Samstag, 4. Dezember 2010

Leckerer Auflauf

Ein Restaurant in Lurup gehört einer deutsch-türkischen Familie. Vater, Mutter, ein Onkel und die Kinder arbeiten dort. Wir sind mit unserer WG nur durch Zufall dort gestrandet, wurden sehr höflich und zuvorkommend bedient. Der Inhaber erzählte uns beim zweiten Besuch beiläufig, dass auch eine seiner Töchter im Rollstuhl sitze.

"Sie macht mir Sorgen. Sie liest sehr viel und ist sehr klug. Sie geht auf das Gymnasium und lernt viele Sprachen. Aber ihr fehlen Freunde. Die Freunde in der Schule haben oft andere Interessen als sie mit ihrer Behinderung." Als wir ihm erzählten, dass wir alle im Sportverein sind, holte er seine Tochter nach unten und seitdem macht sie in meinem Verein in einer Jugendgruppe mit.

Dadurch ist die Tochter sehr aufgeblüht und körperlich viel fitter geworden, hat wohl auch guten Anschluss gefunden - aber nun ist es so, dass jedes Mal, wenn wir bei denen zu Gast sind (so einmal pro Quartal), bekommen wir dort randvolle Teller, werden von der Mutter etliche Male gefragt, ob sie uns etwas für morgen für die Mikrowelle noch einpacken soll, ständig Getränke nachgefüllt und am Ende, wenn wir nach der Rechnung fragen, sagt er immer: "Seid meine Gäste." Also mit anderen Worten: "Ihr seid eingeladen."

Was wir natürlich nicht wollen, denn wir laden uns damit ja quasi selbst ein. Und wir kommen nicht dorthin, um dort ein Essen "abzustauben", sondern weil wir dort nett bedient werden und es sehr gut schmeckt (vor allem die Aufläufe sind end-lecker). Auf der anderen Seite ist es aber auch unhöflich, die Einladung abzulehnen. Nun sagte die Tochter neulich, dass der Papa so stolz auf uns sei (obwohl wir nichts weiter gemacht hatten, als ihr eine Telefonnummer von unserem Sportverein zu geben und ein bißchen davon zu erzählen), dass er wohl mal zu ihr (zur Tochter) gesagt hat: "Deine Freunde können jeden Tag zu uns kommen, ich habe immer etwas zu essen für sie. Sag ihnen das." Das finde ich so rührend und emotional bewegend, dass ich gar nicht weiß, wie ich "richtig" damit umgehen soll.

Ich möchte es auf jeden Fall aufschreiben, weil es mich sehr positiv bewegt. Es macht mich sehr nachdenklich, mit welchen Kleinigkeiten man Menschen glücklich(er) machen kann. Vor allem denke ich dabei sehr oft darüber nach, warum nicht viel mehr Menschen diese Erfahrung machen und aus ihr etwas für ihren täglichen Alltag ableiten: Denke nicht nur an dich und deinen Vorteil, sondern denke auch mal an andere und tue ihnen etwas gutes. Und wenn es nur eine Klitzekleinigkeit ist.

Kommentare :

vivien hat gesagt…

Das ist tatsächlich furchtbar rührend und schön. Für beide Parteien, finde ich.

Anonym hat gesagt…

:-) Eine wirklich schöne geschichte. Wenn dir die "Gastfreundschaft" zu viel wird, kann man auch darüber offen reden. Andererseits: Ihr geht ja nun auch nicht jede Woche drei Mal dort essen und solange ihr jedesmal nach der Rechnung fragt, signalisiert ihr auch, dass ihr es nicht ERWARTET eingeladen zu sein und wenn der Besitzer sich dann, gegen euer Sträuben durchsetzen kann und euch einladen darf, fühlt er sich doch auch gut....

Ich denke, was immer und egal in welcher Kultut gut ankommt ist offene Ehrlichkeit. Wenn du aus natürlicher Überzeugung etwas charmant aber ehrlich ablehnst, wird dir das auch nirgendwo auf der Welt übel genommen. Wenn's zu viel wird, sag es ... wenn nicht: freu dich und genieß es ;-)

sagt ein vom lesen doch etwas hungrig gewordener

Steffen

Anonym hat gesagt…

Hallo Jule,

glaube ich sofort das euch das unangenehm ist,
aber da wo die Familie herkommt,ist das völlig normal.

Sie würden nie auf die Idee kommen von euch ausgenutzt zu werden,
was ihr ja auch nicht macht.

Wie wäre es, wenn ihr beim nächsten Besuch eine Flasche richtig guten Wein mitbringt,
mit dem Hinweis diesen für einen ganz besonderen Augenblick aufzuheben.

Anonym hat gesagt…

Hallo Jule,

das hat in der Tat mit der türkischen Gastfreundschaft zu tun!
Ich kenne die Situation sehr gut. Selbst wenn es in meinem Fall kein Restaurant ist, aber "meine" Familie überschüttet mich jedes Mal mit Kleinigkeiten zu essen, zu trinken und den weltbesten türkischen Keksen wenn ich da bin. Sie freuen sich, wenn ich mich über etwas freue. Ich habe dann mal angesprochen, dass das doch nicht sein muss, und sie waren da fast beleidigt, sagten, dass das "zu hause" doch alle so machen. Seitdem freue ich mich einfach mit und bringe auch schon mal etwas mit, nicht aus Pflichtgefühl, sondern aus Freude, wenn sie sich darüber freuen. (Übrigens, ich habe angefangen, ein paar Bröckchen türkisch zu lernen, jetzt sind sie ganz aus dem Häuschen und ich bekomme praktisch Privatunterricht mitten aus dem Leben gegriffen :) )

Eine schöne Weihnachtszeit wünscht eine Mitleserin seit dem ersten Moment :)
Viele Grüße aus Hagen,
Lisa

Banane hat gesagt…

Das ist doch mal wieder eine wirklich schöne Geschichte!

Wir Deutschen könnten uns von vielen anderen Nationalitäten eine große Scheibe abschneiden, was Gastfreundschaft und Dankbarkeit anbelangt.
Ich kenne das in kleinerem Maßstab auch selbst von einem früheren türkischen Schulfreund, bei dem ich oft zu Hause war. Mit einer solchen Herzlichkeit wurde ich von den Eltern anderer Schulfreunde nie empfangen - und eine bessere Versorgung mit Essen und Trinken gab es sowieso bei keinem anderen Schulfreund (obwohl die Eltern dieses Freundes alles Andere als wohlhabend waren).

Natürlich war der Hinweis auf die Rollstuhlsportgruppe für euch nur eine Kleinigkeit. Aber für das Mädchen und ihre Eltern war es offensichtlich eine ganz große und wichtige Sache, weil sie ja offensichtlich nicht wussten, wo man mit dieser Behinderung Anschluss und den Kontakt mit Gleichgesinnten finden kann.
Und ich finde, euch sollte es nicht unangenehm sein, diese Dankbarkeit und Gastfreundschaft zu genießen. Für die Eltern der Rollstuhlfahrerin wäre es eine Beleidigung, wenn ihr die Gastfreundschaft nicht annehmen würdet.

Gruß,
Banane

annina hat gesagt…

Liebe Jule, denk doch, wie Ihr das Leben dieses Mädchens und seiner Familie verändert habt! Sie ist gesünder, glücklicher, dadurch vielleicht ausstehlicher für Ihre Familie, alle haben weniger Sorgen! Kein Wunder, dass er Euch viermal im Jahr - oder auch täglich - zum Essen einladen möchte! Was für eine schöne Geschichte, die werde ich in den nächsten Wochen auch nochmal auf Girls Can Blog verlinken! Viele liebe Grüße!

Anonym hat gesagt…

nachdem ich jetzt ungefähr 8 stunden auf diesem blog verbracht habe statt endlich meine referatsausarbeitung fertig zu machen und den morgingen tag an der uni vorzubereiten:

dieser eintrag nötigt mir doch den ersten kommentar ab. und inhaltlich bleibt er doch sehr karg:

schön! fühlt euch nicht schlecht sondern erwidert sein angebot und fühlt euch wirklich eingeladen!

Clavicular von PL hat gesagt…

Liebe Jule,

wie du schon öfter bemerkt hast kann helfen so einfach sein. Völlig selbstlos. Man hat selbst Freude daran anderen zu helfen. Einfach so. Ohne Hintergedanken oder, dass einem ein Zacken aus der Krone bricht.

Für mich ist es bereits automatismus, dass ich beim Betreten unseres Einkaufscenters 3 Sekunden länger stehen bleibe um die schwerfällige Tür für eine sichtlich gebrechlichen Herren am Stock oder der jungen Mutter mit Kinderwagen diese offen zu halten. Für mich sind es 3 Sekunden. Die habe ich mit zwei Schritten wieder eingeholt. Für die anderen ist es wieder eine Barriere. Sei es weil es Kraft kostet diese auf zu drücken und dann reißt jemand anderes die Tür von außen auf (und der Herr fliegt dabei dank seiner drückenden Energie nach vorne) oder der Eiertanz Tür auf, Fuß rein, Kinderwagen herziehen, Fuß noch immer halten usw.

In einen meiner Berufe bekomme ich sehr oft mit, dass Gastfreundschaft in anderen Kulturkreisen ein hohes Gut ist. Ich weiß diese auch zu schätzen. Nur wenn ich gerade einen Patienten versorge möchte ich doch nicht auf das Angebot Obst oder warmes Fleisch (ohne Witz!) zubereitet zu bekommen eingehen. Geschweige denn etwas zu essen. So schon Mehrfach passiert. Dankbarkeit und Respekt zeigt sich dort anders, teilweise befremdend, als wir es von uns oder unseren Freunden gewohnt sind.

Das Problem ist nur, dass man die richtigen Worte finden muss. Es wird als Beleidigung empfunden Einladungen abzulehnen.

Ich finde es klasse, dass du dem Mädchen, jedoch auch der gesamten Familie, mit einer simplen schnöden Telefonummer einen weiteren Sinn geben konntest. Helfen kann manchmal so einfach sein :)

Anonym hat gesagt…

Liebe Jule,
für Dich ist es eine Telefonnummer, für dieses Mädchen eine neue Lebensqualität. Du sagtest einmal Du wüsstest nicht wo Du ohne den Sport wärst, wie es Dir ginge. Dort hast Du Deine Freunde gefunden und damit ein neues erfülltes Leben. Diese Möglichkeit habt Ihr diesem Mädchen Geschenkt, und das ist unbezahlbar. Ich könnte mir vorstellen das der Vater mit jedem fröhlichen Lachen seiner Tochter, mit jeder Geschichte vom Sport dankbar ist das Ihr damals bei ihm Essen wart.

P.S. Macht weiter so, ich ziehe meinen nicht vorhandenen Hut vor Dir und Deinen Freunden

Olli hat gesagt…

Tja, es gibt doch noch immer wieder Hoffnung. Man tut gutes und erfährt, manchmal an anderer Stelle, als Ausgleich selber gutes dafür :-)
Wenn ich mal wieder nach Hamburg komme - darf ich dann fragen, was das für ein Lokal ist? Ich will natürlich selber zahlen, aber endlecker klingt nunmal sehr verlockend.

Trixi Sonnenträumerin hat gesagt…

Hey Jule!

Okay, das ist gerade schon echt lange her... Bald werden es 3 Jahre sein, aber ich möchte trotzdem gerne etwas dazu schreiben.
Habe deinen Blog leider erst vor ein paar Tagen entdeckt und arbeite mich gerade fasziniert durch dein gesamtes Archiv. :)

Ich kann verstehen, dass dir das echt unangenehm ist mit so viel Freundlichkeit und allem.
Aber wie schon erwähnt liegt das auch an der türkischen Kultur.
Und überleg mal... So ein "bisschen" Essen ist nicht teuer. Aber das was ihr gemacht habt (auch wenn es nur das war, das ihr die Telefonnummer von eurem Verein weiter gegeben hat), hat einem Familienmitglied von ihnen so eine Freude gemacht und deren Leben so bereichert etc, dass das im Grunde doch viel wertvoller ist, als so ein "bisschen" Essen.
Und ich mein das gerade nicht finanziell, sondern menschlich gesehen.

Wie auch immer... Ich hoffe, du verstehst was ich meine, weil ich kann bei weitem nicht so toll formulieren wie du es machst!

LG Trixi