Dienstag, 30. November 2010

Königin der Niederlande

Heute morgen hatten wir ein Schulprojekt in der City. Eigentlich wollten wir uns um 7.30 Uhr im Bahnhof Altona treffen, da aber auf meiner Linie wieder alles drunter und drüber ging, verpätete ich mich. Meine Leute fuhren gerade aus Altona los, als ich am Diebsteich losfuhr, also eine Sekunde zu spät, um umzusteigen. Nun musste ich doch noch den Umweg über Altona nehmen, auch wenn die anderen schon weg waren.

Mit mir in der Bahn war ein junger Mann mit Down-Syndrom. Er fährt öfter auf dieser Strecke, arbeitet scheinbar irgendwo in Altona und jedes Mal, wenn er mich sieht, nimmt er seine Schirmmütze ab, verbeugt sich tief und sagt in seiner nuscheligen, aber lauten Sprache: "Guten Morgen, schöne Frau!" Mehr passiert in aller Regel nicht. Einmal hat er mir erzählt, dass er im Verein schwimmt und sich heute mittag nach der Arbeit beeilen müsse, weil der Sport nicht auf ihn warte. Irgendwie finde ich ihn goldig.

In Altona stiegen wir gemeinsam aus. Er wollte den Bahnhof verlassen, ich wollte gegenüber auf die nächste S-Bahn warten, die hier eingesetzt wird. Eine Traube Polizisten, mit Maschinenpistolen bewaffnet, streifte über den Bahnsteig. Fünf Mann, einer davon schien das zu beaufsichtigen oder sich ein Bild davon zu machen, er trottete in einigem Abstand hinterher und hatte ein Klemmbrett dabei, auf dem er eifrig schrieb. Im Gegensatz zu den anderen Leuten war er wesentlich älter und hatte goldene Sternchen auf seinen Schultern.

Mein "Freund" mit Down-Syndrom lief auf die vier Polizisten zu, verbeugte sich, nahm die Mütze ab und rief: "Guten Morgen! Ich möchte auch Polizist werden." - Einer der Beamten stellte sich stramm auf und sagte im fast schon militärischen Tonfall: "Wie ist Ihr Name, junger Mann?" - Mein "Freund" antwortete, überhaupt nicht schüchtern: "Ich heiße Max, bin 22 und wohne in Hamburg." - Der Polizist antwortete: "Max, ich werde Ihre Bewerbung weitergeben an Herrn Polizeidirektor Jungblut. Der ist bei uns für Personal zuständig." - Max verbeugte sich noch einmal theatralisch und sagte: "Vielen Dank! Ich muss weiter, die Arbeit ruft!" Dann lief er davon.

Ich musste schmunzeln. Inzwischen fuhr die S-Bahn ein, die hier eingesetzt wird. Ich stieg ein und schloss hinter mir die Tür. Im Waggon roch es nach ausgelaufenem Bier. Irgendeiner hatte wenigstens ein Fenster geöffnet. Durch das Fenster verstand ich jedes Wort der Unterhaltung, die die Polizisten draußen führten. Der Typ mit den goldenen Sternchen fragte seinen Kollegen: "Was war das für ein Mann, Müller?" (Keine Ahnung, wie er hieß, es war irgendein Allerweltsname wie Meyer, Müller, Schulze.)

"Ach, nur so ein kleiner Komiker, Chef!" - "Ein Komiker?" fragte der Mann mit den goldenen Sternchen nach, die Hände mit dem Klappbrett hinter dem Rücken verschränkt und mit strengem Blick.

"Ja", fuhr der Polizist fort. "Er will bei uns anfangen. Jedes Mal, wenn ich ihn sehe, erzählt er mir, dass er gerne zur Polizei will. Ich sage ihm dann immer, dass ich seine Bewerbung an Herrn Polizeidirektor Jungblut weiterleiten werde. Dann freut er sich und rennt weiter zur Arbeit. Der arbeitet in den Elbe-Werkstätten."

"Und wer ist dieser Direktor Jungblut?" - "Keine Ahnung, Chef. Ich habe ihn vor ein paar Monaten erfunden." Dieser Chef war mir unsympathisch. Er musterte seinen Kollegen etliche Zeit von oben bis unten. Dann sagte er: "Sagen Sie mal, Müller, halten Sie das eigentlich für einen sensiblen Umgang mit einem behinderten Menschen? Mit einem, den das Leben benachteiligt?"

Der Kollege Müller antwortete: "Naja, vielleicht nicht ganz, aber was soll ich tun? Er spricht mich an, nur um das zu hören. Ich sage ihm das, er ist glücklich und läuft weiter. Was kann ich in dem Augenblick anderes für ihn tun?" - "Zuallererst sollten Sie aufhören, solche Menschen als 'Komiker' zu bezeichnen, ja? Versetzen Sie sich mal in die Lage dieses jungen Mannes."

Der Polizist schloss die Augen, nickte kaum sichtbar und sagte: "Jawohl, Chef." Ich schätze, er wird sich seinen Teil gedacht haben.

Ich finde es nicht verkehrt, dass sich der Chef dafür einsetzt, dass man mit behinderten Menschen anständig umgeht. Gerade behinderte Menschen kommen doch eher mal in eine Notlage, in der sie Hilfe benötigen. Ich kann aber, allen Beschwerdeführern zum Trotz, bisher eindeutig überwiegend positiv von meinen Begegnungen mit der Trachtentruppe berichten. Nicht, dass ich viel Wert darauf lege, mit denen in Kontakt zu kommen, aber wenn es sein musste, habe ich die Leute überwiegend hilfsbereit und freundlich erlebt.

Insofern finde ich es zwar richtig, dass darauf geachtet wird und dass man in dem Verein entsprechend schult, nur sollte man es auch nicht übertreiben. Ich finde, der Herr Müller hat sehr gut reagiert. Er hat ihm keine konkreten Versprechungen gemacht, er ist auf Max eingegangen, der hat sich ernst genommen gefühlt - wenn bloß alle Menschen so reagieren würden wie Herr Müller, wäre ich verdammt glücklich!

Natürlich nimmt er ihn in der Sache nicht wirklich ernst. Und wenn Max fragt, ob er wirklich eine Chance hat, sollte er ihm keine Hoffnung machen. Aber Müller nimmt diesen Menschen ernst. Indem er sich nicht über ihn lustig macht oder sich abwendet, sondern mit ihm 30 Sekunden Smalltalk führt, Max ein gutes Gefühl für einen tollen Start in den Tag gibt, ohne dass er sich einen Zacken aus der Krone gebrochen hat und ohne dass ihm jemand auf den Keks gegangen ist. Das, finde ich, ist sehr wertvoll.

So ähnlich ist es mit Felix, der in einer der Jungendsportgruppen meines Vereins ist. Er erzählt mir regelmäßig, er sei der Heimleiter der Einrichtung, in der er wohnt. Felix hat eine kognitive Einschränkung und sitzt zudem im Rollstuhl. Ich könnte ihm jetzt beweisen, dass er nicht der Heimleiter ist, ich könnte ihn auslachen, ich könnte mich gar nicht mit ihm unterhalten - oder ich nehme ihn ernst. Nicht inhaltlich, denn das kann nicht ernst sein. Aber es kann ein Spiel sein, das ich mitspielen kann. "Heimleiter, okay ... Ich hab davon keine Ahnung, was muss denn so ein Heimleiter den ganzen Tag machen? Das ist doch bestimmt ein harter Job!"

"Ein sehr harter Job. Ich muss so den ganzen Tag im Büro sitzen und Briefe schreiben und stempeln und so. Ich habe ganz viele Stempel in meinem Büro, guck mal, diese hier." Und dann holt er einen Zettel raus, auf dem er mit einem ausgedienten Stempel, auf dem das Wort "Abschrift" steht (wobei das "t" schon fehlt, was vermutlich der Grund ist, warum man den ausrangiert hat) mindestens 100 Mal abgedrückt hat. In meiner Schreibtischschublade lag bis vor kurzem noch ein ausgedienter Datumsstempel. Der ging bis 2009. Ich hab ihm den geschenkt, damit er immmer das Datum stempeln kann - als Erleichterung für sein Büro. Ein paar Wochen später kam sein Vater auf mich zu und meinte, das sei ein großartiges Geschenk gewesen. Jeden Morgen nach dem Aufstehen, hätten die Betreuer der Einrichtung gesagt, müsste als allererstes das richtige Datum eingestellt werden...

Ein anderes Mädchen, ich schätze sie auf 10 bis 12, möchte später einmal Königin der Niederlande werden. Nun weiß ich einerseits, was die Eltern ständig im Fernsehen schauen, andererseits, was uns in den nächsten Jahren noch erwartet...

Kommentare :

Anonym hat gesagt…

so nachdem ich hier schon ewig lese möcht ich auch mal nen comment schreiben.

ich hab ein praktikum in einem altenheim gemacht und dort ein wenig über den umgang mit dementen menschen gelernt.

ich weiß jetzt nicht ob man z.B. den felix mit einer dementen 90jährigen vergleichen kann, aber zmd. verhält sie sich ja sehr ähnlich. demente menschen leben ja oft in der vergangenheit und denken, dass sie z.B. auf ihrem bauernhof sind und gleich in den stall müssen.

so wie ich es gelernt habe, ist es falsch denen dann zu sagen, dass das quatsch ist und sie im altenheim sind, ihr man vor 20 jahren gestorben ist und es jetzt mittagessen gibt.

also ich denke, dass du und der polizist richtig gehandelt habt.

weiter so;)

M hat gesagt…

Wir alle legen viel zu viel Wert darauf, uns mit anderen Menschen zu messen und uns über die Stärken und Schwächen anderer zu definieren. Wenn wir, bei allem Ehrgeiz, ein Stück weiter dorthin kämen, dass wir uns gegenseitig ergänzen und die Fähigkeiten anderer, und sei es lediglich die Fähigkeit, Menschen zum Schmunzeln zu bringen, auf Augenhöhe anerkennen und als Bereicherung unseres gesellschaftlichen Alltags sehen, wären wir alle einen großen Schritt voran gekommen.

NewRaven hat gesagt…

Ich denke, das sowohl der Polizist als auch der Vorgesetzte in ihrer Situation richtig gehandelt haben.

Der Polizist "kannte" das Spiel... er wusste, wie er mit dem jungen Mann umzugehen hat und hat das getan, was er offenbar jedesmal tut... Max einen guten Start in den Tag verschafft.

Für den Vorgesetzten hingegen scheint diese Situation bzw. dieses "Ritual" gänzlich unbekannt zu sein. Nehmen wir mal an, er sollte die entsprechenden Polizisten bewerten - oder sie auch nur in irgendetwas schulen. In dieser Position kann er - schon garnicht in der Öffentlichkeit - eine solche Situation schon allein wegen seiner momentanen Position nicht einfach durchgehen lassen. Political correctness und das Ansehen in der Öffentlichkeit und so... hätte er von dem "Ritual" gewusst, hätte er möglicherweise einfach dazu geschwiegen, er wusste es aber offenbar nicht, hat das Thema angesprochen (Öffentlichkeit) und konnte somit quasi nur eine Rüge erteilen. Anders kam er da nicht mehr raus. Ich denke, wären beide Männer in der gleichen Situation als Privatpersonen unterwegs gewesen, wäre das wahrscheinlich auch ganz anders abgelaufen.

Förbi hat gesagt…

Jemanden, den das Leben benachteiligt... wie süß!

Olli hat gesagt…

Waren es nicht (auch) die Niederlande, wo nicht nur "Eingeborene" im Königshaus durchaus exponierte Positionen erreichen konnten?