Donnerstag, 25. August 2011

Endlich wieder Internet

Endlich habe ich zu Hause wieder Internet. Heute um 16.00 Uhr konnte ich erstmals meinen PC wieder in Betrieb nehmen und bekam spontan rund 300 Mails... Das meiste ist Müll, aber bei einigen Mails wird der eine oder andere sich schon überlegt haben, ob ich mit ihm/ihr nicht mehr schreiben möchte oder ob ich zu viel um die Ohren habe, um zu antworten. Oder ob es mir schlecht geht. - Nein, schlecht geht es mir nicht.

Mir geht es gut. Ich vermisse den Sommer (der sich vor dem Norden offenbar versteckt hat), hoffe auf ein paar schöne Tage im September, bin nach wie vor mit meinem Umzug beschäftigt (habe das aber inzwischen so gut wie abgeschlossen) und hoffe, dass die Aufzüge weiterhin das tun, was sie inzwischen seit über einer Woche durchgehend tun: Funktionieren. Man hat einen Hardwarefehler gefunden, der zu regelmäßigen Problemen mit der Software führte, nachdem vier Figuren der Firma einen ganzen Vormittag lang in den Schächten herumgeturnt sind. Irgendetwas hatte zu viel Spiel, weil die Feder einer Spannrolle gebrochen war - den Fehler fand man, als man alles andere ausschließen konnte und es nur noch daran liegen konnte. Dafür musste man aber alles mögliche zerlegen, so dass die Leute entsprechend begeistert waren.

Inzwischen befinde ich mich auch schon in der letzten Woche meines Praktikums, bald heißt es: Abschied nehmen. Auch wenn ich mir sicher bin, dass ich Maria das eine oder andere Mal besuchen werde, so viel Zeit wie im Moment werde ich für sie nicht mehr haben. Ich war inzwischen mit ihr Schwimmen. Nicht in einer Schwimmhalle (ich wollte erst fragen, ob ich mit ihr im Krankenhaus ins Therapiebecken darf, wenn das mal frei ist, habe mich dann aber aus verschiedenen Gründen dagegen entschieden), sondern draußen, zusammen mit Cathleen. Meine "Kollegen" aus ihrer Wohngruppe hatten sehr große Bedenken, konnten sich damit aber zuletzt nicht durchsetzen, da sich Maria beim Wohngruppenleiter einen Gesprächstermin holte und ihm erklärte, dass sie volljährig ist und nicht unter Betreuung steht. Insofern dürfe sie selbst entscheiden, ob sie draußen baden geht oder nicht - und sei es noch so absurd aus seiner Sicht. Dem konnte er am Ende nichts entgegen setzen, er habe aber mehrmals an ihre Vernunft appelliert.

Wir waren mit ihr am Badesee, haben uns einen Tag ausgesucht, der zwar warm, aber bewölkt war, so dass nicht viele Leute vor Ort waren. Für alle Fälle hatte Cathleen ihren Neo mit, aber Maria wollte ohne ins Wasser und hat letztlich auch nicht übermäßig gefroren, obwohl das Wasser recht kalt war. Wir haben die mindestens 20 Hilfsangebote der anderen Badegäste konsequent abgelehnt, haben uns die Zeit genommen, die wir brauchten, hatten für sie einen aufblasbaren Schwimmkragen mit, denn sie kann sich selbst nicht aufrichten oder aufrecht halten oder überhaupt irgendwas koordinieren und Cathleen und ich brauchen teilweise beide Hände für uns selbst. Oder anders ausgedrückt: Wir mussten sie ein paar Mal für einen Moment loslassen, um mit uns selbst klar zu kommen und da wäre sie ohne Schwimmkragen abgesoffen. Aber als wir alle drin waren, konnte das Ding weg, sie hat sich entspannt auf das Wasser gelegt, ein bißchen mit den Armen herumgepaddelt, sich ziehen lassen, uns nassgespritzt, mindestens drei Liter Seewasser gesoffen und als wir wieder raus waren, kam doch tatsächlich noch die Sonne hinter den Wolken hervor, so dass wir uns auf dem Sand trocknen lassen konnten und dann auch noch für alle drei eine Pommes und eine Currywurst besorgten. Ich glaube, ich muss nicht erwähnen, ob es ihr gefallen hat.

Als wir Maria in einem Stück, ohne Schrammen und bleibende Schäden zu Hause ins Bett gepackt hatten, sagte ein "Kollege" zu mir, er habe mich am Anfang für durchgeknallt gehalten, eine Kollegin wollte mich sogar sofort rauswerfen lassen, weil ich nicht "zurechnungsfähig" sei. Inzwischen denke man etwas anders, aber man halte das, was ich gemacht habe, für eine lobenswerte Ausnahme vom Alltag. Man müsse schon selbst eine Behinderung haben, um sich in Maria hineinversetzen zu können, glaubt er. Ich halte das für eine Ausrede, denn ich kann mich auch nicht in sie reinversetzen. Ich kann mich bewegen (von den Beinen abgesehen), ich kann alleine essen, ich kann alleine mit dem Rollstuhl fahren. Ich glaube sofort, dass jemand, der sonst nie mit behinderten Menschen zu tun hat, absolut überfordert wäre, wenn er mit Maria schwimmen gehen sollte. Aber wer, wie die Mitarbeiter dort, mehr als 14 Tage mit ihr zu tun gehabt hat, der muss nur wollen und sich trauen.

Kommentare :

Sally hat gesagt…

WomIt überbrückst Du denn dann Deine Zeit, wenn das Praktikum zuende ist?

ruolbu hat gesagt…

Mich würde gerade eine Kleinigkeit interessieren.

"Wir haben die mindestens 20 Hilfsangebote der anderen Badegäste konsequent abgelehnt."

In so einer Situation bist du/seid ihr dann irgendwann von so vielen Menschen, die euch ansprechen genervt? Ich frage, da ich das Gefühl habe, ich selbst würde mich irgendwann gestört davon fühlen, nicht in Ruhe gelassen werden zu können. Im Kontrast dazu steht natürlich, dass ich es nicht mit einem Schwarmbewusstsein zu tun hätte, sondern mit vielen Individuen, die einzeln bereit sind, Hilfe zu leisten, wo sie glauben, dass diese Angebracht wäre. Dass kann ich niemanden vorwerfen.

Ja und ich frag mich gerade, wie diese Situation auf dich gewirkt hat und wie du damit umgehst.
k thx bye

btw. schön dass du wieder online bist, war ein bisschen trist, einen meiner Browser-Favoriten tgl. erfolglos zu öffnen.

Jule hat gesagt…

@Sally: Ich hoffe, dass ich dieses Praktikum als Pflegepraktikum angerechnet bekomme, das ist (erst nicht, dann doch, nun wieder nicht) noch nicht endgültig geklärt; auf jeden Fall muss ich vor dem Studium noch zwei weitere Monate, wenn es nicht angerechnet wird, noch drei weitere Monate Pflegepraktikum ableisten. Vollzeit...

@ruolbu: Es ist genauso, wie du gesagt hast, es nervt, aber man kann es niemandem vorwerfen. Solange die Leute normal fragen und die erste oder spätestens die zweite Antwort (wirklich nicht?) akzeptieren, kann ich damit leben. Ätzend wäre gewesen, wenn jemand anfasst ohne zu fragen (oder trotz Ablehnung), oder wenn sich jemand daneben stellt, um zu glotzen, ob es denn nun auch ohne ihn geht, also das ganze Treiben quasi beaufsichtigt, um notfalls eingreifen zu können. Aber die Leute dort waren glücklicherweise mal recht "normal". Andererseits ist es manchmal auch gut, wenn Leute fragen, denn vielen sieht man ihre Hilfsbereitschaft nicht sofort an, und manchmal könnte man eben doch Hilfe gebrauchen.

Gerade auch, weil Maria nun eindeutig hilfebedürftig ist und man es bei Cathleen und mir vermuten könnte, ist es vermutlich sehr schwierig zu verstehen, dass ausgerechnet wir, die vielleicht selbst Hilfe bräuchten, jemandem helfen. Aber wie gesagt, es hat funktioniert.

Banane hat gesagt…

Hi Jule,

Die Mitarbeiter müssen nicht nur wollen und sich trauen, sondern sie müssen auch noch genügend Zeit dafür übrig haben - und diese Zeit fehlt in der Pflege einfach viel zu oft.
Da können viele Betreuer und Pfleger einfach nur Dienst nach Vorschrift machen, wenn sie keine Lust dazu haben, unbezahlt ihre Freizeit für das zu opfern, wovon sie sich eigentlich nach einem (sicherlich nicht unbedingt völlig stressfreien) Arbeitstag eigentlich entspannen wollen...

Und dazu kannst du solche Dinge in einem zeitlich beschränkten Praktikum auch viel lockerer angehen als jemand, der mit seiner Tätigkeit dauerhaft seinen Lebensunterhalt bestreiten möchte und sich vor einer solchen Aktion noch viel intensiver fragt, welche Konsequenzen es für ihn und sein Leben haben könnte, wenn hier irgendwas schief geht.

So sehr ich das bewundere, was du mit Maria alles gemacht hast, so sehr kann ich auch Diejenigen verstehen, die in unserem derzeitigen Pflege-System solche Dinge eben nicht tun.
Das Hauptproblem ist nämlich nicht bei den Pflegern, sondern in unserem System der Pflege zu suchen.

Gruß
Banane

Sally hat gesagt…

Uh, ok, dann hast du noch zu tun... Aber das wirst du dann wahrscheinlich nicht in derselben Einrichtung ableisten, oder? Wenn nicht: Hast du für's nächste schon einen Platz in Aussicht?

Olli hat gesagt…

Es geht wohl auch um den Mut, mal was, eben vorsichtig, zu versuchen. Und darum, ob einer seinen Job erledigt oder es als seine Berufung sieht und dann auch mit so Aktionen wie von Jule darin aufgeht.
Es ist toll, dass es immer wieder Leute gibt, die ihrer Berufung nachgehen können oder zumindest, das, was ihr Job ist, mindestens phasenweise für sich als Berufung ansehen können.