin aber auch sehr froh, sagen zu können, dass ich zumindest in dieser Hinsicht auf deren Meinung keinen Wert mehr lege.

Eine derartige Haltung gegen Homo- und Bisexualität erlebe ich leider viel zu häufig, vor allem bei älteren Menschen. Ich weiß, dass sich homosexuelle Menschen früher sogar fast automatisch strafbar gemacht haben. Unglaublich. Unverständlich. Nein, homosexuell bin ich nicht. Bisexuell vielleicht. Vielleicht ein bißchen, vielleicht auch mehr. Ich weiß es nicht. Es ist mir aber auch relativ schnuppe. Wenn mir also jemand erzählt, er sei homo- oder bisexuell, ist es in etwa so, als würde mir jemand erzählen, dass es draußen regnet. Habe ich trockenes Wetter erwartet, überrascht es mich. Aus der Fassung schlagen würde es mich allenfalls, wenn es saure Gurken oder krumme Nägel regnen würde.

Dass es Menschen gibt, die sich in ihrem Körper mit ihrem von der Natur vorgegebenen Geschlecht nicht wohl fühlen, ist mir auch bekannt. Ich bin ganz froh, ein Mädel zu sein. Im Stehen pinkeln könnte ich sowieso nicht, also ist alles okay. Dass sich manche Menschen Kleidung des anderen Geschlechts anziehen, finde ich sogar spannend. Einer von vielen Gründen, warum man mich jedes Jahr wieder auf dem Christopher-Street-Day findet. An einem See, an dem wir manchmal trainieren, läuft auch immer ein Typ in Ballett-Kleidern rum oder geht sogar damit schwimmen. Früher, vor meiner Behinderung, hätte ich geglotzt. Ungläubig, wie ein Straußenvogel, dem sie ein Ei aus dem Nest geklaut haben. Heute, wo ich Füße mit 8 Zehen und Hände mit 3 Fingern gesehen habe, mit Hautlappen geschlossene Rückendefekte, so groß wie ein Bierdeckel, oder eitrige Druckgeschwüre mit freier Aussicht bis zum Knochen, haut mich doch kein Typ im Tutu mehr aus dem Stuhl. Der entlockt mir vielleicht noch ein herzliches Schmunzeln.

Ich weiß allerdings, dass viele Menschen sich nicht hineinversetzen können, wie es in Menschen aussieht, die sich in ihrer Haut nicht wohlfühlen. Ich kann es auch nicht, um das diesmal gleich vorweg zu schieben. Aber ich kann vorbehaltlos akzeptieren, dass es einen enormen, vielleicht sogar schmerzhaften oder unerträglichen Druck geben kann. Dass man alles geben würde, um im "richtigen" Körper sein zu dürfen. Hormonpräparate einführt, Operationen in Kauf nimmt, unheimlichen gesellschaftlichen Druck erfährt - ich beneide diese Menschen nicht. Ich sehe ein ernsthaftes Problem.

Ich merke schon, das Thema, auf das ich kommen möchte, ist so sonderbar, dass die Einleitung immer länger wird. Auf den Punkt: Es gibt auch Menschen, die sich in ihrem Körper nicht wohlfühlen, ohne dass es sich dabei um das von der Natur vergebene Geschlecht dreht. Sondern denen geht es um die Makellosigkeit, die Vollkommenheit, die Gesundheit, die sie nicht akzeptieren können. Die einen solchen Leidensdruck erzeugt, dass man, ähnlich wie derjenige, der lieber zum anderen Geschlecht gehören würde, gerne ... ja ... behindert wäre. Dass man alles geben würde, um ein Bein weniger zu haben, Querschnitt zu sein - für die meisten Menschen unvorstellbar, aber das gibt es. Und "Body Integrity Identiy Disorder (BIID)" nennt man sowas.

Wenn nun, um an anderer Stelle wieder einzusteigen, mein Vater und viele andere Menschen auf dieser Welt Homosexualität schon nicht akzeptieren können, sich mit Leuten mit "falschem" Geschlecht noch schwerer täten, muss man wohl diejenigen Leute einzeln suchen, die Verständnis dafür hätten, dass jemand gerne behindert wäre. Am allermeisten würde mich irritieren, dass ich (heute nicht mehr, vor einiger Zeit schon noch) sehr viel dafür gegeben hätte, meinen Unfall rückgängig zu machen, und dass es nun plötzlich jemanden gibt, der genau entgegengesetzt denkt.

Insofern kann ich zumindest sehr gut nachvollziehen, dass derartig "gepolte" Menschen in unserer Gesellschaft so gut wie keine Chance haben, irgendwie Fuß zu fassen. Sobald sie erzählen, wie sie ticken, werden sie ausgegrenzt. Also ertragen sie entweder den Leidensdruck, anders sein zu wollen, oder beginnen, die Gesellschaft mit dem zu füttern, was sie hören will, um diesen "anders gepolten" Menschen zu akzeptieren. Und das kann nur sein: "Ich bin wirklich behindert."

Und so ist kein Mensch mit Behinderung davor gefeit, irgendwann in seinem Leben mal mit jemandem konfrontiert zu werden, der auf den ersten Blick dieselbe Behinderung hat wie man selbst, auf den zweiten Blick einen aber um die damit erreichte Vollkommenheit beneidet - und einem das Blaue vom Himmel lügt. Und ja, es gibt einen aktuellen Anlass.

Natascha heißt sie, ist 32 Jahre alt und Rollstuhlfahrerin. Tauchte vor einiger Zeit bei unserem Training auf, erzählte uns von einem schlimmen Autounfall, wurde in unserer Trainings-Clique aufgenommen, rollte mit uns ins Kino, erfuhr sehr viele persönliche Dinge von jedem einzelnen - und hat uns von A bis Z belogen. Nix Querschnitt, nix Autounfall. Das war wie ein Schlag ins Gesicht.

Inzwischen hat sich bei uns das erste Gewitter gelegt. Inzwischen wissen wir, dass sich vor uns auch schon einige andere Vereine, die Medien und die Justiz mit ihr beschäftigt haben. Bisher hat sie jedes Mal, wenn sie "erwischt" worden ist, sämtliche Kontakte abgebrochen, ist in die nächste Großstadt geflüchtet, um ein neues Leben zu beginnen. Und hat dort die nächsten Leute genarrt. Soll das endlos so weitergehen?

Unser Vereins-Chef, den ich bekanntlich sehr schätze, war absolut fassungslos. Seine Vertreterin, die ich ebenfalls sehr gerne mag und zu der ich auch persönlich eine sehr enge freundschaftliche Beziehung habe, war ebenfalls sehr mitgenommen und stand über Tage einen gehörigen Schritt neben sich. Weniger wegen der Tatsache, angelogen worden zu sein, sondern vielmehr als sie ihre wahre Geschichte gehört haben. Anders als bisherige Vereine, mit denen Natascha zu tun hatte, haben die beiden sich lange mit einzelnen, später dann auch bei einer Versammlung mit allen beraten und haben Natascha in einem Dreiergespräch, während sie sie wissen ließen, dass sie erneut aufgeflogen ist, ein zweites Mal die Hand gereicht.

Es sei, so unser Vereins-Chef, im Sinne der gesamten Szene, dass wir Natascha nicht erneut den Boden unter den Füßen wegziehen, sondern ihr Hilfe anbieten. Nur wir könnten es glaubwürdig tun. So ist er eben. Jemand, der täglich versucht, die Welt zu retten. Er hat ihr eine (meine!) Psychologin vermittelt, nach einer Wartezeit kann sie dort in eine Therapie einsteigen. Es gibt einen Professor in Lübeck, der sich intensiv mit dieser Krankheit beschäftigt. Inzwischen hat Natascha ihre Lebens- und Leidensgeschichte aufgeschrieben. Das war eine Bedingung für die Therapie. Die wirkliche.

Natascha bekommt von mir irgendwann ihre zweite Chance. Sie bekommt von allen aus unserem Verein ihre zweite Chance. "Alle oder keiner" hieß es bei der entsprechenden Versammlung, bei der Natascha nicht dabei war. Und am Ende waren es alle, die bereit sind, ihr zu helfen. Wenngleich etliche nur sagten: "Ich werde sie ohne Vorbehalte dulden. Mehr bringe ich zum jetzigen Moment nicht zustande." Nachdem ich ihre Geschichte gelesen habe, bin ich ihr nicht mehr böse. Auch soll sie irgendwann eine zweite Chance von mir bekommen. Im Moment sind die Wunden einfach noch zu frisch.

Kommentare :

Anonym hat gesagt…

Schon mal was von Zwangs-Einweisung gehört? Mehr fällt mir dazu nicht ein.

Anonym hat gesagt…

Ich schließe mich der Sprach- und Ratlosigkeit der anderen an.

Sally hat gesagt…

Der CSD würde mich auch mal sehr interessieren. :) Allerdings habe ich es noch nicht geschafft, dort mal zu erscheinen.... Na ja, was nicht ist, das kann noch werden. :)

Zu der Natascha-Geschichte weiß ich auch nicht genau, was ich sagen soll. Ich denke, ich wär' erstmal ordentlich sauer, verletzt... Aber dann würde ich mich irgendwann fragen: Warum? Allerdings darf man da auch nicht zu viel drüber grübeln. Und erst recht nicht in eine Art "Helfersyndrom" verfallen. Ich denke aber, das hast Du - habt Ihr als Team gut im Griff.

Ich finde es sehr gut, dass Ihr sie nicht komplett verstoßt. Dass das Ganze Zeit braucht, ist klar. Mit der Therapie ist sie sicherlich auf einem guten Weg.

Ganz liebe Grüße vom Spasti. :)

NewRaven hat gesagt…

Ehrlich gesagt weiß ich auch nicht, was ich dazu sagen soll... ich halt mich eigentlich eher für einen toleranten Menschen (okay, das sagt bestimmt jeder zweite von sich...) der auch eigentlich alles verzeihen kann - aber ich habe ein absolutes Problem mit grundlegender Unehrlichkeit (fool me once, shame on you - fool me twice, shame on me...). Natürlich könnte man sagen "es ist psychisch, sie kann/konnte nicht anders", natürlich kann man sagen "jeder hat generell eine zweite Chance verdient" - aber mal ganz unter uns: warum sollte ich zusätzlich zu dem Schaden, den ich durch den "Betrug" schon habe auch noch Energie da rein investieren, einer Person näher zu kommen und zu helfen, der ich sicher nie wieder vertrauen könnte? Nach Lesen des Blogs wußte sie ja offenbar zu jedem Zeitpunkt, das sie sich falsch verhält... dieses notorische Lügen war also "nur" ein nötiges Mittel, um die psychische Störung "ausleben" zu können, aber es war eben nicht die Störung selbst. Und genau damit fällt das Kartenhaus in sich zusammen.Möchte ich mich überhaupt generell mit Menschen abgeben, denen ich nicht vertrauen kann? Eher nicht... das Einzige, was jemand von mir dann, wenn alle Karten offen auf dem Tisch liegen, noch erwarten könnte, wäre, das ich mich nicht gleich umdrehe und sofort gehe, wenn ich die Person sehe. Insofern meinen Respekt dafür, das sie von euch eine zweite Chance bekommt.

P.S. Im übrigen finde ich Bi-Sexuelle oder Homosexuelle hier in diesem Kontext zu nennen etwas "fehlplatziert", Jule (genau wie eigentlich körperlich behinderte). Mit Transsexuellen lagst du vergleichtechnisch hier deutlich besser, die anderen "Beispiele" für "Randgruppen" sind doch nun völlig anders gelagert.

Anonym hat gesagt…

Unabhängig von Nataschas Geschichte und ohne einen Vorwurf daraus machen zu wollen:

Ich finde den Vergleich mit Transsexuellen insofern problematisch, als sich Transsexuelle nicht das andere Geschlecht "wünschen", sondern tatsächlich dem Gehirn nach dem anderen Geschlecht zugehörig sind. Dazu gab es medizinische Untersuchungen - biologisch hat eine Transsexuelle, also ein Frau im Männerkörper, weibliche Hirnstrukturen. Sichtbar zu machen per MRT-Untersuchungen.

Zitate aus einem Blog einer Transfrau:
"Die Fachwelt geht davon aus, dass hormonelle Auslöser im Mutterleib dazu führen, dass sich das Gehirn und der “Restkörper” sich unterschiedlich entwickeln. Wichtig ist fürs Erste zu wissen: Transsexuell wird man nicht, man ist es."

"Transsexuell bedeutet, dass von frühster Kindheit an der biologische Körper nicht mit der inneren Geschlechtsidentität übereinstimmt. Bei einer transsexuellen Frau bedeutet das, dass ein Kind sich als Mädchen fühlt, aber den Körper eines Knaben hat. Es handelt sich also nicht um einen Mann, der eine Frau WIRD, sondern um eine Frau, die ihren männlichen Körper ihrem inneren Geschlecht ANPASST."

Es geht dabei nicht darum, sich als Angehöriger des anderen Geschlechts zu _verkleiden_ und phasenweise so zu tun als ob. (--> Transvestiten).

Genau wie Homosexualität heute nicht (mehr) als "geistige Störung" gilt, empfinden sich auch Transsexuelle nicht als "geisteskrank".

NewRaven hat gesagt…

@Anonym: Medizinisch ist sowohl das eine als auch das andere eine psychologische Störung (im übrigen geht man davon aus, die meisten solcher Störungen - zumindest theoretisch - neurologisch nachweisen zu können). Insofern passt der Vergleich sehr wohl, so man denn unbedingt einen bringen möchte. Davon, das Transsexualität neurologisch "offensichtlicher" ist, als eine andere psychologische Störung, ist mir nichts bekannt und medizinisch fundierte Quellen konnte ich dazu jetzt auch nicht ausmachen.

Mike hat gesagt…

@Anonym 1: Zwangseinweisung kommt nicht in Frage, da weder Fremd- noch Selbstgefährdung vorliegt und sie in der Lage ist, ihr Leben selbst zu führen.

Diese Störung(*) ist anscheinend nicht so gut erforscht, So dass man anscheined nicht mal weiß, ob es sich um eine psychische Erkrankung handelt (die zum. potenziell behandelbar ist) oder um eine psychische Orientierung (die eben nicht behandelbar ist) Insofern ist der Vergleich mit Homosexualität durchaus möglich, den eine sexuelle Orientierung ist auch nicht "behandelbar".

WENN nun diese armen Menschen das Gefühl haben, mit einem Glied ZUVIEL auf die Welt gekommen zu sein, und das einfach auf eine "punktuell abweichende Verschaltung im Gehirn" zurückzuführen ist, wie soll man das behandeln?

@Jule: was hat dich mehr gestört? Dass Natascha euch allen was vorgespielt hat, oder dass sie aufgrund einer Psychischen Störung im Rollstuhl sitzt, und eben nicht, wie ihr anderen, aus physischen Gründen.

Und vieleicht solltet ihr euch alle mal die Frage stellen, ob ihr es einfach so akzeptiert hättet, wenn Natascha zu euch gesagt hätte "ich kann nicht laufen, weil ich nicht laufen kann, nicht laufen will, weil sich meine Gedanken dagegen sperren..."
Ich gestehe, dass ich auch nicht weiß, wie ich mich verhalten hätte...


Mike


(*) Störung ist hier als "Abweichung von der Norm" zu sehen

Anne hat gesagt…

Der Vergleich mit Transsexuellen mag probelmatisch sein, mit kommt er aber ok vor, weil es eben darum geht, dass jemandes Identität oder Körpergefühl sich nicht mit dem tatsächlichen Körper deckt.
Den ganz wichtigen Unterschied sehe ich weniger in neurologischen Auffälligkeiten, sondern viel mehr darin, dass Transsexuelle eben von klein auf ihre Geschlechtsidentität haben, die sich nicht mit dem biologischen Geshlcecht deckt, während BIIDler diese Störung im Laufe des Lebens entwickeln. Eine Transfrau wäre auch eine Transfrau, wäre sie ineinem anderen LEternahus, anderen Land oder sonstwie anders aufgewachsen, Natascha hätte diese Störung wohl unter anderen Bedingungen nicht entwickelt.

Anne hat gesagt…

Nur als Einwurf, weil mir der Gedanke gerade kommt.
Ich glaube gar nicht mal, dass Natascha "gerne behindert wäre" im eigentlichen Sinne.
Wer als Querschnitt im Rolli sitzt, hatt was hinter sich. Krankheit, Unfall, weiß nicht was. Hat eine schwere Zeit hinter sich und kommt nun zurecht. Bei Natascha (ich hab ihr Blog gelesen) ist es ja auch so - sie hat eine verdammt schwere Vergangenheit hinter sich. Aber nicht auf die Art schwer, die so klar und direkt wäre wie ein Unfall und die Behinderung. Mir kommt es eher vor, als würde sie damit ausdrücken, was ihr passiert ist. Nicht, als würde sie die Behinderung an und für sich für Spyß und was ganz tolles halten.

Sofie hat gesagt…

Ich habe die eindrucksvoll geschriebene Geschichte von Natascha inzwischen auch durchgelesen, ohne Natascha persönlich zu kennen. Ich kann mir anhand ihrer schriftlichen Aufzeichnungen kein abschließendes Urteil bilden.

Was ich durchaus beachtlich finde, ist, dass sie nach über 10 Jahren Parallel-Identität jemand packt und ihr schonungslos einen Spiegel vor das Gesicht hält. Ihr die Möglichkeit gibt, neue und gute Erfahrungen mit der Wahrheit zu machen.

Die von Jule ins Spiel gebrachte Homosexualität diente meiner Meinung nach nicht einem direkten Vergleich, sondern war ein Zwischenstopp beim Versuch, die unheimlich starke Eigendynamik dieser Erkrankung plausibel zu machen. "Bei Homosexualität tun sich viele Leute schwer, bei Transsexualität erst recht ... aber das hier, das ist der Gipfel. Wie stark ist der Druck der Betroffenen, weil sie nicht verstanden werden."

Ich glaube nicht, dass es richtig ist, eine erzählte Lebensgeschichte auf wissenschaftliche Erkenntnisse anwenden zu wollen. Der derzeitige wissenschaftliche Ansatz zur Erklärung von BIID zieht eindeutige Vergleiche aus dem Gebiet der Transsexualität. Wissen wir, ob Natascha bereits seit Geburt diese Störung hat? Warum spricht sie sofort auf dieses Dosieraerosol an? Warum entwickelt sie im ersten Lebensjahrzehnt eine weit überdurchschnittliche Intelligenz? Beispielsweise kann schon ein Sauerstoffmangel bei der Geburt (Zangengeburt!) eindeutigen Einfluss auf die spätere seelische Entwicklung des Kindes nehmen, auch wenn zunächst keine körperlichen Symptome vorliegen! Und dass die Kindheit Spuren hinterlassen hat, steht wohl außer Frage - es ist auch denkbar, dass dieses Verlangen, den eigenen Körper durch eine Behinderung zu komplettieren, sich verfestigt hat, bevor Natascha überhaupt gedanklichen Einfluss darauf nehmen konnte und heute dieses Verlangen für sie nicht mehr kontrollierbar ist. Wir wissen es nicht.

Wir wissen nicht mal, wer BIID bei ihr überhaupt diagnostiziert hat, also ob es tatsächlich eine ärztliche Diagnose ist oder ob sie selbst nicht vielmehr der Meinung ist, sie würde diese Erkrankung haben. Mir kommen beim Lesen der Geschichte auch verschiedene Persönlichkeitsstörungen (vor allem die narzisstische) in den Sinn. Insofern müsste wohl erstmal überhaupt geklärt werden, ob es ihr in erster Linie um die Behinderung selbst oder um beispielsweise die Aufmerksamkeit, die eine Behinderung erzeugt, geht.

Ich bin mir aber sicher, dass es das Beste ist, ehrlich zu sein.

Cathleen hat gesagt…

Nun muss ich dazu auch noch meinen Kommentar loswerden! Ich finde das alles gar nicht so schlimm bis zu dem Punkt, wo sie nicht mehr ehrlich war. Die Eltern sind krass, fliegende Messer, Suizidversuche, Alkoholmissbrauch, da ist es glaube ich normal, wenn man irgendwann ausflippt. Auch Kinder- und Jugendpsychiatrie war ich selbst mal stationär, ich hatte auch so meine Problemchen und Probleme mit meinen Eltern und mit anderen Menschen und kann vieles gut verstehen. Ich kann auch verstehen wenn man der Öffentlichkeit was vorspielt oder irgendwelchen Leuten die man hasst. Aber beste Freunde anlügen und die nicht mal ins Vertrauen ziehen, das hat mich schon arg getroffen. Ich hab mich als wir zusammen mal am See waren, fast völlig nackt gemacht, seelisch meine ich. Sie wusste einiges über mich, was ich nicht sofort jedem erzähle, und ich dachte, ich bekomme was von ihr zurück, als sie mir ihre "Geschichte" erzählt hat. Ich hab mich nun "ausgezogen" und sie hat nur gelogen. Das ist das, was mich so wütend macht.

Hier hat jemand die Frage gestellt, ob man akzeptiert, wenn sie sagt, sie kann/will nicht laufen und fährt deswegen im Rolli. Ich will mal für mich antworten: Ich hätte sehr ungläubig nachgefragt. Aber ich hätte es genau wissen wollen und eindeutig schlechter steht sie jetzt da, wo das mehr oder weniger durch andere rausgekommen ist.

Anonym hat gesagt…

http://www.voxnow.de/sueddeutschetv.php?player=1&play_last=1 Das könnte vielleicht interessant sein.

Olli hat gesagt…

Gern würd ich mehr zu Natasche oder ihren Blog lesen - hat mal jemand einen Link? Den bei Natsche und BIID findet Google vor allem nur was zur Kampusch.
Und zur Reaktion des gesamten Vereines: Hut ab, nicht nur ein verständliches (mind. vorerst) wollen wir nicht mehr mit Dir sondern der bestmögliche Versuch, dass sie in die professionellen Hände gerät, die ihr bei ihrer (selbstvermuteten/angenommen) Erkrankung helfen oder herauskriegen was bei ihr schief liegt, wenn es das nicht ist.

Andrea hat gesagt…

Liebe Jule.

Danke für diesen Beitrag. Seit einiger Zeit lese ich chronologisch Deine Geschichte und habe mich schon gefragt, ob auch BIID mal ein Thema sein wird.
Denn ich bin selber davon betroffen. Seit meinem fünften Lebensjahr frage ich mich, warum mein Gehirn steif und fest behauptet, dass ich nicht laufen kann. Und seit drei Jahren weiss ich, dass es BIID gibt. (Bin 42)

Was Natascha getan hat, kann ich ein wenig nachvollziehen. Sie braucht den Rollstuhl, um ewas Normalität zu erfahren. BIID ist, nach neuesten Erkenntnissen, angeboren. Schon früh bemerkt man, dass der Körper nicht so funktioniert, sich nicht so anfühlt, wie er sollte. Aber gleichzeitig ist man sich völlig bewusst, dass "normale" Menschen so nicht fühlen sollten. Man schämt sich seiner verrückten Gedanken. Und damit beginnt ein Doppelleben, aus dem viele Betroffene nur sehr schwer herausfinden. Die Meisten wissen lange Zeit nicht, dass sie damit nicht alleine sind. Wenn man dann irgendwann den Mut hat, mit dem Rolli nach draussen zu gehen, natürlich nicht in der nächsten Umgebung, hat man das Gefühl, man braucht eine von der Gesellschaft anerkannte Begründung, warum man den Rollstuhl benutzt.

Dass sie, nachdem sie Euer Vertrauen und Freundschaft gewonnen hat, noch weiter gelogen hat, ist nicht schön. Ich kenne keinen weiteren Betroffenen, der in einer Rollisport Gruppe aktiv ist, der sich mit so einer Geschichte die Teilnahme erschlichen hat. Sie sind dort als Fussgänger aktiv, die sich freiwillig in den Rolli setzen.

Nur, freiwillig geschieht dies nicht. Es ist eine von unserem Gehirn aufgezwungene Notwendigkeit, ohne die ein halbwegs normales Leben nicht möglich ist.
Das falsche Körpergefühl kann dermassen Stress auslösen, dass das soziale und berufliche Leben sehr stark darunter leidet.
Ich weiss, dass das Thema BIID vielen real Behinderten sauer aufstösst. Das liegt meiner Meinung nach auch daran, dass in den Medien sehr oft von "Wunsch behindert zu sein" berichtet wird. Das ist aber nicht richtig.
Was ich mir WÜNSCHE ist, unbefangen laufen zu können. Was ich WEISS ist, meine Beine machen Dinge, die sie nicht können sollten.
Jeder Schritt wird registriert, jede Stufe ist ein Hindernis, alles hat die falsche Höhe. Das zerrt an den Nerven. Es versetzt mir jedes mal einen Schock, wenn ich eine Berührung an den Beinen spüre. Und so habe ich nur die Möglichkeit mir meinen Rolli zu schnappen um Stadtbummel, Feiern, Konzerte, Sport, Ausflüge und Treffen mit Freunden und Familie unbeschwert erleben zu können.
Ich belüge aber auch niemanden. Wenn mich Menschen fragen was mir mir passiert ist, dann gebe ich ehrlich darauf eine Antwort. Lügen käme nie in Frage, vor allem weil ich will, dass BIID in der Gesellschaft und im ICD als ungewollte Störung anerkannt wird. Und damit einhergehend ein Leben ohne Scham, Schuldgefühle oder Lügen.

Wofür ich Dir und Deinen Freunden danken will ist, dass Ihr Natascha noch eine zweite Chance geben wollt. Wie gesagt, ich lese chronologisch und weiss nicht, wie sich die ganze Sache weiter entwickelt hat, oder überhaupt noch ein Thema wird. Aber alleine der Gedanke, dass für Euch BIID nicht völlig abstossend ist, macht mir Mut, meinen offenen Weg weiter zu gehen.

Andrea

P.S.: Danke nicht nur für diesen Beitrag. Du und Deine Freunde seid bewundernstwert. Es können nur Veränderungen geschehen, wenn jemand sich aufrafft und sie auch einfordert. Und damit seid Ihr grosse Vorbilder für all diejenigen, die sich nie getraut hätten, mal den Mund aufzumachen.












Anonym hat gesagt…

Andrea ist aber kein typischer Fall, sie wünscht sich "normal" zu sein. Die meisten BIIDler WOLLEN aber behindert sein.

Für mich ist es unvorstellbar, dass es Menschen gibt deren sehnlichster Wunsch eine Querschnittlähmung ist. Ich habe sehr starke Zweifel ob BIID wirklich eine Krankheit ist.

Auf jeden Fall müssen solche Menschen ein hammerharter Schlag ins Gesicht eines jeden Betroffenen sein, der sich nichts sehnlichster wünscht gesund zu sein.

BIID Betroffene brauchen sicher eine Therapie, die aber nicht darin besehen kann dem Wunsch nachzugeben, wie mancherorts gefordert, egal ob es sich um eine QS oder eine Amputation handelt. Die brauchen eine Psychotherapie!

LG

Andreas

Andrea hat gesagt…

Hallo Andreas.
Deine Meinung kann ich nicht unkommentiert lassen.
Eine Neurologische Störung kann man nicht mit einer Psychotherapie behandeln. Es gibt Nachweise, dass im rechten Frontallappen des Gehirns Reize anders verarbeitet werden, wenn die betroffenen Körperteile stimuliert werden. Sie sind im Körperschema des Gehirns nicht richtig verankert. Und wir WOLLEN nicht behindert sein, unser angeborener Körper fühlt sich falsch an. Und um das richtige Körpergefühl zu erreichen, kann es für viele nur eine Möglichkeit geben. Therapien, Medikamente, haben bisher keine Wirkung gezeigt. Im Gegenteil, bei einigen wurde der Leidensdruck schlimmer. Die einzige Hilfe die eine Therapie bewirken kann, ist zu lernen, damit zu leben.
Ich weiss, dass Du Dir nicht vorstellen kannst, dass jemand einen "kranken" Körper braucht, um sich komplett zu fühlen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Laufen Spass macht.

Gruss
Andrea

Anonym hat gesagt…

Hallo Andrea!

Damit sind wir nicht sooo weit entfernt. Wenn ein BIIDler lieber den Rollstuhl nimmt, als zu Fuss zu gehen, dann habe ich damit kein Problem. Es soll jeder auf seine/ihre Facon glücklich werden. Ich finde es auch für toll, dass Du zu Deiner BIID Erkrankung stehst und keine Lügen erzählst.
Es gibt aber in der Laienpresse etliche Artikel in denen an BIID leidende definitiv verlangen amputiert zu werden oder das RM durchtrennt zu bekommen, und das finde ich nicht gut.

LG Andreas