Freitag, 4. Februar 2011

Alles easy

Es gibt gute Neuigkeiten. Markus hat einen Job gefunden. In Hamburg. Wie er es geplant hatte. Nur der Beginn war einen Monat später als ursprünglich geplant. Ein Sportverein will ihn zum Aufbau eines neuen Sportbereichs in erster Linie für konzeptionelle Arbeiten (Trainingspläne, Traininskonzepte, Veranstaltungsplanung, Organisation des Sportbetriebs, Schreibkram) und setzt ihn 20 Stunden pro Woche ein, nimmt dabei Rücksicht darauf, dass er sein Sportstudium noch nicht ganz fertig hat - für später hat man ihm in Aussicht gestellt, seine Stelle auf 100% (40 Stunden) aufzustocken.

Man bietet ihm 15.000 brutto für diese halbe Stelle, wenn er seinen Uni-Abschluss hat, soll er 20.000 brutto bekommen (steht schon im Vertrag), später als Vollzeitmitarbeiter entsprechend 40.000 brutto. Dazu kommt ein Laptop, ein Handy, ein Büro, 2 Nächte Hotelkosten pro Woche und eine Jahreskarte für die Bahn. Keine Ahnung, ob das viel oder wenig ist. Ich finde es viel, ich bin aber auch kein Maßstab. Jedenfalls hat er unterschrieben und meinte, er habe einen netten Chef.

Und damit ist er nun auch pro Woche zwei bis drei Tage in Hamburg. Und ich war endlich beim Frauenarzt. Schluck. Meine Hausärztin hatte mir einen empfohlen, der sich mit Querschnitten auskennt, ich wollte eigentlich jemanden mitnehmen, uneigentlich dann doch alleine tapfer sein und unbedingt noch vor meiner Regel dorthin - und was soll ich sagen? Es war völlig entspannt. Die Panik, die einige Leute machen, war in meinem Fall unbegründet. Der Typ war Anfang 40, die Praxis eher nobel eingerichtet, die Angestellten nett - und ich kam sofort dran.

Wer die Einzelheiten nicht lesen will, überspringt mal die nächsten Absätze.

Ich war direkt vorher nochmal auf dem Klo, sollte gleich Urin abgeben, war ohne Pampers drin (zu Hause trage ich ja auch keine und die Wartezeit war ja absehbar, wenn das Wartezimmer bis auf eine Frau leer ist), ich musste auf den berühmten Stuhl (beziehungsweise er hat es mir freigestellt, meinte aber, er würde es empfehlen), er war sehr korrekt, hat sehr genau erzählt, was er macht, ich wurde gefragt, ob ich sehen möchte, was er sieht, ich habe genickt, er meinte, wenn mir schwindelig wird, soll ich Bescheid sagen, und dann konnte ich mich auf einem großen Fernseher an der Wand meine Mumu von innen sehen. Sah lustig aus. Er hat mir erklärt, was er wo sieht und meinte abschließend: "Alles kerngesund. Wie aus dem Lehrbuch."

Er sagte mir, dass aus medizinischer Sicht einer Schwangerschaft nichts im Wege stehen würde, so dass er mir die Pille nur noch bis zum 20. Geburtstag auf Kosten der Krankenkasse verschreiben dürfe. Aber bis dahin vergehen ja noch ein paar Tage. Er hat noch Blut abgenommen und einen Abstrich gemacht. Alles halb so wild. Ich bekomme jetzt Microgynon und bis jetzt vertrage ich sie problemlos.

Dann war ich noch bei meiner Hausärztin, da ich ohnehin Rezepte brauchte, und habe sie dann nun auch endlich mal gefragt, ob es vielleicht ratsam wäre, wenn ich für bestimmte Situationen (Sex!) meine Blase vorher ruhigstelle. Zum Beispiel, indem ich nach dem Kathetern (was sich vor Sex ohnehin empfiehlt) über den Katheter Oxybutynin in die Blase spritze, bevor ich den Katheter wieder aus der Harnröhre ziehe. Ich bekomme den Wirkstoff ja als Tablette, allerdings kann er als Tablette bei mir nicht höher dosiert werden, weil ich dann ständig Harndrang habe und nicht mehr merke, wann die Blase voll ist.

Sie riet mir davon ab und meinte, dass das nichts bringen würde außer einen verkrampften Umgang mit dem Thema. Wenn man (und das waren genau ihre Worte) nicht nur "einen beiläufigen Drei-Minuten-Quickie zum Hormonausgleich" praktiziere, sondern sich einige Stunden in völliger Extase durch das Bett wälze, bringe das Zeug sowieso nichts. "Sie haben doch sicher Ihre Matratze wasserdicht eingepackt. Legen Sie ein paar große Handtücher unter das Bett, die richtig was aufsaugen, am besten zwei, drei alte Saunatücher, und dann denken Sie einfach nicht so viel drüber nach. Wenn die Blase leer ist, kann auch nicht viel kommen. Drei bis elf Tropfen merkt man kaum. Und wenn es wirklich zu doll schwappt, drehen Sie sich auf die andere Seite des Bettes und legen eins der Handtücher in die Pfütze. Und dann geht es auf dem Handtuch weiter. Am Ende gehen Sie gemeinsam duschen und danach ziehen Sie das Bettlaken ab und schmeißen es zusammen mit den Handtüchern in die Waschmaschine. Und wenn Sie einen Wäschetrockner haben, kann es nach drei Stunden gleich nochmal losgehen."

Sie grinste. Ich schluckte. "Welcher Mann macht das mit?" - "Jule! Wenn er Sie liebt und mit Ihnen ins Bett will, macht das jeder Mann mit. Sie müssen ihm natürlich vorher sagen, was da passieren wird. 'Wird', nicht 'kann'. Dann kann er sich ja entscheiden." Okay. Alles easy. Ich habe verstanden. Und was, wenn er mich deswegen abblitzen lässt? "Dann ist er nicht der Richtige", sagte sie trocken.

Ich fragte meine Psychologin in der letzten Januar-Stunde. Sie empfahl fast dasselbe. Vorher auf Klo. Den Partner vorwarnen. Seine Reaktion auf die Warnung beobachten. Wenn er überfordert zu sein scheint, nichts machen. Und ansonsten: Einfach ignorieren, was man nicht sehen will. Ich sagte: "Ich für meinen Teil werde mich irgendwie damit abfinden können, nur ich kann einfach niemandem was total ekliges für etwas gutes oder nettes verkaufen." - Sie antwortete: "Glitschig ist es. Eklig eher nicht. Am Anfang haben viele sehr große Hemmungen. Hatte ich auch. Man sollte vorher keinen Spargel essen. Und keinen Kaffee trinken. Sonst riecht es nach Kellogg's Smacks."

Ich seufzte. Sie sagte: "Mach es einfach. Die Gefühle, die mit dem Sex verbunden sind, sind so heftig, dass dir das andere völlig egal wird. Und ihm auch."

In dieser Woche hat er zwei Nächte bei mir verbracht. Im selben Bett. Beide angezogen. Wir haben gekuschelt, auch ein bißchen gefummelt, unsere Oberteile ausgezogen, er fand meine Ti**en schön, ich habe auf seinem Po gesessen und ihm den Rücken massiert, bestimmt eine Stunde lang, es hat keine Sauerei gegeben, ich habe nicht laut gepupst, es war wunderschön. Was will man mehr?

Ich will mehr. Und ich habe das "Aufklärungsgespräch" immernoch vor mir. Ich bin echt so eine feige Socke. Dabei ist es doch alles easy.

Kommentare :

Anonym hat gesagt…

es *ist* easy

Aber beim ersten Mal kann es verkrampft sein (geistig, nicht körperlich)

Wie heisst es so schön: let your mind drop and your body will follow

Das wird schon, viel Spass dabei ;-)

Anonym hat gesagt…

Viel Spass. Und nicht soviel nachdenken. Das wird schon.

ruolbu hat gesagt…

Haha am Besten finde ich den Kontrast zwischen dem, wie du uns haarklein deine Gedanken zu intimen Themen offenlegst aber dann das wort Tit..., ach ein "Ti**en" verpixelst :p
Naja vermutlich nur sone Sache mit Wortfilter und öffentlicher Blog und Jugendschutz und was weiß ich was ^^ ... nichts für ungut.

Ich freu mich zumindest tierisch für dich. Hab da große Vorfreude auf den Blogeintrag der mit sooooooooooooooo einem Grinsen losgeht --> :D

Noch ein Wort zum Thema "Welcher Mann macht das mit?"
Glaub' deinen beiden Vertrauenspersonen da einfach (Ärztin und Psychologin, falls das jetz nicht rüberkam >_<').
Kommt bei mir vielleicht nicht ganz aus dem richtigen Mund, aber das klingt schon richtig so.

toi toi toi

Anonym hat gesagt…

Also ich find es widerlich. Alleine der Gedanke daran lässt mich würgen.

Anonym hat gesagt…

Hallo, widerlicher Anonym.

Was findest Du denn zum würgen.? Das Jule das hier in der Öffentlichkeit so genau beschreibt.? O.K. da kann man anderer Meinung sein, aber wie beim TV Programm, den kann man abschalten, hier muss man nicht lesen. Oder findest Du es widerlich, was beim Sex in diesem speziellen Fall passiert / passieren kann.? Dann lass Dir sagen, dass Deine Einstellung dazu widerlich ist. Denn ohne dass ich Jule kenne, ich bin sicher,sie hätte es gerne anderst. Dass sie trotzdem so damit umgeht, dafür verdient sie Respekt. Aber das wirst Du nie verstehen.
Basler

Überigens, Pinkelspiele sind auch nicht ohne.....

Sally hat gesagt…

Jule, meine Meinung dazu kennst Du ja schon. Versuch, Dir da nicht so einen Kopf drum zu machen und genieße. :)

Viel Spaß ;)

Chrissy hat gesagt…

Hallo Jule, ich habe durch Zufall deinen Blog gefunden und lese mich gerade ein - ich mag deinen Schreibstil jetzt schon sehr und ziehe den Hut davor, was Du bereits alles bewältigt hast in Deinem jungen Leben! Darf ich Dich fragen, wie und wo Du trainierst? Ich suche seit Jahren einen Verein der mich nimmt trotz dass ich die vorgeschriebenen Zeiten der "Nicht-Behinderten" nicht erreiche. In HH hatte ich da bislang noch kein Glück und von Triathlon durfte ich leider bislang nur träumen... Vielleicht magst Du mir eine Email schreiben, ich würde mich sehr freuen! Alles Gute weiterhin!!

PS: Deine Therapeutin hat vollkommen Recht: der richtige Mann stört sich nicht an körperlichen Einschränkungen, weil er Dich als Menschen liebt und nicht nur Sex mit Dir will und er ist auch bereit alle Komplikationen diesbezüglich hinzunehmen, weil er Dich von ganzem Herzen liebt!!

Anonym hat gesagt…

Liebe Jule, ich liebe deine Blogeinträge und ertappe mich sogar oft mehrmals täglich dabei zu schauen, ob du was neues geschrieben hast... ich wünsche dir viel viel Freude mit dem jungen Mann an deiner Seite und bin dennoch etwas traurig darüber... gut ich möchte nicht vorschnell urteilen, keinesfalls, aber erster Freund, erste große Liebe... da werden leider oft nicht nur Freundschaften leicht vernachlässigt, ich denke, dein Blog könnte da auch drunter leiden... ;) aber : es gibt wohl wichtigeres als Blogeinträge, also freu dich der Dinge die da kommen werden und sorge dich nicht allzu sehr um uns, ich denke deine treue Leserschaft wird deine vielleicht bald zunehmende Abwesenheit irgendwie aushalten können ;)

*Biene*

Imet hat gesagt…

Es mag befremdlich sein, mit jemandem ins Bett zu gehen, der querschnittsgelähmt ist. Der seine Blase vorher auf Klo entleeren muss, weil er den Urin sonst nicht halten kann. Ich wüsste nicht, ob ich das tun würde, weil ich mir darüber noch nie einen Kopf gemacht habe. Für mich hat sich die Frage einfach noch nie gestellt.

Aber wenn ich mir die Frage stellen würde, dann wollte ich in einer Beziehung auch Sex und dann würde ich das tun. Es wäre vielleicht etwas völlig anderes, und vielleicht doch gerade nicht. Ich hätte in meinem Kopf etwas zu überwinden, was mir sagen möchte: Das gehört sich nicht. Das ist aber mein Kopf und nachdem ich dieses Tagebuch schon über Jahre verfolge, weiß ich, dass es die Gedanken im Kopf sind, die befremdlich sind.

Anonym hat gesagt…

Liebe Jule,

ich glaube, es gibt Millionen Männer, die würden wer-weiß-was geben, um beim Sex angepinkelt zu werden. In einigen (nicht in allen) schlummert ein solcher Wunsch.

Ich glaube auch, es gibt Millionen Frauen, die eigentlich gar kein Problem mit diesem Wunsch hätten, solange er nicht mit Erniedrigung und Demütigung zu tun hätte, sondern mit einem sexuellen Spiel.

Ich glaube aber auch, dass wir in einer Gesellschaft leben, die Halt sucht. In einer Welt, in der "man" viel "falsch" machen kann. In der "man" besser nicht auffällt. Da kann "man" sich von Grundwerten, die einem schon als Dreijähriger vermittelt worden sind, sehr gut leiten lassen. Da kann "man" klar Stellung beziehen: Urin ist bäh. Mit dieser Einstellung macht man erstmal nichts verkehrt.

Im Zweifel ist diese Einstellung wohl auch erstmal richtig. Aber es ist eben auch nicht mehr als eine Einstellung. Eine Norm, eine Verhaltensweise unserer Gesellschaft. Die allenfalls den Sinn hat, Seuchen vorzubeugen, die entstehen, wenn sich eine Gesellschaft nicht an hygienische Mindeststandards hält. Aber du pinkelst ihm nicht ins Trinkwasser und ihr duscht hinterher.

Wenn man in der Gesellschaft etwas falsch macht, muss man nachdenken. Sein Handeln alleine verantworten. Über den Tellerrand schauen. Auswirkung und Folgen von allen Seiten beleuchten und sich kritisieren lassen. Das ist vielleicht nicht immer der einfachste Weg, aber gewiss ein edler.

Ich wünsche dir alles Gute!

*Repi*

Triltschi hat gesagt…

@ruolbu: Jule muss aufpassen, dass ihr Blog kein pornografischer Ort wird. Wenn sie sachlich über sexuelle Schwierigkeiten und Probleme schreibt, handelt es sich nicht um Pornografie. Wohl aber, wenn sie derbe Ausdrücke für Geschlechtsmerkmale benützt.

Halbwegs korrekt ist dann wieder, das Wort nur anzudeuten. Wer es nicht kennt, versteht es nicht. Ich denke, dass das alles seinen Sinn hat, zumal sie ja nicht nur einmal erwähnte, dass sich ein Jurist jeden Eintrag vor der Veröffentlichung durchliest. Vielleicht basieren die Sternchen sogar auf seinen Tipp. Vielleicht gibt es aber auch einfach nur einen Wortfilter.

Imke hat gesagt…

Ich glaube, die einzige Schwierigkeit liegt nun darin, zu realisieren, ob dein Zukünftiger dich, deine Behinderung, dein Pipi oder günstigstenfalls alles drei zugleich mag.

Will sagen: Ich hoffe für dich, dass du an niemanden gerätst, der dich nur nimmt, weil er auf Spielchen mit Behinderten oder mit Urin steht - und dir, um daran zu gelangen, nur Liebe vorspielt.

Anonym hat gesagt…

@Imke: So schwarz würde ich es nicht gleich sehen. Klar, solche Leute gibt es, ich glaube auch, dass Jule darüber Bescheid weiß, aber ich würde doch darauf vertrauen, dass die von dir beschriebene Spezies eher in der Unterzahl ist.

*Santa*

Anonym hat gesagt…

Also wenn es der Richtige ist, dann stört er sich an solchen Nebensächlichkeiten nicht, vielleicht bewundert er eher die Art wie Du mit diesem "Problem" umgehst, und liebt Dich um so mehr.

Anonym hat gesagt…

Ich dachte, du warst schon beim Frauenarzt? Las sich so, als wäre es das erste Mal gewesen. Darüber hattest du schon mal geschrieben und damals hatte er dir von der Pille abgeraten, wegen der Risiken. Wie auch immer, hoffe, dass alles gut bei dir läuft!

Jule hat gesagt…

@Anonym: Ich war vor etwa einem Jahr zum ersten Mal beim Frauenarzt, damals noch in Begleitung. Damals haben wir uns darauf geeinigt, dass für mich Kondome das Verhütungsmittel der ersten Wahl ist.

Inzwischen möchte ich auf jeden Fall die Pille. Aus persönlichen Gründen. Viele Freundinnen im Rolli nehmen sie auch, ohne dass es Probleme gibt. Man muss halt nur eine wählen, die ein möglichst geringes Thrombose-Risiko hat und dann sollte das auch nicht wesentlich anders sein als bei Fußgängern.

Derselbe Frauenarzt hat mir nun die Pille verschrieben. Weil ich gezielt danach gefragt habe. Vielleicht hätte ich das nochmal erwähnen sollen? Und ja, Frauenarzt ist jedes Mal wieder eine Herausforderung. Auch wenn es jedes Mal wieder relativ entspannt ist.