Mittwoch, 9. März 2011

Keine lange Leitung

Etwas länger als ein Vierteljahr ist es schon wieder her, als ich in meinem Beitrag "Kurve zu hoch" darüber geschrieben habe, dass auf der Strecke Hamburg-Rostock zur Zeit keine Rollstuhlfahrer im Regionalexpress mitgenommen werden. Der 3. Leserkommentar ergänzte noch ein paar Fakten.

Der Grund für die Nichtmitnahme ist so banal und gleichzeitig so bescheuert, dass man vermuten könnte, es sei Fasching oder erster April. Nein, es ist Aschermittwoch (also alles vorbei) und den ersten April haben wir auch noch nicht.

Der Hamburger Hauptbahnhof ist bekanntlich nicht allzu breit, dafür recht lang. In einigen Gleisen halten daher zwei Züge gleichzeitig. Im Abschnitt A der Zug, der den Bahnhof in Richtung Norden verlässt, in Abschnitt B der Zug, der den Bahnhof in Richtung Süden verlässt. So hält im Gleis 6A der Zug nach Kiel und im Gleis 6B der Zug nach Rostock. Oder umgekehrt, das ist aber auch völlig banane.

Der Rostocker Zug steht mit dem letzten Wagen in der Kurve außerhalb der Bahnhofshalle. Und der letzte Wagen ist ausgerechnet der Steuerwagen, das ist jener mit dem einzigen Rollstuhlabteil. Und der mit dem Fahrzeug verbundenen Einstiegsrampe (ansonsten gibt es nur Eingänge mit Stufen). Durch den Halt in der Kurve lässt sich die Rampe nicht mehr ausfahren und deswegen verweigert die Bahn hier konsequent seit über einem Jahr die Mitnahme von Rollstuhlfahrern - aus Sicherheitsgründen.

Die einfachste Lösung, die einem Laien einfällt: Einfach den Zug drehen. So dass der Steuerwagen am anderen Ende des Zuges ist. Dann würde die Lok in der Kurve stehen und der Steuerwagen mittig in der Bahnhofshalle. Dort ist der Bahnsteig gerade, die Rampe könnte ausgefahren werden. "Geht nicht", sagt die Deutsche Bahn. Grund: Nachts wird der Zug in Schwerin abgestellt und muss dabei an das Stromnetz angeschlossen werden. Wird er stromlos abgestellt, wird morgens nicht geheizt und die ersten Reisenden frieren.

Die Strippe für den Strom kann nur mit dem Steuerwagen verbunden werden. Steht der Steuerwagen an letzter Position, ist die Strippe nicht lang genug. Somit muss er an erster Position stehen. Da der Zug nicht jeden Tag zwei Mal komplett gedreht werden kann, ergibt sich aus der zu kurzen Strippe zwangsläufig die Wagenreihenfolge (letzter Wagen mit Rampe in der Kurve) für den Hamburger Hauptbahnhof. Voilà.

Es werden also, ja, sowas ist möglich, über mehr als ein Jahr keine Rollstuhlfahrer mitgenommen, weil eine Heizungsstrippe am Abstellgleis zu kurz ist. Wie immer sickert das Problem nur durch zunehmende Beschwerden von Betroffenen an die Öffentlichkeit.

Einschlägige EU-Richtlinien schreiben vor, dass in die Planung solcher gravierenden Veränderungen ("Du kommst hier net rein, aus Sicherheit!"), von denen Menschen mit Behinderungen betroffen sind, mit den örtlichen Behindertenvertretungen abzustimmen sind. Ist es geschehen? Nein.

Die Presse interessierte sich für diese Vorgänge nicht. Drei große in Hamburg erscheinende Tageszeitungen wollten darüber nicht berichten.

Die von der Bahn benannte Aufsichtsbehörde des Landes ist, anders als die Bahn es anfangs darstellt, doch nicht zuständig. Sie leitet eine entsprechende Anzeige (Verstoß gegen die Beförderungspflicht) zur direkten Bearbeitung an die Betroffene (die Deutsche Bahn) weiter - nicht etwa an die zuständige Aufsichtsbehörde des Bundes. Darf ich das bei meinem nächsten Knöllchen wegen Geschwindigkeitsüberschreitung auch für mich beanspruchen? Ich bearbeite meine Anzeigen auch gerne selbst, wie meine Freundin Pippi Langstrumpf: "Erst sag ich es ganz freundlich. Und wenn ich dann noch nicht hören will, gibt es Haue."

Die Senatskoordinatorin für die Belange der Menschen mit Behinderungen in Hamburg beauftragt ihre Mitarbeiterin, sich der Sache anzunehmen. Diese leitet die Sache an einen Experten eines örtlichen Nahverkehrsverbundes weiter und bittet ihn als Fachmann, tätig zu werden. In der Tat ist wohl er derjenige, der am Ende auf Abhilfe drängt. Allerdings geht dessen Antwort bei der Senatskoordinatorin unter. Erst auf Nachfrage kommt im dritten Anlauf die Meldung, dass das Problem inzwischen abgestellt sein soll: Man habe die Wagen mit mobilen Überfahrbrücken bestückt, die vom Zugbegleiter über den Zwischenraum gelegt werden sollen.


Das Eisenbahnbundesamt als tatsächlich zuständige Aufsichtsbehörde prüft die ganze Sache "von Amts wegen" - bekommt aber von der Bahn gar nicht erst eine Antwort. Es fragt beim Beschwerdeführer an, ob er vielleicht inzwischen etwas gehört hat... Hat er nicht. Die Bahn spricht nicht mit ihm.

Erst auf mehrfache Nachfrage wird ihm von der Senatskoordinatorin ein Fax zur Verfügung gestellt, mit dem die Deutsche Bahn die Sache als erledigt bezeichnet: Man habe "mit Nachdruck auf die Auslieferung mobiler Überfahrbrücken gewartet", um "einen positiven Bearbeitungsstand mitteilen zu können." Soll heißen: Wir sitzen die Sache aus, bis über ein Jahr nach Beginn des Chaos endlich eine Lösung vorhanden ist. Einen Zwischenbericht, in dem man zugeben müsste, dass man seit über einem Jahr keine Rollstuhlfahrer befördert, ist nicht so gut für das Image.

Apropos "ein Jahr": Im Schreiben stellt die Deutsche Bahn die Sache so dar, als wenn das Problem nur einen Monat bestanden habe und man bereits vorausschauend auf das drohende Problem zugegangen sei. Erst "mit Fahrplanwechsel Dezember 2010" habe sich dieses Problem ergeben und man habe sich "bereits im laufenden Jahr 2010 um die Beschaffung von Überfahrbrücken bemüht", wobei es jedoch zu unbeeinflussbaren Lieferschwierigkeiten gekommen sei. Tatsächlich besteht das Problem aber bereits seit dem Fahrplanwechsel im Dezember 2009 und man war ein Jahr lang überfordert.

Gestern nun wollte ich auf dem Rückweg nach Hause in Bergedorf in den Regionalexpress von Rostock nach Hamburg einsteigen. Die Mitnahme wurde ohne Angabe von Gründen abgelehnt. Das Problem ist also keineswegs abgestellt. Da der Aufzug zur S-Bahn auch nicht funktionierte, dauerte meine Fahrt zum Hauptbahnhof nicht 8 Minuten (mit dem RE), sondern über eine Stunde - mit Bus und U-Bahn über Mümmelmannsberg.

Klar, die Mobilität von Rollstuhlfahrern ist für unsere Gesellschaft eine Herausforderung. Der Aufwand, den einige Leute aus der Szene hier betreiben, ist beachtlich. Dennoch muss man ins Verhältnis stellen, dass ich an einem Tag bis zu zwei Stunden länger unterwegs bin (Hin- und Rückfahrt im schlimmsten Fall über Mümmelmannsberg), weil eine Strippe zu kurz ist. Das summiert sich - da ist es irgendwann mal effektiver, ein paar Briefe oder Blogeinträge zu schreiben.

Und wie der Verlauf und die Reaktionen zeigen, sehe ich nicht "uns Rollifahrer" in der Schuld, dass so ein Aufriss sein muss: Es reicht eben nicht, dass man auf das Problem zeigt. Man merkt nicht "von selbst", dass das so nicht geht. Es müssen vielmehr über Monate erst etliche Behörden eingeschaltet werden, bis der Druck groß genug ist, sich mal irgendwas zu überlegen.

Ob die momentane, bisher von mir nur auf dem Papier gesehene Lösung nun der Bringer sein wird, wird die Zukunft zeigen. Am Abstellgleis in Schwerin jedenfalls hat die Deutsche Bahn nach wie vor keine lange Leitung.

Kommentare :

Anonym hat gesagt…

Und nun? Geht es dir jetzt besser?

BigDigger hat gesagt…

Da kommen drei Dinge zusammen, die nicht gerade für Handlungsschnelligkeit stehen: Verwaltung, Politik und Bahn. Hast Du wirklich geglaubt, da tut sich binnen eines Jahres etwas?

Versuch's doch mal mit einer Beschwerde bei einem, dessen Partei angeblich "christlich" und "sozial" sein will und der in höchster Instanz für Dein Problem zuständig sein dürfte:
(Dr.) Peter Ramsauer, Bundesverkehrsminister
(Den "Dr." hab ich mal eingeklammert - bei den bayerischen Doktoren weiß man ja nie... *g*)

Ansonsten gibt's ja noch den Verkehrsausschuss des Bundestages. Darin sitzt Dirk Fischer von der Hamburger CDU, der gleichzeitig Präsident des Hamburger Fußball-Verbands ist und am Schlump bei HSB ein- und ausgeht.

Zusätzlich würde ich mal brieflich/mail-lich bei den Bundestagsabgeordneten Deines Wahlkreises vorstellig werden. Das müssten, wenn ich Dich richtig lokalisiere, Jan van Aken (Linke), Marcus Weinberg (CDU) und der frisch gewählte Erste Bürgermeister der Freien und Hansestadt Hamburg, Olaf Scholz (SPD) sein.

Aber es ist ja klar, dass gerade Rollifahrer, was sowas angeht, klar im Nachteil sind. Ihr könnt leider nicht das Nötige tun, damit sich schnell was ändert: Den Zuständigen in die Eier treten...

Christian hat gesagt…

Wie das wohl praktisch aussieht, wenn ein Mitarbeiter der Deutschen Bahn "mit Nachdruck wartet"?

Das Verhalten der Bahn ist eine Frechheit. Die sollen entweder eine längere Stromleitung installieren (das darf kein Jahr dauern) oder den Zug halt unbeheizt losfahren lassen. Besser, die ersten Passagiere fahren noch eine Viertelstunde im Mantel, als dass Rollstuhlfahrer überhaupt nicht mitfahren können.

Lasse hat gesagt…

"Am Abstellgleis in Schwerin jedenfalls hat die Deutsche Bahn nach wie vor keine lange Leitung."

Nein. Da nicht. Ansonsten ist es eine bodenlose Frechheit, wie hier mit Menschen umgegangen wird. Und die "versehentliche" Darstellung, dass das Problem nur einen Monat bestanden haben soll, erinnert mich, ich weiß nicht warum, irgendwie an Sowjet-Zeiten. Da wurde auch jede Scheiße schöngeredet.

Marc 'Zugschlus' Haber hat gesagt…

Hallo,

hat sich die Situation mit dem RE denn inzwischen gebessert? Gibt es die angekündigten Anlegerampen inzwischen, weiß das Zugpersonal davon und werden sie auf Deine Anforderung auch wirklich benutzt?

Mit einem kurzen Kabel in Schwerin hat die Geschichte auch nur indirekt was zu tun. So wie ich die Sache verstehe und heute zu recherchieren versucht habe, wird der Zug nicht abends mit einem Kabel mit Strom versorgt, sondern über die Oberleitung. Sprich, die Elektrolok bleibt entweder über Nacht am Zug und mit ihrem Bügel am Fahrdraht, oder sie wird morgens einige Zeit vor Bereitstellung des Zugs an den Zug gestellt und versorgt diesen dann zum Vorheizen mit Strom.

Die Abstellanlage in Schwerin ist aber wohl nicht auf ihrer ganzen Länge unter der Oberleitung ("überspannt"), sondern nur die ersten paar Meter haben Oberleitung. Das bedeutet, dass der Zug mit dem Steuerwagen voraus in die Abstellanlage einfahren muss, damit die Lok noch unter der Oberleitung steht und der Zug somit vorgeheizt werden kann und (wichtiger!) der Zug die Abstellanlage wieder aus eigener Kraft verlassen kann und nicht mit einer Diesellok wieder unter die Oberleitung geschleppt werden muss.

Ich kann hier beide Seiten durchaus verstehen, denn 300 Meter Oberleitung kosten durchaus mehr als nur ein paar Euro, und es kommt auch mehrfach im Jahr vor, dass des Nachts Jugendliche oder Besoffene Menschen von der Oberleitung (da sind immerhin 15 Kilovolt drin, und einige hundert Ampere gibt das Ding durchaus her) gegrillt werden, wenn sie verbotenerweise auf den abgestellten Zügen herumturnen. Deswegen möchte man Abstellgleise nur dann mit Fahrleitung versehen, wenn es partout nicht mehr anders geht.

Wenn die Geschichte mit den Anlegerampen den Zug in Hamburg Hbf auch dann zugänglich macht, wenn der Steuerwagen in der Kurve steht, und das Zugpersonal dies auch auf Anforderung nutzt, ist das doch ein tragbarer Kompromiss, oder hab ich da was verpasst und überlesen?

Übrigens: Schlimmer geht immer. Ihr "da oben" seid bisher von der Seuche der Triebwagen der Baureihe 425 verschont geblieben. Bei diesen Fahrzeugen hat man es tatsächlich geschafft, durch den Verzicht auf eine Klappstufe bei einer Fahrzeugbodenhöhe von 75 cm auch an einem 75-cm-Bahnsteig _nicht_ barrierefrei zu sein. Man hat einfach noch eine feste Stufe eingebaut, damit Fußgänger das Fahrzeug auch von 55er oder 38er-Bahnsteigen besteigen können. Dabei ist leider die Barrierefreiheit am 75-cm-Bahnsteig verloren gegangen. Bei einer solchen Fehlkonstruktion geht auch mir der Hut hoch; das ist auch sicher nicht im Interesse der Besteller gewesen.

Grüße
Marc

Anonym hat gesagt…

Hallo Jule

Erst einmal wünsche ich Dir ein gutes, glückliches und erfolgreiches 2015. Ich weiss, ich bin weit hintendrein, Deine Beiträge zu lesen. Sie sind allerdings noch immer so aktuell und fesselnd, dass es mir Wert ist, Deine ganze Vergangenheit aufzuarbeiten.

Zum Bahnproblem gibt es von meiner Sicht zweierlei zu bemerken:

1. Es ist haarsträubend, was hinsichtlich der mobilen Rampen verschlampt wurde. Meiner Meinung nach gehört ein solches Ding zur Grundausrüstung auf jeden Führerstand. Es kann ja auch einmal die im Steuerwagen fest eingebaute Rampe defekt oder wie in HH aus anderen Gründen nicht benützbar sein.

2. Das Problem mit der Strippe ist allerdings technisch schwerwiegender als Du es annimmst. Es geht hier nicht um ein blosses Heizkabel, das zu kurz wäre und das man natürlich ohne grossen Aufwand auch verlängern oder durch ein längeres ersetzen könnte. Es geht hier allem Anschein nach darum, dass die Abstellgeleise in Schwerin gar nicht auf der ganzen Länge mit dem Fahrdraht überspannt sind. Überspannt ist lediglich der Bereich von der Weiche weg und noch einige Meter darüber hinaus im Spitzenbereich der Abstellgeleise, so dass sich ein geschobener Zug mit gehobenem Stromabnehmer gerade noch draunter stellen und von dort auch wieder mit eigener Kraft wegfahren kann. Über dem ganzen Rest des Zuges gibt es gar keinen Fahrdraht. Aus diesem Grund ist es aus technischer Sicht in der Tat nicht möglich, den Zug in der Abstellanlage Schwerin umgekehrt gereiht abzustellen.

Aus meiner Sicht aus der Schweiz ist ein derartiger Zustand eigentlich undenkbar. Hierzulande gibt es kaum noch Geleise ohne Fahrdraht. Die Verhältnisse in den umliegenden Ländern sind aber anders und das nicht nur in Deutschland. Bevor natürlich die Abstellgeleise in Schwerin und an tausend anderen Orten auch vollständig mit Fahrdraht überspannt und die notwendigen Masten gesetzt werden, müsste wohl beispielsweise endlich einmal die Strecke von Lindau nach München elektrifiziert werden, um im direkten internationalen Verkehr zwischen Zürich und München durchgehend elektrische ICE fahren lassen zu können. Aber auch das steht leider bei der DB in der Prioritätenliste ganz unten. MeinFernbus und andere lassen inzwischen grüssen. Mehdorn hat glücklicherweise deinen Dienst bei der DB vor ein paar Jahren quittiert, sein Azubi Andreas Meyer ist allerdings seither leider der CEO der SBB AG.

Ich freue mich, wenn ich ganz wertneutral Dir das technische Problem etwas näher bringen konnte. Mit Dir gehe ich aber ganz gewiss darin einig, dass ein solches Problem spätestens zum ersten problembietenden Fahrplanwechsel hätte gelöst werden MÜSSEN - oder noch viel besser erst gar nicht hätte entstehen lassen, indem eben wie vorgeschlagen auf jedem Führerstand eine Mobirampe mitgeführt wird.