Montag, 3. Oktober 2011

Arsch für alles

Die obszöne Wortwahl der Überschrift wäre nicht meine, fühlte ich nicht zum Ausdruck bringen zu müssen, wie mich eine aktuelle Sache so derbst ankotzt, dass jede sittliche Formulierung unangepasst wäre.

Es geht um den Chef der Sportabteilung eines Vereins, der sich seit Jahren sprichwörtlich den Allerwertesten aufreißt, um Hamburgs Rollisportlern einen organisierten Rahmen und damit vor allem die nötige Kohle zu verschaffen. Er selbst verdient mit seiner Arbeit keinen Cent, macht selbst aus gesundheitlichen Gründen keinen Sport (mehr) und ist vor allem bei den jüngeren Leuten sehr beliebt. Ich habe kaum mit ihm zu tun, aber: Auch ich mag ihn sehr.

Ich weiß nicht, was ihn so beliebt macht, er hat einfach eine Art, die besonders bei jüngeren Leuten ankommt: Er nimmt dich einerseits völlig ernst, gibt andererseits dem ganzen aber einen völlig trivialen Rahmen. Nicht im Sinne von geistlos oder flach, sondern in dem Sinne, dass er es schafft, insbesondere unsicheren und überforderten Menschen jede innere Anspannung zu nehmen. Er steht dir gegenüber, sagt zwei Sätze und du weißt: Er hat mein Problem sofort verstanden, er versteht, wie schwerwiegend es ist und hat auch keine sofortige Lösung (das würde sich ja auch mit der Schwere des Problems widersprechen), aber er lässt dich nicht im Stich und hilft dir so lange, bis du deine Lösung gefunden hast.

Das ist schwer zu erklären, aber ein Beispiel (von vielen) ist: Ein auf das schwerste körperlich eingeschränktes Mädchen (Spastikerin) kommt mit 13 zu ihm und will alleine Rollifahren und Schwimmen lernen. Lehrer, Physio etc. haben es aufgegeben und raten zum Elektrorolli und zu Schwimmhilfen (Bauchgurt, Halskrause). Die Eltern folgen dem Rat. Das Mädel ist völlig schüchtern und traut sich selbst überhaupt nichts zu, kann aber auch nicht mal koordiniert sprechen (geschweige denn laufen, greifen etc.). Ist intellektuell aber altersgemäß entwickelt, besucht das Gymnasium (hat aber selbst im Unterricht ständig persönliche Assistenz). Ich habe anlässlich des 18. Geburstages dieser jungen Frau eine Videodokumentation des Vaters gesehen. Dieser Chef unserer Sportabteilung trifft sich seit fünf Jahren regelmäßig, nahezu wöchentlich, mit diesem Mädchen bzw. dieser jungen Frau und übt mit ihr (und anderen), wie sie im Alltag zurecht kommen kann. Abseits oder verflochten mit dem Sportprogramm. Bringt ihr Rollifahren bei, bringt ihr Schwimmen bei und sagt immer wieder: Ich habe keine Antwort auf das, was dein Körper da macht, aber ich bleibe so lange bei dir, bis wir eine gefunden haben. Probiert alles mit ihr aus, was ihr helfen und nützen könnte und gibt ihr über Jahre immer wieder die mentale Motivation, die unmöglichsten Dinge auszuprobieren und ... zum 18. Geburtstag schafft diese junge Frau ihr erstes Schwimmabzeichen. Was sonst Mädchen mit 5 oder 6 Jahren machen, schafft sie mit 18. Nachdem er 5 Jahre mit ihr in seiner Freizeit und ohne jedes Entgelt geübt hat.

Der Typ, über den ich unter anderem in meinem Post "Komm, tanz mit mir" bereits erzählt hatte, hat mit seiner Politik den Hamburger Rollisport in den letzten drei, vier Jahren unheimlich gepusht. Seit es ihn gibt, gibt es wieder eine ausgeglichene Haushaltslage, der Etat hat sich verdreifacht, ... ich will nicht mehr erzählen, denn vieles weiß ich selbst nur aus Erzählungen. So lange bin ich ja noch nicht dabei. Ich bin jedenfalls der Meinung, so ein Mensch verdient dafür großen Respekt.

Vor etwa einem Jahr hat jener Chef gehörigen Streit mit einer Trainerin gehabt, die wohl sehr engagiert war, sich diese Arbeit aber gleichzeitig gut bezahlen lassen wollte. Die im Ehrenamt üblichen Aufwandsentschädigungen (und unser Verein ist dabei verhältnismäßig großzügig) reichten ihr nicht und als alles tricksen und diskutieren nichts nützte, kehrte sie dem Verein den Rücken. Er sagte damals, es sei schade, eine fähige Kraft zu verlieren, aber ihm sei wichtiger, dass er auch jenen Mitgliedern noch ins Gesicht schauen könne, die sich ihren Mitgliedsbeitrag von jenem Taschengeld abzweigen, das sie im Pflegeheim bekommen. Hut ab für so eine Haltung, kann ich da nur sagen.

Aktuell soll er nun eine weitere Mitarbeiterin gefeuert haben, die ebenfalls sehr engagiert war, dabei aber zunehmend eigenmächtig gehandelt haben soll. Es gibt wohl ein Dutzend dokumentierte Fälle, in denen diese Mitarbeiterin sich über ihn hinweg gesetzt haben soll. Insbesondere soll sie wiederholt versucht haben, finanzielle Vorgaben dadurch zu kippen, dass sie Mitglieder (bzw. Eltern) gegen ihren Chef mobilisiert hat, zum Teil mit halben oder falschen Darstellungen. Der Gipfel waren wohl Streitigkeiten mit einem Vereinssponsor, die sie wegen einer Belanglosigkeit (Prinzipienreiterei) angezettelt hatte, so dass der Sponsor kündigte und ihr (gescheiterter) Versuch, über einen fingierten Vorschlag ihre Ehrung durch einen Fachverband zu erwirken. Ich weiß nicht, was davon stimmt. Man labert halt.

Aber eben, und das ist, was mich ankotzt, nicht mit ihm, sondern über ihn. Man kennt keine Inhalte, man weiß nicht, worum es geht, aber man beteiligt sich an Spekulationen, fällt Vorurteile und lästert. Die gefeuerte Mitarbeiterin versucht, Mitglieder, Eltern und andere Mitarbeiter gegen ihren bisherigen Chef zu mobilisieren. Ob er sich was vorzuwerfen hat, weiß ich nicht (und ich kann es mir beim besten Willen nicht vorstellen), aber ich habe es im Gefühl: Wenn sich da nicht ganz schnell ein paar Leute darum kümmern, dass dieser Vorgang aufgearbeitet wird und ihm ganz gehörig von verschiedenen Seiten der Rücken gestärkt wird, dann wird dieser Mann als "Arsch für alles" das Handtuch werfen.

Ich weiß, dass wir damit nicht nur einen Guten verlieren würden, sondern dass wir damit eine Lücke reißen, die in den nächsten Jahren nicht zu schließen sein wird. Das aktuelle Verhalten einzelner, zum Teil leider einflussreicher Sportlerinnen und Sportler empfinde ich als eine schallende Ohrfeige für den gesamten Hamburger Rollstuhlsport. Informiert euch, bevor ihr den Mund aufmacht. Und dann redet miteinander und nicht übereinander. Und lasst euch, herrje, nicht instrumentalisieren, sondern bildet euch endlich eine eigene Meinung. Stellt die richtigen Fragen, wenn ihr etwas wissen wollt, und fresst nicht jede Scheiße, die euch jemand in böswilliger Absicht vorsetzt.

Kommentare :

BP hat gesagt…

Wo kann ich unterschreiben?

BigDigger hat gesagt…

Ich glaube, den Verein kenne ich. Ich sag nur "Der erste 18er" ... ;-)

Und falls es Dir ein Trost ist: Gerade in den letzten 2 Jahren gibt es dort einen fatalen Hang zur Profilierungssucht, auch in anderen Sparten. Für mich ist das mittlerweile ein komplett durchsetzter Sauhaufen.

Kai hat gesagt…

BigDigger, meinst Du, dieser Chef will sich profilieren? Das liest sich bei Jule aber irgentwie ganz anders.

Ich finds traurig, wenn man so mit Leuten umgeht, die eigendlich was Gutes tun.

L hat gesagt…

Zum "komplett durchsetzten Sauhaufen" von BigDigger möchte ich sagen, dass ich diesen Vergleich schlecht gewählt finde. "Mit Säuen durchsetzter Haufen" würde ich unterschreiben, aber dass es dort mehr Säue als nette Leute gibt, möchte ich gerade, was meine Mannschaft angeht, nicht unterschreiben. :)

Anonym hat gesagt…

Das ist leider so, wenn man Verantwortung trägt, muss man sich dieser auch stellen, auch wenn es unbquem ist. Und wenn euer Chef alles richtig gemacht hat, wird ihm auch niemand ans Bein pinkeln.

Heinz hat gesagt…

Tja Jule, sieh selbst. Es kommentiert niemand. Niemand möchte damit zu tun haben. Du solltest aufpassen, dass nicht du diejenige bist, die am Ende alleine die Ohrfeigen abkriegt.

Thomas hat gesagt…

"Insbesondere soll sie wiederholt versucht haben, finanzielle Vorgaben dadurch zu kippen, dass sie Mitglieder (bzw. Eltern) gegen ihren Chef mobilisiert hat

Wie dumm ist die eigentlich? Welcher Chef lässt sich das denn bitte bieten?

"ihr (gescheiterter) Versuch, über einen fingierten Vorschlag ihre Ehrung durch einen Fachverband zu erwirken."

Und das ist schon nicht mehr dumm, das ist krank.

Ich glaube, das einzige, was dieser Chef falsch gemacht hat, ist so lange zu warten. Alle guten Dinge sind drei: Einmal reden, einmal ermahnen, einmal abmahnen - und wenn es dann ein viertes Mal passiert: Raus.