Samstag, 16. Juli 2011

Öffentliches Internet

Natürlich trifft man im Internet immer wieder auf Leute, die einen privaten Blog lesen und dann die Frage stellen, ob so viel privates ins Internet gehört. Über diese Frage könnte man endlos diskutieren und am Ende gibt es trotzdem keine übereinstimmende Meinung. Ich habe für mich die Entscheidung getroffen, mein privates Tagebuch ins Internet zu stellen. Das mache ich seit drei Jahren.

Diese Entscheidung kann ich nur für mich selbst treffen. Andere, die es betrifft, muss ich vorher fragen, wenn ich etwas aus ihrem Privatleben ins Internet stelle. Grundsätzlich frage ich alle Leute, sobald ich etwas schreibe, was möglicherweise nicht für die Öffentlichkeit bestimmt ist.

Außerhalb meines Freundeskreises kennt niemand meinen Partner. Aus dem, was hier steht, kann niemand Rückschlüsse auf die reale Person ziehen. Innerhalb meines Freundeskreises weiß natürlich jeder, wer er ist. Bleibt also die Frage zu beantworten: Dürfen meine Freunde und Bekannten wissen, was sich bei uns abspielt?

Ich sage: Ja. In dieser Form, wie ich es geschrieben habe (und die habe ich mir schon überlegt), dürfen sie es wissen. Ich rede nicht alles schön oder bevormunde andere Menschen, indem ich ihnen nur selektive Informationen gebe, von denen ich glaube, dass sie für sie geeignet sind. So fällt auch keiner aus allen Wolken oder macht sich ein falsches Bild.

Ich bin strikt dagegen, über jemanden zu lästern. Aber ich bin sehr dafür, über jemanden zu reden. Gut wie auch schlecht. Solange es die Wahrheit ist, kann sich niemand bei mir darauf verlassen, dass ich ihn schone. Genauso wie ich übrigens auch nicht geschont werden möchte: Ich möchte, dass Leute mir ehrlich gegenüber sind und mich nicht lieb anlächeln, wenn sie mich Scheiße finden. Ich erzähle aber auch oft Dinge, über die ich mich freue oder erzähle, wie toll ich den einen oder anderen Menschen finde.

Was wiederum nicht heißt, dass ich Geheimnisse ausplaudere. Wenn mir jemand etwas vertraulich erzählt (oder nur deswegen erzählt, weil er glaubt, ich behalte es für mich), dann rede ich auch nicht darüber. Wenn aber mein Freund denkt, er kann sich beliebig (daneben) benehmen, sehe ich keinen Grund, das vertraulich zu behandeln.

Markus und ich haben übrigens inzwischen mehrmals sehr intensiv über diese Nacht am See diskutiert. Bisher allerdings ohne ein Ergebnis, mit dem wir leben können. Ich fühle noch immer meine Grenzen nicht ausreichend respektiert, er meint nach wie vor, dass ich meiner Behinderung zu viel Raum in meinem Leben gebe, sie mein Leben zu sehr bestimmen lasse.

Ich gehe mit einem Typen ins Bett, wenn ich ihn liebe, und zwar auch körperlich. Ich muss ihn auch körperlich attraktiv finden (was nicht unbedingt "vollkommen" oder "nichtbehindert" bedeuten muss). Ich habe ihn gefragt, ob das bei ihm genauso ist. Ich habe keine Antwort bekommen. So muss ich raten: Da er mit mir Sex hatte, mehr als einmal, kann er dabei meine körperliche Behinderung ausblenden? Oder mag er mich (meinen Körper) trotz, mit oder wegen meiner körperlichen Behinderung?

Ich wüsste es gerne. Ich bin eine Frau und möchte das hören. Mein Herz (oder gerne auch mein Bauch) möchte das hören. Aber ich bekomme keine Antwort auf die Frage.

Kommentare :

Sally hat gesagt…

Pass' beim Klären des Streits auf Dich auf, gib' Dich nicht zu sehr selbst auf.

ruolbu hat gesagt…

"Ich wüsste es gerne. Ich bin eine Frau und möchte das hören."

that kinda looks broken...
*schreib schreib*

"Ich wüsste es gerne. Ich bin ein Mensch und möchte das hören."

here it's fixed now.
Mal ehrlich, was hat eine Frau zu sein, damit zu tun?



"Ich muss ihn auch körperlich attraktiv finden."
Meine persönliche Erfahrung war bisher, dass das einer emotionalen Zuneigung irgendwie irgendwann folgt.
...
will damit nichts ausdrücken, der Gedanke kam mir nur beim Lesen und ich fand's erwähnenswert.



Und wo ich Sallys Kommentar lese. Ich stimme dir zu Jule, deine Grenzen kamen mir nicht respektiert vor. Und wie ich schon ausgedrückt habe, finde ich es gut, dass du sie nicht unter Druck aufgeweicht hast. Deswegen möchte ich Sally auch recht geben, pass auf, dass du dein Selbst nicht im Sinne der Harmonie aufgibst.
Und doch will ich mich Sofies Beitrag aus dem anderen Eintrag anschließen. Ich finde es wichtig, dass du deine Grenzen selbst hinterfragst. Nicht um sie pauschal abzuschaffen oder extra zu verfestigen, sondern um zu einem bewussten Entschluss zu kommen, weswegen du diese Grenzen hast und an genau dieser Stelle setzt.
Ich finde es immer äußerst unzufriedenstellend, wenn ich selbst erkenne, dass meine Haltung zu Thema XY keinen eigenen Reifungsprozess durchlaufen hat, sondern durch äußere Einflüsse wie "Gesellschaftliche Akzeptanz" oder "anerzogene Meinung" bedingt ist. Ich bekomme das Gefühl, das meine eigene Haltung plötzlich nichts mehr über mich aussagt, da die zugrunde liegenden Konzepte nichts mit mir und meiner Überzeugung zu tun haben.

Wenn ich so etwas jedoch hinterfrage, Argumente sammle und gegeneinander abwäge, Gründe finde, weswegen ich etwas glauben sollte, dann komm ich z.B. zu dem Entschluss, dass ich dem Recht geben kann/muss. In so einem Fall genieße ich zukünftig eine gewisse Sicherheit gegenüber anderen, da ich weiß, dass ich argumentieren kann und meine eigene Überzeugung vertrete, nicht die anderer. Sollte ich jedoch keinen Grund finden, eine Meinung beizubehalten, empfinde ich eine gewisse Entlastung, da ich zukünftig offen für Neues sein kann.

Nun ich empfinde dich seit jeher als sehr vernünftige Person und glaube nicht, dass ich dir mit dem Absatz gerade irgendetwas neues offenbart habe. Wie fast alles, was ich hier schreibe, ist das auch eher ein Bericht meiner Erlebnisse, da ich nicht glauben möchte, meine Wahrnehmung sei auf alle Menschen anwendbar.
Bei diesem Kontext würde es mich nur nicht verwundern, wenn du - wie vermutlich sehr viele Menschen - eine vorgefertigte Meinung einfach akzeptierst. Schlicht weil Urinieren und Stuhlgang an dafür nicht vorgesehenen Orten gesellschaftlich besonders verpönt ist und wir alle nun mal zu starker Sauberkeit erzogen werden. Ich selbst hätte genug Hemmungen und Zweifel, um bei einer Sex-im-Auto Aktion, bei der ich Gefahr laufe, mir das Auto voll zu pinkeln, nicht mitzumachen; ich will deine Entscheidung also nach wie vor nicht anzweifeln. Es geht mir nur darum, dass deine Begründung, wenn du dich fragst, warum der Abend so schief laufen musste, kein haltloser Gemeinplatz ist, sondern eine wirkliche Aussage, mit der du zufrieden sein kannst.

Vio hat gesagt…

also, was ich hier so lese von persönliche grenzen abstecken und seine grenzen überdenken hört sich alles wahnsinnig hochgeistig und liberal an.

aber: sowas interessiert mich in der situation selbst wenig. wenn ich keinen bock habe - aus welchem grund auch immer - sollte der partner das akzeptieren.

stattdessen dem anderen ein schlechtes gewissen einzureden, dass mit ihm/ihr etwas nicht stimmen kann, wenn sie ablehnt, empfinde ich als respektlos.

als wäre es normalität rund um die uhr verfügbar zu sein. das leben ist kein pornofilm.

was mich zu den letzten sätzen bringt, die du geschrieben hast, jule. ein sehr brisanthes thema, da natürlich niemand nur aufgrund einer körperlichen eigenschaft geliebt werden will. obwohl mir der gedanke auch schon kam, als du schriebst, wie fordernd markus darauf bestand, dass du lange klamotten zum training anziehen solltest.

den wunsch, solche bedenken auszuräumen, zu hören, dass man bedinungslos geliebt wird, finde ich absolut legitim.

Jule hat gesagt…

Mit "ich bin eine Frau" habe ich gemeint, dass ich durchaus schon von Männern gehört habe, die das nicht interessiert oder für die das, was ich hören möchte, selbstverständlich und nicht erwähnenswert ist.

Ich bin ja durchaus bereit, über meine Haltung nachzudenken. Ich möchte auch nicht ausschließen, dass ich an einem anderen Tag oder zu anderer Zeit das alles mitgemacht hätte. Aber ich habe mich nicht wohl gefühlt. Es war zu viel Spielerei, zu viel "Drehbuch" aus meiner Sicht. Ich wollte kuscheln und nicht schon wieder versauten Sex mit ganz viel Schweinkram. In dem Moment.

ruolbu hat gesagt…

@ Vio

"stattdessen dem anderen ein schlechtes gewissen einzureden, dass mit ihm/ihr etwas nicht stimmen kann, wenn sie ablehnt, empfinde ich als respektlos."

Ich hatte gehofft, dass mein mehrmaliges Erwähnen, dass es mir genau darum nicht geht, deutlich macht, dass es mir genau darum nicht geht. Vielleicht missinterpretiere ich dich auch.
Aber ich sehe ein, dass mein Kommentar nicht unbedingt schön gelungen ist, sonderlich zufrieden bin ich im Endeffekt auch nicht mit ihm - aber ich hatte Angefangen und wollte drei Absätze nicht einfach löschen ;)

Von daher fasse ich "wahnsinnig hochgeistig und liberal" einfach mal als Kompliment auf :]

@ Jule mir gings auch um keine Rechtfertigung. ;)
und das mit "Ich bin eine Frau"... ich schnalls noch immer nicht... aber es ist auch 4 Uhr morgens, evtl. hat das was damit zu tun. :\

Anonym hat gesagt…

Ich lese jetzt schon eine ganze Weile deinen Blog, auch wenn ich "ein paar" Jahre älter bin als du. Gesundheitlich habe ich auch ein paar Einschränkungen und Rollifahrer kenne ich mehr als genug - mit und ohne Partner. Aber wenn ich bei dir über deinen Freund lese, dann lässt mich die Vermutung nicht los, dass er mit dir seinen ganz speziellen Fetisch ausleben will. Du als Person spielst dabei ein untergeordnete Rolle. Sorry, wenn ich mich damit weit aus dem Fenster lehne. Deine Behinderung wird nun mal immer Teil deines Lebens sein und es auch zeitweise bestimmen. Geht ja auch gar nicht anders. Aber das sind so die Ansagen mit denen man zu Handlungen gebracht werden soll, die man so eigentlich zu dem Zeitpunkt nicht möchte.
Bleib du selbst und lass dich nicht verbiegen.