Freitag, 9. September 2011

Was für ein Arbeitsklima

Wer bloggt, hat zu viel Zeit. Wer wenig Zeit hat, bloggt nicht seltener. Jule hat im Moment sehr wenig Zeit. Beziehungsweise ... die Zeit ist dieselbe wie früher, aber gerade kümmere ich mich darum, möglichst schnell meine Pflegepraktika, die ich für mein Studium benötige, fertig zu bekommen.

In einem großen Klinikkonzern, bei dem ich mich beworben hatte, bekam ich eine urologische Station in einem großen Hamburger Krankenhaus zugewiesen - ich war gerade mal drei Stunden dort. Nicht, weil mir die Leute zu krank waren, weil ich mit meiner Arbeit überfordert war oder weil mir meine Behinderung einen Strich durch die Rechnung gemacht hätte. Sondern weil das Pflegepersonal mich nicht akzeptieren wollte.

Es begann damit, dass mich um 5.30 Uhr im Dienstzimmer, wo ich mich melden sollte, die Oberschwester Hildegard mit den Worten: "Oh mein Gott, Sie sitzen ja in einem Rollstuhl." begrüßte. Auf meine Frage, ob das denn ein Problem sei, antwortete sie mit: "Ja. Und das wissen Sie auch. Ich hab jetzt keine Zeit für lange Diskussionen, aber nur so viel: Ich bin sehr für die Integration von Behinderten. Aber nicht überall. Lernen Sie einen Beruf, der was für Sie ist. Krankenpflege ist ein Knochenjob. Da muss man körperlich topfit sein und nicht selbst krank oder behindert."

"Ich brauche das für mein Medizinstudium." - "Sie kriegen von mir den Stempel, aber Aufgaben habe ich keine für Sie. Sie können sich da hinten an den Tisch setzen und ein paar Bücher lesen. Dann stehen Sie wenigstens nicht im Weg. In dreißig Minuten ist hier Alarm, da kann ich niemanden gebrauchen, der hier den Ablauf stört." - "Ich kann Ihnen doch Arbeit abnehmen. Essen austeilen zum Beispiel." - "Das fällt Ihnen doch alles runter. Ich kann das nicht gebrauchen, dass hier nachher Joghurt, Milch und Aufschnitt quer über den Flur verteilt sind oder Sie sich den heißen Kaffee über die Hose kippen und ich am Ende Ihre Verbrühungen versorgen muss." - "Zu Hause koche ich doch auch alleine." - "Ich habe gesagt, ich werde nicht diskutieren." - "Zu Befehl. Ich bin dann mal weg. Zum Personalchef, fragen, was ich machen soll."

"Es gibt keinen Grund, gleich zickig zu werden." - "Ich finde schon." - "Sie wissen auf alles eine Antwort, oder?" - "Auf alles nicht, nur bei den alltäglichen Gemeinheiten bin ich inzwischen recht schlagfertig." - "Sie gehen ... ach nee ... gehen kann man bei Ihnen ja nicht sagen ... Sie teilen mit Schwester B. das Frühstück aus. Für jedes Tablett, was runterfällt, zahlen Sie 5 Euro in die Stationskasse. Mehr als 20 Euro dürfen wir nicht annehmen." - "Wenn ich für jedes sauber ausgeteilte Tablett 5 Euro bekomme, können wir drüber reden." - "Sie sind ganz schön frech." - "Ich pass mich an." - "Vorsicht." - "Wenn mir was runterfällt, sammel ich das natürlich wieder auf. Darauf können wir uns einigen. Anderen fällt ja auch mal was runter." - "Ziehen Sie sich um. Im Schrank ist Kleidung, Sie tragen dunkelblau und wenn BH oder String rausgucken, gibt es Ärger."

Die Frage, ob drachengrün ihr vorbehalten ist, sparte ich mir. Da ich schlecht den Essenswagen schieben, dafür aber relativ schnell fahren kann, einigten wir uns darauf, dass Schwester B. die Tabletts aus dem Wagen zog, Kaffee oder Tee aufgoss und ich über den Flur flitzte und die Tabletts in die Zimmer brachte. Nein, Stinkesocke hat nix runterdonnern, sondern lediglich zwei Mal ein bißchen was aus der Kanne auf das Tablett plempern lassen. Die Zimmer waren alle groß genug, um an jedes Bett zu kommen, hin und wieder musste ich das Tablett erst auf den Tisch oder auf die Fensterbank stellen, bis ich am Bett den Tisch ausgeklappt hatte - in den meisten Fällen war aber genug Platz.

In fast jedem Herrenzimmer bekam ich einen netten Kommentar, als mich mit Namen vorstellte und als Praktikantin. "So werden wir ja gerne geweckt." - "Der Tag fängt gut an." - "Oh, endlich mal ein junger Hüpfer." - "Ein neues Gesicht! Klaus, dreh dich um, da kommt ein Lächeln durch die Tür! Die Sonne geht auf!"

In einigen Zimmern waren die Kommentare weniger nett. "Warte, ich nehm dir das ab. So krank bin ich noch nicht, dass ich mir von einer Rollstuhlfahrerin das Frühstück ans Bett bringen lassen muss." - "Nun sind schon Kaputte in der Pflege hier. Das ist ein Krankenhaus, echt zum Abgewöhnen." Bei der Oberschwester gehe ich davon aus, dass sie für Personalführung bezahlt wird, bei den Patienten, dass sie leiden. Im ersten Fall bin ich sauer, im zweiten lächel ich dann und schluck es runter. Schmeckt zwar eklig, aber unter Menschen mit Behinderungen gibt es auch genügend Leute, die (mal) rumnörgeln. Solange es nicht persönlich wird oder ich es persönlich nehmen muss ... ich hab ja zwei Ohren.

Auf jeden Fall haben wir mit dem Frühstück austeilen einen neuen Rekord aufgestellt. Dadurch, dass ich mich nicht mit 4-6 km/h durch den langen Gang bewegt habe, sondern eher mit 12-15 km/h, waren wir extrem schnell fertig. Das sagte Schwester B. schon nach den ersten Tabletts: Sonst hat sie beim Warten nebenbei immer schon die direkt angrenzenden Zimmer versorgt, aber heute sei sie kaum mit dem Sortieren und Wasser / Kaffee aufkippen hinterher gekommen.

Ich fragte, ob ich noch eine Runde durch alle Zimmer drehen sollte, weil ja bestimmt Leute dazwischen sind, die Hilfe brauchen. Den Joghurt nicht aufkriegen, das Brot nicht geschmiert bekommen oder ähnliches: "So etwas fangen wir hier gar nicht erst an." Okay. Es dauerte keine halbe Stunde, da wurde ich zu einem Vier-Augen-Gespräch gebeten: Ich würde auf einer anderen Station benötigt. Und zwar in der Kinder- und Jugendpsychiatrie. Seitdem bin ich dorf und rolle seit einer Woche einer Ärztin hinterher, die mal eine Lunge abhört, mal den Rettungswagen ruft, weil jemand einen halben Liter Dieselkraftstoff getrunken hat, mal Unterarme desinfiziert, die sich jemand aufgeritzt hat, mal eine Sportbefreiung ausstellt, weil jemand mit Erkältung nicht turnen soll, Magersüchtigen und Bulimikern Blut abnimmt ... und wenn sie gerade Einzelgespräche führt, spiele ich auf einer Station mit den Kindern und Jugendlichen "Mensch ärgere dich nicht", Backgammon, male, bastel, laber, tröste, hör mir Lebensgeschichten an, meistens schlimme, ermahne irgendwelche Nervensägen, dass sie keine Klimmzüge an der Gardinenstange machen, das Messer wieder in die Schublade legen, nicht gegen die Wand spucken, ihren Dödel wieder in die Hose stecken, mich nicht schlagen, den Tisch stehen lassen, nicht mit Stühlen werfen und mit dem Kopf nicht gegen die Wand schlagen sollen.

Da ich jeden Tag auf einer anderen Station bin oder gezielt mit einem Kind oder Jugendlichen was machen soll, kommen kaum persönliche Bindungen zustande. Es ist eine Herausforderung und ganz ehrlich: Einem Halsquerschnitt das Schwimmen beizubringen ist wesentlich einfacher als der Job. Diese Klinik gehört zum selben Konzern und auch wenn ich dort keine dummen Sprüche vom Personal höre, das Arbeitsklima ist ähnlich unpersönlich. Ich mach das Beste draus.

Kommentare :

chaze hat gesagt…

Wie lange musst du das jetz machen?
Oh Mann klingt scheisse. Aber ich hab schon soviel über Pflegepraktika gehört, das schockiert mich leider schon fast nicht mehr.

Nicht alles ist dein Kampf. Durchziehen und dann raus da. Sonst machst du dich nur kaputt.

Anonym hat gesagt…

Boooah hilfe, über die Frau würde ich mal nach dem Praktikum eine nette Beschwerde ans zuständige Amt schicken. Sowas geht ja mal garnicht. Denken können menschen viel, aber manchmal sollte man auch einfach mal die Klappe halten. Und SO-Denkende Menschen in einem solchen Beruf... da gruselt´s mich!

Ich hoffe du erlebst solche Drachen nicht so oft und verlierst nicht den Mut und deine Freude!

Anonym hat gesagt…

Na toll. Kein Wunder, dass in den Krankenhäusern das Personal häufig so launisch ist bei so einem Arbeitsklima. Sieh bloß zu, dass Du diesen Scheiß schnell rum kriegst.

Sally hat gesagt…

Klingt echt akkes andere als toll, halt die Ohren steif!Klingt echt akkes andere als toll, halt die Ohren steif!

Kaktus-learning by doing hat gesagt…

Großes Reschbeggd für dich jetzt mal. Ächt.

In deinem Alter hätte ich auch ohne Rolli nach Begrüssungschor von der netten Empfangschefin heulend das Etablissement verlassen.

*Thumbs up*

Das da eher unpersönliche Atmosphäre ist, ist mit Sicherheit eine Form von Schutz. Sonst hält man das auch gar nicht aus über eine längere Distanz.
LG
Kaktus

BigDigger hat gesagt…

Tja, das ist ja leider alles nicht neu bei den Konzernkrankenhäusern (die heißen übrigens nicht so, weil sie für Kranke sind, sondern weil sie selber krakt sind). Nun gibt's ja mehrere Konzerne in Hamburg und mehrere große Krankenhäuser. Deins hört sich stark nach denen an, die vom Beust-Senat so großzügig mit dem LBK beschenkt wurden und bei denen nach einem Jahr der personelle Fluchtreflex eingesetzt hat. Wenn's der ist, dann wundere Dich lieber nicht... Das ist übrigens jener Konzern, in dessen Krankenhäuser sich keiner aus meiner Familie einliefern lässt. Eher kriegen die Denkbefreiten am Steuer der Transportfahrzeuge blaue Augen.

Anonym hat gesagt…

Unfassbar was in Krankenhäusern so abgeht...
neulich durfte ich mir auch Sachen anhören, da will ich meinen Lebtag in kein Krankenhaus mehr... von wegen "Chirug operiert nur nach Schluck aus seinem Flachmann" usw... oder Frage von Chirug an Rettungsassistenten nach Blick auf EKG: "Können sie mir sagen ob das ein Herzinfarkt ist? Ich kann kein EKG lesen".... *grusel*

Jule hat gesagt…

@chaze: Ich bin in Monat 2 von 3.

@Kaktus: Ich will ja nicht verheimlichen, dass ich dabei einen Puls von mindestens 200 hatte und versucht habe, meine zitternden Hände unauffällig zu verstecken.

@BigDigger: Bevor jemand behauptet, ich hätte ihn öffentlich diffamiert, spare ich mir nähere Angaben zum Namen des Konzerns, sondern nehme, wie immer, nur deine Ratschläge an. Vielen Dank!

Lucie hat gesagt…

Boah, ist das zum Kotzen. Bin ich froh, dass ich die Pflegepraktika schon hinter mir habe... Ich hab zwar keine Behinderung, dafür aber reichlich Erfahrung mit Schwesterndrachen jeder Couleur. Manchmal hat man das Gefühl, die hassen Studenten aus Prinzip...und was sie dir gegenüber abgelassen hat, geht ja mal gar nicht. Ich hätte geheult vor Wut! Respekt, dass du da so schlagfertig reagieren kannst :) Und viel Glück weiterhin, nach dem Physikum machen die Praktika mehr Spaß!

JustAnne hat gesagt…

hab auch grade einen monat pflegepraktikum gemacht.. ich seh relativ jung aus und daher dachten eigentlich alle, dass ich ein schuelerpraktikum mache.. als ich dann auf nachfrage hin, von welcher schule ich komme gesagt habe, dass ich studentin bin, war der blick immer sehr eindeutig.. und behandelt wurde ich danach immer echt beschissen.. ich glaub das ist normal.. auch wenn das bei dir natuerlich noch mal ne spur heftiger war, aber es geht uns allen so ;)

Olli hat gesagt…

Autsch.
Zusammen mit der Dienstkleidung gibt es dann wohl auch ne Wochenration Antidepressiva?
Wirklich übel ist aber: für Jule ist es bald vorbei, für den Rest vom Personal und die Patienten nicht.