Freitag, 11. Februar 2011

Wasser bis zum Hals

Die Diskussion um meine Sportnote zieht mal wieder weitere Kreise als mir im ersten Moment lieb ist. Weil ich nicht im Fokus stehen möchte. Im zweiten Moment möchte ich aber, dass sich etwas ändert. Ich überlege ernsthaft, ob mir dieser Schulbesuch gut tut und ob ich ihn fortführen möchte. Ein Jahr vor dem Abi. Wenige Monate vor der Fachhochschulreife. Ich überlege ernsthaft, ob ich das schmeiße. Das habe ich meinem Vertrauenslehrer so gesagt und mich für den Rest der Woche krank gemeldet. Es gibt Dinge, die muss ich mir nicht antun.

Und jetzt soll mir nur noch jemand sagen: "Du tust dir damit keinen Gefallen. Du verbaust dir deine Zukunft. Gib den anderen Idioten in deiner Klasse nicht indirekt Recht, wenn sie dich für behindert halten." Dann flippe ich aus. Ich bin wirklich geladen. Ich bin eigentlich kein nachtragender Mensch. Die meisten miesen Dinge kann ich über Nacht vergessen. Aber das hier ging zu weit, zu tief. Na klar, ich kann mein Ding durchziehen und die paar Idioten links liegen lassen und nicht beachten, aber geht es mir dabei gut? Ich bin harmoniesüchtig. Ich komme in einem Raum voller Streit nicht zurecht. Wie soll ich mit mehreren Idioten auf Kursfahrt fahren?

Das ist doch gleich das nächste Ding, das beispielhaft für die ganze momentane Situation steht: Die Mehrheit der Leute will ins Ausland. Am liebsten dorthin, wo es schon im Frühling warm ist. Ans Meer. Und dann kamen so Sprüche wie: "Aber wir müssen ja Rücksicht nehmen auf unsere Behinderten und landen am Ende irgendwo an der Ostsee. Und weil sie nicht mit an den Strand können, sitzen sie den ganzen Tag in der Jugendherberge. Das (rumsitzen) könnten sie auch in Spanien. Aber da hätte der Rest von uns wenigstens Sonne." Es kann sich einfach niemand vorstellen, dass ich auch gerne am Strand bin. Dass wir jedes Jahr viele Tage am Strand verbringen.

Ich vermisse die positive Grundeinstellung. Etwas konstruktives. Es wird nicht gefragt: "Wie bekommen wir das hin?" Sondern: "Welche Einschränkungen gibt es?" - Würde ich meinen Alltag so gestalten, würde ich mich wohl schon umgebracht haben.

Für Freitagnachmittag wurde eine Lehrerkonferenz einberufen. Das hat mir eine Mitschülerin am Telefon erzählt. Sie sagt, es brenne der Baum. Man habe sie mehrmals gefragt, ob sie Kontakt zu mir hätte, wie es mir ginge und ob ich Suizidgedanken hätte. Ob man mir die Schulpsychologin vorbeischicken müsse. Man, sind die hilflos. Ich bring mich doch nicht um. Wegen der Schule?!

Ich bin nicht schadenfroh, aber ich finde es richtig, dass da einigen im Moment das Wasser scheinbar bis zum Hals steht. Dass das mal wieder weitere Kreise zieht als mir lieb ist. Es muss sein.

Kommentare :

Sally hat gesagt…

Pass auf Dich auf. Auch, wenn Du auf allen 4 Rädern für Dein Alter schon sehr fest im Leben stehst.

Wie Du ja weißt, habe ich schon so einige Erfahrungen mit Mobbing machen "dürfen". Zögere die Entscheidung, ob es gut für Dich ist, diese Schule noch weiter zu besuchen, möglichst nicht länger hinaus. Um "ans Abi zu kommen", gibt es auch für "unsereins" Möglichkeiten, bei denen wir uns mit diesen Problemen nicht - oder zumindest nicht in dieser Form - auseinandersetzen müssen.

Das Wichtigste ist: Nimm Deine Gefühle, Gedanken und Bedürfnisse ernst. Auch, wenn das unter Umständen bedeutet, sich aufwändig (?) eine neue Schule suchen zu müssen.

Du schaffst das!

Banane hat gesagt…

Erst mal wollte ich dir genau das schreiben, was du eigentlich nicht hören willst: "Lass dich von diesen Idioten nicht so beeinflussen, sondern ziehe dein Ding durch und ignoriere sie!"
Denn auch außerhalb der Schule wirst du solchen Idioten nicht immer aus dem Weg gehen können, wenn du am normalen gesellschaftlichen Leben teilhaben willst. (Und dieses Recht muss dir niemand gewähren, weil du es einfach so besitzt!) - Und irgendwie musst du einen Weg finden, wie du mit solchen Idioten zurecht kommst ohne dass sie dein Leben zu stark negativ beeinflussen.

Aber andererseits finde ich die Frage, warum du dir den Stress mit solchen Idioten wirklich antun solltest, auch mehr als nur gerechtfertigt.
Ich habe auch im schulischen Umfeld schon ganz andere Dinge erlebt:
1. In der Klassenstufe unter mir war ein Rollstuhlfahrer, der in seiner Klasse voll integriert und äußerst beliebt war. Bei einem Probe-Feueralarm, als er ungefähr in der 7. Klasse war, haben sich seine Klassenkameraden fast schon darum geprügelt, wer ihn im Rollstuhl die Treppe runtertragen darf, weil man den Aufzug im Brandfall ja nicht verwenden darf.

2. Eine gute Freundin von mir hatte einen Mitschüler, der meistens auch im Rollstuhl saß (er war, wenn ich es recht weiß, spastisch gelähmt und konnte mit Mühe einige Schritte gehen. Dazu hat er auch sehr schwer verständlich gesprochen... dafür war er aber sehr intelligent und war in vielen Fächern Klassenbester). Auch er war voll in die Klassengemeinschaft integriert und durfte auf keiner Party fehlen und bei einer solchen Party war ich auch dabei...
Dort, wo er Hilfe brauchte (z.B. um die Treppe in den Party-Raum herunterzukommen), wurde ihm selbstverständlich geholfen und niemand empfand das als störend.
Und so viel ich weiß, war auch niemand darauf neidisch, dass er bei Klassenarbeiten mehr Zeit bekam als die Anderen, weil er nur sehr langsam schreiben konnte. Seine Mitschüler haben ihm trotzdem seine guten Noten gegönnt.

Wenn ich also dran denke, wie andere Klassengemeinschaften mit körperlich behinderten Mitschülern umgehen, könnte ein Schulwechsel vielleicht wirklich eine sinnvolle Sache für dich sein.

Ich kann dir die Entscheidung nicht abnehmen... aber ich hoffe, dass du irgendeinen Weg findest, der keine negativen Auswirkungen auf deine Zukunft hat. - Also dass du die Schule nicht komplett aufgibst.

Gruß,
Banane

BigDigger hat gesagt…

Auch wenn Du es nicht hören bzw. lesen willst: Beiß Dich durch! Du magst vielleicht hoffen, dass ein Schulwechsel Besserung bringt - aber wenn Du ehrlich bist, weißt Du, dass Dir das in einer neuen Schule genau so passieren kann. Und dann? (Abgesehen davon haben die anderen dann gewonnen...)

Das einzige, was denen an Dir nicht passt, ist der Umstand, dass Du Dich eben nicht in Dein Schicksal ergibst und vor Dich hin vegetieren willst, bis Du vor Elend verreckst. Du setzt die unter Druck, unter Leistungsdruck. Weil Du anders bist, weil Du körperlich gehandicapt bist - und trotzdem besser. Das - und Dein Grad an Lebensqualität, wenn ich das mal so ausdrücken darf - schürt deren puren Neid. Wie ging das Sprichwort noch? "Mitleid kriegt man geschenkt, Neid muss man sich erarbeiten." Genau das ist es. Und das ist die Einstellung, mit denen Du solchen Pfeifen mit Horizont bis zum Tellerrand begegnen solltest.

Es wird nicht aufhören. Du kannst denen nur beständig zeigen, dass Du besser bist als sie. Und wie viel besser. Wenn wieder einer meint, Du würdest was geschenkt kriegen, dann sag demjenigen wahlweise das obige Sprichwort oder das folgende: "Man kann einen anderen erst verstehen, wenn man eine Meile in seinen Schuhen gelaufen ist - oder in meinem Fall eher auf meinen Rädern gerollt. Also lauf vor 'nen Bus, und wenn Du aus dem Krankenhaus wieder raus bist, reden wir weiter..."
Wer darauf noch was zu erwidern versucht, kann nur verlieren.

Anonym hat gesagt…

Hi Jule,

"Du tust dir damit keinen Gefallen. Du verbaust dir deine Zukunft. Gib den anderen Idioten in deiner Klasse nicht indirekt Recht, wenn sie dich für behindert halten."

Nicht ausflippen, denn damit triffst du den Nagel auf den Kopf. Entweder du machst dein Abitur da oder woanders, es ist nur deine Entscheidung.

lg

M.

Mike hat gesagt…

Hi
Ich glaube (sic!) dass der Grund für die ganze Panik darin liegt,m dass es sich nicht nur um ein Mobbingproblem gegen dich persönlich handelt, sondern dass in dieser Klasse bzw in der Schule unter den Fußgängerschülern ganz erhebliche Vorurteile und Ablehnung gegen die ganzen Rollifahrer und sonstigen Behinderten existiert. Das Problem ist somit generell und stellt das ganze Erziehungs- und Lernkonzept in Frage. Das Problem ist anscheinend durch dich nur Zutage gefördert worden, da du
- dir wegen deiner finanziellen
Unabhängigkeit z.B. einen Benz leisten kannst (dass der für dich billiger war als vergleichbare "Volumenanbieter", ist ihnen wohl unbekannt)
- recht ordentliche Noten schreibst
- im Schwimmen allen anderen davonschwimmst, ohne Beinschlag...
- und schätzungsweise auch mal dein Maul aufmachst.

Damit wirst Du zum Ziel dieser Deppen!

Die ganzen Kleinigkeiten, Gehässigkeiten und Vorfälle sind nur das Symptom einer allgemeinen Ablehnung der Behinderten/Rollis durch einen Teil der Schülerschaft, wobei dieser Teil hier sozusagen die Lufthoheit und Meinungsführerschaft besitzt.

Denjenigen, die nicht dieser Meinung sind, ist es wahrscheinlich zu mühsam, immer gegen Idioten anzuarbeiten, da das eh sinnlos ist und sich denken... "mein Gott, in zwei Jahren ist eh alles vorbei, dann muss ich die ganzen Idioten NIE WIEDER SEHEN!"

ach ja: Ich würde dir raten, dein Abitur irgendwie zu machen, mir hat nach meiner ziemlich schrecklichen Schulzeit (Mobbing lässt Grüßen) das Studium richtig viel Spass gemacht... geht ganz anders zu an der Uni!

LG
Mike