Freitag, 17. Dezember 2010

Weihnachtsfeier mit Struktur

Heute fand die Weihnachtsfeier aller Hamburger Rolli-Triathleten statt, also waren sowohl die Profis als auch der Nachwuchs, die Trainer, Helfer und Organisatoren eingeladen. Man konnte alleine kommen oder mit einer Begleitung, es gab standardmäßig superleckeren Grünkohl, man konnte aber auch etwas anderes zu essen bekommen.

Das Programm beschränkte sich auf Essen, Quatschen, Austauschen und einigen Bildern bzw. Clips von der letzten Saison an einer Leinwand. Das alles war irgendwie genau richtig und für mein Empfinden bestens gelungen und ich war froh, trotz der unmöglichen Wetterbedingungen dorthin gefahren zu sein. Insgesamt waren über 40 Leute dort.

So eine Veranstaltung will natürlich vorher organisiert werden. Man muss einen Ort finden, an dem man bekocht wird, der rolligerecht zugänglich ist, der Toiletten für Menschen mit Behinderungen hat, der zentral liegt und mit Öffis zu erreichen ist, wo man so ungestört ist, dass man etwas an eine Leinwand werfen kann; es sollte nicht zu teuer und nicht zu billig sein und vor allem: Es muss zwischen den ganzen Weihnachtsfeiern überhaupt noch Kapazitäten geben.

Wenn also darum gebeten wird, dass man sich bis drei Tage vorher verbindlich schriftlich anmeldet und entsprechende Kreuze auf einem vorgefertigten Fax-Vordruck macht oder eine E-Mail schreibt, kann ich einen richtig aggressiven Kotzanfall kriegen, wenn einzelne Leute meinen, das gelte für alle, nur nicht für sie. Nun war man in diesem Jahr schon so schlau und hat den Ort in der Einladung nur annähernd mitgeteilt und erst in der Bestätigung nach der Anmeldung die genaue Adresse, aber es gibt ja immernoch Leute, die dann rumfragen, bis sie die Adresse von anderswo erfahren und dann plötzlich auf der Matte stehen.

Was ja auch überhaupt nicht schlimm wäre, denn jeder soll ja mitfeiern können. Wenn es dann aber so ist, dass aufgrund der Anzahl von Gästen der Inhaber seine eher kleine Lokalität komplett umgeräumt hat, die Hälfte der Tische in den Keller getragen hat, damit mehr Platz für die ganzen Rollis ist, die Hälfte der Stühle rausgeräumt hat, damit Rollifahrer an den Tischen sitzen können, das Essen entsprechend vorbereitet hat anhand der Vormeldungen ("Ich esse Grünkohl" / "Ich esse nach Karte"), mache ich mir so meine Gedanken, dass die eher straffe Organisation durch die Abteilungsleitung durchaus ihren Sinn und ihre Berechtigung hatte.

Und dass es verdammt nochmal nervt, sogar stört, wenn zwei Dutzend Rollifahrer im Schneetreiben und eisigen Wind an einer Hausecke draußen warten müssen, weil für die acht unangemeldeten Personen erstmal wieder neu alles zurechtgepuzzlet werden muss und sich quer durch den Laden alles staut. Es musste im laufenden Betrieb umgeräumt werden, so, dass trotzdem alle Platz haben und zwischendurch zum Klo kommen, so, dass der Beamer trotzdem noch die Leinwand erreicht, so, dass die Bedienung noch überall hinkommt etc. Und so, dass der Wirt sagt: "Hätte ich gewusst, dass 10 Leute mehr kommen, hätten Sie den anderen Raum bekommen. Ich habe Ihnen diesen gegeben, weil er gemütlicher ist."

Nun denn, am Ende hat es doch noch geklappt. Den Grünkohl hatte er normalerweise nicht auf der Speisekarte und nur heute für uns im Programm, weil einige von uns sich das so sehr gewünscht hatten. Vielleicht war es kleinkariert, aber es war ausreichend kommuniziert, dass die Grünkohlportionen abgezählt waren. Nur wer sich für Grünkohl angemeldet hatte, bekam auch einen Teller davon. Alle anderen mussten aus der Karte wählen. Daraus ergibt sich logisch, dass die überhaupt nicht angemeldeten Leute ... richtig: Auch aus der Karte wählen.

Es gibt in unserem Verein Menschen (und in diesem Fall handelte es sich um eine Fußgängerin), die aus Versehen einen großen bunten Salatteller bestellt und aus noch mehr Versehen jemand anderem den Grünkohl wegnimmt. Sich hinterher noch darüber beschwert, dass die Veranstaltung schlecht organisiert war. Nicht ohne Grund schrieb ich von "meinem Empfinden" im zweiten Absatz.

Ich bin froh, dass unsere beiden Vorturner das nicht mitbekommen haben, ich hätte mich geschämt. Dass den beiden diese unangemeldeten Leute sauer aufgestoßen sind, hat man an der wenig diplomatischen Reaktion unseres "Chefs" gemerkt, der auf die Frage, ob auch ein Getränk vom Verein übernommen werde, antwortete: "Es gibt ein Essen und zwei einfache Getränke pro Person. Die Gesamtrechnung zahlen am Ende diejenigen, die nicht angemeldet waren, zu gleichen Teilen."

Ich komme mit solchem Verhalten (wie es die acht "Nachzügler" an den Tag gelegt haben) nicht klar. Ich war noch nie so, auch vor meinem Unfall nicht, und ich kann mir auch nur schwer vorstellen, so zu werden. Ich brauche eine gewisse Struktur in meinem Leben. Das mag eine Nebenwirkung meiner Behinderung sein, es kann auch sein, dass ich langsam immer spießiger werde, aber: Ich brauche sie einfach. Und mich nerven Leute, denen täglich nach dem Aufwachen ganz plötzlich einfällt, dass ein neuer Morgen begonnen hat.

Aber zum Abschluss sei es noch einmal erwähnt: Es war eine gelungene Veranstaltung und ich bin froh, trotz der unmöglichen Wetterbedingungen dorthin gefahren zu sein.

Kommentare :

BigDigger hat gesagt…

Bin ich jetzt spießig, nur weil ich das nachvollziehen kann, dass Du Dich über solche Pappnasen ärgerst?

Anonym hat gesagt…

Sogar als jemand, der ebenfalls dieses Gen maßloser Spontanität in sich trägt, verstehe ich den Unmut, denn es kommt eben immer darauf an WIE man soetwas macht. Ich habe gern "meinen Auftritt" - vielleicht wird auch genau das sogar schon teilweise von mir erwartet - aber wenn ich schon so "laut" lebe, dann habe ich wenigstens nicht die Einstellung, dass irgendwer schon für mich zurückstecken muss. Wenn, dann organisiere ich mich selber und liefere vielleicht Stirnrunzeln, Kopfschütteln, Lacher und Diskussionsstoff, aber keinen Unmut oder gar zusätzlichen Organisationsaufwand. Wenn sich diese 8 Personen dann einfach etwas dezenter und höflicher verhalten hätten, die Reaktion wäre vermutlich anders ausgefallen. Ich kann durchaus eine 100 Köpfige Reisegruppe nebst eigens gechartertem Flugzeug in helle Aufregung versetzen, weil ich nicht wie alle anderen brav 2 Stunden vor Abflug, sondern erst 20 Minuten vorer am Flughafen bin, aber dann habe ich das auch vorher mit der Crew und Orga geklärt, mein Gepäck am Vorabend per Taxi anliefern lassen, meine Papiere reisefertig sortiert und KEINE zu beanstandenden Utensilien mehr in meinem Handgepäck. Ich erwarte von meinem Umfeld auch tatsächlich, dass es meine Art die Dinge zu handhaben zumindest tolleriert, aber ich achte auch sehr darauf, niemanden, der es für sich eben anders handhaben möchte, respektlos oder gar einschränkend zu behandeln. Meine Freiheit sollte da enden, wo ich -RiCHTIG!- andere Menschen dazu zwinge, sich unwohl zu fühlen. Anscheinend haben an diesem Abend einige Personen diesen Grundsatz nicht beherzigt und in der Folge haben sich sogar mehrere Menschen unwohl gefühlt. Und darüber kann man sich durchaus auch aufregen. Es geht hier eigentlich -wie schon häufiger- um Respektlosigkeit und die ist weder im Kleinen, noch im Großen ein Kavaliersdelikt, sondern eigentlich das unfeinste, das man sich gegenseitig antun kann, weil sie sich, wo sie still geduldet wird, immer weiter verstärkt.

sagt der Steffen, der sich gerade auch fragt, ob er denn jetzt spißig ist, oder nur seinen "moralischen" hat ;-)

NewRaven hat gesagt…

Ich verstehe ebenfalls den Unmut. Allerdings - wenn es jetzt nicht unbedingt die Vereinsfeier gewesen wäre, die halt eh etwas straffer organisiert sein muss, muss ich auch sagen, das viele Partys auf denen ich war und auch eigene oft erst durch "spontane Gäste" wirklich gut wurden. Auf einer privaten Party "erwarte" ich die eigentlich also schon und freu mich auch immer, wenn sie da sind. Denn meistens sind das die Leute, die man noch nicht kennt - und sowas ist cool. Selten sind es auch mal Leute, die man absichtlich nicht eingeladen hat - das ist dann halt weniger cool, aber damit muss man leben. Also nein, ich find deine Einstellung in diesem Punkt auch nicht spießig - allerdings hast du mit deinem letzten Abschnitt ja ziemlich eindeutig gesagt, das du diese "Struktur" gern immer hättest. Und ja, da finde ich es eigentlich doch ein wenig spießig. Menschen, die den Tag so nehmen, wie er kommt, können wunderbar erfrischend sein (ich bin auch so einer, wenn es meine Freizeit erlaubt) und mehr oder minder straffe Struktur hab ich im Berufsleben genug. Da darf mein Privatleben durchaus auch einfach mal völlig ungeplant aus unüberlegten Momententscheidungen bestehen. Das macht für mich Leben zu einem großen Teil erst aus...

Jule hat gesagt…

@NewRaven: Spontane Partys finde ich auch gut. Ich frage die Leute, die ich gerne dabei hätte, und wer dazu kommt, kommt dazu. Wenn es mit dem Essen nicht reicht, bringt vielleicht auch jemand spontan noch etwas mit - oder gemeinsames Pfannkuchenbacken kann auch sehr nett sein. Wie oft hab ich schon spontan Leute bei mir schlafen lassen oder Gästebetten aufgeblasen nachts?

Das meine ich nicht. Bei diesen Dingen kommt es mir nicht drauf an. Wenn jemand was vermisst, soll er sich bitte selbst engagieren und notfalls nochmal zur Tanke laufen und was zu trinken kaufen. Oder eben Pfannkuchen backen.

Bei mir ist es nur so: Ich hab Schule, muss, da ich bestimmte Stunden zu Hause nacharbeite, mir Zeit für eben diese Hausarbeiten frei halten, habe mehrere Stunden Therapie in der Woche, mach meinen Sport (der meist auch zu immer anderen Terminen stattfindet) ... das geht nicht ohne Planung und am Ende bleibt vom Alltag kaum noch was übrig. Dazu kommt, dass ich ständig bestimmte Medikamente im Haus haben muss, bestimmte Verbrauchshilfsmittel, das muss alles bestellt und rechtzeitig geliefert werden, und das meine ich halt mit Struktur. Wenn ich das nicht planen würde und in meinen Kalender schreiben, würde ich irgendwann versumpfen.

Das heißt aber nicht, dass ich alles zu 100% durchplane. Es gibt allerdings einige nervige Anforderungen, die so eine nervige Behinderung an einen stellt, und da kommt man leider mit Spontanität nicht weit. Wenn ich erst die nächste Tablette einwerfe, nachdem es aus meinem Rolli tropft, ist das zwar sehr spontan, aber nicht gesellschaftsfähig. Also doch den Wecker im Handy stellen und unspontan organisiert sein. :)

Olli hat gesagt…

Jule, solang Du noch spontan Leute aufnimmst oder aus den Fähigkeiten der Vorhandenen und dem Vorratsschrank was leckeres zauberst bist Du gewiss nicht spiessig.

Es geht wohl darum, mit Bedacht, Vernunft, Verstand zu trennen: Dinge die spontan sein können oder gar müssen und die, wo das unpraktisch (Tabletten im NOtdienst verschreiben lassen und bei Notdiensapotheke sonstwo holen) bis unmöglich ist und wo man mit seinem vermeidbarem verhaltenanderen zur Last fällt.

Auch wenn Gatsronomen Dienstleister sind empfinde auch ich Fremdschämen für die Rollifahrer, die unangemeldet und dann so "selbstbewusst" erscheinen, dass auch für sie selbstverständlich allles zu funktionieren hat. HIer ging es nicht um ein Quick Service Restaurant, das spontan ein paar Burger mehr machen soll (und kann), sondern einen Gastronomen, der mit den spziellen Gästen der Feier eben besonderen speziellen Aufwand hat.

Oder kurz: Leute gibt's!