Montag, 14. Februar 2011

Positionspapier gegen Diskriminierung

Ich werde ab morgen wieder zur Schule gehen. Ich bin heute morgen noch vor der 1. Stunde von der Schulleiterin angerufen worden. Sie habe am letzten Freitag im Rahmen einer Lehrerkonferenz erfahren, dass es in meinem Jahrgang offenbar in erschreckendem Umfang, so drückte sie sich aus, diskriminierenden Unterrichtsinhalt (!) gegeben hätte, und zwar in Form einer unerträglichen (!) Diskussion über die Leistungsfähigkeit von Menschen mit Behinderungen. Das sei nicht in ihrem Sinne gewesen und sie entschuldige sich in aller Form bei mir.

Die Konferenz war ursprünglich für Freitag von 16.00 bis 18.00 Uhr angesetzt gewesen, sie sei gegen 17.00 Uhr dazu gekommen und wollte ursprünglich spätestens um 18.00 Uhr wieder weg, da sie noch ein Treffen mit Freunden (Frauenabend) hatte. Irgendwann hätte man ja auch mal Wochenende. Sie habe das Treffen abgesagt, die Konferenz habe bis 21.30 Uhr angedauert. Sie sagte, ihr sei wichtig, dass ich wisse, dass der Schule diese Sache alles andere als egal sei. Damit meine sie nicht nur sich selbst, sondern auch meine Lehrer.

Ich erwiderte, dass mir schon klar sei, dass die in dem Referat und in der späteren Diskussion geäußerten Ansichten nicht die offizielle Meinung der Schule, der Lehrer und der meisten Mitschüler seien. Dennoch habe man es bisher nicht geschafft, weder in der Stunde noch danach, diese diskriminierenden Ansichten zu entkräften und sich zu distanzieren. Das hätte ich erwartet. Man hat zuerst diskutiert, später dann die Querschläger einfach reden und vortragen lassen und diese Meinungen ohne jeglichen Kommentar im Raum stehen lassen. Mich mit meiner Ansicht als Betroffene alleine gelassen. "Ich möchte zu Ihnen in die Schule kommen, um etwas zu lernen, um mir etwas Gutes zu tun für mein späteres Leben. Das, was Sie mir im Moment bieten, tut mir aber nicht gut. Im Gegenteil."

Sie könne das "voll und ganz" verstehen. Und es sei ihre Aufgabe, das in den Griff zu bekommen. Sie distanziere sich eindeutig von diskriminierenden Äußerungen gegenüber behinderten Schülerinnen und Schülern. Sie begrüße unterschiedliche Meinungen und unterschiedliche Ansichten, aber sie dulde keine Diskriminierung an ihrer Schule. Man habe sehr intensiv beratschlagt am Freitag und unter anderem einen Referenten aus dem Behindertensport kurzfristig eingeladen gehabt. Wer das wohl war? Vielleicht kenne ich den sogar? Jedenfalls sei der "Gold wert" gewesen. Man sei abschließend überein gekommen, dass die Schule bis zu den Sommerferien ein Positionspapier veröffentlicht, in dem sie sich eindeutig zu ihren Schülern mit Behinderung bekennt und eine gemeinsame Richtung vorgibt. Dadurch könne man zwar nicht verhindern, dass einzelne Schüler weltfremde Ansichten haben, aber man könne all denen, die noch keine eigene Meinung haben, vermitteln, "wie wir hier ticken, bevor die von Ihnen als Querschläger bezeichneten Mitschüler dazu Gelegenheit bekommen" - als ersten Schritt.

Für mich ist dieses Signal eindeutig. Ich möchte der Schulleiterin vertrauen, dass sie dieses Problem in den Griff bekommt. Die Sache mit dem Positionspapier, einer klaren Stellungnahme gegen Diskriminierung, finde ich gut. Ihr muss klar sein, dass sie an ihrem Versprechen, das bis zum Sommer fertig zu haben, von mir gemessen wird.

Kommentare :

Vivien hat gesagt…

Ich dachte von vornherein, dass diese Maßnahme, die Leute ein Referat über das Thema halten zu lassen, sie noch zu motivieren FÜR den eigenen Standpunkt zu argumentieren, nach hinten los gehen könnte.
Dass dein Lehrer diese Aktion quasi gestartet und danach einfach laufen lassen und resigniert hat, ist der Hammer. Wie hat er sich das vorgestellt? Dass das Referat nicht zustande kommen würde und die Mädchen sich selbst bekehren und schließlich für ihre Haltung schämen?

Das Resultat ist doch einfach, dass diese Mädchen sich offenbar auch noch bekräftigt in ihrer Rolle fühlen.
Toller Plan, einfach unfassbar.

Aber ein Glück tuts der Direktorin leid. Hat sie am Telefon eigentlich auch noch etwas mit Inhalt gesagt, oder nur ihr Mitleid bekundigt?

Und was soll so ein Schreiben? Wird sich dadurch jemand angesprochen fühlen? Oh man, das alles klingt einfach nur hilflos.

Meinungsfreiheit hin oder her. Es kann doch nicht sein, dass eine Integrationsschule voll von moralisch total verzogenen Gören ist.

Vio hat gesagt…

Grundsätzlich: Sehe ich ganz genauso. Der Lehrer hat das verbockt. Wenn ich so eine Aktion starte, muss ich sie auch im Griff haben.

Allerdings wirkt mir ein Positionspapier wie eine Schaufensteraktion in der Politik. Sinnvoller wäre es doch in Sowi (Gesellschaftskunde oder etwas in der Art) dieses Thema didaktisch aufzuarbeiten.

Banane hat gesagt…

Hi Jule,

für mich ist das keineswegs ein positives Signal, sondern ein Armutszeugnis deiner Schulleiterin.
Sich für eine Sache zu entschuldigen, an dem man direkt überhaupt nicht beteiligt war und irgendein "Positionspapier" zu schreiben, das den Schülern mit Sicherheit meilenweit am Arsch vorbei gehen wird, ist nun wirklich keine Leistung, sondern der verzweifelte Versuch, das Opfer (also dich) ruhig zu stellen, ohne das Problem irgendwie ernsthaft anzugehen.

Oder glaubst du wirklich, dass viele Schüler und vor allem diejenigen mit den "weltfremden Ansichten" das Positionspapier überhaupt durchlesen? - Und selbst wenn sie es tun, wird es niemanden von seinen "weltfremden Ansichten" abbringen und auch keinem Unentschlossenen zu einer "weltnahen Ansicht" verhelfen.

Wenn sich hier jemand bei dir entschuldigen muss, dann ist das einerseits der Lehrer, bei dem die Referats-Geschichte dermaßen aus dem Ruder gelaufen ist und andererseits sind das vor allem deine idiotischen Mitschüler.
Deine Schulleiterin sollte sich dagegen nicht bei dir entschuldigen, sondern dafür sorgen, dass sich die richtigen Leute bei dir entschuldigen und weitere sinnvolle Maßnahmen durchführen, damit sich eine solche Sache möglichst nicht wiederholt.

Auch das ganze "wir haben sooo lange diskutiert und ich habe dafür meine Freizeit geopfert" - Gelaber ist doch einfach nur eine lächerliche Sache, die dich ruhig stellen soll und dir vorgaukeln soll, dass hier etwas unternommen wird, obwohl nur ein wenig diskutiert wurde, ohne zu einem sinnvollen Ergebnis zu kommen.

Gruß,
Banane

Wülfi hat gesagt…

Die ganzen Besserwisser hier: Dann macht doch mal einen ganz konkreten Vorschlag. Wie soll man denn solchen verkorksten Leuten begegnen? Mit dem Rohrstock? Mit einem Schulverweis? Oder mit Nachsitzen? Es ist immer leicht gelabert, aber wirkliche Ideen hat auch niemand.

Na klar reicht so ein Zettel, den kein Schüler liest, nicht. Dennoch kann man als ersten Schritt erwarten, dass die Schule sich klar bekennt. Ich finde es korrekt, dass die Schulleitung Verantwortung für die Fehltritte ihrer Mitarbeiter übernimmt. Übrigens ein Fehltritt, für den ich in der freien Wirtschaft mit Sicherheit abgemahnt worden wäre.

Insgesamt finde ich es erschreckend, dass es heute noch Leute gibt, die so diskriminierende Gedanken äußern, noch dazu in dem Alter.

Banane hat gesagt…

@Wülfi
Wie wäre es erst mal mit einer wirklichen Diskussion über das Thema anstatt den "weltfremden" Leuten nur eine Plattform zu geben, auf der sie ihre "weltfremden" Ansichten präsentieren können?
Danach kann man den Schülern dann auch deutlich klar machen, dass jegliches auf dieser "weltfremden" Ansicht beruhendes Verhalten, das den behinderten Mitschülern irgendwelchen Schaden zufügt, an dieser Schule nicht geduldet wird und entsprechend bestraft wird. In Wiederholungsfall durchaus bis hin zum Schulverweis. - Und diese Sache muss man dann natürlich auch konsequent durchziehen.

Mehr ist in einer einzelnen Schule leider nicht möglich, weil die Ursachen des Problems eigentlich an einer ganz anderen Stelle liegen - tief in unserer Gesellschaft:
Behinderte Menschen sind einfach immer noch viel zu stark vom normalen Alltagsleben und der ganz normalen (eigentlich selbstverständlichen) Teilnahme am Gesellschaftsleben abgekoppelt.
Das fängt schon mit speziellen Kindergärten für behinderte Kinder an, obwohl man doch auch Behinderten-Gruppen in normalen Kindergärten einrichten könnte und viele behinderte Kinder in eine ganz normale Kindergarten-Gruppe gehen könnten.
Weiter geht es damit, dass immer noch viel zu viele körperbehinderte Schüler auf eine Sonderschule sind - selbst dann, wenn sie mit wenig Hilfe problemlos auf eine Regelschule gehen könnten. Diese Sonderschulen sind dann auch noch dermaßen von den Regelschulen abgekoppelt, dass es keinerlei Kontakt zwischen Sonder- und Regelschülern gibt, obwohl so etwas bei allen möglichen Gelegenheiten selbst mit geistig behinderten Kindern problemlos möglich wäre.
Weiter geht es dann mit der Arbeit in weitgehend abgeschotteten Behindertenwerkstätten, obwohl zumindest ein guter Teil der Arbeiten, die in solchen Werkstätten erledigt werden, ebenso gut und mit den gleichen Leuten direkt in den Unternehmen erfolgen könnten, die die Behindertenwerkstatt beauftragen.
Würden behinderte Menschen mehr zum Alltag dazu gehören, würden sich viele Vorbehalte und Vorurteile in Luft auflösen und die wenigen intoleranten, unverbesserlichen Idioten fielen längst nicht mehr so stark auf und bekämen deutlich mehr Gegenwind.

Gruß,
Banane

Jule hat gesagt…

Dass diese Diskussionsstunde ein absoluter Griff ins Klo war, wurde ja auch mehr als deutlich. Der Lehrer hat hier wirklich versagt, und nein, er hat sich bisher nicht entschuldigt. Ich sehe es genauso wie ihr, so ein komisches Papier kann keineswegs die volle Miete sein, sie ist nicht mal die halbe. Aber: Man hat die Schüler ihren Müll zusammenreimen lassen, da finde ich es nicht verkehrt, wenn sich auch die Lehrer und die Schulleitung mal zu dem Thema intensive Gedanken machen.

Wie auch Wülfi in seinem leicht aggressiven Tonfall schon andeutet, fällt es immer leichter, Schüler zu kritisieren (so nicht!) als sich selbst mal einen Kopf zu machen und eine Lösung zu präsentieren. Wenn da natürlich nur eine Zeile drin steht, ist das ein Witz. Ich stelle mir aber vor, dass damit konkrete Maßnahmen benannt und begonnen werden. Wie zum Beispiel die Behandlung des Themas "Menschen mit Behinderungen" im Gesellschaftsunterricht.

Gerade bei einem so brisanten Thema brauchen offenbar viele Menschen, auch Lehrer, etwas, woran sie sich festhalten können. Ich glaube, es wäre unserem Lehrer leichter gefallen, wenn er sich auf das Thema vorbereitet hätte. Ein erster Schritt dazu hätte sein können, das Positionspapier der Schule zu lesen - wenn es denn eins gäbe.

Anonym hat gesagt…

Naja.

Nehmen wir mal an, der Lehrer kennt seine Chefin. Und der Lehrer hat die ganze Aktion schon mal, schon zwei Mal, schon drei Mal in der Vergangenheit erlebt: alle flattern aufgeregt, es muß was geändert werden, Positionspapiere, viele Luft wird heiss aufgewirbelt.

Und nach dem Weggang der Schüler legt sich alles wieder, schläft ein, aus den Augen aus dem Sinn.

Bis es wieder knallt.

Die Geschichte muß nicht mit Ausgrenzung von Behinderten passiert sein, wir hätten ja auch noch Rechtsradikalität, Fremdenhasse und allerlei andere Themen, zu denen man sich (sinnvollerweise!) positionieren sollte.

Findet dort etwas statt? Ich tippe mal: nein, auch nicht.

Also. Warum soll er sich aufregen? Irgendwann hat man einfach genug davon, immer wieder...

Olli hat gesagt…

DIe Stunder mag der Lehrer verbockt, nicht im Griff, nicht im voraus gut genug durchdacht haben - aber seine Idee, aus der konkreten Diskriminierung heraus das eh schon im Raume stehende Thema zu einem expliziten Thema zu machen, ist wohl weiterhin eine gute.
Das Positionspapier kann nur die Saat sein, aus der mit der Düngung des eigenen verstandes die anderen Lehrkräfte und Schüler die Pflanzen gedeihen lassen, die das unerwünschte Beikraut der Diskriminierung diskriminativ verdrängen.