Freitag, 26. August 2011

Behinderte Schweine

Es ist noch nicht lange her, als ich einen Grundriss von unserer neuen Wohnung / unserem neuen Wohnprojekt ins Netz stellte und mit Blick auf die ständig ausfallenden Aufzüge angemerkt wurde, es sei leichtfertig, Menschen mit Behinderung in einem Haus wohnen zu lassen, aus dem sie sich bei Feuer nicht aus eigenem Antrieb retten könnten.

Das wurde bereits umfangreich diskutiert und letztlich wissen alle, die hier wohnen, worauf sie sich einlassen. Nämlich dass sie im Brandfall im Zweifel von außen gerettet werden müssen. Ob man das besser hinbekommt, weiß ich nicht. Bestimmt, wenn man nicht inmitten Hamburgs dichter Bebauung eine Wohnung sucht, wenn man nicht so viele Rollstuhlfahrer unterbringen will oder wenn das Haus ohnehin am Hang liegt. Sicherlich gibt es auch teure Möglichkeiten, irgendwelche Rampen zu realisieren, da bin ich aber überfragt. Ich weiß allerdings, dass in einer Hamburger Bildungseinrichtung, in der Rollstuhlfahrer und Gehbehinderte auf 14 Geschosse verteilt sind, eine Notrutsche im Treppenhaus eingebaut wurde, die hier bei uns auch zur Debatte stand, allerdings von der Feuerwehr als wenig effektiv abgelehnt wurde. Das Haus ist hinsichtlich des Brandschutzes als vorbildlich gelobt und fotografiert worden und direkt Gegenstand bei einer entsprechenden Fachtagung in der nächsten Woche in Frankfurt.

Warum ich davon schreibe? Weil es aktuell auch ein absolutes Negativbeispiel gibt. Ja, es ist einfach, etwas anhand krasser Beispiele zu relativeren und nein, ich bin kein Fan davon. Ich weiß noch genau, wie ich ausgerastet bin, als mir im Krankenhaus jemand sagte, ich solle mich freuen, dass ich lebe. Andererseits: Will man seinen Standort bestimmen, braucht man manchmal den Blick aus dem Fenster. Und der geht in den Hamburger Stadtteil Bergedorf, wo Anfang dieses Monats ein weiteres Wohnprojekt eröffnet worden ist: 28 Barrierefreie Wohnungen (in Hamburg herrscht enormer Bedarf) waren sofort vermietet. Unter anderem auch an vier Leute, die ich vom Sport kenne.

Dort wurden die Müllcontainer in eine Holzhütte (3x3 Meter Grundfläche) gestellt, die Holzhütte direkt an der Wand unter einer Balkonreihe befestigt und diese Holzhütte auch noch genau dort hingestellt, wo der Fluchtweg aus dem Gebäude führte. Knapp zwei Wochen ist es jetzt her, als es dort zum GAU kam: Jemand hat die Papiermülltonne in dem Holzhaus mutwillig angesteckt. Das Holzhaus brannte in wenigen Minuten lichterloh, die Flammen schlugen sofort in die darüber liegenden Wohnungen, an der wärmegedämmten Fassade hoch bis unter das Dach. Innerhalb weniger Minuten waren sämtliche Hausflure dicht verqualmt. Die Bewohner wurden im Schlaf überrascht. In den Treppenhäusern und Hausfluren gab es, genauso wie in den Wohnzimmern, in die die Flammen durch geplatzte Fensterscheiben und Balkontüren schlugen, keine Rauchmelder. Sie waren nicht vorgeschrieben. In den Treppenhäusern und Hausfluren gab es keine Brandabschnitte. Auch sie waren nicht vorgeschrieben. Ob die Holzhütte direkt an der Fassade gebaut werden durfte und direkt dort, wo der Notausgang ins Freie führt, prüfe das Bauamt zur Zeit. Fakt ist, dass sich kein Rollifahrer aus eigener Kraft retten konnte, weil es am Notausgang so heiß war, dass drei Stockwerke höher noch die Lampen an den Wänden geschmolzen sind.

Ein Drittel der Bewohner kam mit Verdacht auf Rauchgasvergiftungen ins Krankenhaus, alle anderen blieben unverletzt. Dass es keine Opfer gab, ist nur auf den schnellen Einsatz von Feuerwehr und Polizei zurückzuführen: Der erste Streifenwagen sei bereits zwei Minuten nach der ersten Alarmierung vor Ort gewesen, der erste Löschzug von der zweieinhalb Kilometer entfernten Wache kurz darauf. Die Feuerwehr bekam den Brand unter Kontrolle, bevor er unter das Dach kriechen konnte, allerdings war die Verqualmung des Gebäudes so stark, dass sämtliche Wohnungen evakuiert werden mussten. Insgesamt waren über 80 Rettungskräfte vor Ort.

Und worüber schreibt die Presse? Nicht über ein barrierefreies Wohnhaus, sondern über ein Heim für Menschen mit geistiger Behinderung. Und während das eine Blatt rätselt, ob deren Bewohner vielleicht selbst heiße Grillkohle in den Abfallkübel gefüllt haben, stellt das andere in Ermangelung eines passenden Bildes eine alte Aufnahme von einem brennenden Schweinestall dazu. Was soll uns das sagen? Die behinderten Schweine haben ihr gerade mal vier Wochen altes Haus mit Grillkohle versehentlich angezündet? Oder die Feuerwehr musste die quiekenden Ferkel aus dem brennenden Stall holen, weil sie selbst nicht ins Freie liefen? Manchmal kann man nur mit dem Kopf schütteln.

Zum Glück ist nicht mehr passiert. Aber das ganze war wohl buchstäblich eine sehr heiße Kiste. Ich bin froh, dass niemand ernsthaft verletzt wurde (oder noch schlimmer) und hoffe natürlich, dass uns hier so etwas niemals passieren wird.

Kommentare :

Monall hat gesagt…

Liebe Jule,

Ich lese deinen Blog schon ein paar Monate - nachdem ich durch Zufall hier gelandet bin.

Und natürlich "musste" ich auch die längst vergangenen Geschichten nachlesen, weil du wirklich toll schreibst und offensichtlich viel erlebst.

Aber nun zu dem, was ich eigentlich zu deinem Eintrag schreiben will:

Wenn es danach gehen würde, dass ihr euch im Brandfall eigenständig retten könntet, könntet ihr kaum am öffentlichen Leben teilnehmen und und dürftet nur absolut ebenerdig wohnen. Denn ganz egal wo, sobald es mehrere Ebenen gibt, haben Rollstuhlfahrer - aber auch "nur" mobil eingeschränkte Leute (z. B. mit Rollator) keine Möglichkeit, sich zu retten. Aufzüge funktionieren ja im Brandfall erst mal aus Sicherheitsgründen nicht und Rolltreppen schalten spätestens bei einem Stromausfall ab, wenn nicht auch schon bei Feueralarm (zumindest ist es so z. B. bei der Münchner S-Bahn).

Wenn es blöd läuft, kann es im Brandfall tödlich enden, aber das trifft euch ja nicht nur in eurem Wohnhaus, sondern überall. Warum solltet ihr euch dann dort mehr Gedanken machen, als an jedem Bahnhof (so ein Erlebnis hattest du ja auch schon), Kaufhaus o. Ä.

Genießt die Freiheit, die ihr mit eurem Wohnprojekt habt und denkt nicht immer an ein Worst-Case-Szenario (bzw. lasst es euch nicht einreden). Das Leben ist ein einziges Risiko und endet in der Regel tödlich.

Und zu dem Artikel äußer ich mich lieber nicht, der Trend, Opfer als potentielle Täter darzustellen, geht mir dermaßen gegen den Strich...

Alice hat gesagt…

Die berichterstattung in der Presse ist manchmal einfach nur krank -.- Und aus "manchmal" wird leider so langsam "oft". Ein glück, dass niemandem was Ernstes passiert ist...

Klaus hat gesagt…

Wenn du die Artikel noch hast: Schick die mal ans Bildbog (http://www.bildblog.de).
Beim Schweinestall könnte sogar eine Beschwerde beim Presserat "lohnen"(*).

(*) Es "lohnt" sich eigentlich nicht. Aber es dokumentiert solche journalistischen Schweinereien zumindest ein wenig.

Brooke hat gesagt…

Hallo Jule ;-)
Endlich bist du wieder online. In deiner Abwesenheit nutze ich die Zeit, deinen Blog von Anfang an zu lesen. Ich bin noch mittendrin. Aber....Das was ich bisher von dir vernommen und gelesen habe ist sehr beeindruckend, interessant und für dein Alter verdammt weitsichtig. Ganz ehrlich, viele in Jugendliche in diesem Alter können mit deiner Lebens - und Moralansichten mithalten. Ich ziehe vor dir meinen Hut.

Ich weiß nicht, wie ich gehandelt hätte - mit der Situation sooo umzugehen, wie du es getan hast!

Ich bin unendlich froh Dich und deinen Blog entdeckt zu haben. Ich denke auch, das du nicht nur Jugendlichen, sondern auch Erwachsenen- viel Motivation und Zuversicht in die Zukunft vermittelst.

VLG an Dich :-)
von Brooke

BigDigger hat gesagt…

Allerdings muss man auch ein Beispiel hervorheben, das offenbar zumindest nicht komplett falsch berichtet: Das Abendblatt. Für einen Ableger des ASV ist das schon bemerkenswert. Die haben sogar auf den Missstand hingewiesen, dass das Ding eigentlich gar nicht da hingebaut hätte werden dürfen.

Siehe hier: http://www.abendblatt.de/hamburg/polizeimeldungen/article1993854/Feuer-im-Wohnhaus-fuer-behinderte-Menschen.html

BigDigger hat gesagt…

Ah, Mist, den haben die erst einen Tag später nachgelegt. Am 16.8. war tatsächlich noch von einem "Behindertenwohnheim" die Rede...

Mein vorheriger Beitrag sei hiermit relativiert.

baka hat gesagt…

huhu

ich denke, die Annahme der Presse, das es ein Wohnheim ist, kommt daher, dass in dem Kopf vieler Leute eben ist, dass es ein Heim ist, wenn viele Behinderte auf einem Fleck wohnen.
Leider denken viele noch Behindert =unselbstständig

Ich habe deinen Blog erst vor einigen Tagen gefunden..
ich lese ihn sehr gerne, und finde es super, wie du mit deinem Schicksal umgehst...
ich wünsch dir noch alles Gute für den weiteren Weg..

baka

Anonym hat gesagt…

Was mir zu denken gibt, ist die unglaublich gedankenlose Gleichstellung von Behindert == Geistig Behindert. Dass eine körperliche Behinderung aber auch gar nichts mit geistiger Behinderung zu tun hat ist sogar mir als Fussgänger, der in seinem Alltag praktisch nie mit Behinderten Personen zu tun hat, absolut klar.

Ich muss mal einfach annehmen, dass es bei der Presseberichterstattung a) um Sensationshascherei und b) um recherchefaule (oder resistente) Journalisten handelt.

Zu den Liften möchte ich noch folgendes anmerken. Nach 9'11 in New York ist man in den USA mittlerweile am diskutieren, ob die Benützung von Liften im Falle eines Alarmes wirklich weiterhin verboten werden sollte. Experten sind bei der Auswertung der Katastrophe zur Überzeugung gelangt, dass mit Liften weit mehr Personen hätten gerettet werden können als über die Treppenhäuser.

Trashbarg

Olli hat gesagt…

Nachträglich wärmegedämmte Fassaden sind eine üble Sache, wenn es brennt. Denn das verwandte Styropor ist in der Regel nicht gerade feuerfest. Dann am besten noch Solarkollektoren unter Strom am Dach und die Feuerwehr hat echt zu tun.