Dienstag, 22. März 2011

Hackfleisch und Ohrfeigen

Wenn alleine meine Anwesenheit reicht, für Unfrieden zu sorgen, muss nach wie vor die Frage erlaubt sein, ob ich mir das zumuten möchte. Wenn sich körperliche Angriffe gegen behinderte Menschen richten (und damit meine ich nicht nur mich, sondern auch zwei Mitschülerinnen mit einer Behinderung) und man sich ernsthaft um seine körperliche Unversehrtheit sorgen muss, wird ein Schulbesuch unerträglich und unzumutbar. Wenn die verantwortlichen Lehr- und Führungskräfte meiner Schule es nicht schaffen, in letzter Konsequenz (nach unzähligen Ermahnungen und schriftlichen Verweisen) die nicht gesellschaftsfähigen Subjekte aus dem gemeinsamen Schulunterricht zu entfernen, bleibt mir, bleibt uns keine andere Wahl, als um einen persönlichen Termin bei der Schulbehörde zu bitten.

Vorausgegangen ist eine körperliche Auseinandersetzung zwischen einer Mitschülerin und mir. Die Mitschülerin weiß bereits heute, dass sie ihr Abitur nicht schaffen wird, zieht aber nicht die nötigen Konsequenzen, sondern geht weiter zum Unterricht und will es "noch irgendwie reißen". Da sie aber ohnehin nichts zu verlieren hat, lässt sie ihren Frust an ihren Mitschülern aus, am liebsten an jenen, die ihr körperlich unterlegen sind. Dass sie zumindest zeitweise ein Springmesser dabei hat, darf als bekannt vorausgesetzt werden, auch unter den Lehrern.

Gestern hat sie mir erst im Vorbeigehen grundlos und ohne jede Ankündigung eine Kopfnuss verpasst, später auf dem Flur stürmte sie auf mich zu, hockte sich seitlich neben mich und rülpste mir laut ins Gesicht. Meinte dann, sie habe Hackfleisch gegessen. Im Weglaufen drehte sie sich noch einmal um, kam zurückgelaufen, blieb vor mir stehen, beugte sich nach vorne und stützte sich mit ihren Händen auf meinen Knien auf, schob mich ruckartig zurück. Ich musste mich mit dem linken Arm auf meinen Oberschenkeln aufstützen, um mich zu stabilisieren und ihr mit dem Rumpf nicht entgegen zu fallen. Da ich nicht wusste, was sie wollte und aus Angst, sie würde mich nach hinten werfen, immerhin deutete sie genau das zwei Mal durch ruckartige Bewegungen an, holte ich mit der rechten Hand aus und verpasste ihr eine kräftige Ohrfeige. So kräftig, dass sie von mir abließ. Das alles lief innerhalb von Sekundenbruchteilen ab.

Ich rollte rückwärts, sie kam erneut auf mich zu. Es gelang mir, mein Pfefferspray aus der Jackentasche zu holen. Es reichte, es zu schütteln, damit sie weglief. Ich habe es nicht benutzt, sondern es, nachdem sie weglief, wieder eingesteckt. In der nächsten Stunde fehlte die Mitschülerin zunächst, später kam sie in den Unterricht und drohte mir im Vorbeigehen, mich bei passender Gelegenheit zusammenzuschlagen. Sie kenne da ein paar Leute... Die andere Rollstuhlfahrerin, die heute mitfährt zu einem kurzfristigen Termin beim Schulamt, hat das zum Glück auch mitbekommen. Frank und ich haben morgen früh einen Termin bei einer Rechtsanwältin in Eimsbüttel, über die dann auch Strafanzeige gestellt werden soll.

Wenn das so weiter geht, verpasse ich mein Abitur, weil ich wegen ein paar Behindertenhassern nicht ausreichend am Unterricht teilnehmen kann. Das würde zwischen allen behinderungs- und krankheitsbedingten Fehlstunden zumindest den Ausschlag geben. Wenigstens ist draußen schönes Wetter.

Kommentare :

Vio hat gesagt…

ich drück dir fest die daumen, dass der besuch bei der behörde hilft. unfassbar, was in der schule bei euch abläuft. bevor ich deinen blog gelesen habe, wäre ich nie auf die idee gekommen, dass es heutzutage noch menschen (junge vor allem und dazu noch mit bildungshintergrund) mit ressentiments gegen behinderte gibt.

kämpf weiter jule und lass dich von solchen menschen nicht entmutigen!

Banane hat gesagt…

Hi Jule,

ich finde es schon erschreckend, zu lesen, was für *Piiiiiep* (ich zensiere das jetzt mal lieber vorsorglich) an deiner Schule sind.

Allerdings bestärkt mich diese Sache in meiner Haltung zur Verfassung eines "Positionspapiers" als Reaktion auf die Sache mit der "unerträglichen Diskussion".
Das ist und bleibt einfach nur ein Armutszeugnis für die Schulleitung deiner Schule und zeigt, dass weder die Schulleitung, noch die Lehrer gewillt sind, dem behindertenfeindlichen Treiben an ihrer Schule Einhalt zu gebieten.

Aber in Hamburg wird es doch bestimmt nicht nur ein einziges rollstuhltaugliches Gymnasium geben, oder?
Kannst du dich nicht mal z.B. in deinem Sportverein umhören, wer auf welche Schule geht und welche Erfahrungen er da gemacht hat?
Und dann könntest du ja versuchen, auf eine Schule zu wechseln, die nicht dermaßen behindertenfeindlich ist.
Im Schlimmsten Fall könnte das zwar evtl. mit dem Wiederholen einer Klasse einher gehen, wenn du wegen der ganzen Geschichte zu viel gefehlt hast. - Aber die Zustände an deiner Schule sind ja nun wirklich nicht mehr tragbar.

Ich wünsche dir auf jeden Fall viel Kraft und hoffe, dass du es auf irgendeinem zumutbaren Weg schaffst, weiter auf die Schule zu gehen und dein Abi zu machen.

Gruß,
Banane

Sally hat gesagt…

Oh Mann. Das wird ja echt immer krasser... o_o Das über eine Rechtsanwältin regeln zu müssen, ist zwar auch nicht gerade schön, aber wahrscheinlich insgesamt der beste Weg für beide Seiten.

Viel Kraft weiterhin... :/

Ich sende Dir ganz liebe Grüße aus dem Pott.

Jule hat gesagt…

Hallo Banane, so einfach wäre ein Schulwechsel nicht, da ich erstens noch die 8jährige gymnasiale Laufbahn habe (Abi nach 13), während an fast allen Hamburger Schulen inzwischen nur noch die 7jährige (Abi nach 12) möglich ist und ich außerdem an einer Schwerpunktschule bin, die einen Fokus auf bestimmte Fächer legt, die üblicherweise nicht in der Oberstufe unterrichtet werden. Diese Schwerpunktwahl ist einzigartig in Hamburg. Ich müsste also definitiv noch einmal nach Klasse 10 anfangen, obwohl ich in zwei Monaten schon die 12. mit besten Beurteilungen fertig hätte. Hinzu kommt, dass in Hamburg nur äußerst wenige Gymnasien rolligerecht sind.

Olli hat gesagt…

Solche Mitmenschen machen einen irgendwie nur traurig.

LyraSummers hat gesagt…

Ich hatte ja schon ein paar Mal drüber nachgedacht einen Kommentar zu verfassen, es dann aber auf später verschoben, weil die Ereignisse mittlerweile eben drei Jahre zurück liegen etc
Trotzdem erst mal ein ganz großes Lob. Dein Blog hält mich seit Tagen von so ziemlich allem anderen ab :) Dein Schreibstil ist schön, ließt sich flüssig und ich mag deine Wortwahl.

Aber die Tussi hat doch n Rad ab! Ich meine es gibt bescheuerte Menschen, viele sogar. Extrem viele, denkt man so drüber nach, aber jetzt entscheidet man sich ja doch für einen Schwerpunkt wenn man nach der zehnten Klasse Realschule versucht sein Abitur auf einem Beruflichen Gym nachzumachen. Etwas ähnliches setze ich voraus wenn ich von einem Regelgym an ein berufliches wechsele. Die Tussi kann zwar noch zig andere Gründe gehabt haben, selbst wenn ich ein Jahr wiederholen muss um meinetwegen im G9 System zu bleiben such ich mir doch einen Schwerpunkt aus, der mir gefällt, der mir liegt und keine Ahnung. Ich kenn die Frau nicht, kenne ihre Beweggründe nicht, aber sie regt mich so sehr auf, dass ich jetzt nicht noch drei Jahre blog lesen kann :P

Naja, was ich sagen wollte: so is es bei mir in der Hauptschule damals nich abgegangen, also vielleicht schon, vielleicht verdrängt frau das auch einfach. Fakt ist, so wie du es schilderst verhält sie sich null erwachsen und kein bisschen so, als hätte sie den Schwerpunkt richtig gewählt. Grr.

Auf bald, so in drei Jahren :)