Samstag, 9. Juli 2011

Drei Jahre lang

Gestern mittag gab es bei mir übrigens Gyrosbaguette. Insider wissen, was das bedeutet. Inzwischen, ich kann es kaum glauben, ist es drei Jahre her, seit sich mein Leben von einem auf den anderen Tag radikal verändert hat.

Inzwischen bin ich häufig gefragt worden, ob ich an meinem Leben gerne etwas ändern würde. Dazu kann ich nur erneut sagen: Was ich ändern kann, das ändere ich. Was ich nicht ändern kann, daran versuche ich mich auch nicht. Sicherlich sollte man nicht resignieren und glauben, man könne an vielen Dingen sowieso nichts ändern und so jede Bemühung, jede Anstrengung von vornherein unterlassen. Man muss schon sachlich bleiben bei der Beurteilung, ob man etwas verändern kann. Aber wenn klar ist, dass sich etwas nicht ändern lässt, dann gibt es auch noch andere Dinge, mit denen man sich gehaltvoller beschäftigen kann.

Was ich damit sagen will: Ich zerbreche nicht an der Frage, wann ich wieder laufen kann. Ich lasse mir auch keine Hoffnung machen, dass da irgendwelche Forschungen laufen oder Geräte entwickelt werden, mit denen irgendwas geht. Wenn mir irgendwann einmal etliche ehemalige Querschnitte auf ihren zwei Beinen entgegen gewatschelt kommen, lasse ich mir durch den Kopf gehen, ob diese Therapie auch für mich in Frage kommt. Bis dahin sollen sich andere mit dem Thema beschäftigen, das so alt ist wie die Querschnittlähmung an sich.

Ich frage mich auch nicht, wie mein Leben verlaufen wäre, wenn dieser Unfall nicht passiert wäre. Ich weiß es nicht. Vielleicht wäre die Beziehung zu meinen Eltern auch aus anderen Gründen zerbrochen. Weil ich einen afrikanischen Partner gefunden oder mit einem Mädel mein erstes Mal gehabt hätte. Weil ich kriminell geworden wäre oder magersüchtig unter dem Druck des Lebens, weil ich die Schule geschmissen oder in irgendeine politische Szene gewechselt hätte. Vielleicht hätte ich meinen Freiwilligendienst in einer Behindertengruppe gemacht und dabei festgestellt, in einem falschen (gesunden) Körper geboren worden zu sein - wie Natascha, die fest davon überzeugt ist, dass sie in einen Rollstuhl gehört, obwohl sie eigentlich laufen kann.

Nataschas stationäre Therapie blieb ohne Erfolg. Es bleibt uns Behindis nur, zu akzeptieren, dass sie Rollstuhlfahrerin ist, obwohl sie laufen kann. Und trotzdem möchte ich nicht tauschen. Es ist okay, so wie es ist.

Meine Behinderung hat mich reifer gemacht, ehrgeiziger, selbstbewusster, entschiedener. Sie hat mir Hass und Liebe vermittelt, sie hat mir gezeigt, dass Menschen viel facettenreicher sind als ich es je gedacht hätte. Sie hat mich mit wunderbaren Leuten zusammengeführt, sie hat meinem Leben (so seltsam das klingt) einen ungeheuren Halt gegeben. Einfach, weil sie vieles ausgeschlossen hat, was vorher Option hätte sein können, weil sie mir viele Entscheidungen abgenommen hat. Und weil sie mich zu einer deutlichen Positionierung genötigt hat.

Ich werde gleich zum Schwimmtraining fahren. Es ist wunderschönes Wetter draußen. Anschließend feiere ich mit ein paar Leuten meinen "Geburtstag" (nach). Der Grill fragt schon alle paar Minuten nach seinem Einsatz. Hoffentlich fängt er aus lauter Ungeduld nicht gleich schon im Auto zu qualmen an. Ich freu mich drauf!

Kommentare :

m. (nix sticht besser) hat gesagt…

Hallo Jule.
Ich erinner mich noch an Deine ersten Einträge im Forum, noch aus dem Krankenhaus heraus...
Dass Du nicht "mit dem Schicksal haderst", sondern die erzwungenen Änderungen so gut annimmst, weil Du sie eh annehmen musst, und noch dazu ne Menge Positives daraus machst: Das freut mich sehr.

Auch für die (teil-)neue WG alles Gute, der Grundriss sowohl Deines Zimmers (mit drei Fenstern in zwei Richtungen, nicht schlecht) als auch der gesamten Etage gefallen mir. Ich drück die Daumen, dass auch so eine größere Wohngemeinschaft gut zusammenfindet und das Projekt gut läuft.

Was wirst Du eigentlich jetzt nach höchst erfolgreichem Abschluss der zwölften Klasse bis zum Studienstart machen? Wirst/kannst Du Dich aufs Studium vorbereiten, wirst Du womöglich die Zeit mal zum Reisen nutzen oder vorübergehend beim Triathlon-Training richtig ranklotzen?
Wie viele von Deinen Mitschülern und Lehrern wissen eigentlich von dem Studium? Gabs die unvermeidlichen Neider und Zweifler oder hast Du eh nur diejenigen eingeweiht, denen Du eine gesunde Reaktion zutraust?

Schöne Sommertage und wenig Mücken beim Grillfest ;-) wünscht

m.

ruolbu hat gesagt…

Das alles klingt nach einer äußerst gesunden Einstellung zum Leben. Deine sonstigen Texte geben das meiner Meinung nach auch wieder. Ich glaube das ist der Hauptgrund, weswegen ich dein Blog verfolge. Ja es gibt auch viel Interessantes zu erfahren, da du eben ganz anders lebst als ich (die Freunde, deine Querschnittslähmung, der Alltag). Aber was mich am meisten fesselt, sind die Texte, Textpassagen, Absätze, Sätze, Anmerkungen und Wörter die mir einfach aus der Seele sprechen.

Und davon gibt's so viele ^^

Anonym hat gesagt…

Dein Beitrag klingt fast so, als wolltest du Leuten deine Behinderung schmackhaft machen. Ich bin jedoch froh, ohne Hilfe laufen zu können, nicht alle Nase lang im Krankenhaus aufzuwachen und über alle Körperfunktionen Herr zu sein. Man darf, auch wenn es dir gelungen sein mag, dein Leben danach auszurichten, nicht aus den Augen verlieren, dass du eine schwere Behinderung hast, die das Leben enorm einschränkt und jeden Menschen, der sie hat, grundlegend verändert.

m. (nix sticht besser) hat gesagt…

Schmackhaft machen? Wo liest Du das denn raus? Jule hat die geänderten Lebensvoraussetzungen akzeptiert und sich arrangieren _müssen_, sie hat sich das nicht ausgesucht. Ist doch erfreulich, wie gut sie mit der Zäsur in ihrem Leben und den Folgen zurechtkommt.
Sie trauert ihrem alten Leben nicht hinterher und fragt sich nicht ständig "was wäre, wenn...", sie hadert nicht permanent damit, dass die Autofahrerin damals einen Erziehungsauftrag wahrnehmen und die vermeintliche Rotsünderin bestrafen wollte und sie einfach umfuhr.
Keiner weiß, wie ihr Leben sonst verlaufen wäre - dass sie gut in der Schule ist (war), verliebt ist, nächstes Jahr ein Medizinstudium anfangen kann und außerdem in einer WG wohnt hätte auch alles ohne den Unfall geschehen können.

Dass mit der Querschnittlähmung einige Beeinträchtigungen einhergehen und bestimmte Dinge anders laufen als bei Fußgängern: Das ist wohl weder für Jule noch für Leser des Blogs eine Neuigkeit...Manches davon scheint ziemlich lästig, ist aber eben so.

Es ist ja nicht so, als behaupte Jule, ihr Unfall sei das Beste, was ihr je widerfahren ist. Nur leben wir eben nicht im Konjunktiv - es ist, wie es ist. Und dass Jule am Jahrestag des Unfalls nicht unglücklich zurückdenkt, sondern mit ihren Freunden ein Grillfest macht, halte ich für einen sehr gelungenen Umgang mit diesem Ereignis.