Freitag, 19. November 2010

Tatsächlich fehlt die Strippe

Ob per Mail, als Kommentar unter meinen Postings, ob persönlich oder über Dritte: Das häufigste Feedback, das ich auf Beiträge, in denen es um Alltäglichkeiten geht, die jedoch im Zusammenspiel mit meiner Behinderung einen fragwürdigen bis unerträglichen Charakter annehmen, bekomme, ist: "So ein Wahnsinn. Das geht gar nicht. Gut, dass du darüber schreibst."

Schreibe ich eine Mail an eine offizielle Stelle, bekomme ich im Regelfall die Reaktion: "Sie sind die Erste, die darauf hinweist. Täglich kommen so viele Menschen mit Behinderung damit in Kontakt, dass ich mir kaum vorstellen kann, warum das noch niemandem aufgefallen sein soll."

Vor knapp einem Vierteljahr schrieb ich in einem Beitrag über eine öffentliche Toilette auf einem Busbahnhof, die sich von innen nicht verriegeln ließ, so dass im ungünstigsten Fall der automatische Türöffner von außen betätigt wurde und einem dutzende bis hunderte Leute für dreißig Sekunden beim Klogang zuschauen konnten. Ein Leser hatte sich daraufhin bei einer Behörde beschwert, die jedoch auch erstmal dem letzten Absatz entsprechend reagiert hatte. Was ich wiederum in einem weiteren Beitrag kommentierte.

Inzwischen stellte sich offiziell heraus, siehe auch den letzten Kommentar zum ursprünglichen Beitrag, dass dort "tatsächlich ein Baufehler vorliegt". Tatsächlich! Tatsächlich ist das, was ich schreibe, nicht einfach frei erfunden. Wer hätte das gedacht! Obwohl sich vor mir noch niemand darüber an offizieller Stelle beschwert hat. Vielleicht, weil er, genauso wie ich, keinen Bock hatte, erstmal aufwändig seine Glaubwürdigkeit unter Beweis stellen zu müssen. In meinem Blog kann ja jeder Leser glauben, was er will.

Ach übrigens, by the way, viele öffentliche barrierefreien Toiletten dürften gar nicht betrieben werden. Bauordnungen sind zwar von Bundesland zu Bundesland verschieden, oft gibt es zu wenigen gesetzlichen Paragrafen noch ausführliche zusätzliche technische Ausführungsbestimmungen, aber insgesamt gilt fast überall in der Bundesrepublik Deutschland: Öffentliche barrierefreie Toiletten müssen mit einem Notrufsystem ausgerüstet sein. Das heißt: Wenn drinnen jemand stürzt und alleine nicht wieder hoch kommt, muss er sich bemerkbar machen können. Oft reicht dabei, dass draußen vor der Tür ein Blinklicht und eine Tröte losgehen, die anderen Menschen den Hilfebedarf signalisieren.

Nur sollte dann so ein Notruf, wenn er schon vorhanden sein muss, auch auslösbar sein. Daher wird gefordert: Der Notruf muss auch am Boden liegend betätigt werden können. Die Notruf-Einrichtung soll daher an mindestens einer Stelle des Raumes in einer Höhe von etwa 20 Zentimetern über dem Boden auslösbar sein.

Ein preisgünstiger Kompromiss ist es, einen Schalter mit einer Strippe knapp unter der Decke anzubringen und die Strippe an der Wand entlang bis zum Boden herabhängen zu lassen.

In der Mehrzahl der von mir benutzten barrierefreien WC-Anlagen ist diese Anforderung eindeutig nicht erfüllt. Die Strippen werden hochgebunden, entfernt oder gekürzt. Warum? Weil das WC auch von anderen Menschen benutzt wird, die sich nicht vorstellen können, was ein Notrufsystem auf Klo zu suchen hat und die Strippe mit der Kette verwechseln, über die man früher die Spülung ausgelöst hat. Weil die Raumpflegerin beim Wischen in der Schnur hängen bleibt und jedes Mal Alarm auslöst. Weil irgendwelche Knalltüten die Strippe abreißen und niemand so etwas ersetzt.

Besonders toll ist der Zustand in einem großen Verbrauchermarkt. Dort ist unter der Decke auch ein solcher Schalter installiert. An diesem Schalter klebt seit etwa einem Jahr die Kordel, noch original zusammengezwirbelt in einer kleinen Plastiktüte. Da fragt man sich doch, wer die Bau-Abnahme durchgeführt hat! Und warum sich darüber noch niemand beschwert hat...

Kommentare :

Anonym hat gesagt…

Jemand der´s nicht brauchen würde, achtet nicht auf sowas. Ich auch nicht.
Und die anderen haben einfach resigniert.
Oder, viel wahrscheinlicher, der zustand wurde schon bemerkt die Beschwerde geführt aber aus bequemlichkeit wird nix getan.

Richy hat gesagt…

Vielleicht auch einfach, weil das noch niemand gebraucht hat. Oder sich anders helfen konnte. Trotzdem hast du recht (und ich glaube, nur das willst du gerade ausdrücken): Es hätte nicht abgenommen werden dürfen. Und die Tatsache, dass sich niemand beschwert, heißt noch lange nicht, dass alles in Ordnung ist.

Anonym hat gesagt…

Entschuldige, den kann ich mir nicht verkneifen: Das geht gar nicht! ;)

Spaß beiseite, ich stimme meinen beiden Vorpostern vollkommen zu.
Dennoch muss ich gestehn: ich hätte per se gar nicht die Energie und Lust, mich täglich über alles aufzuregen, was mir so auffällt und mich stört. Aber vielleicht sollte ich darüber mal nachdenken... ;)

Anonym hat gesagt…

Man kann das ja mal weiterspinnen, über den Fachbereich Handicap hinaus: Wie würde wohl unsere Welt aussehen, wenn jeder seinen Job mit ALLER nötigen Aufmerksamkeit und mit Sinn und Verstand tun würde, jederzeit und wenn dann noch jeder sein eigenes Handeln maßvoll mit blick auf seine Mitmenschen gestalten würde? Einfach mal fünf Minutenin Ruhe drüber nachdenken und dann kann jeder Leser hier für sich selbst entscheiden, ob das eine lohnende Vorstellung ist und ob es kleiner Kurskorekturen im eigenen Kosmos bedarf...

Ich jedenfalls bin froh, wenn ich hier ab und zu daran erinnert werde, dass es ganz gut ist, nochmal nachzuschauen, ob man wirklich alle Strippen entzwirbelt und ausgetütet hat, die zu entzwirbeln und auszutüten waren ;-)

merci

sagt

der Steffen

Anonym hat gesagt…

Ich stimme Kommentar3 absolut zu. Nun gut er ware anonym. Ich bin auch nur halb anonym. eMail ist ja angeben.
Ich muß mir im Job tagtäglich Sachen anschauen, die einfach nicht konform, manchmal sogar lebensgefährlich sind. Aber wenn ich das alles immer wieder dem OA melden würde, wäre ich der Meldeknopf der Nation. Zum Glück fallen keine Beamer auf den Kopf der Leute, oder es rutscht mal ne Traverse aus der Schlinge, weil dieser Punkt grade nicht gesafed wurde.
Aber du hast nun mal ne ganz andere Sicht auf die Dinge des Lebens.
Und ich habe Angst, das durch meine "Ach lass mal so hängen- Mentalität" noch was passiert.
Sorry für die nächsten Konzerte und Veranstaltungen die einfach nicht stattfinden werden, weil sie einfach zu schlampig gebaut werden.
Doch Anonym, denn ich müßte ein Google Konto haben für ne eMail. oder was anderes
ach scheiß drauf:
crv@freenet.de
da könnt ihr hinschreiben

Jule hat gesagt…

Ich glaube, ich habe mich mal wieder etwas missverständlich ausgedrückt: Nein, ich beschwere mich nicht in einer Tour über irgendwelche Strippen, die unter der Decke hängen.

Ich kenne auch keinen, der jemals an einer solchen gezogen hat oder ziehen wollte. Ich selbst benötige diese Notruf-Einrichtung nicht, da ich fit genug bin, alleine vom Boden wieder hochzukommen oder mich zumindest hinzusetzen, so dass ich auch auf dem Popo zur Tür rutschen und diese öffnen und nach Hilfe rufen könnte.

Meinetwegen könnte man den Kram abschaffen. Ich bin aber nicht alleine auf der Welt. Nur was so paradox ist: Da wird für ein paar Hunderter bis Tausender so ein Gedöns eingebaut, weil es Pflicht ist - und dann kann es niemand bedienen, weil so etwas banales wie eine Strippe fehlt.

Was ich insgesamt und zurückblickend auf die Beschwerde einer meiner Leser bei einer Hamburger Behörde ausdrücken wollte, ist: Wenn sich im Fall der fehlenden Strippe nach über einem Jahr jemand beschwert, der als Tetraplegiker (Halsmarkgelähmter) vom Klo gefallen ist, sich nicht selbst helfen konnte und an der Strippe ziehen wollte, diese aber über den Spiegel, hinter den Mülleimer oder verpackt unter die Zimmerdecke gehängt worden ist, spinnt der nicht automatisch deshalb, weil sich ein Jahr lang vor ihm kein anderer beschwert hat.

Diese Argumentation wird ja gerne geführt. Und sie ist absolut schwachsinnig.

Um noch weiter zu differenzieren: Ich hasse auch die Vollkasko-Mentalität einiger Behindis. Wenn ich weiß, dass ich eventuell vom Klo fallen könnte oder wenn ich weiß, dass ich dann nicht wieder alleine hoch komme, dann schaue ich vorher, ob es eine Klingel gibt, die ich betätigen kann bzw. ob mein Handy dort Empfang hat. Und falls das beides nicht der Fall ist, kann ich eben nicht auf Klo gehen oder muss riskieren, dass es eine lange Nacht wird, bis am nächsten Morgen die Putzfrau kommt.

Anonym hat gesagt…

Hmmm...ich glaube nicht, dass du missverstanden wurdest. Und in der Rolle der "Meckertante der Nation" sieht dich sicher niemand hier. Gerade bei offensichtlichem Unfug bei der Planung oder Umsetzung von Egalwas, ist es wichtig, das einer mal den Mund aufmacht. Gerade an dem "Sie sind aber die erste, die sich beschwert..." siehst du doch, wie weit diese "Ich kann ja doch nix ändern!" Mentalität inzwischen verbreitet ist. Und wenn erst mal "doch nix ändern" im Gehirn eingebrannt ist kommen auch gleich die Schwestermentalitäten "Was ich mache interesiert keinen" und "ich bin nicht zuständig/verantwortlich" hinterher. Naja und dann schaut es eben so aus, wie es manchmal ausschaut. Die Frage ist aber dann immernoch, ob wir tatsächlich immer jemanden brauchen, der die Hausaufgaben kontrolliert, oder ob da zuvor eine gewisse Selbsteinsicht einsetzt ....

behauptet mal ein immernoch anonymer Steffen

Alza hat gesagt…

Manchmal hapert es aber auch am Faktor Mensch. Einmal traf ich auf einen so ausgelösten Toillettenalarm in einer Uni, der von allen umgebenen Büros ignoriert wurde, weil keiner wusste, was das schon wieder für ein nerviges Geräusch ist. War zum Glück ein Fehlalarm (Jemand hatte Spülung und Alarm verwechselt). Da ich eh schon "alarmiert" war, hab ich danach mal aus Spaß den Weg zum nächsten Medizinkasten gesucht. War in einem Büro, Öffnungszeiten 9-11 Uhr, und es war auch wirklich niemand da. Aber wahrscheinlich haben sie ein Zertifikat für die tolle Ausrüstung und noch einen Defibrillator. Nützt alles nix, wenn das Büro zu ist.

BigDigger hat gesagt…

Sowohl die Strippe im Blogeintrag wie auch der Defi im Kommentar von Alza sind ein typisch menschliches Problem bei der Abnahme: "Hauptsache vorhanden". Es ist Vorschrift, es hat da zu sein, und damit wird sich aus Zeitdruck häufig begnügt nach dem Motto: Wird schon reichen. Dabei bleibt dann leider der Sinn des Ganzen und die Funktionsüberprüfung auf der Strecke. Dass soll nicht heißen, dass ich dafür Verständnis habe - im Gegenteil. Jemand, der so eine Einrichtung bautechnisch abzunehmen hat, hat dies gründlich zu tun, und wenn ihn das Zeit kostet, die an anderer Stelle fehlt, landet das Problem irgendwann in der Presse, und dann wird sich der Bausenator für miese Personalplanung öffentlich rechtfertigen müssen. Punkt.

Olli hat gesagt…

Das sich keiner beschwert oder es meldet, das ist wohl das zunehmende Desinteresse der Menschen im Alltag an allem, was ihre eigenen Interessen nicht unmittelbar und stark berührt. Es hat auch sicher etwas mit Verantwortungsdiffusion zu tun, "wird schon wer anders melden".

Gleichzeitig scheinen viele bei ihrer Arbeit zu denken "passt schon, wird schon noch einer kontrollieren".

Weil ÖPNV nah: kenne eine Stadt da hingen veraltete Fahrpläne (die von der vorletzten Periode) genau gegenüber einer Verkaufsstelle des Verkehrsbetriebes und am Eingang zum Pausenraum der Fahrer. Und im TV erzählte der Pressesprecher wie heldenhaft sie doch zigtausende Dokumente gewechselt hätten und das für den fast ausgeschlossenen Fall, sie hätten was übersehen, man ihm mailen könne. Der guckte, als ich ihn am nächsten Tag dann zufällig traf, extrem reduziert, als ich ihn fragte, warum denn für halbwegs kundige deutlich sichtbar hinter ihm in der Bahn, in der gedreht wurde, ein veralteter Netzplan hing...