Donnerstag, 27. Januar 2011

Der wilde Wilde Westen

Neulich blieben wir beim Fernsehen in unserem WG-Gruppenraum einen Moment lang an einer Sendung hängen, in der Ausschnitte aus der legendären ZDF-Hitparade von vor 30 Jahren gezeigt wurden. Wir amüsierten uns über eine Band, inzwischen habe ich nachgeschaut, sie hieß "Truck Stop", die sang: "Der wilde Wilde Westen fängt gleich hinter Hamburg an..."

Ich finde, diese Band hat Unrecht. Inzwischen fängt der wilde Westen direkt in Hamburg an. Am letzten Freitag fuhr ich mit meinem Viano, der inzwischen nicht mehr zugeparkt war, quer durch Hamburg zu einer verkehrsmedizinischen Untersuchung. Ich bin von der Führerscheinbehörde aufgefordert worden, jetzt, rund zwei Jahre nach meiner Fahrprüfung und nach Vollendung des 18. Lebensjahres, mich erneut körperlich auf Fahrtauglichkeit untersuchen zu lassen. Ein Spektakel, das viele Menschen mit körperlicher Behinderung immer wieder über sich ergehen lassen müssen, wenn sie ihre Fahrerlaubnis (erlangen oder) behalten wollen. Irrsinnig ist es aus meiner Sicht aber dann, wenn sich an den körperlichen Einschränkungen nichts mehr ändert. Vor allem, weil die ganze Geschichte jedes Mal ein paar Hundert Euro kostet und man das natürlich selbst bezahlen muss.

Auf dem Weg dorthin glaubte ich, meinen Augen nicht zu trauen. Vor mir fuhr ein Smart, dessen (geteilte) untere Heckklappe geöffnet war. Aus dieser Hecköffnung kamen drei Bindfäden heraus und an diesen Bindfäden hatte der Fahrer drei jeweils zwei Meter hohe Tannenbäume befestigt. Vermutlich die Reste vom Feste. Diese zog er, rund 50 km/h fahrend, wie einen Schlitten hinter sich her. Die Bäume rutschten über den Asphalt und tanzten wild hin und her, streiften und berührten parkende Autos ... ich dachte mir so: Wenn der jetzt mal scharf am Zebrastreifen bremsen muss, überholen diese Bäume mit dem Stamm voraus das Auto und erschlagen den Fußgänger. Oder holen im Vorbeifahren einen Radler von seinem Drahtesel. Ganz zu schweigen von den Kratzern im Lack, wenn die Bäume an parkenden Autos vorbeischrammen. Ich sag ja: Wilder Westen.

Andere Leute machen so einen Schwachsinn und ich muss mich auf meine körperliche Fahreignung untersuchen lassen. Ich könnte schon wieder kotzen. Ich saß in einem Wartezimmer, neben mir eine ältere, sehr korpulente Frau. Knarrender Holzfußboden, hohe Decke, Halogenspots leuchteten auf Bilder an der Wand, zwischen ein paar Stühlen lagen auf Mini-Tischen ein paar alte Zeitschriften. Die alte Frau torkelte auf die Toilette. Ein älterer Mann im weißen Kittel kam rein, winkte mich ohne ein Wort mit dem Zeigefinger zu sich heran und trottete vorweg. Mein Herz klopfte bis in den Hals, schließlich könnte dieser Mann ja (irrtümlich?) feststellen, dass ich zum Autofahren körperlich nicht (mehr) geeignet bin.

Er schloss die Tür hinter mir, bat mich, vor seinem Schreibtisch Platz zu nehmen. Er setzte sich langsam und stöhnend auf seinen Stuhl, dann schaute er mich an. "Wieso sitzen Sie in einem Rollstuhl?" - "Hm. Ich kann nicht laufen." antwortete ich. Er fragte weiter: "Seit wann ist das so?" - "Seit zweieinhalb Jahren etwa." - "Geht gar nicht mehr?" fragte er.

War das jetzt ein psychologischer Test, wie ich mit meiner Behinderung umgehe? Welche Einstellung ich dazu habe, was ich realisiert habe? Rechnen muss man bei solchen Untersuchungen ja mit allem. Oder hatte der die Akte nicht gelesen? Wieso gerate ich immer an solche Leute? Ich blieb freundlich. "Nein, geht gar nicht mehr. Querschnitt halt." - Er guckte mich mit großen Augen an. "Querschnitt? So so. Querschnittssymptomatik meinen Sie. Hat das mal ein Neurologe festgestellt?"

"Die behandelnde Klinik hat das festgestellt, welcher Arzt und welche Fachrichtung der jetzt hatte, weiß ich nicht." - Der Typ nickte. "Wo haben Sie denn Ihre Hörhilfe? Oder nehmen Sie die nur beim Fahren rein?" - "Wie bitte?" - Der Typ sprach lauter: "Ihre Höööörhilfe!" - Ich runzelte die Stirn. "Ich hab keine Hörhilfe. Ich brauche auch keine." - Er fing an, in der Akte zu blättern. "Sie haben doch aber eine Auflage im Führerschein, dass Sie eine Hörhilfe links tragen müssen."

"Davon weiß ich ja noch gar nichts." - Der Typ seufzte. "So wird das nichts", sagte er. Ich kramte meinen Führerschein raus. "Da steht nichts von Hörhilfe. Welche Codenummer soll das sein? Das sind alles nur die Auflagen für meine Handbedienung. Servolenkung, Handbetätigung für Gas und Bremse, da ist nichts mit Hörhilfe." - Es klopfte an der Tür. Eine Frau in weißem Kittel kam rein. "Sind Sie Julia ...?" - Ich nickte.

"Dann kommen Sie mal mit. Herr Kollege, das ist meine Patientin. Ihre sitzt im Wartezimmer." Ich glaubte zu träumen. Kopfschüttelnd fuhr ich ohne ein weiteres Wort hinter der Frau hinterher. Ich kam an der korpulenten Frau im Wartezimmer vorbei. Sie trug links ein Hörgerät. Ich dachte nur leise: "Ich werd hier wahnsinnig."

Die Frau, schätzungsweise Ende 50, nahm mich mit in ihr Zimmer, gab mir die Hand, schloss hinter mir die Tür, musterte meinen Rolli und sagte: "Sportlich, sportlich. So, was ist denn von Ihrem Querschnitt noch übrig geblieben? Hat sich da was verändert?" - Ich schüttelte den Kopf. "Kaum. Man gewöhnt sich halt dran im Laufe der Zeit. Aber die körperlichen Funktionen und Ausfälle sind gleich geblieben." - "Ich möchte einmal ihren Blutdruck messen und Ihnen einmal Blut abnehmen. Haben Sie öfter Kreislaufprobleme?" - Ich schüttelte den Kopf. Nach 10 Minuten war alles vorbei.

Die Ärztin sagte: "Wenn jetzt im Blut nicht noch irgendwas komisches zu sehen ist, hat sich das für Sie erledigt. Ich habe keine Zweifel an Ihrer Fahreignung." - "Danke. Ich hätte noch eine Bitte: Könnte man eventuell diese Intervalle der Wiedervorstellung verlängern? Bei mir ändert sich doch nichts mehr." - "Das entscheidet immer die Behörde, ob sie Sie nochmal begutachten lässt. Bei frischen Querschnitten und sehr jungen Leuten macht man das meistens noch einmal, aber ich werde jetzt auch schreiben, dass das nicht erforderlich ist. Dann werden Sie zu 95% auch nicht mehr angeschrieben." - "Vielen Dank." Und tschüss.

Heute nun lese ich in der Zeitung einen weiteren Artikel zum wilden Westen Hamburgs. Gestern soll eine Frau, Anfang 30, mit einem Opel Corsa in Lurup mitten auf der Kreuzung eine Vollbremsung gemacht haben, um zu provozieren, dass eine andere Frau mit ihrem Golf hinten draufsemmelt. Es kam nicht zum Unfall, aber an der nächsten roten Ampel stieg die Golffahrerin aus und fragte die Corsafahrerin vor ihr, ob sie noch ganz bei Trost sei. Einzige Antwort der Corsafahrerin: Sie nahm die Golffahrerin auf die Haube und fuhr mit ihr einige hundert Meter durch die Gegend, bis andere Fahrzeuge sich dem Corsa in den Weg stellten. Die Corsafahrerin kippte die Golffahrerin bei Mc Donalds in die Einfahrt und versuchte, den vierspurigen Rugenbarg (mit bebautem Mittelstreifen!) diagonal zu überqueren. Dabei blieb sie in der Mittelbebauung hängen und wurde dann von anderen Fahrzeugen eingekesselt. Vorher hatte sie noch eine andere Frau im Rückwärtsgang angefahren.

Dieser Vorfall ereignete sich übrigens fast genau dort, wo mich vor zweieinhalb Jahren die Crash-Oma auf die Haube genommen hat, um mir zu zeigen, wer Vorfahrt hat. Gibt es da böse Ströme unter oder über der Kreuzung? Oder handelt es sich bei der aktuellen mutmaßlichen Täterin um eine Verwandte oder Bekannte der Crash-Oma?!

Kommentare :

Mike hat gesagt…

Menschenskinder Jule
Du ziehst es ja echt an.... Unfassbar, wird in der Praxis die Patientin verwechselt...

Ach ja: die Meldung direkt von der Polizei Hamburg
http://www.presseportal.de/polizeipresse/pm/6337/1755253/polizei_hamburg

Der "Aufgeladenen" Frau ist körperlich nichts ernstes passiert... Schwein gehabt!

LG
Mike

Christian hat gesagt…

Nur so ein Gedanke: Du hast doch einen Anwalt in der WG. Vielleicht kann der Kollege mal hin- und herüberlegen, ob die zweijährige Tauglichkeitsprüfung bei einer Behinderung wie der Deinen möglicherweise diskriminierend ist und daher gegen deutsches bzw. europäisches Recht verstößt? Das müßte sich doch verwaltungsgerichtlich überprüfen lassen...

Spandauer hat gesagt…

Auch ein Gedanke, ich finde die Überprüfung der Tauglichkeit okay.
Gerade wenn sich in den ersten Jahren etwas verschlechtert.

Evtl. sollte man das auch bei älteren Verkehrsteilnehmern vorschreiben, z.B. ob diese noch genug sehen und gewisse Reaktionen noch haben.

Beim Führen von LKWs ist dies übrigens zwingend ab einem gewissen Alter (ich glaube 55 Jahre) vorgeschrieben. Natürlich auch auf eigene Kosten.

Ich sehe das ganze vor dem Hintergrund, dass die Bloginhaberin von einer "Crash-Omi" böse verletzt wurde.

Anonym hat gesagt…

@Spandauer:
Wieso sollten Rollifahrer die nötiger haben als andere Leute? Es gibt ja Fälle, in denen eine Verschlechterung des Zustandes nicht zu erwarten ist.
Eine Untersuchung, die man nicht nötiger hat als andere, auferlegt zu bekommen und dann noch selbst zahlen zu müssen, ist einfach ziemlich unverschämt. Die wäre tausendfach notwendiger für Leute die einfach bloß alt sind. Und älter werden. Und deren Zustand sich mit hoher Wahrscheinlichkeit im Laufe der nächsten Jahre verschlechtert.

Spandauer hat gesagt…

@Anonym:
Es ging mir um die mögliche Verschlechterung, sofern diese nicht zu erwarten ist macht eine Untersuchung keinen Sinn.
Das entscheident offenbar die Führerscheinstelle, diese stützt sich auf das ärztliche Gutachten. Insofern kann ich hier keine Unverschämtheit erkennen.
Was wäre die Alternative dazu?


Das viele (nicht alle) ältere Verkehrsteilnehmner ebenfalls untersucht gehören hatte ich bereits geschrieben.

BigDigger hat gesagt…

Falls es Dich tröstet, Jule: Die Ecke da beim "Restaurant zur goldenen Möwe" mochte ich auch noch nie. Wenn der "Unfall" von damals unweit davon war, dann weiß ich wohl, welche Ecke Du meinst und wo Du zur Schule gegangen bist. Falls ich richtig liege, verstehe ich - trotz aller Schilderungen - umso weniger, wie sie Dich da überfahren konnte... wie sie da "denken" konnte, Du würdest wegspringen...

Anonym hat gesagt…

@Spandauer:
Dass das Urteil, dass es notwendig ist, wohl ganz schön (zu) häufig gefällt wird. Und dass man es selbst bezahlen muss. Das ist eine dreistellige Summe, das hat nichtjeder mal eben so locker sitzen. Und selbst wer's hat gäbe es gern für etwas anderes aus.
Eine "gewöhnliche" Untersuchung beim Arzt ohne irgendwelche Maßnahmen wird gerade mal mit einem höheren zweistelligen Betrag verrechnet.
Und mehr ist ein "oh, alles noch so wie sonst? schön. Einmal tief einatmen bitte "*Reflexe schnell überprüf* auch nicht wert.

Also ja. ich bleib dabei. Es ist unverschämt, jemqanden unnötigerweise dazu zu verpflichten, dreistellige Summen für eine total nutzlose Sache auszugeben.

Jule hat gesagt…

@Christian: Ich habe das mit Frank sehr intensiv diskutiert, schon vor meinem Blog-Eintrag. Es ist eine Einzelfallentscheidung anhand eines persönlichen Gutachtens. Der Gutachter hat im ersten Gutachten vor zwei Jahren die Nachuntersuchung nach 2 Jahren offenbar empfohlen, weil sich nach einem frischen Querschnitt noch viel ändern kann.

Das Ding ist nur: Wenn sich was ändert, dann meistens zum Besseren, durch Erlernen neuer Bewegungsabläufe, Kompensieren von Ausfällen etc. Schlechter als der Zustand, in dem die Klinik sagt, dass die Patienten stabil genug ist, um einen Führerschein zu machen, wird es wohl eher nicht. Aber ich glaube, so weit überlegen die Gutachter nicht, haben andere Erfahrungen gemacht oder wollen absolut sicher gehen.

Was natürlich auch toll ist: Die Gutachter empfehlen eine Nachbegutachtung und schreiben sich damit quasi selbst einen Auftrag ...

Frank sagte, dass wenn jetzt noch eine Nachbegutachtung empfohlen wird, würde er das Gutachten in diesem Punkt anfechten. Das lässt sich nämlich nicht begründen. Aber nach dem, was die Gutachterin gesagt hat, empfiehlt sie diese ja ab sofort nicht mehr.

Wenn jetzt die Behörde trotzdem noch eine Nachbegutachtung ansetzt, würde Frank den Bescheid anfechten und fragen, warum man vom Gutachten abweicht. Noch habe ich den Bescheid aber nicht.

@Alle: Ich bin auch der Meinung, dass man, wenn es konkrete Anhaltspunkte gibt, dass sich etwas verschlechtern könnte, weil eine Krankheit fortschreitend verläuft oder wegen Alters, dann sollte von Zeit zu Zeit überprüft werden, ob derjenige noch sicher ein Auto fahren kann.

Das nur an einer bestehenden Behinderung festzumachen, die sich nicht mehr verändert, halte ich für diskriminierend. Warten wir mal ab, wie entschieden wird. Ich werde berichten. :)

Sally hat gesagt…

Erinnert mich ein bisschen an den "Wir möchten überprüfen, ob Ihr Grad der Behinderung noch angemessen ist."-Schwachsinn, welchen das Versorgungsamt mindestens alle 2 Jahre einen Wisch schickte und ich zum Gesundheitsamt dackeln musste. Gut, an einer ICP kann sich gerade in jüngeren Jahren noch viel verändern, aber nichtsdestotrotz halte ich es größtenteils für eine Ärzte-Beschäftigungs-Maßnahme...

Olli hat gesagt…

Autsch zu dem ersten Arzt, aber wie schrieb ich wenige Artikel unter dem sinngemäß: es gibt offensichtlich Mediziner, die das Geschlecht für ein überbewertetes Merkmal zur Unterscheidung ihrer Patienten halten.