Mittwoch, 12. Oktober 2011

Ich komme trotzdem

Seit über einem Jahr habe ich meine Eltern nicht gesehen. Meine Mutter war zuletzt in einem Krankenhaus, mein Vater ist aus Hamburg weggezogen. Ich weiß lediglich, dass sie sich getrennt haben. Zu meiner restlichen Familie habe ich auch keinen Kontakt mehr. Und es geht mir gut. Auch wenn es böse klingt: Ich vermisse sie nicht. Das, was ich zuletzt mit ihnen erlebt habe, war so schlimm, dass ich auf weitere Kontakte lieber verzichtet habe. Sie kennen auch meine neue Adresse und Telefonnummer nicht, lediglich die alte Handynummer ist ihnen noch bekannt.

Hin und wieder, insgesamt so 5 bis 7 Mal, schrieb meine Mutter mir eine SMS, die ich zwar gelesen, aber konsequent nicht beantwortet habe. In diesen SMS warf sie mir meistens vor, unsere Familie zerstört zu haben und verlangte, dass ich Verantwortung dafür übernehme. Sie wolle mich sehen. Aus den bisherigen Erfahrungen, die ich mit solchen Treffen gemacht hatte, kann ich sagen, dass das nach spätestens 30 Sekunden derart eskaliert ist, dass es für mich unerträglich wurde. Und mit Eskalation meine ich nicht, dass sie sich über unpolierte Schuhe aufregt, sondern derart elementare Vorwürfe macht, dass ich mich verbal erschossen fühlte.

Letzte Woche bekam ich mal wieder eine SMS. Der Text: "Habe jetzt so oft versucht, Dich per SMS zu erreichen und anders ja keine Möglichkeit. Verstehe nicht, wenn man so gern Kontakt möchte und an Deinem Leben interessiert ist, dass Du Dich dann nicht meldest. Ist es so schlimm, wenn man als Mutter Kontakt möchte? Nenn mir dann doch wenigstens den Grund, was ich Dir getan habe, damit man zur Ruhe kommt."

Argh!!! Wie ich derartige Texte hasse! Ich habe mich dann, ich weiß, es war blöd, dazu hinreißen lassen, folgenden Text zu antworten: "Nein, Mama, anders hast du keine Möglichkeit. Und das hat auch einen guten Grund. Was du nicht verstehst, ist, dass eine Freundschaft immer von zwei Seiten bestehen muss. Es reicht nicht, dass du Kontakt möchtest und an meinem Leben interessiert bist, ich muss es auch wollen. Ich bin ein vollwertiger und unabhängiger Mensch. Ich entscheide selbst, mit wem ich wann und wie oft Kontakt haben möchte. Und nein, es ist nicht schlimm, wenn du, egal ob als Mutter oder nicht, Kontakt möchtest, es ist jedoch schlimm, wenn du nicht akzeptieren kannst, dass ich es nicht möchte. Wir haben seit meinem Unfall so unterschiedliche Ansichten, dass wir nicht einmal für eine oberflächliche Beziehung zusammenkommen. Das ist der Grund. Und jetzt lass mich bitte endlich in Ruhe."

Danach passierte erstmal nichts. Bis gestern. Gestern abend war ich beim Schwimmtraining. Ich bin direkt vom Praktikum zum Training gefahren und war nach dem Training auf dem Weg zum Parkplatz (es hatte geregnet und war schon dunkel), als plötzlich jemand zwischen den Autos heraus mir entgegen kommt. Wer könnte es nach den letzten Absätzen anderes sein als meine Mutter?! Ich war alleine. Sie begrüßte mich nicht, sondern sprach mich direkt an, dass sie meine Antwort-SMS sehr verletzt hätte. Ich habe darauf bewusst gar nichts gesagt, sondern bin direkt zu meinem Auto gerollt. Sie fragte: "Willst du dazu nichts sagen?"

Ich antwortete: "Ich hatte dich gebeten, mich in Ruhe zu lassen. Stattdessen tauchst du hier unangemeldet auf und machst mir Vorwürfe. Ich möchte diese Gespräche nicht, und jetzt lass mich bitte in Ruhe. Ich hatte einen anstrengenden Tag, möchte nach Hause, essen und schlafen."

Sie erwiderte: "Unangemeldet? Muss ich mich jetzt schon anmelden? Bei deiner Sekretärin vielleicht? Und interessiert es dich überhaupt nicht, ob ich vielleicht mit dir sprechen möchte? Du denkst immer nur an dich. Anstrengender Tag! Du bist 20, was soll ich denn sagen? Ich bin in deinem Alter morgens zur Arbeit, abends nach Hause, Geld für den Bus hatten wir nicht, ich musste jeden Tag fünf Kilometer mit dem Rad fahren, und abends sind wir dann noch weggegangen. Armes hungriges Kind, fährt einen Mercedes und hat nichts zu essen, du bist echt zu bedauern."

Ich öffnete mein Auto, setzte mich auf den Fahrersitz, begann, meinen Rollstuhl zu zerlegen und zu verladen. Sie fragte, ob ich sie wenigstens zum Hauptbahnhof fahren könne. Ich sagte: "Nein." Und schüttelte den Kopf. Sie schimpfte: "Du tust mir weh mit diesem Verhalten! Ich bin deine Mutter! Hab ich nicht immer alles getan für dich? Ich habe dich großgezogen! Ich habe dich überall hingefahren, nachts irgendwo abgeholt, ich habe alles versucht, damit du eine schöne Kindheit hast. Ich bin ..."

"Mama? Kannst aufhören, kenn ich schon alles. Ich möchte keinen Kontakt zu dir. Akzeptier das. Mach aus mir meinetwegen das undankbare Kind, sei vorwurfsvoll, verstehe mich nicht - aber lass mich dabei wenigstens in Ruhe. Und hör auf, mir nachzustellen und hier unangemeldet aufzutauchen. Ich möchte nicht, dass du hier zum Training kommst und mich auf dem Parkplatz im Dunkeln abfängst." - "Anders habe ich ja keine Möglichkeit." - "Auch das ist keine Möglichkeit, denn ich möchte das nicht." - "Ich komme trotzdem."

Kommentare :

annina hat gesagt…

Habt Ihr es mal mit einem Mediator (oder einer anderen derartigen Beratung) versucht? Nur, um Ihr klarzumachen, dass sie Deine Grenzen respektieren muss, meine ich.

Anonym hat gesagt…

Ich sehe das ähnlich wie Annina, dass ihr jemand klarmachen muss, dass sie Grenzen zu respektieren hat. Ich würde dafür aber keinen Mediator bemühen, sondern eher einen Amtsrichter, der eine einstweilige Verfügung erlässt, dass sie Abstand zu halten hat. Dann hat sie auch gleich was schriftliches, das sie sich über das Bett oder sonstwohin pinnen kann und dann braucht sie sich auch keine Sorgen mehr zu machen, ob sie jemand irgendwo hinfährt, im Zweifel machen das dann nämlich zwei knackige Jungs in blauen Klamotten, die immer in diesen Autos mit den lustigen blinkenden Lichtern auf dem Dach durch die Gegend gurken.

judith hat gesagt…

kennt deine mutter und die restliche familie diese seite?

Jule hat gesagt…

Vermutlich nicht, da sie mit Internet nicht viel am Hut haben. Warum?

Anonym hat gesagt…

Uff. Harter Tobak.
Falls das für dich eine Option ist, könnte man an eine einstweilige Verfügung denken.
Du kannst dich offenbar klar von ihr abgrenzen und sie abweisen, dennoch frisst so etwas ja langfristig Kraft.

Anonym hat gesagt…

Ich weiß leider nicht mehr genau was damals alles schief gelaufen ist bei euch. Glaube nicht das ich dein Verhalten nicht respektiere, so ist es nicht. Aber ich würde gerne mal versuchen die Perspektive (d)einer Mutter einzunehmen und im Anschluss zu schauen, was für euch beide besser laufen könnte, bzw. wie.

Aus Sicht (d)einer Mutter ist dein Verhalten sehr hart. Ich musste eben echt schlucken. Gibt es aus deiner Sicht gar keine Möglichkeit sie minimal an deinem Leben teilhaben zu lassen? Mal ne Postkarte schicken oder sowas? Sie iiiirgendwie minimal auf dem Laufenden halten was du so machst und wie es dir geht? Ich meine.. sie sehnt sich anscheinend sehr nach Kontakt zu dir und hat, wenn ich das richtig verstanden habe, (psychische) Probleme. Meine Überlegung: Vielleicht KANN sie einfach nicht anders handeln. Vielleicht weiß sie einfach nicht, wie sie vernünftig mit dir umgehen soll oder ihre Krankheit schränkt sie da ein.
Aber als Mutter, die ein Kind geboren, großgezogen, ihm vielleicht auch auf ihre Weise Liebe, Aufmerksamkeit und Achtung geschenkt hat (wenn vllt. auch nicht IMMER und zu 100 % dann eben so wie sie es konnte) so entschieden entgegen zu stehen... wenn ich sie wäre... würde das ganz schön weh tun. Vermutlich würde ich mein Leben keinen Sinn mehr machen, wenn meine Tochter nichts mehr mit mir zu tun haben wollen würde und mir auch nicht eine kleinste Perspektive eröffnet das sich das wieder ändern könnte. Wie gesagt, dennoch kenne ich deine Situation und euer Verhältnis nicht/kaum. Es ist dein Leben. Aber überleg vllt. doch mal, wie sie sich fühlt und ob du nicht in 5 Jahren oder später bereuen könntest, keinen Kontakt mehr zu ihr zu haben. Wenn es dir vllt. mal nicht so gut geht. Wenn du aus irgendeinem Grund mal kaum Freunde haben solltest. Wenn du Weihnachten mal allein verbringen müsstest.
Quält dich dass denn so gar nicht, dass es so ist wie es ist? Irgendwie fällt es mir schwer das zu glauben. Tief in deinem Inneren gibt es bestimmt mindestens 1 % Jule, die sich ein besseres Verhältnis zu ihrer Mutter wünscht...
Vielleicht gibt es einen Weg, den du bisher noch nicht gesehen hast, der euer Verhältnis wieder besser. Ob das eine Beratungsstelle ist oder ihr für euch einen Weg findet... wird sich zeigen.

LG,


*Biene*

Joachim hat gesagt…

@Biene:

Sucht die Mutter ein Verhältnis oder einen Sündenbock ("Verantwortung übernehmen")?

Ich weiß nicht, ob es die Krankheit der Mutter ist, oder ob sie nicht in der Lage ist ihr Verhalten und die Vergangenheit etwas distanziert zu betrachten (das eine schließt das andere wahrscheinlich mit ein, andersrum nicht zwangsläufig). Sonst würde sie beim Wiedersehen nicht mehr oder weniger nahtlos an das Fehlverhalten anknüpfen, dass sie überhaupt auseinanander gebracht hat.


Das ist doch schizophren. Damals hätten die (bzw. eher ihr Vater) Jule mit Glück zum betreuten Baden abholen lassen, heute ist es nicht mal erlaubt nach dem Sport erschöpft nach Hause zu fahren.

Ohne jetzt böse klingen zu wollen, Biene: Lies dir vielleicht noch mal ältere Beiträge durch, die Jules Probleme mit ihren Eltern schildern.
Dann willst du vielleicht einen Teil deines Beitrages revidieren. Denn Jule ist ja kein trotziges Kind, das keine Lust mehr auf ihre Eltern hat. Es wäre ja an Jules Stelle vielleicht zu verschmerzen gewesen, wenn ihre Eltern sich einfach nicht ordentlich um sie gekümmert hätten - aber das ist ja nicht der Fall. Selbst die paar Sachen an die ich mich erinnere handeln von Eltern, die so ziemlich alles falsch gemacht haben. Vorsätzlich. Und aktiv zu ihrem Nachteil in ihr Leben eingegriffen haben.

Ulli hat gesagt…

Meine Küchenpsychologie (und ich entschuldige mich jetzt schon dafür, wenn ich Dir damit zu Nahe trete, Jule) würde meinen, dass Du, solange Du sie mit Mama ansprichst, ihr immer noch das Gefühl gibst, dass Ihr immer noch ein Mutter-Tochter-Verhältnis habt. Dem Mann meiner Tante habe ich nach der Scheidung der beiden den "Titel" Onkel aberkannt, weil er sich benommen hat wie ein Bilderbuchidiot und ihn, als ich ihn noch einmal zufällig auf der Strasse getroffen habe, konsequent nur mit seinem Vornamen und nicht Onkel Vorname angesprochen - da er genau weiss, dass alle meinen Tanten und Onkels von uns Tante Vorname und Onkel Vorname angesprochen werden, hat er genau gewusst, was ich damit bezwecke. Und ich habe ihn nie wieder gesehen. :-)

Aber wie gesagt, das ist wahrscheinlich nur reine Küchenpsychologie.

Banane hat gesagt…

@*Biene*
Angesichts dessen, was im Vorfeld alles schon vorgefallen ist, finde ich nicht, dass sich Jule noch irgendwie um die Interessen ihrer "Erzeugerin" kümmern muss. (Das Wort Mutter verwende ich hier ungern, weil damit für mich auch gewisse "mütterliche" Einstellungen und Verhaltensweisen einher gehen, die bei Jules Mutter nach ihrem Unfall nicht vorhanden waren)
Da kann ich Jule nur einen Rat geben: Sei egoistisch und handle so, dass es dir am Besten geht und dass du immer mit gutem Gewissen in den Spiegel schauen kannst.

Jules Mutter sehe ich als zumindest nahezu hoffnungslosen Fall an und denke, dass sie Jule mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nur schaden kann. (Bei ihrem Vater dürfte das sogar mit 100%iger Sicherheit so sein... aber das ist noch mal eine andere Sache)
Höchstens wenn ihre Mutter irgendwann mal wirklich einsieht, wie falsch sie sich nach dem Unfall verhalten hat, sich dafür entschuldigt und ihr Verhalten auch wirklich ändert, sehe ich vielleicht einen ganz kleinen Hoffnungsschimmer für ein besseres Verhältnis zwischen den beiden.
Aber selbst dann würde ich Jule nicht unbedingt dazu raten, ihrer Mutter noch mal eine Chance zu geben, wenn sie das selbst nicht wirklich will.

Wenn du mal liest, was früher vorgefallen ist, wirst du meine Meinung vielleicht verstehen.

Gruß
Banane

Anonym hat gesagt…

@Ulli:
Ich hab zu meinem Vater keinerlei Kontakt. Über ihn spreche ich mit "papa", meine Mutter nenne ich beim Vornamen (und wir verstehen uns gut).
So etwas muss nicht immer dieselbe Bedeutung haben. Ich habe den Eindruck, dass du und Biene sehr davon ausgehen, dass jeder sich tief im Inneren Kontakt zur Mutter wünscht. Ich weiß nicht, wie es bei Jule da aussieht, kann aber aus eigener Erfahrung sagen, dass man zu einem Elternteil kein Nähebedürfnis haben kann.
Kontakt ist eine nette Sache. Wenn der andere davon mehr profitiert als der eine, ist das auch ok. Deswegen schreibt man auch eher faden Großtanten zum Geburtstag Karten, auch wenn einem kaum Text einfällt - denn sie freuen sich eben so sehr.
Wenn man mal einen Blick in die Vergangenheit wirft dann sieht es hier aber so aus, dass dieser Kontakt total auf Jules Kosten gehen könnte. Und das ist eben manchmal nicht mehr drin.
Selbstschutz geht vor.
Mag sein, dass die Mutter Jule liebt und Kontakt will. Leider äußert sie das auf eine Weise, die für Jule offenbar unpassend oder potentiell unangenehm ist. (Wenn ich das falsch verstanden habe, entschuldigt bitte)
Und das geht dann eben nicht.

Jule hat gesagt…

Vielen Dank für die vielen Rückmeldungen, die ich, wie immer, alle genau gelesen habe, teilweise auch mehrmals, um nichts zu überlesen. Da ich immer wieder um Anmerkungen und Kommentare bitte, freue ich mich, verschiedene Meinungen zu lesen und nehme Ratschläge und Sichtweisen sehr wichtig.

Wenn ich trotzdem nur auf ein oder zwei Kommentare eingehe, heißt das nicht, dass die anderen weniger wichtig sind, sondern, dass ich gerade bestimmte Gedanken aufgreifen und kommentieren möchte.

Zum Kommentar von *Biene* möchte ich gerne was loswerden, nämlich: Ich bin keine Mutter und kann von daher nicht wie eine Mutter fühlen. Möglich, dass ich irgendwann mal Mutter bin, möglich, dass ich irgendwann mal ein Kind habe, das volljährig geworden ist, möglich, dass ich dann mein heutiges Handeln in einem völlig anderen Licht sehe und mich selbst am liebsten ohrfeigen möchte, wenn ich diesen Text noch einmal lese. Das weiß ich nicht.

Ich möchte eine Sache betonen, weil ich nicht weiß, ob sie in meinem letzten Text so deutlich geworden ist: Ich halte nicht deshalb Abstand zu meiner Mutter, weil ich ihr etwas heimzahlen will, was ich nicht gut fand, oder weil ich glaube, (im Moment) nichts mit ihr bereden oder erleben zu können, vielleicht unterschiedliche Sichtweisen und Interessen zu haben. Das fände ich in der Tat sehr undankbar und respektlos.

Sondern ich bin überzeugt, dass mir der Kontakt zu meiner Mutter nicht gut tut. Und damit meine ich nicht, dass es anstrengend ist oder nervt, sondern damit meine ich, dass mir ein Kontakt zu ihr gesundheitlich schadet. Und ihr würde es auch nicht wirklich weiterhelfen.

Auch wenn das vielleicht alles so easy aussieht, wenn da eine Rollifahrerin mit ein paar Freundinnen lachend durch die Welt eiert und ich mich fühle als ginge es mir nie besser, war mein Weg zurück in ein lebenswerten Leben mühsam und sehr beschwerlich. Es hat ungeheuer viel emotionale Kraft gekostet, ein Netz zu knüpfen aus Freunden, Wohnung, Schule/Ausbildung/Job, Sport, ..., das mich trägt und mir über die Gemeinheiten des Alltags hinweg hilft, mir einen Lebenssinn gibt.

Ich kann mir sehr gut vorstellen, wie leicht man aus diesem Netz herausfallen kann und wie schnell man Menschen braucht, die einen festhalten. Eine Querschnittlähmung, ein Dasein im Rollstuhl, ist immer ein Risiko, körperlich und psychisch abzustürzen. Natürlich fragt sich jeder von uns mal nach dem einen oder anderen Sinn, hat einen beschissenen Tag oder fühlt sich als Opfer. Das meine ich auch nicht.

Meine Mutter hat seit meinem Unfall noch nicht ein einziges Mal ernsthaft etwas nettes zu mir gesagt. Wenn sie die Möglichkeit hatte, mit mir zu reden, hat sie immer versucht, mir die Schuld zu geben für den Unfall und die Trennung meiner Eltern. Diesen Schuh ziehe ich mir aber nicht an. Ich bin nicht Schuld an dem Unfall. Und meine Eltern haben sich vielleicht wegen des Unfalls getrennt, aber nicht meinetwegen. Meine Mutter kommt mit der Situation, plötzlich ein behindertes Kind zu haben, nicht klar. Sie ist damit überfordert - wie jede Mutter. Aber sie lässt sich nicht helfen. Sie hat jedes Hilfsangebot der Klinik, in der ich war, konsequent abgelehnt. Nicht mal bei einem Informationsabend für Angehörige ist sie gewesen.

Sie hat eine eigene Vorstellung von Rollstuhlfahrern. Rollstuhlfahrer sind arme Würstchen, die nichts mehr auf die Reihe kriegen. Sie glaubt ernsthaft, das alles, was ich unter "Selbständigkeit" zusammenfasse, nur dazu dient, mir zu beweisen, dass ich nicht behindert bin. Sie verlangt von mir, mich endlich so zu akzeptieren wie ich bin, nämlich behindert. Meine Freundschaften aufzugeben, mein Abi/Studium zu schmeißen, meinen Sport sein zu lassen - das mache ich doch alles nur, um mir zu beweisen, dass ich nicht behindert bin. Nicht umsonst bekäme ich eine Rente. Und mein Vater ist noch schlimmer in dieser Hinsicht.

...

Jule hat gesagt…

... Teil 2

Sorry, aber das kann ich nicht zulassen. Ich möchte kein Leben als Krüppel. Ich kann mich alleine bewegen. Ich brauche niemanden, der mich pflegt. Meine Mutter versteht es nicht, kann dieses Thema aber auch nicht ausklammern. Es ist allgegenwärtig. Es bleibt mir nur, Abstand zu suchen.

Es ist schwer genug, mit den tatsächlichen Hindernissen des Alltags zu kämpfen. Da kann ich niemanden gebrauchen, der mir noch zusätzliche Hindernisse bereitet. Es ist vielleicht möglich, sie davon zu überzeugen, dass Selbständigkeit doch erstrebenswert ist. Das würde bedeuten, dass sie umdenkt, sich informiert und vor allem auch eine Therapie macht, um ihre psychische Erkrankung in den Griff zu bekommen. Sie lehnt aber jeden Kontakt zu Menschen, die dafür bezahlt werden, dass sie beispielsweise Angehörige von Querschnitten beraten, konsequent ab. Bliebe allenfalls, dass ich ihr dabei helfe. Das würde mich aber aufzehren. Meine Psychologin hat mir dringend davon abgeraten, sondern mir den Rat gegeben, größtmögliche Distanz zu schaffen.

Ich habe anfangs noch versucht, den Kontakt zu halten, obwohl es schon schwer war. Bin stundenlang durch tiefsten Schnee gefahren und hab mich da auf die Fresse gepackt, nur um sie zu besuchen. Habe für sie eingekauft und mich abgeschleppt, noch mit Schrauben und Platten im Körper, habe sie eingeladen - sie hat immer nur auf mir rumgehackt. Es vergingen keine 30 Sekunden und sie hat Theater gemacht. Ich habe versucht, ihre Erkrankung zu verstehen, habe mir Bücher gekauft, im Netz recherchiert, um zu kapieren, warum sie so drauf ist. Ja, ihr Verhalten ist durch ihre Krankheit gefärbt. Aber nein, ich habe die Kraft nicht, dass sie sich an mir therapieren kann. Nee, wirklich nicht.

Ich habe genug aufgeladen und ich glaube nicht, dass ich jetzt bis auf weiteres Trübsal blasen muss, weil es meiner Mutter schlecht geht. Es würde ihr nicht mal helfen. Insofern bin ich mir sehr sicher, dass ich nach wie vor keinen Kontakt möchte.

Anonym hat gesagt…

Ich habe ein ähnliches Problem wie du Jule - nur anders gelagert ;)
Bei mir ist meine Mutter der festen Überzeugung man könne niemals unter Antidepressivamedikation ein Studium durchziehen - wenn ich tagelang nichtmal genügend Energie aufbringe genügend zu Essen, oder mich um meine Freundschaften zu kümmern.. und jede Kinoeinladung ausschlage, dann.. ja, dann ist das Faulheit! Wie ja schon früher, und überhaupt, und sowieso *augenroll*
Meine Mutter ist halt der Meinung pychische Probleme lassen sich überstehen in dem man einfach konsequent so tut als gäbe es sie nicht - was mich inzwischen da ich von meinen Eltern noch abhängig bin (Unterhalt -.-') inzwischen in das zweite abgebrochene Studium treibt. Ich habe die Wahl zwischen einem Krankheitssemester dass mir das Genick bricht was meine Eltern angeht, und einem Studiumssemester, was meinem Studium den Hals bricht..

Sorry dass das mal raus musste ^^' aber du bist nicht alleine, ich mag meine Mutter, und ich liebe sie für manches - aber noch ist sie auch diejenige die mich immer wieder am meisten verletzt. Borderline Mutter und Tendenz zum Borderlinern bei der Tochter sind einfach ziemlich.. böse. Böse und manchmal gut. Aber es wäre besser ich würde noch heute allen Kontakt und jedes Geldverhältnis abbrechen können -.-

infraredglasses hat gesagt…

Bei mir so ähnlich. Nur dass ich bisher noch nie die Kraft hatte, das so konsequent durchzuziehen wie du, dafür bewundere ich dich.

Anonym hat gesagt…

Gründen wir eine "ich muss von meinen Eltern loskommen" Selbsthilfegruppe :D

Eine Mutter hat gesagt…

Könnte es sein, Jule, dass du vor lauter Streben nach Selbständigkeit die wesentlichen Merkmale einer zwischenmenschlichen Beziehung in den Hintergrund stellst? Mir scheint, als wäre dir die Selbständigkeit wichtiger als eine gesunde Beziehung zwischen Mutter und Tochter!

Du siehst das alles nur aus deiner Perspektive. Du denkst, du bist der Nabel der Welt. Aber andere Leute haben auch Probleme, wie du hier siehst. Sie müssen auch klar kommen und ich sehe wirklich die Gefahr, dass du dich einigelst in dein Netz aus behinderten Menschen, die sich ständig wieder erzählen, wie gemein die Welt um sie herum doch ist, weil niemand nachvollziehen kann, wie schwer ein Leben im Rollstuhl sein mag.

Du hast doch Spaß, du hast doch Freude, du hast doch Kraft, du gibst sogar anderen etwas ab von deiner Kraft. Warum kannst du dich nicht um deine Mutter kümmern, wenn sie deine Hilfe braucht? Sondern stößt sie ab wie ein Kuckuckskind seine Mitbewohner und findest das alles noch normal.

Es wird sich doch ein Rahmen finden lassen, beispielsweise alle 14 Tage eine Stunde, in der du etwas mit deiner Mutter zusammen machst und ihr hilfst, ihre Krankheit zu überwinden oder etwas positives im Leben zu geben. Deine Mutter wurde schließlich auch nicht gefragt, ob sie deine vollgeschissene Windel wechseln möchte, als du mit deinem ersten Durchfall durch den Laufstall gekrabbelt bist.

Denk mal drüber nach und lerne so etwas wie Dankbarkeit an den Tag zu legen! Sorry aber das musste mal raus.

Aki hat gesagt…

@Eine Mutter

Du scheinst eine sehr ähnliche Perspektive zu haben wie Jules Mutter... Ich habe selbst noch keine Kinder und kann eventuell wirkliche Muttergefühle nicht vollständig nachvollziehen, aber ich würde auch die Meinung vertreten: Wer mich in meinem Leben einschränken will und mir nur schadet, der hat in diesem meinem Leben auch nichts mehr verloren. Ja, in diesem Falle ist die Selbstständigkeit wichtiger als eine "gesunde Beziehung zwischen Mutter und Tochter". Blut ist nicht dicker als Wasser. Und das sage ich, die sich mit ihrer Mutter im Grunde recht gut versteht.

Jule sieht sich nicht mehr oder weniger als der Nabel der Welt wie andere Menschen auch. Sie tut nur das, worauf sie ein Recht hat, nämlich unabhängig und ungeschadet so leben, wie sie es für richtig hält. Allein, wie du ihre Situation schon beschreibst! "Einigeln in ein Netz aus behinderten Menschen" - hallo??? Ich denke, du hast wohl die gleiche verquere Sichtweise auf Menschen im Rollstuhl wie Jules Mutter: Die sitzen im Rollstuhl, deswegen müssen sie auf alles schimpfen, denn sie sind ja so gefrustet. Ich finde das wirklich sehr traurig, denn du hast genau wie Jules Mutter nichts verstanden.

Die hat ihrer Tochter auch nicht geholfen, als sie Hilfe brauchte, sondern sie sogar noch mehr in den Dreck gestoßen. Und dieser Person soll sie jetzt helfen, obwohl ihr das selbst nicht gut tut? Obwohl ihre Psychologin ihr davon abrät? Ganz ehrlich, ich weiß nicht, wie du dir das vorstellst.

Und noch etwas: Deinem Argument, von wegen, die Mutter wurde auch nicht gefragt, ob sie Windeln wechseln möchte, muss ich doch heftigst widersprechen. Zum Einen hat sie sich entschieden, ihre Tochter zu bekommen - in den heutigen Zeiten ist das eine freie Entscheidung - und zum Zweiten ist das wirklich das schäbigste Argument, das du auspacken konntest. "Ich bin deine Mutter, du MUSST dankbar sein." mag vielleicht aus Mutterliebe bis zu einem bestimmten Grad richtig sein - Jules Mutter hat dies aber durch ihr Verhalten nach dem Unfall und auch jetzt noch (und das trotz psychischer Krankheit) schlicht und einfach verspielt. Punkt.

Ich würde dir vorschlagen, vielleicht den ganzen Blog noch einmal zu lesen. Dann verstehst du eventuell, wieso Jule so handelt, ja sogar so handeln MUSS wie sie es tut.

Sorry, aber das musste mal raus.

Eine sonst stille Leserin hat gesagt…

Ich glaube, so etwas kann nur jemand verstehen, der selbst schon mal in einer ähnlichen Situation war. Wenn Selbstschutz der letzte Weg ist. Da sind dann Mutter-, Vater- oder sonstwelche Bindungen vollkommen egal.

Jule hat hier alles richtig gemacht. Ich persönlich hätte auf die SMS und die Frage der Mutter nach dem Grund wohl geantwortet, dass es schön ist, dass sie an Alzheimer leide und die Handlungen in der Vergangenheit komplett vergessen habe. Ich nicht. Punkt.

Ich nutze dann gleich mal die Gelegenheit dir, Jule, für dieses sehr interssante Blog zu danken. Ich lese immer wieder gerne deine Erlebnisse und Schilderungen aus deinem Leben. Wäre ich an deiner Stelle, ich würde es wohl nicht packen.

Anonym hat gesagt…

Kann es sein, daß Deine Eltern einfach neidisch auf Dein Geld sind? Allein der Kommentar Deiner Mutter, daß Du einen Mercedes fährst und sie früher mit dem Rad fahren musste. Dann vor einiger Zeit die Geschichte mit der Versicherung, dessen Geld Dein Vater eingesteckt hat.
Mir kommt es so vor, als wenn Deine Eltern versuchen, aus Deinem Unfall Profit zu schlagen und Geld für sich zu beanspruchen. Und da Du jetzt keinen Kontakt mehr haben willst, versuchen sie aus gekränkter Ehre, Dir die Schuld zuzuschieben.

BigDigger hat gesagt…

@Eine Mutter

Ich kann Aki nur zustimmen: Lies den Blog nochmal ganz von vorn, beginnend am 2. Januar 2009. Dann wirst Du gleich im ersten Eintrag auf den folgenden Sachverhalt stoßen:

- Jule lag (und das noch für längere Zeit) noch im Krankenhaus und hatte sich wundgelegen.
- Der Arzt "verbot" daraufhin den geplanten Ausgang anlässlich des 50. Geburtstags ihrer Mutter.
- Als Jule ihr das mitteilte, antwortete die Mutter, entweder sie komme oder sie sei nicht mehr ihre Tochter.

Spricht das für Mutterliebe?

Wenn Du sämtliche Blogeinträge noch einmal liest, tu das bitte nicht aus Deiner Muttersicht, sondern erinnere Dich daran, dass Du selbst mal Tochter warst.

Wenn Du es dann immer noch nicht verstehst, ist Dir nicht zu helfen.

Ulli hat gesagt…

@Anonym (2 Einträge unter meinem): Ich habe mich glaube ich falsch ausgedrückt: ich kann sehr gut verstehen, dass Jule keinen Kontakt mehr zu ihrer Mutter haben möchte und würde an ihrer Stelle wohl nicht anders handeln. Ich meinte nur, dass es Jules Mutter vielleicht NOCH deutlicher zeigen würde, dass Jule keinen Kontakt mehr zu ihr möchte, wenn Jule sie nicht mit Mama/Mutter anspricht sondern mit ihrem Vornamen. Sozusagen als offensichtliches Signal, dass ihr der "Titel" Mutter aberkannt wurde.

Anonym hat gesagt…

Also ich kann das Verhalten von deiner Mutter absolut nicht verstehen, und ich finde auch den Beitrag von "eine Mutter" ziemlich krass.
Und gerade was das angebliche "einigeln" angeht. Ich denke, selbst wenn (und aus Jules Blog geht immer wieder hervor dass sie nicht nur mit anderen Menschen im Rolli was unternimmt) es so wäre, dass jemand nur Kontakt zu anderen Behinderten hat. Mit einigeln hat das null zu tun.
Im Gegenteil, wenn jeman Mitleid haben wollen würde, dann wäre er ja wohl falsch aufgehoben in ner Gruppe von Leuten die ähnliches erlebt hätten. Da wäre es doch viel "praktischer" nur mit Fußgängern was zu unternehmen. Die können ja nicht sagen, dass sie das kennen. Von deren Seite würde man viel mehr Mitleid bekommen und könnte viel eher darüber schimpfen wie ungerecht die Welt doch ist. (Würde einem nichts bringen aber das ist ja ein anderes Thema)
Und wie soll man denn Lernen, was alles möglich ist, wenn man nur mit Fußgängern zu tun hat, die der Meinung seien, man sei jetzt ein totalter Pflegefall??? Das kann doch gar nicht klappen.

Ja klar könnte man sagen, dass Jule auch dankbar sein sollte, oder was für ihre Mutter tun könnte, aber es ist ja nicht so, dass es für sie einfach "nur" nervig ist, sondern es schadet ihr massiv. Das ist was ganz anderes als wenn sie einfach keine Lust hätte oder so.
Mal ganz abgesehen davon, dass ich denke, dass auch ein Kontakt für die Mutter nicht gut wäre, solange sie nicht versteht, dass ´seine Behinderung akzeptieren` vor allem heißt, zu schauen was man alles machen kann und nicht was jetzt alles nicht mehr geht.

Ist vielleicht alles etwas wirr geschrieben aber hoffentlich trotzdem zu verstehen

Lass dich nicht verunsichern Jule.

Anonym hat gesagt…

Naja, mit meinem "Wissen" (im Nachhinein wohl eher Unwissen) über das Leben und Potential von querschnittgelähmten Menschen hätte ich meiner (fiktiven) Tochter z.B. auch nicht geglaubt, daß sie einen Führerschein gemacht hat: Unter 18 Jahre und mit Querschnittlähmung? Geht doch gar, lügt mich doch an, mein holdes Töchterlein. Etc....

Aber wenn man dann mal weiterliest hier im Blog, ergibt irgendwie alles seinen Sinn. Viele Außenstehende scheitern wahrscheinlich schon an diesem Punkt. Sie haben einfach nicht genug Informationen.

Nur: An dem Punkt muß man von den Eltern einfach erwarten können, daß sie sich diese Informationen besorgen. Daß sie _alles_ tun, damit es dem eigenen Kind besser geht, in jeglicher Hinsicht. Und an dem Punkt haben Jules Eltern kraß versagt, sei es aus eigener Schuld (Vorurteile, Verbohrtheit, Engstirnigkeit) oder aus Überforderung.

Jule, ich wünsche dir Gesundheit und alles Gute. Und danke, daß ihr viel dazulernen durfte.

Anonym hat gesagt…

@eine Mutter:
Eine gesunde Beziehung zwischen Mutter und Tochter beinhaltet etwas anderes als dass Jules Mutter sich an Jule ausweinen, abregieren, lostherapieren kann. Was mit dieser Mutter möglich ist, ist eben keine gesunde Beziehung sondern eine, die Jule schadet.
Und nein: Niemand ist verpflichtet, sich selbst zu schaden oder jemand anderem die freie Laufbahn zu bieten, einem zu schaden.

Menschenopfer sind nicht mehr üblich.

infraredglasses hat gesagt…

@Eine Mutter: Glaub mir, an irgendeinem Punkt muss man selbst, egal wie weh es einem tut (was es Jule sicherlich auch hat) den Wunsch nach einer gesunden Beziehung zu den Eltern aufgeben. Nämlich dann, wenn sie einem nur noch schadet. Das hat nichts mit Undankbarkeit zu tun, das hat etwas damit zu tun, dass man auch ein Recht auf ein schönes Leben hat, auf ein selbstbestimmtes Leben, ohne Menschen, die einem permanent schlechte Gefühle verursachen, die einem von dem ablenken, was gut und wichtig ist.

Banane hat gesagt…

@eine Mutter
Eine gesunde Beziehung zwischen Mutter und Tochter basiert auf Gegenseitigkeit und nicht darauf, dass eine Mutter ihre Tochter klein und unselbstständig halten will, um deren Leben ihrer falschen Vorstellung vom Leben behinderter Menschen anzupassen.

Warum sollte Jule also nur um einer "gesunden Beziehung zwischen Mutter und Tochter" willen, die sowieso schon bedingt durch ihre Mutter nicht besteht, ständige Konflikte in Kauf nehmen oder ihr Leben so gestalten, dass es zwar ihrer Mutter, aber nicht mehr ihr gefällt?

Auch wenn ich mich selbst mit meinen Eltern sehr gut verstehe, kenne ich leider genügend Fälle, in denen es keine solche gesunde Eltern-Kind-Beziehung gibt, bzw. gab.
Teilweise wurden die Kinder "nur" vernachlässigt und ihnen wurden ein paar Steine in den Weg gelegt, die sie trotzdem nicht daran gehindert haben, heute ein normales Leben (unabhängig von den Eltern) zu führen; teilweise ging es so weit, dass die Kinder zu ihrem eigenen Schutz vom Jugendamt aus der Familie geholt werden mussten und teilweise passierte diese Rettung erst viel zu spät, so dass diese Kinder niemals ein auch nur ansatzweise normales Leben führen werden, weil die Eltern ihre eigenen Kindern durch Vernachlässigung, körperliche oder psychische Gewalt, usw. große, irreparable Schäden zugefügt haben.
Wenn man solche Fälle kennt, weiß man einfach, dass die Tatsache, von 2 Personen gezeugt worden zu sein, nicht notwendigerweise zu einer "gesunden Beziehung" zu diesen Personen führt und dass das die klassische Eltern-Kind-Beziehung, die den Eltern und dem Kind nutzt, keine Selbstverständlichkeit ist.
Da gibt es einfach Fälle, in denen es nicht nur sinnvoll, sondern absolut notwendig ist, sich selbst vor seinen Eltern zu schützen, indem man diese ungesunde Beziehung abbricht oder ein Kind vor seinen Eltern zu schützen und diese Beziehung abzubrechen.

Zum Glück schaffst du, Jule, es, dich selbst vor dem schädlichen Einfluss deiner "Erzeuger" (Erzeuger, weil sie ihrer Elternrolle zumindest seit deinem Unfall nicht mal ansatzweise gerecht werden, sondern dir schaden wollen) zu schützen und dir so ein schönes Leben zu ermöglichen.
Hut ab vor dieser Leistung und mach weiter so!
Und da ist es scheißegal, wer dich (in Zeiten möglicher Verhütung völlig freiwillig) in die Welt gesetzt, dir die Windeln gewechselt hat, usw.

Gruß
Banane

Krischan hat gesagt…

Jule hat in ihren Kommentaren erwähnt, dass sie sich nach der Erkrankung bzw Diagnose der Mutter durchaus persönlich und mit Aufwand um sie gekümmert hat (was ich sonst nirgendwo im Blog gelesen habe).

Für dieses Engagement trotz vorherigen Zerwürfnis gab es wie hier beschriebenen psychischen Terror zum Dank. Wer Jule da nicht beim Kontaktabbruch verstehen kann, sollte ... besser keine Mutter werden? (Ok, gehässiger Seitenhieb am Ende.)

ein Vater hat gesagt…

Auch wenn der Beitrag inzwischen recht alt ist, habe ich das Bedürfnis mich zu äußern.

@eine Mutter:
Wenn man nicht gerade sehr viel Pech hatte oder zu blöde für Verhütung ist, hat jede Mutter und jeder Vater die Wahl bzgl. der vollgeschissenen Windeln.
Außerdem sind vollgeschissene Windeln etwas ganz anderes als wiederholte emotionale Schmerzen.
Ich denke auch, dass Kinder später eine gewisse Verantwortung für ihre Eltern haben. Aber da gibt es natürlich auch Grenzen.
Man muss sich als Eltern auch klarmachen, dass man, egal wie lange man sich um seine Kinder gekümmert hat, Fehler machen kann, die das alles kaputt machen. Es gibt da keinen unbedingten Anspruch auf irgendwas.

Natürlich wäre es schön, wenn Jule die Kraft hätte Ihrer Mutter mit ihrer psychischen Krankheit zu helfen. Aber sie selbst und ihre Psychologin meinen, dass das nicht so ist.
Jule hat in der Richtung wirklich viel versucht, was ich bewundernswert finde.
Irgendwelche Vorwürfe in die Richtung halte ich für vollkommen unangebracht.

Dörte hat gesagt…

Liebe Jule,

ich bin über heute.de auf den Taxi blog von sash und über seinen blog bei deinem blog gelandet.

gerade habe ich mich ca. 3 stunden durchgearbeitet, mich interessierte, wie du mit deiner Behinderung umgehst und ich kann sagen: bewundernswert!

ja, genau! man muss es akzeptieren! und damit leben lernen! *kopfnick*

liebe Jule, wenn ich darf möchte ich dir, innerlich berührt, etwas aus meiner Erfahrung berichten:

ich habe eine (anerkannt) schwere (psychische) Behinderung (GdB 70). für mich nichts anderes als eine körperliche Behinderung. ich lerne seit Jahren, damit umzugehen, sie zu akzeptieren. und mittlerweile kann ich es: ja sie gehört zu meinem leben und ich kann verantwortungsvoll damit umgehen. kann Risiken minimieren und dinge, die zu meiner Behinderung gehören akzeptieren ohne mich abzuwerten ... (du siehst auch ich habe einen guten Thera :-) )

liebe Jule, für mich ganz wichtig in meiner Akzeptanz meiner Erkrankung war: meiner Mutter zu verzeihen. In der Theorie wird meine Erkrankung durch eine Bindungsstörung in frühester Kindheit und später durch ein sog. "invalidisierendes Umfeld" verursacht ... dem kann ich zustimmen ...

Aber seit ich selber Mutter bin, weiß ich, wie intensiv eine Mutter-Kind Bindung und und wie schwer z.T. Erziehung ist.

Meine Mutter ist vor sechs Monaten gestorben, aber ich habe ihr vorher verziehen. Es war wichtig für mich, sie nicht ohne dieses Verzeihen gehen zu lassen. Und ich weiß heute, dass sie, obwohl ich sie immer als distanziert erlebt habe, sie ein wahnsinnig sensibler und empathischer Mensch war, den die Umstände kaputt gemacht haben.

Und: ich denke, ich bin (bestätigt durch meine Hilfsmöglichkeiten) heute eine gute Mutter. Ich mache vieles anders, reflektierter. Ich möchte nämlich keine sogenannten "Familienendynamiken" weitergeben und ich glaube ich bin gut darin.

ABER: Ich möchte auch nicht vergessen, dass meine Eltern diese Hilfsmöglichkeiten, die es heute gibt, nicht hatten ... damals zu ihrer Zeit, war es verpönt Hilfe zu suchen und anzunehmen.

daher vielleicht auch die vielen Fehler.

Gut gemeint haben sie es trotzdem und ich weiß heute (als Mutter, weil man kann nicht anders) sie wollten stets das beste!

Liebe Jule, das war ein bißchen Erfahrung von mir ...

Ich wünsche mir für dich, dass du mit deinen Eltern vielleicht irgendwann auch Deinen Frieden schließen kannst ...

vorher mußt du natürlich soweit sein und ich finde es schade, dass deine Mutter dir nicht die zeit dafür geben zu können scheint ... :-( - was aber (das solltest du bedenken) vielleicht auch genau Symptom ihrer Erkrankung ist ... :-(

Ich wünsch dir alles Gute und Hut ab!

Lg.
Dörte

Republikflüchtling hat gesagt…

Ganz schwieriges Thema. Weil so emotional und voller Fallstricke und Konventionen.
Ich finde, Du hast völlig recht, Dich so abzugrenzen. Wenn die Diagnose "Borderline" richtig ist, sind die Aussichten ohnehin sehr schlecht. Nein, ich bin kein Psychiater, aber ich hatte schon einige Borderline-Patientinnen. Uns selbst so eine "professionelle Beziehung" ist sehr schwierig.
Das "vollgeschissene-Windel-Argument" ist einfach nur lachhaft. Dich hat ja auch keiner gefragt, ob Du geboren werden möchtest - und bei welchen Eltern. Da Du ja beruflich auch mit juristischen Fragestellungen zu tun haben wirst (Aufklärungspflicht): Bist Du denn vor Deiner Geburt über Risiken und Nebenwirkungen des Lebens aufgeklärt worden? Und ist Dein Einverständniss dokumentiert?
Ich finde, dass Eltern mit zunehmendem Alter ihrer Kinder diese auch als Person ernst nehmen müssen - was Deine Eltern nicht tun. Und wenn einem der Kontakt zu jemandem nicht gut tut (und in meinen Augen reicht dafür deutlich weniger als "macht mich gesundheitlich fertig"), dann ist es völlig legitim den Kontakt nicht mehr haben zu wollen. Und wenn es die eigenen Eltern sind!
Die Postkartenidee fand ich aber nicht so schlecht. Das ist zwar nur Einwegkommunikation, aber Deine Mutter könnte trotzdem immer mal wieder an Deinem Leben teilhaben, wenn auch nur kurz und unverbindlich. Aber meiner Meinung nach will sie nicht an Deinem Leben teilhaben, sondern sucht nur einen Sündenbock für ihre Probleme.
Liebe Grüsse
Republikflüchtling

Olli hat gesagt…

Jules Mutter hat eine Borderline-Störung. Jedem, der etwas Ahnung oder gar Erfahrung hat und dann liest, was für Klöpper die Mutter immer wieder brinbt, der weiss, dass Jule die derzeit einzig richtige weil alternativlose Lösung wählt.
Und ja, ich plädiere auch für einstweilige Verfügung nach Gewaltschutz.

Fenjia hat gesagt…

Manche Eltern kann ich einfach nicht verstehen. Erinnert mich streckenweise immer sehr an meinen Vater, der ein ähnlich "unväterliches" und uneinsichtiges Verhalten an den Tag legt, wenn auch aus völlig anderen "Gründen". Den Mut, das Ganze so abzubrechen, wie du es versuchst, hatte ich bislang noch nicht - aber ich finde deine Reaktion genau richtig. Richtig für Dich. Und in deinem Leben solltest Du eben auch - wenigstens hin und wieder - die Hauptrolle spielen!
Liebe Grüße!