Samstag, 31. Dezember 2011

Guten Rutsch

Ich verabschiede mich nach dem 111. Post in diesem Jahr in eine hoffentlich tolle Silvesternacht und wünsche allen einen guten Rutsch ins Jahr 2012!

Selbstbestimmt leben

Cathleen und ich waren gestern unterwegs zu einem unangekündigten Spontanbesuch bei Maria. Normalerweise mache ich so etwas nie, ich melde mich immer an, bevor ich jemanden besuche, zumindest frage ich direkt vorher per SMS an, ob es okay wäre. Ich hatte nach der Sache mit Marion ein sehr komisches Gefühl und wollte einerseits meinen "Bauch" beruhigen, der für dieses komische Gefühl verantwortlich war, andererseits wollten wir der Maria noch eine Kleinigkeit zum Jahrewechsel vorbei bringen.

Es war etwa 17 Uhr, als wir an ihre Zimmertür klopften. Als kein "Herein" zu hören war, klopften wir nochmal. Dann vernahmen wir ein eher fragendes "Ja?!" und rollten hinein. Maria saß vor ihrem Laptop und war damit beschäftigt, einen Brief zu schreiben. Als sie uns sah, sagte sie: "Hey, Besuch für mich! Was für eine tolle Überraschung. Kommt rein. Sieht hier leider etwas unordentlich aus. Im Zimmer und bei mir. Sorry."

Sie hatte ihre Haare offen, eine Brille auf der Nase und trug nur eine Leggings und ein langärmliges Top. Auf dem Schreibtisch standen mehrere leere Plastikbecher mit Trinkhalm, eins war noch halbvoll, neben einem anderen hatte jemand gekleckert. Ich wollte sie zur Begrüßung umarmen, aber sie sagte: "Nee, lass mal lieber. Ich hab noch nicht geduscht."

Mich hätte es jetzt nicht so gestört, aber wenn ihr das unangenehm ist, sollte man das respektieren. "Dann fühl dich geknuddelt", meinte ich. "Alles gut bei dir?" - Sie nickte. "Ich schreibe gerade einen langen Brief an meine Eltern. Das mache ich immer, wenn ich was zu erzählen habe."

Sie erzählte einen Moment, dann fiel mein Blick auf eine Pfütze auf dem Fußboden. Direkt unter dem Schreibtisch. Dass sie teilweise sogar Probleme hatte, mit einem Trinkhalm zu trinken, wusste ich schon, aber ... wenn da ein Getränk ausgekippt war, wo war der Becher dazu? Irgendwie wehrte ich mich gegen den Gedanken, aber schnell wurde mir klar, was das war. Da auch ihr klar war, dass wir nicht blind sind und ich nichts mehr hasse als unausgeprochene Worte, fragte ich direkt: "Was ist das eigentlich für ein See hier auf der Erde?"

"Das ist mir peinlich", sagte sie. Cathleen fragte: "Hast du da hingepisst?!" - "Ihr hättet ja mal Bescheid sagen können, dass ihr kommt." - Cathleen antwortete: "Dann hättest du nicht gepisst?" - "Nee, dann hätte ich das weggewischt!" - "Du kannst doch gar nicht wischen." - "Arschloch!" sagte Maria und streckte ihr die Zunge raus. Ich kommentierte: "Entzückend. Ihr seid so lieb zueinander."

Womit wir aber direkt beim Thema waren: "Lässt der Drache dich eigentlich in Ruhe?" - "Welcher Drache?" - "Die Meisterin der kalten Duschen." - "Ach Marion, ja, die hat heute Dienst. Mit ihrer besten Freundin. Die kennst du noch gar nicht, die war krank als du hier gearbeitet hast. Ich sag nur: Topf und Deckel." - "Die verteilt auch kalte Duschen?" - "Sie ist ruhiger geworden. Früher war die genauso unausstehlich, heute kann man sich mit ihr arrangieren. Aber seit ich ihre Lieblingskollegin verpetzt habe, redet sie mit mir nur noch das Nötigste." - "Super." - "Naja, ich geh ihr aus dem Weg, klemm mir das Abendessen und lass mir von der Nachtwache noch eine Banane in den Mund stopfen. Heute hat Sonja Nachtdienst, die ist sehr lieb."

So langsam dämmerte mir was. Ich fragte: "Du willst jetzt aber mit dem Duschen nicht warten bis Sonja kommt, oder?" - "Mal sehen." - "'Mal sehen' heißt soviel wie 'eigentlich ja'." - "Mal sehen!" - "Och Maria, das ist eklig. Du kannst doch jetzt nicht noch vier Stunden so rumsitzen." - "Wieso nicht", sagte sie gleichgültig. - "Weil das eklig ist? Weil das stinkt? Weil du dir einen wunden Arsch holst?" - "Hättet ihr euch angekündigt, hätte ich euch nicht so empfangen. Da ihr das nicht gemacht habt, müsst ihr mich heute leider so nehmen." - "Maria, es geht doch nicht um uns! Es geht um dich! Hast du denn gar keinen Stolz? Vor dir selbst?"

Jetzt rastete sie aus. "Stolz? Hast du gerade 'Stolz' gesagt? Wer fragt denn nach meinem Stolz, wenn er schon meine Würde mit Füßen tritt?" - "Ich frage nach deinem Stolz, aber ich kann mich nicht daran erinnern, jemals deine Würde mit Füßen getreten zu haben." - "Bezieh nicht alles auf dich, du bist nicht der liebe Gott. Du hast versucht, meinen Stolz herauszufordern. Und ich habe gesagt, dass mein Stolz nichts bringt, solange in dieser Einrichtung meine Würde mit Füßen getreten wird. Da nützt mir mein ganzer Stolz nichts. Ich kann nicht mal abschließen, wenn ich auf Klo sitze. Ich teile mir ein Klobecken mit zehn anderen Bewohnerinnen und Bewohnern. Ich muss zwei Tage vorher anmelden, wann ich duschen will. Und wehe ich will länger duschen oder mal baden. Kaum liege ich in der Wanne und habe den Pfleger endlich aus dem Raum gekriegt, geht hinter dem Vorhang einer kacken und ich kann mir anhören wie es in der Schüssel plumpst und darauf warten, wann der Duft rüberwabert. Und wenn ich Pech habe, guckt derjenige hinterher nochmal, wer da in der Wanne liegt. Ich kriege hier sogar meinen eigenen, selbst gekauften Badeschaum rationiert! Jule, ich hab keinen Bock mehr. Maria, willst du schon wieder Würstchen? Maria, keinen Wackelpudding, da fällt das Füttern so schwer. Maria, darf ich das panierte Schnitzel pürieren, das ist einfacher dann. Och, alles kein Problem, hauen sie die Zitrone und den Ketchup doch auch gleich noch mit in den Häcksler. Stolz? Würde?"

"Das sind alles völlig inakzeptable Zustände, Maria. Aber trotzdem kannst du dich doch nicht so aufgeben, und das meine ich mit Stolz, dass du dich hier vier Stunden mit nasser Hose hinsetzt. Dass das passieren kann, kann ich verstehen, das passiert mir auch. Aber... " - "Du verstehst gar nichts. Du hattest einen Unfall, das ist schlimm, sogar sehr schlimm, du sitzt im Rollstuhl, du hast einen Weg gefunden, wie du mit dir und der Welt im Reinen sein und deine tägliche Portion Glück abrufen kannst. Auch okay. Aber du musst jetzt nicht denken, dass du alles verstanden hast. Dir hat man einen fahrbaren Stuhl unter den Arsch gesetzt und damit kommst du zurecht, kannst ein unabhängiges Leben führen. Ich muss fragen, ob jemand Zeit hat, wenn ich gerne einen Bonbon lutschen will. Weil ich dafür nicht klingeln will, vielleicht aus Stolz, bin ich zudem auch noch eine Viertelstunde dafür unterwegs. Wenn ich vom Dienstzimmer wieder hier bin, ist der Bonbon aufgelutscht."

"Warum fährst du nicht zum Dienstzimmer und bittest darum, dass dir jemand eine trockene Hose anzieht, dich kurz untenrum wäscht und die Pfütze hier wegwischt?" - "Weil ich einfach keine Lust habe, mit denen zu reden, mich von denen anfassen zu lassen, zu erklären, zu beantworten, zu relativieren, zu beschwichtigen, zuzuhören, wie unpassend das gerade ist und wie eklig - und vielleicht noch kalt abgebraust zu werden, wenn man gerade ganz schlecht drauf ist. Oder mit dem Lifter in eine kalte Badewanne gehoben zu werden. Und wenn man sich beschwert, zu hören zu bekommen: 'Erst einpissen und jetzt noch Ansprüche stellen.' Die Leute sind dumm, Jule. Die haben keinen Zugang für Argumente und schon gar nicht für Menschlichkeit. Sie fragen morgen dasselbe wieder. Ich habe so viel Stolz, dass ich auf die Nachtschicht warte. Was ist schon eine nasse Hose gegen ein bißchen Menschenwürde? Die Frage von dir, Cathleen, war gar nicht so verkehrt. Hätte ich gewusst, dass ihr kommt, hätte ich nicht gepisst."

"Sondern?" fragte Cathleen und schaute sie mit großen Augen an. - "Für euch wäre ich auf Klo gegangen." - "Och Maria!!!" - Eine Träne kullerte über ihr Gesicht. "Ich bin einfach nur nicht auf Klo gegangen. Was ist daran so schlimm? Früher konnte ich das endlos halten, inzwischen klappt es nicht mehr ganz so gut. Aber immerhin klappt es noch. Das Gute an diesem Sitzkissen ist, dass keine Staunässe entsteht. So kann ich mich nicht wundsitzen." - "Du kannst doch hier nicht einfach hinpissen! Maria. Ehrlich jetzt." - "Du meinst, ich sollte dafür lieber vor das Fenster fahren?" - "Du willst mich nicht ernst nehmen, oder?" - "Du willst mich nicht verstehen, oder?"

Was mir nicht in den Kopf will: Wie kann man sich so derart derbe gehen lassen, dass einem sowas so egal ist? Oder ... wie sehr und wie schlimm muss man innerlich leiden, dass man sich für diesen Weg entscheidet? Beim Triathlon kann man auch nicht die Zeit anhalten und indessen aufs Klo. Männer können noch ihr Ding raushalten, wenn keiner guckt, Frauen sich schnell ins Gebüsch hocken, wenn es nicht um Sekunden geht, aber Rollstuhlfahrer? Pech gehabt. Nur: Ich entscheide mich freiwillig, trotzdem diesen Sport zu machen. Und ich entscheide mich freiwillig, dafür zu trainieren. Auch, wie man unterwegs pinkelt. Ich weiß vorher, worauf ich mich einlasse und nehme das bewusst in Kauf. Aber hier steht jemand so massiv unter einem subjektiven Leidensdruck, dass er als kleinstes Übel auswählt, stundenlang in nasser Hose rumzusitzen. Und dann noch ausgerechnet Maria. Keiner von uns wusste mehr, was er sagen sollte und eine unerträgliche Stille war im Raum.

Dann sagte Maria: "Ich starte noch einen letzten Erklärungsversuch: Es gibt in meinem Leben nur noch zwei Dinge, über die ich wirklich alleine entscheiden kann. Atmen und pinkeln. Alles andere ist mir abgenommen worden oder wird mir abgenommen. Von meiner Krankheit oder von dieser Einrichtung." - Ich schaute auf ihren Laptop. - "Selbst für das Briefeschreiben brauche ich jemanden, der mir den Laptop hinstellt, den Brief ausdruckt und zur Post bringt. Wenigstens ist er auf Portugiesisch, dann lesen die ihn nicht noch." - "Warum sollte den jemand lesen?" - "Jule, du bist naiv! Jeder Brief, den ich kriege, ist geöffnet. Begründung: Hier leben auch Leute, die ihre Post essen. Da muss vorher geschaut werden, ob es Behördenpost ist. Auch bei handschriftlich bemalten Umschlägen mit Herz und Sonne. Alles, was hierher kommt, läuft durch die Zentrale und der Sozialdienst öffnet alles. Alles. Zurück zum Thema: Wann ich kacke, entscheidet mein Abführplan. Nicht ich selbst. Ich kriege ein Klistier verpasst, werde aufs Klo gesetzt, fertig. Ob ich lieber nachmittags oder morgen möchte, interessiert nicht. Wenn ich erkältet bin, wird dann abgehustet, wenn der Pfleger Zeit hat. Wenn die Nase läuft und niemand Zeit hat, kleckert die Rotze halt eine halbe Stunde auf die Hose. Sogar meine Haare wollten sie schonmal kurz schneiden lassen, weil das Bürsten so aufwändig ist. Da habe ich damals die Zeitung eingeschaltet, jetzt haben sie sich seit Jahren nicht mehr an das Thema getraut. Das kommt aber irgendwann wieder. Ich habe seit Jahren kein Eis am Stil mehr geleckt. Das müsste mir ja jemand zehn Minuten hinhalten. Das einzige, was ich frei entscheiden kann, ist, wann ich atme."

Cathleen und ich ergänzten wie aus einem Mund: "Und wann du pinkelst." - "Jetzt habt ihr es begriffen, oder?" - "Das heißt, du machst das, weil du das frei entscheiden kannst?" - "Nein, so auch nicht. Ich verspüre Blasendruck und es ist für mich so etwas wie eine Genugtuung oder eine Befriedigung oder Befreiung, selbst zu entscheiden, wann ich dem nachgebe. Es gibt mir sehr viel positive Bestärkung, mich in einem einzigen Punkt einfach über die Vorgaben meiner Krankheit oder meiner Umwelt hinwegzusetzen. Andere gehen auf Klo. Ich kann das nicht, ohne zu fragen, ohne zu erklären, ohne den Zeitpunkt bestimmt zu bekommen, ohne dabei beobachtet zu werden."

Ich mache an dieser Stelle mal einen Schnitt. Wir haben irgendwann das Thema gewechelt und haben uns auch bald wieder verabschiedet. Ich habe mit Cathleen auf der Rückfahrt lange diskutiert, ob das Verhalten wohl Krankheitswert hat. Ich befürchte es fast. Ich habe zu Hause sehr lange mit Sofie und Frank gesprochen. Können wir für sie was tun? Frank antwortete: "Jule, du kannst nicht die ganze Welt retten." - Meine Antwort war: "Die ganze Welt sicher nicht. Aber meine Freunde vielleicht?"

Das Problem ist: Dieses System, dieses Heim (und vermutlich nicht nur dieses), diese Organisationsformen, sind so eingeschliffen und inzwischen so "personaloptimiert", dass jede Menschlichkeit dort verloren gegangen ist und es nicht mehr ausreicht, eine Kleinigkeit zu ändern, um etwas zu bewirken. Man müsste das System verändern, das würde Geld kosten, da traut sich niemand ran. Schätze ich. Ich bin zu naiv für das ganze System, ich sehe nur meine Maria. Und weiß, dass das so nicht geht.

In unserem Wohnprojekt dürfen nur Menschen wohnen, die entweder körperlich selbständig sind oder die benötigte Assistenz selbständig planen und abrufen können. Niemand braucht unabhängig von Pflege oder Assistenz zu sein, aber er muss sein Leben und vor allem seinen Alltag selbst gestalten können. Das schließt nicht aus, dass mehrere Leute gemeinsam ihre Pflege oder Assistenz koordinieren, im Gegenteil, dadurch wird es billiger. Genau das soll dieses Projekt ja erreichen. Aber es darf halt nicht so sein, dass andere Leute für jemanden bestimmen und festlegen, wann er was braucht. Selbstbestimmtes Leben steht bei uns an oberster Stelle und es selbst organisiert zu bekommen, ist ein absolutes "Aufnahmekriterium".

Man soll die Fähigkeiten eines Menschen zwischen seinen Schwächen erkennen. Darum haben wir beschlossen, Maria für ein Probewohnen in unser Wohnprojekt einzuladen. Nicht aus Mitleid, sondern um ihr eine Chance zu geben. Alleine das Probewohnen wird eine Herausforderung, von der wir nicht wissen, ob sie gelingt. Möglich, dass wir das ganz schnell wieder abbrechen müssen. Aber: Ich sehe bei Maria unheimliches Potential, dass sie mit ein bißchen Übung ihre Pflege und ihre Assistenz, auch wenn ihr Bedarf enorm ist, selbständig organisiert bekommt. In der Etage unter den Zwillingen ist derzeit ein Zimmer frei. Die Kosten für das Probewohnen können wir finanzieren. Maria hat keinen Betreuer, sie kann frei entscheiden, wo sie wohnt und wo sie lebt. Sie ist nur aufgrund eines Vertrages mit der Einrichtung für eine Zeitlang gebunden. Die Mittel, die derzeit an ihre Einrichtung fließen, würden ausreichen, um ihren monatlichen Bedarf an Pflege und Assistenz später auch bei uns zu decken. Und zwar locker. Das wäre zwar ein unheimlicher bürokratischer Aufwand, aber Frank sagte dazu: "Daran soll es nun nicht scheitern."

Heute morgen waren Frank und ich bei Maria. Kurzfristig und erneut nicht angemeldet. Maria stand in ihrem Zimmer und schaute aus dem Fenster. Als wir sie fragten, ob sie Lust hätte auf ein Probewohnen, sagte sie, obwohl sie sonst ja immer etwas verlangsamt reagiert, innerhalb einer Sekunde: "Ja. Ich habe Lust. Und ich schaffe das. Ich weiß es." - "Die Antwort kommt aber sehr spontan", war Frank erstaunt. Fast zu spontan.

Maria bat uns, ihr das Laptop aus dem Schrank zu holen und auf dem Tisch zu öffnen. Es dauerte elendig lange, aber irgendwann hatte sie einen Brief auf dem Bildschirm, der an mich gerichtet ist. Er war noch nicht fertig und begann mit den Worten: "Auch auf die Gefahr hin, dass mit diesem Brief und meinem Egoismus unsere Freundschaft auf ewig zerbricht, weil sie nicht belastbar genug ist, um ein 'Nein' auszuhalten, schreibe ich dir heute." In den nächsten Absätzen führt sie aus, dass sie unser Wohnprojekt so toll findet und der Überzeugung ist, dass auch sie eine Kandidatin dafür wäre. Sie sei sich sicher, alles selbst organisieren zu können. Sie sei bereit, dafür notfalls auch um fünf morgens zu duschen oder um eins abends erst ins Bett zu gehen. Sie fragt, ob es nicht die Möglichkeit gäbe, bei nächster Gelegenheit (also wenn mal wieder etwas frei wird) "die Verantwortlichen deiner Einrichtung in einer Probezeit davon zu überzeugen."

Montag gehts los. Maximal 14 Tage. Schafft sie das, wird in der Zeit auch geklärt, wie das weitergeht. Selbst wenn sie es nicht schafft, also es nicht ausreicht, um bei uns zu wohnen, vielleicht ergibt sich daraus eine neue Energie für sie, um sich nach noch anderen Möglichkeiten umzusehen. Oder einfach mal etwas Abstand zu Alltag. Oder die Erkenntnis, dass sie doch nicht so selbständig ist, wie sie denkt. Die Einrichtung, in der sie jetzt lebt, ist, obwohl ich während meines Praktikums einen positiveren Eindruck hatte als sich jetzt im Nachhinein einstellt, vermutlich nicht die richtige für sie. Achso, bevor die erste Nachfrage kommt: Maria ist einverstanden, dass ich diesen Beitrag hier poste.

Donnerstag, 29. Dezember 2011

Falsch geparkt

Heute bekam ich Post. Vom Einwohner-Zentralamt. Abteilung Bußgeld- und Verwarnungsangelegenheiten. Hurra!

Nein, es geht nicht um das Busgeld, das ich, obwohl ich bereits eine "Fahrkarte" habe, an die Uni zahlen muss, um es kurz danach wieder erstattet zu bekommen (wie ich inzwischen erfuhr), sondern um ... anderen Verwaltungs-Irrsinn.

Mir wird vorgeworfen, vor rund zwei Monaten als Führerin meines Pkw folgende Ordnungswidrigkeit begangen zu haben: "Sie parkten auf einem für Schwerbehinderte mit außergewöhnlicher Gehbehinderung und Blinde vorgesehenen Parkplatz, ohne die dafür erforderliche Berechtigung / Parkausweis für Behinderte von außen gut lesbar im oder am Fahrzeug angebracht zu haben."

Wegen dieser Ordnungswidrigkeit werde ich mit einem Verwarngeld in Höhe von 35,00 Euro, zahlbar innerhalb einer Woche nach Erhalt, gemäß § 56 undsoweiter verwarnt.

Ich hoffe nun, dass es ausreicht, zu erklären, dass mein Parkausweis auslag (der liegt immer aus, schließlich habe ich keinen Bock, mein Fahrzeug irgendwo am anderen Ende der Stadt auszulösen) und eine Kopie meiner Ausnahmegenehmigung mitzuschicken. Lustig wird es jetzt, wenn ich beweisen muss, dass der Ausweis wirklich dort lag. Aber vielleicht gilt dann ja bei Aussage gegen Aussage auch mal für mich die Unschuldsvermutung...

Dienstag, 27. Dezember 2011

Fahrstuhl-Ersatzverkehr

Kommt ein Mann zum Arzt: "Herr Doktor, ich hab seit einer Woche Durchfall!" - Der Arzt verschreibt ihm Tabletten. Nach einer Woche kommt der Mann wieder zum Arzt. "Na, haben Sie noch immer Durchfall?" - "Nein, aber jetzt habe ich Rollstuhl!"

Haha. Als Querschnittgelähmte habe ich regelmäßig das Problem, dass mir Niveau auf die Füße fällt. Jeder andere würde sie rechtzeitig wegziehen können, nur ich bin halt ein bißchen lahm. Um nicht zu sagen: Behindert. Womit wir schon wieder beim Thema wären: Den Witz hat mir heute einer in der S-Bahn frei von der Leber erzählt. Und ich konnte nicht weglaufen. Und wusste nicht, ob ich lachen oder weinen sollte. Am Ende habe ich mal wieder nett gelächelt.

Und wo wir schon dabei sind: Neulich waren wir mit fünf Rollifahrern in einem Lokal. Die Bedienung hatte gerade alle Hände voll zu tun, als sich einige Männer aus einer gemischgeschlechtlichen Freitagabendgruppe herauslösten und uns zuliebe die Holzstühle, die um den Tisch herum standen, an den wir uns setzen wollten, wegräumten. "Ey, Erik", brüllte der eine lautstark seinem Kumpel zu, "die Mädels wollen hier sitzen. Lass mal Stuhlgang machen!" - Stuhlgang, damit war das Wegtragen der Sitzmöbel gemeint. Spätestens jetzt glotzten auch die, für die ansonsten ein Haufen Rollifahrerinnen nicht unbedingt den Grund zum Gaffen liefert.

Ansonsten liebe ich ja Wortspiele. Mehr als andere. Also Leute. Leute! "Mehr als andere Leute", wollte ich sagen. Nicht "als andere Spiele". Du Ferkel. Also zum Beispiel das Spiel mit dem Fahrstuhl. Das Wortspiel. Ist es überhaupt ein Wortspiel?

"Fahrstuhl", das bezeichnet im Behördendeutsch einen Rollstuhl. Ein Krankenfahrstuhl ist also nicht der Aufzug in Bettengröße, der im Hospital die Patienten direkt in die Notaufnahme oder in die Operationssäle bringt, sondern das, was der Ottonormalverbraucher als "Rollstuhl" bezeichnen würde. Das andere wäre ein Aufzug oder ein Lift. Nicht zu verwechseln mit dem Lifter, mit dem man Rollstuhlfahrer aus dem Rollstuhl hebt. Also aus dem Fahrstuhl. Aber nicht aus dem Lift. Du weißt schon.

Wenn nun also jemand an einen Fahrstuhl, also an einen Lift, mit dem am Tag ganz viele Rollstuhlfahrer, also Fahrstuhlfahrer, also Behinderte, die mit ihrem Fahrstuhl im Fahrstuhl in eine andere Etage geliftet werden wollen, einen Zettel klebt, dass es einen Fahrstuhl-Ersatzverkehr gebe ...

... dann ist das doch eine tolle Sache!!! Endlich hat mal jemand mitgedacht.

Oder in einem Satz: Am Bahnhof Bergedorf war über Weihnachten der Aufzug defekt, was das dortige Busunternehmen veranlasst hatte, einen Busshuttle für Rollstuhlfahrer einzurichten!

Als Ortsunkundiger muss man wissen, dass der ZOB in Hamburg-Bergedorf eine Art Insel auf dem Dach eines Parkhauses ist, die nur über Aufzug oder Treppe erreicht werden kann. Oder eben mit dem Bus. Ein Fußweg über Rampen etc. ist nicht vorgesehen. Im Notfall könnte man noch von dieser Insel auf die Fahrbahn springen (was etwas schwierig ist, weil die Bordsteine so hoch sind, dass man ohne Höhenunterschied in die Busse einsteigen kann) und müsste dann über eine der Rampen, über die die Busse dorthin gelangen, nach unten fahren. Das wäre nur sehr gefährlich, da es auf diesen Rampen, wie gesagt, keine Fußwege gibt, man also auf der Fahrbahn fahren müsste - und zu allem Überfluss ist in diesem Bereich auch noch Linksverkehr...

Sonntag, 25. Dezember 2011

Mal eben 644 Euro

Ich bin ja schon sehr gespannt auf mein Studium, dessen erste Vorlesung nun offiziell am 2. April beginnt. Lange habe ich darauf warten müssen, aber inzwischen weiß ich, dass alle Unterlagen komplett sind, die Pflegepraktika anerkannt wurden und meine Bewerbung Erfolg hatte. Die meisten meiner künftigen Kommilitonen bekommen ihre Zusage erst Ende Januar - manchmal hat eine Behinderung doch auch einen Vorteil.

Allerdings: Studieren in Hamburg ist teuer. Ganze 644 Euro möchte die Uni pro Semester, also pro Halbjahr, von mir haben. Setzt sich wie folgt zusammen:

375,00 € Studiengebühren
146,90 € Semesterticket
60,00 € Beitrag Studierendenwerk
50,00 € Verwaltungskostenbeitrag
10,20 € Beitrag Studierendenschaft
1,90 € Semesterticket-Härtefonds

Der Unsinn dabei: Ich darf, da ich wegen meiner Behinderung als "hilflos" gelte, öffentliche Nahverkehrsmittel ohne Ticket benutzen. Ich muss dafür lediglich einen entsprechenden amtlichen Ausweis mitführen. Ich muss den Anteil für das Semesterticket aber trotzdem bezahlen... Wie alle Studenten. Bisher konnte mir noch niemand sagen, ob ich den irgendwann erstattet bekomme. Man konnte mir nur sagen, dass ich, wenn ich 146,90 € im Vorwege abziehe, keinen Studienplatz bekomme. Hurra.

Okay, es haut mich (im Gegensatz zu manch anderem Rollifahrer) jetzt nicht aus dem Stuhl. Aber trotzdem: Muss sowas sein?

Und ich bin froh, kein BAföG beantragen zu müssen. Eine andere Rollstuhlfahrerin in meinem Sportverein studiert ebenfalls in Hamburg und bekommt BAföG. Genau ein Jahr hat es gedauert, bis endgültig über ihren Antrag entschieden worden war. Weil beide Elternteile unterhaltsverpflichtet sind, prüft das Amt erstmal, wieviel Unterhalt die Studentin denn tatsächlich bekommt bzw. bekommen müsste. Leider ist der Vater nach der Geburt weggelaufen, als er gesehen hat, dass das Kind behindert ist. Seitdem lebt er von Sozialhilfe oder Hartz IV. Da muss er natürlich keinen Unterhalt zahlen. Aber: Die Studentin weiß nicht, wo der Vater wohnt und will es eigentlich auch nicht wissen. Und damit nimmt das Schicksal seinen Lauf...

Auf eine eidesstattliche Versicherung der Studentin, keinen Unterhalt vom Vater zu bekommen, ermittelt das BAföG-Amt und läuft dem Vater hinterher. Droht mit Zwangsgeldern, wenn er keine Unterlagen rausrückt. Nur leider ist der Vater in den letzten Jahrzehnten rund fünfzig Mal umgezogen. Und bis man weiß, wo er sich jetzt aufhält, vergeht schonmal ein Jahr. Okay, am Ende klärt sich alles und das BAföG wird für das Jahr, das die Behörde brauchte, um zu ermitteln, dass der Vater wirklich Hartz IV bezieht, nachgezahlt - sollte man denken. Falsch gedacht: Nur für die letzten drei Monate. So steht es im § 53 des BAfö-Gesetzes.

Das heißt auf Deutsch: Je länger die Behörde braucht, um zu ermitteln, ob der Vater Unterhalt zahlen könnte, um so billiger wird es am Ende. Also fragt das BAföG-Amt auch nicht direkt bei seiner Rentenversicherung bzw. seiner Krankenkasse an, ob er irgendwo sozialversicherungspflichtig beschäftigt ist, sondern schreibt nacheinander alle 50 Einwohnermeldeämter an... So kann man sich ein Jahr beschäftigen und so wird es am Ende billiger.

Da würde ich doch klagen! Ja, das dachte sie sich auch. Und hat verloren. Nicht nur den Prozess, sondern auch noch die Anwalts- und Gerichtskosten, denn BAföG ist zwar ein Sozialgesetz, wird aber vor dem Verwaltungsgericht verhandelt. Und ein Verwaltungsgerichtsverfahren kostet (im Gegensatz zum Sozialgerichtsverfahren). Warum? Weil sich das BAföG-Amt einfach ein Jahr lang mit dem Fall tatsächlich beschäftigt hat. Zugegebenermaßen unsinnig, aber nach Ansicht des Gerichts in bester Absicht. Sie waren nicht untätig. Somit ist es rechtens, dass der Studentin 9 Monate ihres BAföGs nicht gezahlt werden. Nach Ansicht des Gerichts muss nicht die Allgemeinheit dafür haften, wenn der Vater so oft umzieht. Weitere Rechtsmittel sind nicht zugelassen.

Hätte mir auch passieren können. Ich ziehe solche Sch... ja auch immer magisch an. Mal sehen, was aus dem Semesterticket wird...

Ganze vierhundert

Muss der 400. Beitrag nun ausgerechnet zu Weihnachten kommen? Bei runden Zahlen gibt es doch immer eine Statistik! Und das ausgerechnet zu Weihnachten?

Okay, okay. Also: Inzwischen sind rund 315.000 Besucher auf meine Seite gekommen und hierbei handelt es sich ausschließlich um die Aufrufe der Startseite. Das heißt: Der Zähler, den man am unteren Rand sieht, ist auch auf anderen Seiten eingeblendet, er zählt aber nur beim ersten Aufruf um einen weiter. Leider richtet sich der Zähler nach den unterschiedlichen IP-Adressen pro 24 Stunden. Das heißt: Wenn dieselbe Person jeden Tag auf meine Seite geht, wird sie jeden Tag neu erfasst. Das heißt aber auch: Wenn der Ehemann, das Kinn auf die Schulter der Ehefrau gelegt, mitliest (oder von einem anderen PC im selben Netzwerk), zählt es nur einfach.

Pro Tag rufen heute rund 1.000 Personen diese Seiten auf. Das sind doppelt so viele wie noch vor einem halben Jahr. Inzwischen besteht mein Blog aus 350.000 Wörtern und 1,99 Mio Zeichen. Ich habe zwar im letzten Jahr nicht so viele Beiträge geschrieben, jedoch war ein Beitrag durchschnittlich 1.000 Zeichen (ungefähr 175 Wörter) länger als vor einem Jahr. Die Anzahl der Kommentare pro Beitrag ist mit 9 relativ konstant geblieben. Das bedeutet: Ich schreibe mehr, meine Leser aber nicht! Bööööse...

Insgesamt 130 Leute haben meinen Blog abonniert, das sind doppelt so viele wie vor einem halben Jahr. Meine Leser kommen zu 90% aus Deutschland, zu jeweils 3% aus Österreich und der Schweiz, zu jeweils 1% aus USA und UK und dann noch zu unter 1% aus Niederlande, Frankreich, Schweden und Taiwan.

Bei den Browsern geht der Trend eindeutig weg vom feurigen Fuchs zum Nationalparktourismus, der zur Zeit sogar deutlich vor dem einstigen Marktbeherrscher steht - insgesamt grast der Fuchs aber noch bei über 70% meiner Besucher das weltweite Netz ab.

Und die häufigsten Suchwortkombinationen?
1. Jule Stinkesocke
2. Stinkesocke Blog
3. Jules Blog
4. Jule Rollstuhl Blog
5. Stinkesocke Rollstuhl
6. Behindert Jule Blog
7. Windeln Rollstuhl Blog
8. Jule Rollstuhl Hamburg
9. Behinderung Blog Jule
10. Rollstuhl Schwimmen
11. Triathlon Behinderung
12. Inkontinent Rollstuhl
13. Windel Querschnittlähmung
14. Jule Querschnittlähmung
15. Rollstuhl Blog

Und der mit Abstand am liebsten gelesene Beitrag? Eindeutig dieser: Respekt und Autorität!

Mal sehen, wann die nächsten 400 Beiträge geschrieben sind...

Samstag, 24. Dezember 2011

Frohe Weihnachten

Normalerweise schreibe ich dieses Online-Tagebuch in erster Linie für mich. Heute mache ich mal eine eindeutige Ausnahme: Ich wünsche allen meinen Leserinnen und Lesern ein frohes Weihnachtsfest!

Freitag, 23. Dezember 2011

Eine SMS und ein Parkausweis

Lange war es ruhig, heute bekam ich nun von meiner Mutter mal wieder eine SMS. Oder genauer gesagt zwei. Aber zwei gleiche. Allerdings stand nichts drin, außer: "(Textteile fehlen)von Dir hören"

Ähm ja. Technischer Fehler? Provokation? Nichts von alledem? Egal. Ansonsten ist es ruhig.

Ganz anderen Ärger hat zur Zeit eine andere junge Frau in unserem Haus. Sie möchte von ihrer Mutter ihren blauen Parkausweis zurück. Und die Mutter rückt ihn nicht raus. Argumentation: Die Tochter habe ja kein eigenes Auto. Und die Mutter spare so die Parkgebühren an Automaten etc. Diesen Luxus könne sie ihr doch gönnen, so lange sie kein eigenes Auto habe. Nun muss die Tochter wohl die Behörde um Hilfe bitten. Kann so etwas wahr sein? Aber immerhin ist es ein kleiner Trost, dass nicht nur meine Eltern etwas merkwürdig drauf sind.

Donnerstag, 22. Dezember 2011

Noch eine Erziehungsmaßnahme

Ganz so extrem wie bei Marion aus Marias Einrichtung war es bei uns nicht. Dennoch hat Frank zwei Tage vor Weihnachten kurzen Prozess gemacht und eine Mitarbeiterin, die eine Etage tiefer insbesondere für die Pflege der Zwillinge zuständig ist, gefeuert, nachdem diese sich geweigert hatte, die beiden nach einer Weihnachtsfeier auszuziehen und ins Bett zu bringen. Sie seien für spätestens 22.00 Uhr für einen telefonischen Abruf verabredet gewesen, letztlich hätten sie sie aber erst um 0.30 Uhr angerufen.

Die Zwillinge haben um 20.30 Uhr per SMS gefragt, ob es auch okay wäre, wenn sie erst nach Mitternacht kämen. Eine Antwort haben sie nicht bekommen, hatten um 21.00 Uhr und um 21.30 Uhr noch einmal angefragt und haben weiterhin keine Antwort bekommen. Um 0.00 Uhr haben sie sich ein Taxi gerufen und sind nach Hause gefahren. Die Pflegekraft, die dafür bezahlt wird, dass sie die beiden ins Bett bringt, hat sich, als die beiden anriefen, geweigert zu kommen. Es sei schon zu spät. Sie müssten alleine klar kommen. Letztlich haben sie dann andere Leute ins Bett gebracht.

Die Angestellte hat eine Rufbereitschaft, bekommt dafür Geld. Da sie in der Nähe unseres Hauses wohnt, geht sie in der Bereitschaftszeit nach Hause und lässt ihr Handy an. Das ist so abgesprochen. Sie war aber der Meinung, nach 22.00 Uhr gebe es nur noch Notfälle. Und das sei kein Notfall gewesen, da kalkulierbar. Man müsse sich die Bewohner "erziehen".

Sie hätte aber zumindest die SMS entsprechend beantworten können. Die Frau hat einen Arbeitsvertrag angenommen, bei dem sie Assistenz leisten soll, und zwar eindeutig rund um die Uhr. Sie wird dafür aus meiner Sicht angemessen bezahlt, hatte einen regulären Arbeitsvertrag, war aber zum Glück noch in der Probezeit.

Dienstag, 20. Dezember 2011

Kalte Dusche

Noch nicht reif genug zu sein, um alle möglichen Schwierigkeiten vorauszusehen, kann ein Vorteil sein. Noch nicht schlau genug zu sein, um zu erkennen, wo ein Holzweg beginnt, ebenfalls. Manchmal können Reife und Weisheit von Nachteil sein - dann nämlich, wenn sie einem Angst machen und man vor lauter Angst sich nicht mehr traut, auf sein Herz oder seinen Bauch zu hören.

Es ist unprofessionell, zu einer Klientin eine persönliche (freundschaftliche) Beziehung aufzubauen oder zu unterhalten. Es ist noch unprofessioneller, eine Klientin spüren zu lassen, dass man sie lieb hat. Und es hätte mich meinen Job gekostet, hätte ich das, was ich getan habe, in einem Job getan.

Maria hat in der letzten Woche bei mir geschlafen. Ich hatte mit ihr seit Ende meines Praktikums in ihrer Einrichtung noch ein paar Mal Kontakt per Mail, letzte Woche haben Cathleen und ich sie abgeholt, einen supertollen Tag und einen noch schöneren Abend zusammen verbracht und ihr nebenbei einen ganz, ganz großen Wunsch erfüllt: Sie hat sich einen Wellness-Abend gewünscht, denn für mehr als duschen, Haare waschen und Zähne putzen ist in ihrer Einrichtung kaum Zeit.

So waren Cathleen, Maria und ich zu dritt in einer großen Badewanne (die Zwillinge eine Etage tiefer haben eine riesige Pflegebadewanne), hatten sehr viel Spaß, haben Maria überall rasiert, Nägel geschnitten, Ohren geputzt, ihr eine Haarkur verpasst, sie hinterher bei mir aufs Bett gelegt und schön eingecremt von Kopf bis Fuß, ihr die Augenbrauen und einige überflüssige Härchen gezupft und sie zu zweit bestimmt eine Stunde lang massiert. Sie lag da so friedlich und entspannt, dass ich ein paar Mal auf ihren Brustkorb geschaut habe, um festzustellen, ob sie überhaupt noch atmet.

Anschließend haben wir zu dritt in meinem Bett gelegen und sie bei einem DVD-Abend mit Gurkenscheiben, Karottenstückchen und anderen kohlenhydratarmen Lebensmitteln (mit Gruß an ihren insulinpflichtigen Diabetes) abgefüllt. Wir hatten jede Menge Spaß und sind irgendwann einfach eingeschlafen. Einmal bin ich in der Nacht aufgewacht, habe mich gewundert, wieso mein Bein unter der Decke raushängt und wieso auf dem Fernseher Streifen flimmern, habe die beiden Übel kurzerhand behoben und weitergeschlafen.

Als wir am nächsten Tag auf dem Weg zurück in ihre Einrichtung waren, hat sie uns mindestens ein Dutzend Mal erzählt, wie toll sie den Abend fand. Besonders die Massage: "Das war so entspannend und so angenehm, ihr hättet mit mir machen können, was ihr wollt." - Woraufhin ich antwortete: "Für einen Moment hatte ich schon überlegt, ob ich meine Reitgerte aus dem Schrank hole." - Bei Maria dauert es immer drei, vier Sekunden, bevor sie eine Reaktion zeigt. So hatte Cathleen schon Lachtränen in den Augen, bevor Maria überhaupt eine Miene verzogen hatte. Sie lachte nicht, sondern antwortete: "Beim nächsten Mal hätte ich gerne dich als Domina und Cathleen als Krankenschwester. In weißer Latexschürze." - Ein älterer Mann guckte sie entsetzt an und ging im Waggon eine Tür weiter. Cathleen antwortete: "Dann kriegst du aber als erstes von mir einen Einlauf."

Als wir Maria wohlbehalten wieder ablieferten, wurden wir Zeuge einer unglaublichen Szene. Wir rollten über den Flur, vorbei an einem Stationsbadezimmer, und drinnen schrie eine (der Stimme nach) ältere Frau wie am Spieß. Da der Raum gefliest ist, hallte das Geschrei entsprechend von den Wänden wider und lieferte eine unheimliche Atmosphäre. Eine tiefe Frauenstimme unterbrach das Geschrei mit noch lauterem Gepöbel: "Wo sollst du hingehen, wenn du musst?!" - Da keine Antwort kam, gab sie vor: "Auf die Toi..." - Die andere Stimme ergänzte: "...lette." - Die erste Stimme fragte wieder: "Wohin? Auf die" - Die andere Stimme ergänzte eher hastig: "... die Toilette." - Ich war kurz davor, dort reinzustürmen und nachzuschauen, was da abging, in dem Moment sagte die Frau, die vorher gepöbelt hatte, aber leise: "Siehst du, du weißt es doch."

Also fuhren wir erstmal in Marias Zimmer. Ich fragte Maria: "Was ist denn da los?" - "Ach, das ist Sabine, wahrscheinlich hat sie wieder eingekackt." - Ich schluckte. "Und wieso schreit die so?" - Maria antwortete: "Vermutlich kalte Dusche!?" - Ich fragte nach: "Wie - kalte Dusche..." - "Na, kalte Dusche! Erziehungsmaßnahme." - "Wie jetzt, die wird kalt abgeduscht, weil sie in die Hosen gekackt hat?! Das ist jetzt nicht dein Ernst." - "Sabine ist geistig nicht mehr die Hellste, aber weiß eigentlich, was wohin gehört. Sie setzt es nur nicht immer um. Weil sie es vergisst, weil sie es vielleicht doch nicht so schnallt, keine Ahnung. Nur das solltest du halt bei Marion nicht machen. Ich weiß das. Sabine weiß das aber nicht. Beziehungsweise kapiert es nicht oder vergisst es wieder."

Marion, eine Frau schätzungsweise Anfang 60, kurze graue Haare, eher männliche Statur, tiefe Stimme, unangenehm streng. Ich hatte mit ihr als Kollegin nur zwei Mal während meines Praktikums zu tun, beide Male hat sie mich für irgendeine Aufgabe aus dem Haus geschickt. Sie war die einzige, die mir kein "Du" angeboten hatte. Eine andere Kollegin sagte mal, Marion sei keine examinierte Kraft, sondern eine der Hausfrauen, die man in den 60er-Jahren reihenweise angeworben hatte, als es zu wenig Pflegepersonal in Behinderteneinrichtungen gab.

Ich fragte Maria: "Also jetzt nochmal: Marion duscht Sabine absichtlich kalt ab, um ihr eine Lektion zu erteilen?" - Maria antwortete: "Ja. Aber beweis das mal." - "Woher weißt du denn das?" - "Das hat hier jeder schonmal miterlebt." - "Aber wieso meldest du denn das nicht?", wollte Cathleen wissen. - "Wie soll ich das beweisen? Sie wird alles abstreiten und hinterher ist alles genauso wie es war. Die werden doch eher ihr glauben als mir. Die Auswirkungen, wenn das schief läuft, kann man doch gar nicht überblicken. Ich bin doch immer wieder und vermutlich noch Jahre lang von ihr und ihrer halbwegs guten Laune abhängig."

Ich fragte mich, wieso ich von alledem während meines Praktikums nichts mitgekriegt hatte. Ich fuhr zum Stationszimmer, klopfte, erzählte Katja, der Stationsleiterin, dass ich Maria wohlbehalten wieder zurückgebracht hatte. Ich fragte sie: "Sag mal, wer schreit denn da im Bad so? Das hört sich ja an als wenn jemand geschlachtet wird." - "Das ist Sabine, die schreit manchmal so, wenn sie geduscht wird." - "Als ich hier war, hat sie nie so geschrien, oder? Warum meldest du nicht, was da abläuft!?" - "Ich weiß es nicht. Ich bin 25 und Stationsleiterin, sie ist über 60. Sie hat keinen Respekt vor mir. Es steht Aussage gegen Aussage und im Zweifel gilt die Unschuldsvermutung." - "Och Katja! Tolle Ausrede. So wird sie auch nie Repekt kriegen! Die kannst du doch nicht alles machen lassen! Du hast doch eine Verantwortung für die Leute!"

In dem Moment kam Marion um die Ecke. "Na? Wer hat Verantwortung?" - Ich schluckte. "Wir alle, oder?" - "Naja, mal mehr, mal weniger. Ich bringe jetzt den Klaus ins Bett." - "Hoffentlich hat der nicht auch eingekackt!" schoss es wütend aus mir heraus. Marion grinste nur dumm, sagte: "Der macht sowas nicht." - "Hat wohl Angst vor kalten Duschen." - "Kalte Duschen haben noch keinem geschadet. Sie regen den Kreislauf an, pumpen sauerstoffreiches Blut ins Hirn. Das ist manchmal nicht verkehrt." - "Bisher war es von mir nur eine Vermutung, aber für mich klingt das gerade wie ein Geständnis. Hat Sabine da wirklich gerade eine kalte Dusche bekommen?" - "Und wenn schon. Wie ich schon sagte, kalte Güsse regen den Kreislauf an."

Über ihren Anwalt hat Marion drei Tage später gegenüber der Heimleitung erklären lassen, dass sie Sabine nicht mutwillig kalt abgeduscht habe. Sie könne lediglich nicht verhindern, dass manchmal kurzzeitig kaltes Wasser aus dem Schlauch käme, vor allem zu Beginn des Duschens. Zu "Erziehungszwecken" sei von ihr niemals kaltes Wasser gegen Bewohner der Einrichtung eingesetzt worden.

Das erzählte mir der Heimleiter kurz danach am Telefon. Ich kochte: "Wenn ich jemanden abdusche, der zumindest zeitweilig nicht rafft, wohin man seinen Darm entleert, habe ich doch mindestens einen Finger im Wasserstrahl und kontrolliere so die Temperatur, oder? Könnte ja auch mal zu heiß werden. Und wenn ich merke, dass das Wasser (noch) kalt ist, halte ich dann den Strahl auf denjenigen oder eher erstmal gegen die Wand?" - "Das ist eine saudumme Ausrede, das wissen wir hier alle, Jule. Wir haben vor Jahren extra Thermostatmischer teuer einbauen lassen, damit das Wasser nie zu heiß wird. Am Anfang kommt es natürlich trotzdem erstmal kalt. Mehr als eine Abmahnung ist aber trotzdem nicht drin. Gemessen an der dürftigen Beweislage haben wir uns damit schon sehr weit aus dem Fenster gehängt. Den Ausschlag hat Marias Aussage gegeben."

Ich wurde hellhörig. Der Leiter der Einrichtung erzählte mir am Telefon, Maria habe ihn aufgesucht und erklärt, sie sei von Marion vor etwa zwei Jahren komplett mit eingepinkelten Klamotten in eine kalte Badewanne gesetzt worden. "Die Frau steht unter Beobachtung. Beim nächsten kleinen Ding fliegt sie raus. Mehr können wir im Moment nicht machen." - "Und Maria?" - "Wird nicht mehr von Marion betreut. Wir haben ihr untersagt, die Frau auch nur anzuschauen. Sie wird auch niemals mehr alleine Dienst bei uns machen. Wir haben den Vorfall übrigens auch der zuständigen Heimaufsicht gemeldet. Wir nehmen das sehr ernst."

Na hoffentlich. So ganz traue ich dem Frieden nicht. Ich werde den Kontakt zu Maria jedenfalls so schnell nicht abbrechen. Im Gegenteil.

Sonntag, 11. Dezember 2011

Und noch ein Verein

Als ich vor knapp drei Wochen darüber schrieb, für Ronja, meine Physiotherapeutin, eine Idee zu haben, habe ich nicht wirklich damit gerechnet, dass es mehr als nur eine Idee wird. Aber getreu dem Motto 'Wer nicht wagt, der nicht gewinnt' habe ich vor drei Wochen Frank und Sofie davon erzählt, dass Ronja ab 01.01.12 nur noch in der Handchirurgie eingesetzt werden soll, nicht mehr in dem Bereich, für den sie sich eigentlich beworben hatte. Sie hat sich trotz ihrer Behinderung, mit Unterstützung der Arbeitsagentur und in fast doppelt so langer Zeit wie üblich, durch die Physiotherapeutenausbildung durchgekämpft, war so überglücklich, ihren Traumjob gefunden zu haben und sich gegen eine Kollegin, die ihre Fähigkeiten nicht anerkennen wollte, durchgesetzt zu haben - und nun das. Von einem überglücklichen Kampfzwerg, der fast immer strahlt und lacht, nie fehlt, der durch seine interessante, besondere Art viele, viele Stammpatienten gewonnen hat, zu einem Häufchen Elend, das völlig unglücklich eine absolut monotone Muskelaufbau-Arbeit am Fließband erwartet. Laut ihrer Kollegin bleibe dort niemand länger als ein halbes Jahr. Man mache im Zehnminutentakt den ganzen langen Arbeitstag immer das gleiche. Man mobilisiere Patienten direkt nach einer OP in den ersten paar Tagen, bis sie in ambulante Therapie entlassen werden. Man sehe nie den endgültigen Erfolg, nur die ersten minimalen Fortschritte.

Meine erste Idee war, ob man es nicht schaffen könnte, eine Physiotherapiepraxis zu finden, die Ronja einstellt, während man hier in unserem Wohnprojekt eins der drei Dienstzimmer (auf jeder Etage ist ein Aufenthaltsraum / Büro für die mobilen Pflegedienste, die einige sehr schwer eingeschränkte Menschen ambulant versorgen) zu einem Praxisraum ausgestaltet. Ronja würde einfach hier ihren Job machen und ihre Patienten behandeln (Hausbesuch in einer Einrichtung oder als offizielle Außenstelle) und darüber hinaus noch einige Stunden bei ihrem Arbeitgeber arbeiten. Die Idee war nicht gut, denn sowas ist nicht erlaubt (oder zumindest nicht so einfach möglich). Also zumindest nicht, wenn man das später mit der Krankenkasse abrechnen will. Und da die Mehrzahl Physiotherapie auf Rezept (aber nicht als Hausbesuch, weil mobil genug) bekommt, macht es keinen Sinn, wenn man nur privat abrechnen könnte. Zumal dann auch gewisse Voraussetzungen erfüllt sein müssten ... die Idee drohte bereits im Keim zu ersticken.

Vorletzte Woche hatten wir (also eher Frank) dann doch Ronja zu uns eingeladen und sie mit einer neuen Idee konfrontiert. Manchmal ist auch er etwas unberechenbar. Ich hatte zuvor mehrmals gefragt, welchen Sinn das noch machen sollte, wenn diese ursprüngliche Möglichkeit nicht funktionierte. Er meinte, er wolle sich informieren, ob sie nicht selbst noch Ideen hätte und welche Zukunftspläne sie habe. Aus einem Gespräch könnte sich ja das eine oder andere ergeben. In Wirklichkeit hatte er aber bereits andere Ideen, weitere Recherchen unternommen und wollte in erster Linie Ronja persönlich kennenlernen. Und bis dahin nichts in den Raum stellen, wofür sie später dann vielleicht doch nicht die geeignete Kandidatin gewesen wäre.

Fakt ist, dass auf dem Gelände, auf dem wir wohnen, früher eine Fabrikanlage stand. Derzeit steht nur noch das ehemalige Kerngebäude. Es ist über 100 Jahre alt. Vor etlichen Jahren ist das Gebiet von Industrie- in Gewerbegebiet umgewidmet worden, vor wenigen Jahren dann in ein Wohngebiet mit Gewerbeflächen. Auf unserem Grundstück ist noch ein großes Ladengeschäft mit relativ viel Publikumsverkehr, das liegt neben unserem Gebäude, bei uns im Erdgeschoss ist eine Muckibude, im ersten OG arbeitet (wohnt?) ein Künstler, der malt und töpfert, im zweiten OG war bis vor kurzem ein Fotoatelier. Der Inhaber ist jedoch insolvent (mir erschien es, als hätte er einfach keinen Bock mehr, immer wenn man ihn sah, war er am Rumheulen, dass alles Scheiße ist) und geht zum 31.12.11 raus. Vom dritten bis fünften Stock ist unser Verein mit unserem Wohnprojekt drin. Alle sind Mieter, das ehemalige Fabrikgebäude gehört einem Geschäftsmann aus Hamburg.

Nun hatte Frank bereits gefragt, ob der Eigentümer die zweite Etage möglicherweise an eine Praxisgemeinschaft vermieten wollte. Frank hatte mit ihm darüber gesprochen und der fand die Idee gut. Wir alle wussten von nichts, selbst Sofie war sehr überrascht. Er fragte Ronja ziemlich schnell, ob sie jemanden kennen würde, der sich vorstellen könnte, mit ihr zusammen eine neue Praxis aufzubauen. Sie meinte, sie habe noch nie darüber nachgedacht, aber sie habe eine Freundin, Christine, die seit ihrer Ausbildung sich lediglich mit 400-Euro-Jobs über Wasser halte und die könnte sie fragen.

Im Film würde man jetzt eine Überblendung in eine neue Szene machen, durch die dann unten die Wörter "2 Wochen später" hindurch laufen. Ich mache das anders: Heute nun scheinen etliche Weichen gestellt zu sein. Der Vermieter wäre bereit, die rund 200 m² für zunächst drei Jahre für unglaubliche 7,50 € pro Quadratmeter als Gewerberäume zu vermieten und vorher die Etage komplett zu renovieren (was dringend sein muss). Der vorherige Mieter hatte noch 9,50 € bezahlt. Mietbeginn könnte der 01.04. sein, eventuell früher.

Es gibt drei examinierte Physiotherapeutinnen, Ronja, Christine und eine Karoline, plus eine Ergotherapeutin, Maja, die ebenfalls mit einsteigen will. Neben dem Verein, der unser Wohnprojekt betreibt, soll es nun noch einen weiteren Verein geben, der diese Physiotherapiepraxis trägt. Das ist nicht ganz so einfach, da dieser Verein einerseits eine Zulassung bei den Krankenkassen beantragen muss (jeweils eine würde dann auf eine Physiotherapeutin und eine Ergotherapeutin beantragt). Damit müssen alle Patienten behandelt werden, die in die Praxis kommen wollen. Andererseits müssen aber mindestens knapp zur Hälfte Menschen mit Behinderungen behandelt werden (Auflage des Finanzamtes - sonst ist die Organisation über einen Verein nicht möglich). Ergo muss immer sichergestellt sein, dass genügend Leute aus den eigenen Reihen sich dort behandeln lassen, damit der Terminkalender damit schon zur Hälfte voll ist. Der Rest der Termine dürfte dann frei vergeben werden. Insgesamt darf am Ende des Jahres kein Gewinn abfallen.

Die entsprechende Satzung kam am Freitag vom Finanzamt zurück: Eine solche Satzung würde den Anforderungen genügen, sie würde also anerkannt werden. Die Praxiseinrichtung soll über einen Kredit finanziert werden, der in den ersten fünf Jahren zurückzuzahlen ist. Die Bank hat für eine solche Anfrage grünes Licht gegeben, weil sich parallel eine Stiftung bereit erklärt hat, ein Drittel der Grundausstattung zu bezuschussen und für ein weiteres Drittel (also die Hälfte des Kredites) eine Bürgschaft zu übernehmen - im Rahmen eines Gründungszuschusses. Auflage: Es müssen mindestens zwei der fest eingestellten Mitarbeiter schwerbehinderte Menschen sein, die auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt chancenlos wären. Die Stiftung sieht dieses bei Maja (nach einer Rückenmarksentzündung mit inkompletter Querschnittlähmung) und bei Kristin (Koordinationsstörung) gegeben, bei Ronja nur begrenzt, da sie derzeit Arbeit hätte.

Es war auch noch zu klären, ob der Wettbewerb unter Einrichtungen oder unter Physiotherapeuten beeinflusst werden könnte. Das hat man aber auch verneint, insofern würden, vorausgesetzt die Räume entsprechen den Anforderungen, der Verein wird wirklich gegründet und zugelassen, die Leute werden eingestellt etc., für beide Bereiche (Ergotherapie und Physiotherapie) jeweils eine Kassenzulassung vergeben.

In den letzten zwei Wochen haben wir alle vier Leute kennen gelernt und uns diverse Male getroffen, alle sind sehr nett und haben große Lust, etwas nachhaltiges auf die Beine zu stellen. Insbesondere Ronja ist seit Wochen nur noch aufgeregt wie ein kleiner Flummi. "Hoffentlich schaff ich das alles, hoffentlich kann ich das, ..." - aber auch: "Ich habe immer davon geträumt, eines Tages mal mit einer Kollegin eine eigene Praxis aufzumachen. Ich habe aber nie für möglich gehalten, dass das irgendwann mal Realität werden würde. Alleine schaffe ich es nicht, also brauche ich jemanden, der an mich glaubt. Ich werde euch nicht enttäuschen."

Weiteres Bonbon: Es soll ein Kraftraum eingerichtet werden, damit hier auch Gerätetraining möglich ist. Das wird Rollstuhlfahrern doch sehr oft verschrieben und es wäre ein Wahnsinn, das bei einer Praxiseinrichtung auszusparen. Und aus einer Praxisauflösung könnte eine nahezu neue, voll funktionsfähige Schmetterlingswanne übernommen werden, und zwar für einen Bruchteil des Neupreises. Und der wäre so enorm, dass es sich nicht lohnen würde. Allerdings muss dazu noch ein Statiker kommen, denn so eine Wanne wiegt gefüllt fast 2 Tonnen...

Irgendwie freue ich mich so derbe für Ronja. Mir geht das alle paar Minuten durch den Kopf, obwohl ich davon so gut wie gar nicht betroffen bin. Doch, in einem Punkt schon: Ich würde meine Physiotherapie und mein Krafttraining aus meiner Klinik in ihre Praxis verlegen. Und ich glaube, das wäre eine gute Entscheidung.

Freitag, 9. Dezember 2011

Der Achte

Ich wurde ja mehrmals gefragt, ob ich ständig so etwas erlebe, wie im Beitrag Sieben an einem Tag beschrieben. Die Antwort lautet: Ständig. Wirklich ständig. Nicht täglich, aber zumindest in so kurzen Abständen, dass es eintönig werden würde, wenn ich ständig darüber schreibe. Immerhin gibt es zwischenzeitlich auch wieder tolle und nette Dinge, sie überwiegen auch, aber gerade heute steht es mir schon wieder bis zum Hals.

Ich möchte von meiner Physiotherapie zum Bahnhof fahren, warte an der Haltestelle auf den Bus, der soll in vier Minuten kommen. Mit mir warten noch zwei andere Leute. Der Bus kommt, der Fahrer öffnet die Tür, senkt den Bus ab, ein Typ steht auf und will die Rampe ausklappen. Ich sage zu ihm: "Neenee, lassen Sie drin, das geht auch so!" - Er klappt die Rampe trotzdem aus. Okay, ich fahre hinein, bedanke mich bei ihm, er klappt hinter mir die Rampe wieder ein, ich stelle mich auf den vorgesehenen Platz, mache die Bremsen fest, Schneeflocken werden vom Wind durch die offene Tür gepeitscht...

Nichts passiert. Vorne geht die Tür ein paar Mal auf und wieder zu, hinten bleibt sie offen. Irgendwann steht die Busfahrerin auf, geht am Bus entlang zur hinteren Tür, ruckelt an der Rampe, springt ein paar Mal darauf herum, geht wieder nach vorne, setzt sich wieder hin, steht wieder auf, kommt mit einem Handfeger nach hinten, klappt die Rampe aus und fegt mit dem Handfeger den Eingangsbereich. Ein Typ pöbelt: "Fahren wir nochmal weiter oder was?" - Die Fahrerin antwortet: "Wenn ich die Tür zukriege, fahren wir auch weiter, ja. Im Moment klemmt hier was." - "Mach mal hinne da, ich hab noch Termine heute."

Nachdem die Fahrerin gefühlte 10 Liter Sand und Streugut unter der Rampe herausgefegt hat und sie noch einmal knirschend schließt, noch einmal darauf herumspringt, noch einmal nach vorne geht, noch einmal vergeblich versucht, die Tür zu schließen, den ganzen Bus aus stellt (Licht aus, Lüftung aus, Motor aus, alles aus) und wieder neu startet, die Tür trotzdem sich nicht schließt, senkt sie den Bus wieder ab, macht alle Türen auf und sagt über Lautsprecher: "Liebe Fahrgäste, der Bus ist kaputt, bitte steigen Sie alle aus und warten Sie auf den nächsten Bus. Es tut mir leid, aber ich kann es nicht ändern."

Rund 40 Leute stiegen mit verdrehten Augen, unter Gemurmel und Gemurre aus dem Bus aus, stellten sich in das Glashäuschen, für mich war leider kein Platz mehr, nur noch so, dass ich trotzdem nass wurde, die Busfahrerin spielte an der Notentriegelung herum, klappte die Tür mit der Hand zu, schloss sie mir einem Vierkant ab, startete den Bus noch einmal neu - und tschüss. Nächster Bus: In 16 Minuten. Nicht zu ändern.

"Die könnten ja wenigstens mal einen Ersatzbus schicken", meinte der Typ, der schon im Bus rumgepöbelt hatte. Alle anderen ignorierten das. Und dann ging es los: "Und das alles nur wegen dir hier", sagte er und funkelte mich an. Ich erwiderte: "Ja sorry, tut mir Leid, aber ich kann auch nichts dafür, wenn das Ding plötzlich kaputt geht. Ich würde jetzt auch lieber im warmen Bus sitzen und nach Hause fahren anstatt hier rumzustehen." - "Jaaa, schön nach Hause fahren, was? Ich komm zu spät zur Arbeit und du hast Probleme, dass du nicht schnell genug zum Mittagessen kommst." Er redete sich in Rage. "Ich glaub, es hackt. Wer hat denn den Bus kaputt gemacht? Ich oder du? Vor dir sind tausend Leute eingestiegen und alles hat funktioniert und jetzt kommst du und..."

Mehrere Leute gingen bereits auf Abstand und stellten sich lieber drei Schritte weiter ins Schneegestöber. Ein Mann mit ausländischem Akzent sagte: "So komm, nu lass mal die Frau in Ruhe. Die kann nun wirklich nichts dafür." - "Ey, bist du ihr Vater? Willst du Stress oder was? Was mischt du dich da ein!" - "Ist gut jetzt. Wir wollen alle keinen Stress, okay? Lass uns auf den nächsten Bus warten, mehr können wir im Moment nicht tun." - Ich nutzte die Chance, um mich ein paar Meter zu entfernen. Lieber voll im Schneesturm stehen als von dem noch irgendwas abzukriegen.

Der Typ kam auf mich zu, blieb zwei Meter vor mir stehen. "Schämst du dich jetzt?" - Ich tat so, als wenn ich ihn nicht hörte und guckte auf der gegenüberliegenden Straßenseite einem Welpen hinterher, der versuchte, die Schneeflocken einzeln mit seinem Maul zu fangen. Dann spuckte er mich an. Nun war es genug. Ich rollte rund zwanzig Meter von ihm weg. Er kam nicht hinterher. Ich beschloss, "zu Fuß" zum S-Bahnhof zu fahren. Die Strecke ging über Kilometer bergab. Nur der Wind war etwas blöd. Aber nach fünf Minuten hörte es auf zu schneien und die Sonne schien - das war dann wohl die richtige Entscheidung. Schließlich ist draußen die Luft auch wesentlich besser als im Bus...

Dienstag, 6. Dezember 2011

Ein tolles Erlebnis

Cathleen und ich hätten beide nicht gedacht, dass wir uns, drei Wochen nach unserem letzten Trainingslager, dazu überreden lassen, noch einmal für ein Wochenende quer durch die Republik zu gondeln, um uns erneut dem Paratriathlon hinzugeben. Diesmal war es allerdings weder ein Wettkampf noch ein Trainingslager, sondern ein Jugendcamp - offen für alle Bundesländer und eindeutig für den Nachwuchs, der noch mindestens vier bis acht Jahre jünger ist als wir. Das heißt: Sportlich konnten wir da nicht mehr allzu viel lernen. Es wurden Helfer gesucht, die quasi zu zweit eine Wochenendpatenschaft für jeweils eine bestimmte Gruppe übernehmen sollten. Eine noch relativ neue Trainerin von uns hatte sich spontan auch noch überreden lassen.

Ich hatte das vor Monaten schon per Mail bekommen und das in den Papierkorb verschoben, weil mir das zu abgehoben erschien. "Patenschaften" und ähnliche Ausdrücke, meistens aus dem amerikanischen übernommen und schlimmstenfalls noch eingedeutscht, obwohl es ein deutsches Wort mit gleicher Bedeutung gibt, hörten sich nicht nur für mich so an, als wenn man dort demonstrativ beweisen will, wie lieb wir uns alle haben. Ich bin sehr für Harmonie und vor allem bin ich sofort dabei, wenn ich jüngeren Teilnehmern etwas erklären oder sie zu irgendetwas motivieren kann. Sie können sich bei mir ausheulen, albern sein, Kräfte messen, meinetwegen auch Äpfel stehlen und Pferde schälen (frei nach meinem ehemaligen Musiklehrer beim Zitieren von Karel Ohmein-Gott). Aber dafür muss ich mir weder ein Instructor- oder Multiplicator-Pappschild umhängen, noch muss ich meiner Tätigkeit irgendeinen Namen oder irgendeine bis ins Letzte ausgeprägte Struktur geben.

Cathleen und ich wurden geradezu bekniet, doch dorthin mitzukommen. Man könne sich vor Anmeldungen nicht retten und es werde absolut spannend. Am Ende haben wir uns überreden lassen - und ich muss meine ursprüngliche Meinung absolut revidieren. Meine bösen Vorahnungen haben sich nicht bestätigt. Ich bin zwar nach wie vor der Meinung, man muss nicht für alles und jedes ein Fachwort benutzen, aber es gab ein sechsköpfiges örtliches Organisationsteam und um es mit fünf Worten zu sagen: Die haben den Laden gerockt.

Kein altbackener oder alberner Scheiß wie Nachtwanderungen in den Dünen für Rollstuhlfahrer (rette sich wer kann), Versteckspiel im Dunkeln mit 16jährigen (sind das deine Äpfel hier), 'Plötzlich Prinzessin' oder 'Die wilden Hühner 3,5' auf Videoleinwand (Kikeriki) oder einen extra aus Mallorca eingeflogenen Animateur, der als Kasperle verkleidet querschnittgelähmten Mädchen Bauchtanz beibringen will und sich später doch lieber für das Standard-Handpuppenstück mit dem Seppel, dem Polizisten und dem übermütigen Krokodil entscheidet (soll ich euch was aus dem Telefonbuch vorlesen) - alles schon da gewesen. Nein, es hatte Tiefgang. Und um eins vorweg zu nehmen: Ich hätte nie geglaubt, dass eine derart zusammengewürfelte Gruppe wie die des letzten Wochenendes binnen kürzester Zeit so eine positive Dynamik entwickeln könnte. Cathleen und ich waren wie gefesselt von dem, was da passierte, dass wir erst nach einigen Stunden gemerkt haben, wie begeistert jedes einzelne Kind dabei war.

Man kann es kaum beschreiben, man muss es erlebt haben. Während man sonst morgens kaum jemanden aus dem Bett bekommt, haben sich hier die Leute quasi darum gerissen, wer für das Auf- und Abdecken zuständig war, wer die Spülmaschine einräumen darf und wer die Tische abwischt. Warum? Weil die sechs so ein eingespieltes Team waren, dass sie es geschafft haben, fast 80 Kinder und Jugendliche so zu motivieren, dass die sechs sich am Ende völlig ausgeklinkt haben, alle Gruppen sich selbst überlassen haben - und es hat funktioniert. Ich bin immernoch sprachlos.

Immer acht Leute bildeten eine Gruppe, wir schliefen alle in einer großen Sporthalle, es waren Matten ausgelegt, bunte Bereiche zum Schlafen, dicke Matten zum Krabbeln und Fortbewegen, bestimmte Bereiche waren Fahrwege und Abstellflächen für die ganzen Rollis. Und das ganze begann mit einem Spiel: Jede Gruppe musste Fragebögen ausfüllen und sich auf drei absolut wichtige und absolut unwichtige Dinge beim Paratriathlon einigen. Umweltschutz, genügend Geld, gutes Klima, genügend Helfer, tolle Rennstrecke, gutes Wetter, sauberer Badesee ... da waren rund 30 Punkte. Und anhand der Positionierungen wurden die Gruppen aufgeteilt auf die Schlafplätze. Wie in einem Parlament. Und dann musste jeder eine Aufgabe übernehmen. Einer musste Ergebnise der Gruppe später vortragen, einer musste musikalisch sein, einer musste gut zeichnen können, einer kräftig sein, einer musste Spaß an Hausarbeit haben, einer musste ordentlich sein - und dann wurde für jeden auch ein Bonbon verteilt. Einer durfte länger schlafen, einer durfte sein Geschirr stehen lassen, einer durfte nach dem Training als erstes duschen ... alles völlig belangloser "Kinderkram". Ich hätte nie geglaubt, dass sich Leute plötzlich dafür einsetzen, dass andere Leute ihr "Bonbon" in Anspruch nehmen.

Einer aus jeder Gruppe hatte die Aufgabe, an einem Treffen teilzunehmen, bei dem die Organisation besprochen wird. Wann ist welche Gruppe womit dran - und er musste das entsprechend kommunizieren und die Wünsche seiner Gruppe durchsetzen. Es gab an beiden Abenden umfangreiche Diskussionen zu verschiedenen, vorgegebenen Themen, die die einzelnen Gruppen vorbereiten sollten. Die Vorbereitung begann immer gleich: Eine Gruppe erarbeitete 7 Argumente, die für eine vorgegebene These sprachen, eine andere 7 Argumente, die dagegen sprachen, unabhängig voneinander. Und die Thesen hatten es teilweise in sich. Ich hätte mir vorstellen können, dass etliche Eltern im ersten Moment erschrocken gewesen wären und im zweiten Moment umso erstaunter, wie intensiv sich die Kinder und Jugendlichen bereits vorher Gedanken dazu gemacht haben. 7 Gründe, warum eine Behinderung doof ist. Aber auch 7 Gründe, warum eine Behinderung gut ist. Und wer jetzt denkt, da kamen so Sachen wie: "Ich hab als Rollifahrer immer einen Sitzplatz", hat sich vergaloppiert. In der anschließenden Diskussion meinte eine 11jährige vor allen Teilnehmern, es müsse Behinderungen geben, damit die Leute lernen, dass Unterschiede wichtig sind. Unterschiede lassen den Menschen begreifen, dass es jemanden geben muss, der an der Stelle weiter weiß, an der man selbst nicht mehr weiter kommt. Zur Not gemeinsam. Wären alle Menschen gleich, wären alle stets am selben Limit, könnten nicht voneinander lernen, könnten sich nicht ergänzen und wären schon alle tot. Schluck. Sieben Gründe, warum man über Behinderte keine Witze macht und nicht lacht. Einer davon: "Weil 'man' verklemmt ist." Sieben Gründe, warum man auch über Behinderte Witze macht und lacht - die Gruppe war älter und hatte unter anderem als Antwort: "Nicht nur Blondinen haben einen Spleen." Nett.

Im Laufe des Abends bekamen die Gruppen die Aufgabe, eine Pizzabestellung abzugeben. Das wurde einmal gesagt und nach zehn Minuten lagen aus allen neun Gruppen die Zettel da. Anschließend war in einer Gymnastikhalle nebenan Diskoparty. Am ersten Abend ... ich kenne das sonst vom letzten Abend. Und dazu wurde über die Gruppenvertreter abgestimmt: Pyjamaparty oder Pampersparty. Ich habe Cathleen angeguckt und wir dachten im selben Moment dasselbe: Das geht schief und das ist auch nicht mehr witzig. Einfach, weil viele von den Kindern und Jugendlichen eine Blasenlähmung haben. Bei weitem nicht alle, etliche (wo es funktioniert) sind auch über Tabletten so eingestellt, dass die Blase sich gar nicht mehr entleert und sie sich mehrmals täglich durch die Harnröhre kathetern müssen - aber die Anzahl derer, die (trotzdem) Probleme hat und für die das hier zu weit gehen könnte, schätzten wir beide als sehr hoch ein. Und schon ein einziger, der sich unwohl fühlt, weil er seine Behinderung vorgeführt sieht, ist einer zuviel.

Es wurde mehrheitlich für die Pampersparty abgestimmt und es gab ... niemanden, der sich unwohl fühlte. Diese Diskoparty war der Renner schlechthin. Die Halle war warm, es gab die Auflage, dass niemand fotografieren darf, und es durften nur einschlägig bekleidete Leute überhaupt rein. Einschließlich Betreuer, Paten, wie auch immer man das nennen will. Ich kam mir vor wie bei meinem ersten Saunabesuch. Guckt einer? Was denkt der? Muss ich so rot sein im Gesicht? Nach anfänglichem Gegacker und T-Shirt-im-Sitzen-bis-über-die-Knie-ziehen haben die Initiatoren genau das erreicht, was man sonst nie erreichen würde: Einen offenen Umgang mit dem Thema. Alle waren plötzlich gleich (die, die sonst keine Windeln tragen, bekamen von den örtlichen Initiatoren welche geschenkt), jeder einzelne konnte ausprobieren, wie er auf andere wirkt, Hemmungen abbauen, gerechtfertigt durch dieses eher alberne Spielchen vielleicht auch mal über etwas reden, was man sonst besser geheim hält. Als dieser Vorschlag gemacht wurde, hätte ich nicht gedacht, dass das so ein Spaß wird. Am meisten konnte ich mich über unsere Trainerin totlachen, die drei Anläufe brauchte, bis sie das Ding richtig herum angelegt hatte. Alles nicht so einfach...

Ich war an dem Wochenende, was den sportlichen Teil angeht, dafür zuständig, 24 Leuten die Rollwende beizubringen. Etliche konnten sehr gut schwimmen und lernten das auch sehr schnell. Bei zweien brauchte ich am Ende dann doch eine erfahrene Trainerin, die noch zwei entscheidene Tipps geben konnte.

Nach zwei Nächten auf Matten im Schlafsack mit rund 100 Leuten in einer Sporthalle (einer labert im Schlaf, einer pupst, einer schmatzt, einer schnarcht, einer dreht sich) bin ich froh, wieder mein eigenes Bett zu haben. Aber die Fahrt nach Hessen hat sich wirklich gelohnt. Es war ein tolles Erlebnis.

Freitag, 2. Dezember 2011

Geklautes Smartphone

Manchmal wünsche ich mir ernsthaft mehr Konsequenz, mehr Härte und weniger Gelaber. Vor allem, wenn sich Leute schlechtes Benehmen herausnehmen, um anderen zu schaden. Und erst recht, wenn ich die Geschädigte bin oder mich zumindest so fühle. Ich weiß, Eigennutz ist auch so etwas wie ein schlechtes Benehmen, aber wenn mir einer ans Bein pinkelt, möchte ich das zumindest nicht ungefragt ertragen müssen.

Die Rede ist von Andreas, einem wesentlich älteren Typen, der als Fußgänger in der parallel trainierenden Gruppe meines Triathlonvereins ist, also jene Leute, für die an einigen Wochenenden auf dem Elbdeich ein paar Straßen gesperrt werden und die sich dann mit uns Rollifahrern diese als Trainingsstrecke teilen. Eigentlich ist es anders herum, wir haben sie bekommen unter der Auflage, sie uns mit den Fußgängern zu teilen, aber ... egal, darum geht es gerade nicht.

Dieser Andreas behauptet allen Ernstes und mit ziemlichem Nachdruck, ich hätte ihn beklaut. Angeblich hätte ich ihm sein Smartphone, Neuwert um 250 Euro, aus seiner Tasche entwendet. Direkt gesehen habe er es nicht, er mache es ausschließlich daran fest, so schrieb er, als er von unserem Häuptling aufgefordert wurde, die Vorwürfe zu konkretisieren oder zurückzunehmen, dass ich regelmäßig in den Taschen der anderen Leute wühlen würde. Das habe er beobachtet und dafür gäbe es Zeugen.

Richtig ist, dass ich manchmal andere Taschen öffne. Wenn mich beispielweise Cathleen bittet, ihr Trinken mitzubringen. Oder wenn ich Tape brauche und meine Rolle gerade weg oder in anderer Verwendung ist. Ich gehe grundsätzlich nur mit Zustimmung des Besitzers an fremde Taschen, wobei ich zum Beispiel Simone, Cathleen, Yvonne, Nadine, Kristina und Merle nicht fragen muss, wenn ich ein Taschentuch oder ein Pflaster oder Tape oder ähnliches suche. Wir sind alle gegenseitig damit einverstanden, diejenigen dürfen auch an meine Tasche. Es ist wesentlich einfacher, vor allem, wenn man sonst bis zu 30 Minuten warten muss, bis der Betroffene wieder zurück ist, nämlich dann, wenn derjenige gerade am anderen Ende der Strecke ist.

So etwas hat Andreas wohl beobachtet. Die Taschen von Fußgängern habe ich allerdings noch nie geöffnet und natürlich klaue ich auch keine Smartphones. Egal ... in der schriftlichen Stellungnahme von Andreas stand wohl nur, dass dieser Schluss aufgrund seiner Beobachtungen naheliegend ist, er aber nicht beweisen könne, dass ich es wirklich gewesen bin. Für ihn sei das damit aber trotzdem nicht erledigt. Auch wenn er es nicht beweisen könne, er sei sich sehr sicher. Und auch wenn ihm das sein Smartphone nicht zurück brächte, mir würde der "Ärger" wegen dieser Sache zumindest verdeutlichen, dass man künftig wachsam sei. Schreibt er.

Ich habe in Absprache mit Frank lediglich geschrieben, dass ich eine solche Tat nicht begangen hätte und die Anschuldigungen zurückweise. Inzwischen bekam ich eine schriftliche Antwort des Vereinsvorsitzenden persönlich, dass seitens des Vereins diese Angelegenheit nicht weiter verfolgt werde und man mir rate, anwaltliche Hilfe in Anspruch zu nehmen, sollte ich mich gegen weitere oder wiederholte Anschuldigungen des Andreas zur Wehr setzen müssen.

Na ganz klasse. Im Moment ist es echt genug, was so in meine Richtung abgefeuert wird. Das ist echt so hohl - als wenn ich es nötig hätte, ein geklautes Smartphone irgendwo für 75 bis 100 Euro zu verticken. Frank meinte schon, sollte dieser Andreas das nochmal irgendwo wiederholen, wird es teuer. Aus einer Strafanzeige wegen übler Nachrede käme vermutlich nicht viel heraus, aber auf die Unterlassungsklage freue er sich schon.

Donnerstag, 1. Dezember 2011

Betreuung für meine Mutter

Über Behördenpost freue ich mich doch immer wieder ganz besonders. Meistens verbergen sich in diesen Briefumschlägen nette Überraschungen. Entweder braucht man danach einen Anwalt, viel Geld oder viel Zeit.

Zunächst hatte ich vermutet, dass es um die einstweilige Verfügung geht, die gegen meine Mutter erlassen worden ist. Als ich den Brief dann jedoch las, stellte ich fest, dass es um etwas ganz anderes ging: Man wolle mich in einer Betreuungssache anhören und es werde ein Sitzungstermin anberaumt. Ich habe das gleich an Frank weitergereicht, der dann Licht ins Dunkel brachte.

Das, was hier auch bereits einige Kommentatoren erwähnt hatten, hatte die Klinik, in der meine Mutter zur Zeit stationär behandelt wird, angeregt, nämlich die Einrichtung einer Betreuung. Aus einem dem Gericht vorliegenden Gutachten ergebe sich, dass meine Mutter psychisch krank sei und einige ihrer Angelegenheiten derzeit nicht selbst regeln könne. Man wollte nun mit mir reden, da meine Mutter wohl angegeben hat, dass ich die einzige nahe Verwandte sei, zur der sie noch Kontakt habe. Frank meinte: "Die fingen gleich an, es sei eine bürgerliche Pflicht, eine solche Betreuung zu übernehmen."

Was die aber nicht geschnallt haben, war, dass drei Türen weiter dasselbe Gericht gegen meine Mutter ein Näherungsverbot angeordnet hatte. "Ich habe denen gleich erklärt, dass der Sperrvermerk in den Einwohnermeldedaten, über den das Gericht bereits gestolpert war, eben wegen der Mutter eingerichtet worden war und deine Anschrift in der Akte nichts zu suchen hat", sagte er. Es sei ausgeschlossen, dass ich die Betreuung meiner Mutter übernehme. Zudem sei ich in einer körperlichen Verfassung, für die nach dem Gesetz ebenfalls eine Betreuung beansprucht werden könne - und das reiche wohl als formaler Ablehnungsgrund aus.

Das sah die Rechtspflegerin genauso. Im Gesetz steht tatsächlich, dass auch für körperlich behinderte Menschen (neben geistig und psychisch behinderten Menschen) ein Betreuer bestellt werden kann, wenn jemand sich mit den Aufgaben des täglichen Lebens überfordert fühlt. Der einzige Unterschied bei körperlich behinderten Menschen ist, dass diese nur selbst für sich einen Betreuer beantragen dürfen, nicht etwa ein Dritter oder das Gericht selbst (wie es bei geistig oder psychisch behinderten Menschen der Fall sein kann.)

Ich hatte mich bisher mit diesem Schritt, nämlich für meine Mutter eine Betreuung anzuregen, zurückgehalten, da ich die Folgen eines solchen Antrags nicht überblicken konnte. Nun ist mir diese Entscheidung abgenommen worden. Ich hoffe, es hilft meiner Mutter und sie findet ihren Weg. Heftig.

Mittwoch, 30. November 2011

Sieben an einem Tag

Ist ja nicht das erste Mal, dass ich es erwähne: Ich lese grundsätzlich alle Kommentare meiner Leserinnen und Leser, freue mich meistens darüber und nehme den einen oder anderen mir auch zu Herzen. Manchmal liefern sie mir auch eine Idee, etwas auszuprobieren: Ich habe mir vorgenommen, einen Tag lang mal alle Begegnungen mit fremden Leuten, bei denen es zu einem Wortwechsel kommt, sofort danach, ggf. mit Stichworten als Gedankenstütze, zu notieren, nur höflich und freundlich zu sein und Leute, von denen ich mich herabgesetzt, diskriminiert oder beleidigt fühle, sachlich zu kritisieren - sofern ich überhaupt etwas sage.

Morgens war ich mit Nadine zum Frühstücken verabredet, anschließend wollten wir gemeinsam shoppen, danach zusammen zur Physiotherapie und abends zum Schwimmtraining. Nadine ist in meinem Team, hat einen inkompletten tiefen Querschnitt nach einem unverschuldeten Fahrradunfall, kann mit Unterschenkelorthesen laufen, allerdings nicht rennen und nicht frei stehen (ohne sich festzuhalten). Ihr Gangbild erinnert ein wenig an das einer Ente.

Szene 1: Der Bus kommt, ein Schnellbus, bei dem man üblicherweise vorne die Fahrkarten vorzeigen muss, der Fahrer fährt dicht an den Bordstein heran, senkt den Bus ab und öffnet die hintere Tür. Ich fahre hinein, ziehe mich an den Türgriffen die etwa acht Zentimeter hohe Stufe hinauf, stelle mich an den vorgesehenen Platz und mache die Bremsen fest. Nadine setzt sich links neben mir auf einen Sitz. Die Tür geht zu, aber bevor der Bus losfährt, kommt eine Lautsprecherdurchsage: "Die junge Frau, die eben hinten eingestiegen ist, bitte mal den Fahrausweis vorzeigen!" - Ich drehte mich um und hatte über den Innenspiegel Blickkontakt zum Fahrer. Da ich nicht weiter nach vorne rollen konnte, rief ich: "Sie gehört zu mir." - Begleitpersonen von Rollstuhlfahrern werden frei befördert. Abermals kam eine Durchsage: "Junge Frau, kommen Sie doch mal bitte zu mir nach vorne." - Der Bus stand. Ich sagte zu Nadine: "Hier, nimm gleich mit", und drückte ihr mein Portmonee in die Hand. Nadine latschte nach vorne, kramte meinen Ausweis raus. "Das ist der Ausweis von Ihrem Schützling. Ich wollte Ihren Fahrausweis sehen", hörte ich den Fahrer sagen. Hat er Schützling gesagt?! Nadine antwortete: "Ich bin die Begleitperson. Sie hat eine Begleitperson frei. Ist dort vermerkt." Ohne Worte gab er ihr den Ausweis zurück, fuhr ab.

Szene 2: Wir wollen Badeanzüge für beide und eine Schwimmbrille für Nadine kaufen. Die Größe und das Modell, das ich haben möchte, ist reduziert, also hole ich gleich drei Stück aus dem Regal. 18 Euro für einen Markenanzug ist wirklich gut. An der Kasse lege ich die drei Teile plus meine EC-Karte auf den Tisch. Die Kassierin, eine Frau um die 50, guckt mich an und fragt: "Gleich drei Stück? Haben Sie denn soviel Geld dabei?" - Ich tippe wortlos auf meine EC-Karte. "Wollen Sie das Schwimmen anfangen? Ich finde das ja toll, dann kommen Sie ein wenig unter Leute." - "Ich trainiere mehrmals pro Woche und früher oder später lösen sich die Teile auf. Bei Ihrem Angebot nehme ich gleich drei Stück mit, das lohnt sich ja." Oha, die Behinderte kann in ganzen Sätzen sprechen. - "Ach Sie schwimmen regelmäßig, ja das finde ich ja toll. Wissen Sie, mein Mann saß eine Zeitlang auch im Rollstuhl. Der hatte Schwierigkeiten mit der Hüfte. Aber der hat sich zum Glück wieder erholt. Hatten Sie einen Unfall?" - "Ja." - "Das hört man viel, bei jungen Leuten. Führerschein gerade neu, übermütig, und schon ist es passiert. In der Nachbarschaft hat auch einer gleich das Auto der Eltern zu Schrott gefahren. Alles in Grus und Mus. Aber ihm ist zum Glück nichts passiert. Aber um das Auto ist es ärgerlich." - "Ja, das stimmt. Bei mir war es ein Unfall auf dem Schulweg. Eine Autofahrerin hat mich angefahren." - "Das ist ja immer mein Alptraum, dass mir irgendwann mal ein Kind vor das Auto läuft. Wie oft liest man das, dass Kinder zwischen Autos hervorkommen und dann hast du als Autofahrer keine Chance. Du hast keine Chance. 54 Euro macht das."

Szene 3: Wir stehen in einem Burgerladen und bestellen. Wir bekommen zwei Tabletts. Da Nadine sowieso schon Probleme mit dem Laufen hat, trägt sie keine Tabletts. Die Gefahr, dass das Getränk darauf umkippt oder sie mitsamt dem Essen hinfällt, ist viel zu groß. Also setzt sie sich hin und ich nehme die Tabletts nacheinander auf den Schoß und bringe sie zum Tisch, muss mich dabei allerdings durch die Schlangen der wartenden Leute kämpfen. "Tschuldigung, darf ich mal durch? Tschuldigung, könnten Sie mich mal bitte durchlassen? Entschuldigung, könnten Sie einen Schritt zurückgehen?" - Nadine hat sich hinter einen Tisch gequetscht und in der Zeit, in der ich die Tabletts geholt habe, vor dem Tisch den Stuhl weggeschoben. Da kommt eine Frau zu uns und pöbelt Nadine an. "Sie lassen sich von ihrer Bekannten das Tablett an den Tisch bringen? Was für eine Erziehung haben Sie denn genossen? Gar keine? Entschuldigung, aber da steigt mir der Hut hoch." - Nadine sitzt mit offenem Mund da, ich erwidere höflich: "Das ist schon in Ordnung so. Wir haben das aufgeteilt." - "Ich will das gar nicht hören. Sie sind doch abhängig von ihr. Es ist doch unglaublich, dass Sie das Mädchen im Rollstuhl derart ausnutzen." - "Sie nutzt mich nicht aus und ich möchte jetzt essen und kein Theater. Ja? Tschüß." - Wir essen, in der Zwischenzeit stellt die Frau sich an. Als sie zurück kommt, setzt sie sich ausgerechnet an den Tisch neben uns und fängt an, mich anzustarren. Reicht mein dickes Fell, um das zu ignorieren?

Szene 4: Ich möchte ein Brot vom Bäcker mitnehmen, stehe an. Ich bestelle ein Brot, gebe das Geld über die Glastheke. Nadine bekommt das Brot mit den Worten: "Stecken Sie ihr das mal hinten rein?" - Gemeint war wohl der Rucksack...

Szene 5: Wir sitzen im Bus nach Hause, ich auf dem Rollstuhlstellplatz, Nadine links neben mir in der letzten Sitzreihe vor der Mitteltür. Plötzlich steigt ein älterer Mann ein, kommt von vorne bis zur Mitte durch und macht Nadine an: "Setz Dich mal woanders hin." - "Wie bitte?" - "Das ist mein Sitzplatz, ich bin schwerbehindert, ich muss nah an der Tür sitzen und kann nicht lange stehen. Mach schon, sonst falle ich hin." - Es waren mindestens 20 weitere Plätze frei, auch der direkt gegenüber, auch die vier auf der anderen Seite der Tür. Nadine rückte zum Fenster durch. Der Typ setzte sich hin, hob seinen Holzstock und tippte mit dessen Ende oben gegen die Deckenverkleidung, an die ein Symbol "Sitzplatz für Schwerbehinderte" angeklebt war. "Da stehts. Für Doofe schon extra ohne Text." - Nadine antwortete: "Schaun Sie mal, dahinten sind auch noch Schwerbehindertenplätze frei. Ich weiß nicht, warum Sie ausgerechnet den besetzten Platz belegen wollen." - "Das will ich dir sagen: Zu unserer Zeit ist man als Jugendlicher noch aufgestanden, wenn gebrechliche Leute in den Bus stiegen. Du hast auf diesem Sitzplatz überhaupt nichts zu suchen." - "Haben Sie schonmal in Betracht gezogen, dass es auch Jugendliche mit Behinderung gibt?" - "Pass auf, du!" Er machte eine fordernde Handbewegung: "Zeig mir mal deinen Ausweis." - Nadine holte ihren Ausweis aus der Jackentasche. Der Typ wurde kreidebleich. Aber anstatt sich mal zu entschuldigen, kam: "Das kann ich ja nicht riechen! Woher soll ich wissen, dass du ausnahmsweise hier sitzen darfst. Ist der Ausweis überhaupt echt? Du kannst doch laufen."

Szene 6: Wir sind auf dem Weg von der Physiotherapie zum Schwimmen und warten vor demselben Aufzug, von dem ich auch schon in den letzten Beiträgen geschrieben hatte. Dann stehen wir mit drei Rollstuhlfahrern in der Kabine (die anderen beiden kannte ich nicht), damit ist die Kabine voll. Nadine latscht über die Treppe. Die Tür geht zu, da springt noch eine ältere Dame dazwischen. Die Tür geht wieder auf. "Komme ich noch mit?" - "Nee, das passt nicht mehr." - "Och das geht noch." - "Nein, das passt wirklich nicht mehr." - "Ich muss meine Bahn kriegen." - "Ja, wir auch. Am besten warten Sie kurz, wir beeilen uns mit dem Aussteigen." - "Warten Sie, ich quetsch mich hier dazwischen." - Sie drängelte sich zwischen meine Füße und Kabinenwand, hielt sich an meiner Schulter fest. Sie musste sich weit nach vorne beugen, da hinter ihrem Po die Haltestange war. Und sie stank nach Knoblauch. Die Tür ging zu. "Wissen Sie, der Aufzug wurde nämlich nicht nur für Rollstühle eingebaut. Ich habe zwei neue Hüften bekommen und ich kann die steile Treppe nicht laufen." - "Das mag ja sein, nur wenn voll ist, ist voll." - "Geht doch auch so." - "Ich weiß aber nicht, ob ich mich von jedem anfassen lassen möchte." - "Nun stellen Sie sich mal nicht so an. Sie sind zwar behindert, aber ja nicht aus Zucker, nä?! Sag ich immer zu meinen Leuten, wenn die mich mit Samthandschuhen anfassen." - Die Kabinentür öffnete sich, die beiden anderen Rollifahrer rangierten nach draußen. Ich konnte mich nicht bewegen. Ich stand hinten an der Wand und direkt vor mir waren die Füße der Frau, außerdem hielt sie sich an mir fest. "Sie zuerst!", befahl sie. - "Ich komm so nicht von der Stelle. Sie stehen direkt vor mir. Sie müssten sich da schon irgendwie raushangeln und wenn es geht, ohne sich dabei auf mich aufzustützen, sonst fallen wir nämlich beide um." - Ihre Hand war auf meiner Schulter nämlich eindeutig hinter dem Schwerpunkt des Stuhls. "Was Sie einer alten Frau so alles zumuten", beklagte sie sich. - "Ich hab doch gesagt: Warten Sie kurz." - "Ach halt den Schnabel." - "Wie war das?" - "Du hast mich schon verstanden." - Nadine stand mit einem Fuß in der Tür, damit der Aufzug nicht wieder losfuhr. Jetzt stützte sich die Frau mit beiden Händen auf mich auf, einmal an der Schulter, einmal auf meinem Oberschenkel. Schrittchen für Schrittchen bewegte sie ihr Füße zwischen Rollstuhl und Kabinenwand hinaus, ihr halbes Körpergewicht auf mich gestützt, gerade hinstellen konnte sie sich wegen der Haltestange nach wie vor nicht. Dann konnte sie endlich rausgehen. Nach zwei Schritten blieb sie stehen und drehte sich um. Ich rangierte meinen Stuhl mit zwei Dutzend Minibewegungen plus zwei Mal hochspringen aus der eingekeilten Position, als sie mich anmachte: "Siehst du, geht doch wunderbar." - Gleich spring ich dir ins Gesicht... Nadine stand hinter ihr, immernoch den Fuß in der Tür. Lohn der Zurückhaltung: Die Frau erreichte im schnellen Schritt die S-Bahn, quetschte sich gerade noch so durch die sich schließenden Türen und wir ... standen draußen und mussten auf den nächsten Zug warten.

Szene 7: Wir kommen aus der Schwimmhalle. Jana hat angeboten, uns mit dem Auto mitzunehmen. Janas Auto ist aber zugeparkt von einem Smart, der sich zwischen die beiden auf den breiten Behindertenparkplätzen parkenden Autos auf die Linie gestellt hat. Da der Eingang um diese Zeit geschlossen ist, müssen wir über eine Wiese zum Notausgang und dort an die Scheibe klopfen. Nach zwanzig Minuten ist der Fahrer gefunden, ein junger Mann, der seine Serie unterbrechen musste, um nur mit Badehose und Handtuch bekleidet, sein Auto wegzufahren. Als er fertig war, kam folgender Kommentar: "Bekomme ich jetzt einen Aufkleber von der Frank-Elstner-Stiftung 'Ein Herz für Behinderte'?"

Es soll nicht so stehen bleiben, dass der Eindruck entsteht, alle Menschen seien böse. Viele halten mir Türen auf, bieten mir freundlich ihre Hilfe an, sind nett. Aber zwischen den vielen netten gibt es täglich auch jede Menge Idioten. Und die versammeln sich grundsätzlich bei mir und labern mich an. Oder bei anderen Rollifahrern - und die Anzahl ist gemessen an der Dauer, die ich unterwegs war, im Durchschnitt. Ich weiß nach wie vor keinen Rat: Reinfressen will ich das jetzt nicht jeden Tag in mich und zu heftig reagieren trifft möglicherweise den falschen. Vielleicht sollte ich einen Schreikurs mitmachen. Oder mal wieder einen Triathlon - leider ist gerade Winter. Shit.

Samstag, 26. November 2011

Diskriminieren - aber richtig

Es ist schon spannend zu lesen, wie einige meiner Leserinnen und Leser diskutieren und ihre Ansichten vertreten. Und wie sich so eine Diskussion verselbständigt und immer weitere Kreise zieht. Und vor allem: Wer sich so alles persönlich angesprochen fühlt. Die Rede ist von meinem letzten Beitrag.

Ich glaube schon, dass ich mich mit deutscher Sprache sehr gut ausdrücken kann, sofern die deutsche Sprache eine gute (im Sinne von differenzierte) Ausdrucksweise überhaupt zulässt. Ich weiß auch, dass Sprache nicht nur deskriptive, sondern auch wertende Funktionen hat, auch bei der Beschreibung rationaler Elemente.

Zunächst finde ich sehr wichtig zu unterscheiden, wann Sprache deskriptiv und wann wertend eingesetzt werden soll. Ich finde, dass ein Absender sich größte Mühe zu geben hat, damit der Empfänger das Gesagte so versteht wie der Absender es meint. Man darf dabei aber zwei Dinge nicht außer Acht lassen: Einige Empfänger wollen partout beschreibende Aussagen als wertend verstehen und einige Personen sind überhaupt nicht Empfänger einer Nachricht, fühlen sich aber angesprochen und beziehen den Inhalt auf sich selbst.

Ohne jede Frage: Ich bin sehr dafür, Sprache bewusst einzusetzen und bestimmte Wörter gar nicht erst in den Mund zu nehmen. Ich bin auch dafür, die Verwendung bestimmter Wörter durch Aufklärung einzudämmen. Die Wörter "Schwuchtel", "Hure", "Neger", "Schlampe" und "Slutwalk" gehören nicht in meinen Sprachgebrauch, "Krüppel" allenfalls als Beispiel, wie sich Sprache durch die Verwendung von Euphemismen verändert.

Was ich überhaupt nicht leiden kann, sind Menschen, die sich selbst zu einer Art Hoheit aufspielen, die gleichzeitig festlegt, welche Regeln gelten, feststellt, wann diese Regeln überschritten wurden und den mutmaßlichen Regelverletzer anschließend am besten noch anklagen und verurteilen. Entsprechend muss immer die Frage zulässig sein, ob die Mehrheit der (angesprochenen) Betroffenen etwas ablehnt und verurteilt, oder ob irgendjemand Benimmregeln vermitteln will.

Behinderung ist nach gängiger Meinung die Wechselwirkung körperlicher Beeinträchtigung mit Barrieren der Umwelt (sinngemäß, verkürzt). Also bin ich behindert. Und nicht gehandicapt oder sonstwas. Eine gute Freundin hat eine deformierte Hand, eine andere ein Bein ab und eine weitere vorhin eingekackt. Die stank aus allen Knopflöchern und wurde, bis sie geduscht hatte, auf genau diesen Gestank reduziert. Wie es mir ging, als ich das erste oder das letzte Mal eine Magen-Darm-Grippe hatte, weiß ich noch genau und dass ich vorhin fast in die Ecke vomiert habe, als ich ihr in der Dusche mit Einmalhandschuh und -waschlappen den Arsch (nein, für mich kein Ausdruck verrohter Sprache, sondern als neutral im herkömmlichen Sinne) gewaschen habe, weil sie das wegen ihres vergleichsweise hohen Querschnitts nicht konnte, auch. Das habe ich auch thematisiert. Damit konnten wir beide besser umgehen als wenn ich es mit Tränen in den Augen verschwiegen hätte. Trotzdem ist sie für mich ein Mensch und ich habe sie sehr lieb.

Ich habe nichts gegen Behinderte. Aber wenn sie stinken, müssen sie damit rechnen, auch dann auf ihren Gestank reduziert zu werden, wenn sie das gar nicht zu vertreten haben. Und ich fange jetzt auch keine Diskussion an, ob die Umwelt so etwas ertragen muss. Muss sie nicht. Ein Behinderter, der eingekackt hat, gehört nicht in eine Theatervorstellung. Diese Ausgrenzung muss er aushalten.

Ich habe niemals gesagt, dass ich etwas gegen dicke oder fettleibige Menschen habe. Ich habe auch zu keinem Zeitpunkt eine Ansprache an alle Menschen gerichtet, deren BMI irgendeinen Wert übersteigt. Ich habe eine übergewichtige Person auf exakt der Ebene angesprochen, auf der sie mich Sekunden zuvor ebenfalls angesprochen hat. Nachdem ich über das Vordrängeln fast noch einen Scherz gemacht habe und die Beleidigung davor bewusst überhört hatte. Und ich halte diesen Umgang mit dieser einen Frau nach wie vor für angemessen. Einen diplomatischen Hinweis auf ihr Fehlverhalten hatte sie kurz zuvor bereits mit einer Beleidigung (duzen, verniedlichen, nicht ernst nehmen) abgetan. Hätte ich zum Ausdruck gebracht (höflich oder unhöflich), dass ich mich von ihr diskriminiert fühle, hätte sie vermutlich dumm gelächelt oder mich als Weichei, das mit seiner Behinderung nicht klarkommt, abgestempelt. Nein, ich denke, das hat gesessen und vielleicht denkt sie so mal darüber nach.

Ich will mich jetzt nicht rausreden, denn meine Absicht war schon, dass sie "fett" als negative Eigenschaft versteht. Nicht ohne Grund rennt sie mit Walkingstöcken durch die Gegend. Allerdings ist "fett" in meinen Augen nicht unbedingt negativ. Die derzeit korrekte Übersetzung der medizinischen Bezeichnung "Adipositas" ist "Fettleibigkeit". Ebenso wie die Frage "Warum sitzt du im Rollstuhl?" ohne den Kontext, die vorangegangene Beleidigung und den abschätzigen Blick nicht unbedingt negativ behaftet sein muss - von der Beschränkung der Person auf den Rollstuhl und der Indiskretion mal abgesehen. So ein Rollstuhl hat auch viele Vorteile.

Und, was hinzu kommt: Ich überlege in aller Regel schon sehr genau, was ich sage. Meistens bin ich auch diejenige, die sich aufregt, wenn beim Training irgendein Halbstarker die heute in vielen Schulen übliche sexualisierte Sprache gebraucht. Andererseits fühle ich mich, trotz aller mit dem Internetblog verbundenen "Berühmtheit" nicht in der Rolle eines perfekten Menschens, der sich immer korrekt verhält. Und manchmal bin ich auch schlicht mit meinem Latein am Ende, zum Beispiel, wenn ein Angestellter meiner Rehaklinik, Afrikaner mit Unfallquerschnitt, unter jede SMS "LG, Black" schreibt, zu seinem Geburtstag eine Runde Schokoküsse ("am liebsten würde ich allen, die heute mit mir feiern, persönlich einen Kuss geben, aber ich bin erkältet und damit belassen wir es mal bei den Negerküssen aus dem Pappkarton") verteilt und mir erzählt, die meisten Menschen, die ihn wegen seiner Hautfarbe diskriminieren, wollten nur ihn persönlich provozieren oder davon ablenken, dass sie mit seinem Rollstuhl nicht klar kämen. "Zum Glück wissen sie nicht, dass ich hetero bin. Wenn man mich schon diskriminiert, dann bitte richtig."

Montag, 21. November 2011

Tolle neue Woche

Die Woche fängt gut an, sagte der Mann, der am Montag gehängt werden sollte.

Es ist völlig egal, ob ich zur Zeit zur Schule, zur Arbeit oder sonstwo hin muss - ich hasse sie, die Leute, die mir an einem Montagmorgen ungefragt erklären müssen, dass ja eine neue Woche begonnen hätte. Als Rollstuhlfahrerin hat man ja unfreiwillig eine Art Beamtenstatus. In einem mehr oder weniger schmerzhaften Akt wird man zu dem, was man später ist, bekommt vom Staat darüber eine amtliche Ernennungsurkunde und einen Dienstausweis (ab nächstem Jahr aus Plastik und in Scheckkartenform), auf dessen Rückseite der Dienstgrad eingetragen wird und der einem (mitunter) die freie Mitfahrt in öffentlichen Nahverkehrsmitteln garantiert, einen je nach Dienstgrad manuell oder elektrisch angetriebenen Dienstwagen und das eine oder andere mehr.

Uniformen sind zum Glück abgeschafft, man ist ja auch so gut zu erkennen, allerdings muss man eben auch ertragen, dass sich all jene, die auch Briefträger und Polizisten vorsorglich grüßen oder in ein oberflächlich-bürgernahes Wortgeplänkel verstricken, zu einem hingezogen fühlen und einen entweder nach dem Weg, nach der Ursache der Behinderung, dem Preis des Rollstuhls oder sogar nach der eigenen Fruchtbarkeit fragen und anschließend mit der eigenen Lebensgeschichte oder der des Nenn-Onkels, der selbst sechs Wochen im Rollstuhl saß, konfrontieren. An einem Montagmorgen ist es besonders schlimm. Und bin ich einmal schlecht gelaunt und reagiere nicht auf solche dummen Ansprachen, schließlich muss es nicht pausenlos kommentiert werden, dass der Aufzug kommt, das Wetter neblig ist oder ich schöne Haare unter der Mütze habe, tun die Leute so, als hätten sie mit ihren Steuern meine Freundlichkeit beglichen und wären gerade um eine bereits bezahlte Leistung betrogen worden. "Sie reden auch nicht mit jedem, oder?" - Ein "Halt die Fresse" hab ich mir nur leise gedacht und so getan als sei ich gehörlos.

Irgendwann bin ich auf meinem Weg zur Physiotherapie am Bahnhof Bergedorf angekommen, stehe vor dem deutlich zu klein geratenen Aufzug und warte. Noch acht Kinderwagen vor mir, noch sechs, noch vier - mit Glück passen zwei gleichzeitig in die Kabine. Endlich, nach einer gefühlten Ewigkeit, bin ich dran, die Tür geht auf, da drängelt sich von der Seite eine ältere Frau mit breitem Arsch und zwei kaputten Skistöcken vorbei, steigt mir fast über meinen Schoß. "Vorsicht! Ich mach Nordic Walking!" - Es juckte mir in den Fingern, aber ich stoppte meinen Rollstuhl. Es wäre kein Problem gewesen, sie lang hinschlagen zu lassen, ich hätte nur nichtbremsen müssen. "Und ich mach Nordic Rollstuhling und kann mich auch hinten anstellen", konnte ich mir nicht verkneifen. Sie grinste doof und meinte: "Schätzelein, ich werde kalt, wenn ich so lange warten muss."

Ich hatte bereits gedrückt, die Tür schloss sich, da fängt sie an, an den Knöpfen herumzufummeln. Drückt nochmal die "0" statt der "-1", was zur Folge hat, dass die Tür sich nochmal öffnet. Anschließend drückte sie nochmal auf "Tür auf" und rief: "So, Abfahrt, Tür zu! Die Kiste ist vielleicht lahmarschig. Ich werd kalt!" - Dann endlich fuhren wir. "Warum sitzt du im Rollstuhl?", fragte sie und drehte sich zu mir. Das war jetzt eindeutig zu viel. Ich antwortete: "Warum bist du so fett?" - Ihr fielen fast die Augen aus dem Kopf. "Unverschämtheit", blubberte sie. Der Aufzug war angekommen. Wutschnaubend stiefelte sie aus der Kabine.

Meinen Bus hatte ich verpasst. In 10 Minuten kam der nächste. Ich stand dümmlich vor der hinteren Tür. Hatte der Fahrer mich nicht gesehen, als er die Haltestelle angefahren hatte? Ich drückte auf den Knopf mit dem Rollstuhlsymbol. Nichts passierte. Ich blickte nach vorne, winkte in Richtung seines Außenspiegels und nuschelte ein leises "Huhu" in meinem Schal. Nichts. Ich rollte zur vorderen Tür, wo der Fahrer die Fahrausweise der Einsteigenden einzeln kontrollierte und entsprechend beschäftigt war. Ich rief durch die Menschentraube hindurch: "Können Sie mal bitte hinten aufmachen und absenken?" - "Ich komm gleich nach hinten!" - "Es reicht, wenn sie die Tür aufmachen und absenken!"

Ich fuhr wieder nach hinten. Die Tür blieb zu. Okay, dann warten wir eben erstmal, bis der Bus voll ist. Endlich, als vorne alle eingestiegen waren, ging die Tür auf, der Fahrer kam raus. "Absenken würde reichen, dann komme ich so rein." - "Das dürfen Sie nicht." - "Bitte?" - "Das ist zu gefährlich. Ich klappe die Rampe aus. Ist kein Problem, dann kann ich auch mal aufstehen und mich bewegen. So, machen Sie mal etwas Platz, die Frau im Rollstuhl will auch noch mit und die muss sich dort drüben hinstellen. Sie da, suchen Sie sich mal einen anderen Stehplatz, ja? Wo wollen Sie aussteigen?" - "Unfallkrankenhaus." - "Ich komme dann zu Ihnen und helfe Ihnen raus." - "Jaja." So ein Blödsinn. Würde er einfach den Bus absenken, käme ich so rein und raus. Aber nein ... er braucht Bewegung. Und alles glotzt. Es ist sicherlich nett gemeint, aber ich helf ihm doch auch nicht beim Busfahren. Das würde mit Sicherheit auch an seinem Ego kratzen.

Für Ronja, meine Physiotherapeutin, hatte die Woche auch klasse begonnen. Sie hat erfahren, dass sie ab Januar in einem anderen Bereich eingesetzt wird. Bisher hatte sie nur mit Querschnitten zu tun, dann soll sie nur noch Muskelaufbau bei Leuten machen, die an der Hand operiert worden sind. Sie ist totunglücklich und hat in meiner Stunde drei mal angefangen zu weinen. Sie tut mir so leid. Aber ich habe schon eine Idee. Mal sehen, ob das klappt...

Sonntag, 20. November 2011

Little Dolly und ein Bad im See

Einige kriegen eben nie genug - ich gehöre auch dazu. Letztes Wochenende war ein tolles Trainingslager, dieses Wochenende war ursprünglich ein nächtliches Training am Elbdeich geplant, das wurde aber nun wegen des besagten Trainingslagers gestrichen. Nur bleibt es uns ja unbenommen, trotzdem zu trainieren. Allerdings dann auf dem Wanderweg, nicht auf der Fahrbahn. Das wäre ohne Begleitfahrzeug oder Straßensperre lebensgefährlich. Gerade auf dieser Deichstraße rasen die Autofahrer nämlich gerne.

Ursprünglich wollten Yvonne, Simone, Cathleen, Nadine, Kristina, Merle und ich uns treffen, also fast mein komplettes Team, dann hatten aber Yvonne, Nadine und Merle kurzfristig wegen eines grippalen Infekts wieder abgesagt. Dafür rief mich die Mutter von Lisa an, ob ihre Tochter auch teilnehmen dürfte und ob es möglich wäre, dass sie hinterher nochmal bei uns schläft. Natürlich war das möglich. Ob ich einmal eine halbe Stunde Zeit für sie hätte. Huch? So offiziell?!

Entsprechend saßen wir am Freitagabend in meinem Zimmer, zusammen mit Lisa und Cathleen. Lisas Mutter fand unsere WG toll, sagte, sie hätte sich das ganz anders vorgestellt. Lisa sagte: "Mama, lenk nicht vom Thema ab. Ich will das hier so schnell wie möglich hinter mich bringen."

Lisa erzähle zu Hause regelmäßig mit strahlenden Augen vom Training. Auf der Fahrt vom Trainingslager nach Hause habe sie ohne Punkt und Komma erzählt, wie toll das alles war. Die Mutter meinte, sie habe Angst um ihr Kind. Es klinge bestimmt merkwürdig, aber sie bräuchte mal jemanden, der sie versteht und ihr sage, dass das mit ihrer Tochter alles richtig laufe, sie in besten Händen sei und sie sich zu viele Sorgen mache.

Ich fragte sie, wo denn genau ihr Problem sei. Wieso sie annehme, dass etwas falsch laufen könnte. Sie meinte, die Kontakte, die ihre Tochter in den letzten Jahren geknüpft habe, hätten sie so glücklich gemacht. Ihre Tochter sei nicht wiederzuerkennen. Lisa saß daneben und meinte: "Nicht so sentimental, Mama. Ich werd einfach nur erwachsen. Aber ich bleib trotzdem deine Tochter und du und Papa sind die wichtigsten Menschen in meinem Leben. Das hab ich dir gestern schon gesagt." - Ich musste schon wieder schmunzeln.

Die Mutter erzählte mir, dass ihr Mann und sie beide berufstätig seien und sich eine angestellte Erzieherin täglich zu Hause um Lisa kümmere. Mit ihr Hausaufgaben mache, mit ihr zur Therapie fahre. Ihr Kind habe eine Behinderung und es sei alles anders als bei anderen Kindern, aber trotzdem hoffe sie, dass sie alles richtig gemacht hätte. Nur eines verstehe sie nicht: Lisa sagt, eins der tollsten Dinge beim Training ist, dass man sich so benehmen dürfe, wie man wollte, ohne dafür Ärger zu bekommen. Und dann erzähle sie zu Hause stolz, was sie alles angestellt habe. "Warum ist ihr das so wichtig? Warum hat sie das Bedürfnis danach? Sie darf das zu Hause nicht, aber warum vermisst sie das offenbar so?"

Ich habe gesagt: "Ich würde mir da wirklich nicht solche Sorgen machen. Solange sie das zu Hause alles stolz erzählt und auch weiß, wann sie was machen darf und wann nicht, finde ich alles in Ordnung. Alles, was verboten ist, hat doch seinen Reiz, vor allem in ihrem Alter. Ich finde das völlig normal, dass sie Grenzen austestet. Eines Tages merkt sie, dass sie selbst für ihr Verhalten verantwortlich ist und dass die Jungs, die jetzt noch lachen und es cool finden, wenn sie laut rülpst, plötzlich von dem Schweinkram genervt sind. Und dann lässt sie es wieder."

"Ich habe Angst, dass sie sich mit ihrem Verhalten schadet und irgendwann Außenseiterin ist." - Ich antwortete: "Das glaube ich nicht. Sie ist doch so ein herzlicher Mensch und wird von allen gemocht. Außerdem ist gerade in diesen Gruppen eine ganz große Toleranz. Das passt schon alles. Und vielleicht stößt sie tatsächlich irgendwann mal an die eine oder andere Grenze. Dann muss sie das lernen. Davor kann man sie nicht beschützen. Aber deswegen ist sie ja nicht gleich Außenseiterin."

Ich glaube, ich habe die Mutter beruhigen können. Sie knuddelte Lisa zum Abschied und sagte: "Ruf an oder schreib eine SMS, wenn was ist!" - "Ja, Mama." - "Und pass auf dich auf." - "Ja, Mama." - "Und sei lieb, hörst du?" - "Mama! Ich bin immer lieb."

Auf zum Volksfest. Cathleen, Simone, Lisa und ich. Da wir keine Fußgänger dabei hatten, die uns in irgendein Fahrgeschäft hätten helfen können, konnten wir nur gucken und uns mit Gummitierchen und anderem ungesunden Zeug eindecken. Wir waren mal wieder die unfreiwillige Attraktion. "Oh, habt ihr aber tolle Rollstühle! Und so bunt! Kai-Uwe, guck mal! Die Rollstühle! Guck mal, die sind ganz ohne Begleitung hier! Oder die Begleitung kauft gerade was für sie ein. Einen Motorradunfall können die nicht gehabt haben, dafür sind sie noch zu jung. Bestimmt Kinderlähmung." - Na klar. Ich schaltete auf Durchzug.

Nach dem Volksfest rollten wir auf Lisas ausdrücklichen Wunsch noch einmal über die Reeperbahn, die ja bekanntlich direkt nebenan ist. Als wir wieder an jenem Laden ankamen, vor dem wir vor eineinhalb Jahren schon einmal mit ihr standen, blieb sie stehen, zog mich zu sich ran und flüsterte mir ins Ohr: "Ich möchte so gerne so einen Vibrator. Deswegen wollte ich hier nochmal her. Ich war schonmal alleine hier, aber ich darf in den Laden nicht rein. Darf ich dir Geld geben und du kaufst mir den? Bitte!"

Ich dachte, ich träume. Ich bin nicht oft perplex, aber in dem Moment war ich es und wusste gar nicht mehr, wie ich reagieren sollte. "Was gibt es für Geheimnisse?" fragte Simone. Lisa antwortete: "Wenn ich das jetzt erzählen würde, wäre es ja kein Geheimnis mehr. Ich sags dir später." - Ich fragte sie: "Das gibt aber mindestens 200 verschiedene Typen und dazwischen ganz viel Schrott. Hast du dich denn schonmal informiert, was der können soll?"

Lisa nickte. "Ich möchte einen, der heißt Little Dolly. Und den möchte ich am liebsten in blau. Und ein Ladegerät muss man extra dazu kaufen. Ich geb dir 50 Euro, das müsste reichen." - Obwohl Lisa versuchte, möglichst leise zu sprechen, ahnte Simone sofort, worum es ging. Sie fragte: "Willst du dir hier was kaufen?" - Lisa antwortete: "Frag nicht, das ist mir peinlich." - "Na komm, wenn du sowas willst, musst du auch dazu stehen." - "Ich weiß, das ist trotzdem peinlich."

Ich machte den Vorschlag, zu einem anderen Geschäft zu rollen, das nicht so schmuddelig aussah wie der Laden, vor dem wir gerade standen, und das mir vor allem wesentlich besser sortiert zu sein schien. Am Ende saßen wir in der U-Bahn, als sie ihr Handy rauskramte und meinte: "Ich muss das unbedingt meiner Muddi schreiben." - Ich hoffte nur, sie würde mir nicht den Kopf abreißen. Als wir in der WG angekommen sind, musste Lisa erstmal allen Leuten, die sie kennt, erzählen, dass sie auf dem Volksfest und auf der Reeperbahn war und was sie sich gekauft hatte. Ich habe keine Ahnung, ob sie einfach nur so ein Ding besitzen will, weil sie dann erwachsener oder cooler oder sonstwas ist - oder ob ihr das Teil hilft, ihre doch sehr starke Spastik in den Armen und Händen zu kompensieren. Während sie auf dem Gästebett lag (Cathleen schlief mit bei mir im Bett und Lisa daneben auf einem ausblasbaren Gästebett), las sie die Betriebsanleitung und meinte: "Wahnsinn, der muss vor dem ersten Mal 12 Stunden durchgehend aufgeladen werden."

Am Samstagnachmittag waren Simone, Cathleen, Kristina, Lisa und ich zum Training mit dem Rennrolli auf dem Elbdeich verabredet. Nach langem Ausschlafen und ausgiebigem Frühstück sagte Lisa plötzlich: "Wollen wir nach dem Training im See schwimmen?" - Simone antwortete: "Du machst vor, ich mach nach." - "Wieso?" - "Der See ist arschkalt, wir haben fast Winter. Da kriegst du einen Kälteschock, sobald du einen Zeh reinhältst." - "Es gibt doch auch Leute, die sich ein Loch ins Eis schlagen und dann im Eiswasser baden!" - "Die gehen aber auch hinterher in die Sauna oder zumindest heiß duschen." - "Können wir nicht in dem Vereinshaus heiß duschen?" - "Das ist kilometerweit vom See entfernt. Inzwischen bist du erfroren." - "Schade."

Nachdem wir eine halbe Stunde lang über andere Themen geredet hatten, fing Lisa wieder von dem Thema an: "Kann ich nicht mit Neo im See schwimmen gehen?" - "Ach Lisa. So dick, wie der Neo sein müsste, damit du nicht frierst, eignet der sich nicht mehr zum Schwimmen. Unsere Schwimmneos sind alle nur sehr dünn. Das Wasser ist zu kalt, um draußen zu schwimmen." - "Wie kalt ist denn der See? Guck mal, die Sonne scheint doch richtig toll." - "Der wird höchstens noch 10 Grad haben. 14 Grad muss er haben, damit überhaupt ein Wettkampf, bei dem dann der Neo Pflicht ist, stattfinden dürfte. Bei Schülern müsste der See sogar 19 Grad haben. Ende Mai kannst du mal wieder fragen. Solange können wir nur in der Halle schwimmen. Wieso willst du denn unbedingt draußen schwimmen?"

Lisa schmollte. "Ich hab zum Geburtstag einen eigenen Neo bekommen und mit dem durfte ich noch nie schwimmen." - "Hast du den etwa mit?" - Lisa nickte. "Ich dachte, wir könnten das mal ausprobieren." - "Und was sagt deine Mutter dazu?" - "Die wollte mich stundenlang davon abbringen, dass ich den einpacke, weil sie meinte, mit mir geht bei der Kälte keiner mehr schwimmen. Warum müssen sich immer alle Erwachsenen einig sein?"

Cathleen sagte: "Pass auf, ich mach dir einen Vorschlag. Du nimmst den mit zum See, ziehst dich um, krabbelst ein paar Zentimeter rein und wenn du es nicht mehr aushältst, krabbelst du wieder raus." - "Alleine hab ich dazu keinen Bock." - "Ich krabbel mit." - Ich sagte: "Ihr habt einen Schatten. Ihr holt euch da den Tod." - Simone sagte: "Ich mach auch mit."

Nun wollte ich kein Spielverderber sein. Lange nichts Verrücktes mehr gemacht... Nach unserem Training saßen wir also auf dem Boden meines Autos, zogen uns um und rollten vom Parkplatz zum Strand. Zwei Taucher waren dabei, ihr Equipment im Auto zu verstauen. "Wollt ihr schwimmen gehen?" - "Ja, wieso?" - "Nur die Harten kommen in den Garten - oder was?!" - "Genau. Ich frier nur vom Bauch aufwärts. Dann ist es halb so schlimm. Sie hat einen neuen Neo, den will sie dieses Jahr unbedingt nochmal ausprobieren. Wisst ihr, wieviel Grad das Wasser hat?" - "Elf Komma Acht, haben wir vorhin gemessen." - "Och, das geht aber noch!"

Und tatsächlich, nach dem ersten Schock war es okay. Die Luft war durch die Sonne relativ warm, weit über 10 Grad, das machte eine Menge aus. Am schlimmsten war die Kälte am Handrücken und im Gesicht, aber am Körper war es okay. Wir waren insgesamt rund fünf Minuten im Wasser und sind sogar ein ganzes Stück geschwommen. Dann mussten wir aber dringend wieder raus. Ab zum Auto, die nassen Sachen ausziehen, in ein großes Handtuch einwickeln, abrubbeln, warme Sachen anziehen und die Thermoskanne mit dem Tee hervorholen. Schön, dass mein Auto eine Standheizung hat. Wie war das? Was nicht tötet, härtet ab. Mir war danach angenehm warm und Lisa hat sich gefreut wie eine Scheekönigin.