Mittwoch, 24. November 2010

Kurve zu hoch

Die EU hat im Oktober 2007 eine Verordnung herausgebracht, in der es um die Rechte und Pflichten von Fahrgästen im Eisenbahnverkehr geht. Darin heißt es in Artikel 19 ("Anspruch auf Beförderung") unter anderem: "Die Eisenbahnunternehmen und die Bahnhofsbetreiber stellen unter aktiver Beteiligung der Vertretungsorganisationen von Personen mit Behinderungen und Personen mit eingeschränkter Mobilität nicht diskriminierende Zugangsregeln für die Beförderung von Personen mit Behinderungen und Personen mit eingeschränkter Mobilität auf."

Wenn ich von meiner Physiotherapie aus der Klinik zurück nach Hause fahre, nehme ich gerne den Regionalexpress (sofern ich nicht mit dem Auto fahre). Dort wird man als Rollifahrer aber seit etwa einem halben Jahr konsequent nicht mehr mitgenommen. Lediglich mit dem Hinweis, dass es verboten sei. Auf Franks schriftliche Anfrage, womit das begründet werde, antwortet die Deutsche Bahn inzwischen schriftlich: "Diese Entscheidung wurde aus Sicherheitsgründen für unsere Rollstuhlfahrer getroffen. Hintergrund: Die fahrzeuggebundenen Rampen fahren nicht weit genug aus, um auf der Bahnsteigkante aufzuliegen. Der Bahnsteig in Hamburg [...] ist höher als auf kleineren Bahnhöfen und liegt zudem in der Kurve. Stellt man die Rampe auf niedrigen Bahnsteig ein, fährt diese weiter aus, rastet aber nicht in Endstellung ein und darf somit nicht benutzt werden. Zu diesem Thema gab es in Hamburg [...] einen Vor-Ort-Termin, auf dem vereinbart wurde, die Rollstuhlfahrer bei einer Anmeldung bis auf Widerruf so zu informieren."

Nun gibt es diese Doppelstockwagen mit fahrzeuggebundener Einstiegshilfe seit 20 Jahren. Und den Hamburger Hauptbahnhof mit den heutigen Bahnsteigen mindestens genauso lange. Sofie erzählt, sie sei früher täglich mit solchen Wagen gependelt und es habe niemals Probleme gegeben.

Schön, dass es beim Eisenbahnbundesamt (Aufsichtsbehörde) ein neues Referat gibt, das sich nur mit Fahrgastrechten beschäftigt. Es bekommt nun diesen Brief mit der Bitte um Stellungnahme und vor allem auch mit der Bitte zu prüfen, inwieweit die örtlichen Behinderten-Organisationen wie vorgeschrieben an dieser Entscheidung beteiligt worden sind. Warum möchte ich fast wetten, dass das nicht der Fall ist? Warum möchte ich ebenso fast wetten, dass es das Problem mit der Kurve nicht geben würde, wenn der Zug anders herum fährt (also mit umgekehrter Wagenreihenfolge)? Und warum möchte ich darüber hinaus noch beinahe wetten, dass bei einem gemeinsamen Vor-Ort-Termin mit einer solchen Organisation irgendwem das eingefallen wäre?


Hoffentlich ziehen sie denen mal so richtig den Hosenboden stramm.

Kommentare :

Christian R. hat gesagt…

Wie soll man sich als Rollstuhlfahrer eigentlich auf die elementarsten Dinge des Lebens (wie die Benutzung eines Zuges) verlassen können, wenn ständig so eine Scheiße fabriziert wird? So viel Mist, wie du in den zwei Jahren hier berichtet hast, vor allem so richtig banaler, hirnrissiger Mist, ich könnte echt ausflippen!

Damit meine ich nicht, dass dein Blog banal und hirnrissig ist, im Gegenteil! Sondern die Probleme sind so banal und hirnrissig in ihrer Art - und haben eine so heftige Wirkung, dass ich langsam immer mehr verstehe, was für einen AUFWAND es immernoch bedeutet, als Rollifahrer am täglichen gesellschaftlichen Leben teilzunehmen.

Pfui Teufel, Deutsche Bahn, so einen Brief rauszuhauen bevor am Gleis 6 des Hamburger Hbf eine mobile Rampe bereitgelegt wurde, mit der Rollifahrer der Ausstieg ermöglicht wird, wenn dieser fest installierte Mist nicht funktioniert. (WENN, das ist ja überhaupt noch die Frage.)

Ich könnte kotzen.

Anonym hat gesagt…

Tja, früher - als Anwälte noch nicht zum täglichen Umgang gehörten und Unternehmen nicht für heißen Kaffe oder gewaschene Pudel verklagt wurden - hätte man einfach 2 Metallschienen genommen und jeder hätte sich gefreut, dass es geht. In nicht allzuferner Zukunft wird man vor Antritt einer Bahnreise eine 27-seitige Verzichtserklärung nebst 15-seitigem Befördernungsvertrag unterschreiben müssen, bevor man in einen Zug einsteigen darf. Dafür sind die dann nicht mehr überfüllt, weil auch Fahrräder nur noch mitgenommen werden dürfen, wenn der Besitzer eine Unbedenklichkeitserklärung, Sicherungsvorrichtungen, Polstermaterial für abstehende Fahrradteile und einen Satz alle Eventualitäten abdeckende Versicherungen vorlegen kann...

*Zynismusmode aus*

Nein, sowas ist einfach nur ärgerlich, aber ich befürchte da ist keine Besserung in Sicht, es wird eher immer bekloppter, bis wir uns gar nicht mehr bewegen können...

M hat gesagt…

Dieses Problem besteht ja seit einem Dreivierteljahr, und es gibt auch einen Grund, warum der Zug nicht einfach anders herum fährt (womit das Problem abgestellt wäre).

Im Moment muss, laut Auskunft der Bahn, der Steuerwagen immer in Richtung Rostock angeordnet sein und die Lok in Richtung Hamburg, weil sich am Steuerwagen ein Stromanschluss befindet, über den der Zug morgens auf dem Abstellgleis vorgeheizt wird. Das Kabel für den Stromanschluss ist nicht lang genug, so dass der Steuerwagen neuerdings hinten sein muss.

Die Bahn schafft es nicht, ein entsprechend langes Kabel (1000 V) zu besorgen und so im Bahndamm zu verlegen, dass man morgens heizen kann, ohne dass der Steuerwagen hinten sein muss. Lieber wird der Zug "falsch herum" fahren gelassen, so dass die Rollifahrer in Hamburg Hauptbahnhof nicht mehr ein- oder aussteigen können.

Presse und Aufsichtsbehörde sind aber schon dran an dieser Sache. :)

Olli hat gesagt…

Und, was ist inzwischen aus der Sache geworden?
Warum man gerade am Hbf keine mobile Rampe oder einen mobilen Hublift bereitstellen kann, will mir auch nicht in den Sinn.